Tag Archive for sozialdokumentarische Fotografie

Fancy Pictures von Mark Neville

Es gibt Bücher, die kann man nicht kaufen.

In dem Buch Fancy Pictures aus dem Steidl Verlag sind einige fotografische Projekte von Mark Neville, die man nicht kaufen konnte, endlich zu einem kaufbaren Buch vereint.

In England sind die Unterschiede zwischen arm und reich unendlich groß und man spürt dies und sieht dies. Und trotzdem gab und gibt es dort Projekte, die in Deutschland undenkbar sind – seltsamerweise.

Mark Neville ist so ein Fotograf, der solche Projekte umsetzt. Er schildert in dem Buch in sehr guten Interviews, wie er sich auf sein erstes Projekt bewarb und daraus eine Dokumentation des von ihm gesehenen sozialen Lebens in einer kleinen Stadt machte. Dann druckte er ein Buch mit seinen Fotos und verschenkte es an die Bewohner des Ortes.

Dies alles ist in dem Buch Fancy Pictures dokumentiert und dargestellt. Damit fängt ein Buch an, das unglaublich viel zu zeigen hat.

Es ist in englischer Sprache.

Fancy Pictures sind ironische Bilder mit Blicken auf die Gesellschaft. Das spielt auf englische Malereien im 18. Jhrdt. an, wie wir dem Buch entnehmen können.

Mark Neville erhielt offenkundig nach seiner ersten Arbeit immer wieder Einladungen für neue Projekte. So dokumentierte er das Leben in einer abgelegenen ländlichen Community mit herzoglichem Hintergrund oder Menschen, deren Leben von einem genetischen Defekt bestimmt war, der auf die Umgebung zurückzuführen war, oder eben auch die soziale Landschaft in London – vor allem den Gegensatz von arm und reich in der Serie „Here is London“.

Es ist ein Buch, das nicht im Buchregal stehenbleibt sondern aufgeschlagen wird, weil es zeigt, daß sozialdokumentarische Fotografie auch heute möglich ist aber kein kommerzieller Erfolg dabei vorprogrammiert ist.

Mark Neville versteht sich als Künstler, der Fotografie und Film in sozialen Zusammenhängen einsetzt und damit seine Projekte umsetzt.

Begrifflichkeiten sind in meinen Augen heute eher eine Sache des Datums. Zumindest sind einige Fotos und Serien mittlerweile als Kunsprojekte von ihm auch verkauft worden aber letztlich ist alles zunächst privat gefördert oder mit öffentlichen Mitteln fotografiert worden.

Es sind soziale Landschaften, die er hier zeigt und die ohne seine Fotos nie zu sehen gewesen wären.

England ist ein Land voller Gegensätze. Der Gegensatz zwischen reich und arm ist groß und dennoch war und ist die Öffentlichkeit und die Gesellschaft bereit, Fotografen/Künstler dafür zu bezahlen, soziale Widersprüche und Gegensätze zu dokumentieren.

Das ist in Deutschland so aktuell wohl nicht möglich. Aber das ist eben auch ein Zeichen für das gebrochene Verhältnis zur Freiheit und freien Meinungsäußerung, die in Deutschland nur frei ist, wenn sie nichts transzendiert – obwohl genau darin die Freiheit liegen würde, auch die fotografische Freiheit.

Und so hat der Steidl-Verlag hier ein ganz großartiges Werk publiziert, das gar nicht richtig in Worte gefaßt werden kann, weil es einfach viel mehr ist als mit Worten gesagt werden kann.

Fancy Pictures aus dem Steidl-Verlag ist ein ganz besonders gutes Buch voller Dokumentarfotografie und guter Geschichten.

ISBN 978-3-86930-908-8

Dokumentarfotografie – Soziale Kämpfe im Ruhrgebiet und im Bergischen Land zwischen 1987 und 2010

mannesmann1999

Es hat knapp dreißig Jahre gedauert bis die Fotos von Michael Kerstgens über den Stahlarbeiterstreik in Duisburg-Rheinhausen 1987 als Buch erschienen sind. Dieses Buch wurde u.a. durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Es ist ein gutes Buch geworden und es erinnert mich an meine eigenen Erlebnisse.

Michael Kerstgens zeigt Fotos von 1987 bis 1993 als im Walzwerk in Hagen die letzte Schicht war und symbolisch das Ende des gesamten sozialen Konstruktes.

Und im Bergischen Land ging es dann weiter.

Jakob Riis, der erste Fotojournalist Amerikas – aktueller denn je

Jakob Riis Phaidon

Jakob Riis Phaidon

Es gibt bei Phaidon die Reihe 55. Dort werden Fotografinnen und Fotografen vorgestellt. Ein jeweils guter Einführungstexte verbindet sich mit vielen Fotos und Erläuterungen. Eines dieser Bücher ist über Jakob Riis. Er wurde bekannt, weil er gegen Ende des 19. Jhrdts. in New York das Elend in den Mietwohnungen und auf der Strasse fotografierte und seine Fotos als Aufnahmen der Wirklichkeit galten, die sogar zu Verbesserungen der sozialen Zustände führten unter T. Roosevelt.

Wenn man mit einem Abstand von gut 100 Jahren auf die Fotos blickt, dann bin zumindest ich immer noch schockiert. Der erste Gedanke war, es hat sich nichts geändert. Das Flüchtlingselend überall auf der Welt und auch in Amerika, die Armut nach den Krisen – es kommen heute dieselben Bilder wieder.

Zwar wurde Monochrom abgelöst durch Farbe, aber das ist alles. Menschen, die sich stapeln, unhaltbare hygienische Zustände, lichtlose Hinterhöfe, das Schlafen unter Brücken und auf der Strasse, in lichtlosen Spelunken, Drogen als Betäubung gegen die Hoffnungslosigkeit und die Armut – alles das ist wieder da in den entwickelten und „reichen“ Staaten und Städten.

Erstmals ermöglicht ein solches Buch die Chance, aus der Geschichte zu lernen durch den Rückblick auf Fotos, die soziale Zustände festhalten. Da es sich um amerikanische Zustände handelt  und wir heute wieder solche Fotos sehen, können wir auch feststellen, dass Ausbeutung und Armut und der Kampf dagegen eine dauernde Aufgabe sind. Wenn man denn dagegen kämpfen will.

Heute stellt sich die Frage erneut und heute sind die Fotos in meinen Augen als Spiegel ihrer Rückkehr besonders bedrückend.

Jakob Riis

Jakob Riis

Wenn Sie Jakob Riis in einer Suchmaschine für die Bildersuche eingeben, dann gibt es auch viele Suchergebnisse.  Aber es ist ein Unterschied, ob man sie auf dem Monitor fast episch sieht oder auf Papier gedruckt spürt, wie sich dort dauerhaft Wirklichkeit festgeklammert hat.

Das Buch von Phaidon hat ein angenehmes Format und vereint viele Fotos, die alle ausführlich erklärt werden. So bleibt es nicht bei dem Foto.

Wenn Sie zum Beispiel auf das Foto des Covers schauen, dann sehen Sie das Mädchen. Sie wissen aber nichts über ihre Geschichte. Riis hat geschrieben wie er sie fotografiert hat und was sie sagte, als er sie fragte, was sie denn so tut. Und diese kleinen Geschichten geben dem Buch Leben und lassen uns erschrocken die Frage stellen, was wohl aus ihr geworden ist.

Jakob Riis gilt auch als einer der ersten sozialdokumentarischen Fotografen (link als pdf). Er wurde in gewisser Weise weltberühmt, obwohl ihm das kein Geld einbrachte und er bis an sein Lebensende mit 65 Jahren arbeiten mußte.

Das Buch ist irgendwie auch ein Buch über die Hoffnung und die Hoffnungslosigkeit. Und es ist ein Buch über Ungerechtigkeit und zeigt in den Erzählungen zu den Fotos auch, dass nichts von selbst kommt.

Seine Vorträge schloß er oft mit den Worte von James R. Lowell: „Meinst du, das Bauwerk soll dauern/Das die Vornehmen schützt und die Armen erdrückt?“ Das war ein Verweis darauf, dass asoziale Architektur auch asoziales Verhalten hervorbringen kann, weil der Mensch vielfach durch seine Umwelt als soziales Wesen bestimmt ist.

Insofern sind die Fotos von Jakob Riis aktueller denn je wenn man nicht zurückkehren will zu den Fehlern, die woanders und bei uns bis heute gemacht werden. Das Soziale muß man immer wieder neu erfinden sonst landet man im Asozialen.

Wer das Buch noch bekommen kann, der hält eine kleine Kostbarkeit in seinen Händen.

 

 

Arbeit als Thema der Fotografie – zwischen Arbeiterfotografie und Berufe fotografieren

Frauenarbeit - Foto: Michael Mahlke

Frauenarbeit – Foto: Michael Mahlke

Das Thema Arbeit ist immer ein Thema in einer Arbeitsgesellschaft. Es ist auch ein politischer Begriff und es ist ein interessengeleiteter Kampfbegriff.

In der Fotografie war das Dokumentieren von Arbeitsbedingungen zur Bestandaufnahme und als Grund für die Forderung nach Verbesserungen wichtig.

Das Dokumentieren der Arbeitsbedingungen war wesentlich für die Arbeiterbewegung und für die Fotografie, die damit verbunden war. Aber das ist vorbei.

Mich hat interessiert, ob es noch Fotografen und Webseiten gibt, die sich mit diesem Thema irgendwie beschäftigen.

Ja es gibt sie und sie sind erstaunlich verschieden – aber alle interessant.

Arbeiterfotografie

Auf arbeiterfotografie.de ist mehr als das Thema Arbeiter zu finden. Es ist eine Webseite, die die Geschichte der Arbeiterfotografie und die Fotografie der Arbeitenden bis heute darstellt. Sie ist offenkundig schon länger online und dokumentiert in einzigartiger Weise diesen geschichtlichen Prozess.

2011 gab es das Jahresthema „Realität der Arbeit“. Dabei sind von verschiedenen Fotografinnen und Fotografen Serien und Einzelfotos entstanden, die an beste alte sozialdokumentarische Traditionen anknüpfen und Menschen im Mittelpunkt haben.

Das allein ist es aber nicht. Die Webseite selbst dokumentiert viele Demonstrationen gegen konkrete und große Ungerechtigkeiten, die sonst in den Medien gar nicht mehr auftauchen würden. Es ist also ein lebendiges Portal zur politischen und sozialdokumentarischen Fotografie.

DIHK

Der DIHK läßt auch fotografieren, nämlich Ausbildungsberufe. Das ist aber nach den Fotos im Netz reine Funktionsfotografie. Der Mensch im Zusammenhang oder sogar persönlich kommt nicht vor. Es geht wohl um Öffentlichkeitsarbeit aus Sicht des jeweiligen Auftraggebers. Das Ganze hat mit sozialdokumentarischer Fotografie nichts zu tun sondern nur mit auftragsbezogener Funktionsfotografie, überwiegend hier wohl der IHK bzw. dem DIHK.

Jens Jäger hat dies einmal so beschrieben: „Die Industriefotografie unterscheidet sich von Bildern, die im weitesten Sinne arbeitende Menschen zum Thema haben, durch Provenienz, Inszenierung und (ursprüngliche) Intention (vgl. Zimmermann 2004). Hier ging es um die Selbstinszenierung von Unternehmen nach innen wie außen. Modernität, Größe, Ordnung und Leistungsfähigkeit kennzeichnen die Industriefotografie nach außen, das heißt gegenüber möglichen Kunden, aber auch gegenüber der Belegschaft.“

DGB

Die Gewerkschaften haben natürlich auch das Thema Arbeit besetzt. Zuletzt in der Fotografie mit einem Buch über „gute Arbeit“ im Sinne mitbestimmter Unternehmen. Dabei kommen aber die einzelnen Menschen auch schon irgendwie zu kurz, weil es eben auch um DIE Arbeit geht.

Politische Propaganda

Zudem ist das Thema aktuell durch die Politik besetzt worden. Dabei wird versucht, die Arbeit fotografisch so umzumünzen, dass ein neues Image entsteht, welches den jungen und dynamischen Hüpfer kreiert, der gerne bis 67 arbeitet.

Fremde Arbeit

Neben diesen deutschen Themen gibt es auch noch viele Fotos in noch mehr Fotoausstellungen, bei denen Menschen in aus deutscher Sicht schlimmsten Arbeitsbedingungen aufgenommen werden. Das wirkt auf uns neben dem „Ach wie furchtbar“ umgekehrt  auch sozial trennend im Sinne von „Wie gut ist es doch bei uns“. Aber davon soll man sich nicht täuschen lassen.

Es gibt dieses berühmte Foto von Salgado von den Minenarbeitern in Brasilien. Das erweckt zuerst diese Gefühle.

Aber dann findet man einen Satz von Salgado dazu und dies erweitert den Horizont:

Frage des Reporters:

„Die Bilder aus der Goldmine haben Ihnen den Ruf eingebracht, ein Fotograf zu sein, der soziale Missstände anklagt.“

Antwort von Salgado:

„Überhaupt nicht. Ich zeige einfach Arbeitsbedingungen. Keiner der Männer in dieser Mine wurde gezwungen, dort zu arbeiten. Sie zockten wie im Casino. In jedem Sack könnte ein Kilo Gold sein.“

Das Fremde macht immer neugierig. Aber der erste Eindruck stimmt oft nicht. Und Arbeit in der industriellen Welt und außerhalb der industriellen Welt hat ebenfalls viele Facetten, wenn man nicht nur glaubt, dass wir immer Recht haben und wir immer die Guten sind.

Fazit

Nun kann ein Artikel nur Einstiege bieten. Das habe ich hier mit fünf Wegen getan.

Wenn ich das so sehe, dann wird das Thema Arbeit absehbar ein fotografisches Thema bleiben.

Und für mich ist es ein absolutes Mysterium, warum die Menschen lieber in einer Welt leben, in der sie um Arbeit kämpfen müssen statt für eine Welt zu kämpfen, in der sie  nicht mehr darum kämpfen müssen.

So hat dieser Arikel bei mir neue Fragen aufgeworfen. Und ich weiß nicht, ob ich diese in meinem Leben noch beantworten kann.

 

Die im Dunkeln sieht man nicht – ist Dokumentarfotografie ein Geschäftsmodell?

Das Ende der Dokumentarfotografie – Foto: Michael Mahlke

Eine gedankliche Reise

Verlierer

Soziale Dokumentarfotografie ist eigentlich Verliererfotografie, denn es sind nicht die Schönen und Reichen, die als Thema dienen, sondern die Namenlosen und sonst Unsichtbaren, also wir, die wir nicht im Rampenlicht stehen oder wirtschaftliche/politische Macht haben.

Und wollen wir unsere Verhältnisse sehen oder lieber die Schönen und die Reichen?

Aus der Antwort auf die Frage ergeben sich die fotografischen Folgen. Kritisches Medienbewusstsein, demokratisches Denken, politisches Engagement und vieles mehr werden ja zunehmend weniger.

Der Kampf um Mannesmann – Dokumentarfotografie im Internet vor 12 Jahren

Der Kampf um Mannesmann - Webseite von Michael Mahlke

Der Kampf um Mannesmann – Webseite von Michael Mahlke

Wer hätte 1999 und 2000 daran gedacht, dass das Internet einmal in dieser Form als Informationspool dienen könnte? Was wäre eigentlich passiert, wenn es damals schon Facebook und Google gegeben hätte?

Wer damals schon mit Computern lebte, der hatte als Highlight Windows 98 und höchstens Monitore mit 13 oder 15 Zoll. Alles andere war nicht bezahlbar. Webseiten waren in der Regel im Format 640×480 Pixel. Und die Kosten für die Datenübertragung im Internet waren immens hoch.

Damals (1999/2000) fand in Remscheid der Kampf um das Stammwerk von Mannesmann statt. Und es war eine – wenn nicht die Geburtsstunde – für engagierte Dokumentarfotografie im Internet. Ja, das Ziel war zu informieren, um Öffentlichkeit und Solidarität mit der Bevölkerung zu erhalten.

Ich stellte die Domains solidaritaet.de und solidarisch.de zur Verfügung, programmierte die gesamte Webseite und mit den ersten benutzbaren Digitalkameras machte ich Fotos. Später wurde dies noch um die Bilder von Herrn Brandt und Herrn Brand ergänzt.

Es war natürlich fotografisch digital viel weniger möglich als die heutigen technischen Möglichkeiten zulassen. So entstand eine digitale fotografische Dokumentation. Die einen nennen es Dokumentarfotografie, die anderen sozialdokumentarische Fotografie. In allen Fällen ist es eine der ersten Webseiten, wenn nicht die erste, mit Dokumentarfotografie im Internet gewesen.

Damals gab es Digitalkameras mit maximal 3 Megapixel Auflösung und in der Regel waren Fotos auf Speichermedien in der Größe von maximal 640×480 oder 320×240 Pixel gespeichert. Alles andere war unbezahlbar. Nur als Hinweis. Eine Speicherkarte (CF) mit 32 MB (nicht GB) kostete damals in meiner Erinnerung ca. 200 DM.

Es entstand damals eine komplette Webseite über einen Kampf, der die Menschen und eine Region bewegte.

Diese Tradition wurde in meinen Augen nur sehr rudimentär von den beteiligten Organisationen weiterentwickelt. Aber die damaligen Fotografen (Michael Mahlke, Lars Jorma Brandt, Gerhard Brand) haben damit ein Stück sozialdokumentarische Fotografie im Internet geschaffen – was sich aber erst 12 Jahre später mit entsprechendem Abstand zeigt.

So hat die digitale Fotografie im Internet ihren Platz in der Geschichte der Menschen, die ihre Geschichte nicht aus freien Stücken machen aber selbst, durch Mitmachen, Zulassen oder Unterlassen.

Diese Dokumentation gab es nie gedruckt. Sie ist eines der ersten Produkte des digitalen Zeitalters. Dies ist dann übrigens auch eine neue Herausforderung für Fragen der Dokumentation von Geschichte und Geschehen.

Falls so etwas möglich ist, möchte ich diese Webseite denen widmen, die damals dabei waren und deren Familien.

Dieser Kampf ist auch historisch höchst interessant. Wenn man rückblickend überlegt, wer damals schon was wusste, was man damals nicht wusste – aber das ist ein anderes Thema.

Hier geht es um dokumentierende Fotografie. Um die Webseite richtig ansehen zu können, sollten Sie die Bildschirmauflösung auf ihrem Monitor oder Notebook auf 640×480 oder 800×600 Pixel umstellen (bei Windows Rechtsklick auf dem Desktop und Bildschirmeigenschaften/Auflösung, bei Apple links oben auf den Apfel, Systemeinstellungen/Monitor). Dann wirken auch die Fotos anders, nämlich so, wie es auch eigentlich gedacht war.

Sie finden die Webseite u.a. hier.

Nach dem Tod des deutschen politischen Foto-Journalismus oder die neue parallele digitale Welt

Die tägliche Langeweile

Langweiliger geht es kaum noch. Die politische Klasse wird fast nur noch mit Tele fotografiert und so langweilig, dass die Artikel ohne Fotos genauso gut oder schlecht wären. Und wo findet der politische Foto- Journalismus von heute statt?

Irgendwie nicht mehr da, wo er früher einmal war – ausser manchmal in der Bild-Zeitung (und das meine ich durchaus positiv).

Wichtig: hier gibt es Gedanken zum Thema Foto-Journalismus, nicht Journalismus. Früher waren Stern und Spiegel, Bunte etc. bekannt dafür, die Bilder zu liefern, um die es ging. Aktuell versucht das View-Magazin so etwas, abgedrängt als Spezialzeitung und nicht mehr an entscheidenden Stellen. Es gibt sicher noch mehr Beispiele. Aber das ist alles Print, also gedruckt.

Obwohll es noch nie so viele digitale Fotos gab, ist der Foto-Journalismus im Netz im Verhältnis und überhaupt offenkundig wesentlich weniger zu finden. Und dies, obwohl es viel leichter wäre als im Druckbereich. Dabei beziehe ich mich natürlich auf das Durchstöbern der Blogs der traditionellen Print-Medien.

Fotos sind mittlerweile eher Garnierung geworden, obwohl es auch umgekehrt sein könnte.

Nun kann man argumentieren, dass ja Fotos nicht so schnell sind wie Livestreams und Filme. Das stimmt sogar manchmal. Dennoch bleibt ein schaler Geschmack, wenn man sich überlegt, was aus der Königsklasse des Foto-Journalismus geworden ist, zumal Fotos im Internet gerade heute viel umfassender Einblicke geben könnten.

Aktuell heisst Internet

Wenn man aktuelle dokumentierende und erzählende Fotos im Netz sucht, dann wird man kaum fündig. Es gibt eher multimediale aktuelle digitale Dokumente als Pixeljournalismus. Ich  nenne als Beispiele Globalrevolution und Nocommenttv.

Globalrevolution

Watch live streaming video from globalrevolution at livestream.com

Nocommenttv

Doch da hört es schon auf. Wenn es um Fotos und/oder Videos geht, dann können Seiten wie flickr und facebook nicht mithalten. Das ist schon in einigen Artikeln kritisch beleuchtet worden, da geht es auch um die Frage der Zensur.

Soziale Netzwerke sind ungestaltete und zufällige Informationskanäle. Gerade soziale Netzwerke können sogar zur Falle werden, wie z.B. hier beschrieben wird. Es ist kein Journalismus. Der fängt mit dem Aufbereiten der Informationen auf freien Webseiten an.

Und in Deutschland – von immer weniger immer mehr?

Wenn wir über das Internet sprechen und die GEZ bezahlten und privaten digitalen Angebote, dann gibt es weder multimediale Filme über das Geschäft der Grossen und Mächtigen noch Fotos über politische Szenen aus dem Berliner Leben. So gut wie nichts ist an exponierten Stellen zu finden. Was machen die Reporter eigentlich die ganze Zeit?

In Deutschland findet eine Zensur nicht statt, weil offenkundig massiv im Kopf zensiert wird. So wird von immer weniger immer mehr fotografiert, ohne dass dies wirklich die Wirklichkeit erfassen würde.

Der deutsche politische Journalismus mit den vielen Fotos und den Szenen aus dem politischen Leben ist tot, denn er findet nicht einmal mehr im Netz statt (wo doch alles reingesetzt werden könnte.)

Im traurigen Monat Oktober war´s, die Zeiten wurden trüber, der Wind riss von den Bäumen das Laub, die politische Fotografie war hinüber.

Ja, so ist das. Man kann sein Geld eben anders leichter und konfliktfreier verdienen und so boomt die Fotografie dort, wo sie Kunst sein soll. So ist der Zeitgeist von heute in der journalistischen Klasse anders als der Zeitgeist in den digitalen Medien.

Doch Tod und Leben liegen eng nebeneinander

Parallel  entsteht eine von medial sensiblen Menschen gesteuerte Nutzung der neuen digitalen Möglichkeiten. Neue Formen der digitalen Informationsaufbereitung und des Pixeljournalismus wachsen – langsam und zufällig, aber immer mehr.

Es entwickelt sich gerade eine parallele Welt, die informiert und diskutiert – und dies völlig parallel und ausserhalb der etablierten Medien. Es entsteht eine digitale Öffentlichkeit jenseits der Leitmedien. Nicht in Deutschland sondern im Netzland, im Internet.

Schöne neue Gefängnisse für die neue Öffentlichkeit

Deshalb soll sie durch neue Gefängnisse, die im schönen Gewand daherkommen, schon wieder abgeschafft werden. Die neuen Gefängnisse heissen Cloud oder sind soziale Netzwerke, die die letztliche Kontrolle über die Veröffentlichung haben und jederzeit das kollektive Gedächtnis abschalten können, ausserhalb von gesicherten Grundrechten wie der freien Meinungsäusserung.

Etwas wie „Wir sind die 99 Prozent“ ist innerhalb der traditionellen deutschen Medien weder offline noch online möglich und auch nicht in den dominierenden sozialen Netzwerken. Paradoxerweise ist es in tumblr – also jederzeit von Dritten abschaltbar! In meinen Augen ein großes Problem.

Leider sind die dort abgebildeten Geschichten auf Englisch und daher nicht für die meisten Deutschen zugänglich. Es sind Geschichten, die auf jeweils einem Foto die Lebenswirklichkeit eines Menschen erzählen wie „Ich bin Krankenschwester und habe selber keine Krankenversicherung. Ich gehöre zu den 99 Prozent.“

Unter dem Gesichtspunkt sozialdokumentarischer Fotografie ist dies ein besonders gutes Projekt, weil es Wirklichkeit und soziales Handeln miteinander verknüpft und dokumentiert.

Übrigens, aus der Sicht eines sozialdokumentarischen Fotografen beginnt gerade eine digital äußerst spannende Zeit mit einer ungelösten Frage. Denn es gibt zwar immer mehr Webseiten, die dokumentieren, aber wer dokumentiert diese Webseiten und wie?

Da zeigt sich auch, dass die neue Welt mit den alten journalistischen Mitteln nicht mehr zu erfassen ist, die von Anzeigen finanziert werden.

Oder doch! Es ist ja nicht alles so schwarz und weiss. Bei Heise.de finden wir z.T. sehr gute eher strukturelle Artikel und Interviews.

Und bei N-TV ist ein wunderbarer journalistischer Artikel zu den Zusammenhängen und Hintergründen der Occupy-Bewegung zu finden. Diese sind zwar kein politischer Foto-Journalismus. Sie zeigen aber, dass es noch journalistische Recherche gibt und tiefergehende Infos, die Zusammenhänge aufzeigen. Interessanterweise sind beide Artikel aus dem nicht GEZ-Bereich. Diese verstreuten kleinen Perlen sind umgeben von digitalen Ablenkungsmanövern.

Man muß also die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht gibt es ja doch noch gegenseitige Befruchtungen.

So wird die Zukunft fotografisch und multimedial spannend. Die einen wollen uns fangen und zensieren auf ihren Seiten und die anderen wollen ein freies Internet mit mehr Informationen für eine Welt, die das Unrecht durch lupenreine Infos begrenzen will.

Doch auf dem Friedhof des deutschen Foto-Journalismus wird dieser Kampf kaum stattfinden.

Denn freie Berichterstattung erfordert Mut zum Berichten und Recherieren und ist unbequem und ist mehr als die GEZ-Kontrolle in der Region und vor allem ist sie mehr als die fotodokumentarische Berichterstattung über symbolische Politik.

Sie fängt eigentlich dort an, wo die Symbolik aufhört …. – und die entsprechenden Kameras und fotografischen Möglichkeiten dafür sind doch vorhanden, wie man auch hier lesen kann!

 

 

Wo gibt es aktuelle gute sozialdokumentarische Fotografie?


Ja, es gibt sie noch, die sozialdokumentarische Fotografie. Wo? Dort wo sie das macht, was sie soll, nämlich aktuell und engagiert zu sein, zum Beispiel bei Ärzte ohne Grenzen im Magazin AKUT.

Wenn wir uns die aktuelle Nummer 1-2011 betrachten, dann sehen wir ein Bild mit einem Schild „Waffen verboten“ im Vordergrund und dahinter eine dörfliche Szene. Das Bild von Spencer Platt ist so gestaltet, dass der Schatten des Verandabalkens in der linken unteren Ecke endet und zugleich umgekehrt den Blick ins Bild zieht.

Ähnlich interessant ist das Bild auf Seite 3, ebenfalls von Spencer Platt. Es gibt viele Personen, aber nur eine ist erkennbar. Dadurch sind die Persönlichkeitsrechte der Personen nicht verletzt. Ich vermute, dass das Bild entweder mit einem Lensbaby aufgenommen wurde oder einem nachträglichen Filter so bearbeitet worden ist. Wie auch immer. Die exakte Schärfe auf dem Logo von Ärzte ohne Grenzen, die Drehbewegung der Person und der darum fließende Panning-Focus zeigen die Dynamik der Situation und jeder erkennt, worum es geht.

Auf Seite 6/7 sieht man ein Foto von Cédric Gerbehaye. Es zeigt die Garnisonsstadt Malakal. Das Foto hat es in sich. Es hat eigentlich einen schiefen Horizont. Aber interessanterweise schadet dies dem Bild nicht. Es ist so gestaltet, dass die Elektroleitung direkt aus der rechten oberen Ecke in das Bild hineinzieht und den Blick des Betrachters im linken Drittel fängt. Man hat sogar das Gefühl, dass dieses Bild gerade ausgerichtet seine Aussage eher verwässern würde, denn irgendwie ist an dieser Stelle alles schief.

Es gibt dort noch mehr Fotos, die allesamt zeigen, dass die visuelle Grammatik des Sokrates auch heute noch die Grundlage für solch gute Fotos ist. Und oft sagen diese Fotos mehr als tausend Worte, in diesem Fall dokumentieren sie die Arbeit der Organisation Ärzte ohne Grenzen.