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Nicole Strasser – eine Fotografin mit Blick

Ich kenne die Fotos von Frau Strasser, aber ich kenne sie nicht persönlich. Doch ich wollte darüber schreiben, weil ihre Fotos sozialdokumentarische Fotografie vom Feinsten sind.

Ihre Serie über Benidorm, die an verschiedenen Stellen zu sehen ist oder war, dokumentiert freundlich und dennoch distanziert eine Seite unserer Zeit.

Ihre Webseite nicolestrasser.de lohnt sich wirklich.

Man findet an an anderer Stelle auch ein älteres Interview zu den Fotos und zu einem anderen Thema ein Interview hier. Ich bin begeistert von der fotografischen Art, wie Frau Strasser sieht und fotografiert. Das ist etwas besonderes. Es ist in gewisser Weise der fotografische Blick, den auch Menschen wie Thomas Hoepker haben – nur eben auf ihre Art.

Frau Strasser dokumentiert themenorientiert die Welt, in der wir leben. Sie dokumentiert in Benidorm einfach Urlaub und Lebenszeit einer Gesellschaft, die so isst und ist, wie sie gerade ist. So banal sich das anhört, so schwierig ist es, dies fotodokumentarisch darzustellen. Dadurch werden die Fotos zu einem fotografischen Geschichtsbuch mit einer Episode aus der Welt von heute.

Begeisterung stellt sich immer schnell ein, wenn wir das Fremde fotografieren, fremdes Elend, fremde Welten etc.

Aber die Konfrontation mit uns selbst und unserem Handeln in Mitteleuropa ist uns oft zu nahe. Frau Strasser schafft es, dies fotodokumentarisch festzuhalten und uns einen Spiegel vorzuhalten, der nicht bewertet sondern einfach darstellt.

Eigentlich haben ihre Fotos ein großes Veränderungspotential für den wahrnehmenden Betrachter. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sie hat ebenfalls eine Slideshow erstellt, in der das Ende eines Bergwerks in Hamm kurz dokumentiert wird. Dort äußert sie sich auch zu ihrer Arbeit:

Da es sozialdokumentarische Fotografie sowieso schwer hat und diese Fotos kaum verkäuflich sind – höchstens als bezahlte Auftragsarbeiten für NGOs und Gewerkschaften – muß man sie ins digitale Licht holen.

Sie sind nämlich die Essenz unserer aktuellen Welt, festgehalten in Momenten. Denn sie erzählen über echte Ereignisse und echte Menschen und nicht über mediale Scheinwelten. Es ist soziale Fotografie.

In diesem Sinne viel Spass auf den Seiten von Nicole Strasser…

Biete Visionen von David duChemin


Der Titel “Biete Visionen. Leben und arbeiten als Profifotograf” ist Programm. Dieses Buch zeigt, was nach der Technik kommt, wenn man als Fotograf arbeiten will. David duChemin – ein bekannter Profifotograf – zeigt zunächst umfassend seine Sicht der Dinge. Seine Vision brachte ihn über das Theologiestudium und das Arbeiten als Komödiant letztlich zum Fotografieren.

Und Profi ist man, wenn man davon leben kann. Der Aufbau des Buches zeigt die Denkweise des Autors. Er schreibt nicht nur über sich sondern auch über andere und räumt ihnen Platz ein.

In dem Buch läßt er neun andere Fotografinnen und Fotografen mit ihrem eigenen Ansatz zu Wort kommen. Doch der Reihe nach.

„Je genauer ich bei Fotografen hinsehe, die ich respektiere und bewundere, desto mehr Konstanten statt Zufällen entdecke ich. Die wichtigsten dieser Konstante sind Vision und Leidenschaft. Die Vision ist der Motor des Unternehmens, die Leidenschaft der Treibstoff.“

So schildert er auf den ersten Seiten des Buches die Themen, die den Inhalt des Buches ausmachen. Auf Seite 13 entdecke ich den Satz „Für Leidenschaft gibt es keinen Ersatz.“

Und dann unterteilt duChemin zwischen einem Amateur, der etwas aus Liebe tut, aber nicht davon lebt und dem Profi. „Profi zu sein bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass man mit dem, was man tut, Geld verdient… Der Beruf, den wir fälschlicherweise mit dem Begriff Karriere gleichsetzen, ist viel mehr als das. Er ist eine Berufung, mehr als ein Job, ein Lebenswert, das Begabung und Talent einbezieht. Der Beruf eben.“

So treibt der Autor uns gedanklich an und weiter: „Fotografen, die gerade erst anfangen, sehen zu denen auf, die bereits seit 20 Jahren fotografieren, und sie sehen nur das Ergebnis von 20 Jahren Arbeit. Sie sehen weder die Jahre voller schlechter Bilder, die vielen Fehler, die wir gemacht, die Bücher, die wir gelesen, die Vorträge, die wir gehört haben, noch unsere Dummheit beim Kauf neuer Ausrüstung, von der wir hofften, sie würde zu einer Art Zauberstab.“

Und er gibt dem Talent einen völlig neuen Stellenwert, wenn er schreibt: „Talent ist wichtig; es macht alles einfacher… Aber es gibt viele wenig talentierte, dafür aber hart arbeitende Fotografen, die davon leben können.“ Und immer wieder kommt er zu Vision und Leidenschaft und fordert die Leserinnen und Leser seines Buches auf, sich damit tiefer auseinanderzusetzen.

Er sagt zudem klar, was außerhalb der Möglichkeiten dieses Buches ist: „Die Vorausssetzung, die ich meine, lautet: Sie beherrschen Ihr Handwerk und Ihre Produkte sind ausgezeichnet… Einen Auftrag können Sie sich immer irgendwie ergaunern, aber wenn Sie Ihre Versprechen nicht halten und nicht das Gewünschte liefern, wird es keinen zweiten Auftrag geben“(44).

Wenn Sie in dem Buch ab S. 63 mit der Überschrift „Suchen Sie sich einen Mentor“ lesen, wie er Profifotograf wurde und sich parallel einmal die deutschen Verordnungen und Barrieren anschauen, dann wird sehr schnell das Geheimnis seines Erfolges deutlich, denn eine Lehre als Fotograf oder ein Studium als Foto-Designer wird die Fächer „Leidenschaft“ und „Vision“ kaum beinhalten.

Klar ist, dass der Autor offenkundig als Autodidakt Erfolg hatte. So hat dieses Buch einen mehrfachen Reiz, zumal in Deutschland. DuChemin dürfte sich in Deutschland gar nicht als „Fotograf“ bezeichnen, um mit dieser Berufsbezeichnung zu arbeiten. Er dürfte sich höchstens „Bildjournalist“ nennen oder „photographer“.

Insofern zeigt dieses Buch, wahrscheinlich ungewollt, auch Einblicke in die Grenzen deutschen Denkens, getreu dem Motto „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben alle einen anderen Horizont“.

duChemin zeigt an vielen Stellen, wie auch die Beiträge der anderen Autorinnen und Autoren zeigen, dass es viel um Beziehungsaufbau und Beziehungspflege geht, um Marketing und anderes.

Wie fast alle Fotografen ist auch David duChemin ursprünglich ein Kind der Printwelt. Ab Seite 134 kommt dann das Kapitel “Marketing 2.0″ Damit sind wir dann im Internet mit allem, was dazugehört. Es geht um die Fragen, die alle angehen: Gestaltung der Internetseite, Aufmerksamkeit erzielen in Social Communities, Interaktion etc.

Auf sanfte Weise werden viele Dinge angesprochen, die heute aktuell sind: dorthin gehen, wo die Massen sind, Bloggen aber richtig, Umgang mit Agenturen etc.

Ganz am Anfang seines Buches weist der Autor darauf hin, dass er gerne andere Fotos genommen hätte, aber weil er diese für Nichtregierungsorganisationen NGOs erstellt hat, darf er es nicht – der Rechte wegen. Das ist schade, weil es gerade interessant gewesen wäre zu sehen, wie man arbeiten muß, um erfolgreich bei NGOs zu sein.

Es ist ein schönes Buch und es ist sehr unterhaltsam und lehrreich. Der Titel stimmt auch, denn es ist praktisch die Biografie von David duChemin,eine Dokumentation seiner Arbeitsweise und ein Leitfaden nach der Technik für ein Leben mit der Fotografie.

Wenn man das Buch nutzt, um sich eine innere Haltung anzueignen oder die eigene Einstellung zu überprüfen, dann ist es eine gute Quelle mit vielen Anregungen.

Und es ist eines der wenigen Bücher, die den Leserinnen und Lesern Hilfe beim Entwickeln einer Vision anbieten. duChemin weist darauf hin, dass es früher Fischhändler und Eisenwarenhändler gab, die ein ehrliches und ehrsames Geschäft betrieben.

Dann kamen Waffen- und Datenhändler hinzu und das Wort „Händler“ wechselte die Bedeutung. Er sieht sich und andere als „Visionshändler“. Er schreibt dazu: „In diesem Sinne präge ich hier den Begriff des Visionshändlers. Ich betrachte ihn als Erinnerung daran, daß unser Beruf eine ehrliche Kombination aus Handwerk und Geschäft ist – eine Kreuzung aus Ausdruck einer Vision und deren Feilbieten auf dem Markt. Eine Erinnerung, dass mein wirklicher Wert… nicht das gedruckte Bild selbst ist, sondern die einzigartige Kreativität und Vision, aus der das Bild entstanden ist.“

Und wenn man das Buch bis zum Ende liest, dann kommt ziemlich am Schluß des Buches in einem Interview Joe McNally zu Wort, ein anderer Fotograf. Dieser sagt in dem Interview: “Mein Rat lautet, flexibel zu bleiben. Sie müssen ihr eigenes Unterhaltungsunternehmen sein – Sie müssen wissen, wie man Fotos und Videos herstellt, wie man einen Blog betreibt, twittert und eine Website aktualisiert.”

Insgesamt ist dieses Buch gut für den Einstieg in eine andere Lebenshaltung und für eine echte Auseinandersetzung mit sich und dem Wunsch, Fotograf zu werden oder zu sein. duChemin schreibt auch über Dinge wie “Bleiben Sie schuldenfrei” oder “Planen Sie Steuern ein” und zeigt damit, dass eine Vision nur so gut ist wie die Wirklichkeit, die sie als Grundlage anerkennt.

Das Buch setzt genau da an, wo die Technik aufhört. Es ist dem Buch zu wünschen, viele Leserinnen und Leser zu finden, zumal es relativ leicht geschrieben ist. Und vor allem ist es ein Geschenk für das eigene Leben, denn wer sich mit dem Buch auseinandergesetzt hat, der wird nicht umhin kommen, auch in seinem Leben etwas in Bewegung zu setzen.

David duChemin
Biete Visionen… Leben und arbeiten als Profifotograf
ISBN: 978-3-8273-2960-8
Addison-Wesley Verlag