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Mein Blick auf die Dokumentarfotografie

Blicke auf die Wirklichkeit Foto: Michael Mahlke

Natürlich stehe ich bei dem Thema Dokumentarfotografie mit meinem Eimer vor einem Ozean. Wenn ich daraus schöpfe, dann ist darin alles vorhanden und trotzdem nur sehr wenig drin im Eimer – pars pro toto..

Aber die Beschränkung ermöglicht erst den Blick und den Durchblick. Doch wahr ist auch, daß nicht jedes Foto Dokumentarfotografie ist. Jedes Foto könnte dokumentarisch bzw. dokumentierend im weiten Sinne sein als Beleg seiner selbst. Aber zur Dokumentarfotografie wird ein Foto erst, wenn es einen öffentlich relevanten sozialen Zusammenhang hat und öffentlich gemacht wird. Das kann auch regional oder sozial begrenzt sein.

Das kann man nun noch mehr unterscheiden und je mehr Wörter darüber verloren werden, desto mehr Unterscheidungen gibt es und je mehr das akademisiert wird, desto weniger versteht man davon dann noch.

Als Historiker habe ich versucht auf den Spuren derer zu gehen, die davon und damit gelebt haben. Von der Fotografie als Waffe bis zum fotografischen Erhalt dessen, was physisch einfach da war reichte der Bogen, um Veränderungen zu zeigen bei öffentlichen Themen und im öffentlichen Raum.

Besonders faszinierend ist dabei für mich die sog. soziale Landschaft, die Folge und Ursache von sozialem Auftritt ist.

Im Kern ging es mir immer um sozial relevante Themen. Armut ist ja nicht abstrakt sondern kann sehr gut vor Ort konkret auf der Straße gezeigt werden, wenn sie sichtbar wird im öffentlichen Raum. Geheimes Denken kann durch heimliche Darstellungen im öffentlichen Rahmen gezeigt werden etc.

Und am Beispiel der sozialen Symbolik in der Stadt Remscheid habe ich dies auch konkret in verschiedenen Artikeln aufgearbeitet.

Und die Auseinandersetzung mit dem Sozialen durch die Fotografie verändert dich und die Wahrnehmung von dir und dem Drumherum.

Dabei wird nichts einfacher aber manches eben sichtbar oder anders gesehen.

Und jetzt?

Jetzt bin ich sehr froh, alle diese Menschen visuell und textuell getroffen zu haben und mich mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Das bringt mir persönlich viel, aber hat mir auch gezeigt, wo die Grenzen sind.

Wenn ich über die Vergessenen schreibe und dieses Thema fotografiere, dann dokumentiere ich etwas, das vergessen ist und bleibt, so meine Erfahrung, wenn ich von meinen digitalen Orten der öffentlichen Darstellung einmal absehe.

Es ist kein Thema für Geld und Aufträge. Das will niemand kaufen und dafür gibt es auch kein Geld über Projekte. Auch darüber habe ich geschrieben.

Jedes bisher geschriebene Wort könnte ich auf einen eigenen Text verlinken.

Damit ist es bei google eher sichtbar und wird sogar für die wikipedia immer wieder gebraucht.

Dokumentarfotografie ist aber mehr.

Wenn ich den Bereich der Vergessenen verlasse und sie in Richtung darstellende Fotografie ändere, dann ist alles möglich – auch das Geldverdienen.

Das ist aber jenseits der Reportage sozialer Not und schlechter Ereignisse. Diese Themen dürfen sowieso nur noch in wenigen Ländern fotografiert werden ohne dass man verhaftet wird. Und welche Relevanz haben sie denn?

Insofern wird es nicht gefördert und kleingehalten.

Aber das stört kaum jemand, weil die Welt ja eigentlich lieber über die Gewinner spricht und die Vergessenen vielfach auch am liebsten dazu gehören würden und sich selbst mental verdrängen. Sie wollen sich als Vergessene nicht zeigen sondern lieber vergessen werden statt sich zu zeigen, um Aufmerksamkeit und Veränderungen einzufordern. Dagegen wollen sich Gewinner zeigen und gesehen werden.

Das ist natürlich etwas pauschal aber stimmt meistens.

Die Welt hat zumindest mir deutlich gemacht, daß die Hoffnung auf ein besseres Morgen so nicht stimmt, weil die Machtverhältnisse sich nicht wirklich ändern.

Und wenn man nur irgendwie die Chance hat dabei zu sein und anerkannt zu werden im Kreis einer sozialen Gruppe, dann ist dies der Zustand, der auf dieser Welt am ehesten erstrebenswert zu sein scheint, weil es keine echte Alternative dazu im Leben gibt.

Welchen Sinn hat es recht zu haben wenn die Menschen nicht auf dich hören oder hören können oder andere Interessen haben? Was macht man dann?

Man kann sich zurückziehen und einsam sein oder man schaut nicht so genau hin und akzeptiert die Welt, die man nicht ändern kann. Einzig und allein dann die eigene Grenze so in Worte zu fassen wie hier und dies dann entweder im Tagebuch oder in einem öffentlichen Blog zu zeigen bleibt als Möglichkeit, ist aber ohne Relevanz.

Denn sobald du deinen Geist verläßt und dich dem sozialen Leben zuwendest, kannst du mit diesem Denken nicht bestehen, sondern mußt die Gesetze des Miteinanders annehmen.

Das ist die Wirklichkeit, die mir durch das Fotografieren immer wieder bewußt wurde. Das war der Weg zwischen solo und sozial von mir.

Und damit es für mich und für andere, die sich davon angesprochen fühlen, nicht verloren geht, habe ich es hier aufgeschrieben, weil ich dies nun nicht in ein Foto stecken konnte.

Selbst Fotos haben Grenzen, die nur durch Worte überschritten werden können.

Und deshalb publiziere ich dies hier auch von Angesicht zu Angesicht, von mir zu Dir!

Aber diese Worte waren mir erst knapp sechs Monate nach dem Ende des Bloggens an dieser Stelle möglich.

Die Zeit spielt also mit.

Deshalb erst heute – oder besser schon heute?

Das alles könnte man übrigens auch dokumentieren – mit neuen Fotos …

Neue Zeit für neue Fotografie und neue Fotos?

 

Dokumentarfotografie – Soziale Kämpfe im Ruhrgebiet und im Bergischen Land zwischen 1987 und 2010

mannesmann1999

Es hat knapp dreißig Jahre gedauert bis die Fotos von Michael Kerstgens über den Stahlarbeiterstreik in Duisburg-Rheinhausen 1987 als Buch erschienen sind. Dieses Buch wurde u.a. durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Es ist ein gutes Buch geworden und es erinnert mich an meine eigenen Erlebnisse.

Michael Kerstgens zeigt Fotos von 1987 bis 1993 als im Walzwerk in Hagen die letzte Schicht war und symbolisch das Ende des gesamten sozialen Konstruktes.

Und im Bergischen Land ging es dann weiter.

Er war der meistfotografierte Hochofen Deutschlands

Ich hatte noch nie eine Beziehung zum Ruhrgebiet obwohl ich dort viele nette Leute kennengelernt habe.

Ich sah kein Ende und keinen Anfang. Es blieb mir fremd.

Und meine Berichte über das Duisburger Stadtmassaker taten ein übriges, um mich eher vom Ruhrgebiet zu entfernen und mich anderen Landschaften zuzuwenden.

Doch jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich mir das Ruhrgebiet erschloß.

Thomas Pflaum hat mit seinem Fotoreiseführer Fotografieren im Ruhrgebiet mir erstmals Einblick, Überblick und Durchblick verschafft.

Er zeigt in seinem Buch auch Orte und Motive in Duisburg.

„Bruckhausen ist ein besonderer Stadtteil: Nirgendwo sonstim Ruhrgebiet ließ sich bis in die jüngste Vergangenheit das enge Nebeneinander von Schwerindustrie und Wohnen noch erleben“, schreibt Thomas Pflaum in seinem Fotoreiseführer.

Und dann zeigt er zwei Fotos, die er an der Ecke Dieselstraße/Bayreuther Straße 2010 und 2014 aufgenommen hat.

Der Hochofen ist weg.

Er schreibt: „Er war einmal der meist fotografierte Hochofen Deutschlands.“

So bietet der Fotoreiseführer mehr als den Ort.

Hier werden Geschichte und Gegenwart so verknüpft, daß man mit der Sprache der Fotografie Geschichten erzählen kann.

Und bei mir entstand die Lust, alte digitale Fotos herauszusuchen, die ich im Ruhrgebiet gemacht hatte.

Der Hochofen grüßte damals schon auf der Autobahn und zeigte die Richtung.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es war im Jahr 2009 auf dem Marktplatz in Duisburg Bruckhausen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Auf dem Marktplatz versammelten sich die Mitarbeiter verschiedener Werke von ThyssenKrupp voller Hoffnung und Wut.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Fotojournalisten waren ebenfalls zahlreich erschienen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier sieht man wie eng Arbeit und Leben miteinander verknüpft waren. Der Hochofen war der Kölner Dom des Stadtteils.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Deshalb ist es gut, wenn man sich an die vielen ehrlichen und fleissigen Menschen erinnert, die dort zur Arbeit gingen und von ThyssenKrupp mehr erwarteten als Arbeitsplatzabbau. Damals war der Bezirksleiter der IG Metall Detlef Wetzel.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Der Hochofen ist weg, der Stadtteil Bruckhausen wurde Opfer eines „Stadtmassakers“ und die soziale Stadt, also die Beziehungen zwischen den Menschen und dem vorhandenen öffentlichen Raum, gibt es in der damaligen Form nicht mehr.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

So soll dieses letzte ruhige Bild von der Straße am Markt an die damalige Zeit und die Menschen mit ihren Hoffnungen und Problemen erinnern, die dort lebten und vielleicht noch leben.

Genau dies macht das Ruhrgebiet aus. Es ändert sich ununterbrochen.

Und damit komme ich zurück zu dem Buch von Thomas Pflaum. Ihm ist es gelungen, mir Orientierung zu geben und mich neugierig zu machen.

Nun denke ich sogar daran, mit diesen Erinnerungen noch einmal zum Markt in Duisburg Bruckhausen zu fahren, um dort zu fotografieren.

Ohne das Buch von Thomas Pflaum wäre weder dieser Artikel geschreiben worden noch der Wunsch entstanden, noch einmal dorthin zu fahren.

Besser kann ein Buch als Anregung wohl kaum sein.

 

Dokumentarfotografie und urban landscape – Lenstrip in Lennep

Urbane Landschaft, Privatisierung und öffentlicher Raum in der Fotografie – Ein Beitrag zur Praxis aktueller Dokumentarfotografie zwischen Dokumentation und Kunst

Lennep ist ein Stadtteil von Remscheid und war ursprünglich selbst eine kleine Stadt.

Lennep bietet sich als Beispiel an, um Zusammenhänge zwischen öffentlichen und privaten Räumen, sozialer Praxis und sozialem Handeln und Veränderungen anhand fotografischer Praxis zwischen Dokumentation und Kunst zu zeigen.

Die Darstellung von Macht und  Einfluß im öffentlichen Raum

Ist öffentlicher Raum bzw. städtischer Raum (urban space) ein neutraler Container für soziale Beziehungen oder eine Manifestation von Macht und Kontrolle? Diese Frage diskutierte Alex Baker anläßlich einer Ausstellung im Museum of Contemporary Art San Diego. Untertitel war „A Dialogue with the urban Landscape“.

In diesem Text hier geht es um diese Fragen am Beispiel Lennep.

Wenn wir uns Lennep anschauen, dann wird zunächst deutlich, wie aktuell öffentliches Gelände für private Zwecke verkauft worden ist. Ziel ist das DOC, ein Outlet-Center, welches Kunden von nah und fern anlocken soll. Fest steht, daß der öffentliche Raum, der den Menschen zur Verfügung steht, dort wesentlich verkleinert wurde und eine neue private Zone geschaffen wurde, die nicht mehr wie bisher von allen genutzt werden kann.

Das Thema und den Konflikt kann man fotografisch sehr schön darstellen ohne viele weitere Worte:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Die Politik hat sich für das DOC und gegen die bisherigen Strukturen entschieden. Inwiefern die Arbeitsplätze und die Kaufkraft genau so vereinbart wurden wie der Verkauf der Flächen ist Sache der Politik.

Hier geht es um die Folgen im öffentlichen Raum. Wenn öffentliche Räume und Flächen privatisiert werden, hat dies natürlich Verhaltensänderungen der Menschen zur Folge, weil bestimmte Treffpunkte wegfallen, andere räumliche Verhältnisse geschaffen werden, Traditionen und historische Plätze verschwinden etc. Der Soziologe Michael Beetz hat das einmal so ausgedrückt:

„Wer im öffentlichen Raum unterwegs ist, der sieht sich ständig mit einer mehr oder weniger feinsinnigen Symbolik konfrontiert, welche soziale Orte definiert, Grenzen markiert und die gangbaren Wege aufzeigt…. die lokale Umgebung beinhaltet über ihre rein physikalischen Eigenschaften hinaus durchweg symbolische Qualitäten…. Der tägliche Spaziergang mit dem Hund, das regelmäßige Aufsuchen von Veranstaltungsorten… von Kneipen oder Parks bezeugen die Zugehörigkeit zur Szene, zum Kiez, zur Heimat. Mit dem lokalen Lebensraum kann man durchaus verschmelzen, ohne ihn damit zu okkupieren. Andererseits bleibt manch einer auch nach dem Erwerb eines Grundstücks oder der Besetzung einer Stelle in sozialer Hinsicht ein Fremder. In Kleinstädten wird man in der Regel ein Leben lang als Zugereister gelten.“

Der öffentliche Raum ist also materiell und sozial gestaltet. Und im Fall von Lennep ist die sozial vorhandene Landschaft durch diese Entscheidung mit ihren Traditionen und Rhythmen erheblich – wenn nicht wesentlich –  verändert worden. Die bisherige Psychogeografie fällt dadurch praktisch weg.

Ob das gut oder schlecht ist oder ob es der heutigen Mentalität entspricht, ist hier nicht die Frage sondern lediglich das Aufschreiben dieser Entwicklung.

Die Gestaltung der Lenneper Altstadt

Der zentrale Bereich im öffentlichen Raum in Lennep ist die Altstadt. Diese ist quasi das öffentliche bzw. das Außenbild, das für Lennep als Hansestadt steht und für emotionale Lebensqualität.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das kann man ja auch fotografisch sehr schön festhalten, wenn man die mit vielen Investitionen modernisierte Stadtlandschaft sieht, die die alten Elemente wie Schiefer und Fachwerk äußerlich beibehalten hat.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier symbolisiert die Architektur Eigenschaften wie Ruhe, Gemütlichkeit, Engagement und vieles mehr.

Privatisierte Zonen

Wo der öffentliche Raum verkauft wurde und der Profit nicht stimmte, sieht das alles anders aus:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das ist keine 100 Meter von der Altstadt entfernt und ein Areal, an dem die Bürger nicht zugelassen sind. Noch mal. Ich will hier nur die Realität beschreiben, damit man versteht, was Fotografie in solchen Fällen leisten kann. Ich finde das Foto übrigens auch sehr passend. Denn der Zaun davor soll alle Menschen davon abhalten, dieses Gelände zu betreten. Daher habe ich die Zacken auch dominant in das Foto gerückt. Und alles dahinter ist leer und menschenleer.

An dieser Stelle kommt die „Street Art“ hinzu. Alex Baker weist in seinem Text darauf hin, daß es Street Art gibt „on and about“ urban places. Dies bedeutet, man kann Kunst im öffentlichen Raum  an und auf der Straße erstellen oder den öffentlichen Raum als Thema (about) nutzen.

In Lennep haben Menschen, die dort leben oder waren, in jedem Fall reagiert und aus einer Betonzone Street Art gemacht.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Zugleich ist dies (alles) Ausdruck einer sozialen Landkarte, denn hier zeigen sich soziale Reaktione auf vorhandene Architektur und Raumaufteilung.

Es gibt natürlich mehr Streetart aber beispielhaft soll dies hier genügen.

Die Einbettung von Architektur und Streetart in einen fotografischen Rahmen ist dann übrigens art about, also Kunst mit dem Mittel der Fotografie zum Thema urbaner Raum und soziales Leben.

Im Englischen spricht man auch von radical art, weil es sich um Kunst handelt, die nicht für sich steht sondern eine Reaktion auf soziale Erlebnisse ist und bei Ihnen, den Konsumenten oder Zuschauern, etwas bewirken will.

So ist dieser Artikel gewissermaßen Art about on street and public space – um eine englische Wortspielerei zu betreiben.

Hier könnte dieser Artikel enden.

Allerdings möchte ich ihn um eine Dimension erweitern, weil es fotografisch noch mehr auf dieser sozialen Landkarte zu sehen gibt und ein Thema neu (2015) hinzugekommen ist.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Dieses Foto ist im Hardtpark aufgenommen worden, ein paar Meter von dem vorherigen Foto entfernt. Es zeigt eine harmonische Grünlandschaft mit einem sauberen Mülleimer, der sauber besprüht ist, allerdings u.a. mit einem Nazisymbol, dem Hakenkreuz. Hier spiegelt sich aktuelle Politik wieder und u.a. auch die aktuellen sozialen Entwicklungen in Lennep.

Die soziale Landschaft von Lennep ist also mehrdimensional und Fotos können dokumentieren, was vor sich geht und was welche Reaktionen nach sich zieht. Architektur und soziale Interaktionen hängen zusammen aber die Gestaltung von öffentlichen Räumen und die Privatisierung von öffentlichen Flächen hat erhebliche Folgen und verändert, reduziert oder erweitert die sozialen Möglichkeiten.

Digitale Filter für schöne Fotos über die Selbstzerstörung der Wachstumsgesellschaft

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es tut nicht weh und wenn es weh tut, dann glaubt man an andere Ursachen.

Wir leben im Zeitalter der Selbstzerstörung der Wachstumsgesellschaft.

Das dauert.

Aber es gibt aktuell keine Lösung.

Immer mehr Menschen wollen das Gleiche: leben und konsumieren. Aber so wie bisher geht das nicht.

Umdenken mindert den Profit und die vorherrschenden Machtstrukturen.

Das Ergebnis sehen wir.

Wir amüsieren und konsumieren uns zu Tode.

Und dies individuell und kollektiv.

Da wir sowieso sterben, ist es eigentlich egal.

Aber wir können dies alles nun mit schönen digitalen Filtern festhalten.

Ein Beispiel ist der Blick auf den Himmel vor der Stadt Remscheid.

Wir riechen es nicht, wir sehen es.

Wir können es sehen aber wir nehmen es falsch war oder ordnen es falsch ein oder verdrängen es.

Obwohl sogar die Politik gezeigt hat, worum es geht.

Wir leben offiziell im Gefahrengebiet.

Wie schön diese Gefahr dargestellt werden kann, können Sie an einem Beispiel sehen.

Sie finden es hier.

Es zeigt am Beispiel eines Blicks auf den Himmel vor Remscheid, was Filter alles wie ausdrücken können.

So schön kann Krankheit und Gefahr aussehen.

 

Triptychon 3 – sozialer Wandel im Bild

Wie kann man sozialen Wandel darstellen und zusammenfassen? Wie läßt sich Dynamik – Flow – visuell darstellen im Foto?

Die Veränderungen in der Industrieregion Bergisches Land bis 2010 habe ich mit 15 Fotos dargestellt. Diese bezogen sich aber auf Remscheid, Solingen und Wuppertal.

Nun kommt ein neuer Versuch begrenzt auf Remscheid, und für die Jahre 2014, 2015 und 2016:

Sozialer Wandel anhand von baulichen Veränderungen im öffentlichen Raum von Remscheid.

Ich habe dazu drei Motive gewählt, die mir sinnbildlich sinnvoll erscheinen.

Es ist ein Triptychon (lt. duden griechisch tríptychos = dreifach, aus drei Schichten, Lagen übereinander bestehend), weil es mit drei Bildern – drei szenischen Geschichten – ganz viel erzählt über die einzelnen Geschichten hinaus.

Beim Triptychon entsteht im Ganzen mehr als die drei Teile einzeln erzählen.

Es ist ein Beispiel für radical art. Das bedeutet auf Englisch etwas anderes als die Übersetzung radikale Kunst zunächst vermuten läßt. Diese Art von Kunst lebt, weil sie Bezüge zum eigenen Leben in der Gegenwart herstellt jenseits des reinen Selfie. Es ist das Tor zum Sozialen. Radical art verbindet mich mit der Gesellschaft und den Normen und nimmt mich auf, um mitzumischen, dabei zu sein und mir eine Meinung zu bilden.

Schauen Sie einfach mal hin und drauf, es ist nur einen Mausklick entfernt!

 

 

Fotografische Spuren des mentalen Kapitalismus im öffentlichen Raum

Wissen Sie, was mentaler Kapitalismus ist?

Lesen Sie einfach diese kurzen Worte:

„Die Omnipräsenz der Werbung wäre keine, wenn die Präsentation sich nur in den technischen Medien breit machen würde. Besonders auffällig und erklärungsbedürftig ist aber, daß Erlebnisräume wie der öffentliche Stadtraum, die Gebietskulisse entlang der Verkehrsadern und immer mehr die freie Landschaft herangezogen werden. Diese Räume sind inbegrifflich öffentliche Güter. Erstens gehören sie – in ihrer Eigenschaft als erlebter Umraum und unwillkürlich erlebte Umgebung – allen. Zweitens sind sie öffentliche Güter in dem (terminologischen) Sinn, daß ihr individueller Genuß den anderen nichts wegnimmt. Der Stadtraum und die freie Landschaft haben diesen öffentlichen, kommunen Charakter auch dann, wenn die Häuser und Grundstücke in Privateigentum sind. Ihre Eigenschaft als öffentliche Güter ist, worum der ästhetische Umweltschutz – das Baugenehmigungswesen, der Denkmal- und Landschaftsschutz – sich kümmern. In eben dieser Eigenschaft werden die Räume nun privatisiert. Sie werden mit Schautafeln und Anlagen für den Blickfang gespickt, sie werden zu Medien für die Werbung umgestaltet. Für die Nutzung als Werbeträger wird teuer bezahlt – und zwar sowohl von denen, die Werbung treiben, als auch von denen, die unter der Verunstaltung leiden. Die Privatisierung der öffentlichen Erlebnisräume besteht darin, daß sowohl der Nutzen wie auch die Kosten der medialen Nutzung privat anfallen.“

Diese Worte sind von Georg Franck aus einem Vortrag in Lech im Jahre 2002.

Er ist Professor für digitale Methoden in Architektur und Raumplanung an der Universität Wien.

Stimmt das was Franck sagt?

Um das herauszufinden gehen wir doch mal nach Remscheid, der Kleinstadt auf dem Berge.

Vor zwanzig Jahren waren Plakate und Litfaßsäulen in Remscheid fast völlig verschwunden.

Und nun sind sie überall.

Werbung statt Wald, Beton statt Bäume.

Und deshalb will ich das erwähnen.

Denn der öffentliche Raum ist eigentlich der soziale Lebens- bzw. Erlebensraum für die Menschen. Dort soll es Parkanlagen, freie und schöne Anblicke, Treffpunkte, Rückzugsmöglichkeiten und vieles mehr geben. Denn die meisten Wohnungen sind weder als Treffpunkte noch als erholsamer Lebensraum geeignet. Daher ist der öffentliche Raum die Ausgleichs- und Kontaktfläche. Und dieser wird nun privatisiert funktionalisiert, fast schon systematisch ausgerottet.

Genau so wie von Georg Franck in seinem Vortrag aufgezeigt.

Eines der wesentlichen Merkmale des neuen öffentlichen Raumes in Remscheid sind dabei die Zumutungen für die Menschen, die unter dieser Verunstaltung leiden müssen.

Viele merken es nicht (mehr). Insofern können diese Sätze hier erhellend sein.

Besonders sichtbar wird dies im Bild Shrek.

Ich denke dabei eher an “Schreck lass nach.”

Es ist die absolute Manifestation dieser Situation.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Doch dies ist nur ein Beispiel.

Die Werbung durchdringt jeden Fleck, auch den Marktplatz.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Dies ist nun überall und an jeder Ecke.

Wo die Augen auch hinwandern, sie müssen diese Anblicke ertragen.

Der Anblick der Natur verschwindet. Natur wirkt unnatürlich und so tut man alles, um uns die Natur zu ersparen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Mentale Zumutungen der Bewohner sind das Ergebnis, die Umgestaltung nach privatwirtschaftlichen Kriterien ist die Folge, so daß es weder Parks noch Rückzugsflächen noch verschönernde Anblicke im Stadtbild (welch ein Wort!) gibt.

Ich habe einige der Fotos ins Wupperartmuseum gestellt, weil sie Museumswert haben als gestaltete Elemente unserer Zeit.

Doch der mentale Kapitalismus ist schlau. Und als ob dies nicht schon Zumutung genug sei, hat man sich in Remscheid in Verwaltung und Politik entschlossen noch was drauf zu setzen.

Man hat tatsächlich ein Nazisymbol genommen und macht damit nun auch noch systematisch und an visuell wichtigen Ecken Werbung.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

So schlägt die Wirklichkeit jede Phantasie und die Satire ergibt sich von selbst. Man muß nur aufschreiben, was man sieht.

Übrigens – nichts gegen Werbung.

Aber hier und so nicht!

Tracking Time von Camilo Jose Vergara oder die Zersetzung sozialer Strukturen im Stadtbild

vergarax

„Camilo José Vergara
Tracking Time: Documenting America’s Post-Industrial Cities
Die Publikation widmet sich dem amerikanischen Fotografen Camilo José Vergara. Seit über 40 Jahren dokumentiert er die Spannung in den von Armut gekennzeichneten Problemvierteln amerikanischer Metropolen. Seine Fotografien berichten von dem städtischen Wandel, den Symptomen sozialer Konflikte und machen das Auseinanderdriften der amerikanischen Gesellschaft erfahrbar. Als visueller Spurenleser, fotografischer Soziologe, Ethnograf und Stadtforscher hat er ein einzigartiges Archiv amerikanischer (Stadt-)Geschichte geschaffen, welches die Veränderung und Auflösung von Stadtteilgemeinschaften belegt.“

So schreibt es der Verlag.

Ich bin auf dieses Buch gestoßen weil ich etwas Vergleichbares zu meinem Projekt 1214.wupperart.de gesucht habe.

Während ich drei Jahre lang am Stück die Veränderungen im öffentlichen Raum festgehalten habe, hat Camilo Jose Vergara dies mit gewissen zeitlichen Abständen getan.

  • Interessant ist, daß wir beide im öffentlichen Raum fotografiert haben und die sozialen Zusammenhänge dabei zeigen wollten.
  • Bemerkenswert ist, daß wir beide als Vorbild Henri Cartier-Bresson angeben.
  • Unterschiedlich ist, daß er an vielen Orten war, während ich mich auf das Bergische Land konzentriert habe und der Schwerpunkt in Remscheid lag.

Vergara will wissen, was in den desolaten Ecken des urbanen Amerikas passiert.

Für ihn sind anonyme Sprayer, die mit wirklich guten Bildern häßliche Ecken bemalen, kreative Köpfe, die aktiv an ihrer Umwelt interessiert sind.

Ein interessanter Gedanke.

Ich wollte wissen, wie sich Veränderungen in einer Stadt darstellen, deren wachsende zentrale Themen Armut, Asyl und fehlende Arbeit sind.

Wenn man dies fotografisch festhalten will im öffentlichen Raum, dann gehören dazu fotografische Beharrlichkeit, Beschränkung, Geduld und Zeit, weil Veränderungen nur in den Kategorien Raum und Zeit sichtbar werden können.

Das hier gezeigte Buch von Vergara ist zu einer Ausstellung in Hannover erschienen.

Während dies bei ihm eine Retrospektive auf sein Werk zu sein scheint, ist es bei mir eine Retrospektive auf das, was ich vorher weder gesehen noch geahnt habe.

Und da finde ich den Gedanken von Anne Whiston Spirn sehr gut, auf den Vergara verweist: Denn Fotografie kann wie eine Landkarte (landscape) Prozesse und Interaktionen zeigen und die Struktur von Ideen.

Letztlich führt dies auch zu einem neuen Kunstverständnis, das rein digital strukturiert ist und Kunst als soziale und interaktive Veranstaltung versteht, der radikalen Kunst.

Einen Teil der Entwicklungen in Remscheid und im Bergischen Land habe ich bisher in drei Büchern festgehalten.

Sie zeigen, wie schnell der Wandel ist.

Aber das kann man immer nur rückblickend sehen, so daß Fotografie dabei eine dokumentierende soziale und historische Dimension hat.

Es ist ein Stück regionales Gedächtnis.

Woanders wird es als Spitzenleistung regional gefördert, hier wird es totgeschwiegen, weil es nicht in das Selbstbild paßt.

 

Der gesichtslose Arbeitnehmer als Merkmal des Zeitgeistes

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Früher waren Arbeiter stolz darauf fotografiert zu werden.

Es gab sogar die Arbeiterfotografie.

Menschen und ihre Gesichter erzählten und erzählen viel über sich selbst und die Welt, in der sie leben.

Und heute?

„Was machen Sie denn da? Sie wollen mich doch nicht etwa fotografieren?“ brüllt mir aus 50 Meter Entfernung ein Mann zu, der am Rande einer Großbaustelle arbeitet, bei der ich gerade die Stützwand eines Gebäudes fotografierte.

Es war Samstag gegen Mittag und das Wetter war freundlich.

Ging es der Person um das Recht am eigenen Bild oder hatte sie eher Angst, daß etwas dokumentiert wird, was nicht gesehen werden soll?

Die Frage wird wohl offen bleiben.

Nun habe ich das Foto erst gemacht als die Person hinter dem LKW verschwunden war.

Wie man sieht, sieht man nichts außer Überresten einer eher schweren Arbeit.

Zwei Tage drauf an anderer Stelle.

Viel Lärm und Sägenlärm.

Was ist da los?

„Sie dürfen hier nicht fotografieren. Ich rufe jetzt die Polizei.“

„Ja rufen Sie die Polizei. Ich warte darauf. Ich bin hier auf einer öffentlichen Strasse und fotografiere, was hier gerade geschieht.“

„Was fällt Ihnen denn ein. Sie dürfen hier nichts fotografieren. Ich rufe die Polizei.“

„Ja rufen Sie doch endlich die Polizei.“

Dann hupten oben Autos und der LKW mußte erst einmal aufwendig die Strasse freimachen.

Daher sieht man hier auch keine Menschen sondern nur die Strasse…

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Foto: Michael Mahlke

So ist das heute.

Blickt man zurück auf die Geschichte, dann war dies früher anders.

Fakt ist, daß heute (auch die Gesichter) arbeitende(r) Menschen aus den öffentlichen Medien verschwinden.

Damit ist dies eine andere Öffentlichkeit geworden.

Und deshalb ist dies ein Artikel ohne Gesichter.

 

Fotografische Einstellungen

Im Gedenken an Bodo H.

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Foto: Michael Mahlke

Die Wirklichkeit ist oft nicht so wie die wahrgenommene und konstruierte Welt.

Ich habe mich nun jahrelang mit Dokumentarfotografie befasst und dabei diese Webseite aufgebaut.

Texte und Fotos gehören zu meinem Leben.

Die Perspektive des Lebens ist aber eher von dem geprägt, was ich weder festhalten noch vorhersagen kann.

Ich sehe nur, daß die Verhältnisse die Ungerechtigkeit immer und überall hervorrufen. Die bessere Welt ist nicht ohne Ungerechtigkeit. Aber es ist eine Welt, die sie immer wieder abbaut.

Sie sehen links auf dem Foto ein Schulgebäude. Dort war einmal ein Gymnasium. Ich war dort Schüler und habe viel Leid auf dieser Schule erfahren. Einer meiner besten Schulfreunde hat es nicht mehr ausgehalten und ist vor dem Abitur von der Müngstener Brücke gesprungen. Auf der Schule habe ich viel soziale Diskriminierung erfahren. Rückblickend ausgestattet mit dem entsprechenden Wissen wurde manches deutlich.

Später kam in dieses Gebäude eine Gesamtschule, weil wir glaubten, dass dies mehr Schülern mehr Chancen ermöglicht.

Aber meine Erwartungen an die Gesamtschule sind auch nicht erfüllt worden.

Ich glaubte, dass nun mehr Menschen aktiv und engagiert politisch tätig werden und es viel Widerstand gegen Globalisierung, Ausgrenzung, später Hartz 4 und vieles mehr geben würde.

Und die vielen Seminare zum Thema Global denken – vor Ort handeln und mein Engagement für den Club of Rome, für eine gute Rente, für einen guten Sozialstaat?

Dies blieb alles ohne Wirkung wie man auf der Welt sehen kann.

Die Uhr kann man nicht zurückdrehen und der kritische Blick zurück zeigt, daß zwischen Wunsch und Wirkung manchmal eine Welt jenseits der Illusionen liegt.

So war es an vielen Stellen und mit vielen Menschen.

Ich schreibe darüber, weil ich vor kurzem auf dieser völlig leeren Strasse fotografiert habe und dabei dies alles noch einmal ins Gedächtnis zurückkehrte.

Da sieht man mal, was das Fotografieren alles bewirkt und auslöst – und wie sich dadurch Einstellungen verändern.

So führt die Fotografie auch zur Entdeckung der eigenen Geschichte und hilft, Einstellungen vorzunehmen und zu verändern. Dies alles hat nun dazu geführt, daß ich das Foto so surreal in der Perspektive verändert habe wie es jetzt aussieht. So soll es an das erinnern, was hinter dem Sichtbaren steckt.

Street62.de ist kein Projekt wie es neudeutsch heißt. Street62.de ist ein Teil meines Lebens. Ich habe diese Webseite über Jahre hinweg entwickelt und mich dabei weiterentwickelt.

Dabei wurde mir klar, daß es eine Art der Fotografie gibt, die nur möglich ist, wenn man sich persönlich dabei engagiert und die unbequemen Themen anpackt. Das tat ich bis jetzt, bis 2013.

So griffen Fotografie und Leben ineinander, wurden eins und es entstanden neue – auch fotografische – Einstellungen:

  • ein neuer Blick auf die Dinge,
  • eine neue Distanz und
  • eine neue Art, manches zu sehen.

Diese Veränderungen führen nun zu anderen Blicken auf die Welt.

Diese Welt suggeriert digital Möglichkeiten, die real nicht vorhanden sind. Ein Beispiel: Die digitale Welt macht dich im Kopf zum König über dein Gameland, die reale Welt nimmt dir die Luft zum Atmen.

Es gibt also viel zu tun und vielleicht zu fotografieren.

Digitalfotografie und Geschichtsschreibung

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Foto: Michael Mahlke

Das persönliche Fotobuch zwischen Zeitgeist und Lebenszeit

Ich habe lange dafür gebraucht.

Für die Fotos ebenso wie für den Artikel und noch länger bis es so weit war.

Die Geschichte der Kompaktkameras

Ab 1999 ermöglichten die preiswerten Digitalkameras von Jenoptik mir den Zugang zur Digitalfotografie. Dann glaubte ich mit der teuren Canon Powershot G1 eine langlebige Kamera zu kaufen. Das stellte sich technisch als Illusion heraus. So ging es bis 2005.

Danach gab es ja das Feuerwerk der Kompaktkameras auf dem Markt. Es war die Zeit der Experimente für Kunden und Unternehmen.

Für mich waren es mit 5 und 6 Megapixel die Sanyo E6, die Fuji F10  und die Fuji Z3.

Später wurden diese durch 8 bis 10 Megapixel Kameras abgelöst, die Lumix LX37, die Olympus C70 Zoom und die Ricoh GX200.

Erinnern Sie sich noch daran? Eher weniger?

Die Geschichte und die eigene Lebenszeit

Genau so ist es mit der eigenen Lebenszeit und den extremen Belastungen, die damals vorhanden waren.

Erst wollte ich die Bilder einfach liegenlassen für später. Aber wer wüßte dann noch was und wie, warum und wo?

Nach einiger Zeit entschloß ich mich, daraus ein persönliches Fotobuch zu machen. Und in diesem Fall hält das Buch mehr als die Seiten zwischen den Buchdeckeln.

Dokumentarfotografie 2000 bis 2010

Es sind Fotos aus der Zeit zwischen 2000 und 2010 – nicht viele aber exemplarische Momente, die fast immer öffentlich waren, aber von denen die Öffentlichkeit nur sehr begrenzt Kenntnis nahm.

Es ist sehr persönlich, weil darin mein Herzblut und die Energien vieler anderer Menschen zu finden sind. Es ist eine fotografische Dokumentation, die viele Erinnerungen und Gefühle freisetzt.

Nicht einfach vergessen

Ich hatte neben Füller und Notizbuch immer öfter eine Kamera dabei und fragte die Menschen, ob sie Lust hätten auf Fotos zu sein, die an uns erinnern und von denen ich noch nicht weiß, wann und wo ich sie als „Geschichtsbuch“ veröffentliche. Sie sagten immer ja und freuten sich, daß sie nicht einfach vergessen werden.

Dann erzählte ich über andere Bücher von mir und ich endete jedes Mal mit der Feststellung, wenn wir uns nicht dokumentieren, dann wird uns niemand dokumentieren.

Das wußte ich seit meinem ersten historischen Buch über eine lokale soziale Bewegung und der Recherche dafür im Archiv. Die Menschen damals waren nur in den Polizeiberichten der Bismarckzeit auffindbar, ohne Fotos und nur so wie die Geheimpolizei dies damals sah.

Worte reichen nicht

Den Menschen ein Gesicht geben, die Namenlosen zumindest als Teil des Geschehens sichtbar festhalten, um an sie zu erinnern und ihnen so einen Platz im Gedächtnis der Gesellschaft einräumen.

Worte allein reichen nicht, wenn man lebendig im historischen Gedächtnis von Menschen und Archiven bleiben will. Das war mir klar nach vielen Jahren zwischen Wörtern, Bildern und Geschehen.

Auch Niederlagen muß man dokumentieren, weil sie gut sind, wenn man daraus lernen will. Sie bringen uns an die Grenze jenseits der Illusionen.

Es geht um die Bedingungen von Arbeit und Leben und um Ereignisse, die stattfanden und vieles veränderten.

Das ist Geschichtsschreibung heute.

Und deshalb setzte ich dieses Wissen dann erstmalig digital und visuell bei Mannesmann um.

Das war der Beginn meiner fotografischen Erfahrungen.

Ja so war das.

Das beste Foto ist das, das überhaupt existiert

Einige Fotos sind unscharf, weil die, die die Kamera bedienten, der Automatik vertrauten und damals bei schlechtem Licht kleine Kameras noch größere Probleme hatten.

Aber es sind die einzigen Fotos, die überhaupt zeigen, wie es war.

Außer in der Erinnerung der Beteiligten ist vieles nicht mehr auffindbar und sichtbar erst gar nicht. Viele Betriebe von damals als soziale Veranstaltungen sind verschwunden, Gebäude sind abgerissen, es wurde umgezogen und vieles mehr.

Die Globalisierung mit ihrer menschenfeindlichen Fratze hat in dieser Region bei so vielen Menschen so viele Wunden geschlagen, dass jede neue Erinnerung auch neue Schmerzen hervorruft.

Erinnerungen zwischen Würde und Schmerz

Aber der Entschluß, daraus dann doch ein Fotobuch zu machen, setzte viele Dinge in Bewegung. Nun sehe ich Menschen und Ereignisse noch einmal und sie haben nichts von ihrer Würde und ihrem Ringen verloren.

Die Ereignisse sind vorbei – aber nicht die Erinnerungen daran und die Wunden und Schmerzen, die sie hervorbrachten. Diese sind nicht sichtbar aber für den spürbar, der sie erlitten hat. Sie sind in der Seele und schmerzen immer wieder, wenn sie geweckt werden. Globalisierung bedeutet legalisierte Gemeinheit und den Sieg von Gier und Ungerechtigkeit. Davon profitieren nie die kleinen Leute vor Ort. Diese zahlen immer den Preis dafür.

Natürlich gibt es in Momenten des sozialen Kampfes und von Situationen, in denen man weiß, daß man verliert, auch die Momente des Zusammenhalts, die wirklich helfen, diese Zeiten durchzustehen.

Auch daran erinnert man sich. Aber es ist nur ein Trost, weil die Wirklichkeit so trostlos war.

Die Zeiten mit diesem brutalem Umbau sind in dieser Region momentan so massiv vorbei.

Fotos bleiben als sichtbare Dokumente der Erinnerung

Die Fotos sind die einzigen Überbleibsel dieses „Wandels“, der zehntausenden von Menschen und hunderten von Betrieben aus der Region (Remscheid, Solingen etc.) die Arbeit und die Zukunft nahm. Das steht alles exemplarisch für andere Regionen, in denen Ähnliches passierte.

Die Menschen wollten alle arbeiten und ihre Arbeitsplätze behalten. Viele davon wurden arbeitslos und dann stigmatisiert durch Hartz 4.

Und der soziale Ausgleich in dieser Gesellschaft, der zu Beginn dieser Entwicklung manches abfederte, ist einer asozialen Gesetzeslage gewichen, die fast keine gut bezahlten Arbeitsplätze mehr hervorbringt ausserhalb des Beamtentums, sondern die Zeitarbeit als Normaleinstiegsarbeitsverhältnis definiert und damit den Menschen die Perspektive und die Identifikationsmöglichkeit mit diesem System nimmt.

Globalisierung und Industrialisierung

Ich finde, daran sollte man erinnern, weil wir bessere Gesetze verdient haben und weil diese Menschen in dieser Region als lokale Akteure die Namenlosen der Geschichte sind, die man heute unter Globalisierung zusammenfasst so wie man über die Industrialisierung spricht und dabei die Menschen vergißt, die damals Betroffene und Opfer waren.

Blickt man auf die Geschichte der Fotografie, dann war eine Folge der Industrialisierung die Entwicklung der sozialdokumentarischen Fotografie, um das festzuhalten, was in Bildern aussagekräftiger ist und mit Texten dann richtig zugeordnet werden kann.

Und wir?

Wir sind vor kurzem erst dabei gewesen als Betroffene(?) und schon Teil der Geschichte, auch wenn wir noch leben.

Und es geht weiter. So ist das eben.