Der Pinsel des Malers oder die Festbrennweite in der Fotografie

Früher hieß der Fotograf Lichtbildner. Darin war die Gestaltung mit Licht enthalten. Die Malerei mit dem Licht, das Malen mit Licht, ist das Wesentliche in der Fotografie gewesen. Dadurch entstehen schöne Fotos. Dabei spielt die jeweilige Optik eine entscheidende Rolle. Die Pinselwahl des Malers entspricht der Optikwahl des Fotografen.

Die Wahl des jeweiligen Bildausschnittes, das Motiv und die jeweilige Schärfentiefe und Tiefenschärfe im Foto ist dann Ausdruck der individuellen Person. Natürlich kann man heute einiges auch digital machen. Aber vieles eben auch nicht. Dazu gehört vor allem das Festhalten des Moments mit einer Festbrennweite, die durch die Lichtführung und die Schärfeführung die Dinge so darstellt wie der Fotograf es bei der Aufnahme auch wollte.

Wie man mit Festbrennweiten „malen“ kann, möchte ich an verschiedenen Bildern zeigen.

Zigarettenrauch – Foto: Michael Mahlke

 

Dieses Bild hat als Thema Rauchen und Stimmung. Wie man sieht ist es in einer Gaststätte aufgenommen. Scharf und richtig freigestellt ist allein der Zigarettenrauch. Alles andere davor, daneben und dahinter ist nicht wirklich scharf aber dennoch so „gemalt“, dass dadurch für das Auge gut sichtbar die Situation mit Licht gemalt worden ist. Aufgenommen mit einer Lumix G2 und 20mm/1,7.

Malen mit Licht und ohne Blitz – Portrait – Foto: Michael Mahlke

 

Dieses Bild ist ein Porträt mit Blumen. Im Hintergrund sehen wir Blumen, die mit ihrer Farbenpracht gemäldeartig eine schöne und natürliche Stimmung erzeugen und im Vordergrund wird die junge Dame mit ihrer ungeschminkten Schönheit und der Natürlichkeit ihres Lachens und ihres Blickes  hervorgehoben. Das könnte ein Maler nicht besser, nur anders. Solche Bilder entstehen aber im Kopf. Man braucht dazu dann Licht, Lichtstärke und das, worum es geht. Aufgenommen mit einer Nikon D5000 und einem 50mm/1,4.

Man muß bei diesem Thema viel ausprobieren, so wie ein Maler viel ausprobiert. Es reicht nicht das Motiv.

Die 5 wichtigsten Steuerelemente sind:

  • Abstand zum Motiv
  • Sensorgrösse
  • Brennweite
  • Lichtstärke
  • Bokeh

Was man bei Festbrennweiten besser nicht tun sollte:

  • Nicht mit Blitz fotografieren
  • Nicht ohne Streulichtblende fotografieren
  • Nicht ungefähr scharfstellen sondern genau

 

Auch wenn wir heute meistens mit einem Zoomobjektiv arbeiten ist die Festbrennweite nicht überflüssig geworden. Vielleicht wird sie zukünftig sogar wieder wichtiger. Neben der „Malerei“ gibt es auch ganz handfeste andere Gründe. Wenn ich zum Beispiel in einer Gruppe eine Person fotografieren will und dies soll in ein Onlinealbum, dann muss ich ja die Persönlichkeitsrechte aller Personen auf dem Foto berücksichtigen. So kann die Tiefenschärfe die Lösung für juristische Fragen werden…

 

mit der Pentax K-r und dem SMC 1:1.2 50mm – Foto: Michael Mahlke

Wie man auf diesem Foto sieht, ist Lichtmalerei tatsächlich möglich. Hier wurde ein älteres manuelles Objektiv, ca. 30 Jahre alt, an eine neuere Kamera gesetzt. Das ermöglicht eigentlich nur das Pentax Bajonett ohne Adapter. Das manuelle Objektiv wurde mit Blende 1.2 und einem Abstand von ca. 50cm eingesetzt. Es zeigt einen kleinen Schärfebereich, wie er für eine so hohe Lichtstärke bei diesem Abstand üblich ist und dann verschmilzt der Rest zu einer wunderbaren Lichtmalerei. So ein schönes Bokeh ist eigentlich nur mit alten Objektiven möglich. In diesem Fall aufgenommen mit einer Pentax K-R und dem SMC 1:1,2 50mm.

Steffen Böttcher hat in seinem nett gemachten Buch „Abenteuer Fotografie“ dies aufgegriffen. Hier ein Zitat aus der Leseprobe bei digitalkamera.de:

Wie man lesen kann, sind gerade ältere Objektive im Bokeh oft besser. Ich wollte darauf an dieser Stelle noch einmal hinweisen, weil gerade viele neue Objektive und Festbrennweiten auf den Markt kommen, zu teilweise für mich nicht mehr nachvollziehbaren Preisen.

Parallel dazu gibt es Kameras, auch DSLRs, die gerade nahezu verschleudert werden für unter 400 Euro im Kit, obwohl sie erstklassige Fotografie erlauben und dazu noch die Möglichkeit bieten, günstig ältere manuelle Objektive zu nutzen.

Es ist an der Zeit den Wert und die teilweise heute nicht mehr erreichbare identische Qualität von älteren Objektiven zu erkennen und die Chance, damit seinen persönlichen fotografischen „Pinsel“ zu finden, um mit Licht zu malen. Denn Festbrennweiten sind die Pinsel der Fotografin und des Fotografen.

Viel Erfolg!

Dieser Artikel wurde überarbeitet und neu publiziert in der Version 1.1.

 

 

  3 comments for “Der Pinsel des Malers oder die Festbrennweite in der Fotografie

  1. 16/07/2012 at 8:02 am

    Sorry, das Beispielbild hat wenig Grundlagen für Bokeh.
    Bokeh bedeutet die Auflösung von Licht/Spitzlichtern in der Unschärfe … keine Bereiche mit Licht/Spitzlichter=kein Bokeh. Das, hauptsächlich in Internetforen, diese ursprüngliche Bedeutung verwässert wird, ist bedauerlich.
    Der deutsche Wikipedia Eintrag ist da echt hilfreich, im negativen Sinne, in der englischsprachigen Ausführung ist die Erklärung weniger irreführend.
    Auf deinem Beispielbild würde eine Spiegeloptik, so sie lichtstark genug wäre für einen knappen Schärfebereich, auch nicht viel anders aussehen. Dabei haben Spiegeloptiken aber generell ein Donut Bokeh und werden deswegen auch gerne zum Vergleich in diesem Thema herangezogen.

    Da bei Offener Blende die Blendenform und Anzahl der Lamellen keinen Einfluß haben können, spielen Parameter wie Farbkorrektur, Mikrokontrast und Auflösung eine Rolle. Im abgeblendeten Zustand kommen Anzahl und Form der Blendenlamelle mit ins Spiel.

    Der Wert alter Objektive wurde in der Zwischenzeit (soll ich leider sagen?) sehr wohl erkannt, die Gebrauchtpreise sind in den letzten 5 Jahren explodiert, durch die spiegellosen Systemkameras mit ihren kurzen Auflagemaßen ist es inzwischen auch leicht/einfach geworden so ziemlich alles was sich Objektiv nennt, zu benutzen (inkl. Objektiven für Vergrößerer und Diaprojektoren).

    lg.

  2. 16/07/2012 at 12:43 pm

    Ich nenne es einfach „Qualität der Unschärfe“, klingt natürlich nicht so trendy wie Bokeh und erfüllt auch nicht den Anspruch einen simplen Sachverhalt durch ein unbekanntes (für Nichtfotografen) Fremdwort zu mystifizieren, deckt dafür aber alles ab (auch Kontrastverhalten und Farbdarstellung in der Unschärfe).

    Wie „billig“ ein gutes Bokeh wird .. hängt davon ab was „billig“ ist.
    Eine KB Format Kamera wie eine Canon EOS 5D1 ist gebraucht für um 600€ zu bekommen, manuell zu bedienende Objektive mit beeindruckenden Qualitäten in der Darstellung der Unschärfe (Mayer Görlitz Orestore z.B.) und gleichzeitig beträchtlichem Freistellungspotential sind, im Vergleich zu modernen Objektiven, immer noch erschwinglich.
    Verabschieden muß man sich natürlich von einer „draufhalten&losknipsen, Automatik und AF werdens schon richten“ Mentalität. Und einige der Objektive haben auch Eigenarten wie Diven, hinsichtlich Streulichtempfindlichkeit, Umgang mit Gegenlicht, „Glühen“, also Überstrahlungen bei starken Kontrasten zwischen hell und dunkel. Manchmal ist das Charakter, den man bewusst zum malen mit Licht benutzen kann … manchmal passts eben nicht und man muß ein anderes Objektiv wählen.

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