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Original Streetfotografie heute

Das Wort wird immer häufiger benutzt aber es ist immer öfter etwas anderes drin. Und nachdem man sich sogar bewußt im Kunstbetrieb von den Originalen gelöst hat und eine Umwertung aller Werte vornehmen will, lohnt sich der Blick zurück, weil dort die Diamanten zu finden sind, die auch heute die Grundlage für eigene fotografische Diamanten sein können. Auch Joel Meyerowitz hat den entscheidenden Moment gesehen und fotografiert so wie Cartier-Bresson und beide verbindet fotografisch zumindest die visuelle Grammatik und ich denke noch viel mehr. Aber lesen Sie selbst!

Über Fotografie schreiben

Fotobücher und Texte zur Fotografie und Streetfotografie – Michael Mahlke

Über Fotografie schreiben bedeutet für mich über Dokumentarfotografie, soziale Fotografie und Digitalkameras zu schreiben. Die Digitalfotografie hat für mich das Fotografieren demokratisiert, weil sich heute jeder einen Fotopparat leisten kann, sogar zusätzlich zum Handy bzw. Smartphone.

EU-Datenschutzrecht – wird das Fotografieren bald verboten?

Foto Mahlke

Das Ende der Fotoindustrie steht bevor könnte man meinen. Mit dem Untertitel „Neues EU-Recht bedroht ungestellte Bilder“ schreibt Hendrik Wieduwilt in photonews 4/18 folgendes:

„Wer künftig auf den Auslöser drückt, beginnt einen Datenverarbeitungsvorgang…. Noch vor dem Schuss muss die Person einwilligen … und zwar nachdem der Fotograf … informiert hat… Damit ist sämtliche Fotografie ungestellter Szenen von Event-, Straßen- oder Hochzeitsfotografie verboten – oder kann sich jemand vorstellen, 300 Hochzeitsgästen rechtssichere Einwilligungen abzuverlangen?“

Je teurer die Digitalkamera desto ärmer die Motive !?

„Soziales Elend hat die im Wohlstand lebenden stets unwiderstehlich zum Fotografieren angeregt – der schmerzlosesten Art, etwas zu erbeuten, um damit eine verborgene, das heißt, eine ihnen verborgen gebliebene Realität zu dokumentieren.“

Susan Sontag (S57)

Ihre Beobachtungen sind auch heute noch zutreffend. Je teurer die Digitalkamera desto öfter werden Bilderstrecken oder Regionen voller Armut gezeigt, wo die Menschen angeblich noch natürlich leben und die Farben eine so bunte Welt zeigen. Gerne wird aktuell die Armut auf Kuba gezeigt oder in Slums oder bei Käfigmenschen in Hongkong. Es geht so gut wie immer um Voyeurismus, den man mit der teuren Kamera ausleben kann.

Aber es wird noch schlimmer. In der aktuellen digitalen Streetfotografie-Szene wird vor allem das Leben der Armen, Gescheiterten und Obdachlosen als andauerndes Thema gewählt.

Das ist in Amerika ebenso zu sehen wie in Deutschland. Das wird dann monochrom oft verkauft als fotografische Hinwendung zu diesen Personen.

Wer es sich nicht leisten kann in den Slum zu fliegen, der fotografiert Obdachlose in Köln, Berlin oder München und nennt das Streetfotografie? Vom Namen her stimmt das sogar aber früher war das Opferfotografie und heute wissen wir ja, daß jeder in Deutschland Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf erhält durch die Grundsicherung.

Es gäbe viel bessere Motive. Wieso fotografiert man nicht die Reichen auf der Kö oder sonstwo, wieso die Armen?

An die Reichen traut man sich fotografisch schon nicht ran, weil man nicht so gut fotografieren kann, daß die Persönlichkeitsrechte gewahrt werden?

Dann wäre Übung angesagt, denn man kann immer in der Öffentlichkeit fotografieren und gute Streetfotografie produzieren, wenn man es richtig macht.

Dann paßt auch die teure Kamera, denn dann ist die Kamera auf Augenhöhe mit den Motiven – teure Kamera, teure Motive.

Aber meistens nennt man es Streetfotografie und produziert Statusfotografie unter dem Aspekt der sozialen Gebrauchsweisen.

 

Sollen wir Streetfotografie umbenennen?

Foto Mahlke traffic and education Verkehrserziehung

Ein Herr Mason Resnick hat auf der Webseite von Adorama, einem Fotolabor und Kamerashop in New York, einen Artikel geschrieben und festgestellt, daß heute fast alles mit Suchbegriffen als Streetfotografie bezeichnet wird und daher das Wort jede Unterscheidungskraft verloren hat: „Try it yourself: Go on Twitter, flickr, or Instagram, and do a hashtag search for #streetphotography. At least 80% of what you get will get is not what one might have thought of as a street photo a few years ago. A flower. A distant shot of a city. Landscapes. Studio portraits. All tagged as street photos. I kid you not. Street photography is everything. Therefore, it’s nothing. Time to retire the term..“

Ist es Zeit das Wort Streetfotografie in Rente zu schicken?

Fakenews in der Streetphotography


„Übrigens hat der bekannte Theoretiker der Fotografie, Walter Benjamin, den Flaneur, der spaziert und fotografiert, als Kämpfer gegen die zunehmend arbeitsteilige Gesellschaft gesehen, weil er eben das Ganze im Blick haben wollte. Insofern kann gerade die Fotografie, die den heutigen sozialen Zustand so zeigt, wie er vor Ort ist, ein Beitrag sein, der die Sinne schärft und im Kopf Veränderungspotential erzeugt – wenn man es zeigt und drüber spricht.“

Diese Anmerkungen sind aus einem Artikel über Kameras für arme Leute im Zeitalter von Hartz4.

Was ist überhaupt ein Flaneur?

Gerhard Hentschel hat das vor 18 Jahren einmal so zusammengefaßt: „Die Erforschung der Frage, wann der Flaneur von uns gegangen sei oder ob er nicht sogar noch lebe und flaniere, hat sich zu einem eigenen Wissenschaftszweig ausgewachsen. Da der Flaneur kein normalsterbliches Individuum ist, sondern ein Typus, helfen die verfeinerten Methoden der medizinischen Diagnostik den Fachleuten nicht weiter. Sie sind sich nicht einmal darüber einig, ob sie sich am Siechbett, am Grab oder um die exhumierten Gebeine des Flaneurs versammelt haben. Während die einen sein Skelett mazerieren, messen die anderen dem Flaneur noch das Fieber. Er wird gleichzeitig beweint, beatmet und obduziert, beim Flanieren observiert und wieder totgesagt: „Auch die heutigen Fußgängerzonen“, schreibt Neumeyer, „stimmen vielmehr das Lied vom Tod des Flaneurs an, als dass sie seiner Gehbewegung durch die Schaffung einer verkehrsfreien Zone wieder einen Raum schenken. Man, das heißt der Verkäufer, spekuliert, damals wie heute, auch auf die Richtungs- und Ziellosigkeit einer Gehbewegung, um den mit ihr verknüpften freien Blick zu fesseln; man kokettiert mit dem Gehen-Sehen des Flaneurs als Kapitalanlage.“

1988 war Rüdiger Severin optimistischer gewesen: „In den letzten Jahren entstanden im Rahmen der Sanierung von Innenstädten immer mehr Passagen; Lichthöfe in Edelkaufhäusern und auch in der Industriearchitektur gelten wieder als zeitgemäß. Vielleicht findet der Flaneur hier zu seinem dritten Frühling, in Gestalt des walk-man etwa.“ Barry Smart sah den Flaneur 1994 als „zapping radio listener“ auferstehen, als „insular package-tour flanerie“ betreibenden Pauschaltouristen und als wählerischen Restaurantgast. Florian Rötzer machte 1997 den „Netzflaneur“ in den „schmutzigen, dunklen, extravaganten und innovativen Winkeln des Cyberspace“ ausfindig. Andererseits hatte Peter Handke 1980 offiziell „Das Ende des Flanierens“ verkündet. Aber ob man dem Flaneur Vitalität bescheinigt, Bulletins ausstellt oder Nachrufe widmet, tut nicht viel zur Sache: Jede Rede vom Flaneur wirft einen Distinktionsgewinn ab; ihr Inhalt ist zweitrangig.

In seiner großen Zeit war der Flaneur, in bedenklicher Ämterhäufung, unter anderem „der Priester des genius loci“ (Benjamin), Dichter, Jäger, Lumpensammler, Spurenleser, Traumdeuter, Physiognom, Detektiv, Archäologe, Dandy, Tramp und „letzter Mohikaner“ (Michael Opitz). Er erschien „als Agent der ästhetischen Moderne oder als Inspizient des Modernisierungsprozesses“ (Harald Neumeyer). Ein brandneues Werk aus Kalifornien (Anke Gleber: „The Art of Taking a Walk“) weist nach, dass der Flaneur Träumer, Historiker und moderner Künstler gewesen sei. In Abwandlung eines geflügelten, Daniel Düsentrieb von Erika Fuchs soufflierten Wortes darf man wohl sagen: Dem Flaneur war nichts zu schwör.

Benjamin zufolge trug er „die Züge des unstet in der sozialen Wildnis schweifenden Werwolf“ und war doch zugleich von äußerst scheuem und subtilem Wesen. Ins Bild des Flaneurs gingen viele Knabenträume des zwanzigsten Jahrhunderts ein: Er war Kara Ben Nemsi, Sherlock Holmes, Arsène Lupin, Howard Carter, Marco Polo, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Clochard und eiskalter Engel zugleich, dabei finanzieller Sorgen ledig, trug ein duftendes Baguette unterm Arm und eine glimmende Gauloise im Mundwinkel und war überhaupt ein ganz famoses Haus.“

Beginnt mit der digitalen Fotografie der 3. Frühling des Flaneurs und der Flaneuse?

Wenn wir heute den Umgang mit der modernen Fotografie betrachten, dann passen Streetfotografie und Flaneur richtig gut zusammen. Gerade wenn man den Flaneur vom Dandy abgrenzt wird deutlich, wo der Unterschied liegt.

Wolfgang G. Müller beruft sich auf Harald Neumeyer, wenn er dies alles so beschreibt: „Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Figurentypen liegt darin, daß sich der Dandy in der Öffentlichkeit zeigt, um gesehen zu werden, während sich der Flaneur durch die Stadt bewegt, um zu sehen.“

Und genau deshalb beginnt mit dem Aufstieg der digitalen Fotografie der 3. Frühling des Flaneurs. Denn jetzt kann das Sehen und das Fotografieren in der Stadt als Straßenfotografie in einem umfassenden Sinne und auf vielfältige Weise geschehen.

Nie war so viel möglich wie heute. Es sind nicht nur die Smartphones, die mit ihren eingeschränkten Möglickeiten als immer dabei Fotokamera die immergleichen Fotos liefern mit ungestellten gesehenen Momenten.

Gerade die Fortschritte bei den reinen Digitalkamers ermöglichen es heute schon bei der Aufnahme gestalterischer vorzugehen und Dinge auszuprobieren, die früher technisch so einfach nicht möglich waren.

Es sind aus meiner Sicht großartige Zeiten für das flanierende Fotografieren angebrochen.

Der Rahmen ist dabei die Metropole. Flanierendes Fotografieren ist weder Landschaftsfotografie noch urbaner Raum.

Konkret bedeutet dies für mich z.B. die Fotos von Peter Lindbergh zu Women on street sind eben kein Ergebnis des Flanierens und der Streetfotografie. Es sind schöne Fotos aber eben gestellt mit vorgegebenen Personen in einem vorgegebenen Rahmen.

Wenn ich Werner Spies hier richtig verstehe, dann ist Peter Lindbergh eine Ableitung (derivation) vom Flaneur und er macht keine Streetfotografie, er fotografiert nur auf der Straße aber seine Fotos sind quasi die Umsetzung einer Erzählung von Edgar Allan Poe – also dem Verbrechen auf der Spur?

Werner Spies schreibt:

„The Illegible Man, by Werner Spies

“Women on Street” – the works presented in this exhibition and catalogue are the result of “street photography.” Two entirely different, indeed incompatible approaches collide here. The scenes and vantage points that determine the images can be traced back to one of the most fascinating phenomena of the nineteenth century, the flâneur. Isn’t this figure the rightful patron of street photography? He entered the scene during the period of the discovery and rapid spread of private photography. The activity – or rather, passivity – of the flâneur depended on the city, the urban environment. Everything else remained basically foreign to him. The sight of the wares in display windows, isolated and divorced from their context, triggered a poetization of the modern world, fashion and fleetingness that was conducted most radically by Baudelaire and the Impressionists. The point was no longer a methodical involvement with the visible world and its utility. One has the impression that with the flâneur, idly strolling through streets and squares, the Enlightenment began to dim and the systematic knowledge pursued by Diderot in his work on an inventory of the world, the Encyclopedia, grew unimportant. The eye became subordinate to experience; rather than taking stock and trying to understand, it began to nervously wander and succumb to the charm of the accidental and ephemeral.

This derivation from the flâneur is obvious in the case of Garry Winogrand and Peter Lindbergh. For them, too, the street serves as a forum for discoveries and encounters. They tend to lend reality a poetic aspect. There is no admixture of evil in their imagery. Yet how different are the results that confront one another in the present selection. Winogrand’s works diverge in a key sense from what Lindbergh shows us. In order to grasp this difference, we might compare it to two approaches found in literature. In Lindbergh’s case the parallel would be with Edgar Allan Poe’s tale The Man of the Crowd, and in Winogrand’s one of the most famous and frightening passages in André Breton’s Second Manifesto of Surrealism. In fact I can think of nothing better than Poe’s story to describe the expectations and moods triggered by Lindbergh’s photographs. He retains women’s enigmatic character, their beauty and sensuousness. The point, for him, is pristineness. Even though he photographs on the street in this case, the street is not his subject.“

Und wenn wir bei dem Katalog zu der Ausstellung bleiben, dann schreibt ein Leser über den Katalog: „Where Winogrand’s work is actual street photography in the best sense of „let’s go out and see what we can find“, Lindbergh gets a model and essentially shoots test pictures for her book.“

Und dennoch wird hier einzig und allein mit dem Etikett der Streetphotography gearbeitet?

Ich möchte dies mit dem Artikel „Peter Lindbergh als Straßenfotograf“ in der sz belegen. Denn dieser Artikel ist die Bestätigung und der Beleg für meine Vermutung: Etikett aufkleben und medial umsetzen. Und in dem Artikel steht dann auch noch, daß Herr Lindbergh nichts dem Zufall überlassen hat. Aber die Überschrift ist das Etikett und das ist eindeutig.

Nur ein guter Straßenfotograf ist ein guter Fotograf? Ich vermute das Etikett Street photography bzw. Streetfotografie scheint für Fotografen ebenso wichtig wie Museumsqualität für Fotokunst. Man verleiht die Orden und Etiketten unter sich, weil man selbst beschließt, was angeblich was ist. Das geschieht in letzter Zeit öfter. Es gibt sogar einen Atlas der Streetfotografie, bei dem das Fotografieren von Achselhöhlen in der U-Bahn als Fortentwicklung von Walker Evans gilt.

Wenn man ehrlich ist, dann ist es schwer, echte Momente ungestellt einzufangen und es ist zudem nicht immer ein großartiger Moment sondern oft ein Moment, indem man etwas sieht, was der Zufall gerade so im sozialen Rahmen zusammenbrachte.

Losgelöst von Herrn Lindbergh würde ich schreiben, da man diese zufälligen Momente nicht stellen kann, wird letztlich so getan oder einfach umgedeutet. Dann werden stattdessen gestellte Szenen oder die Erweiterung zum urbanen Raum unter das Etikett Streetphotography gepackt und alles ist gut? – Ist es natürlich nicht, weil die klasse klassischen Kriterien verhunzt werden, die man ja durchaus auch digital anwenden kann.

Denn die entscheidenden Momente sind sonst ja echte Ergebnisse des Flanierens und des Fotografierens im decisive moment – ungeplant und ungestellt.

Aber so ist die Welt und es gibt kein internationales Strafgericht für fotografischen Etikettenschwindel und so bleibt es so wie es ist. Medienmacht bestimmt welches Etikett worauf paßt.

Und wer es merkt so wie ich, der kann darüber schreiben und doch nichts ändern.

So laufe ich wie Sisyphos schreibend den Berg rauf und unten hat schon wieder einer die falschen Etiketten aufgeklebt.

Der Etikettenschwindel ist ein Zeichen der Wirklichkeit, so nennt man Fakenews in der Streetphotography.

Aber das ändert nichts daran, daß jenseits der Medienetiketten heute eine schöne Zeit für das Flanieren und Fotografieren begonnen hat.

Wir sollten die Zeit nutzen.

PS: Dieser Artikel wurde am Erscheinungstag über 3000 mal plus x gelesen.

Streetphotography – Die 100 besten Bilder von David Gibson (Hg.)

Street Photography Die 100 besten Bilder von David Gibson

„Unter den Begriff Straßenfotografie fällt jedes Bild mit oder ohne Personen, das ohne Inszenierung im öffentlichen Raum gemacht wurde“.

So definiert David Gibson Streetfotografie und will in seinem Buch „Straßenfotos der sog. Internetgeneration“ vorstellen.

Das bedeutet Fotos, die im Internet erschienen sind und einige, die schon vor dem Internet zu sehen waren.

In dem Buch weist Gibson mehrfach auf Henri Cartier-Bresson hin, der auch heute noch eine Rolle spielt, mental und real. Er schwingt bei vielen mit, die Streetphotography betreiben, aber nicht nur er. Insofern ist die im Buch aufgeführte Liste der immer wieder genannten Namen sehr interessant.

Das Buch ist bei Prestel erschienen und schon von der Gestaltung her eine Augenweide. Gut gebunden, stabiler Einband, angemessen großes Format und klare Gestaltung.

„Für mich ist das Betrachten eines Fotobuch ein Vergnügen, es ist die weitaus schönste Art, Fotos zu genießen“, schreibt Gibson. Und so „erlöst“ er hier einige Fotos aus ihrem „Bildschirmdasein“ und läßt sie gedruckt fortbestehen.

Sehr schön!

Wer Streetfotografie heute machen will, der findet hier sehr viel an Inspiration.

Es sind auch große Namen darunter. Auch Martin Parr macht Streetfotografie. Und so ist jede Doppelseite ein Vergnügen beim Lesen und beim Betrachten. Denn es gibt zu jedem Foto eine Geschichte und eine Einordnung. Fotos leben eben von Texten, die den Rahmen bilden, um sie einordnen zu können.

Eine Rezension im ndr zeigt die Palette von Möglichkeiten, die dieses Buch bietet.

Aber das Buch ist eben noch einmal mehr. Es ist eines der wenigen Bücher, die zeigen wie stark und zufällig gute Straßenfotografie ist und wie vielfältig ihre Möglichkeiten sind.

Man kann sich einen guten Überblick verschaffen, wenn man auf die Verlagsseite klickt.

Dabei wird aber auch deutlich, daß gute Fotos Geschichten erzählen, also das Wesentliche eines Moments wiedergeben.

Gibson hat recht. Das Buch eignet sich sehr gut dafür, den Unterschied zwischen der Betrachtung eines Fotos am Monitor und gedruckt in einem Buch bewußt wahrzunehmen.

Denn es macht einfach großen Spaß sich detailliert ein Foto in einem gut gemachten Fotobuch zu betrachten. Und in einem Buch betrachten wir ein Foto ganz anders weil nicht in einer Millisekunde durch Klicken schon das nächste Foto zu sehen ist und man alle Sinne nutzen kann und das Medium Papier.

Bücher sind eben für Menschen gemacht.

Dieses Buch von Prestel eignet sich für tagelangen Genuß, wenn man diese 100 besten Fotos sieht und ihre Geschichten durchliest. Es ist zugleich wie eine Schulung und ein Training für bewußtes Sehen und das Erkennen der Vielfalt und der gemeinsamen visuellen Strukturen in vielen Fällen.

Das Buch aus dem Prestel Verlag ist eine der wenigen echten Kaufempfehlungen im Bereich der Streetfotografie heute.

David Gibson
Street Photography: Die 100 besten Bilder

ISBN: 978-3-7913-8335-4

Der Weg der Armut

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wenn du in dein Schicksal einwilligst wird es dich leiten…

So muß man sich das auch in der Fotografie vorstellen. Die Dinge geschehen und wenn du dann offen genug dafür bist sie zu sehen, dann hat das Schicksal dir die Chance gegeben selbstbestimmt diese Dinge anzunehmen und umzusetzen – auch in der Fotografie.

Dann entwickelt sich sogar Streetfotografie plötzlich zu einer stillen sozialdokumentarischen Fotografie.

So wurde die Serie Der Weg der Armut geboren.

Nur so.

Welche Digitalkamera würde sich heute Henri Cartier-Bresson kaufen?

Von Leica zu Lumix - Foto: Michael Mahlke

Von Leica zu Lumix – Foto: Michael Mahlke

Diese Frage stelle ich mir, weil ich wissen möchte, ob meine Wahl auch seine Wahl gewesen wäre.

Die Frage habe ich vor sechs Jahren so ähnlich schon einmal gestellt.

Als er intensiv zu fotografieren begann, hat er sich für eine Kleinbildkamera von Leica entschieden, weil dies die kleinste Kamera auf dem Markt mit Wechselobjektiven war. Es ging also primär um technische und praktische Gesichtspunkte, die für seine Art unterwegs zu sein, Momente schnell und diskret aufzunehmen und fotografisch zu sehen entscheidend waren.

Der Preis spielte für ihn eher keine Rolle, da er aus einer sehr reichen Familie stammte.

Er hat aber nicht mit einer Leica Fotografieren gelernt. Und sein Benutzen der Festbrennweite um die 50mm ist legendär.

Die Fotos, die er mit diesen Kameras gemacht hat, wären heute in digitalen Zeiten auch mit jeder durchschnittlichen Kompaktkamera in dieser Qualität möglich.

 

Hätte sich Cartier-Bresson heute überhaupt eine Digitalkamera gekauft oder direkt nur noch ein Smartphone?

Ich glaube, er hätte den Sucher gemocht, weil Sucherfotografie intensiver ist und weil der Sucher seiner Art entsprach, der Wirklichkeit einen Rahmen zu geben und das Foto geometrisch zu gestalten.  Deshalb wäre das Smartphone wohl nur eine Ergänzung gewesen.

Er wollte ja immer eine kompakte und schnelle Kamera haben, die er unauffällig benutzen kann.

Und da würde es heute natürlich eine andere und bessere Auswahl geben.

In der Tradition von Leica mit einem besseren Sucher wäre die Fuji X100 interessant.

Entscheidend wäre sicherlich eine Kombination von Sucher und Monitor und er wäre bestimmt auch experimentierfreudig genug, um Aufnahmen mit dem Monitor zu machen.

Zudem bin ich überzeugt davon, daß er auch in Farbe fotografiert hätte. Das hat er ja auch zu seiner Zeit, aber es gefiel ihm nicht so. Auf dem Monitor und mit der Möglichkeit sofort mehr zu sehen, wäre dies vielleicht anders gewesen.

Denn auch er wußte, daß manche Fotos monochrom und manche farbig besser wirken.

 

Wäre er bei einer größeren Kamera geblieben oder hätte er sich eine kleinere Kamera geholt?

Das ist ein Kapitel aus dem Themenbereich der ungeschehenen Geschichte.

Er hat gerne mit der Minilux fotografiert als es sie gab: „Die Leica ist eigentlich gar keine Leica, sondern sie wurde von 1995 bis 2003 von der Firma Panasonic aus japanischen Bauteilen gefertigt.  Lediglich das Summarit-Objektiv stammt aus deutscher Rechnung, aber auch nicht aus deutscher Fertigung.“

Es war also nicht der Messsucher und die Kameragröße an sich, da der Sucher der Minilux bzw. Minilux Zoom  ja viel kleiner war und die berühmten zwei Lämpchen hatte, die bis vor kurzem bei allen optischen Suchern mit Autofokus zu finden waren: „Sucher:  Realbild-Sucher mit Markierungen für das Autofocus-Meßfeld, für Aufnahmen im Nahbereich und für Panorama-Aufnahmen. Blitz-Funktionsanzeige durch eine rote Leuchtdiode. Funktionsanzeige für Autofocus und Belichtungsmessung durch eine grüne Leuchtdiode.“

Das ist sehr gut in dem Buch Faceless zu sehen.

Aus heutiger Sicht hat danach und bis heute überhaupt die wahrscheinlich besten optischen Sucher die Firma Fuji mit der X100 für eine größere und mit der Fuji  X10 bzw. X20 für eine kleinere Digitalkamera mit Autofokus angeboten und bei den „kleineren“ optischen Suchern war und ist der optische Sucher der Fuji X10 davon letztlich wohl der beste.

(Anmerkung 2018: Hier eine kleine Ergänzung dazu)

 

Was würde Henri Cartier-Bresson heute nutzen?

Wenn ich mir nun anschaue, was aktuell auf dem Markt verfügbar ist, dann wäre für mich die Wahl klar.

Foto: Michael Mahlke Lumix TZ71

Foto: Michael Mahlke Lumix TZ71

Es wäre unter technischen Gesichtspunkten und der Bequemlichkeit, wenn man unterwegs ist, eine Panasonic Lumix TZ-71.

Da diese Digitalkamera ein Leica-Objektiv hat, wären alte Namen und neue Möglichkeiten hier taschenfreundlich vereint.

Auch das Design ist fein.

Und man kann neben allen klassischen und fortschrittlichen Techniken sogar mit Sucher manuell sehr detailliert scharfstellen mit elektronischer Hilfe. Nur die Olympus Stylus 1 ist besser aber auch etwas größer. Sie hätte ihn vielleicht auch interessiert. Ohne Sucher aber mit der Möglichkeit einen Sucher aufzustecken könnte es auch die Ricoh GR mit dem APS-C Sensor sein, weil die auch klasse für Street ist.

 

Hätte Herr Cartier-Bresson meine Meinung geteilt?

Es bleibt offen, ob Monsieur Cartier-Bresson sich aus sozialen Gründen als reicher Mann dann nicht doch lieber eine teurere oder größere Kamera gekauft hätte. Wahrscheinlich hätte er sie sogar geliehen oder geschenkt bekommen.

Aber für Reportage und Street und schnelle Schnappschüsse unterwegs ist die Lumix TZ-71 eine gute Wahl.

„Alles dran und alles drin“ stimmt wirklich.

Das liegt vielleicht auch daran daß es nicht die erste Kamera in der Serie ist und Panasonic auch Erfahrungen integriert. Sie ersetzt in meinen Augen auch eine so gute Kamera wie z.B. die DMC-FZ150, die im Bereich der Bridgekameras bis heute wirklich gut ist. Ich persönlich würde sogar noch schwanken zwischen der Lumix TZ-71 und der DMC-LF1 alias Leica C.

Na gut!

Andere leichte, technisch und optisch ausgereifte und flexible Kameras mit Sucher wären sicher auch möglich und wenn ich den Artikel in fünf Jahren noch mal schreiben sollte, würde das Ergebnis sicher wieder neu ausfallen.

Aber wer kennt dann noch seinen und meinen Namen und stellt sich so eine Frage?

Vielleicht mehr als man heute meint.

Wer weiß!

Die Kamera ist sicherlich nicht die beste Kamera, um eine Kartoffel zu fotografieren oder eine Handtasche und dafür dann 1 Million Dollar zu erhalten.

Dafür muß die Kamera wohl teurer sein.

Aber sie ist gut genug um das Soziale im Ablauf von Begegnungen, Momenten und dem Leben festzuhalten. Dafür gibt es dann aber nicht so viel Geld – aber mehr Leben.

Da man nach dem Leben und dem Sterben im Himmel alle Menschen wiedertrifft, werde ich dann die Gelegenheit nutzen, um Monsieur Henri Cartier-Bresson selbst zu fragen. Ich hoffe es dauert noch ein Weilchen, aber wenn es so weit ist, bin ich auf seine Antwort gespannt.

Nun hoffe ich, daß ich in fünf Jahren (heute ist 2016) den nächsten Artikel mit dieser Frage schreiben kann – ich bleibe dran.