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Dokumentarfotografie – was ist Dokumentarfotografie?

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Was ist denn nun eigentlich Dokumentarfotografie?

Wenn Fotos eingeordnet werden sollen wird die Frage wichtig, zu welcher Art der Fotografie ein Foto denn nun gehört. Und wenn ich wissen will, was ich warum fotografiere ist dies ebenso entscheidend.

Wenn ich meinen eigenen Artikel von 2011 zu diesem Thema durchlese, dann hat Dokumentarfotografie heute eine teilweise neue Richtung bekommen.

Ich würde sagen vom Dokumentieren eines Ausschnitts aus der Wirklichkeit geht es zur Darstellung des Dokumentarischen bis zur dokumentarischen Darstellung.

Was heisst das?

Im Lateinischen hieß documentum beweisende Urkunde.

So sollte Dokumentarfotografie beweisen, daß etwas geschehen ist.

Das hat sehr gut die englische Wikipedia formuliert:

„The figure most directly associated with the birth of this new form of documentary is the journalist and urban social reformer Jacob Riis. Riis was a New York police-beat reporter who had been converted to urban social reform ideas by his contact with medical and public-health officials, some of whom were amateur photographers. Riis used these acquaintances at first to gather photographs, but eventually took up the camera himself. His books, most notably How the Other Half Lives of 1890 and The Children of the Slums of 1892, used those photographs, but increasingly he also employed visual materials from a wide variety of sources, including police „mug shots“ and photojournalistic images.

Riis’s documentary photography was passionately devoted to changing the inhumane conditions under which the poor lived in the rapidly expanding urban-industrial centers. His work succeeded in embedding photography in urban reform movements, notably the Social Gospel and Progressive movements. His most famous successor was the photographer Lewis Wickes Hine, whose systematic surveys of conditions of child-labor in particular, made for the National Child Labor Commission and published in sociological journals like The Survey, are generally credited with strongly influencing the development of child-labor laws in New York and the United States more generally.“

Jakob Riis war der erste Fotojournalist Amerikas, wenn man so will. Er blieb zeitlebens arm und dokumentierte das Leben der Armen.

Rudolf Stumberger schreibt dazu u.a.:

„Der aktuelle Gebrauchswert der Fotografien von Riis und Drawe entfaltete sich vor allem im narrativen Zusammenhang der Vorträge, sie dienten als authentischer Beleg für die geschilderten sozialen Sachverhalte. Was zwar bisher schon in Holzschnitten und Zeichnungen in Zeitungen und Magazinen zu sehen gewesen war, gewann nun eine eigene Qualität kraft der »Unmittelbarkeit« der Bilder. Die unteren sozialen Klassen und ihr Elend wurden – durchaus in sozialreformerischer Absicht – so vermittelt dem bürgerlichen Publikum vorgeführt. Die Fotografien dienten als Verstärkung eines appellativen Kontextes, der »ganz auf die Selbstregulierungskraft des Systems und die Beseitigung der Probleme durch eine verantwortungsbewußte und vor allem informierte Bürgerschaft« setzte. Obwohl Riis am eigenen Leibe erlebte, wie auf streikende Arbeiter geschossen wurde und ihm auch selbst als Arbeitssuchender übel mitgespielt wurde, vertraute er doch eher auf die göttliche Gerechtigkeit und auf amerikanischen Tugenden als auf die politische Organisation der Unterklassen: »The Lord Chief Justice over all is not to be tricked. If the labor men will only remember that, and devote, let us say, as much time to their duties as to fighting for their rights, they will get them sooner.«
Öffentlichkeitswirksam wurden die Fotografien neben den Lichtbildvorträgen in Zeitungsartikeln und Buchpublikationen: 81 der Fotografien von Drawe erschienen 1908 in den »Quartieren« im Halbtonverfahren, eine Auswahl war zuvor 1906 auf einer Hygieneausstellung in der Wiener Rotunde zu sehen.“

Fotos als authentische Beläge. Das ist auch heute noch direkt bei Fotos von Tatorten der Fall. Aber auch da kommt es schon auf die Perspektive und den Ausschnitt an. Darauf kommt es aber immer an, weil alle Wahrnehmung subjektiv ist.

Die Authentizität ist also der Wesenskern der Dokumentarfotografie. Dabei geht es um Wirklichkeit.

Regentropfen Foto: Michael Mahlke

Wann wird aus Dokumentarfotografie Fotokunst? – Regentropfen Foto: Michael Mahlke

Interessant ist der folgende Einführungstext:

„Der Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie sieht seinen Schwerpunkt in der »wirklichkeitsbezogenen Fotografie«. Darunter verstehen wir die journalistische und dokumentarische, fotografische Auseinandersetzung mit der Außenwelt, ausgehend von der situativen und örtlichen Realität. Dabei interessiert uns vor allem die persönliche Interpretation der Wirklichkeit. Dies verlangt immer auch die Entwicklung einer Haltung zum Objekt selbst und zum Medium Fotografie.

Dazu suchen wir Studenten mit einem inhaltlichen Interesse an der Welt. Studenten, für die eine Tageszeitung nicht einfach nur Material zum Einwickeln von Fisch ist und die Dieter Bohlens Memoiren nicht für Literatur halten. Die neugierig sind auf die Welt und die Erfüllung nicht im Hocken vor dem Computer sehen. Die wissen, dass MAGNUM mehr ist als nur ein Speiseeis und Cartier-Bresson keine Uhrenmarke. Die streitbar sind und streitfähig. Für die Opportunismus und Angepasstheit der Anfang vom Ende jeder Entwicklung ist und die Loyalität und Solidarität nicht nur buchstabieren können. Und die last but not least die Fotografie leidenschaftlich lieben.“

Hier geht es um „wirklichkeitsbezogene Fotografie“.

Einen Schritt weiter geht die Agentur Hutter und Donner mit ihrer Webseite Fotografie-der-Zeit. Diese Webseite hat meiner Meinung nach alles, was man im SEO braucht, um bei google ganz vorne zu stehen und zugleich Fotos zu vermarkten, die über das Etikett Dokumentarfotografie zu Fotokunst werden (sollen).

Ich finde diesen Ansatz hochintelligent. Ein Artikel über Henri Cartier-Bresson, ein Artikel über Magnum, eine Domain mit assoziativen Namen und Artikel zu den Themen Kunst online kaufen, Online-Galerie, Fotokünstler und dies alles gewürzt mit dem Wissen der Spezialisten aus der digitalen Welt.

So macht man es, das muß man neidlos anerkennen. Und daher dokumentiert diese Webseite auch den Versuch, das Thema als Fotokunst zu etablieren.

Blickt man auf die dort aufgeführten Fotokünstler, dann kommt man im Ergebnis zur „ersten Online-Galerie für hochwertige Dokumentarfotografie“.

Und nun wird es interessant. Dort wird dann unterteilt in „Abstrakt, Dokumentarisch, Inszeniert, Farbe, Schwarz-weiß“.

Offenkundig hat man dort erkannt, daß man zwischen echten Momenten aus der Wirklichkeit und Inszenierungen mit Elementen aus der Wirklichkeit unterscheiden muß.

Wobei die Inszenierungen aus der Wirklichkeit aus der Mode stammen, die damit auch fotografisch punkten wollte.

„Heute werden Models als Terroristen verkleidet, um aufzufallen. Damals verkleideten sich Terroristen als Spießer, um nicht aufzufallen.“

Diese Sätze zeigen sehr schön, daß dies alles schon etwas länger kochte aber schon vorher ein Erfolgsrezept war.

Nichtsdestowenigertrotz finde ich den Ansatz gut, aus realer Dokumentarfotografie auch verkaufsfähige Fotografie zu machen.

Nachrichtenfotos von Ereignissen sind heute durch die socialmedia meistens kostenlos. Der Markt ist ja eingebrochen.

Dokumentarfotografie fängt heute nach der Nachricht bei der Reportage mit bleibendem Wert an oder einzelnen Fotos mit einem besonderen Moment.

Magnum-Fotos sind z.B. bis heute von Cartier-Bresson z.T. auch Fotokunst. Sie zeigen aber eben kein Ereignis sondern etwas Typisches einzigartig ausgedrückt.

Das kann von Cartier-Bresson das Foto mit dem Mann und der Katze in der Häuserschlucht sein oder bei Steve Mccurry der Mann, der bei der Flut bis zum Hals im Wasser steckt und auf dem Kopf seine Nähmaschine trägt.

Ist das Fotokunst?

In meinen Augen ja, es ist dokumentarische Fotokunst obwohl und gerade weil es ein „echtes“ Foto ist, ein ungestellter Moment.

Es ist eben keine inszenierte Fotokunst.

Aber was passiert wenn man die vergangene Wirklichkeit am selben Ort mit der aktuellen Wirklichkeit kombiniert. Das ist dann eine Inszenierung der Wirklichkeit mit der vergangenen Wirklichkeit und wieder etwas anderes aber richtig gut, wie man hier bei Nick Brandt sehen kann.

Insofern kann die Inszenierung als Gestaltungsmittel ein sehr kluges Mittel sein, um Raum und Zeit miteinander zu verbinden. Es kommt eben darauf an, welche Funktion die Inszenierung hat.

Nun denn, diese Bestandsaufnahme zum Thema, was ist heute Dokumentarfotografie, kann Elemente der Zeit aufgreifen, die mit google nicht immer zu finden sind und oft eher bei bing oder eher in Büchern statt in Suchmaschinen.

So ändert sich der Zeitgeist und die Fotografie der Zeit.

Text 1.1

Indien in der Fotografie – das fotografische Triptychon – Fotobücher für Kenner

Indien Cartier-Bresson

Indien Cartier-Bresson

Henri Cartier-Bresson, In Indien

Henri Cartier-Bresson war davon überzeugt, daß man die Fotos aus Indien mit dem europäischen Denken nur verstehen kann, wenn man das Wesen des Hinduismus versteht.
Daher bat er Yves Véquaud, etwas dazu zu schreiben:
„In Indien betet jeder, was er will, wo er will, wann er will und wie er will…. Der Hindu unterscheidet prinzipiell nicht zwischem Heiligem und Profanen… Der Mensch ist dem Göttlichen nie so nahe, wie wenn er außer sich ist: im Augenblick des Samenergusses, bei jedem Schluckauf sind wir dicht daran. Vergessen wir nicht, daß die Meditation, die als Ausgangspunkt vielleicht eines Objekts bedarf, an sich gegenstandlos sein muß.“

Auf sehr interessanten Seiten erklärt er uns das Wesen der Dinge aus hinduistischer Sicht: “ Shiva ist schön, er besitzt das dritte Auge, seine Lenden sind mit einem Tigerfell gegürtet; eines seiner Attribute ist der Dreizack; aus seinen Haaren fließt der Ganges… Shivas Symbol ist der Phallus – der Lingam -, oft in Yoni, das weibliche Organ und Zeichen der kosmischen Energie, eingeführt. Ohne Vereinigung der Gegensätze kann es keine Schöpfung geben. Shiva ist in jeder Schöpferkraft.“

Und dann zeigt uns Cartier-Bresson seine Fotos aus und über Indien.

Sie sind alle schwarzweiß und von großer Kraft. Sie lassen uns auch im Kopf durch das gelesene Wissen etwas erleben, was wir sonst auf den Fotos nicht sehen würden.

Bemerkenswerterweise zeigt das Foto auf dem Cover aus Indien muslimische Fragen beim Morgengebet, die sich trotz Schleier nicht vor männlichen Blicken verbergen sondern völlig frei agieren. Genau das spiegelt die Freiheit des Hinduismus wieder.

 Indien, McCurry

Indien, McCurry

Indien, Steve McCurry

„Bis heute ziehen Indiens Sufi-Schreine fast genauso viele muslimische Pilger an wie Hindus, Sikhs und Christen… Indien, durch McCurrys Augen gesehen, ist vor allem eine Welt der Gegensätze, in der das rote Gewand des buddhistischen Mönches das Rot der Coca-Cola-Werbung hinter ihm zu spiegeln scheint, in der sich ein Geschäftsmann in Anzughose und Hemd mit Regenschirm und Aktentasche durch die ihm bis zum Bauch reichenden Monsunfluten kämpft … Steve McCurrys Arbeiten bestechen durch ihre Originalität. Keinem anderen wäre es gelungen, die Seele Indiens so meisterhaft einzufangen.“

Diese Worte von einem Herrn William Dalrymple vergessen Cartier-Bresson. Das sei ihm verziehen, da ich dies hier ergänze.

Nun denn. Das Buch zeigt in Farbe heute Fotos aus den letzten 30 Jahren, die alles das widerspiegeln, was wir über den Hinduismus bei Cartier-Bresson lesen konnten.

Es ist insofern und überhaupt eine wirklich gelungene Fortführung des Buches von Cartier-Bresson in Farbe und zu einer späteren Zeit.

Großformatig und geometrisch gestaltet sind die Fotos gut zu sehen und gut anzusehen.

Indien - Raghubir Singh

Indien – Raghubir Singh

Fluss der Farben. Das Indien des Raghubir Singh

Wenn es um Fotobücher von indischen Fotografen geht, dann sind die Bücher von Raghubir Singh Teil der Fotogeschichte geworden. Herr David Travis schreibt sogar: „In der Welt der Fotografie steht der Name Raghubir Singh als Synonym für das Land Indien.“

Und tatsächlich zeigt Singh mehr Alltag und alltägliches Leben im Detail und in der Masse als es bei Cartier-Bresson oder McCurry zu sehen ist.

Parallel bestehende Realitäten werden so erkennbar in seinen Fotografien.

Und wer sich fragt, wieso Indien immer so bunt ist, der wird irgendwann die Antwort finden, wenn er die Fotos als Spiegel der Wirklichkeit versteht. Indien ist bunt und daher ist im Spiegel der Fotografie auch als eine bunte Welt zu sehen.

„Um mein Gespür für Farbe zun entwickeln, habe ich kleine Anleihen bei den britischen Fotografen des 19. Jahrhunderts und große bei Cartier-Bresson und anderen Meistern der Kleinbildkamera gemacht. Dabei distanzierte ich mich intuitiv von der Angst, Entfremdung und Schuld der jüngeren nihilistischen Fotografie des Westens. Cartier-Bressons Aufnahmen anlässlich der indischen Unabhängigkeit bieten dem indischen Fotografen eine ganze Reihe von visuellen Verbindungen zu westlichen Welt. Sein Umgang mit der Kamera unterschied sich deutlich von der Fotografie der 40er und 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Er war der erste Kunstfotograf, der den Inder als Individuum ansah, was seinen Aufnahmen einen, wie Satayajit Ray es ausdrückte „greifbaren Humanismus“ verlieht…. Schönheit, Natur, Humanismus und Spiritualität sind die vier Eckpfeiler der indischen Kultur.. Der indische Fotograf blickt vom Gangesufer auf die Moderne und nicht etwas von der Seine oder dem Ufer des East River. Diese Erkenntnis hat mich darin bestätigt, dass der indische Fotograf seine ganz persönliche Anpassung an moderne Massstäber finden muß.“

Und so nimmt uns Raghubir Singh mit in seine fotografische Welt, gekonnt und individuell.

Fazit

Wenn ich diese drei Bücher nun zusammen betrachte, dann sind sie für mich das indische Triptychon der Fotografie über das sichtbare Indien. Diese drei Fotobücher sind zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Blicken und verschiedenen Aufnahmetechniken entstanden.

Gemeinsam ist allen drei Büchern der bewußt gewählte geometrische Aufbau der Fotos, die visuelle Grammatik, und die dokumentierende Funktion.

Es geht darum visuell gestaltet die Wirklichkeit zu sehen und zu verstehen.

Und zusammen sind sie zeitlich und inhaltlich mehr als die Summe ihrer Teile.

Das macht diese drei Bücher in der Kombination zu etwas fotografisch Besonderem, das ein tieferes Verständnis für Indien und die fotografische Herangehensweise von drei Fotografen zeigt.

Wer mehr will als Fotos, der kann sich hier eine besondere Schulung des fotografischen Sehens und ein besonderes fotografisches Vergnügen gönnen.

Es ist ein großes Glück, daß alle drei Bücher noch direkt oder indirekt erhältlich sind.

Indien, Steve McCurry

„Die Fotos zeigen Indien, wie es wirklich ist, mit all seinen Gegensätzen.“ So erfahren wir es im Vorwort dieses großformatigen und großartigen Buches.

Indien, Steve McCurry

Indien, Steve McCurry

Nun ist Steve McCurry mittlerweile einer der bekanntesten Fotografen und seine Vorliebe für Asien und Indien hat uns viele bemerkenswerte Fotos beschert.

Kann man das noch toppen?

Ja.

Dieses Buch ist im Wortsinne sehr sehenswert.

Es ist eine Sammlung von Fotografien, die in mehr als 30 Jahren von Steve McCurry in Indien gemacht wurden. Dabei ist dann auch der Übergang vom analogen Fotografieren in das digitale Fotografieren zu sehen.

Besonders bemerkenswert ist dabei, daß der Übergang manchmal gar nicht auffällt.

Alle Fotos © Steve McCurry”  “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines Eisenbahnwaggons.

Alle Fotos © Steve McCurry”
 “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines
Eisenbahnwaggons.

Auffallend ist eher die Art des Fotografierens, die unterschiedlichen Motive, die sich durch die Präsenz an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten ergab und die Breite der Darstellung, die sich nur durch eine Sammlung über eine so lange Zeit ergeben kann.

Wir erfahren, daß die kulturelle Differenz vom Google- und Microsoft-Komplex  zum Ochsenkarren in Indien höchstens zwanzig Minuten beträgt.

Und wir sehen Fotos, die zeigen, daß sich in dieser langen Zeit trotz zivilisatorischer Änderungen und dem Einzug des digitalen Lebens im Alltag und der Darstellung nach außen offenkundig wenig geändert hat.

Aber das Buch ist noch mehr.

Es ist auch ein visuelles Farbenmeer, das die visuelle Tradition Indiens wiedergibt.

Mit den Augen des Europäers betrachtet sieht man hier, wie selbstverständlich absolute Armut ohne Bett und soziale Sicherheit neben eklatantem Reichtum akzeptiert wird ohne sich zu wehren.

Die fotografische Welt von Steve McCurry in diesem Buch gefällt mir aber noch aus einem anderen Grund.

Es ist ein Buch, das die Fotos so darstellt wie gute Fotos auch dargestellt werden sollen: großformatig und mit klarem geometrischem Aufbau.

Das Buch ist so groß wie das berühmte Buch von Henri Cartier-Bresson und enthält so viele gute Motive, die das Leben und die Menschen in ihrer dargestellten Würde zeigen, daß es eine stundenlange Wonne sein kann, darin visuell zu schwelgen.

Alle Fotos © Steve McCurry”  “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Rajasthan, 2012. Mahuts schlafen bei ihren Elefanten.

Alle Fotos © Steve McCurry”
 “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Rajasthan, 2012. Mahuts schlafen bei ihren Elefanten.

Die Sitten und Gebräuche und die Realität des Lebens im öffentlichen Raum (soweit es dies dort gibt) wird uns vor Augen geführt.

Und gerade der zeitliche Längsschritt zeigt das Überzeitliche, wenn ich mich mal so philosophisch ausdrücken darf.

Der Prestel-Verlag hat damit ein großartiges Buch auf den Markt gebracht, das sich als Geschenk eignet und eher von Dauer sein wird, weil es auch fotografisch gut ist.

Die Welt der Armen und der Reichen, Mühsal und Luxus, gestern und heute und die bemerkenswerte Farbenpracht machen aus diesem Buch ein im besten alten Sinne „Sittengemälde“ einer Gesellschaft und eines Kontinents.

Und wenn ich es in die Tradition zu dem berühmten Buch über Indien von Henri Cartier-Bresson setze, dann hat es eine würdige Fortsetzung gefunden.

Wie schreibt der Verlag?

„Indien ist ein Land, das sich und andere verändert. Eine seiner ersten Reisen führe den Fotografen Steve McCurry in den 1970er Jahren nach Indien. Dunkles Henna, gehämmertes Gold, Curry und Safran, all die vibrierenden Farben des Landes haben ihn gelehrt, mit Licht zu sehen und zu schreiben. In Indien, das so ganz anders als seine Heimat ist, hat McCurry zum ersten Mal intensiv gearbeitet. Denn anders als in seiner Heimat Amerika spielt sich das Leben hier auf der Straße ab. Anders als in Cleveland gibt es hier diese unglaubliche Vielfalt an Klassen, Kasten, Reichen und Armen. Diese Erfahrung hat McCurrys Blick für Farben, Menschen und Gesichter geprägt und ihn zu einem der renommiertesten Fotografen unserer Zeit gemacht.
Der neue Bildband Indien, der jetzt im Prestel Verlag erscheint, ist das Produkt einer jahrzehntelangen Liebe zu Indien und zugleich der Anspruch, die einzigartige Vielfalt dieses Landes zu dokumentieren. Von den 96 großformatigen, brillant gedruckten Bildern sind mehr als die Hälfte bislang unveröffentlicht und stammen aus McCurrys privatem Archiv – er selber hat sie für dieses Buch zusammengestellt. Sie zeigen Indien in seiner ganzen Schönheit und Widersprüchlichkeit, Indien mit seiner Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen technischem Fortschritt und tiefer Religiosität. Von den Staubstürmen Rajasthans bis zu den in Monsunfluten versinkenden Dörfern Bengalens, von Kaschmir bis Kerala: McCurry entführt uns in eine Welt des klaren Lichts, leuchtender Farben und tiefschwarzer Schatten – deren Stimmung mal melancholisch, mal ausgelassen fröhlich ist. So beschert er uns tiefe Einblicke in die unterschiedlichen Facetten des indischen Lebens, von den riesigen Menschenansammlungen während Kumbh Mela bis hin zum einsamen Holzarbeiter in den Wäldern des Himalaya. Die Wirkung der ganzseitigen Abbildungen wird durch keine Texte gestört, kurze erläuternde Texte zum Motiv finden sich am Ende des Buches.
Das Vorwort schrieb der britische Reiseschriftsteller William Dalrymple, Korrespondent des New Statesman und Begründer des Jaipur Literatur-Festivals.

Es ist im Prestel-Verlag erschienen und sehr empfehlenswert.
Steve McCurry
Indien
Mit einem Text von William Dalrymple
208 Seiten mit 96 Farbabbildungen
Gebunden mit Schutzumschlag
27,5 x 38 cm
ISBN: 978-3-7913-8195-4

Magie der Bilder – ein Buch aus dem Magnum Archiv

Dieses Buch aus dem Prestel-Verlag ist eine fotografische Reise durch 60 Jahre mit interessanten Fotos von Fotografinnen und Fotografen der Agentur Magnum: Peter Marlow, Nikos Economopoulos, Antoine D `Agata, Mikhael Subotzky, Alex Majoli, Inge Morath, Erich Lessing, Josef Koudelka, Jacob Aue Sobol, Miguel Rio Branco, David Alan Harvey, Larry Towell, Raymond Depardon, Werner Bischof, Peter van Agtmael, John Vink, Ara Güler, Paolo Pellegrin, Jonas Bendiksen, Alessandra Sanguinetti, Constantine Manos, Marc Riboud, Steve Mccurry, Jean Gaumy, Henri Cartier-Bresson, Elliott Erwitt, Guy Le Querrec, W. Eugene Smith, Christopher Anderson, Thomas Bworzak, Cornell Capa, Raghu Rai, David Alan Harvey, Jim Goldberg, Lise Sarfati, Chris Steele-Perkins, Bruce Davidson, Susan Meiselas, Micha Bar-Am, Stuart Franklin, Mark Power, Herbert List, Ferdinando Scianna, Donovan Wylie, Martin Parr, Trent Parke, Rene Burri, Bruno Barbey, Olivia Arthur, Gueorgui Pinkhassov, Marilyn Silverstone, Robert Cappa, Burt Glinn, Chien-Chi Chang, Patrick Zachmann, Martine Franck.

Viele Namen und noch mehr Fotos machen aus diesem Band eine Sammlung der Fotografie in vielen Facetten, die alle eines gemeinsam haben: sie zeigen echte Fotos, also eine Aufnahme von einem Moment, den die Fotografinnen und Fotografen selbst gesehen haben.

Dies macht aus diesem Buch eine bemerkenswerte Sammlung von Fotografien, die alle von Fotografinnen und Fotografen gemacht worden sind, die damit ihr Geld verdienen mußten. Deshalb ist dieses Buch so spannend. Man erhält unendlich viele Anregungen für die verschiedenen Arten der Fotografie und man bekommt Eindrücke von dem, wie und was andere sehen. Damit aber nicht genug.

Ich will dies an einem Beispiel darstellen. Das Recht am eigenen Bild gibt es ja nicht nur in Deutschland sondern in den meisten europäischen Staaten. Dazu stellte ich mir beim Anschauen des Buches die Frage “Wie haben andere Fotografen dieses Problem beim Fotografieren auf Strassen, bei Veranstaltungen und woanders gelöst?”

Da es sich bei den Magnum-Fotografinnen und Fotografen ja um einen anerkannten Kreis handelt, ist die jeweilige im Bild zu findende Antwort darauf sehr interessant. Und da habe ich alles gefunden. Vor allem aber wurde mir klar, dass es viele Fotos gibt, auf denen durch geschicktes Positionieren dieses Problem einfach gelöst wurde.

Dazu zwei Beispiele: Die Fotografin Dennis Stock hat das Venice Beach Rock Festival in Kalifornien 1968 fotografiert. Man sieht von der Bühne von hinten eine Akteurin und dann am Strand die Menschen. Diese sind aber so klein, dass sie als Einzelne nicht erkennbar sind, dafür aber das Gesamtbild mit Vordergrund und Hintergrund das klassische Foto ergibt.

Der Fotograf Guy Le Querrec hat im Palais des Congres 1979 mit einem Abstand von zwei Metern zwei Männer fotografiert, die sich für Schallplatten interessieren. Der eine “horcht” gerade an einer Platte, so dass sein Gesicht nicht richtig erkennbar ist und der andere Kopf ist ganz geschickt durch eine davorstehende Schallplatte so bedeckt, dass alles erkennbar ist außer dem Gesicht.

Natürlich gibt es auch Fotos, wo Menschen erkennbar sind. Das sind einerseits Fotos aus Gegenden der Welt, wo dieses Recht so nicht wahrgenommen wird wie in großen Teilen von Asien und natürlich Fotos, auf denen die Menschen fotografiert werden wollen und damit einverstanden sind oder öffentliche Ereignisse. Das sieht man diesen Fotos aber auch direkt an und damit wird dies auch wieder sehr interessant.

Es gibt in diesem großartigen Buch 365 Fotos aus mehr als 60 Jahren in schwarzweiss und bunt. Das Buch ist als ewiger Kalender konzipiert. Auf jeder Doppelseite steht links der Tag und rechts das Foto. Inwiefern die Fotos einen Bezug zu dem jeweiligen Tag haben ist mir nicht erkennbar. Aber als fotografische Inspiration ist es interessant und vor allem wirkt auf einer Doppelseite immer nur ein Foto: auf der linken Seite ist die Fotografin oder der Fotograf aufgeführt und auf der rechten Seite ist das Foto und sonst nichts.

Das gibt ein bißchen Ruhe zurück in einer Welt der fotografischen Überflutung und räumt die Chance ein, sich mit einem Foto, nämlich genau diesem Foto des Tages, zu beschäftigen. Eine erläuternde Bildunterschrift zu jedem Foto ist im Anhang aufgeführt. Das hat den Vorteil der unvoreingenommenen Betrachtungsweise mit allen Vor- und Nachteilen. Das Buch endet mit einer Liste aller im Buch vorkommenden Fotografinnen und Fotografen der Agentur Magnum.

Diese Buch kann ich jedem empfehlen, der sich wirklich mit dem Fotografieren auseinandersetzen will oder der ein schönes Geschenk für einen Schreibtisch sucht. Es ist nicht sehr teuer, es hat sogar Fadenheftung und es gibt einen wirklichen Querschnitt der Arbeit und der Veränderungen in einer – der – Fotoagentur in den letzten 60 Jahren wieder.

Jonas Bendiksen, der Präsident von Magnum (2010) schreibt im Vorwort “Ein Jahr mit diesen ganz unterschiedlichen Fotos inspiriert andere hoffentlich genauso, wie es mich inspiriert hat.”

Marie-Christine Biebuyeck, die dieses Buchprojekt umgesetzt hat, schreibt aus ihrer Sicht: “Bei der Arbeit zu Magie der Bilder tauchte ich tief in eine elegante Formenwelt ein. Folgen Sie den sichtbaren und unsichtbaren Linien – dem neugierigen Auge erschließen sich viele Details.” Dem ist nichts hinzuzufügen.

Magie der Bilder. Das Magnum Archiv
ISBN: 978-3-7913-4436-2