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Wie wird man Dokumentarfotograf?

Ein Beispiel – mein Beispiel

Früher habe ich Bücher geschrieben über den Nationalsozialismus, die Gewerkschaftsbewegung, das Leben der kleinen Leute im Arbeitsleben, Ausstellungen organisiert, Lernsoftware entwickelt und Seminare zu Themen wie „Global denken vor Ort handeln“ geleitet. Nach der Grenzöffnung 1989 qualifizierte ich Menschen und half, in Umbrüchen neue Lebensorientierungen zu finden und dann wechselte ich in die industrielle Organisationsentwicklung.

Ein besonderes Erlebnis hatte ich kurz nach dem Fall der Mauer. Ich hatte den Auftrag in Frankfurt/Oder Lehrgänge durchzuführen. Ich erhielt Räume in der ehemaligen SED-Parteihochschule. Dort waren noch die Fotos von Breschnew und Honecker an der Wand und Aufrufe zur Völkerfreundschaft. Die Menschen wurden in den Betrieben und den Verwaltungen „freigestellt“ und über Nacht in die „Lehrgänge“ geschickt. Alles erwachsene und qualifizierte Männer und Frauen. Und ich sollte nun das „Ankommen“ und die Strukturierung übernehmen. Niemand hatte Erfahrung, wie man damit umgeht, dass über Nacht ein System verschwindet und ein anderes System kommt und „Hallo“ sagt. Leider habe ich damals noch nicht fotografiert.

Als ich zurückkam erlebte ich im Bergischen Land die Fortsetzung dieser Politik unter neuen Bedingungen. Die politisch beschlossene gesetzliche Öffnung der Märkte, der Abbau von Schutzzöllen und die EU-Subventionen liessen Betrieb für Betrieb verschwinden. Westdeutsche Betriebe wanderten nach Ostdeutschland ab und ostdeutsche Betriebe dann nach Polen oder China. Oft war ich einer der wenigen, der das Sterben der Betriebe und das Sterben der Hoffnung der Menschen sah. Darüber wollte ich schreiben. So entstanden wieder Bücher zur Selbsthilfe für die Menschen wie die Sorgenfibel.de und Webseiten wie lebenspower.de.

Aber das war zu wenig. Ich wollte nicht nur helfen sondern auch festhalten für die Nachwelt. Denn die Worte zeigten keine Gesichter und die Geschichten erzählten keine Momente, so wie ich es erlebt hatte.

So kam ich zum Fotografieren.

Versuch und Irrtum

Viele Fotos gefielen mir nicht. Da ich keine fotografische Erfahrung und Schulung hatte, war es oft ein reines fotografisches Schiessen. Das gefiel mir so wenig wie das Schreiben, weil es vielfach nicht zeigte, wie es wirklich war.

Der Bericht über den Kampf um Mannesmann war 1999/2000 wie eine Art fotografische Erweckung. Dabei war es so, als ob mir eine unsichtbare Hand damals den fotografischen Weg gewiesen hatte. Es geschah mit einer der ersten 3 Megapixel Kameras. Aber es reichte nicht. Ich sah die Diskrepanz zwischen Wollen und Können.

Also suchte ich nach fotografischen Vorbildern. Ich entdeckte Henri Cartier-Bresson und seine Art der Fotografie sprach mich sehr an. Mir wurde klar, dass ich so auch fotografieren wollte.

Ich besuchte Seminare, arbeitete mit anderen Fotografen zusammen, wollte viel lernen –  und lernte auch viel, nur anders. Meistens ging es nicht um Einsicht sondern um Eitelkeiten. Nur sehr wenige Menschen vermittelten mir echt neues Wissen.

Aber das Problem für mich war die Parallelität von Ereignissen und der Zwang in mir, dies fotografisch festhalten zu wollen. So machte ich mir selbst ein Programm und wandelte auf den Spuren von Henri Cartier-Bresson. Fotos mit Geometrie, Fotos mit Struktur, Fotos mit Details – so versuchte ich mich fotografisch an den Themen, die ich für die Nachwelt bewahren wollte, weil es kein anderer tat.

Wenn ich das alles damals schon nicht aufhalten konnte, dann wollte ich es wenigstens festhalten. Eine kleine Kompaktkamera mit einem 6MP CCD-Chip wurde später mein erster ständiger Begleiter.

Irgendwann merkte ich, dass sich mein Blick verändert hatte und ich beim Fotografieren anders blickte. Auf der Grundlage von Cartier-Bresson entstand mein Blick auf monochrome Art. Dabei bin ich nicht stehengeblieben aber es ist wesentlich.

Es war die Loslösung von der Frage, ob die Fotos ankommen hin zu der Frage, wie ich die Fotos in meinem Sinne hinbekomme.

Ich lernte auch, dass das Fotografieren dieser Themen und dieser Art von Wirklichkeit nicht unbedingt viele fotografische Anhänger bringt.  Es sind Fotos, deren Zweck das Festhalten ist, um zu dokumentieren und den Zeitgenossen und der Nachwelt eine soziale, historische und politische Reflexion zu ermöglichen. Inhaltlich geht es darum Themen im Längsschnitt oder im Querschnitt fotografisch festzuhalten über ein einzelnes Ereignis hinaus.

Es sind oft fotografische Themen ohne Publikum. Als ich das akzeptiert hatte, wurde ich freier. Und so konnte ich mental und inhaltlich auch Dinge einordnen, die sonst so weder gesehen noch fotografiert noch aufgeschrieben worden wären.

So war das.

Und heute lese ich etwas über Sebastiao Salgado, das dies alles bestätigt:

„Der Besuch bei ihm und der Anblick all dieser Negative und Kameras, seine Leidenschaft für Fotos und die Geschichten, die er damit erzählen konnte, all das motivierte mich dazu, Dokumentations- und Pressefotografin zu werden. An diesem Tag gab er mir den allerbesten und nützlichsten Rat: Wenn ich meine Fotos verbessern und aussagekräftig machen wollte, sei es das Wichtigste, nicht Fotografie zu studieren, sondern Geschichte, Wirtschaft oder etwas anderes, was mich interessierte…“

So erzählt es Graciela Magnoni zitiert von David Gibson in seinem Buch „Streetphotography – Die 100 besten Bilder.“

Das ist genau mein Weg in umgekehrter Weise, nur die Vermarktung verkaufsfähiger Themen ist mir nicht gelungen, weil die kleinen Leute vor Ort in kritischen Zusammenhängen eben kein Verkaufsschlager werden aber dies meine Themen waren. Aber ohne mein Studium wären dieser Blick und diese Arbeitsweise nicht möglich gewesen.

Für die Dokumentation sozialer Wunden gab es nie Geld. Aber viele zehntausend Menschen tragen die Narben der sozialen Wunden, die ich hier konkret im Ablauf, in der Masse oder als pars pro toto dokumentiert habe, hier und anderswo in sich, sie werden davon mit bestimmt und geleitet, sie leiden darunter und oft genug versteht dann niemand warum, weil niemand mehr sieht was war.

Das führe ich hier nicht mehr weiter aus, weil ich ja nun aufhöre. Aber auf meinen Webseiten ist dazu genug zu finden.

Und genau diese Themen wären ausgeschlossen gewesen, wenn ich den Ringeltanz mit den Mächtigen getanzt hätte, um für Fotografie bezahlt zu werden. Vielleicht war es mein Fehler aber es war mein Weg.

Salgado hat aber recht. Denn so kam es, daß ich Dokumentarfotograf wurde.

Aber dieser Artikel hier ist kein guter Artikel für einen Menschen, der aus der Schule kommt und etwas lernen will in Deutschland. Ich würde nicht als erste Ausbildung Fotograf erlernen oder anlernen (Dokumentarfotograf als Ausbildung gibt es gar nicht) sondern entweder eine Facharbeiterlehre oder eine Kaufmannslehre machen oder Gerichtspfleger oder Pflegekraft oder ein solides Studium, damit ich immer eine sichere Basis habe.

Nur so bin ich frei für das, was ich wirklich will. Das gilt aber nur für Menschen, die nicht alles gesponsert bekommen und eigentlich nicht arbeiten müssen. Die können es machen, wie sie wollen. Aber die lesen hier auch nicht.

Ich betone die eigene Einkommensquelle aus einer soliden Tätigkeit auch noch aus einem anderen Grund. Wenn man in der fotografischen Welt Geld verdienen will, dann braucht man den Zugang zu den Geldverteilungsstellen. Dazu muß man Wettbewerbe gewinnen und genau die Menschen kennen, die darüber entscheiden, wer wofür Zugang erhält. Dabei wird erfahrungsgemäß sehr oft Qualifikation durch Nepotismus ersetzt, so daß der Aufwand fast nie in einem Verhältnis zu einem möglichen Erfolg steht.

Denn es geht ja um mehr als nur darum, einmal oder mehrmals ein Foto oder eine Geschichte irgendwo abgedruckt zu bekommen. Es geht darum jeden Monat genug Geld zu haben.

Selbst so wie hier vorgestellt würde es nicht reichen und wäre wohl illusorisch.

Es ist viel einfacher mit einer sicheren Einkommensquelle dann seine fotografische Energie da einsetzen zu können, wo man es wirklich will und wo man auch Spaß dabei hat (hätte ich früher nicht geschrieben stimmt aber). Zudem muß man dann niemand fragen und kann die Wege gehen, die bei der abhängigen Auftragsfotografie ein zu großes Risiko wären.

Damit erhält man nicht die „Museumsqualität“ der Herrschenden im Kulturbetrieb, weil man nicht die soziale Anerkennung bekommt in ihren Reihen und man bekommt trotz publizistischer Tätigkeit über öffentliche THEMEN keinen Presseausweis.

Aber es ist ein guter Weg, um die eigene Lebenszeit und die Fotografie und das soziale Leben immer wieder neu zu erleben und soziale Fragen fotografisch aufzugreifen, die nicht in die bezahlte Werbung zwischen die bisherigen Medien dürfen, weil sie weder Sex sells können noch politisch opportun sind.

Umgekehrt ist der Kampfplatz für die gesellschaftliche Anerkennung natürlich die „Museumsqualität“. Wer dorthin will braucht hier nicht weiterlesen.

Wenn man dies real, sozial und fotografisch sieht und dennoch tätig wird, dann bringt man fotografisch wirklich etwas ein in diese Gesellschaft, die mehr als lachende Gesichter und Werbung braucht.

Es ist natürlich auch der Versuch, mit sich selbst in der durch nichts gerechtfertigten Ungerechtigkeit (jenseits von leben und leben lassen) zurechtzukommen, die stark einschränkt und lebensbestimmend ist.

Denn wenn man die Ausgrenzung wegen Armut als schmerzhafte Narbe in sich trägt oder sogar erlebt als täglichen Lebensbestandteil (einen sehr guten aktuellen Bericht gibt es dazu hier) und man erkennt, daß die Überwindung wegen neu geschaffener sozialer Strukturen für kleine Leute fast nicht mehr möglich ist, selbst wenn man „Erfolgskriterien“ wie Intelligenz und Qualifikation hat, dann kann man daran kaputtgehen, falls man nicht eine Mischung aus Aggression, Achtsamkeit und Agilität findet, die hilft, damit zu leben ohne nur davon dominiert zu werden.

Und so kam ich zum Dokumentieren von unangenehmen sozialen Abläufen und Wahrnehmungen über die man lieber nicht spricht.

Aber gerade die Konfrontation mit dem Verdrängten tut weh und kann helfen, privat und sozial weiterzukommen und weiter zu leben. Dafür muß es aber sichtbar sein, es muß zu sehen sein.

Meine Themen ergaben sich immer aus den sozialen Fragen in unserer entwickelten Industriegesellschaft mit ihren sozialen Landschaften, ihren Bedingungen und Lebensweisen in Umbruchzeiten zwischen dem Zusammenbruch des Sozialismus und der neu entstandenen Demokratie mit neoliberaler Ideologie und dem Abbau der sozialen Marktwirtschaft, deren Konsensversprechen der funktionierende und sichernde Sozialstaat war (so wie es heute noch in Österreich, Dänemark, Schweden etc. ist).

Hinzu kamen für mich in Anlehnung an Bordieu die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie in diesem Zusammenhang, so daß ich die Nutzung und die fehlende Nutzung der Fotografie dabei interessiert beobachtete.

Übrigens ist es eine Erfahrung von mir, daß das Schweigen über Ungerechtigkeit nicht nur von den Tätern nicht gewünscht wird. Die Opfer sind auch fast alle still. Insofern kann man fast nie dabei gewinnen.

Jahre später ist es dann im besten Fall über Nacht selbstverständlicher Teil des vergangenen Geschehens geworden und tut niemand mehr weh weil viele Betroffene mit ihrem Leiden gestorben sind und mit ihnen die Wahrheit, die nicht mehr zu sehen ist. Da ist dann die Zeit drüber hinweggegangen, weil es politisch und sozial nicht aufgegriffen wurde als Potential für Veränderungen.

In größerem sozialen Rahmen mit sehr persönlichen Erfahrungen habe ich dies im Wupperartmuseum umgesetzt, das es nur digital gibt. Da drin sind visuell offene soziale Fragen zu sehen, die nicht nur mich betreffen und die außerhalb meiner persönlichen Möglichkeiten sind. Sie sind nur von uns zusammen lösbar. Es sind daher auch digitale visuelle Kunst-”objekte”, die zur Nutzung, zum Anschauen zur Verfügung stehen, um sozial zu wirken.

Die Webseite hat den Vorteil, daß die dort ausgestellten Fotografien weltweit Beachtung finden, weil sie einfach Wirklichkeit zum Sprechen bringen und ich mich damit auch in die Welt einbringen kann. Andere Webseiten ergänzen dies.

So ist viel Zeit mit Fotografie vergangen, vieles habe ich wegweisend auf fotografie.international zusammengefaßt, so daß es heute noch da ist und sonst nirgendwo zu sehen wäre trotz sozialer Relevanz.

Denn „Fotos sind ein Medium, sie leben von der Verbreitung“, hat David Gibson mal so einfach und klar aufgeschrieben. Und dazu braucht man digitale Orte, von denen aus sie sich verbreiten können.

Nun will ich diesen Artikel beenden, weil die Tätigkeit als Dokumentarfotograf in dieser Form eben nur für ganz wenige Menschen in Betracht kommt. Man sucht sie nicht, sie findet dich.

Heute kannst du auch ein guter Dokumentarfotograf ein, wenn du kein „Profi“ im Sinne eines/r bezahlten Auftragsfotografen/in bist, sondern wenn du die Freiheit hast, die Dinge, die dich interessieren, fotografisch so zu tun, wie es angemessen und sinnvoll ist und die Fotos öffentlich zugänglich machst und einbringst. Das ist vielleicht echte Professionalität und wahre Profession ohne Profit.

Wenn man das weiterdenkt hilft folgender Satz: „Die Profession Soziale Arbeit zeichnet sich durch zielorientierte und ergebnisorientierte Leistungen auf der Grundlage von ethischen Grundhaltungen und Prinzipien aus“, schreibt der deutsche Berufsverband für soziale Arbeit. Daraus ergibt sich dann, daß diese Art der Profession auch Gesellschaftspolitik ist, weil sie soziale Zustände und Entwicklungen zeigt durch visuelles Dokumentieren. Daraus könnte sich sogar fotografische Sozialarbeit im Sinne von photovoice oder Fotocoaching entwickeln. Damit ist man dann aber mittendrin statt nur dabei und kann sich nicht raushalten und mit den Auftraggebern tanzen.

In diesem Sinne viel Erfolg auf deinem Weg!

Übrigens könnte dieser Artikel auch heißen „Das kleine mühselige Leben eines selbstbestimmten Dokumentarfotografen in digitalen Zeiten“.

Und hier noch ein paar Gedanken dazu, die mich immer noch bewegen:

„Es gehört zu den wichtigen Fähigkeiten des modernen Menschen, mit der Unsicherheit zu leben. Trotzdem zu handeln. Mit der Substanz der Menschenwürde und einer Vorstellung des Gemeinwesens.”

Roland Günter

„… dass die Kunst auch eine Aufgabe hat, indem sie den Teil der Wirklichkeit beschreibt, den wir am liebsten verdrängen wollen.“

Klaus Staeck

«Kunst ist Propaganda für die Wirklichkeit und wird daher verboten.»

Oswald Wiener

„Die Wahrheit ist das beste Bild.“

Robert Capa

„Die Wirklichkeit bietet sich in einer solchen Überfülle dar, daß man nur hineinzugreifen braucht, um vereinfachend und sichtend etwas herauszuholen.“

Henri Cartier-Bresson

„Kunst ist jedoch dann radikal mehr, wenn sie zum eigenen künstlerischen Handeln führt. Wenn sie uns erkennen läßt, dass wir selbst die künstlerischen Akteure sind. Die Kraft und das Potenzial der Kunst stecken in jeder menschlichen Handlung, in jedem Gegenstand, den wir uns erwählen – fernab politischer, religiöser oder sonstiger Bevormundung. Die Kunst hat eine ungeahnt große befreiende Kraft, weil sie unsere besten Energien ans Licht befördert.“

Wolfgang Boesner

Text 1.12

Exodus. Sebastião Salgado

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Die UN-Vollversammlung hat den 20. Juni zum zentralen internationalen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. Dieser Tag wird in vielen Ländern von Aktivitäten und Aktionen begleitet, um auf die besondere Situation und die Not von Millionen Menschen auf der Flucht aufmerksam zu machen.

Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht, davon 41 Millionen in ihrem Heimatland. „Noch nie zuvor wurde die Marke von 60 Millionen Geflüchteten und Vertriebenen überschritten.“

Und nun liegt es vor mir, das Buch, das dies alles schon vor einer Generation zeigte und niemand kann sagen, er hätte es nicht früher wissen können.

Zwischen Anti-Fotografie und Radical Art

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Ich bin etwas hin- und hergerissen, weil es so viele Begriffe gibt. Aber ich will es versuchen.

Vor fünf Jahren schrieb ich über Anti-Landschaften und die neue Naturfotografie. Neu war dabei vor allem, daß nicht nur die schönen Seiten aufgenommen wurden sondern die neue Wirklichkeit, also die unbeachteten und ausgeblendeten Teile unserer Wirklichkeit im Raum. Aber es ging seitdem ja weiter.

Die bekanntesten Namen heute sind sicherlich Edward Burtynsky, Sebastiao Salgado und Nick Brandt.

Hinzu kommen viele andere, die ich nicht kenne und einige, die ich kenne wie John Ganis oder Camilo José Vergara.

Bei ihnen sieht man die Ergebnisse menschlichen Handelns.

Die Menschen selbst mit ihrem Handeln sieht man eher auf anderen Fotografien.

Jenseits der Nachrichten ist sicherlich Martin Parr mit seiner Art die Dinge zu sehen der bekannteste Fotograf, der die Menschen in der Konkretheit des Konsums und des Sozialen bis in die gelebte Absurdität zeigt.

Aber er steht hier stellvertretend für viele andere Namen, von denen einige auf diesem Blog schon genannt wurden.

Es sind thematische Blicke, die zugleich auch Botschaften sind, auch kritische Botschaften.

Und sie haben auch eine Funktion in der neuen visuellen Kommunikation, wobei die Erzeuger der Fotos dies vielleicht nicht immer so sehen. Das weiß ich aber nicht.

Unter dem Gesichtspunkt der Zuordnung in soziale Zusammenhänge sind es oft Fotos, die sich zwischen dem Anti-Fotojournalismus und dem alternativen Gebrauch der Dokumentarfotografie bewegen.

Sie versuchen eben auch die vorhandenen Bilderwelten unseres Kommunikations- und Denksystems zu relativieren. Sie sind konkret im kommunikativen Zusammenhang.

Das geht umgekehrt bis zur radikalen Kunst, radical art, die heute Lebensverarbeitung durch (z.B. visuelle) Einmischung in extremen Zusammenhängen ist.

Was kann man darunter verstehen?

Andrew Wilson hat dies in einem Essay zum Thema “Radical Art Practices in London in the Seventies” so ausgedrückt:

“Viele Künstler identifizierten sich in diesem Zeitraum aktiv mit dem Klassenkampf und den Arbeiterrechten. Hierin spiegelt sich der Übergang von einer Kunst, welche den Zustand der Kunst hinterfragte, zu einer Kunst, welche die Rolle der Kunst innerhalb einer Gesellschaft infrage stellte und schließlich zur Inkraftsetzung einer Kunst führen sollte, die für eine solche Identifikation stehen sollte und mit ihr arbeiten sollte.”

Es ging darum, fotografische Bilder auf eine Weise zu präsentieren, welche die Strukturen der orthodoxen Kultur entlarven und in Frage stellen sollte, um so auch ihre Kodierungen und ideologische Basis zu demontieren.”

Damit ist der Rahmen für radical art bzw. radikale Kunstpraxis klar, so wie sie in den 70er Jahren verstanden wurde.

Man wollte die Menschen dazu bringen, durch Hinterfragen zu fragen und durch kritisches Denken zum Mitmachen und zu sozialen Veränderungen zu kommen mit dem Ziel, bessere soziale Verhältnisse zu bekommen.

Aber Aufklärung allein reicht nicht, ist aber unerläßliche Voraussetzung für Veränderungen.

Und Aufklärung mit Hilfe von konkreten Fotos ist wichtig in anonymen Zeiten.

Denn Geld führt, egal in welcher Religion und in welcher Region.

Neue Blicke und neue Bilder in aktuellen Zusammenhängen sind entscheidend.

Dies kann sehr unterschiedlich sein

  • mit Themen wie Öl oder Wasser (Edward Burtynsky, Allen Sekula),
  • mit einer Region oder einen Kontinent imWandel (Nick Brandt),
  • mit dem Blick auf die Welt (Sebastiao Salgado)

Es können aber auch andere Themen sein, die die Konkretheit des menschlichen Lebens und des Sozialen und Asozialen heute dokumentieren so wie hier oder hier.

Und es muß nicht nur das Große sein, es kann auch das Kleine gezeigt werden so wie auf diesem Foto:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Entscheidend ist das Einbringen und das Zeigen.

Aber es wird nicht reichen, Fotos ohne Lösung anzubieten sondern diese müssen lösungsorientiert in die soziale Kommunikation eingebracht werden (genau das versucht gerade dieser Artikel).

Anti-Blicke sind dabei die Voraussetzung für neue Blicke.

Dazu kann die Fotografie beitragen.

Also los!

Big Shots! Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen von Henry Carroll

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Endlich mal ein Buch, das neue Wege geht!

Der Autor Henry Carroll schreibt im Vorwort:  „Stattdessen enthält dieses Buch inspirierende Arbeiten von Fotografen von früher und von heute. Schauen Sie sich die Bilder an, verstehen Sie ihre Ideen und lernen Sie, wie Sie die Techniken selbst umsetzen können. Sie werden feststellen, dass es bei genialen Fotos weniger um technisches Know-How und vielmehr darum geht, Ihr wertvollstes Instrument zu bedienen – Ihre Augen.“

Es ist ein Buch, das davon lebt, wirklich gut zu sein. Ursprünglich im angelsächsischen Raum erschienen, kommt das Buch über die Schweiz in den deutschen Sprachraum. Das hat ihm sehr gut getan. Es ist eines der Bücher, die dem deutschen Drang der ellenlangen Dokumentation das wirklich wichtige Wissen entgegensetzen: die Praxis des Sehens, die mehr ist als einfaches Fotografieren.

Natürlich kommt in diesem Buch deshalb auch Henri Cartier-Bresson vor, der Meister der Geometrie.

Und natürlich kommen in diesem Buch noch andere Fotografen vor: Sebastião Salgado, Fay Godwin, Martin Parr, Nadav Kander, Daido Moriyama, Elaine Constantine, Ansel Adams, Marc Asnin, Cristina Garcia Rodeo, Edward Burtynsky, Alkan Hassan, Guy Bourdin, Lars Tunbjörk, Lewsi Baltz, Bill Brandt, Ernst Haas, Luca Campigotto, Nayoa Hatakeyama, Slinkachu, Richard Misrach, Denis Darzacq, Jo Metson Scott, Adam Pretty, Tom Hunter, Trent Parke, Ryan Mcginley, Fay Godwin, Joel Sternfeld, Lee Fridlander, Richard Learoyd, Nadav Kander, Elaine, Constantine, Robert Burks, Holly Andres, Jeanloup Sieff, Philip-Lorca diCorcia, Rene Burri, Muzi Quawson, Youngjun Koo, Shikhei Goh, Chris Levine, Melanie Einzig, Robert Capa, Stepehn J. Morgan, Edward Weston, Elliott Erwitt, Apollo 17, Dorothea Lange, Maciej Dakowicz, Alec Soth, Robert Frank, Inzajeano Leif.

Es sind viele Namen und einige davon sind nicht in der  dauernd aktualisierten Medienkarawane der ununterbrochenen Fotoausstellungen zu finden, die überall und immer wieder als sogenannte Fotokunst in Museen gezeigt werden.

Das tut dem Buch gut, weil es zum Kern des Fotografierens vordringt und den Leserinnen und Lesern echte und kluge Zugriffe auf Fotos und fotografische Möglichkeiten bietet.

Carroll hat eine Meinung und er sagt sie schon am Anfang des Buches:

„Stellen Sie sich die Komposition als Fundament ihres Bildes vor. Wie bei jedem Bauwerk muß es stark sein.“

Und so steigt er ein mit dem Foto Monolith von Ansel Adams und danach mit dem Foto Department Var von Henri Cartier-Bresson.

Die guten Fotos nutzt er, um zu zeigen, was man in welcher Situation machen kann, damit die fotografische Komposition stimmt.

Auf Seite 28 schickt er seine Leserinnen und Leser dann erst mal raus zum Üben. Danach folgen weitere 100 Seiten voll mit guten Hinweisen und praktischen Beispielen.

Und wer wirklich übt, der wird das kleine Einmaleins der visuellen Grammatik des Sehens auch lernen können, weil die Vorbilder im Buch erstklassig sind und Carroll offenkundig Erfahrungen in der didaktisch gut aufbereiteten Wissensvermittlung hat.

Super!

Das Buch hat im Vergleich zu anderen Büchern aus deutschen Landen noch einen Vorteil. Es konzentriert sich voll auf das Fotografieren.

In dem Buch wird nicht ein einziges Mal irgendeine Kameramarke erwähnt oder betont, daß es nur die eine Art von Kamera sein kann…

Man braucht eben nicht die neuste Kamera für gute Fotos sondern ein geschultes Auge.

Im schwarzen Einband ist ein echtes Arbeitsbuch erschienen, das wirklich zeigt, wie man sein fotografisches Können verbessern kann.

Einen Hinweis habe ich aber noch. Das englische Original hat übersetzt den Titel Lies das, wenn du großartige Fotos machen willst!

Insofern ist das Buch ein richtig gutes Buch mit einem sehr hohen Lerneffekt und man kann sich sogar noch aussuchen, ob man lieber großartige Fotos machen will oder die Geheimnisse der weltbesten Fotografen kennenlernen möchte – oder beides.

Was will man mehr!

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Es ist im Midas-Verlag erschienen.

Henry Carroll
BIG SHOTS !
Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen

128 Seiten, Paperback, Fadenheftung
durchgehend vierfarbig, 50 Fotografien
ISBN: 978-3-907100-51-6

Eine Leseprobe gibt es hier.

 

 

Sponsoring als Spannungsfeld der Dokumentarfotografie am Beispiel „Genesis“ von S. Salgado

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke – Text: Manfred Zollner, Fotomagazin

Geld regiert die Welt.

Ohne Sponsoren gibt es heute kaum noch größere dokumentarische fotografische Veröffentlichungen. Die Sponsoren lassen sich grob in drei Gruppen unterteilen:

  • Öffentliche Institutionen
  • Private Unternehmen
  • Einzelpersonen

Beliebteste Mittel sind:

  • Fotowettbewerbe
  • Ausstellungen
  • Einzelprojekte

Erfolgreiche Projekte zeichnen sich dabei dadurch aus, daß sie den Sponsoren passen und/oder zumindest nicht weh tun – oder kennen sie ein Projekt, bei dem es anders ist? Bitte melden, ich nenne es hier sofort.

Schon während des Studiums lernen heute Studentinnen und Studenten z.B. an der Fachhochschule Hannover, wie wichtig der Umgang mit Sponsoren ist.

Daraus ergeben sich dann vielfältige Anknüpfungs- und Vermarktungspotentiale.

Nun ist ein neues Buch von Sebastiao Salgado erschienen mit dem Titel „Genesis“.

Das Buch wird von Manfred Zollner im Fotomagazin so charakterisiert: „Letztlich erscheinen uns Salgados Bilder ein wenig wie alte Fotos von Gummibäumen im Wohn-Design der 50er Jahre…. Nun will er uns Bewahrenswertes zeigen. Sein Genesis-Projekt wird von einem Bergbaukonzern gesponsert. Wie passt das eigentlich ins geschönte Landschaftsszenario der großen Salgado Show?“

Damit sind wir mitten in dem Thema gelandet.

  • Sponsoren ja oder nein?
  • Wenn ja welche?
  • Wenn nein was dann?

Bei Genesis handelt es sich um ArcelorMittal,  die das Thema auch entsprechend vermarkten.

Salgado schreibt, dass er ohne diese Unterstützung das Projekt nicht hätte verwirklichen können.

Hätte er sich jetzt andere Sponsoren suchen sollen oder sollte er dann lieber darauf verzichten?

Er hat sich dazu entschlossen, das Projekt mit Hilfe dieses Konzerns zu realisieren. Was hier im Großen abgelaufen ist, kommt auch im Kleinen täglich vor.

Hat das was mit Moral zu tun?

Wir leben in einer kapitalistischen Welt und die Gesellschaften sind offenkundig nicht in der Lage, über politische Beschlüsse Geld für solche Projekte zur Verfügung zu stellen oder eine Umverteilung von oben nach unten vorzunehmen.

Die Machtverhältnisse sind oft anders.

Umgekehrt wollen offenbar aber nicht alle sozial relevanten Menschen, dass die Welt völlig zerstört wird.

Das können ja auch ganz egoistische Motive sein wie das längere und unbeschwerte Geniessen des eigenen Reichtums in einem schönen Umfeld.

Obwohl die Zerstörung der Welt eigentlich kaum noch verhindert werden kann, ist die Problematisierung durch fotografische Visualisierung doch kein schlechter Weg.

Und warum soll Geld, das vorhanden ist, nicht für Projekte eingesetzt werden, die Chancen zeigen?

Schwierig (aus Sicht unserer Menschenrechte) wird es erst in dem Moment,

  • in dem Produktionsbedingungen,
  • Arbeitsbedingungen und
  • Umweltbedingungen von beteiligten Sponsoren

diskutiert werden, die nicht internationalen Standards entsprechen.

Aber ist dies hier der Fall?

Wenn ja, dann muß man in einer offenen Gesellschaft dies auch entsprechend publizieren.

Wenn nein, dann ist doch gegen einen Sponsor nichts einzuwenden, wenn man die Regeln der Transparenz und Offenheit berücksichtigt.

Entscheidend ist in einer Zeit, in der es keine politischen Mehrheiten für öffentliche Projekte dieser Art gibt, daß es Transparenz über Sponsoren gibt und nicht, daß es keine Sponsoren gibt.

Da es sich bei Salgado um einen Fotografen handelt, der transparent handelt und der Realität einen Rahmen gibt ohne Dinge bewußt auszublenden, ist deutsches Denken auch nur ein Teil von vielen Gedanken, die zum Thema Sponsoring geäußert werden.

Insofern war der Gedanke von Manfred Zollner anregend, begrenzend und erweiternd.

Vielen Dank dafür!

Aber klar ist auch, die Fotografie kann die Weltzerstörung nicht aufhalten.

Das können nur Konzerne wie ArcelorMittal und die Politik, die in einer Demokratie mitgestaltet werden kann – persönlich und fotografisch.

In diesem Sinne!

1.1

Dokumentarfotografie – aktuell und interessant

Die Dokumentarfotografie dokumentiert. Googelt man sich durch die Suchergebnisse, dann gibt es sehr verschiedene Infos. Die Wikipedia spricht von einer „Trendwende“ in den letzten Jahren. „Mehrere Museen und Wissenschaftsinstitutionen besinnen sich der dokumentarischen Kraft der Fotografie.“ Der Fotograf Tom Ang schreibt dazu: „“Trotz ihrer herausragenden Bedeutung in der Geschichte der Fotografie ist die Dokumentarfotografie nur schwer zu definieren… Was gute Dokumentarfotos gemeinsam haben, ist die realitätsgetreue Darstellung echter Situationen und echter Menschen.“

Und die Fachhochschule Hannover verkündete voller Stolz vor kurzem: „Nach Beschluss der Akkreditierungsgesellschaft »ACQUIN« ist die Studienrichtung nun ein eigener Studiengang und trägt die Bezeichnung »Fotojournalismus und Dokumentarfotografie«. Damit ist die Fachhochschule Hannover die einzige deutsche Hochschule, die die international übliche Bezeichnung »Photojournalism and Documentary Photography« als Begriff für das Kernprofil in der fotografischen Ausbildung trägt.“

Dies alles zeigt, dass dieser Begriff eine besondere Bedeutung hat. Wenn wir uns noch mal mit der Wikipedia beschäftigen, dann finden wir dort als einleitende Erklärung in dem Artikel folgendes: „Die Dokumentarfotografie ist eine Art des Fotografierens, deren Motivation es ist, ein fotografisches Dokument herzustellen, das für das Festhalten der Realität, als Zeit-Dokument, als Appell oder auch Warnung genutzt werden soll. Diese fotografischen Dokumente stellen dabei jedoch keine objektive, sondern eine subjektive oder ideologische Betrachtung zumeist mit sozialkritischem Hintergrund dar. Der Begriff „Dokument“ stammt von dem lateinischen Ausdruck documentum = beweisende Urkunde.“

Doch es geht noch weiter. Rudolf Stumberger unterscheidet einerseits dokumentarische Fotografie und andererseits sozialdokumentarische Fotografie. Wer den Unterschied zwischen Sozialdokumentarischer und Dokumentarischer Fotografie von Stumberger verstehen will, dem empfehle ich meinen Artikel über die Klassenbilder. (Nachtrag: hier gibt es noch einen neuen Artikel zu der Frage Was ist eigentlich Dokumentarfotografie?)

Wobei aber das Problem bleibt, dass einige sozialdokumentarisch meinen und dokumentarisch sagen. Das führt dazu, die Frage zu stellen, ob man durch die Unterscheidung nicht den nicht-sozialdokumentarischen Fotografen den größeren Begriff der Dokumentarfotografie überläßt. Die Diskussion ist in meinen Augen also noch nicht zu Ende.

Doch ich möchte etwas konkreter werden und benutze jetzt einfach die zweckorientierte Definition von Brenda Tharp (eigene Übersetzung, M.M.): „Naturfotografen wollen die Schönheit der Landschaft, das Drama des Lichtes und das Geschehen in der Natur zeigen. Reisefotografen wollen die Gesichter einer Kultur, einen Blick auf das tägliche Leben und die Sinnlichkeit eines Ortes zeigen. Fotojournalisten wollen den Moment oder die emotionale Situation vor ihnen zeigen“ (im Original „…want to share the moment“). Und aus diesem geteilten Moment kann Dokumentarfotografie werden, wenn es nicht reine Nachrichten/Ereignisfotografie bleibt.

So komme ich zurück zur Dokumentarfotografie. Sie dokumentiert. Darin sind sich alle einig. Und weil sie dokumentiert, möchte ich dies hier am Beispiel von drei Büchern aus den letzten 20 Jahren besprechen, die sehr unterschiedlich sind und doch ein paar Gemeinsamkeiten haben. Sie zeigen auch Entwicklungen auf. In allen drei Büchern geht es um das aktuelle Hauptthema der Menschheit. Es ist das Thema Arbeit und Arbeitswelt. Das erste Buch ist das Buch „Workers“ von Sebastiao Salgado, das zweite Buch ist das Buch von National Geographic „So arbeitet die Welt“ und das dritte Buch ist das Buch von Werner Bachmeier und Udo Achten „Arbeitswelten. Einblicke in einen nichtöffentlichen Raum“.

Das Buch von Sebastiao Salgado dokumentiert seine Besuche bei Arbeitern an verschiedenen Stellen auf dem Globus. Da man ja über Fotobücher nur schreiben darf, aber die Fotos nicht zeigen darf, empfehle ich an dieser Stelle zunächst mit den Wörtern „Sebastiao Salgado workers“ zu googlen und sich bei den Suchergebnissen die Fotos anzuschauen. Welche Rolle dieses Buch übrigens ausserhalb von Deutschland spielt möchte ich am Beispiel Texas aufzeigen. Dort gibt es das AMOA, das Austin Museum of Art. Man hat dort eine ganze Lernfolge zusammengestellt, um Schülern das Buch und die fotografischen Möglichkeiten daraus für Text und Bild nahezubringen.

Darin wird übrigens ebenfalls „dokumentarisch“ definiert als „Documentary – a visual or historical record“. Alle Fotos von Salgado in diesem Buch sind Schwarzweissaufnahmen. Viele sind beeindruckend, weil er beeindruckende Szenen aufgenommen hat. Er war dort, wo andere nicht waren. Aber zugleich sind in diesem Buch ja auch Fotos von der Stahlindustrie in Frankreich und dem Bau des Eurotunnels. Fast immer sieht man Menschen, die dort arbeiten, aber man sieht meistens nicht das einzelne Gesicht. Die Schärfe der Details liegt eher auf den Werkzeugen und den Produkten. Es sind Fotos, die mit Schärfe und Unschärfe arbeiten und durch die schwarzweisse Atmosphäre natürlich Strukturen und Schattenspiele zeigen.

Ganz anders stellt sich das Buch von NationalGeographic dar. „So arbeitet die Welt, Eine Fotoreise“ Der Titel des Buches vom Verlag NationalGeographic erinnerte mich an das Buch „Workers“ von Salgado.

Herr Ferdinand Protzman schreibt darin ein Vorwort und scheint auch Herausgeber zu sein. Das Vorwort ist sehr klug. Er schreibt zum Beispiel: „Die Fotos sind schön. Ihre Formen und Farben, ihre Ansichten und Gesichter sind betörend. Aber Schönheit, Tragödie und Schrecken schließen einander nicht aus. Die Fotografen, die so hart an diesen Bildern gearbeitet haben, wissen, dass das, was diese zeigen, sowohl großartig als auch elektrisierend schrecklich sein kann.“ Stimmt.

Alle Kontinente und drei sogenannte Portfolios (also Sammelmappen) sortieren das Buch. Es sind Fotos aus mehr als einhundert Jahren dabei. Um es noch einmal zu sagen, das Buch ist schön, die Texte auch, aber mir fehlt da was. Erstens erschliesst sich mir nicht der rote Faden. Wenn es ein Buch der Gegenwart ist, warum sind dann so viele Fotos aus der Vergangenheit darin. Ja, man findet Fotos von Mccurry und Salgado, aber auch Fotos aus den 30er Jahren und sogar Autochrome.

„Work. The world in Photographs“ war der englische Titel. Irgendwie scheint es sich auch um eine Geschichte der Arbeit zu handeln und nicht nur um die Gegenwart. Also insgesamt läßt die Schlüssigkeit des Buchansatzes aus meiner Sicht zu wünschen übrig. Aber es ist ein schönes Buch.

Und deshalb kann ich eins überhaupt nicht verstehen. Das Buch hat ein Format von 20×22 cm, es ist also fast quadratisch und ziemlich klein. Die Texte sind dadurch sehr klein gedruckt und schlecht zu lesen. Und wenn man schon ein Buch über Fotos macht, dann müssen die Fotos auch von Inhalt und Form übereinstimmen. Viele Fotos sind einfach viel zu klein abgedruckt. Mit der Lupe kann ich sie mir zwar vergrössern, aber das ist eigentlich nicht Sinn der Sache. Es ist in meinen Augen einfach so. Das Buch ist schön gemacht aber viel zu klein im Format. Und wenn dann mal Fotos größer gedruckt sind, dann sind sie genau in der Mitte geteilt. Das Buch hätte rechteckig und doppelt so groß sein müssen, um Inhalt und Form in Einklang zu bringen.

Wieder anders und auch fotografisch anders aufgebaut ist das Buch von Werner Bachmeier und Udo Achten. Die Fotos hat der Fotograf Werner Bachmeier gemacht. Er weist in seiner Einführung mit dem Titel „Kurz aber intensiv“ darauf hin, dass journalistische Fotos “ in einem extrem kurzen Moment“ entstehen und „authentische Portraits von Menschen am Arbeitsplatz … den direkten Zugang zur Person“ erfordern.

Die Aufnahmen zeigen die ungeschminkte Realität. Dazu gehört der OP-Tisch ebenso wie das Pflegebett im Seniorenheim oder der Autolackierer mit Schutzmaske. Und an diesen Stellen wie bei der Schutzmaske finden sich dann auch Texte von Udo Achten wie der zum Thema „Gesundheit“, in dem er auf die krankheitsbedingten Fehlzeiten, Burnout-Syndrome und die Wichtigkeit der Verankerung eines Gesundheitsschutzes im Betrieb hinweist.

Dadurch wird dieses Buch tatsächlich ein Buch mit einer Botschaft. Fotografisch gefallen mir die vielen Nahaufnahmen mit dem Weitwinkel von Werner Bachmeier. Im Prinzip versucht der Fotograf die jeweilige Tätigkeit mit den optischen Mitteln der Weitwinkelaufnahme durch die Vergrößerung im Vordergrund in den Mittelpunkt zu rücken und zugleich den Menschen im Hintergrund sichtbar und deutlich zu machen. Wenn man dieses Buch fotografisch betrachtet mit der Frage „Was wird dort getan und wer tut es wie?“ dann ist dies fotografisch in den meisten Fällen sofort durch diese Herangehensweise sichtbar und erkennbar.

Dieses fotografische Mittel ist auch deshalb so wichtig, weil natürlich viele Arbeitsplätze einfach langweilig aussehen, es sind eben Arbeitsplätze und keine Menschenplätze. Durch den gekonnten Einsatz des Weitwinkels erhalten aber selbst diese Bilder in diesem Rahmen eine klare Aussage. Denn jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht und das ist das kleine Geheimnis dabei. Einige der Fotos aus dem Buch findet man auf der Homepage des Fotografen.

Es ist ein fotografisches Lesebuch mit Fotos und Texten. Der Publizist Udo Achten weist in seiner Einleitung darauf hin, dass dieses Buch helfen soll, „Fotos zu lesen“. Dazu dienen an einigen Stellen auch erläuternde Texte, die soziale und politische Zusamenhänge aufzeigen. Es ist ein gelungener Querschnitt der aktuellen Arbeitswelt mit ihren „guten“ Bedingungen.

Es handelt sich in den meisten Fällen offenbar um Betriebe, die einen Betriebsrat haben und/oder Tarifverträge. Wer tief genug in der Arbeitswelt verankert ist, der weiß, dass es viele Betriebe gibt, die nicht so aussehen. Aber das ist kein Manko dieses Buches sondern eher ein guter Ansatz: hier wird aufgezeigt, wie „Gute Arbeit“ aussieht in Deutschland, wenn es die Verantwortlichen in Betrieb und Gesellschaft ernst nehmen.

Nach der Beschäftigung mit diesen drei Büchern möchte ich zurückkommen auf das Thema Dokumentarfotografie. Bemerkenswert finde ich den Wandel in der Farbgestaltung. War das Buch von Salgado noch Schwarzweiss so ist das Buch von NationalGeographic fast und das Buch aus dem Klartext-Verlag durchgängig farbig. Das tut ihrer dokumentarischen Wirkung keinen Abbruch. Wenn man es genau nimmt, dann sind sie in vielfacher Hinsicht sogar noch genauer in meinen Augen.

Das Buch von Nationalgeographic hat noch ein besonderes Bild. Es zeigt auf Seite 122/123 im Buch ein Bild von Edward Burtynsky aus seinem beeindruckenden Buch „China“. Dieses Foto und einige andere finden sich auch zum Nachschauen auf der Webseite von Edward Burtynsky. Burtynsky wurde auf einer Podiumsveranstaltung in Berlin 2010 zu diesen Fotos in China gefragt, wie er denn an die Erlaubnis kam, die Fotos der chinesischen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken zu machen. Burtynsky antwortete, dass dies die chinesischen Behörden erlaubt hätten, weil es sich um chinesische Fabriken handelte. Die amerikanischen Unternehmen in China hätten dies nicht zugelassen.

Die schlimmsten physischen Arbeitsverhältnisse – wenn man das pauschal überhaupt sagen kann – dokumentiert sicherlich Salgado. Das Protzman Buch ist eine Mischung aus guten und schlechten Arbeitssituationen. Dagegen zeigt das Buch von Bachmeier und Achten eine durchgängig „Gute Arbeit“ auf. Dies wird immer gekoppelt mit informativen Texten, die Arbeit in Deutschland und das juristische und tarifliche Umfeld einordnen. Wobei natürlich alle Fotos die physische Situation aufzeigen, nicht die psychische Situation. Das wären dann auch wohl andere Fotos, zum Beispiel von überladenen Schreibtischen, frustriert und leer blickenden Angestellten oder schmutzigen Betriebsratsbüros in Kellerverschlägen.

Dokumentarfotografie dokumentiert. Im Bereich Arbeitswelt haben dies drei Bücher auf unterschiedliche Weise getan. Man könnte sie im Hinblick auf das Thema auch bei der sozialdokumentarischen Fotografie einordnen, um detaillierter zu werden.

Es gibt natürlich Unmengen an Dokumentarfotos. Eine Serie, die ich in Buchform nicht erhalten habe über Bürokratie und Bürokraten hat der niederländische Fotograf Jan Banning gemacht. Dort sagen Bilder ebenfalls mehr als tausend Worte und sie zeigen in Farbe aktuelle Arbeitswelten auf.

Dazu gehört auch meine Serie mit dem Thema „Nichts kommt von selbst – 15 Blicke auf das Arbeitsleben“.

So paradox das ist, in meinen Augen ist Dokumentarfotografie heute vielleicht notwendiger denn je:

1. Sie hilft bei der Entschleunigung einer reizüberfluteten Zeit.
2. Sie rückt Themen in den Vordergrund und zeigt auch Zusammenhänge auf.
3. Sie ist überwiegend engagiert und sie kann eine neue Zukunft haben.

Diese kann übrigens auch audiovisuell sein und aus Multimediaslideshows bestehen. Aber meiner Meinung nach nur begrenzt. Buch und Monitor werden parallel existieren. Denn gute Fotos will man nicht immer nur digital sehen sondern manche auch in einem schönen Buch im Regal stehen haben oder einfach als Ausdruck für zu Hause oder in sozialen zusammenhängen.

Und es kommt auch darauf an, was man dokumentarisch fotografiert. Ich möchte daher nicht vergessen, hier auch über die Folgen der (sozialdokumentarischen) Dokumentarfotografie zu sprechen. Diese können dramatisch sein. Auf einer Reise in Wien besuchte ich die Ausstellung KONTROVERSEN im Kunsthaus Wien. Dort las ich die Geschichte von Kevin Carter. Mich hat sehr das Foto beeindruckt, bei dem ein kleines Kind auf dem Weg zur Essensausgabe im Sudan war und dahinter schon ein Geier wartete. Der Fotograf Kevin Carter hat später Selbstmord begangen, offenkundig im Zusammenhang mit dem Ruhm, den er durch dieses Foto erhielt und die Attacken seiner Kritiker. Dies wird hier geschildert.

Das ist auch eine Dimension der Dokumentarfotografie und der Themen, die dort behandelt werden. Es kommt eben nicht nur darauf an, daß man dokumentiert, es kommt auch darauf an, was man dokumentiert.

In diesem Sinne

Übrigens, hier hat man einen Teil meines Artikel abgeschrieben ohne auf mich zu verlinken.

 

Sebastiao Salgado oder meine Entdeckung der Fotografie in einem absurden Leben

Ich habe lange überlegt, ob ich die nachfolgenden Zeilen schreiben soll. Aber die Fotografie ist für mich ein Ausdruck der Möglichkeit, der menschlichen Existenz in seiner Absurdität einen Sinn zu geben. Der Sinn entsteht durch das Abbilden von Wirklichkeit, die verändert werden könnte, um die Humanität der menschlichen Existenz zu verbessern in der eigenen Lebensspanne.

Dieser ziemlich philosophische Satz ist wichtig, weil er differenziert ausdrückt was ich meine. Ich meine, die Würde des Menschen gilt es zu verteidigen. Um dafür immer wieder neu Bewusstsein zu wecken, muss Elend und Ungerechtigkeit immer wieder neu dokumentiert werden, durch Film und Foto.

Die Fotografie bietet in meinen Augen eine andere und vielleicht auch bessere Dimension, um solche Momente festzuhalten, Momente der Menschheit, Momente der Zeit. Sie ersetzt aber nicht die Tat, die aber in einer anderen Dimension stattfindet und hier nicht weiterverfolgt wird.

Was hat aber nun Salgado damit zu tun? Nun, zunächst einmal war ich auf der Suche nach Antworten auf meine oben gestellte Lebensfrage, was der Mensch tun soll in seiner absurden Lebenszeit.

Und dann stiess ich auf diesen Namen und wusste nichts damit anzufangen.
Ja, ich bekenne mich. Ein Mann, der mit den höchsten fotografischen Auszeichnungen geehrt worden ist, war mir nicht bekannt. Aber Fotografie ermöglicht das Entdecken und das Internet ermöglicht die Entwicklung.

Ich entdeckte seine Internetseite und dort seinen „Kursus der Fotografie, ein erzieherisches Programm.“

Ich sah dort Fotos aus Bosnien und Serbien. Weiter fand ich Aufgaben, die er stellte, wie z.B. in welcher Weise Bilder erzählen und die Aufforderung von Salgado, selbst aktiv zu werden.
Übersetzt aus dem Englischen heisst es dort an einer Stelle: Entdecke die Themen der Gewalt in grossen Städten. Unterstütze Studenten ein Tagebuch zu schreiben über einen Menschen in einem Flüchtlingscamp.

Was bedeuten diese Aufforderungen von Salgado?
Um „gute“ Fotos zu machen sind solche Dinge offenbar eine Voraussetzung. Fotografie und Lebenserfahrung hängen also zusammen.

Damit hat Salgado eine ganz besondere Sichtweise entwickelt. Als „Geometrist“ im Sinne von Henri Cartier-Bresson entdeckte ich hier etwas ganz Neues.

Ich entdeckte eine neue Sicht, ich entdeckte einen Zeitgenossen, einen reiseerfahrenen Menschen, der durch seine Fotos mir einen neuen Blick auf die Welt möglich machte. Ich entdeckte aber auch, dass jeder Fotograf, jede Fotografin sein/ihr eigenes Universum ist.

Man kann zum Beispiel Cartier-Bresson und Salgado nicht vergleichen, aber man kann bei beiden sehen, wie ihre Fotos den Kern der menschlichen Existenz zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Situation darstellen.

Sie geben uns auf ihre jeweils eigene Art die Chance, uns als Teil des Menschengeschlechts zu entdecken, individuell und kollektiv, solidarisch und egoistisch, liebenswert und gemein.

Saldagos Buch über Afrika zeigte mir, dass Dokumentarfotografie eine Dimension von Humanität durch die Darstellung der Inhumanität erhalten kann, die mir vorher nicht so bewusst war.

Danach entdeckte ich sein Buch „Workers“, ein Buch aus den 90er Jahren mit vielen Fotos über arbeitende Menschen in allen Teilen der Welt. Ich sah die Mühsal und die Dimensionen einer kulturellen Vielfalt, die durchgängig geprägt war von der Bewältigung der industriellen Zeit. Ein wahrhaft historischer Ansatz, eine besondere „Arbeiterbewegung.“

Und dann entdeckte ich noch das Photo Pocket Buch der Edition Braus über Sebastiao Saldago, das so viele kleine grosse Fotos und Gedanken zu einem kleinen Preis enthält.

Salgado hat nur Schwarzweissfotos veröffentlicht in den von mir beschriebenen Schriften. Keines dieser Fotos könnte durch Farbe eine bessere Aussagekraft bekommen. Darüber nachzudenken bringt mir neben zeitloser Aktualität auch noch eine Bestätigung, dass die Struktur einer Sache durch Farbe nicht besser wird.

Hier ist ein grosser Liebhaber der Menschen am Werk. Er hat uns gezeigt, welche Chancen in uns verborgen liegen und welche Charakterzüge die Wirklichkeit oft bitter bestimmen.

Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich diese Bücher geniessen konnte und nun auch noch diese Zeilen schreiben kann. Es war eine Zeitspanne, die dem Leben in seiner Absurdität paradoxerweise einen tiefen Sinn verlieh.  Vielleicht weil es ehrliche Themen waren.

Ich kann nur empfehlen Sebastiao Salgado kennenzulernen durch diese Bücher oder andere, denn es sind Blicke auf uns selbst, auf unsere Existenz, unsere Paradoxie und unser Leben.

Einführung von Christian Caujolle, Edition Braus, Heidelberg 2006, ISBN 978-3-89904-238-2

Africa, Sebastiao Salgado, Texte von Mia Couto, Konzeption und Gestaltung Lelia Wanick Saldago, Köln 2007, ISBN 978-3-8228-5621-5

Workers, Sebastiao Salgado, An Archaeology of the Industrial Age, New York 1993, ISBN 978-0-89381-525-7

Hinweis: Dieser Text erschien ursprünglich auf meinem Blog gesehenes.de im Jahre 2010. Es war eine schöne Zeit.