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Sollen wir Streetfotografie umbenennen?

Foto Mahlke traffic and education Verkehrserziehung

Ein Herr Mason Resnick hat auf der Webseite von Adorama, einem Fotolabor und Kamerashop in New York, einen Artikel geschrieben und festgestellt, daß heute fast alles mit Suchbegriffen als Streetfotografie bezeichnet wird und daher das Wort jede Unterscheidungskraft verloren hat: „Try it yourself: Go on Twitter, flickr, or Instagram, and do a hashtag search for #streetphotography. At least 80% of what you get will get is not what one might have thought of as a street photo a few years ago. A flower. A distant shot of a city. Landscapes. Studio portraits. All tagged as street photos. I kid you not. Street photography is everything. Therefore, it’s nothing. Time to retire the term..“

Ist es Zeit das Wort Streetfotografie in Rente zu schicken?

Tracking Time von Camilo Jose Vergara oder die Zersetzung sozialer Strukturen im Stadtbild

vergarax

„Camilo José Vergara
Tracking Time: Documenting America’s Post-Industrial Cities
Die Publikation widmet sich dem amerikanischen Fotografen Camilo José Vergara. Seit über 40 Jahren dokumentiert er die Spannung in den von Armut gekennzeichneten Problemvierteln amerikanischer Metropolen. Seine Fotografien berichten von dem städtischen Wandel, den Symptomen sozialer Konflikte und machen das Auseinanderdriften der amerikanischen Gesellschaft erfahrbar. Als visueller Spurenleser, fotografischer Soziologe, Ethnograf und Stadtforscher hat er ein einzigartiges Archiv amerikanischer (Stadt-)Geschichte geschaffen, welches die Veränderung und Auflösung von Stadtteilgemeinschaften belegt.“

So schreibt es der Verlag.

Ich bin auf dieses Buch gestoßen weil ich etwas Vergleichbares zu meinem Projekt 1214.wupperart.de gesucht habe.

Während ich drei Jahre lang am Stück die Veränderungen im öffentlichen Raum festgehalten habe, hat Camilo Jose Vergara dies mit gewissen zeitlichen Abständen getan.

  • Interessant ist, daß wir beide im öffentlichen Raum fotografiert haben und die sozialen Zusammenhänge dabei zeigen wollten.
  • Bemerkenswert ist, daß wir beide als Vorbild Henri Cartier-Bresson angeben.
  • Unterschiedlich ist, daß er an vielen Orten war, während ich mich auf das Bergische Land konzentriert habe und der Schwerpunkt in Remscheid lag.

Vergara will wissen, was in den desolaten Ecken des urbanen Amerikas passiert.

Für ihn sind anonyme Sprayer, die mit wirklich guten Bildern häßliche Ecken bemalen, kreative Köpfe, die aktiv an ihrer Umwelt interessiert sind.

Ein interessanter Gedanke.

Ich wollte wissen, wie sich Veränderungen in einer Stadt darstellen, deren wachsende zentrale Themen Armut, Asyl und fehlende Arbeit sind.

Wenn man dies fotografisch festhalten will im öffentlichen Raum, dann gehören dazu fotografische Beharrlichkeit, Beschränkung, Geduld und Zeit, weil Veränderungen nur in den Kategorien Raum und Zeit sichtbar werden können.

Das hier gezeigte Buch von Vergara ist zu einer Ausstellung in Hannover erschienen.

Während dies bei ihm eine Retrospektive auf sein Werk zu sein scheint, ist es bei mir eine Retrospektive auf das, was ich vorher weder gesehen noch geahnt habe.

Und da finde ich den Gedanken von Anne Whiston Spirn sehr gut, auf den Vergara verweist: Denn Fotografie kann wie eine Landkarte (landscape) Prozesse und Interaktionen zeigen und die Struktur von Ideen.

Letztlich führt dies auch zu einem neuen Kunstverständnis, das rein digital strukturiert ist und Kunst als soziale und interaktive Veranstaltung versteht, der radikalen Kunst.

Einen Teil der Entwicklungen in Remscheid und im Bergischen Land habe ich bisher in drei Büchern festgehalten.

Sie zeigen, wie schnell der Wandel ist.

Aber das kann man immer nur rückblickend sehen, so daß Fotografie dabei eine dokumentierende soziale und historische Dimension hat.

Es ist ein Stück regionales Gedächtnis.

Woanders wird es als Spitzenleistung regional gefördert, hier wird es totgeschwiegen, weil es nicht in das Selbstbild paßt.

 

Jakob Riis, der erste Fotojournalist Amerikas – aktueller denn je

Jakob Riis Phaidon

Jakob Riis Phaidon

Es gibt bei Phaidon die Reihe 55. Dort werden Fotografinnen und Fotografen vorgestellt. Ein jeweils guter Einführungstexte verbindet sich mit vielen Fotos und Erläuterungen. Eines dieser Bücher ist über Jakob Riis. Er wurde bekannt, weil er gegen Ende des 19. Jhrdts. in New York das Elend in den Mietwohnungen und auf der Strasse fotografierte und seine Fotos als Aufnahmen der Wirklichkeit galten, die sogar zu Verbesserungen der sozialen Zustände führten unter T. Roosevelt.

Wenn man mit einem Abstand von gut 100 Jahren auf die Fotos blickt, dann bin zumindest ich immer noch schockiert. Der erste Gedanke war, es hat sich nichts geändert. Das Flüchtlingselend überall auf der Welt und auch in Amerika, die Armut nach den Krisen – es kommen heute dieselben Bilder wieder.

Zwar wurde Monochrom abgelöst durch Farbe, aber das ist alles. Menschen, die sich stapeln, unhaltbare hygienische Zustände, lichtlose Hinterhöfe, das Schlafen unter Brücken und auf der Strasse, in lichtlosen Spelunken, Drogen als Betäubung gegen die Hoffnungslosigkeit und die Armut – alles das ist wieder da in den entwickelten und „reichen“ Staaten und Städten.

Erstmals ermöglicht ein solches Buch die Chance, aus der Geschichte zu lernen durch den Rückblick auf Fotos, die soziale Zustände festhalten. Da es sich um amerikanische Zustände handelt  und wir heute wieder solche Fotos sehen, können wir auch feststellen, dass Ausbeutung und Armut und der Kampf dagegen eine dauernde Aufgabe sind. Wenn man denn dagegen kämpfen will.

Heute stellt sich die Frage erneut und heute sind die Fotos in meinen Augen als Spiegel ihrer Rückkehr besonders bedrückend.

Jakob Riis

Jakob Riis

Wenn Sie Jakob Riis in einer Suchmaschine für die Bildersuche eingeben, dann gibt es auch viele Suchergebnisse.  Aber es ist ein Unterschied, ob man sie auf dem Monitor fast episch sieht oder auf Papier gedruckt spürt, wie sich dort dauerhaft Wirklichkeit festgeklammert hat.

Das Buch von Phaidon hat ein angenehmes Format und vereint viele Fotos, die alle ausführlich erklärt werden. So bleibt es nicht bei dem Foto.

Wenn Sie zum Beispiel auf das Foto des Covers schauen, dann sehen Sie das Mädchen. Sie wissen aber nichts über ihre Geschichte. Riis hat geschrieben wie er sie fotografiert hat und was sie sagte, als er sie fragte, was sie denn so tut. Und diese kleinen Geschichten geben dem Buch Leben und lassen uns erschrocken die Frage stellen, was wohl aus ihr geworden ist.

Jakob Riis gilt auch als einer der ersten sozialdokumentarischen Fotografen (link als pdf). Er wurde in gewisser Weise weltberühmt, obwohl ihm das kein Geld einbrachte und er bis an sein Lebensende mit 65 Jahren arbeiten mußte.

Das Buch ist irgendwie auch ein Buch über die Hoffnung und die Hoffnungslosigkeit. Und es ist ein Buch über Ungerechtigkeit und zeigt in den Erzählungen zu den Fotos auch, dass nichts von selbst kommt.

Seine Vorträge schloß er oft mit den Worte von James R. Lowell: „Meinst du, das Bauwerk soll dauern/Das die Vornehmen schützt und die Armen erdrückt?“ Das war ein Verweis darauf, dass asoziale Architektur auch asoziales Verhalten hervorbringen kann, weil der Mensch vielfach durch seine Umwelt als soziales Wesen bestimmt ist.

Insofern sind die Fotos von Jakob Riis aktueller denn je wenn man nicht zurückkehren will zu den Fehlern, die woanders und bei uns bis heute gemacht werden. Das Soziale muß man immer wieder neu erfinden sonst landet man im Asozialen.

Wer das Buch noch bekommen kann, der hält eine kleine Kostbarkeit in seinen Händen.

 

 

Sandy oh Sandy

Der Hurrikan Sandy hat grossen Schaden angerichtet. Es ist viel darüber geschrieben worden wie darüber berichtet wurde. Wer sich einen kleinen Überblick verschaffen will, der hat viele Möglichkeiten.

Ich möchte auf einige Varianten hinweisen.

So erhält man viele verschiedene gesammelte Blicke, die dokumentieren, was geschehen ist.

  • Sind die Fotos in ihrem Aussagewert gleichrangig?
  • Gibt es Unterschiede bezüglich des Dokumentationswertes?
  • Welche verschiedenen Themen finden sich auf den Fotos?

 

Elliott´s Erwitt New York


Wer Elliott Erwitt mag, der wird auch dieses Buch mögen. Schöne Schwarzweissfotos in angemessener Größe, eine gute Ausstattung mit Fadenheftung im großen Paperback und ein sehr instruktives Vorwort von Adam Gopnik runden dieses Buch positiv ab.

“Erwitts Thema ist der glückliche Zufall, der richtige Augenblick, der Moment, der einem einfach in den Schoß fällt.”

Und so finden wir quasi Blicke von New York, die Erwitt in den Schoß gefallen sind. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Denn das muß man merken und dann auch fotografisch Festhalten.

Ausführlich vergleicht Gopnik Cartier-Bresson und sein Buch über Paris mit dem Buch von Erwitt über New York.

In einem Film über Henri Cartier-Bresson, den ich gesehen habe, wird Elliott Erwitt interviewt. Dabei spricht er über seine Art zu fotografieren und die Situationen, die den Schnappschuss ausmachen.

“Sie beißt dich”, so die sinngemäße Aussage von Erwitt zur Frage, wie man die richtige Situation für den Schnappschuss findet. Dies zu bemerken ist die Kunst, die den grossen Strassenfotografen vom Mittelmass unterscheidet. Es sind immer Situationen, die ein Mensch in diesem Moment sieht und dann festhält – und dies werden dann die einzigartigen Augenblicke.

So entstand ein Buch, welches Momente des Alltags einer berühmten Stadt festhält. Elliott Erwitt schaut anders als Cartier-Bresson. Das führt zu einer anderen Art der Aufnahme. Er hält Momente in seiner Gesamtheit fest und weniger in der Geometrie.

So ist das Bild mit den drei Männern in Bunnykostümen (auf Seite 84-85), die entspannt an der Theke lehnen, ein echter Volltreffer.

Die drei kleinen Kinder im Flur (auf Seite 36) sind fast schon wie ein Gemälde und erzählen eine Geschichte. Die Faszination dieser Schwarzweissaufnahmen liegt darin, die Sensationen des Alltags, die immer wieder neu sind und doch das grundlegend Menschliche beinhalten, festzuhalten.

Manche Sensation ist banal, da kann dann auch das Bild nicht mehr sein als ein Einfangen der Banalität. Aber genau das ist es, was immer wieder gute Fotos ausmacht.

Oft erschließt sich der Witz und der tiefere Sinn eines Fotos erst bei einem längeren Hinschauen. Es sind Fotos aus mehr als 50 Jahren hier versammelt. Auch dies bietet interessante Einblicke in den Alltag wie in die Motive des Fotografen und seinen Blick auf die Menschen.

Nun ist Streetphotography heute inflationär. Fast jeder läuft mit einer Kamera rum, im Handy oder separat, und fotografiert irgendwo und irgendwas.

Hier sind Streetpix eingefangen mit dem Blick von Elliott Erwitt und dem Thema New York. Es ist für diesen Bereich ein lohnendes Buch. Und es kann dem suchenden Fotografen ein Gespür dafür vermitteln, dass es sich vielfach lohnt, einfach genauer hinzugucken bei den kleinen Dingen in unserer großen Welt und mit der Kamera dabei den richtigen Ausschnitt zu wählen.

Elliott Erwitt’s New York

50th Anniversary Edition / Paperback

published by teNeues

ISBN 978-3-8327-9587-0