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Unbeachtet und vergessen oder warum 90 Prozent der Wirklichkeit nicht fotografiert werden

Der Blick auf die Erinnerung - Foto: Michael Mahlke

Der Blick auf die Erinnerung – Foto: Michael Mahlke

Philip Blenkinsop hat darauf hingewiesen, daß Fotografen nicht zu den Wurzeln der Wirklichkeit gehen, wenn sie damit kein Geld verdienen können. Umgekehrt gehen sie dorthin wo sie Geld verdienen, in seinen Worten: „Photographer do not go to the sources, they look what can be sold.“

Einen anderen Aspekt für die blinden Flecke in der Dokumentarfotografie hat Stephen Mayes genannt: „Ein bedeutender Teil der Realität bleibt auf der Strecke. Vermutlich sind Konventionen der Grund.“

Und er nennt ein Beispiel: „Dennoch glaube ich, dass es viele unwichtige Themen gibt, die enorm überrepräsentiert sind. Ein Beispiel war das Thema Drogen. Es gibt ein unglaubliches Problem der Drogensucht in der Mittelklasse in  Nordamerika und Europa. Doch darüber wird nicht berichtet. Berichtet wird über arme Drogensüchtige. Als ob Drogengebrauch ein Thema der Armen, der verelendeten Gegenden ist.“ (in photonews 4/12).

Und damit kommen wir zum digitalen Paradoxon. Es entstehen immer mehr Fotos von immer weniger Themen. Was mir bei meinen Streifzügen durch die digitale Welt aufgefallen ist, hat Stephen Mayes, Geschäftsführer eine Agentur für „Konfliktfotografie“, auf die Formel gebracht, dass 90 Prozent der Nachrichten sich mit 10 Prozent der Welt beschäftigen.

Die Fotografin Isolde Ohlbaum äußerte sich in einem Interview bei stern.de zum Thema Fotografie folgendermassen:

„Würden Sie Bauarbeiter fotografieren?

Das könnte ganz reizvoll sein. Die haben ja zum Teil interessante Gesichter. Oft sehen sie gar nicht aus wie Bauarbeiter. Auch bei der Müllabfuhr finden sich manchmal überraschende Männer.

Müllmann-Porträts von Ohlbaum. Spannend.

Auch Toilettenfrauen!

Würden Sie das machen: Einen Band über Klofrauen?

Warum nicht! Aber wer will das kaufen?“

Diese drei erfahrenen Fotografinnen und Fotografen haben uns erklärt, warum die Namenlosen und Unsichtbaren keine Aufmerksamkeit erfahren.

Es geht um´s Geld.

Das war in England und den USA einmal anders.

Das ist auch anders als bei NGO´s weil es hier um die eigene Gesellschaft geht.

Für das Thema Armut ist das sogar untersucht und dokumentiert.

Lena Mann und Jana Tosch schreiben dazu: „Je näher Armut dem westlich-weiß dominierten Kulturkreis rückt, desto unsichtbarer wird sie.“

Weil es um´s Geld geht wird Armut nicht fotografiert. Denn das würde ja Geld kosten und dazu führen, daß es ein Thema wird und vielleicht für die Abschaffung der Armut Geld ausgegeben werden müßte!!!!?!

Aber wenn man etwas verändern will für die Menschen, um diese Ungerechtigkeit zu reduzieren und mehr Stabilität in die Demokratie zu bringen, dann müßte genau dafür Geld eingesetzt werden.

Aber wer will schon die Demokratie stärken und die Gesichter der Menschen sehen, die nicht reich und schön sind oder sich entblößen? Da sind wir bei den Konventionen.

Die Fotografie kann dies ändern und heute ist sie das mächtigste Werkzeug um etwas zu ändern, weil die Bilder das Bewußtsein schaffen können – nicht allein und dauerhaft aber immer wieder.

Wenn man das zu Ende denkt, dann lande ich bei Dieter Hacker und Susan Sontag:

Dieter Hacker sagt:

„Befreit davon, Waren produzieren zu müssen wie der Profi, hat der Amateur die Chance, durch seine Arbeit zu wichtigen Einsichten zu kommen und sie, unberührt von den Interessen professioneller Multiplikatoren vermitteln zu können. Was dem Berufskünstler kaum gelingt, nämlich die Realisation seiner Intentionen; was ihm deshalb nicht gelingt, weil sich aus dem wahren Charakter des Kunstwerkes Zwänge ergeben, denen er sich schwer entziehen kann, ist für den Amateur kein Problem, denn er muß von seiner Amateurarbeit nicht leben.

Amateurarbeit, die sich von ihrer Fixierung an die Arbeit der Profis befreit, könnte eine Ahnung davon vermitteln, was nicht entfremdete Arbeit ist und so eine wichtige Utopiefunktion erfüllen. Nicht vergessen: die Revolution ist die Arbeit von Amateuren.“

Und Susan Sontag schreibt:

„Das hätte zur Folge, daß die Theorie der Fotografie sich zur eigentlichen Gesellschaftstheorie ausbreiten muß.“

 

Am Anfang war das Wort – Fotografie heute zwischen Plato, Sontag und mir

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wir sind noch in Platos Höhle: „Die Höhle versinnbildlicht die Welt, die sich den Sinnen darbietet, die normale Umgebung des Menschen, die man gewohnheitsmäßig mit der Gesamtheit des Existierenden gleichsetzt. Der Aufstieg ans Tageslicht entspricht dem Aufstieg der Seele von der Welt der vergänglichen Sinnesobjekte zur „geistigen Stätte“, der intelligiblen Welt, in der sich das nur geistig Erfassbare befindet.“

Davon war auch Susan Sontag fest überzeugt. Evidenz reicht nicht (Evidenz bezeichnet das dem Augenschein nach unbezweifelbar Erkennbare).

Industriekultur und Fotografie oder wie Susan Sontag zu Leica kam

Wer Fotografie über Texte entdeckt hat schon Vorstellungen von Bildern in seinem Kopf und auch, welche er wo und wann und wie noch erstellen will.

„Reisen wird zu einer Strategie, die darauf abzielt, möglichst viele Fotos zu machen. Allein schon das Hantieren mit der Kamera ist beruhigend und mildert das Gefühl der Desorientierung, das durch Reisen oft verschärft wird… Nicht wissend, wie sie sonst reagieren sollten, machen sie eine Aufnahme. So wird Erfahrung in eine feste Form gebracht… Diese Methode kommt insbesondere jenen Touristen entgegen, die zu Hause einer erbarmungslosen Arbeitsehtik unterworfen sind – den Deutschen, Japanern, Amerikanern. Die Handhabung einer Kamera dämpft die innere Unruhe, die ständig unter Streß arbeitende Menschen empfinden, wenn sie Urlaub machen und sich nur amüsieren wollen.“

Diese Sätze stammen aus In Platos Höhle von Susan Sontag.

Da steckt viel drin. Wenn wir mit der Reisefotografie beginnen, dann wissen wir nun, daß die Kameraindustrie sich keine Sorgen machen muß, solange es verreisen gibt. Denn es werden nicht nur Smartphones gekauft werden sondern auch die Kameras mit den Knöpfen und Drehrädern. Wer aus einer Industriekultur kommt, der ist mit Mechanik aufgewachsen. Er fühlt sich dann bei den Kameras wohl, die auch so eine Mechanik haben. So wird die eigene Kultur immer mitgenommen, wenn man unterwegs ist.

Sobald die Mechanik aber durch das Display ersetzt wird, sieht die Sache langsam etwas anders aus.

Die Kameras haben aber auch eine psychologische Funktion: sie sind die Methode der Begegnung und der Distanz. Solange das Objektiv dazwischen ist und ich meine eigene Kamera habe, ist die Distanz da, die ich für meine Sicherheit brauche.

Wer immer funktionieren muß, will auch eine Kamera, die immer funktioniert.

Damit ist aber noch lange nicht Schluß.

Sontag beschreibt dann eine Anzeige mit einer Gruppe von Menschen, die alle unruhig sind bis auf eine Person – die fotografiert. „Dieser hält eine Kamera ans Auge; er macht einen selbstsicheren Eindruck und scheint fast zu lächeln….Der Text der Anzeige … besteht lediglich aus sechs Worten: Prag … Woodstock … Vietnam …Saporro … Londonderry … LEICA. … Kolonialkriege und Wintersport werden von der Kamera gleichgesetzt. Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet. Eine Fotografie ist nicht nur das Ergebnis der Begegnung zwischen einem Ereignis und einem Fotografen. Eine Aufnahme zu machen ,  ist selbst schon ein Ereignis, und zwar eines, das immer mehr gebieterische Rechte verleiht… Es bedeutet, im Komplott mit allem zu sein“ was ein Objekt interessant macht, …auch mit dem Leid und Unglück eines anderen Menschen.“

So symbolisiert Leica die Umsetzung der Industriekultur in die Kamera.

Wenn Kameras Ausdruck der Arbeitswelt sind, dann erfordert eine Veränderung in der Arbeitswelt veränderte Kameras.

Stimmt.

Je mehr Büroarbeitsplätze mit Monitoren, Tablets und Smartphones, desto mehr Kameras mit Monitoren, Touchdisplay etc.

Aber es gibt nicht nur eine Wahrheit sondern die Wahrheit ist, es gibt viele Wirklichkeiten.

Und Industriekultur ist männlich.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Aber wir sind ja auf dem Weg in die nachindustrielle Gesellschaft.

Was kommt fotografisch danach ist dann die logische Frage?

Die weibliche Seite.

Die weibliche Seite zeigt sich immer mehr, seitdem es digitale Zeiten gibt.

Frauen nutzen immer mehr Digitalkameras. Aber Frauen nutzen vor allem auch Smartphones mit Digitalkameras.

Und Frauen aus anderen Ländenr und Kulturen scheinen oft in der extensiven Nutzung nach meinen Beobachtungen sogar schon weiter oder noch weiter zu sein. Mir scheint es oft, als ob sie mit den Smartphones Tag und Nacht kommunizieren.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es geht dabei fast nie um den entscheidenden Moment und fast immer um visuelle Kommunikation. Viele Fotos sind nach der Kommunikation schon nutzlos. Und die Kommunikation findet mit den Fotos über whatsapp statt, weil man glaubt, dort unter sich zu sein.

Zumindest sind dies meine Erfahrungen mit Frauen aus der Mitte des Lebens.

Je jünger desto mehr Facebook stelle ich in meinem Umfeld fest.

Es geht also darum, Fotos direkt in die Kommunikation einzubringen. Entscheidend ist die Funktion und daher funktioniert dies natürlich auch alles nur mit Handys und Smartphones.

Eine dicke Kamera ist absolut nichts für die tägliche Kommunikation unterwegs.

Unsere Zeit ist weiblicher und dies wirkt sich auch auf das Fotografieren aus.

Sobald aber das Smartphone nicht reicht, werden die Wünsche differenzierter. Und da ist dann die Frage zu stellen, was brauche ich noch mehr? Insofern sind die Kamerahersteller schon auf dem richtigen Weg. Aber die Marktanteile verteilen sich neu auf einem neuen Markt mit neuen Möglichkeiten. Einige sind noch gar nicht richtig da, andere schon.

Und so ist dies alles nicht nur faszinierend sondern auch erfrischend spannend.

Denn es zeigt sich, es ist noch nicht vorbei mit der Fotografie – ganz im Gegenteil.

 

Warum die Fotografie der entscheidende Schlüssel ist, um die Gegenwart zu verstehen oder wenn aus Bildern Wirklichkeit wird

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Bilder/Fotos können Waffen sein – so wie hier oberhalb zu sehen.

Das ist eine Funktion von Fotos in sozialen Zusammenhängen. Das ist aber längst nicht alles.

Manchmal ist der Blick einige Jahre zurück gut, um die aktuelle Situation klarer zu sehen. Es hat sich ja nichts geändert. Alle Konflikte von damals sind noch da. Der menschliche Charakter ist geblieben.

Und mit diesem Wissen sind wir technisch nun im digitalen Zeitalter angekommen.

Da wissen wir schon was uns blüht. Es ist schon überall zu sehen.

Und wir sind weiter mitten in der Ideologie des Kapitalismus, die die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht.

Was hat das mit Fotografie zu tun?

Sehr viel und die Realität dieser Zeit wurde schon viel früher beschrieben von Basin, Anders, Kracauer bis Sontag. Susan Sontag schrieb darüber in den 70er Jahren. Seitdem hat sich für die meisten Menschen sozial das Leben verschlechtert. Aber sie merken es kaum und reagieren nicht real, weil sie aufgewachsen sind in einer Welt, die eine Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit kreiert.

Eine kapitalistische Gesellschaft (nicht zu verwechseln mit Demokratie) braucht eine Kultur, die auf Bildern beruht. Diese Bilder sind erforderlich, um ununterbrochen zu unterhalten und das Kaufverhalten zu beeinflussen und zu stimulieren. Kameras definieren Wirklichkeit auf zweierlei Art, als Spektakel für die Massen und als Herrschaftsinstrument für die Führer.

Die letzten drei Sätze sind sinngemäß von Susan Sontag und dann kommt noch ein Satz danach:

„Social change is replaced by a change of images.“

Sozialer Wechsel wird ersetzt durch einen Bilderwechsel.

Biologisch betrachtet ist alles wahr, was unser Hirn „wahr“-nimmt. Also ist der Film so real wie die Realität. Wenn wir dann Herzklopfen kriegen oder weinen hat es damit zu tun, daß wir nicht unterscheiden können zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Die Fiktion ist in diesem Augenblick unsere Wirklichkeit.

Die Fotos/Bilder werden damit zu einem aktuellen Bestandteil unserer momentanen Identität und führen dazu, daß sie uns bewußt/unbewußt auch lenken.

Es geschieht überall.

Hier ist mein aktueller Aha-Moment. So habe ich das früher nicht erlebt und gesehen. Weil ich mit dieser Bilderwelt schon aufgewachsen bin, war diese Welt und damit die von anderen für mich kreierte Bilderwelt als Wirklichkeit meine „echte“ Wirklichkeit. Kritischer Umgang mit Medien setzte darauf auf und nicht davor an.

Nun blicke ich weiter und Sie können das auch.  Gehen Sie einfach mal ein paar Tage dorthin, wo es fast keine Bilder gibt. Das flache Land mit Wäldern bietet sich an. Kein Fernsehen, kein Buch, kein Supermarkt, kein Dorf und kein Handy. Und nach einer Woche werden sie merken, was ich meine.

Wenn Ihnen dieser Zusammenhang klar ist, dann verstehen Sie sicherlich auch den nächsten Gedanken:

„Die überkommene Vorstellung der Wirksamkeit von Bildern setzt voraus, daß Bilder die Eigenschaften der realen Gegenstände besitzen. Wir indessen neigen dazu, den realen Gegenständen die Qualitäten eines Bildes zuzuschreiben.“

Das schrieb Susan Sontag und die Herausgeber  des Buches Theorie der Fotografie Kemp/v. Amelunxen fassen dann den weiteren Gedankengang so zusammen:

„Die Bilder hätten den Spieß gegenüber der Realität umgedreht, aus Nachbildern seien Vorbilder geworden. Das hätte zur Folge, daß die Theorie der Fotografie sich zur eigentlichen Gesellschaftstheorie ausbreiten muß.“

Damit ist die Fotografie der entscheidende Schlüssel, um die Gegenwart in Theorie und Praxis zu verstehen.

Das ist doch gar nicht so schwierig. Natürlich gab es bald schon andere Theoretiker die wie Roland Barthes versuchten, „Fotografie aus ihrem vereinzelten Produkt und ihren kleinsten Details zu verstehen.“

Und nun raten Sie mal, was an den meisten Universitäten heute als Dissertationsthema erforscht wird?

Richtig, es ist der Ansatz von Roland Barthes, weil dies ja keine Gesellschaftskritik beinhaltet sondern eher der akademischen weltfremden Erbauung dient (ist polemisch von mir und auch so gemeint).

Fotografie als Waffe und die Waffen der Fotografie werden so gut wie gar nicht behandelt.

Und die Fotografie als Herrschaftsinstrument der Mächtigen wird eigentlich überhaupt nicht untersucht. Die Stiftungen der Mächtigen würden dafür wohl ebenso wenig Geld geben wie die staatlichen Einrichtungen.

Es gibt Ansätze aus privater Feder und privater Kamera, aber es ist eben alles ohne Geld und nur mit viel Verstand.

Heute werden Probleme und Lösungen über die Medien mit gesteuerten Bildern in die Köpfe transportiert.

Was nicht in den Bildern ist, ist nicht in den Köpfen und kann auch keine sozialen Gemeinsamkeiten wachsen lassen.

So verschwindet sogar Klassenbewußtsein oder Zusammengehörigkeitsbewußtsein und natürlich auch Bewußtsein für Demokratie und es wächst kein Veränderungswille gegen unwürdige Verhältnisse. Erst wenn viele Bilder in den Medien zu sehen sind auf denen Menschen sich wehren, kann wiederum etwas entstehen.

Ich möchte Sie zum Schluß noch einmal auf das Artikelfoto hinweisen.

Das Elend anderer betrachten, um Geld zu spenden, ist das Thema dieser Kampagne mit dem Titel „Trostlos“.

Sie sollen durch das kleine Kind im Elend dazu gebracht werden zu spenden. Dieses Foto ist ab dem Zeitpunkt der Betrachtung in ihrem Kopf. Das Foto ist auf dem Weg an dieser Stelle übermächtig groß für Fußgänger und Autofahrer zu sehen.

Und es wirkt ja. Aber es ist natürlich mehr. Es zeigt Machtverhältnisse.

Hätten die zehn reichsten Familien Deutschlands nur 1 Prozent ihres Vermögens oder 100 Prozent ihres Vermögenszuwachses gespendet, wären solche Kampagnen, um an das Geld der kleinen Leute zu kommen, überhaupt nicht nötig, zumal die Steuergesetzgebung sie ohnehin privilegiert.

Die Welt ist anders.

Und so möchte ich noch einmal zum Schluß den Gedanken wiederholen, den Susan Sontag als letzte einer Kette in die heute noch aktuellen Worte gefaßt hat: „Das hätte zur Folge, daß die Theorie der Fotografie sich zur eigentlichen Gesellschaftstheorie ausbreiten muß.“

 

Das Böse, das Leiden und die Fotografie – Gedanken zu Hannah Arendt, Susan Sontag und darüber hinaus

„Ich aber stand vor etwas völlig anderem und doch unbestreitbar Wirklichem. Ich war frappiert von der ungeheuren Seichtheit des Täters, die keine Zurückführung des unbestreitbar Bösen seiner Handlungen auf irgendwelche tieferen Wurzeln oder Beweggründe ermöglichte. Die Taten waren ungeheuerlich. … das einzig Bemerkenswerte an seinem ..Verhalten …war etwas rein Negatives; nicht Dummheit , sondern Gedankenlosigkeit… Dieses Fehlen des Denkens rief mein Interesse wach… Die Vernunft ist nicht auf der Suche nach Wahrheit, sondern nach Sinn. Und Wahrheit und Sinn ist nicht dasselbe. …sie (die Verbrecher) haben gemordet, nicht um zu morden, sondern weil es zur Karriere gehörte… Und ich gebe zu: Es ist leichter zu ertragen das Opfer eines Teufels in Menschengestalt oder… als das eines beliebigen Hanswurstes, der noch nicht einmal verrückt oder ein besonders böser Mensch ist.“

Diese Worte von Hannah Arendt hat Katharina Mayer in einer Präsentation ausgewählt, um den Essay von Susan Sontag „Das Leiden anderer betrachten“ zu diskutieren.

sontag

Können wir es ertragen, daß das Böse und Gemeine einfach so da ist und man es tut, wenn man es darf?

Peter Scholl-Latour hat dies kürzlich bei telepolis.de so ausgedrückt:

„Sie wurden auch gefoltert?

Peter Scholl-Latour: Ja. Ich werde aber keine Details erwähnen, ich bitte um Ihr Verständnis. Nur so viel möchte ich Ihnen mitteilen, damals, als junger Mann von 21 Jahren, lernte ich die Abgründe der menschlichen Natur kennen. Ich bin aber auch immer Heiligen begegnet. Der Mensch ist halt beides – böse und gut -, und es kommt auch immer auf die Umstände an, welche Seite dominiert. Diesbezüglich geben wir uns heute gerne immer wieder irgendwelcher Illusionen hin. Deshalb gibt es ja auch die Religion, nicht um den Mensch gut, sondern um ihn erträglich zu machen, wobei Religion natürlich auch immer missbraucht wurde und wird.“

Welche Rolle spielt die Fotografie beim Erleben des Bösen und des Leidens?

Ist sie ein Mittel, um das Böse und das Leiden festzuhalten?

Hat sie Wirkung?

Susan Sontag ist in diesem Zusammenhang so interessant, weil sie 1977 ein Buch über Fotografie und 2003 ein Buch über Fotografie geschrieben hat und sich dabei einiges änderte: „Hatte sie in ihrem früheren Essay kritisiert, dass maßloser Gebrauch von Bildern gegenüber fremdem Leid abstumpft, so betone sie im vorliegenden Text, dass Bilder nun mal das Wirkungsvollste sind, wenn es darum geht, fremde Erfahrungen zu vermitteln.“

Das ist aber nicht alles wie man leicht erfahren kann, wenn man die Präsentation von Katharina Mayer liest, die ich weiter oben verlinkt habe.

Sontag war selbst in Sarajewo und erlebte dort, wie Menschen mit Bildern umgingen. Sie schildert in dem Buch das Verhalten einer Frau, die beim Anblick der Zerstörung von Vukovar im Fernsehen umschaltete und kommt zu dem Schluß: „Wo Menschen sich sicher fühlen…, werden sie gleichgültig….Die Weigerung der Frau sich auf die Bilder einzulassen …war dagegen ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Angst.“

Später schreibt sie: „Mitgefühl ist eine instabile Gefühlsregung. Es muß in Handeln umgesetzt werden, sonst verdorrt es.“

Fotografie kann also eine Waffe sein. Es ist immer eine Momentaufnahme, die momentan wirken kann.

Können denn die Fotos über den Moment hinaus weiter wirken?

Susan Sontag sagt ja und begründet dies so: „Aber Fotos, die das Martyrium und das Leiden eines Volkes vor Augen führen, erinnern nicht bloß an Tod, Scheitern und Erniedrigung. Sie beschwören auch das Wunder des Überlebens. Wer den Fortbestand der Erinnerung sichern will, der hat es unweigerlich mit der Aufgabe zu tun, die Erinnerung ständig zu erneuern, ständig neue Erinnerungen zu schaffen – vor allem mit Hilfe eindringlicher Fotos. “

Damit lösen wir weder das Böse noch das Leiden auf. Aber wir erinnern daran, daß das Gute auch existiert und der Teil im Menschen ist, der ihm allein die Hoffnung möglich macht, die für ein Leben im Sinne eines menschenwürdigen und unversehrten Daseins wesentlich ist.

Dafür lohnt es sich einzustehen – auch fotografisch.