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Journalisten im Visier von Transparency – Presserabatte und der „amtliche“ Presseausweis

Rabatte - Foto: Michael Mahlke

Ich hätte nie geglaubt, dass der Presseausweis als Ausweis für Presserabatte indirekt zum Thema bei Transparency International wird.

Direkt geht es um die Privilegien für Journalisten. Das erinnert mich an meinen Artikel zum Thema Reisejournalismus.

Der „amtliche“ Presseausweis

Den amtlichen Presseausweis gab es zwar noch nie. Aber in den Köpfen vieler Menschen gibt es ihn bis heute noch. Wie schön, dass es da die  wikipedia gibt. Ein Blick und schon findet man aktuell dort den Satz: „Da zwischen den Anwärtern und den vier Altverbänden keine Einigung zustande kam, beschloss die Innenministerkonferenz (IMK) am 7. Dezember 2007, dass Presseausweise ab 2009 nicht mehr die Autorisierung der Innenminister auf der Rückseite tragen dürfen. Bis dahin war dort die IMK-Aufforderung vermerkt, den Ausweis-Inhaber bei seiner Arbeit zu unterstützen. Seit 2009 lautet die Formulierung: „Institutionen und Unternehmen werden gebeten, den Vertretern der Presse die der Erfüllung ihrer öffentlichen Aufgabe dienenden Auskünfte zu erteilen.“

Was hier so lapidar steht heisst, es gibt seit 2009 keinen „amtlichen“ Presseausweis mehr. Das Grundgesetz schützt nun einmal die Pressefreiheit. Bis dahin war der Presseausweis ein Privilegiennachweis für Menschen, die hauptberuflich dafür bezahlt wurden, journalistisch tätig zu sein.

Und nun zitiere ich noch einmal aus dem Wikipedia-Artikel: „Am 5. Mai 2006 beschlossen die deutschen Innenminister darauf hin, auch künftig „das Erfordernis der Hauptberuflichkeit“ als „Leitbild“ beizubehalten. Aus behördlicher Sicht sei es jedoch „sachgerecht“, auch solchen Journalisten den Ausweis zuzugestehen, „die nicht hauptamtlich, aber quantitativ und qualitativ vergleichbar regelmäßig und dauerhaft journalistisch tätig sind“.“

Wer ist Journalist?

Auf gut deutsch, jeder, der regelmäßig und dauerhaft journalistisch tätig ist, hat das Recht auf einen Presseausweis, auch ohne dafür bezahlt zu werden. So, und hier scheint es, fängt der Kampf um die Privilegien an. Soweit ich das verstehe und auch auf Nachfrage gehört habe, weigern sich die bisherigen Herausgeber dieser Presseausweise, Menschen einen Presseausweis auszustellen, die nicht hauptberuflich damit ihr Einkommen bestreiten. Offenkundig haben sich einige dieser Verbände unter www.presseausweis.org zusammengetan. Dort steht zu lesen: „…und zwar nur an hauptberuflich tätige Journalistinnen und Journalisten. Genau deshalb ist er anerkannt, anerkannt bei Behörden, in den Reihen der Polizei und bei vielen Unternehmen.“

Und tatsächlich, wer also vielfach und überwiegend journalistisch tätig ist,

  • indem er als Rentner/Arbeitsloser/Einkommensloser kontinuierlich einen Blog betreibt, auf dem Informationen aufbereitet werden,
  • an einer regelmässigen regionalen Zeitung mitarbeitet,
  • Bürgerfunksendungen produziert,
  • eigene Webmagazine und Publikationen aufbaut,
  • Bürger- oder Studentenzeitungen mit herausbringt,
  • als freier Journalist Artikel oder Internetbeiträge verkauft, aber davon nicht leben kann

und dies überwiegend und dauerhaft journalistisch tut, erhält nach der Logik der oben genannten Verbände keinen Presseausweis?

Ist das also keine professionelle Arbeit, weil sie nicht hauptberuflich ist?

Und dies in einer Gesellschaft, die den Verlust des Normalarbeitsverhältnisses systematisch ausbaut?

Das entspricht in keinster Form dem Grundgesetz und auch nicht den darauf aufbauenden Beschlüssen vom 5. Mai 2006 – oder doch?

Denn man braucht diese Verbände gar nicht. Der Presseausweis ist nicht geschützt. Daraus folgt, dass jeder sich selbst einen Presseausweis ausstellen oder besser von seinem Medium oder Verein ausstellen lassen kann.

Diese sind ebenso „gültig“ wie alle anderen, wenn sie die oben aufgeführten Kriterien erfüllen.

Hinzu kommt heute noch, dass eine Webseite automatisch mehr Öffentlichkeit haben kann als eine gedruckte Zeitung, weil sie überall sofort und frei verfügbar sein kann.

Zum Teil beklagen dieselben Verbände, dass immer mehr Journalisten gar nicht mehr hauptberuflich davon leben können, sondern sich mit anderen Jobs finanzieren müssen. Und die Künstlersozialkasse spielt auch eine sehr fragwürdige Rolle, wie hier schon geschildert wurde.

Man könnte auch zu der Auffassung kommen, dass der Umgang mit Presseausweisen der unter presseausweis.org zu findenden Verbände eine Diskriminierung gegenüber allen Menschen ist, die journalistisch arbeiten, aber davon nicht leben können oder wollen, zumal der Presseausweis ja Zutrittsrechte und Informationsrechte ermöglichen soll, die man ohne den Ausweis nicht haben soll – oder eben Presserabatte, wie jetzt in den Fokus gerückt ist.

Was kann man daraus lernen?

Zuallererst, dass der  Presseausweis dieser Verbände von presseausweis.org in erster Linie dem Nachweis der Festanstellung und der Hauptberuflichkeit dient und damit keine Aussage über journalistische Qualität und Reichweite getroffen wird.

Und darüber hinaus, dass jeder, der journalistisch dauerhaft – also immer wieder – arbeitet, das Recht auf einen Presseausweis haben sollte – unabhängig davon wieviel er/sie damit gerade aktuell verdient.

Genau an dieser Stelle setzen andere Anbieter an.

Da gibt es www.presseausweis.de, www.presseausweis.com oder auch  www.dpv.org und www.djf-ev.de sowie etliche andere Anbieter. Sie bieten Presseausweise auch für Menschen an, die nicht vom Journalismus leben können oder wollen.

So produziert die Ausgrenzung zugleich einen neuen Markt mit neuen Angeboten für die neuen Formen des Journalismus und der Lebenswirklichkeiten.

Aber das ist noch nicht alles.

Presserabatte und Glaubwürdigkeit

Es hat schon was, wenn Transparency International sich zum Thema Journalistenrabatte äußert und die Reaktionen Bände sprechen…

Kluge und seriöse hauptberufliche  Journalistinnen und Journalisten könnten ja auch mal eine Serie über Privilegien machen, z.B. für Beamte, für Politiker etc. und dies dann als seriös recherchierte Arbeit publizieren statt über die Abschaffung eigener Privilegien zu klagen. Jetzt wäre der Zeitpunkt dafür.

Privilegien will man selten teilen und gerne haben. Und es scheint so zu sein, dass es beim Presseausweis weniger um den Zugang zu Ereignissen geht sondern eher um den Zugang zu Privilegien in Form von Rabatten – für hauptberufliche Journalisten.

Neue Zielgruppen?

Sind Presserabatte Leistungen ohne Gegenleistung?

Haben sich Rabattanbieter davon etwas versprochen wie eine Schere im Kopf, eine gute Presse, gesteigerte Aufmerksamkeit, gute Berichte – wer weiß?

Wenn sich Rabattanbieter jetzt nicht mehr so viel davon versprechen, dann könnte es einen Bedeutungsverlust der Presse geben und die Deutungshoheit liegt woanders oder wird eher digital an anderen Stellen errungen.

So könnten die von den Organisationen der traditionellen festangestellten Journalisten ausgeschlossenen (privaten/nebenberuflichen) Blogger zum Beispiel Teil der neuen Deutungsmacht sein, die man identifiziert hat und die man ansprechen will.

Mal sehen…

Nachtrag: Bei mediummagazin.de ist mittlerweile ein Artikel erschienen mit Stellungnahmen der meisten relevanten Organisationen, der eine fast ideale Ergänzung zu diesem Artikel ist.

Version 1.1

Arbeitswelten von Werner Bachmeier und Udo Achten

Edward Burtynsky, der bekannte Fotograf, wurde auf einer Podiumsveranstaltung in Berlin 2010 zu einem seiner Bücher gefragt, wie er denn an die Erlaubnis kam, die Fotos der chinesischen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken zu machen. Burtynsky antwortete, dass dies die chinesischen Behörden erlaubt hätten, weil es sich um chinesische Fabriken handelte.

Dokumentarfotografie – aktuell und interessant

Die Dokumentarfotografie dokumentiert. Googelt man sich durch die Suchergebnisse, dann gibt es sehr verschiedene Infos. Die Wikipedia spricht von einer „Trendwende“ in den letzten Jahren. „Mehrere Museen und Wissenschaftsinstitutionen besinnen sich der dokumentarischen Kraft der Fotografie.“ Der Fotograf Tom Ang schreibt dazu: „“Trotz ihrer herausragenden Bedeutung in der Geschichte der Fotografie ist die Dokumentarfotografie nur schwer zu definieren… Was gute Dokumentarfotos gemeinsam haben, ist die realitätsgetreue Darstellung echter Situationen und echter Menschen.“

Und die Fachhochschule Hannover verkündete voller Stolz vor kurzem: „Nach Beschluss der Akkreditierungsgesellschaft »ACQUIN« ist die Studienrichtung nun ein eigener Studiengang und trägt die Bezeichnung »Fotojournalismus und Dokumentarfotografie«. Damit ist die Fachhochschule Hannover die einzige deutsche Hochschule, die die international übliche Bezeichnung »Photojournalism and Documentary Photography« als Begriff für das Kernprofil in der fotografischen Ausbildung trägt.“

Dies alles zeigt, dass dieser Begriff eine besondere Bedeutung hat. Wenn wir uns noch mal mit der Wikipedia beschäftigen, dann finden wir dort als einleitende Erklärung in dem Artikel folgendes: „Die Dokumentarfotografie ist eine Art des Fotografierens, deren Motivation es ist, ein fotografisches Dokument herzustellen, das für das Festhalten der Realität, als Zeit-Dokument, als Appell oder auch Warnung genutzt werden soll. Diese fotografischen Dokumente stellen dabei jedoch keine objektive, sondern eine subjektive oder ideologische Betrachtung zumeist mit sozialkritischem Hintergrund dar. Der Begriff „Dokument“ stammt von dem lateinischen Ausdruck documentum = beweisende Urkunde.“

Doch es geht noch weiter. Rudolf Stumberger unterscheidet einerseits dokumentarische Fotografie und andererseits sozialdokumentarische Fotografie. Wer den Unterschied zwischen Sozialdokumentarischer und Dokumentarischer Fotografie von Stumberger verstehen will, dem empfehle ich meinen Artikel über die Klassenbilder. (Nachtrag: hier gibt es noch einen neuen Artikel zu der Frage Was ist eigentlich Dokumentarfotografie?)

Wobei aber das Problem bleibt, dass einige sozialdokumentarisch meinen und dokumentarisch sagen. Das führt dazu, die Frage zu stellen, ob man durch die Unterscheidung nicht den nicht-sozialdokumentarischen Fotografen den größeren Begriff der Dokumentarfotografie überläßt. Die Diskussion ist in meinen Augen also noch nicht zu Ende.

Doch ich möchte etwas konkreter werden und benutze jetzt einfach die zweckorientierte Definition von Brenda Tharp (eigene Übersetzung, M.M.): „Naturfotografen wollen die Schönheit der Landschaft, das Drama des Lichtes und das Geschehen in der Natur zeigen. Reisefotografen wollen die Gesichter einer Kultur, einen Blick auf das tägliche Leben und die Sinnlichkeit eines Ortes zeigen. Fotojournalisten wollen den Moment oder die emotionale Situation vor ihnen zeigen“ (im Original „…want to share the moment“). Und aus diesem geteilten Moment kann Dokumentarfotografie werden, wenn es nicht reine Nachrichten/Ereignisfotografie bleibt.

So komme ich zurück zur Dokumentarfotografie. Sie dokumentiert. Darin sind sich alle einig. Und weil sie dokumentiert, möchte ich dies hier am Beispiel von drei Büchern aus den letzten 20 Jahren besprechen, die sehr unterschiedlich sind und doch ein paar Gemeinsamkeiten haben. Sie zeigen auch Entwicklungen auf. In allen drei Büchern geht es um das aktuelle Hauptthema der Menschheit. Es ist das Thema Arbeit und Arbeitswelt. Das erste Buch ist das Buch „Workers“ von Sebastiao Salgado, das zweite Buch ist das Buch von National Geographic „So arbeitet die Welt“ und das dritte Buch ist das Buch von Werner Bachmeier und Udo Achten „Arbeitswelten. Einblicke in einen nichtöffentlichen Raum“.

Das Buch von Sebastiao Salgado dokumentiert seine Besuche bei Arbeitern an verschiedenen Stellen auf dem Globus. Da man ja über Fotobücher nur schreiben darf, aber die Fotos nicht zeigen darf, empfehle ich an dieser Stelle zunächst mit den Wörtern „Sebastiao Salgado workers“ zu googlen und sich bei den Suchergebnissen die Fotos anzuschauen. Welche Rolle dieses Buch übrigens ausserhalb von Deutschland spielt möchte ich am Beispiel Texas aufzeigen. Dort gibt es das AMOA, das Austin Museum of Art. Man hat dort eine ganze Lernfolge zusammengestellt, um Schülern das Buch und die fotografischen Möglichkeiten daraus für Text und Bild nahezubringen.

Darin wird übrigens ebenfalls „dokumentarisch“ definiert als „Documentary – a visual or historical record“. Alle Fotos von Salgado in diesem Buch sind Schwarzweissaufnahmen. Viele sind beeindruckend, weil er beeindruckende Szenen aufgenommen hat. Er war dort, wo andere nicht waren. Aber zugleich sind in diesem Buch ja auch Fotos von der Stahlindustrie in Frankreich und dem Bau des Eurotunnels. Fast immer sieht man Menschen, die dort arbeiten, aber man sieht meistens nicht das einzelne Gesicht. Die Schärfe der Details liegt eher auf den Werkzeugen und den Produkten. Es sind Fotos, die mit Schärfe und Unschärfe arbeiten und durch die schwarzweisse Atmosphäre natürlich Strukturen und Schattenspiele zeigen.

Ganz anders stellt sich das Buch von NationalGeographic dar. „So arbeitet die Welt, Eine Fotoreise“ Der Titel des Buches vom Verlag NationalGeographic erinnerte mich an das Buch „Workers“ von Salgado.

Herr Ferdinand Protzman schreibt darin ein Vorwort und scheint auch Herausgeber zu sein. Das Vorwort ist sehr klug. Er schreibt zum Beispiel: „Die Fotos sind schön. Ihre Formen und Farben, ihre Ansichten und Gesichter sind betörend. Aber Schönheit, Tragödie und Schrecken schließen einander nicht aus. Die Fotografen, die so hart an diesen Bildern gearbeitet haben, wissen, dass das, was diese zeigen, sowohl großartig als auch elektrisierend schrecklich sein kann.“ Stimmt.

Alle Kontinente und drei sogenannte Portfolios (also Sammelmappen) sortieren das Buch. Es sind Fotos aus mehr als einhundert Jahren dabei. Um es noch einmal zu sagen, das Buch ist schön, die Texte auch, aber mir fehlt da was. Erstens erschliesst sich mir nicht der rote Faden. Wenn es ein Buch der Gegenwart ist, warum sind dann so viele Fotos aus der Vergangenheit darin. Ja, man findet Fotos von Mccurry und Salgado, aber auch Fotos aus den 30er Jahren und sogar Autochrome.

„Work. The world in Photographs“ war der englische Titel. Irgendwie scheint es sich auch um eine Geschichte der Arbeit zu handeln und nicht nur um die Gegenwart. Also insgesamt läßt die Schlüssigkeit des Buchansatzes aus meiner Sicht zu wünschen übrig. Aber es ist ein schönes Buch.

Und deshalb kann ich eins überhaupt nicht verstehen. Das Buch hat ein Format von 20×22 cm, es ist also fast quadratisch und ziemlich klein. Die Texte sind dadurch sehr klein gedruckt und schlecht zu lesen. Und wenn man schon ein Buch über Fotos macht, dann müssen die Fotos auch von Inhalt und Form übereinstimmen. Viele Fotos sind einfach viel zu klein abgedruckt. Mit der Lupe kann ich sie mir zwar vergrössern, aber das ist eigentlich nicht Sinn der Sache. Es ist in meinen Augen einfach so. Das Buch ist schön gemacht aber viel zu klein im Format. Und wenn dann mal Fotos größer gedruckt sind, dann sind sie genau in der Mitte geteilt. Das Buch hätte rechteckig und doppelt so groß sein müssen, um Inhalt und Form in Einklang zu bringen.

Wieder anders und auch fotografisch anders aufgebaut ist das Buch von Werner Bachmeier und Udo Achten. Die Fotos hat der Fotograf Werner Bachmeier gemacht. Er weist in seiner Einführung mit dem Titel „Kurz aber intensiv“ darauf hin, dass journalistische Fotos “ in einem extrem kurzen Moment“ entstehen und „authentische Portraits von Menschen am Arbeitsplatz … den direkten Zugang zur Person“ erfordern.

Die Aufnahmen zeigen die ungeschminkte Realität. Dazu gehört der OP-Tisch ebenso wie das Pflegebett im Seniorenheim oder der Autolackierer mit Schutzmaske. Und an diesen Stellen wie bei der Schutzmaske finden sich dann auch Texte von Udo Achten wie der zum Thema „Gesundheit“, in dem er auf die krankheitsbedingten Fehlzeiten, Burnout-Syndrome und die Wichtigkeit der Verankerung eines Gesundheitsschutzes im Betrieb hinweist.

Dadurch wird dieses Buch tatsächlich ein Buch mit einer Botschaft. Fotografisch gefallen mir die vielen Nahaufnahmen mit dem Weitwinkel von Werner Bachmeier. Im Prinzip versucht der Fotograf die jeweilige Tätigkeit mit den optischen Mitteln der Weitwinkelaufnahme durch die Vergrößerung im Vordergrund in den Mittelpunkt zu rücken und zugleich den Menschen im Hintergrund sichtbar und deutlich zu machen. Wenn man dieses Buch fotografisch betrachtet mit der Frage „Was wird dort getan und wer tut es wie?“ dann ist dies fotografisch in den meisten Fällen sofort durch diese Herangehensweise sichtbar und erkennbar.

Dieses fotografische Mittel ist auch deshalb so wichtig, weil natürlich viele Arbeitsplätze einfach langweilig aussehen, es sind eben Arbeitsplätze und keine Menschenplätze. Durch den gekonnten Einsatz des Weitwinkels erhalten aber selbst diese Bilder in diesem Rahmen eine klare Aussage. Denn jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht und das ist das kleine Geheimnis dabei. Einige der Fotos aus dem Buch findet man auf der Homepage des Fotografen.

Es ist ein fotografisches Lesebuch mit Fotos und Texten. Der Publizist Udo Achten weist in seiner Einleitung darauf hin, dass dieses Buch helfen soll, „Fotos zu lesen“. Dazu dienen an einigen Stellen auch erläuternde Texte, die soziale und politische Zusamenhänge aufzeigen. Es ist ein gelungener Querschnitt der aktuellen Arbeitswelt mit ihren „guten“ Bedingungen.

Es handelt sich in den meisten Fällen offenbar um Betriebe, die einen Betriebsrat haben und/oder Tarifverträge. Wer tief genug in der Arbeitswelt verankert ist, der weiß, dass es viele Betriebe gibt, die nicht so aussehen. Aber das ist kein Manko dieses Buches sondern eher ein guter Ansatz: hier wird aufgezeigt, wie „Gute Arbeit“ aussieht in Deutschland, wenn es die Verantwortlichen in Betrieb und Gesellschaft ernst nehmen.

Nach der Beschäftigung mit diesen drei Büchern möchte ich zurückkommen auf das Thema Dokumentarfotografie. Bemerkenswert finde ich den Wandel in der Farbgestaltung. War das Buch von Salgado noch Schwarzweiss so ist das Buch von NationalGeographic fast und das Buch aus dem Klartext-Verlag durchgängig farbig. Das tut ihrer dokumentarischen Wirkung keinen Abbruch. Wenn man es genau nimmt, dann sind sie in vielfacher Hinsicht sogar noch genauer in meinen Augen.

Das Buch von Nationalgeographic hat noch ein besonderes Bild. Es zeigt auf Seite 122/123 im Buch ein Bild von Edward Burtynsky aus seinem beeindruckenden Buch „China“. Dieses Foto und einige andere finden sich auch zum Nachschauen auf der Webseite von Edward Burtynsky. Burtynsky wurde auf einer Podiumsveranstaltung in Berlin 2010 zu diesen Fotos in China gefragt, wie er denn an die Erlaubnis kam, die Fotos der chinesischen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken zu machen. Burtynsky antwortete, dass dies die chinesischen Behörden erlaubt hätten, weil es sich um chinesische Fabriken handelte. Die amerikanischen Unternehmen in China hätten dies nicht zugelassen.

Die schlimmsten physischen Arbeitsverhältnisse – wenn man das pauschal überhaupt sagen kann – dokumentiert sicherlich Salgado. Das Protzman Buch ist eine Mischung aus guten und schlechten Arbeitssituationen. Dagegen zeigt das Buch von Bachmeier und Achten eine durchgängig „Gute Arbeit“ auf. Dies wird immer gekoppelt mit informativen Texten, die Arbeit in Deutschland und das juristische und tarifliche Umfeld einordnen. Wobei natürlich alle Fotos die physische Situation aufzeigen, nicht die psychische Situation. Das wären dann auch wohl andere Fotos, zum Beispiel von überladenen Schreibtischen, frustriert und leer blickenden Angestellten oder schmutzigen Betriebsratsbüros in Kellerverschlägen.

Dokumentarfotografie dokumentiert. Im Bereich Arbeitswelt haben dies drei Bücher auf unterschiedliche Weise getan. Man könnte sie im Hinblick auf das Thema auch bei der sozialdokumentarischen Fotografie einordnen, um detaillierter zu werden.

Es gibt natürlich Unmengen an Dokumentarfotos. Eine Serie, die ich in Buchform nicht erhalten habe über Bürokratie und Bürokraten hat der niederländische Fotograf Jan Banning gemacht. Dort sagen Bilder ebenfalls mehr als tausend Worte und sie zeigen in Farbe aktuelle Arbeitswelten auf.

Dazu gehört auch meine Serie mit dem Thema „Nichts kommt von selbst – 15 Blicke auf das Arbeitsleben“.

So paradox das ist, in meinen Augen ist Dokumentarfotografie heute vielleicht notwendiger denn je:

1. Sie hilft bei der Entschleunigung einer reizüberfluteten Zeit.
2. Sie rückt Themen in den Vordergrund und zeigt auch Zusammenhänge auf.
3. Sie ist überwiegend engagiert und sie kann eine neue Zukunft haben.

Diese kann übrigens auch audiovisuell sein und aus Multimediaslideshows bestehen. Aber meiner Meinung nach nur begrenzt. Buch und Monitor werden parallel existieren. Denn gute Fotos will man nicht immer nur digital sehen sondern manche auch in einem schönen Buch im Regal stehen haben oder einfach als Ausdruck für zu Hause oder in sozialen zusammenhängen.

Und es kommt auch darauf an, was man dokumentarisch fotografiert. Ich möchte daher nicht vergessen, hier auch über die Folgen der (sozialdokumentarischen) Dokumentarfotografie zu sprechen. Diese können dramatisch sein. Auf einer Reise in Wien besuchte ich die Ausstellung KONTROVERSEN im Kunsthaus Wien. Dort las ich die Geschichte von Kevin Carter. Mich hat sehr das Foto beeindruckt, bei dem ein kleines Kind auf dem Weg zur Essensausgabe im Sudan war und dahinter schon ein Geier wartete. Der Fotograf Kevin Carter hat später Selbstmord begangen, offenkundig im Zusammenhang mit dem Ruhm, den er durch dieses Foto erhielt und die Attacken seiner Kritiker. Dies wird hier geschildert.

Das ist auch eine Dimension der Dokumentarfotografie und der Themen, die dort behandelt werden. Es kommt eben nicht nur darauf an, daß man dokumentiert, es kommt auch darauf an, was man dokumentiert.

In diesem Sinne

Übrigens, hier hat man einen Teil meines Artikel abgeschrieben ohne auf mich zu verlinken.