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Exodus. Sebastião Salgado

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Die UN-Vollversammlung hat den 20. Juni zum zentralen internationalen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. Dieser Tag wird in vielen Ländern von Aktivitäten und Aktionen begleitet, um auf die besondere Situation und die Not von Millionen Menschen auf der Flucht aufmerksam zu machen.

Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht, davon 41 Millionen in ihrem Heimatland. „Noch nie zuvor wurde die Marke von 60 Millionen Geflüchteten und Vertriebenen überschritten.“

Und nun liegt es vor mir, das Buch, das dies alles schon vor einer Generation zeigte und niemand kann sagen, er hätte es nicht früher wissen können.

Armut in der Kunst der Moderne

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Armut wächst auch in Deutschland gerade unter denen, die sich früher durch Arbeit davon befreien konnten.

Seit die soziale Marktwirtschaft – mit der Chance durch Fleiß und dem Angebot an gut bezahlter und sozialversicherter Arbeit aufzusteigen – durch eine liberale Politik ersetzt wurde, die Menschen arm trotz Arbeit läßt und mit Hartz 4 diese Menschen bei Verlust des Arbeitsplatzes bewußt finanziell und materiell ausbluten läßt bis sie ganz arm (dran) sind, ist die Hoffnungslosigkeit und die Zeit der extremen Gegensätze auch in Deutschland angebrochen.

Verkneifen kann ich mir dabei nicht den Hinweis, daß ausgerechnet die Sozialdemokraten die Armut in Deutschland wieder eingeführt haben zusammen mit den grünen Ökos. Und beide Parteien beharren bis heute darauf, daß es richtig war die Bevökerung in Armut zu stürzen statt die entstandenen Probleme zu lösen.

Ob dies in einem kleinen Land wie Deutschland aber so konfliktfrei bleibt wie in den USA, die allein durch ihre territoriale Größe manches nebeneinander ermöglichen, darf bezweifelt werden.

In Karlsruhe fand eine Tagung statt, die die neue Wirklichkeit und ihre Verarbeitung in der Kunst als Ausdruck des Umgangs mit der vorgefundenen Realität dokumentierte. Daraus wurde dann ein Buch.

Gut gedacht und gut gemacht! – möchte man den Veranstaltern zurufen.

Die Herausgeber legten den Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert und ermöglichen so ein wirkliches Verstehen.

Das Buch ist ein wirkliches Highlight, auch wenn es eher still und bescheiden daherkommt.

Wer Dokumentarfotografie bzw. sozialdokumentarische Fotografie verstehen will, der findet hier ein gutes und aktuelles Buch.

Die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, das Festhalten von sichtbaren sozialen Zuständen und die künstlerische Verarbeitung, um damit zu leben, es zu zeigen, Öffentlichkeit zu erreichen und Bewusstsein zu schaffen – alles dies ist in diesem Band vereint.

Substanzreich und gut, ohne Geschwafel und voller Essenz entfaltet sich dem Leser ein Bild von Entwicklungen und Zuständen, die oft genug das neue Gesicht unserer Zeit bilden.

2011 erschienen ist das Buch heute noch aktueller, weil es alles zusammenfaßt, was zu dem geführt hat, was wir heute sehen.

Große und kleine Namen, aktuelle Medienereignisse und dokumentiertes Handeln sind in dem Buch zu finden. Sebastiao Salgado kommt darin vor. Der Film von Wim Wenders über ihn ist gerade rausgekommen. Martin Parr und Richard Billingham erleben gerade eine immer größere Öffentlichkeit. Aber auch Käthe Kollwitz und Heinrich Zille. Andres Serrano und das Morrinho Project sind bei uns eher unbekannt.

„Ein letzter Schritt bestand darin, das Thema nach Leipzig zu tragen, eine Großstadt, die nach den letzten Erkenntnissen des Statistischen Bundesamtes derzeit die ärmste der Bundesrepublik ist.“

Völlig ungewollt erhält damit das Buch auch noch eine fast tagespolitische Aktualität.

Ich erinnere nur an die PEGIDA Bewegung in Dresden und die Aktionen in Leipzig (LEGIDA). Allerdings wurde in keinem einzigen offiziellen Kommentar dazu Armut thematisiert oder als Ursache erwähnt obwohl dies hier schon 2011 publiziert wurde. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Armut, Hartz 4 und Ausländerfeindlichkeit? Eine brisante Frage, die in der Geschichte bei anderen Gelegenheiten schon oft beantwortet wurde. Bei uns ist es ein Tabuthema. Und würde man dieses Problem verkleinern können, wenn man das Problem der Armut anpacken würde? Eine Frage, die an der bestehenden Verteilung und Hartz 4 rüttelt, wo jeder arbeitslose Arbeitnehmer, der jahrlang das Sozialsystem gestützt hat, materiell mit allen gleichgesetzt wird, die dies nie getan haben oder die hier Schutz suchen.

So schürt man politisch gewollt Hass und so zersetzt man die Toleranz, Leistungsbereitschaft und das Engagement der Menschen, die eine Demokratie im Inneren zusammenhalten.

Doch mit Worten, die diese Realität beschreiben, macht man sich keine Freunde. Also packen wir die Fragen und Gedanken besser wieder ein.

Die extremen Gegensätze, die das neue Deutschland prägen, werden unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Das ist das Ergebnis politisch bewußter Entscheidungen. Es ist das Gesicht der Neoliberalen, das wir hier sehen. Woanders war es schon früher und dort versuchte man es zu dokumentieren.

Arme wehren sich meistens nicht gegen die Reichen sondern kämpfen eher untereinander. Und so dokumentieren die Beiträge die wenigen Versuche, Öffentlichkeit zu schaffen und Wirklichkeit festzuhalten, die verändert werden sollte. Vielleicht müßte man kontrastierend dazu Fotos von Reichen und Reichtum heute setzen, damit deutlich wird, wie extrem groß die Lücke ist.

Es geht ja nicht darum, daß einige mehr und andere weniger haben. Das gab es früher auch. Aber heute ist es anders. Je extremer die Gegensätze desto weniger staatliche Absicherung für alle, weil die Reichen u.a. auch die Gesetze machen (für sich) und kaum Steuern zahlen. Das zeigen die USA ebenso wie die Sowjetunion und zunehmend auch Europa und Deutschland. Die entmutigenden Widersprüche zersetzen langsam alles.

Auch der Hinweis in dem Sammelband, daß Armut eigentlich nicht den Wohlfahrtsverbänden überlassen werden darf, halte ich für wichtig. Denn diese verfestigen die Armut und legitimieren die bestehenden Verhältnisse – so weh diese Aussage auch tut.

Nun gut, dies steckt alles in diesem Buch als Darstellung der sozialen Wirklichkeit „in der Kunst der Moderne.“

Eine gute Grundlage für ein tieferes Verständnis von sozialdokumentarischer Fotografie und sozialer Realität und von Armut – und für eigene Gedanken!

Das Buch ist im Jonas-Verlag erschienen.

herausgegeben von
Franziska Eißner und Michael Scholz-Hänsel
Armut in der Kunst der Moderne
Verklärend oder verstörend, nüchtern oder obszön: Bilder von Armut lösen ein breites Spektrum an Gefühlen aus. Moderne Kunst positioniert sich dabei nicht selten in einem Spannungsfeld zwischen Ethik und Ästhetik. Sie will für ein aktuelles, aber gern verdrängtes Thema sensibilisieren und zur Diskussion darüber anregen. Von Käthe Kollwitz und Heinrich Zilles konträren Darstellungen des Berliner Milieus um 1900 über Arte povera und Sebastião Salgado bis hin zu Boris Mikhailovs fotografischen Inszenierungen nackter und kranker Körper von sozial Ausgeschlossenen weist die Kunst- und Kulturgeschichte eine Vielzahl oft widersprüchlicher Darstellungsarten auf.

Die weitgehend am Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig konzipierten Beiträge basieren auf einer gleichnamigen Tagung, die kurz vor 2010, dem »Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung« in Karlsruhe stattfand. Dem Autorenteam gehören neben Kunst- und Fotografiehistorikern auch ein Soziologe und ein Ausstellungsmacher an.

Arbeit als Thema der Fotografie – zwischen Arbeiterfotografie und Berufe fotografieren

Frauenarbeit - Foto: Michael Mahlke

Frauenarbeit – Foto: Michael Mahlke

Das Thema Arbeit ist immer ein Thema in einer Arbeitsgesellschaft. Es ist auch ein politischer Begriff und es ist ein interessengeleiteter Kampfbegriff.

In der Fotografie war das Dokumentieren von Arbeitsbedingungen zur Bestandaufnahme und als Grund für die Forderung nach Verbesserungen wichtig.

Das Dokumentieren der Arbeitsbedingungen war wesentlich für die Arbeiterbewegung und für die Fotografie, die damit verbunden war. Aber das ist vorbei.

Mich hat interessiert, ob es noch Fotografen und Webseiten gibt, die sich mit diesem Thema irgendwie beschäftigen.

Ja es gibt sie und sie sind erstaunlich verschieden – aber alle interessant.

Arbeiterfotografie

Auf arbeiterfotografie.de ist mehr als das Thema Arbeiter zu finden. Es ist eine Webseite, die die Geschichte der Arbeiterfotografie und die Fotografie der Arbeitenden bis heute darstellt. Sie ist offenkundig schon länger online und dokumentiert in einzigartiger Weise diesen geschichtlichen Prozess.

2011 gab es das Jahresthema „Realität der Arbeit“. Dabei sind von verschiedenen Fotografinnen und Fotografen Serien und Einzelfotos entstanden, die an beste alte sozialdokumentarische Traditionen anknüpfen und Menschen im Mittelpunkt haben.

Das allein ist es aber nicht. Die Webseite selbst dokumentiert viele Demonstrationen gegen konkrete und große Ungerechtigkeiten, die sonst in den Medien gar nicht mehr auftauchen würden. Es ist also ein lebendiges Portal zur politischen und sozialdokumentarischen Fotografie.

DIHK

Der DIHK läßt auch fotografieren, nämlich Ausbildungsberufe. Das ist aber nach den Fotos im Netz reine Funktionsfotografie. Der Mensch im Zusammenhang oder sogar persönlich kommt nicht vor. Es geht wohl um Öffentlichkeitsarbeit aus Sicht des jeweiligen Auftraggebers. Das Ganze hat mit sozialdokumentarischer Fotografie nichts zu tun sondern nur mit auftragsbezogener Funktionsfotografie, überwiegend hier wohl der IHK bzw. dem DIHK.

Jens Jäger hat dies einmal so beschrieben: „Die Industriefotografie unterscheidet sich von Bildern, die im weitesten Sinne arbeitende Menschen zum Thema haben, durch Provenienz, Inszenierung und (ursprüngliche) Intention (vgl. Zimmermann 2004). Hier ging es um die Selbstinszenierung von Unternehmen nach innen wie außen. Modernität, Größe, Ordnung und Leistungsfähigkeit kennzeichnen die Industriefotografie nach außen, das heißt gegenüber möglichen Kunden, aber auch gegenüber der Belegschaft.“

DGB

Die Gewerkschaften haben natürlich auch das Thema Arbeit besetzt. Zuletzt in der Fotografie mit einem Buch über „gute Arbeit“ im Sinne mitbestimmter Unternehmen. Dabei kommen aber die einzelnen Menschen auch schon irgendwie zu kurz, weil es eben auch um DIE Arbeit geht.

Politische Propaganda

Zudem ist das Thema aktuell durch die Politik besetzt worden. Dabei wird versucht, die Arbeit fotografisch so umzumünzen, dass ein neues Image entsteht, welches den jungen und dynamischen Hüpfer kreiert, der gerne bis 67 arbeitet.

Fremde Arbeit

Neben diesen deutschen Themen gibt es auch noch viele Fotos in noch mehr Fotoausstellungen, bei denen Menschen in aus deutscher Sicht schlimmsten Arbeitsbedingungen aufgenommen werden. Das wirkt auf uns neben dem „Ach wie furchtbar“ umgekehrt  auch sozial trennend im Sinne von „Wie gut ist es doch bei uns“. Aber davon soll man sich nicht täuschen lassen.

Es gibt dieses berühmte Foto von Salgado von den Minenarbeitern in Brasilien. Das erweckt zuerst diese Gefühle.

Aber dann findet man einen Satz von Salgado dazu und dies erweitert den Horizont:

Frage des Reporters:

„Die Bilder aus der Goldmine haben Ihnen den Ruf eingebracht, ein Fotograf zu sein, der soziale Missstände anklagt.“

Antwort von Salgado:

„Überhaupt nicht. Ich zeige einfach Arbeitsbedingungen. Keiner der Männer in dieser Mine wurde gezwungen, dort zu arbeiten. Sie zockten wie im Casino. In jedem Sack könnte ein Kilo Gold sein.“

Das Fremde macht immer neugierig. Aber der erste Eindruck stimmt oft nicht. Und Arbeit in der industriellen Welt und außerhalb der industriellen Welt hat ebenfalls viele Facetten, wenn man nicht nur glaubt, dass wir immer Recht haben und wir immer die Guten sind.

Fazit

Nun kann ein Artikel nur Einstiege bieten. Das habe ich hier mit fünf Wegen getan.

Wenn ich das so sehe, dann wird das Thema Arbeit absehbar ein fotografisches Thema bleiben.

Und für mich ist es ein absolutes Mysterium, warum die Menschen lieber in einer Welt leben, in der sie um Arbeit kämpfen müssen statt für eine Welt zu kämpfen, in der sie  nicht mehr darum kämpfen müssen.

So hat dieser Arikel bei mir neue Fragen aufgeworfen. Und ich weiß nicht, ob ich diese in meinem Leben noch beantworten kann.

 

Exklusiv: Genesis von Sebastiao Salgado

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Am Rande der Genesis auf Rügen – Foto: Mike Mahlke

Die PR-Maschine

Benedikt Taschen hat Sebastiao Salgado geküßt und der Stern hat das Foto veröffentlicht. Hans-Hermann Klare vom Stern schreibt darüber wie ein alter Freund von Salgado. Nun läuft weltweit eine Marketingmaschine an, um das Buch „Genesis“ von Salgado zu vermarkten. Ein großes Buch mit vielen monochromen Fotos. Vielleicht ist das eine Erklärung für das Verhältnis von Ursache und Wirkung. Ich werde auf eine große Feier in Los Angeles eingeladen und die Zeitschrift, für die ich arbeite, berichtet danach ausführlichst darüber. Ein Schelm, wer dabei weiterdenkt.

Aber so ist die Welt, egal ob es uns gefällt und wer dort war in Los Angeles bei Herrn Taschen, der wird sicherlich andersrum sagen, das ist völlig normal und guter Journalismus. Mit PR hat das nichts zu tun – denke ich mir so.

Nun gut.

Was in dem Buch zu sehen ist, hat der Stern nun schon einmal mit einer Fotostrecke gezeigt, die wahrscheinlich der Verlag zur Verfügung gestellt hat. Die zwölf Fotos zeigen, wie man mit Schwarzweißfotografie gute Fotos machen kann. Salgado war ein Analogfotograf und ist mittlerweile – wenn die Infos stimmen – ein Digitalfotograf.

Denn Kodak stellt den Tri-X Film schon länger nicht mehr her. Daher wechselte er zum DXO-Filmpack und konnte somit auch im digitalen Zeitalter den analogen Charakter seiner Fotos beibehalten. Das setzt natürlich digitale Kameras voraus.

Hätten Sie´s gewußt?

Und zufälligerweise schreibt Canon, dass Salgado für sein Genesis-Projekt Canon Objektive und Kameras genutzt hat. Eine oder mehrere seiner Leica-Kameras hatte er schon vorher verkauft.

Aber die Kameramarke scheint auch weniger wichtig zu sein. „Für einen Fotografen sind gute Schuhe wichtiger als eine gute Kamera, sagt Salgado.“

Der persönliche Nutzen

Denn damit hat das neue Buch von Salgado erstmals auch einen ganz praktischen Nutzen. Man kann selber sehen und ausprobieren, wie man mit einem digitalen Filter gute monochrome Fotos machen kann.

Denn Sie können Salgado spielen, wenn sie sich die Testversion des Filmpack kostenlos runterladen und ausprobieren. Das können Sie mit jeder Kamera, denn jedes JPG-Foto(!) kann damit bearbeitet werden.

So hat das Ganze einen unerhört praktischen Nutzen!

Ich mag viele Fotos von Salgado, weil er Fotos gemacht hat, die das Elend durch Ästhetik ertragbar und ansehbar machen. Man mag das kritisieren, aber die nackte Wahrheit ist oft wohl nicht so wirksam wie die gut verpackte Wahrheit – so ist es vielfach auch mit der Fotografie.

Eines der besten Interviews mit Salgado und über seine Arbeit und das Projekt stammt von 2009. Sie finden es hier.

Nach seiner Selbstdarstellung scheint er – ähnlich wie Cartier-Bresson – die richtigen Kontakte und Möglichkeiten gehabt zu haben, um weiterzukommen. Salgado wurde berühmt zu einer Zeit als die Fotografie die größte Wirkung hatte im Journalismus und der Bildjournalismus die Königsdisziplin war.

Parallelwelten

Heute ist es anders. Daher ist der Blick auf  Genesis ein Blick zurück und ein Blick nach vorn.

Salgado sagt, dass knapp die Hälfte unseres Planeten noch so ist wie zur Zeit der Schöpfung und dies bewahrt werden soll. Daher dokumentiert er nach den Arbeitern und den Flüchtlingen nun die Schöpfungen unseres Planeten.

Das ist irgendwie ein Gegengewicht zu den künstlichen Schöpfungen, die mehr und mehr unser tägliches und tatsächliches Leben bestimmen.

Er ist acht Jahre rumgereist und hat die Welt dort besucht, wo wir meistens nicht hinkommen oder wovon wir vielfach kaum etwas wissen. Das macht aus dem Buch eine Entdeckungsreise.

Zusätzlich sollen die Fotos in über dreißig Ausstellungen weltweit gezeigt werden. Damit ist dem Thema und dem Fotografen die Aufmerksamkeit sicher.

Google zeigt über die Suchfunktion schon jetzt viele Fotos des Projektes und vieles mehr und Artikel dazu entstehen fast täglich.

Die Fotos entstanden zwischen 2004 und 2012 und sind somit auch eine Bestandsaufnahme der Globalisierung – nur andersrum. Und kontinuierlich wurden Fotos aus dem Projekt auch veröffentlicht, so dass es eine dauerhafte Publizität gab.

Es kommt darauf an

Eine Anekdote gefällt mir besonders. Als Salgado bei den Nenets in Sibirien war, erzählten sie ihm, dass sie sich nur einmal im Jahr waschen. Als er fragte, ob sie stinken antworteten sie „Nein“, weil ja alle so riechen. Es ist eben so wie bei Diogenes. Es kommt immer auf die Frage an „im Vergleich wozu…“

Das Buch und die Ausstellung sind quasi der Abschluss des Genesis-Projektes und ermöglichen Rückblick und Überblick.

So geben uns die Fotos die Chance, etwas von dem zu erblicken, was wir selbst so vielleicht nicht mehr so sehen können oder zumindest in dieser Zusammenschau nicht mehr.

Darüber hinaus ist es einfach schön, die monochrome Art des Fotografierens mit digitalen Filtern noch einmal in diesen Fotos zu finden.

Die monochrome Art des Fotografierens hat was, die Fotos aus dem Buch haben es  auch.

TASCHEN

Sebastião Salgado. Genesis

Lélia Wanick Salgado

Hardcover mit 17 Ausklappern

520 Seiten

€ 49,99

 

Art und Limitierte Edition:

Collector’s Edition

Hardcover, 2 Bände mit einem vom Tadao Ando entworfenen Buchständer aus Kirschbaumholz
Diese Collector’s Edition ist auf 2500 Exemplare limitiert.

704 Seiten, € 3.000

Auch erhältlich 5 Art Editions, auf jeweils 100 Exemplare limitiert, mit je einer signierten Schwarz-Weiß-Fotografie

Hardcover, 2 Bände vollständig in Leder gebunden mit einem vom Tadao Ando entworfenen Buchständer aus Kirschbaumholz

Jedes Set wird mit einem signierten und nummerierten Silbergelatine-Print geliefert, € 8500 Euro

Text 1.3

Glamour des Elends von Evelyn Runge

9783412207267

„Ethik, Ästhetik und Sozialkritik bei Sebastiao Salgado und Jeff Wall“ lautet der Untertitel des Buches, das auch als Promotion angenommen wurde. So war ich gespannt wie das Thema Dokumentarfotografie im Buch dargestellt wird, zumal es sich bei den beiden Fotografen ja um weltbekannte Namen handelt.

Das Buch hat viele Aspekte und deshalb will ich auch keine Rezension schreiben, die so dick wird wie das Buch.

Auf Seite 69 landet die Autorin explizit im Bereich „Kernbegriffe der Dokumentarfotografie“. Sie schreibt: „Zu den beliebten Topoi im Diskurs über Fotografie und im speziellen über Dokumentarfotogafie zählen Mitleid, Ästhetisierung und Würde.“

Die Autorin leitet dann begriffsgeschichtlich Mitgefühl und Mitleid her und beschäftigt sich danach mit Fragen der Ästhetik. Dann folgt ein Kapitel über Würde und Humanität und auch zum Thema Würde im Bild.

In Anlehnung an das „Bildsystem Fotografie“(S. 25) von Gottfried Jäger schreibt sie dann: „In der vorliegenden Arbeit geht es vor allem um Abbilder (Dokumentarfotografie) und Reflexbilder (Konzeptfotografie, Medienreflexion)“ (S. 106).

So nähert sie sich dem Kern ihres Buches „Ethik, Ästhetik und Sozialkritik bei Sebastiao Salgado und Jeff Wall“.

Sie stellt Sebastiao Salgado und sein Werk ebenso vor wie Jeff Wall und kommt dann u.a. zu dem Gedanken: „Der Unterschied ist aber, dass inszenierte Fotografie als Bildidee bis hin zur Form der Publikation und Präsentation überdacht ist und, wie erwähnt, das Bildresultat in der Bildidee mitkonzipiert ist. In der dokumentarischen und journalistischen Fotografie steht nach wie vor die Spontaneität und das Fotografieren im Vordergrund“ (S. 175).

Im „Ausblick“ stellt Frau Runge fest: „Eine der Herausforderungen für künftige Forschungen über Fotografie besteht nach wie vor darin, ein klareres Vokabular zu schaffen“ (S. 245)

Ich will diese beiden Zitate als Rahmen nehmen für weitere Gedanken.

Da sie feststellt, dass es keine genaue und/oder eindeutig akzeptierte und wissenschaftlich erarbeitete Begrifflichkeit gibt, arbeitet die Autorin mit dem, was da ist und vieldeutig eingesetzt wird. So ist vieles nicht intersubjektiv sondern nur subjektiv zu fassen und regt  zur Auseinandersetzung an.

Man merkt dem Buch und der Autorin an, dass sie sich tief und engagiert mit diesem Thema auseinandergesetzt hat.

Das Schicksal von guten Autorinnen und Autoren besteht darin, mit dem Mut zur Lücke und dem Mut zur Meinung zu schreiben. Frau Runge hat ein gut zu lesendes und inhaltlich interessantes Buch zu einer Spezialfrage geschrieben. Es hat Charakter und ist eine echte Kaufempfehlung. Frau Runge hat eben eine gute „Schreibe“ und einen eigenen Blick.

Exemplarisch zeigt das Buch“Glamour des Elends“  zudem, dass Wörter und Bilder vielfach zwei verschiedene Kommunikationswege sind. Es ist einfach schwierig über Fotos zu schreiben und das dann alles noch in wissenschaftlich nicht eindeutige Begriffe zu packen. Dafür kann aber die Autorin nichts. Das ist das Schicksal der Fotografie.

Das Buch ist im Böhlau-Verlag erschienen und lohnt sich sehr, wenn man sich für Fotografie und diese Fragen interessiert.

Evelyn Runge
Glamour des Elends. Ethik, Ästhetik und Sozialkritik bei Sebastião Salgado und Jeff Wall
ISBN 978-3-412-20726-7

Text 1.1

Die im Dunkeln sieht man nicht – ist Dokumentarfotografie ein Geschäftsmodell?

Das Ende der Dokumentarfotografie – Foto: Michael Mahlke

Eine gedankliche Reise

Verlierer

Soziale Dokumentarfotografie ist eigentlich Verliererfotografie, denn es sind nicht die Schönen und Reichen, die als Thema dienen, sondern die Namenlosen und sonst Unsichtbaren, also wir, die wir nicht im Rampenlicht stehen oder wirtschaftliche/politische Macht haben.

Und wollen wir unsere Verhältnisse sehen oder lieber die Schönen und die Reichen?

Aus der Antwort auf die Frage ergeben sich die fotografischen Folgen. Kritisches Medienbewusstsein, demokratisches Denken, politisches Engagement und vieles mehr werden ja zunehmend weniger.

Vom Foto zur Fotoikone oder Monika liefert das Foto ihres Lebens

Das scheint das Schicksal von Fotografinnen und Fotografen zu sein: einmal ein Foto, welches berühmt macht.

Amy Weston hat es geschafft mit einem Foto, das unscharf und undeutlich ist und dennoch eine Geschichte erzählt. Auf Spiegel online ist dies in einem sehr schönen Artikel mit dem Titel „Spring, Monika, spring“ niedergeschrieben worden.

Ich frage mich aber, warum exakt die Kamera und das Objektiv dabei angegeben werden. Ein Schelm, wer dabei an  PR denkt, zumal das Foto für mich undeutlich wirkt. In anderen Internetmagazinen ist die Geschichte auch erzählt, aber ohne  so detailliert die Kamera zu erwähnen, zum Beispiel bei Hollywoodreporter und im Guardian.

Doch immer wieder wird in diesem Moment die Frage gestellt, warum hat man nicht geholfen sondern fotografiert?

Ein Fall, bei dem dies in einer schrecklichen Tragödie endete, war Kevin Carter. Auch Kevin Carter machte ein Bild, das weltweit berühmt wurde. Doch was sich daraus entwickelte war zum Schluß nicht schön.

Und sagt ihnen Sebastião Salgado etwas? Ein Fotograf, der zufällig das Attentat auf Ronald Reagan aufnahm. Das war der Beginn seines fotografischen Lebens mit eindrucksvollen Fotoprojekten.

So leben wir in einer sehr paradoxen Welt. Es braucht erst das Foto eines schrecklichen Ereignisses, welches als Metapher von den Medien für das Ereignis gewählt wird.

Dies ist möglicherweise dann der Aufstieg der jeweiligen Fotografin oder des jeweiligen Fotografen in den Ruhm und das Geld.

Aber der Weg zum berühmt machenden Foto zu einem Foto, das zur Fotoikone wird, ist weit. Ein gutes Beispiel ist für mich das Foto von Thomas Hoepker vom Attentat am Ground Zero. Er äußerte sich selbst dazu, was mit dem Foto geschah und was eine Fotoikone ausmacht.

Und es war eben nicht das direkt publizierte Foto von dem Ereignis, es war ein Foto, welches erst später publiziert wurde und sich dann ins Gedächtis einbrannte.

So dürfen wir ein aktuell bekanntes Foto nicht mit einem Foto verwechseln, welches zur Fotoikone wurde. Und dies wird immer wieder geschehen und ist immer wieder spannend.

Und wir dürfen gespannt sein, was Amy Weston aus dem Sprung von Monika macht …