Die frühen Photographien von Henri Cartier-Bresson und die Geometrie als Schlüssel zum Durchdringen der Oberfläche normalen Erlebens

„Aragons Buch und Bretons Nadja waren auf Anhieb Handbücher des surrealistischen Verhaltens geworden. Ganz auf sich gestellt wandert der Surrealist durch die Straßen, ziellos, jedoch stets offen für das überraschende Detail, das eine wundersame und überzeugende Realität dicht unter der banalen Oberfläche normalen Erlebens freilegen wird…. Breton selbst räumte ein, dass seine Idee ein unerreichbares Ideal sei.“ So schildert es Peter Gallassi im Vorwort zu den frühen Photographien.

Henri Cartier-Bresson selbst sagte dazu 1986 in einem Interview: „Ich wurde geprägt, nicht durch die surrealistische Malerei, wohl aber durch die Ideen Bretons, die mich zutiefst befriedigten: die Rolle des spontanen Ausdrucks (jailissement) und der Intuition, vor allem aber die Haltung der Revolte.“ Er bezog dies auf Kunst und Leben.

David Hofstadter umschreibt die Rolle und die Haltung von Cartier-Bresson so: „So it was that Cartier-Bresson helped to create one of the most provocative social roles of the twentieth century… that of the professional picture taking witness. This role, like that of the professional mourner, involves a privilege: the photojournalist is an interloper and does not share the destiny of those whose plight he records.“

Übersetzt ungefähr so: Der Profi hat die Rolle eines professionell Trauernden. Der Fotojournalist ist ein Eindringling und teilt nicht das Schicksal von denen, die er fotografiert.

Susan Sontag spricht vom „Supertourist“ laut Hofstadter.

Und dennoch hat genau dieser die Revolte und die Provokation im Handeln.

So lande ich letztlich auch bei Provoke.

Und natürlich bei Albert Camus, Sisyphos und dem Menschen in der Revolte.

Wer die frühen Fotografien von Cartier-Bresson sieht und alle seine Interviews gelesen hat, der wird feststellen, daß er bis zum Schluss betont hat, seine Fotos ganz spontan zu machen ohne zu werten und ohne einen Zweck im Kopf – aber eben geometrisch gestaltet.

(Wobei der Fotojournalist, der bestellte Fotos macht, die Orte des Geschehens schon aufsuchen muß, aber vielleicht dort dann die Entwicklungen wahr-nimmt statt Motive zu suchen, die er schon im Kopf hat. Das ist ein Unterschied – DER Unterschied?)

Dem da sein der Dinge und Ereignisse ohne Wertung gibt HCB durch die Geometrie sein Verständnis und seine „Ordnung“.

Nur er gibt dem Geschehen durch die Geometrie eine visuelle Ordnung und einen Sinn, der außerhalb von ihm und seinem gestalteten Foto so nicht vorhanden wäre – und nicht sichtbar. Er macht sichtbar und ordnet geometrisch an.

Das ist auch der Schlüssel für die spontane und subversive Art, Soziales zu zeigen und Asoziales zu meinen.

Es ist allerdings nur lebbar, wenn man es sieht und erkennt.

Es ist das fotografische Entdecken der Welt im Bewußtsein der Absurdität der eigenen Existenz.

 

 

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