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Eine neue alte Dimension der Streetfotografie – the pictorial treatment of locality

Foto Mahlke

Ich las in dem Buch Unfamiliar Street Photography von Frau Bussard. Das Buch ist eher akademisch und für eine amerikanische Leserschaft gemacht aber lesenswert, leider nur auf Englisch.

Frau Bussard greift einen Artikel von Osborne Yellott auf, der als erster über Street Photography / Strassenfotografie um 1900 schrieb und dort zwei Betrachtungsweisen unterscheidet: die Örtlichkeit und das soziale Leben. Während z.B. Cartier-Bresson dann den entscheidenden Moment im sozialen Leben fand, ist die Örtlichkeit bisher nicht so als Betrachtungsweise in der Streetfotografie aufgetaucht. Das führt sie an Fotos von Richard Avedon, Charles Moore, Martha Rosler und Philip-Lorca Dicorcia dann aus. Ich finde ihre Schreibweise etwas schwierig aber die Gedankenführung an sich sehr aufschlußreich.

So waren die Kämpfe für Gleichbehandlung 1963 in Birmingham in den USA zu dieser Zeit an diese Örtlichkeit gebunden und die Fotos von Charles Moore auf der Straße an diesem Ort zeigten was geschah. Denn dort wurde der öffentliche Raum besetzt, um Gleichbehandlung auf sozialer Ebene durchzusetzen.

Das war Strassenfotografie, die zugleich politische Fotografie war und ohne die Straße gar nicht da gewesen wäre, weil es um die Besetzung der Straße als Ort für soziales Geschehen ging, „politicized streets“ in ihren Worten.

Bei Avedon ging es nicht direkt um Politik sondern um Mode, aber diese war direkt an die Straßen von Paris gebunden und wäre ohne diese Straßen so nicht umsetzbar gewesen.

So geht es weiter in dem Buch und diese Betrachtungsweise zeigt, daß Streetfotografie durchaus mehr sein kann als nur der entscheidende Moment einer sozialen Situation auf irgendeiner Strasse. Es kann genau so gut entscheidend sein, dass das Soziale nur an einer bestimmten Örtlichkeit entstehen kann, das dann zum Motiv wird.

Da Streetphotography zudem in New York geboren wurde und dann später in Paris wuchs, um später jede Stadt zu erobern, ist die Örtlichkeit als fotografisches Biotop wesentlich für viele Motive.

Die bildhafte Betrachtung eines Ortes ist ja auch mehr als die rein architektonische Aufnahme.

Was für Menschen gemacht ist, erfüllt erst in der Interaktion von Mensch und Örtlichkeit seinen Zweck. Und wer dies fotografiert, macht dann Strassenfotografien, die Form und Inhalt zusammenbringen können.

„Art is social in the first instance“ – Kunst ist zuerst immer sozial. Mit diesem Zitat von Rosalyn Deutsche fängt das Kapitel von Frau Bussard über Martha Rosler und ihren Spaziergängen in der Bowery an, einer verarmten Strasse in New York. Darin wird aufgeschlüsselt, daß Dokumentarfotografie und Streetfotografie sich immer überlappten und oft je nach Interessenlage und Mode tituliert wurden.

Zugleich zeigt Frau Rosler mit einigen ihrer Fotos, daß man eben nicht „echte“ Fotos, also ungestellte konkrete soziale Situationen, beliebig aus dem Zusammenhang reißen kann, um sie formal abstrahiert im Museum auszustellen.

Anders ausgedrückt, man kann es, aber es ist sozial völlig sinnlos, es sei denn es soll als reines Geldobjekt und nicht mehr als reales Foto genutzt werden.

Und was lerne ich daraus?

Ein gutes Foto hat eine echte Geschichte…

Fotografie mit Leidenschaft von Dr. Martina Mettner

Das Buch fängt da an wo andere aufhören.

Wie heisst es so schön?

„Die Leichtigkeit, mit der das Medium Fotografie beherrschbar ist, macht es offenbar umso schwerer, zu einer individuellen Bildsprache zu finden.“

Und so schreibt Frau Mettner souverän mit der Erfahrung einer fachkundigen Beraterin, Soziologin und Autorin, die die Abläufe, Zusammenhänge, Personen und Entwicklungen in der Welt der Fotografie kennt.

Es ist ein bemerkenswert gutes Buch und es hat durchgängig Gedanken, die eigenständig sind und weiterhelfen.

„Die zentrale Frage ist: Wie funktioniert künstlerische Fotografie?“

Dieser Satz aus der Einleitung führt als gedanklicher Faden durch die Kapitel dieses Buches.

An den Beispielen von Henri Cartier-Bresson, Robert Frank, Walker Evans und Dorothea Lange zeigt sie mit einem hochinteressanten Mix von Informationen über Leben und Werk wie abhängig öffentliche Anerkennung von Beziehungen ist. Das hat nichts mit gut oder schlecht zu tun sondern mit Zeitgeist und Interesse.

Landschaft, Porträt, Reportage und Kunstmarkt stellt uns Frau Mettner mit Bildbeispielen und Betrachtungen vor, die sie klar interpretiert und sich positioniert – mit Leidenschaft eben.

Ich bin nicht immer ihrer Meinung und bewerte einige Personen und Sachverhalte auch anders. Aber sie hat wenigstens eine Meinung mit argumentativer Substanz und ein gutes Buch zeichnet sich dadurch aus, dass man sich an ihm reiben kann.

Sie schreibt auch über Fotografinnen und Fotografen, die wenig Publikum haben und analysiert die aktuelle Situation in der Welt der Fotografie zwischen Veränderung und Anpassung.

Ihre vielen Bildbeispiele machen es möglich, Ansichten zu entwickeln und zu überprüfen.

Das Kapitel „Der Kunstbetrieb“ offenbart dann auch noch einen Aspekt, der mir auch schon seit einiger Zeit auffällt: „Wie in den vorausgegangenen Kapiteln immer wieder zu sehen war, hatten die Fotografen, deren Arbeiten tatsächlich ausgestellt und gehandelt werden, immer namhafte Fürsprecher und, lange vor Social Media, ein funktionierendes Netzwerk an Fans und Förderern.“

Sie zeigt dann sehr realistisch auf, dass der Traum vom grossen Geld sehr nüchtern betrachtet werden muss.

Aber ihre Leserinnen und Leser läßt sie hier nicht stehen (was ich sehr freundlich finde) sondern nimmt sie mit auf den Weg, der der Fotografie andere Aspekte abgewinnt.

Diese findet man in den Kapiteln „Die Kunst, sein Glück in der Fotografie zu finden“ und im Kapitel „Praktische Tipps zur Realisierung freier Projekte“.

Doch darüber schreibe ich nicht, denn das sollen Sie selbst lesen, wenn Sie dieses Buch in den Händen halten. Wer fotografisch weiterkommen will, der kann sich mit diesem Buch ein großes Geschenk machen, das auch noch in einigen Jahren seinen Wert hat.

Das Buch ist im Fotofeinkost-Verlag erschienen.

Dr. Martina Mettner
Fotografie mit Leidenschaft – Vom Abbilden zum künstlerischen Ausdruck
224 Seiten mit Abb., in Leinen fest gebunden, Lesebändchen, Format 21,5 x 21,5 cm.

ISBN 978-3-9813869-1-2