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Das Auge des Arbeiters von Wolfgang Hesse (Hg.)

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Diese Buchvorstellung dient dazu, auf ein einzigartiges Buch aufmerksam zu machen. Es ist selten genug, wenn Forschung Wirklichkeit erfasst. Hier ist ein Kompendium erstellt worden, das als Fotobuch Forschungsergebnisse und historisches Geschehen in umfassender Weise zusammenfaßt.

Das Buch lebt.

Das Layout ist von Beginn an so gemacht wie Fotos es brauchen: groß, übersichtlich und mit vielen fotografischen Zeugnissen in Orginalformaten gefüllt.

Die Schrift der Texte ist gut lesbar, weil die Texte gelesen werden wollen.

Und das gesamte Buch zeigt die Lebendigkeit von Forschung, die sich nicht verstecken will sondern über Menschen, Schicksale und das Thema Fotografie im Arbeiterleben erzählen möchte.

Arbeiterfotografie um 1930 ist das Thema.

Wissenschaftlich hört sich das so an: „In der Arbeiterfotografie als Ausformung visueller Eigen- und Gegenkultur nichtbürgerlicher Schichten im beginnenden Medienzeitalter haben sich diese Faktoren – durchaus widersprüchlich – niedergeschlagen.“

Das steht in der Einleitung und weist auf viele Beteiligte hin. Wir erfahren, daß die Kunstsammlungen Zwickau, das Käthe Kollwitz Museum in Köln und das Stadtmuseum Dresden durch ihre Bestände ein Interesse daran hatten, dieses Thema zu begleiten und auch eine Ausstellung mit zu gestalten.

Das ist auch gelungen.

Aktuell ist die Ausstellung in Zwickau zu sehen, danach in Köln und dann in Dresden. Aber es handelt sich jedes Mal um eine andere Ausstellung, weil der Schwerpunkt des jeweiligen Museums mit eingebunden wird. Das ist noch spannender.

Ausstellung und Buch lohnen sich sehr. Gemeinsam sind sie unschlagbar.

„Sowohl in der aktiven Wahrnehmung professioneller Fotografie und bildender Kunst wie auch im Eigensinn der nicht von Pressezwecken angepassten Praxis der Amateure haben sich in der Arbeiterfotografie somit sonst nicht existierende Dokumente eines Blicks von unten erhalten, die in Darstellungen zur Geschichte des Visuellen im 20. Jahrhindert bisher nicht hinreichend beachtet worden sind…. Denn die Alltagspraxis Arbeiterfotografie ist Teil der Vor- und Frühgeschichte heutiger Amateurkulturen und handelt nicht zuletzt (und durchaus aktuell) vom Kampf um gesellschaftliche Selbstbestimmung in der Massenkommunikation im Widerspruch zu unkontrollierbaren Funktionalisierungen der Subjekte durch wirtschaftliche und politische Interessen.“

Diese Sätze aus der Einleitung zeigen den Rahmen, der in diesem Buch zu finden ist. Es ist ein großartiges Buch voller dokumentierender Fotos mit exzellenten wissenschaftlichen Texten, bibliographischen Angaben und einer interessanten Quellenkunde.

Wer sich über Arbeiterfotografie ein Bild machen will, der ist hier richtig.

Es ist bei spectorbooks erschienen:

Das Auge des Arbeiters. Arbeiterfotografie und Kunst um 1930

Im Aufbruch der Medienmoderne hielten Arbeiter in den 1920er Jahren erstmals ihr beengtes Lebensumfeld, den Kampf der Arbeiterbewegung sowie die bewusste Theatralität des Alltags fest. In einem dreijährigen DFG-Projekt am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde wurden über 5.000 Fotografien in sächsischen Sammlungen (Dresden, Zwickau, Leipzig) erschlossen – die umfangreichste und detaillierteste Forschung zu diesem Thema. Die Beiträge in dem Band diskutieren diese neue Bildkultur und setzen sie ins Verhältnis zur Grafik und Malerei der Zeit. „Das Auge des Arbeiters“ erscheint als Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung in den Kunstsammlungen Zwickau, dem Käthe Kollwitz Museum Köln und dem Stadtmuseum Dresden. Teil der Publikation ist ein Bestandsverzeichnis der 400 Fotografien des Leipziger Bauarbeiters und Bauhausschülers Albert Hennig in den Kunstsammlungen Zwickau. Die Ausstellung wandert von Zwickau (Mai – August 2014) über Köln (August – Oktober 2014) nach Dresden (März – Juni 2015).

During the modernist media revolution of the 1920s, workers photographically recorded their cramped environments, the battles of the labor movement and their consciously theatrical every-day lives for the first time. In a three-year DFG-funded project at the Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (the Institute for Saxon History and Ethnology), over 5.000 photographs from Saxon collections (Dresden, Zwickau, Leipzig) were assessed—in the most extensive and detailed research into this topic to date. The contributions in the book discuss this new image culture and compare the photographs to then contemporary graphic design and painting. “Das Auge des Arbeiters” (The Worker’s Eye) accompanies the eponymous exhibition at the Kunstsammlungen Zwickau, the Käthe Kollwitz Museum Cologne, and the Stadtmuseum Dresden. An inventory of the 400 photographs taken by Leipzig construction worker and Bauhaus student Albert Henning from the Kunstsammlungen Zwickau forms part of the publication. The exhibition will travel to Zwickau (May – August 2014), Cologne (August – October 2014), and Dresden (March – June 2015).

  • 28.0 x 19.5 cm, 440 Seiten, Deutsch, zahlreiche s /w und Farbabbildungen, fadengehefteter Festeinband
  • Gestaltung: Florian Lamm, Lamm & Kirch, Leipzig
  • Wolfgang Hesse
  • Leipzig 2014
  • ISBN: 978-3-944669-44-1

 

Fotografieren im Museum zwischen Dallas und Düsseldorf

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Vor ein paar Jahren war es noch erlaubt in Museen zu fotografieren. Wenn ich eine Fotoausstellung besuchte sagte man mir, ich darf nicht das einzelne Foto eins zu eins fotografieren aber die Ausstellung insgesamt schon.

Dann erlebte ich zunehmend, dass es wegen des Hausrechtes und wegen der Rechte der Eigentümer strikt verboten wurde, zu fotografieren. Einige Mussen wollten auch bei Fotos über die Hängung bestimmen und nur ihre eigenen Fotos von ihren Räumen zeigen.

So wurde die Fotografie verbannt.

Auf der Photokina 2012 zeigte dann Leica eine Fotoausstellung mit Bildern von Mccurry, Gurski und anderen.

Dort stand die ganze Welt und fotografierte die meisten Fotos 1:1 ab. Einige der Fotos fanden sich dann auf diversen Blogs wieder.

Daraufhin schrieb ich Leica an und fragte nach, wie es denn mit den Bildrechten aussehen würde. Ich bekam nie eine Antwort.

Das Ganze ist aber deshalb so interessant, weil Urheberrecht und Copyright weltweit verschieden gesehen werden.

Und wenn verschiedene Menschen und Rechtssysteme aufeinandertreffen, dann ist es nicht immer einfach, genau zu regeln, wer wo Recht hat.

Wenn der asiatische Besucher in Köln ein Foto macht und dieses Foto in Asien bloggt und dabei deutsches Urheberrecht verletzt, spielt das überhaupt noch eine Rolle?

Nun gibt es eine neue Diskussion – aber außerhalb von Deutschland.

In der New York Times hat Deborah Solomon darauf hingewiesen, dass das Dallas Museum of Art einen anderen Weg geht.

Da immer mehr Menschen mit Smartphones leben und in Museen auch damit fotografieren, um diese Fotos später zu sehen und zu posten, hat man im Dallas Museum of Art mit den Ausstellern versucht, die Fotografieerlaubnis zu integrieren.

Aus Sicht von Frau Solomon ist dies richtig, weil die Welt sich verändert hat und Fotos keine Kunstwerke zerstören.

Ob sich dies in Deutschland aber umsetzen läßt wird interessant sein zu beobachten.

Vielleicht gibt es in Deutschland vorher eine Art Gema für „Kunstwerke“.

Genau wie man Musik vervielfältigen kann und nutzt, muß man dann für das Vervielfältigen durch Abfotografieren bezahlen und bloggen kostet extra.

Denn es ist real egal und technisch identisch, ob ich Musik oder Fotos kopiere. Da das Internet durch den Datendownload ja immer „kopiert“ müßte eigentlich alles ununterbrochen bezahlt werden. Das wäre zwar der Tod des Internets aber es wird nur eine Frage der Zeit sein bis das angepackt wird.

Wetten, daß so ein Vorschlag in Deutschland schon in einer Schublade liegt und nur darauf wartet, Luft zu schnappen?

Aber bevor ich hier die Satire weiter verfolge möchte ich das Ganze noch einmal ganz konkret machen.

Im NRW-Forum wird gerade eine Ausstellung gezeigt „Foto von A-Z“.

Bildschirmfoto 2013-10-03 um 08.51.30

Dazu ist beim WDR eine Bilderstrecke publiziert worden, die einige Fragen offenläßt.

Denn nur weil es sich um ein öffentlich-rechtliches Medium handelt sind ja die Urheberrechte der jeweiligen Fotografinnen und Fotografen nicht außer kraft gesetzt.

  • So wäre zu fragen, ob die abfotografierten und beim WDR publizierten Künstler/Rechteinhaber alle ihre Veröffentlichungsrechte dafür abgegeben haben. Diese Rechte müßte ja das NRW-Forum haben und dann an den WDR weitergegeben haben. Der WDR selbst legt viel Wert darauf, die Bildrechte an den Aufnahmen zu besitzen und schreibt: Bildrechte: WDR/Phillip J. Bösel.
  • Darüber hinaus wäre zu fragen, ob diese Fotos auch von einem Blogger hätten gemacht werden dürfen und ob dieser Blogger dieselben Rechte erhalten hätte wie der WDR (Thema Journalismus).
  • Wie man dem obigen Foto entnehmen kann enthält die Hausordnung im NRW-Forum einen klaren Passus: „Das Fotografieren der Ausstellungsobjekte ist nicht gestattet.“ Gehen Sie doch mal hinein und fotografieren sie als Blogger und fragen sie um Veröffentlichungserlaubnis im Netz. Darf der WDR mehr als andere journalistische Medien?

Ein sehr bemerkenswerter Vorgang.

 

Museumsqualität in der Fotografie – Flachware für Kapitalanlagen?

 Hype

Wie das im Leben so ist, plötzlich sortieren sich die Dinge von alleine. Seit einiger Zeit fällt mir auf, dass die Fotografie einen neuen Platz gefunden hat. Sie ist durch eine ununterbrochen zunehmende Zahl von Fotowettbewerben gekennzeichnet und durch immer mehr Ausstellungen in immer mehr Museen an immer mehr Orten überall auf der Welt.

Quasi jede größere Stadt hat bald eine eigene Woche der Fotografie, größere Museen überschlagen sich mit Fotoausstellungen und je größer die Fotos sind, desto prominenter scheinen oft die Namen.

Bei den Fotoausstellungen findet sich eine der besten Übersichten auf Kultur online.

Dabei ist mir bei einigen Fotoausstellungen in den Museen etwas aufgefallen.

Wissen Sie, was es ist? Es ist in meinen Augen die Verknüpfung von Imagewerbung und Kapitalanlagestrategien.

Was bedeutet das?

In ihrem wohl einzigartig guten Buch hat die Autorin Piroschka Dossi dies einmal so beschrieben: „Im Jahr 2006 zeigte die Schweizer Großbank UBS, einer der Hauptsponsoren der Tate Modern, dort sechs Monate lang Fotografien aus ihrer Sammlung. Die Bank nutzte das Museum als Bühne zur Selbstdarstellung und zur Aufwertung der eigenen Sammlung…. 2004 schloss das Amsterdamer Stedelijk Museum einen fünfjährigen Sponsorenvertrag mit ABN Amro. Die niederländische Großbank erhielt unter anderem das Recht aus der Kollektion des Museums Bilder zu kommerziellen Zwecken einzusetzen und alle Pressetexte zu verfassen, mit der das Museum über gemeinsame Ausstellungen berichtet.“

Und in diesem guten Buch fand ich dann auch den Begriff, der meine Beobachtungen manifestieren konnte.

Das hat Frau Dossi für eine Ausstellung in Lyon so formuliert: „Das Museum drückte der ausgestellten Flachware sein Gütesiegel auf: Museumsqualität.“

Museumsqualität – das ist der Begriff, der die Imagewerbung mit den Kapitalanlagestrategien auf dem fotografischen Kunstmarkt verknüpft.

Sicherlich läßt sich dies vielfach übertragen und ist gerade heute aktuell. Der Markt in Europa wird überschwemmt mit Euros, so dass die Inflation und damit die Enteignung der kleinen Leute beginnt. Der Goldpreis steigt.

Wo kann man noch investieren? In vermeintlich sichere Wertanlagen.

Wann ist Kunst eine vermeintlich sichere Wertanlage? Wenn sie in den akzeptierten (von wem?) Museen ausgestellt wird.

Die Logik dieser Argumentation hat doch was. Aber ob sie stimmt ist natürlich eine andere Frage.

Es hat aber oft genug funktioniert und deshalb scheint heute eine Ausstellung in einem Museum oft genug eher dazu da, Geldanlagen zu vermitteln mit der Hoffnung durch „Museumsqualität“  mittelfristig werthaltige Fotografie zu verkaufen. Oder sollte ich lieber Fotokunst schreiben?

„Echte Mäzene leihen nicht, sie schenken. Doch privater Reichtum und privater Kunstbesitz dienen immer weniger der Unterstützung der öffentlichen Museen. Lieber investieren die neuen Medici ihre Gelder in eine eigene Sammlung und bringen diese steuerbegünstig in eine Stiftung ein, die ihren Namen trägt.“ So noch einmal Piroschka Dossi.

Beim Googeln kam ich dann sogar auf die Prominenten Günther Jauch und Hasso Plattner.  Die Geschichte finde ich sehr interessant und sie passt irgendwie auch hier rein, wenn auch nur am Rande. Aber auch das ist eine der vielen Facetten dieses Themas.

Geldanlagen, steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten, Stiftungen und ihre Förderungen, Mäzenatentum, das keines ist – hier tut sich ein Themenfeld auf, das größer ist als jeder Artikel, der darüber geschrieben werden kann.

Ich wollte eines mit diesem Artikel erreichen, nämlich Sie hinzuführen zu der Frage, warum so oft Fotografie in Museen ausgestellt wird.

Ein Grund ist sicherlich, das Image der „Museumsqualität“ als bewusstes oder unbewusstes Wertkriterium herzustellen nach dem Motto „was im Museum ist, muss gut sein“.

Das stimmt natürlich oft nicht, aber das macht auch nichts. Ausstellungen sind eben wichtig geworden, obwohl man sie viel effektiver, länger und weltweiter im Internet haben könnte.

Dann sind sie aber eben nicht im Museum. Im Internet wird es erst dann interessant, wenn ich eine Ausstellung aus dem Museum xyz dort präsentiere.

Da es viele Museen gibt, gibt es auch viele Räume, die die Museumsqualität herstellen können. Das wäre sogar was für eine Marktlücke nach dem Motto „Gehen Sie auf  www.museumsqualitaet24.de – wir vermitteln ihnen das Museum ihrer Wahl, um ihre Produktionen durch ein neues Image zu veredeln“ oder so ähnlich.

Ich hoffe, dieser Beitrag konnte ihre Lebenszeit auf angenehme Art bereichern und ich wünsche Ihnen viel Spaß bei ihrem nächsten Aufenthalt im Museum. Ich hoffe, Sie finden dort die Museumsqualität, die sie suchen.

Und Frau Dossi danke ich für ihr wunderbares Buch, das eine ununterbrochene Quelle von guten Ideen und neuen Blicken ist.