Nach der Grenze

m. mahlke autochrome

 

Im Gedenken an Alois Wintermeier ( gest. am 24.07.2020)

 

Am 25. August 2019 schrieb ich einen Artikel in dem ich mir selbst klar machte, dass ich neue Orte der Orientierung suche.

Darin war auch meine methodische Verwandschaft zu Stephen Shore beschrieben. 

Im Brennpunkt 2016 sind folgende Worte zu lesen:

„Das Wesen der Dinge – wie kann dieses fotografisch ausgelotet werden? Wie zeigt man das, was die Welt im Inneren zusammenhält und nicht nur dessen Abbild oder Schein? Immaterielles ist nicht unmittelbar dokumentierbar. Kulturelle Strömungen und Zusammenhänge manifestieren sich insbesondere in alltäglichen Situationen, banalen Gegenständen, unscheinbaren Landschaften oder gesichtslosen Orten.
In seinen fotografischen Serien registriert, konserviert und reflektiert Stephen Shore diese Spuren menschlichen Lebens, die normalerweise übersehen und nicht als bildwürdig betrachtet werden.
Als Chronist des Unspektakulären zeigt er die Strukturen und sensiblen Zusammenhänge unserer westlichen Kultur auf. So wird der Akt des Fotografierens zum Versuch, sich seiner Selbst und seiner Umwelt zu vergewissern und durch Beobachtung tiefere Erkenntnis zu erlangen.“

Ich sehe mich heute thematisch irgendwo zwischen Shore und Spottorno.

Später führte ich eher unbewußt die Kategorie 2020 ein.

Und nun bin ich fast genau ein Jahr später noch ein Stück weiter.

Ich schreibe also bin ich, löse ich gerade ab durch ich schreibe nicht mehr und bin dennoch.

Die Vergewisserung des Daseins durch die digitale Existenz hat sich komplett aufgelöst.

Das noch was da sein soll, wenn man nicht mehr da ist, hat sich umgedreht: es reicht da zu sein, solange man da ist.

Dabei spielt Fotografie eine große Rolle, wie oben aus dem Brennpunkt zitiert.

Aber sie dient nicht mehr dem Denken des Historikers sondern dem existenziellen Philosophieren.

Man hat nichts davon, wenn noch etwas da ist, wenn man selbst weg ist.

Das gilt besonders auch für das digitale Leben.

Was ich hier notiert und fotografiert habe im Projekt fotomonat, ist besonders.

Es hat mich in der Durchdringung und im Entdecken und Verarbeiten weiter gebracht und es hat mich freier gemacht.

Haben und Sein, Wünschen und Hoffen, Sehen und hier sein – das Leben überhaupt sehen können. Dies alles habe ich mir damit aneignen und erfassen können.

Mental konnte ich mich also weiterentwickeln. Das Bloggen hat seine Relevanz verloren, weil ich nicht mehr auf der Suche bin, sondern meine Antworten durch Arbeit an Artikeln in den Blogs gefunden habe.

Ich kann meinen Weg nun außerhalb der digitalen öffentlichen Notizen weitergehen und muß auch nicht mehr die bewußt gesuchte öffentliche Instanz im Kopf haben, um meinen Weg weitergehen zu können.

Meine Schicksalsschläge haben mir viele Türen verschlossen und meine Bereitschaft, mich auf Neues einzulassen, gab mir Chancen auf neue Wege mit neuen Notwendigkeiten.

Symbolisch endete ich bei der Lektüre von Friedrich Nietzsche und der Umwertung aller Werte. Was ich dabei an Freiheit erlebe, ist das Öffnen der Türen für mehr selbstbestimmtes Leben.

Meine Vorbilder hängen nun an der Wand.

Natürlich merkt man mir an, daß ich ein alter Geist bin. Bestimmt von Saturn verlief mein Leben, mit dem ich mich arrangieren muß, um mein Schicksal leben zu können.

Meine Welt war immer klein, arm und groß im Geist.

Wenn man erkennt, daß Geld führt aber der Weg dahin nicht über die erlernten Eigenschaften für andere führt und einem selbst aus sozialen Gründen verschlossen ist, kann man nur in der Philosophie Antworten finden, wenn man das Leben so zu sehen versucht wie es ist. Diese können durchaus verschieden sein.

Aber man muß das Leben erst einmal sehen lernen. Genau da hat mir die Fotografie und meine soziale Fotografie (und die Philosophie und Psychologie) unglaublich geholfen.

Wie es ist, sah ich, als ich auf alte Art mit Sucher fotografierte. Ich erkannte, wie subjektiv die Blicke auf das Leben sind, weil man selbst ja entscheidet, wo der Rahmen des Fotos anfängt und aufhört.

„Eine Fotografie hat Ränder, die Welt nicht.“

Dieser Satz von Stephen Shore faßt ziemlich gut zusammen, was ich hier gerade aufgeschrieben habe.

“Man sieht, was man am besten aus sich sehen kann,” von C. G. Jung ist die Ergänzung dazu.

Nun sind die Blogs als Dokumente der Welt und meiner Erkenntnisse da. Sie zeigen meine Welt und wie weit ich gekommen bin.

Ich habe diese Grenzen nun hinter mir gelassen und bin auf neuer Wanderschaft.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.