Tag Archive for Sehen

Vom Sehen zum Schnappschuss und zur Sozialfotografie

Schnappschuss, Streetfotografie, Sozialfotografie – unterschiedliche Ansprüche an die Fotos vom individuellen Ausdruck bis zur Dokumentation sozialer Situationen.

Aber man muß das Sehen erst lernen und das geht über den Kopf. Ich habe meinen Weg und einen Blick auf meine Ergebnisse in diesem Bild zusammengefaßt.

Für mich ist Lesen und Anschauen wesentlich gewesen. Dadurch erhielt ich meinen Blick. Das Problem dabei ist nur, daß man jetzt immer so in die Welt blickt. Daher ist es wichtig auch neue Perspektiven durch neue Themen zu sehen – sonst bleibt man visuell stehen.

 

Der Bilderalltag. Perspektiven einer volkskundlichen Bildwissenschaft von Helge Gerndt und Michaela Haibl (Hg.)

Das Buch über den „Bilderalltag“ von Helge Gerndt und Michaela Haibl (Hg.) aus dem Waxmann-Verlag ist ein Buch für die digitale Welt.

Es gelingt in diesem Sammelband, die neue Art zu sehen und zu denken in Worte zu fassen.

Den Bogen spannt die Frage nach den Möglichkeiten einer Volkskunde für die digitale Welt. Den Inhalt machen Detailuntersuchungen und zusammenfassende Texte zu wesentlichen Veränderungen  im Umgang mit Text und Bild und Video aus.

So zeigt Albrecht Lehmann in seinem Aufsatz „Bilder als Vorbild“ am Beispiel von Landschaftsaufnahmen und Landschaftsschilderungen, wie wichtig das eigene Bildgedächtnis für die eigene Orientierung in der Welt ist.

Die Überschrift öffnet schon eine Tür, deren Dimensionen enorm sind.

Wenn unsere inneren Bilder unsere Vorbilder sind, dann ist die Frage nach unseren Bildern entscheidend für das Verstehen unseres Denkens und unseres Handelns.

Nun wissen wir ja, dass unser Gehirn nicht zwischen „echten“ und „unechten“ Bildern unterscheiden kann. Daher sind Anspannung und Weinen im Fernsehen eine normale Zuschauerreaktion.

Foto: Michael Mahlke

 

„Vilem Flusser ist der Ansicht, daß im späten 20. Jahrhundert die audiovisuellen und alphanumerischen Formate, solche, die über Fotos, Filme, Fernsehen und digitale Welten vermittelt werden, den logisch-rationalen Diskurs der Schriftkultur nachhaltig ablösen. Das bisher dominierende Wort stehe in einem harten Verdrängungskampf mit dem Bild.“

So beginnt ein Abschnitt im Aufsatz von Christoph Köck zum Thema „Bilderfolgen. Wahrnehmungswandel im Wirkungsfeld Neuer Medien“.

Köck unterteilt drei Wirkungsphasen der Veränderung von „Wahrnehmungsmodalitäten“.

  • Ab Mitte der 60er Jahre erhöht sich die Präsenz von Bildern im Alltag
  • Ab Mitte der 1980er Jahre zerschneiden zunehmend Videoclips und Bilder „die Welt in bruchhafte Stücke“
  • Ab Mitte der 90er Jahre erfolgt mit der Zunahme der digitalen Medien und der Interaktion der „Iconic turn“, die Hinwendung zum Bild in quasi allen Alltagskontexten

Es entsteht kein Analphabetismus sondern eine „neue Sprache“, die zeichen- und bildgesteuert ist.

Und an anderer Stelle weist er darauf hin: „Wir leben heute nicht nur mit den Bildern…, sondern zunehmend auch in den Bildern… Die Flüchtigkeit, die den elektronischen Umgang mit den Bildern … kennzeichnet, macht es in der Folge immer unwahrscheinlicher, Informtionen als Bausteine des kulturellen Gedächtnisses zu definieren.“

Später in diesem Buch wird sehr detailliert die Frage diskutiert, ob man Bilder lesen kann und wenn wie.

Burkhart Lauterbach untersucht dann fotografische analytische Anleitungsmodelle und viele andere Autorinnen und Autoren zeigen bis hin zu Nazisymbolen, Trachten und Möbeln sehr detailliert, wie man Bildern sehen kann und wie sich das „Sehen“ wandelt.

Insgesamt ist dieses Buch eine kaum zu ersetzende Bestandaufnahme wesentlicher Elemente des Wandels unserer Welt.

Und es ist auch deshalb so gut, weil es knapp fünf Jahre nach seinem Erscheinen noch aktueller geworden ist zum Verstehen der Prozesse, die gerade ablaufen.

Das Buch hat einen besonderen Stellenwert, weil es zeigt, dass Dokumentarfotografie noch wichtiger wird, da die Wahrnehmung noch flüchtiger wird.

Dokumentarfotografie hat die Chance, die Flüchtigkeit zu dokumentieren und dadurch Baustein einer neuen Form des Festhaltens und ein Teil eines visuellen Gedächtnisses zu werden. So wird der Zeitgeist festgehalten und Teil der Geschichte.

Eine echte Empfehlung – und noch erhältlich.

Helge Gerndt, Michaela Haibl (Hrsg.)

Der Bilderalltag

Perspektiven einer Volkskundlichen Bildwissenschaft

Münchner Beiträge zur Volkskunde, Band 33, 426 Seiten, broschiert, 29,90 €,

ISBN 978-3-8309-1553-

Stephen Shore, Das Wesen der Fotografie

„Eine Fotografie hat Ränder, die Welt nicht.“ Dies ist ein Satz aus dem einzigartigen Buch „Das Wesen der Fotografie“ von Stephen Shore. Es gibt kaum eine höhere Kunst, als die wichtigsten Dinge in einfachen Sätzen zu sagen.

Das Buch von Stephen Shore ist Ausdruck dieser Kunst. Ich kenne kein zweites Buch, welches so klar und gut das „Wesen“ der Fotografie zeigt.

Stephen Shore hat in diesem Buch Fotos sehr vieler weltbekannter Fotografinnen und Fotografen als Beispiele gesammelt und bespricht sie. Es ist für mich aktuell DAS Buch für Menschen, die wirklich verstehen wollen, wie eine Fotografie im Kopf entsteht. Dafür gibt es Gründe.

Dieses Buch vermittelt das sinnliche und geistige Instrumentarium für gute Bilder. Zugleich lernt man hier, ein Bild zu sehen.

Wenn wir uns im Angesicht der Massen an digitalen Fotos die Frage stellen, wieviele davon wirklich im Kopf gestaltet und dann umgesetzt worden sind, dann wird deutlich, wie wenig es nur sein können und welcher Aufwand dafür erforderlich ist.

Stephen Shore hat ein Buch gestaltet, welches auch durch seine didaktische Aufbereitung brilliert. Es gibt kurze gedankliche Abschnitte und Fotos, die jeweils das Merkmal zeigen. Dadurch kann man in diesem Buch blättern und sich Elemente des Buches langsam aneignen.

Fast spielerisch erlaubt das Buch, sich die einzelnen Doppelseiten anzuschauen und dabei den Gedanken und den Elementen des fotografischen Sehens  zu begegnen. Und wer dann soweit ist, dass auch bei ihr oder ihm die Bilder im Kopf entstehen, der merkt irgendwann, wie wichtig dieses Buch sein kann.

Auf viceland.com hat sich Shore zu diesem Buch geäußert: „Das Buch ist genau genommen auf Grundlage eines Kurses von mir entstanden, in dem es um „fotografisches Sehen“ ging. Ich benutzte zunächst John Szarkowskis Buch The Photographer’s Eye als Unterrichtstext. Aber eins der Kapitel passte nicht zu der Art, wie ich unterrichten wollte, also schrieb ich stattdessen ein eigenes. Dann merkte ich, dass ich genug Material für ein Buch hatte. Und, ja, ich benutze es tatsächlich immer noch und ich habe den Eindruck, dass es bei den Studenten gut ankommt.“

Man muß dem Phaidon Verlag sehr dankbar dafür sein, dass er dieses Buch produziert hat. Wirklich gute Bücher setzen sich ja immer erst im Laufe der Zeit durch. Anfängliche Verkaufserfolge und tatsächliche Wirkkraft sind bei Büchern so unterschiedlich wie Schulnoten etwas über Charakter aussagen.

Ich glaube, dass dieses Buch von der Aussagequalität her auf derselben Ebene anzusiedeln ist wie „The Mind´s Eye“ von Henri Cartier-Bresson. Cartier-Bresson hat in seinem Essay über den entscheidenden Augenblick das Wesen des richtigen Augenblicks für ein gutes Foto herausgearbeitet und Stephen Shore hat mit der Schule des fotografischen Sehens ein herausragendes visuell-gedankliches Buch umgesetzt.

Ich vergleiche beide Bücher, weil in meinen Augen beide Bücher eine Gemeinsamkeit haben: sie zeigen den Weg zum Blick oder wie ein Bild im Kopf entsteht. Der eine zeigt, wie man eine Situation erleben und den richtigen Moment darin erkennen und nutzen kann, der andere vermittelt den Blick für das bewusste Entstehen des Fotos.

Dies wiederum darf man nicht mit den beiden Autoren als Fotografen verwechseln. Cartier-Bresson „sieht“ völlig anders als Shore und deshalb sind für beide auch die Ausschnitte und Gestaltungen anders. Aber der Weg zu dem jeweiligen Blick ist der Weg, den beide in ihren Büchern beschreiben. Die Blicke selbst sind verschieden.

Es sind beides Bücher, die wirklich etwas durch die Person des jeweiligen Autors bedingt herausarbeiten und erlebbar machen, obwohl beide Fotografen aus völlig verschiedenen Richtungen stammen. Und es sind beides Bücher, die sich durch das Motto „Weniger ist mehr“ auszeichnen.

Das Buch von Stephen Shore handelt vom fotografischen Sehen mit dem Auge als Instrument und mit dem Kopf als wichtigstem Steuermittel. Kameras spielen in dem Buch von Stephen Shore keine Rolle. So entsteht ein zeitloses Buch für die geistige Vorarbeit und Nacharbeit in der Fotografie, egal ob in der Kunst- oder in der Reportagefotografie.

Dieses Buch wird auch nie langweilig. Denn jedes Mal ruft es – und sei es nur beim Blättern – die Bedingungen fotografischer Arbeit hervor. Und dies mit einer Leichtigkeit, die das „Lesen“ des Buches zu einer wahren Wonne machen. Es ist ein herausragendes Buch.

Stephen Shore

Das Wesen der Fotografie

ISBN-13: 9780714849904
ISBN-10: 071484990