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Fakenews in der Streetphotography


„Übrigens hat der bekannte Theoretiker der Fotografie, Walter Benjamin, den Flaneur, der spaziert und fotografiert, als Kämpfer gegen die zunehmend arbeitsteilige Gesellschaft gesehen, weil er eben das Ganze im Blick haben wollte. Insofern kann gerade die Fotografie, die den heutigen sozialen Zustand so zeigt, wie er vor Ort ist, ein Beitrag sein, der die Sinne schärft und im Kopf Veränderungspotential erzeugt – wenn man es zeigt und drüber spricht.“

Diese Anmerkungen sind aus einem Artikel über Kameras für arme Leute im Zeitalter von Hartz4.

Was ist überhaupt ein Flaneur?

Gerhard Hentschel hat das vor 18 Jahren einmal so zusammengefaßt: „Die Erforschung der Frage, wann der Flaneur von uns gegangen sei oder ob er nicht sogar noch lebe und flaniere, hat sich zu einem eigenen Wissenschaftszweig ausgewachsen. Da der Flaneur kein normalsterbliches Individuum ist, sondern ein Typus, helfen die verfeinerten Methoden der medizinischen Diagnostik den Fachleuten nicht weiter. Sie sind sich nicht einmal darüber einig, ob sie sich am Siechbett, am Grab oder um die exhumierten Gebeine des Flaneurs versammelt haben. Während die einen sein Skelett mazerieren, messen die anderen dem Flaneur noch das Fieber. Er wird gleichzeitig beweint, beatmet und obduziert, beim Flanieren observiert und wieder totgesagt: „Auch die heutigen Fußgängerzonen“, schreibt Neumeyer, „stimmen vielmehr das Lied vom Tod des Flaneurs an, als dass sie seiner Gehbewegung durch die Schaffung einer verkehrsfreien Zone wieder einen Raum schenken. Man, das heißt der Verkäufer, spekuliert, damals wie heute, auch auf die Richtungs- und Ziellosigkeit einer Gehbewegung, um den mit ihr verknüpften freien Blick zu fesseln; man kokettiert mit dem Gehen-Sehen des Flaneurs als Kapitalanlage.“

1988 war Rüdiger Severin optimistischer gewesen: „In den letzten Jahren entstanden im Rahmen der Sanierung von Innenstädten immer mehr Passagen; Lichthöfe in Edelkaufhäusern und auch in der Industriearchitektur gelten wieder als zeitgemäß. Vielleicht findet der Flaneur hier zu seinem dritten Frühling, in Gestalt des walk-man etwa.“ Barry Smart sah den Flaneur 1994 als „zapping radio listener“ auferstehen, als „insular package-tour flanerie“ betreibenden Pauschaltouristen und als wählerischen Restaurantgast. Florian Rötzer machte 1997 den „Netzflaneur“ in den „schmutzigen, dunklen, extravaganten und innovativen Winkeln des Cyberspace“ ausfindig. Andererseits hatte Peter Handke 1980 offiziell „Das Ende des Flanierens“ verkündet. Aber ob man dem Flaneur Vitalität bescheinigt, Bulletins ausstellt oder Nachrufe widmet, tut nicht viel zur Sache: Jede Rede vom Flaneur wirft einen Distinktionsgewinn ab; ihr Inhalt ist zweitrangig.

In seiner großen Zeit war der Flaneur, in bedenklicher Ämterhäufung, unter anderem „der Priester des genius loci“ (Benjamin), Dichter, Jäger, Lumpensammler, Spurenleser, Traumdeuter, Physiognom, Detektiv, Archäologe, Dandy, Tramp und „letzter Mohikaner“ (Michael Opitz). Er erschien „als Agent der ästhetischen Moderne oder als Inspizient des Modernisierungsprozesses“ (Harald Neumeyer). Ein brandneues Werk aus Kalifornien (Anke Gleber: „The Art of Taking a Walk“) weist nach, dass der Flaneur Träumer, Historiker und moderner Künstler gewesen sei. In Abwandlung eines geflügelten, Daniel Düsentrieb von Erika Fuchs soufflierten Wortes darf man wohl sagen: Dem Flaneur war nichts zu schwör.

Benjamin zufolge trug er „die Züge des unstet in der sozialen Wildnis schweifenden Werwolf“ und war doch zugleich von äußerst scheuem und subtilem Wesen. Ins Bild des Flaneurs gingen viele Knabenträume des zwanzigsten Jahrhunderts ein: Er war Kara Ben Nemsi, Sherlock Holmes, Arsène Lupin, Howard Carter, Marco Polo, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, Clochard und eiskalter Engel zugleich, dabei finanzieller Sorgen ledig, trug ein duftendes Baguette unterm Arm und eine glimmende Gauloise im Mundwinkel und war überhaupt ein ganz famoses Haus.“

Beginnt mit der digitalen Fotografie der 3. Frühling des Flaneurs und der Flaneuse?

Wenn wir heute den Umgang mit der modernen Fotografie betrachten, dann passen Streetfotografie und Flaneur richtig gut zusammen. Gerade wenn man den Flaneur vom Dandy abgrenzt wird deutlich, wo der Unterschied liegt.

Wolfgang G. Müller beruft sich auf Harald Neumeyer, wenn er dies alles so beschreibt: „Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Figurentypen liegt darin, daß sich der Dandy in der Öffentlichkeit zeigt, um gesehen zu werden, während sich der Flaneur durch die Stadt bewegt, um zu sehen.“

Und genau deshalb beginnt mit dem Aufstieg der digitalen Fotografie der 3. Frühling des Flaneurs. Denn jetzt kann das Sehen und das Fotografieren in der Stadt als Straßenfotografie in einem umfassenden Sinne und auf vielfältige Weise geschehen.

Nie war so viel möglich wie heute. Es sind nicht nur die Smartphones, die mit ihren eingeschränkten Möglickeiten als immer dabei Fotokamera die immergleichen Fotos liefern mit ungestellten gesehenen Momenten.

Gerade die Fortschritte bei den reinen Digitalkamers ermöglichen es heute schon bei der Aufnahme gestalterischer vorzugehen und Dinge auszuprobieren, die früher technisch so einfach nicht möglich waren.

Es sind aus meiner Sicht großartige Zeiten für das flanierende Fotografieren angebrochen.

Der Rahmen ist dabei die Metropole. Flanierendes Fotografieren ist weder Landschaftsfotografie noch urbaner Raum.

Konkret bedeutet dies für mich z.B. die Fotos von Peter Lindbergh zu Women on street sind eben kein Ergebnis des Flanierens und der Streetfotografie. Es sind schöne Fotos aber eben gestellt mit vorgegebenen Personen in einem vorgegebenen Rahmen.

Wenn ich Werner Spies hier richtig verstehe, dann ist Peter Lindbergh eine Ableitung (derivation) vom Flaneur und er macht keine Streetfotografie, er fotografiert nur auf der Straße aber seine Fotos sind quasi die Umsetzung einer Erzählung von Edgar Allan Poe – also dem Verbrechen auf der Spur?

Werner Spies schreibt:

„The Illegible Man, by Werner Spies

“Women on Street” – the works presented in this exhibition and catalogue are the result of “street photography.” Two entirely different, indeed incompatible approaches collide here. The scenes and vantage points that determine the images can be traced back to one of the most fascinating phenomena of the nineteenth century, the flâneur. Isn’t this figure the rightful patron of street photography? He entered the scene during the period of the discovery and rapid spread of private photography. The activity – or rather, passivity – of the flâneur depended on the city, the urban environment. Everything else remained basically foreign to him. The sight of the wares in display windows, isolated and divorced from their context, triggered a poetization of the modern world, fashion and fleetingness that was conducted most radically by Baudelaire and the Impressionists. The point was no longer a methodical involvement with the visible world and its utility. One has the impression that with the flâneur, idly strolling through streets and squares, the Enlightenment began to dim and the systematic knowledge pursued by Diderot in his work on an inventory of the world, the Encyclopedia, grew unimportant. The eye became subordinate to experience; rather than taking stock and trying to understand, it began to nervously wander and succumb to the charm of the accidental and ephemeral.

This derivation from the flâneur is obvious in the case of Garry Winogrand and Peter Lindbergh. For them, too, the street serves as a forum for discoveries and encounters. They tend to lend reality a poetic aspect. There is no admixture of evil in their imagery. Yet how different are the results that confront one another in the present selection. Winogrand’s works diverge in a key sense from what Lindbergh shows us. In order to grasp this difference, we might compare it to two approaches found in literature. In Lindbergh’s case the parallel would be with Edgar Allan Poe’s tale The Man of the Crowd, and in Winogrand’s one of the most famous and frightening passages in André Breton’s Second Manifesto of Surrealism. In fact I can think of nothing better than Poe’s story to describe the expectations and moods triggered by Lindbergh’s photographs. He retains women’s enigmatic character, their beauty and sensuousness. The point, for him, is pristineness. Even though he photographs on the street in this case, the street is not his subject.“

Und wenn wir bei dem Katalog zu der Ausstellung bleiben, dann schreibt ein Leser über den Katalog: „Where Winogrand’s work is actual street photography in the best sense of „let’s go out and see what we can find“, Lindbergh gets a model and essentially shoots test pictures for her book.“

Und dennoch wird hier einzig und allein mit dem Etikett der Streetphotography gearbeitet?

Ich möchte dies mit dem Artikel „Peter Lindbergh als Straßenfotograf“ in der sz belegen. Denn dieser Artikel ist die Bestätigung und der Beleg für meine Vermutung: Etikett aufkleben und medial umsetzen. Und in dem Artikel steht dann auch noch, daß Herr Lindbergh nichts dem Zufall überlassen hat. Aber die Überschrift ist das Etikett und das ist eindeutig.

Nur ein guter Straßenfotograf ist ein guter Fotograf? Ich vermute das Etikett Street photography bzw. Streetfotografie scheint für Fotografen ebenso wichtig wie Museumsqualität für Fotokunst. Man verleiht die Orden und Etiketten unter sich, weil man selbst beschließt, was angeblich was ist. Das geschieht in letzter Zeit öfter. Es gibt sogar einen Atlas der Streetfotografie, bei dem das Fotografieren von Achselhöhlen in der U-Bahn als Fortentwicklung von Walker Evans gilt.

Wenn man ehrlich ist, dann ist es schwer, echte Momente ungestellt einzufangen und es ist zudem nicht immer ein großartiger Moment sondern oft ein Moment, indem man etwas sieht, was der Zufall gerade so im sozialen Rahmen zusammenbrachte.

Losgelöst von Herrn Lindbergh würde ich schreiben, da man diese zufälligen Momente nicht stellen kann, wird letztlich so getan oder einfach umgedeutet. Dann werden stattdessen gestellte Szenen oder die Erweiterung zum urbanen Raum unter das Etikett Streetphotography gepackt und alles ist gut? – Ist es natürlich nicht, weil die klasse klassischen Kriterien verhunzt werden, die man ja durchaus auch digital anwenden kann.

Denn die entscheidenden Momente sind sonst ja echte Ergebnisse des Flanierens und des Fotografierens im decisive moment – ungeplant und ungestellt.

Aber so ist die Welt und es gibt kein internationales Strafgericht für fotografischen Etikettenschwindel und so bleibt es so wie es ist. Medienmacht bestimmt welches Etikett worauf paßt.

Und wer es merkt so wie ich, der kann darüber schreiben und doch nichts ändern.

So laufe ich wie Sisyphos schreibend den Berg rauf und unten hat schon wieder einer die falschen Etiketten aufgeklebt.

Der Etikettenschwindel ist ein Zeichen der Wirklichkeit, so nennt man Fakenews in der Streetphotography.

Aber das ändert nichts daran, daß jenseits der Medienetiketten heute eine schöne Zeit für das Flanieren und Fotografieren begonnen hat.

Wir sollten die Zeit nutzen.

PS: Dieser Artikel wurde am Erscheinungstag über 3000 mal plus x gelesen.

Die Entkoppelung von decisive moment und street photography

street_photography_photokina_1000

Im Marketing hat sich zumindest auf der Weltmesse Photokina beim Thema Streetfotografie etwas getan.

Der entscheidende Moment als Wesensmerkmal guter Strassenfotografie wurde komplett von der Streetphotography entkoppelt.

Früher wurde damit geworben, daß die Kamera schnell genug sei, um jeden Moment schnell genug einzufangen, damit kein entscheidender Moment bei der Streetfotografie verloren geht.

Das ist im Moment vorbei. Jetzt ist street photography alles auf der Straße und um die Straße herum.

Ich hatte auf der Photokina den Eindruck, es geht eigentlich nur noch um das Sehen einer Kamera einer Marke und das Wort Street Photography, weil dieses eben positiv besetzt ist so wie auf dem Foto – plakative Werbung.

Fotografieren im urbanen Raum ist aber nicht Streetfotografie, höchstens Streetsfotografie bzw. urbane Fotogafie.

Es geht eben nicht mehr um das soziale Leben auf der Straße mit dem entscheidenen Moment sondern um urbane Strukturen, also Straßen, Häuser und Dinge – manchmal auch Menschen.

Das ist keine Streetfotografie sondern der Versuch der Umwertung der Streetfotografie – vielleicht eine Ab-Art der Streetfotografie?

Aber weil es so auf der photokina zu sehen ist, wollte ich diese Randnotiz auch festhalten.

 

Saturn im Schützen und Chewing Gum in Wuppertal oder wie ich lernte meine Welt zu akzeptieren

chewing gum in wuppertal by mike mahlke

chewing gum in wuppertal by mike mahlke

Die Qualität der Zeit

Aktuell ist Saturn in Schütze. Das sagt Astrologen etwas. Astrologen schauen auf die Konstellationen am Himmel und dann auf die Ereignisse auf der Erde. Das sammeln sie wie Historiker. Das nennt sich Mundanastrologie und so kann man sagen, als das letzte Mal diese oder jene Konstellation am Himmel war geschah folgendes auf der Erde. Das meint man mit „wie oben so unten.“

Als das letzte Mal Saturn in Schütze war gab es den Zusammenbruch des Sozialismus, es gab Glasnost, Perestroika, den Fall der Mauer etc. Das meinen Astrologen mit Zeitqualität.

Und nun haben wir gerade den Fall der Grenzen in der EU und in Deutschland. Aber Saturn bleibt noch ein paar Jahre, so daß es noch weiter geht. Grenzen, falsches Denken, Revolutionen, alles ist möglich.

Im persönlichen Horoskop spielt Saturn auch immer eine Rolle, je nach den Aspekten im Radix.

Saturn räumt auf im Leben.

Nun denn – hallo Saturn!

chewing gum on christmas market - Foto: Michael Mahlke

chewing gum on christmas market – Foto: Michael Mahlke

Die Qualität der Statistik

Eric Kim gilt für David Gibson in seinem Buch über Streetfotografie als DER Streetfotografie-Guru der sozialen Netzwerke.

Kim selbst ist von mir schon einmal diskutiert worden. Mir fehlte damals sein persönliches fotografisches Profil. Die Nutzung der sozialen Medien hat er wirklich gut drauf. Nun hat er einen Artikel über das Bloggen geschrieben, der mich zu diesem Artikel inspiriert hat. Das spricht für seinen Artikel.

Dort schreibt er, daß er pro Tag auf seinem Blog täglich (11/2015) ca. 7.000 unique visits hat.

Bei Facebook hat er mehr als 250.000 Menschen, die seine Beiträge abonniert haben.

Ich habe beim Thema Fotografie im Bereich Fotomonat mit artlens, streetlens und frontlens im deutschen Sprachraum aktuell 2015 im Schnitt gut 3.600 unique visits pro Tag. Und ich bin überhaupt nicht auf Facebook damit.

Falsch verstanden, die Pfeile zeigen in Remscheid den Weg zum Ascher und Papierkorb - Foto: Michael Mahlke

Falsch verstanden, die Pfeile zeigen in Remscheid den Weg zum Ascher und Papierkorb – Foto: Michael Mahlke

Die Qualität des Privaten

Gut die Hälfte ohne Facebook und nur für den deutschsprachigen Raum.

Das finde ich nicht schlecht.

Die Logik bei Facebook ist ja, daß ich etwas kostenlos produziere und Facebook zur Verfügung stelle, damit dies dann mit ihrer Werbung den Followern zur Verfügung gestellt wird. Verdient hat also trotz vieler Follower nur Facebook. Und für dieses Adressbuch stelle ich auch noch freiwillig die absolute Überwachung aller meiner Aktivitäten zur Auswertung und zum Weiterverkauf zur Verfügung. Das muß nicht sein. Hinzu kommt, daß ich dort nur so schreiben darf wie Zuckerberg es will. Zensur ist also inbegriffen wie ich schon erlebt habe.

Weniger ist für mich mehr.

Eric Kim hat ebenso wie ich kostenlose PDF-Bücher zur Streetfotografie zur Verfügung stellt.

Meine sind etwas kleiner und schneller zu lesen und in zwei Sprachen verfügbar.

Eric Kim ist in den sozialen Medien und im englischsprachigen Raum viel weiter verbreitet.

Ich bin digital nur halb so groß und nicht kommerziell sondern privat.

Insofern freue ich mich, wenn Sie hier meine „mittelständischen“ privaten Räume besuchen und lade Sie abschließend noch ins Wupperartmuseum ein.

Eine gute Zeit

Michael Mahlke

 

Soziale Konditionierungen bei der Street-Fotografie

Ganz heimlich fotografieren geht nicht, wenn man echte Streetphotography machen will.

Heute kann man zwar auch ganz heimlich fotografieren aber der Reiz besteht ja im bewußten Gestalten eines Fotos im entscheidenden Moment, wenn man sich eigene Maßstäbe gesetzt hat.

Und da hat sich was verändert.

Unauffälliges Fotografieren bedeutet unbeobachtetes Fotografieren.

Unbeobachtet ist man eher wenn man nicht auffällt.

Ab wann fallen Digitalkameras nicht auf?

Nach meinen Beobachtungen wird heute die Handygröße bei Digitalkameras akzeptiert.

Bei größeren Kameras wird man mehr beobachtet, so daß die ungestörte Konzentration auf einen Ablauf schwieriger ist oder sogar beeinflußt wird.

Handys bzw. Smartphones selbst als Ersatz mag ich nicht obwohl die wiederum völlig akzeptiert sind.

Aber damit kann man nicht unauffällig mit Sucher fotografieren.

Streetfotografie bzw. Straßenfotografie fängt mit S an.

S steht für Street, Sucher und Shutterspeed (Zeitvorwahl).

Zudem muß die Kamera griffig und kantig sein oder ein tolles Design haben.

Und dann geht es hinaus in die Welt, um zu schauen, ob mann/frau es schafft nach den Kriterien der Fineart-Straßenfotografie die entscheidenden Momente so einzufangen, daß möglichst viele der fünf Kriterien erfüllt sind.

Und da wo der Sucher fehlt sollte Fineart-Straßenfotografie noch einfacher sein – aber unauffällig.

Das hier ist nicht unauffällig:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Und das hier ist keine Streetfotografie sondern Streetsfotografie – da ist auch wieder ein S bei:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Nachdem nun klar ist, was keine Straßenfotografie ist, sollten Sie schon ahnen, was echte Streetfotografie ist.

Wenn Sie in diesem Blog weiterlesen, finden Sie davon noch eine ganze Menge.

 

Strassenfotografie = Strassenüberfall?

Foto: Michael Mahlke

Eine Meinungsäußerung – keine Rechtsberatung

Es gibt zunehmend Menschen, die verwechseln Fotografieren mit Überfallen. Sie scheinen eine Pistole und eine Kamera gleichzusetzen.

Es wird in Deutschland zwischen materiellen und immateriellen Gütern unterschieden.

Wenn ein Räuber einen Überfall mit einer Pistole auf der Strasse begeht und mir meine materiellen Güter wegnimmt oder ein Fotograf/eine Fotografin mich ungefragt fotografiert und mir immaterielle Güter wegnimmt – wo ist da der Unterschied?

Der Räuber hat mir meine materiellen Güter weggenommen, der Fotograf hat mir meine immateriellen Güter weggenommen, in diesem Fall einen Teil meiner Persönlichkeitsrechte wie z.B. das Recht über Abbildungen von mir selbst zu verfügen.

Das gilt, wenn ich direkt erkennbar bin und Hauptteil eines Fotos.

Wenn ich nicht direkt erkennbar bin, dann sehe ich dies nicht so.

Denn es gibt auch eine Öffentlichkeit und einen öffentlichen Raum, der fotografisch genutzt werden kann.

Aber so?

Da eine oder mehrere Abbildungen von mir gemacht wurden, auf denen ich direkt erkennbar bin und ich deren Gebrauch nicht kontrollieren kann, ist dies meiner Meinung nach eine Verletzung meiner persönlichen Rechte.

Zudem können diese ohne Erlaubnis und unter Verletzung meiner Rechte erstellten Abbildungen materiell, immateriell und illegal ohne mein Einverständnis genutzt werden.

Man kann mir meine Uhr klauen, aber wenn man Fotos von mir ohne Einverständnis macht und woanders nutzt, dann klaut man mir sogar noch meine Anonymität und erweckt eventuell Eindrücke, die nicht stimmen!

Das ist neu und hat eine andere Qualität.

Da wir in einer neuen Zeit leben, die in einer Demokratie die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen wie die Selbstbestimmung über die eigenen Daten (wozu gerade heute auch Fotos gehören) zu recht wichtig nimmt, wäre zu fragen, ob Strassenfotografie den Tatbestand des Datendiebstahls erfüllen kann und ab wann die Verletzung der Persönlichkeitsrechte erfolgt nach deutscher Rechtsauffassung?

Zudem wäre zu fragen, ist es ein Akt der Gewalt, denn dies erfolgt gegen meinen Willen?

Und das Gewaltmonopol liegt bei uns allein beim Staat.

Eine anderer Fall ist es, wenn es um die öffentliche Berichterstattung von Ereignissen geht.

Was wann öffentlich ist, das ist dann die Frage.

Und Strasse allein ist keine Öffentlichkeit!

Wer Stockphotos verkaufen will mit erkennbaren Personen, der muß bei einigen Agenturen für jedes Foto ein Model-Release vorlegen, bevor das Foto freigeschaltet wird – warum wohl?

Ich empfehle in diesen Fällen immer das Buch von Wolfgang Rau. Dort findet man gute Orientierung.

Übrigens gilt das auch für Drohnen und fliegende Kameras. Wer glaubt mit einer Drohne einfach mal so Grundstücke und Strassen überfliegen und aufnehmen zu können, der sollte nicht an den Falschen geraten.

Aber es gibt ja fotografische Lösungen, die das Konfliktpotential fast völlig minimieren und den Spass am Fotografieren erhöhen.

Wer nach  den 5 Sterne-Kriterien der Strassenfotografie vorgeht, trainiert sein fotografisches Können und hat diese Probleme dann auch eher nicht.

Und wer 5-Sterne Fotografie betreibt, der hat noch einen ganz grossen Vorteil.

Er gibt der neuen Gesichtserkennungssoftware keine Chance. Das kann sich in Zukunft noch als sehr nützlich erweisen.

Darüber hinaus haben meine hier niedergeschriebenen Gedanken noch eine große Einschränkung.

Das alles gilt nämlich nur dort, wo es das Recht am eigenen Bild gibt und der Sinn des Ganzen nicht verdreht wird.

Was meine ich damit?

Wo gefoltert würde, wäre es richtig, Folteropfer und Täter erkennbar zu fotografieren, um die Folter belegen zu können.

Dazu finden Sie hier mehr.

Text 1.3

 

Free Ebook Streetphotography – 10 Examples for the 21th century

Foto: michael Mahlke

You want to know how to make good street photography with colour and small (compact) digital cameras?

  • What is the difference between black and white (monochrome) streetphotography and coloured streetphotos?
  • How can you use small cameras for streetphotography?
  • How must you shot if you want to accept the personal rights of a person?

In this Ebook you find answers to these questions with 10 examples from real life.

Here you get a free ebook with 10 masterpieces of street photography for the 21th century.

It is a PDF-Ebook and you get it here for the Adobe Reader.

 

The Eye is a Lonely Hunter

Was kann Fotografie heute, was macht Dokumentarfotografie heute? Wer sich heute diese Fragen stellt, der wird mit dem Mut zur Entscheidung immer wieder fündig werden und er hat das Sprachproblem der Welt gelöst, denn „Fotografie ist zu einer globalen Sprache geworden“.

So beginnt die Danksagung des Vorstandes des Fotofestivals Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg in dem Buch zum 4. Fotofestival, welches im Kehrer Verlag erschienen ist.

Das Buch ist eine aktuelle Dokumentation lebendiger fotografischer Versuche, die Welt und uns selbst zu zeigen und festzuhalten. Einige fotografische Projekte sind global angelegt, andere lokal. Die Ausstellungsmacher haben hier ein Stück Fotografie der Welt festgehalten, eine Momentaufnahme mit vielen Blicken, die zeitlich und thematisch in die Tiefe geht.

Viele erzählen kleine Geschichten, die übertragbar wären. Katerina Gregos und Solverj Helweg Ovesen sprechen in dem Buch – vielleicht auch deshalb – über „Eine Betrachtung der Conditio humana im Jahr 2011“.

Das Auge als „einsamer Jäger“ soll weder selbstgerecht-westlich noch kolonial sein, sondern die Conditio humana in all ihrer Komplexität, Verschiedenheit und Unsicherheit“ aufzeigen.

Das Buch aus dem Kehrer Verlag dokumentiert diese Mischung in erstklassiger Weise. In einer globalisierten Welt ist der Rahmen des menschlichen Lebens und Sterbens deutlicher geworden. Es gibt keine Flucht in eine andere Welt mehr, nur in eine Scheinwelt, die die Wirklichkeit der eigenen Existenz nicht aufheben kann.

Es gibt immer mehr nackte Wahrheiten und die zeigen das Mischwesen Mensch, die Conditio humana – und das bedeutet neben der Hoffnung die gnadenlose Hoffnungslosigkeit und Zerstörung.

Das Buch mit seinen Fotos macht darauf aufmerksam und vermittelt vielfach sehr sensibel den Geist der Ausstellung, die aufgeteilt an verschiedenen Orten ist und nur im Buch zusammengetragen wird.

Hier wird deutlich, was Fotografie kann und wo sie Aufforderung zum Handeln ist.

Aber für mich hat dieses Buch noch eine andere Dimension. Max Frisch hat einmal geschrieben: „Der Mensch lebt den Widerspruch und zersetzt damit jegliche Ideologie.“

So macht das Anschauen der Fotos – zumindest mir – deutlich, dass die Menschheit überhaupt noch keine Antworten auf die globalen Probleme hat. Denn die Menschen sehen ihre Welt immer von dort, wo sie sind.

Und die Vielfältigkeit der Welt deutlich zu machen – bei uns alle betreffenden Problemen – ist eines der grossen Themen, die dieses Buch uns zeigt.

Um es kurz zu machen: Wer ein aktuelles Buch über Fotokunst und dokumentarische Fotografie sucht, das konzeptionell gestaltet ist und einen „echten“ fotografischen Blick auf die aktuelle „Conditio humana“ wirft, der wird wohl weltweit aktuell nichts besseres finden.

Infos zur Ausstellung
4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg
The Eye is a Lonely Hunter

 

Unter dem Titel „The Eye is a Lonely Hunter – Images of Humankind“ fokussiert das 4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg eine humanistische Sichtweise innerhalb der Tradition der Dokumentarfotografie. Es präsentiert Positionen, die in der Schnittmenge zwischen Dokumentar- und Kunstfotografie angesiedelt sind und die sowohl ein starkes visuelles Moment als auch ein feines Gespür für soziopolitische Zusammenhänge kennzeichnet. Es versucht einen Überblick über die conditio humana zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, gesehen von einer Vielzahl geografischer Standpunkte wie Afrika, Südamerika, Osteuropa und Asien. Der Katalog spiegelt das Thema des Humanismus in zeitgenössicher Kunst und Dokumentarfotografie visuell und theoretisch wider. Texte der Kuratoren führen in strukturierende Unterthemen ein: Ecological Circuits, The Practice of Everyday Life, Role and Ritual, The Effect and Affect of Politics und Life Cycles. Jeder der teilnehmenden Künstler wird mit einem eigenen Bild- und Textteil vorgestellt.

 

Herausgeber: Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg e.V., Katerina Gregos, Solvej Helweg Ovesen
Autoren: Carolin Ellwanger, Heide Häusler, Jonatan Ahlm Brenander, Katerina Gregos, Solvej Helweg Ovesen, TJ Demos

 

Broschur mit Schutzumschlag
18 x 24,5 cm
240 Seiten
267 Farbabb.
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-86828-240-5

Henri Cartier-Bresson, A Propos de Paris

„Man kann Paris immer verlassen, Paris selbst verläßt einen nie.“ So lautet ein Satz von Vera Feyder in der Einleitung zu dem wunderschönen Buch über Paris von Henri Cartier-Bresson. Als der Verleger Lothar Schirmer die Ausstellung „Paris  à vue d´oeil“ im Jahre 1984 gesehen hatte, wuchs in ihm die Idee eines Buches.

Das Buch ist 2007 in der sechsten Auflage erschienen. Mittlerweile ist es ein Buch über Henri Cartier-Bresson und über Paris und seine Geschichte im 20. Jahrhundert und über die  fotografische Komposition der Realität. Es ist auch eine eindrucksvolle Studie über Strassenfotografie und den Blick von Henri Cartier-Bresson.

Wer sich schon etwas auskennt, der findet hier erstaunlich viele bekannt gewordene Fotos, die mit dem Namen Cartier-Bresson verbunden sind. Sie zeigen, dass Paris und seine Motive eindrucksvoll wichtige Momente des Menschseins lieferten und die Stadt mit ihren Motiven für ihn ein Dreh- und Angelpunkt für die Art der Fotografie war, die ihm selbst wichtig erschien.

Das Buch ist ein schönes Paperback mit Fadenheftung und sehr vielen eindrucksvollen Schwarzweißfotos.

Es ist ein Buch, das nicht langweilig ist. Im Gegenteil, seit der Erstauflage hat das Buch noch zusätzliche Dimensionen der Betrachtung erhalten. Erst war es ein Buch über Paris aus der Sicht von Henri Cartier-Bresson. Dann war es ein Buch über Strassenfotografie. Dann wurde es ein Buch zur Geschichte eines großen Fotografen und es ist heute auch ein fotografisches Geschichtsbuch.

Natürlich ist Paris größer als hier gezeigt. Aber es ist so wie mit dem Historiker, der immer mit einem Eimer aus dem Ozean des Wissens schöpft. Ebenso hielt Henri Cartier-Bresson mit seiner Leica Momente fest.

Aber es war nicht die Kamera sondern der Blick, der die Fotos zu geometrischen Kompositionen machte, zu vielfach festgehaltener Malerei in fotografischer Form. Ein Fotograf ohne Hilfsmittel ausser seiner Vorstellung und seines Blickes.

Seine Fotos erzählen Geschichten, manche werfen Fragen auf, manche laden ein und machen neugierig.  Henri Cartier-Bresson liebte die visuelle Grammatik der Geometrie. Er komponierte Bilder, indem er einen Moment der Realität mit dem Sucher festhielt, der dann auch eine Komposition wiedergab.

Dieses Buch ist ein Lehrbuch, ein Übungsbuch, ein Vorlagenbuch und ein Buch über Paris und Henri Cartier-Bresson. Es ist wunderbar geeignet, ein Gefühl für Paris zu vermitteln, wie es vielfach war.

In meinen Augen ist dieses Buch kein Buch für Fotoreporter sondern ein Buch für „Fotokomponisten“, wenn es dieses Wort denn geben darf.

Natürlich ist es nur eines von mehreren Büchern von und über Henri Cartier-Bresson. Er hat aber selbst die Auswahl der Fotos bestimmt, so dass es nicht nur über ihn sondern auch von ihm selbst ist.

Man kann froh sein, dass der Verlag es neu aufgelegt hat. So ist die Chance für engagierte Fotografinnen und Fotografen, das Gute statt des Neuen zu sehen und eventuell zu lernen, zum Greifen nahe.

Davon abgesehen ist es ein gutes Geschenk für sich selbst und andere.

Henri Cartier-Bresson, A Propos de Paris

ISBN-10: 9783888142956

ISBN-13: 978-3888142956

Elliott´s Erwitt New York


Wer Elliott Erwitt mag, der wird auch dieses Buch mögen. Schöne Schwarzweissfotos in angemessener Größe, eine gute Ausstattung mit Fadenheftung im großen Paperback und ein sehr instruktives Vorwort von Adam Gopnik runden dieses Buch positiv ab.

“Erwitts Thema ist der glückliche Zufall, der richtige Augenblick, der Moment, der einem einfach in den Schoß fällt.”

Und so finden wir quasi Blicke von New York, die Erwitt in den Schoß gefallen sind. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Denn das muß man merken und dann auch fotografisch Festhalten.

Ausführlich vergleicht Gopnik Cartier-Bresson und sein Buch über Paris mit dem Buch von Erwitt über New York.

In einem Film über Henri Cartier-Bresson, den ich gesehen habe, wird Elliott Erwitt interviewt. Dabei spricht er über seine Art zu fotografieren und die Situationen, die den Schnappschuss ausmachen.

“Sie beißt dich”, so die sinngemäße Aussage von Erwitt zur Frage, wie man die richtige Situation für den Schnappschuss findet. Dies zu bemerken ist die Kunst, die den grossen Strassenfotografen vom Mittelmass unterscheidet. Es sind immer Situationen, die ein Mensch in diesem Moment sieht und dann festhält – und dies werden dann die einzigartigen Augenblicke.

So entstand ein Buch, welches Momente des Alltags einer berühmten Stadt festhält. Elliott Erwitt schaut anders als Cartier-Bresson. Das führt zu einer anderen Art der Aufnahme. Er hält Momente in seiner Gesamtheit fest und weniger in der Geometrie.

So ist das Bild mit den drei Männern in Bunnykostümen (auf Seite 84-85), die entspannt an der Theke lehnen, ein echter Volltreffer.

Die drei kleinen Kinder im Flur (auf Seite 36) sind fast schon wie ein Gemälde und erzählen eine Geschichte. Die Faszination dieser Schwarzweissaufnahmen liegt darin, die Sensationen des Alltags, die immer wieder neu sind und doch das grundlegend Menschliche beinhalten, festzuhalten.

Manche Sensation ist banal, da kann dann auch das Bild nicht mehr sein als ein Einfangen der Banalität. Aber genau das ist es, was immer wieder gute Fotos ausmacht.

Oft erschließt sich der Witz und der tiefere Sinn eines Fotos erst bei einem längeren Hinschauen. Es sind Fotos aus mehr als 50 Jahren hier versammelt. Auch dies bietet interessante Einblicke in den Alltag wie in die Motive des Fotografen und seinen Blick auf die Menschen.

Nun ist Streetphotography heute inflationär. Fast jeder läuft mit einer Kamera rum, im Handy oder separat, und fotografiert irgendwo und irgendwas.

Hier sind Streetpix eingefangen mit dem Blick von Elliott Erwitt und dem Thema New York. Es ist für diesen Bereich ein lohnendes Buch. Und es kann dem suchenden Fotografen ein Gespür dafür vermitteln, dass es sich vielfach lohnt, einfach genauer hinzugucken bei den kleinen Dingen in unserer großen Welt und mit der Kamera dabei den richtigen Ausschnitt zu wählen.

Elliott Erwitt’s New York

50th Anniversary Edition / Paperback

published by teNeues

ISBN 978-3-8327-9587-0

Zufall und Motiv

Auf bildwerk3 ist ein Interview mit dem „Stern-Bildchef Andreas Trampe“. Auf die Frage nach dem Stellenwert von Story Telling und Street Photography antwortet Andreas Trampe u.a.: „Street Photography ist normalerweise nicht journalistisch, weil der Fotograf die Ergebnisse dem Zufall überlässt. Das kann ganz wunderbar sein, er kann aber auch ganz falsch liegen. Im Journalismus werden nicht nur schöne Bilder produziert sondern auch richtige Geschichten erzählt. Das ist bei Street Photography oft nicht der Fall.“

Dieser Gedanke inspiriert die eigene gedankliche Tätigkeit. Sind Journalismus und Strassenfotografie also Gegensätze? Das brachte mich zu der Frage des Zufalls. Dabei wurde mir klar, dass den Journalismus und die Strassenfotografie der Zufall verbindet. Beide brauchen ihn. Und nicht nur das. Der Zufall im Thema oder der Zufall als Thema wäre die einzige Unterscheidung, die mir einfällt.

Ich denke, der Zufall ist die erforderliche Untermenge in einem Thema. Jede Situation hat ihre innere Entwicklung. Diese kann langweilig sein aber sie ist da. Und es gilt, die für das journalistische Thema entsprechenden Momente festzuhalten. Und manchmal das Thema selbst. Wenn dich eine Situation beißt, dann mußt du fotografieren.

Semantisch muß ich jetzt noch fragen, ob der Zufall und der entscheidende Moment identisch sind? Sie können es sein, sie müssen es aber nicht. Nur scheinen Zufälle entscheidend für den entscheidenden Moment zu sein und damit gehört dann alles zusammen, was man gedanklich trennen kann.

So möchte ich nun mit meinem Gedanken hier enden und diesen als Anstoss für die weitere Gedankenbildung in die digitale Welt einpflegen und auf meinen Praxiskurs zu diesem Thema hinweisen.

Alt ist neu: Gedanken zur Strassenfotografie

Die Neuerfindung der Strassenfotografie im Zeitalter der Digitalkamera und Web 2 bis 3

Dimensionen eines Begriffes

Die Strassenphotographie oder Strassenfotografie oder Straßenfotografie oder Streetfotografie oder Streetphotography – wie sie auch immer heissen mag – , ist die bekannteste Form der Schnappschussfotografie. Sie ist eine Untermenge der Dokumentarfotografie.

Geschichte

Nicht umsonst heisst ein Buch auch „Der Schnappschuss und sein Meister“ und beschreibt Leben und Werk von Henri Cartier-Bresson.

Cartier-Bresson wurde berühmt, weil er u.a. folgende Merkmale hatte:

  • er war oft an den Brennpunkten des Weltgeschehens,
  • er fotografierte immer das, was andere nicht fotografierten,
  • er benutzte das Kleinbildformat und legte sich dabei auf die Leica fest und
  • er gestaltete seine Fotos nach der Geometrie der Malerei.

Was nun die Leica angeht, so wird er immer mit der Leica M in Verbindung gebracht. Dies stimmt nur bedingt. Es beruht darauf, dass er das Kleinbildformat als Bildgrösse am liebsten hatte, weil es auch seiner Art zu sehen entsprach. Denn Cartier-Bresson hatte u.a. Malerei studiert.

Aber als es die Minilux gab, die auch das Kleinbildformat nutzte, benutzte er die Minilux. Seitdem streitet die Gemeinde, ob er die Minilux gebraucht hat, weil er schon älter war oder weil sie bequemer und schneller war. Dabei geht es natürlich auch um die Frage der Messsuchertechnik. Gegen das Argument des Alters und der Messsuchertechnik spricht, dass er in dem Buch „Faceless“, welches ihn selbst auf Fotos zeigt, die Minilux zum Fotografieren nutzte. Die Minilux hatte keinen Messsucher.

Cartier-Bresson spielt bei der Frage der Strassenfotografie also eine Rolle. Da ich Cartier-Bresson sehr mag, habe ich mich mit seinem Werk sehr befasst. Mir haben dabei einige Filme weitergeholfen, in denen er demonstrierte, wie er seine Schnappschüsse erstellte.

Gegenwart

Diese Zeilen schreibe ich aber, weil mir mittlerweile aufgefallen ist, dass die Strassenfotografie von heute sich völlig anders darstellt.

Merkmale von Cartier-Bresson waren

  • Diskretion,
  • keine entlarvenden oder verletzenden „unschönen“ Fotos und
  • künstlerischer Aufbau (Geometrie).

Wer heute durch youtube und andere Videoportale streift, der sieht, dass dort einige Filme zu diesem Thema zu finden sind.

Mir fällt dabei auf, dass dort von den Merkmalen eines Cartier-Bresson wenig bis nichts zu finden ist. Die meisten benutzen zwar noch eine Leica, aber der Rest ist eher eine Art Versuch, Fotos um jeden Preis auf der Strasse zu schiessen.

Abgesehen von den ganzen juristischen Problemen bei dem Fotografieren von Personen, ist die Diskretion dabei verschwunden. Elliott Erwitt hat mal davon gesprochen, dass die Situationen dich „beissen“ – d.h. sie kommen zu dir. Dies fehlt heute vielfach fast völlig, wenn man sich anschaut, was da als Strassenfotografie veröffentlicht wird.

Und heute?

Aber man muß natürlich im Zeitalter der Digitalkamera auch darüber sprechen, welche Kameras sinnvoll sind.

Orientiert man sich an Cartier-Bresson, dann ist es das Kleinbildformat.

Dies würde bedeuten, dass man eine EOS 5D bzw. Mark 2, eine Nikon D700 oder D3s, eine Leica M9 oder eine ähnliche Kamera nehmen würde.

In meinen Augen ist das Kleinbildformat für Strassenfotografie durch die MFT-Sensoren und die APS-C Sensoren mehr als gut abgelöst worden, weil es mittlerweile genügend hochwertige und lichtstarke Objektive gibt, die ebenso gute Ergebnisse erzielen.

Orientiert man sich an der Diskretion, dann wäre es heute eine Digitalkamera mit kaum hörbarem oder komplett abschaltbarem Auslösegeräusch.

Orientiert man sich an der Schnappschussfähigkeit, dann können es nur Digitalkameras sein, die einen echten Schnappschussmodus haben.

Aber selbst darüber kann man geteilter Meinung sein. Die Fotos von Cartier-Bresson sind ja nicht im superschnellen Schnappschussmodus gemacht worden, weil es den da noch nicht gab.

Ist ein schneller Autofokus eine gute Schnappschussfähigkeit? Mitnichten.

Ein guter Schnappschuss ist ein geometrisch gestaltetes Fotos, welches eine Situation erfasst. Damit ist der schnelle Autofokus eine vielleicht wünschbare technische Eigenschaft, aber allein keinesfalls wesentlich für den Schnappschuss.

Orientiert man sich an der Art der Darstellung des Suchers, dann wird oft diskutiert, ob der Sucher oder ein Display besser ist. Nachdem ich in der Vergangenheit eher dem Display zugeneigt war, haben mich nun einige Jahre Erfahrung wieder zum grossen optischen Sucher zurückgebracht.

Die Displays sind weder technisch in der Lage, bei allen Lichtverhältnissen optimal zu sein, noch sind sie unauffällig.

Ein guter optischer Sucher ist eine sichere und fotografisch praktische und gute Lösung. Daher sollte ein Sucher in keiner guten Digitalkamera fehlen.

Die Grössenverhältnisse einiger Kameras aus diesem Orientierungsraum sind sicherlich auch interessant: Leica M6 – 77x138x38 – 560g ohne Objektiv, Canon EOS 5D – 152x113x75 – 810g ohne Objektiv, Nikon D700 – 147x123x77 – 955 ohne Objektiv, Ricoh GX200 – 58x112x25 – 210g mit Objektiv.

Wobei mir Grösse ein unzureichendes Argument zu sein scheint. So ist z.B. die digitale Lumix DMC-L1, auch bekannt als Leica Digilux 3, eine Kamera, die etwas größer ist und ein dickeres Objektiv hat. Ja natürlich ist dies so, weil die Lumix ein erstklassiges Leica-Zoomobjektiv hat, während an der M8.2 eine Festbrennweite ist. Diese sind immer viel kleiner. Wäre an der M9 ein Zoomobjektiv wie das Tri-Elmar, wäre sie ebenfalls viel größer.

Dennoch sind natürlich die praktischsten Kameras die kleinen Digitalkameras.

Im Prinzip ist es so: kleine Kamera mit einem guten eingebauten (optischen?) Sucher und großem lichtstarkem Chip sowie lichtstarker Optik, geräuschlos und gut zu halten und relativ schnell mit Raw.

Fazit

Aber dies alles ist natürlich Geschmackssache. Fest steht auch, dass die Strassenfotografie im digitalen Zeitalter neue Möglichkeiten bietet.

Nicht alles, was früher war, ist schlecht und nicht alles, was heute ist, ist gut. Insofern sollte man durch Abwägen die Strassenfotografie von heute neu kombinieren und gestalten.

Ich plädiere aktuell für die Geometrie eines Cartier-Bresson mit der Technik einer Ricoh und dem Sucher einer Fuji und es muß kein Vollformat sein.

Hinzu kommt damit auch abschließend die Chance, Strassenfotografie weiter zu demokratisieren.

Die Zeit des Ruhmes eines Cartier-Bresson ist für Schnappschussfotografen vorbei. Damit Geld verdienen zu wollen, ist ebenso schwierig. Aber jetzt kann man für kleines Geld viele gute Fotos machen und diese fast kostenlos im Internet verbreiten.

Das Problem im Internet ist nur, dass die Masse an digitalen Inhalten gar nicht mehr überschaubar ist. Doch das ist wiederum nicht von der Strassenfotografie zu lösen. Immerhin kommt so die Strasse ins Internet und zugleich das Internet auf die Strasse….

Na ja, wie auch immer.

Dieser Artikel ist schon vor Jahren geschrieben worden. Bis auf die neuen Kameras mußte ich am Inhalt nichts ändern, weil der Mensch und seine Sehtechnik gleich geblieben sind. Das ist dann der Unterschied zwischen Magazinartikel und tagesaktuellem Zeitungsartikel und dies dann auch noch online.

Abschließen möchte ich mit einem Hinweis auf das Foto. Es zeigt einen sympathischen Herrn, der ein guter Bekannter von mir ist. Er benutzt eine schon ziemlich alte kleine Canon Digitalkamera. Wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass die Kamera ein Gummi hat. Da an dem eingebauten Blitz die Feststellung kaputt ist, wird dies mit einem Gummi erledigt.

Der ältere Herr fotografiert leidenschaftlich gern mit dieser Kamera (und ihrem kleinen optischen Sucher), die ansonsten fast unkaputtbar erscheint und denkt vorläufig gar nicht daran, sich eine neue Kamera zu kaufen. Und er benutzt parallel als analoge Kamera eine Leica, aber keine M sondern eine Minilux. Soweit zum Thema Straßenfotografie in der Praxis und der Relativität der eigenen Ansichten.

Ich hoffe, Sie hatten Spass beim Lesen und haben anregende Gedanken erhalten.