Reisefotografie und Dokumentarfotografie und Fotobücher als Meilensteine

Reisen und Fotografieren gehören irgendwie zusammen seit es den Fotoapparat gibt.

Pierre Bordieu hat dann viel später einmal festgestellt „Unstreitig ist die Intensivierung der photographischen Praxis eng verknüpft mit Freizeit und Tourismus.“

Zeigen was man sieht und zeigen wo man ist und wie man ist und isst. Das sind wohl die wichtigsten Themen, wenn ich auf Fotos von Reisen blicke.

Am Anfang diente Reisefotografie dazu den Menschen zu zeigen wie die Welt woanders ist. Zugleich waren es Entdeckungsreisen, weil die Welt noch nicht vernetzt war.

Eindrucksvoll zu sehen ist dies in dem Buch „Frühe Expeditionen. Die Kamera entdeckt die Welt.“ Wir sehen eine Welt, die heute weg ist und zugleich war es damals das Aufzeichnen des Zeitgeistes. Die meisten Menschen denken ja, daß die Welt heute besser als damals ist oder hoffen auf bessere Zeiten. Beides stimmt ja so nicht, weil die Herrschenden immer besser dran waren als die Beherrschten. Die Erfindung der Demokratie war dann eine gute Sache, die aber ebenfalls immer wieder erneuert werden mußte, wenn sie nicht so klar beim Volk liegt wie in der Schweiz.

Marc Walter und Alain Rustenholz schreiben in ihrem Buch „Legendäre Reisen in Deutschland“:

„Noch bis ins 19. Jhrdt. hinein war das Reisen ein Privileg weniger…. Zum bloßen Vergnügen …. reiste kaum jemand…. Goethe… lieferte auch hierfür das Exempel. Als Schlachtenbummler und Begleiter des Herzogs von Weimar gelangte eer gerade bis Valmy, aber nie bis Paris. Dann reiste er einmal nach Italien, aber das war mehr eine Flucht. Sonst? Zweimal bis in die Schweiz, regelmäßig in die böhmischen Bäder. Das Land der Griechen suchte er, wie viele andere seiner Zeitgenossen, nur mit der Seele.“

Wie es weiterging kann man sehr schön an Burton Holmes verfolgen. Er bereiste die Welt und zeigte seine Fotografien auf Bildvorträgen. Daraus entstanden Bücher, eine Zeitschrift und wunderbare Reiseberichte, die mich heute noch begeistern.

Das war die Zeit als Fotografieren und Entdecken sich langsam auseinander bewegten. Die Welt war mit Fotos mittlerweile schon ziemlich gezeigt worden.

Die sozialen Umstände des Reisens traten immer mehr in den Vordergrund seitdem Reisen immer mehr zum Tourismus wurde, also bezahlbare Reisen als Selbstzweck für viele: „Dass die Menschen bis heute glauben, Thomas Cook hätte die Pauschalreise erfunden, hat mit einer hervorragenden Legendenbildung zu tun. Cook war keineswegs der erste in diesem Metier, er war nur erfolgreicher als alle anderen. Allzu viel Innovatives kam von ihm nicht. Nehmen wir beispielsweise die Hotelcoupons – eine tolle Idee. Dank ihnen wussten Reisende schon Wochen vor Reiseantritt, wo sie schlafen würden und mussten sich keine Unterkunft vor Ort suchen.“

Und so entwickelten sich Zeitgeist, soziale Umstände und soziale Gebrauchsweisen der Fotografie weiter.

Auf wiwo lesen wir: „Der Soziologe Hans-Joachim Knebel schrieb in den Sechzigerjahren eine der ersten Dissertationen zum Thema Tourismus mit dem Titel „Soziologische Strukturwandlungen im modernen Tourismus“. Er sah das Reisen als eine Form des demonstrativen Konsums und diesen Konsum wiederum „als soziale Pflicht in der industriellen Gesellschaft“. Die Art und Weise des Reisens hatte aus Knebels Sicht einen entscheidenden Einfluss auf die Bestimmung des sozialen Status des Einzelnen.“

Dabei änderte sich dann auch die Rolle der Fotografie:

„Reisen wird zu einer Strategie, die darauf abzielt, möglichst viele Fotos zu machen. Allein schon das Hantieren mit der Kamera ist beruhigend und mildert das Gefühl der Desorientierung, das durch Reisen oft verschärft wird… Nicht wissend, wie sie sonst reagieren sollten, machen sie eine Aufnahme. So wird Erfahrung in eine feste Form gebracht… Diese Methode kommt insbesondere jenen Touristen entgegen, die zu Hause einer erbarmungslosen Arbeitsehtik unterworfen sind – den Deutschen, Japanern, Amerikanern. Die Handhabung einer Kamera dämpft die innere Unruhe, die ständig unter Streß arbeitende Menschen empfinden, wenn sie Urlaub machen und sich nur amüsieren wollen.“

Diese Analyse von Susan Sontag bezog sich auf die Zeit der analogen Fotografie und der Arbeitsgesellschaft, die digital noch intensiviert wurde. Der Fotograf, die Fotografin entdeckt die Welt, die nicht länger unbekannt ist. Aus Dokumentarfotos werden Beweisfotos, daß man auch schon da war.

Und es kam nicht nur auf die Fotos an, sondern auch darauf, mit welcher Kamera die Fotos augenommen wurden. Wer mehr Geld hatte, wollte mit mehr Geld oft auch die „besseren“ Fotos machen.

Aber das „beste“ Bild aus der teuersten Kamera war immer schon mehr eine soziale Unterscheidungsweise statt einer realen Tatsache.

Heute reisen Milliarden Menschen über den Globus und fotografieren an all den Plätzen, die man gesehen haben „muß“, immer das Gleiche.

Es ist schon alles fotografiert, aber nicht von jedem – wobei dies ja nicht stimmt.

Nur die populären Plätze sind unendlich fotografiert.

Daneben entstanden kaum Fotos, da wo bis heute die vielen blinden Flecke der jeweils neuen sozialen Umstände sind.

So änderte sich auch die Imagebildung und die Art des Reisejournalismus.

Waren es erst sehr schöne Reisecommunities wie z.B. die von Geo (die letztes Jahr geschlossen wurde), so sind es heute sowohl Instagram und Facebook als „Communities“ als auch Suchmaschinen, die zu Webseiten mit individuelleren Infos führen.

Denn heute gibt es mehr Smartphones als Digitalkameras und heute wird anders fotografiert. Veränderter Zeitgeist, veränderte soziale Gebrauchsweisen der Fotografie und neue Fotos sind zu sehen, oft zu schön um wahr zu sein.

Ein besonders gutes Buch zu diesem Thema ist fotografisch „Outside Project – Deutschlands neue Naturfotografen. Freiheit – Sehnsucht – Abenteuer“

Michael Förtsch schreibt im Vorwort: „„Fotografieren heißt auch, die Motive, die sich vor der Kameralinse ausbreiten, zu erleben, zu erfahren und all das dem Betrachter im Bild weiterzugeben…. Die Fotografen teilen sie auf dem Papier, aber auch auf Instagram, Flickr, Facebook und machen diese Internetkonstrukte so zu Inspirations- und Vernetzungsplattformen… Denn obschon die Fotografen und Fotografinnen reale Orte abbilden, wandeln sie auf dem Grad zur Märchenwelt. Sie schaffen es, mit handwerklichem Können, fotografischer Software und viel Gefühl, so manche Szene mit einem Schleier der Fantasie zu umhüllen und dadurch im Betrachter die Sehnsucht zu verstärken, diese Orte selbst zu erfahren und dort zu verweilen.“

Das ist die eine Seite der neuen Reisefotografie. Die andere Seite nennt sich „Overtourism“ – zu viel Tourismus.

Während immer mehr gar nicht rausgehen sondern zunehmend in rein digitalen Phantasiewelten in Spielen leben, gehen immer mehr bei immer mehr Menschen, mit ihrem Smartphone an die gleichen Orte, um auch „ihr“ Foto dort zu machen.

„Ballermann am Mount Everest“ titelte der deutschlandfunk, um mal eines der extremsten Beispiele zu nehmen.

Da auch immer mehr touristische Angebote vom einzelnen Hotel bis zum kleinen Ort ins Internet dringen, ist die Selektion immer wichtiger. Diese findet über google und deren Derivate wie bing und duckduckgo statt oder aber über Impulse auf instagram.

Meiner Erfahrung nach suchen mehr über google als über instagram und facebook und vor allem sind nicht alle überall. Dabei spielen Blogs als sog. Landing Pages in meinen Augen eine entscheidende Rolle als Bahnhöfe und Flughäfen für Reisetransfer.

Hinzu kommt eine soziale Dimension.

Während in anderen Ländern der Wohlstand für alle zunimmt, nimmt er für immer mehr in Deutschland immer mehr ab. Während die Regierung von Freizügigkeit innerhalb der EU spricht als Errungenschaft, können sich immer weniger Deutsche selbst eine Fahrt nach Holland leisten. Dafür kommen immer mehr hier hin, um sich hier was zu leisten.

Neues Sehen

Während Dokumentarfotografie am Anfang fast deckungsgleich mit Reisefotografie war, haben beide Seiten im urspünglichen Sinn fast nichts mehr miteinander zu tun.

Betrachtet man dies alles allerdings unter dem Gesichtspunkt der sozialen Dokumentation der Reisenden und sich selbst, dann ist es heute mindestens so interessant wie damals. Dabei geht es dann aber um soziale Landschaften und soziale Zustände.

Der Meister dieser Art der Fotografie ist für mich Martin Parr. So gesehen kann man auch heute noch unendlich viele Fotos machen, weil diese sozialen Landschaften sich noch ununterbrochen verändern.

Und das Selfie auf Reisen dient immer noch als Beweis für die eigene soziale Gruppe.

„Bilder sind im digitalen Zeitalter Mittel der Kommunikation. Der Social-Media-Theoretiker Nathan Jurgenson hat in seinem Buch „The Social Photo: On Photography and Social Media“ darauf hingewiesen, dass Bilder in den sozialen Medien gar nicht mit dem Medium Fotografie in Konkurrenz treten. Das sei das große Missverständnis. Bei Fotografie geht es darum, ob ein Bild gut ist. Bei Social Photography geht es um das Teilen von Erfahrungen.“

Diese klugen Worte von Anika Meier sind ein guter Abschluss meines Artikels an dieser Stelle weil sie zeigen, daß Reiseberichte durch Erfahrungsberichte mit Emotionsfotos abgelöst wurden aber den dokumentarischen Bericht über eine Destination in einem gut gemachten Blog nicht ersetzen, der erst auf die Chance aufmerksam macht, dort seine eigenen Selfies zu machen.

 

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