Tag Archive for Michael Mahlke

Drei Momente – Streetphotography zwischen HDR und ART

Straßenfotografie mit den vielen neuen Möglichkeiten der digitalen Kameras läßt Filter und Effekte zur Wirkung kommen. Das ist sehr schön und verleiht den Fotos einen neuen Ausdruck oder unterstreicht die Aussage in einem Foto.

1. Flow

So kann aus einem Moment auf der Treppe eine Art Zeichnung für die Ewigkeit entstehen.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das war einer der Momente, in denen wirklich jede Sekunde zählt. Du gehst in einer Menschenmenge eine Treppe hinunter und mitten auf der Treppe haben es sich zwei jüngere Frauen gemütlich gemacht. Sie blocken fast den gesamten Fußgängerstrom ab. Entweder spielt in diesem Moment die Kamera und deine Reaktion mit oder die Situation ist vorbei.

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Foto: Michael Mahlke

Mir gelang es, diesen Moment festzuhalten in seiner Dynamik. Darüber hinaus hat gerade die monochrome Art für diesen Fall die Symbolkraft für die Gesamtheit dieser Situation. Die Menschen kennen sich nicht und bilden nur durch die Blockade der Frauen ein Kette der Bewegung. Diese Kette der Bewegung löst sich schon unterhalb der beiden Frauen auf und die Menschen verschwinden wieder in der Anonymität. Das wird durch die vergehenden Umrisse im Licht sehr deutlich. Während die zweite Person im Licht noch voll mit dem Kopf sichtbar ist und nur der Körper mit dem weißen T-Shirt schon im Licht verschwindet ist die erste Person nur noch als Schatten erkennbar.

Hier ist aber noch etwas wichtig: die Persönlichkeitsrechte. Keine Person ist identifizierbar, sie sind alle nur als Menschen erkennbar.

Das Problem ist auf einem anderen Foto leider nicht lösbar.

2. Angst

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Hier sieht man einen kleinen Jungen, der durch seine gesamte Körperhaltung Angst ausdrückt. Er ist zudem in eine Ecke gequetscht auf der Fußgängerzone. Damit aber nicht genug. Er hat auch die Angst in seinen Augen und in seinem Gesicht und die Dominanz der Erwachsenen, die man aus der aufgenommenen Perspektive sieht und seine eigene Kleinheit im Verhältnis dazu unterstreichen dies.

Und dann das Maschinengewehr – so als ob Waffen und Krieg spielen helfen gegen die Angst….

Im vorbeigehen sah ich die Angst und das Gewehr. Da der Junge aber erkennbar war, blieb mir nichts anderes übrig, als einen dicken schwarzen Balken über sein Gesicht zu ziehen, damit er nie erkannt werden kann.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das Foto gefällt mir dennoch sehr gut, weil sogar mit Balken im Gesicht die Angst des Kindes durch die Körperhaltung sichtbar wird und der Versuch, sich mit dem Maschinengewehr irgendwie zu schützen. Und der Bildaufbau tut sein übriges. So kann ein monochromer Filter enorm gute Resultate erzielen.

3. Harmonie

Aber es geht auch in bunt mit HDR.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Das Foto  ist ebenfalls nur ein Moment gewesen. Es strahlt Ruhe aus und absolute Harmonie. Zugleich zeigt es die Verbundenheit zwischen Mensch und Tier und erinnert in diesem Moment daran, daß die beiden wie ein altes Ehepaar auf der Parkbank sitzen.

Ich finde es einfach wunderschön, weil es genau dies wiederspiegelt. Es wurde aufgenommen im HDR-Modus und zeigt damit auch die Elemente von Hitze und Schatten und der angenehmen Kühle.

Drei Fotos aus dem echten Leben und aus den letzten Wochen zeigen, was man heute mit wenig Aufwand machen kann. Wer den Moment sieht und dann die richtige Kamera hat, der kann auch solche Fotos machen.

Was die Fotos aus einem selbst dann machen, ob sie der Wahrnehmung des eigenen Leben dienen, ob sie dem Einüben der Achtsamkeit dienen oder ob sie als Ausstellungsobjekte dienen – das können Sie dann selbst entscheiden.

 

Andreas Herzau – Moskau aus Sicht der Strassenfotografie

Andreas Herzau hat ein Buch gemacht mit 90 Fotos und 144 Seiten. Das Buch über Moscow/Moskau wird auch mit einigen Fotos als PDF zur Vorschau angeboten.

Dies bietet einen kostenlosen Einblick in die Art der Fotografie, die Herzau dort publiziert. Es ist eine Kombination aus klassischen Sichtweisen und der Nutzung von Farben.

Einen kostenlosen Blick darauf finden Sie hier.

Ganz in der Nähe davon auf der Webseite hat Andreas Herzau auch noch einen Videotrailer zu dem Buch gemacht.

Den finde ich ganz toll. Das ist eine eigene Art von Buchpräsentation, die mir richtig gut gefallen hat.

Die Editionbraus hat auch noch einen eigenen Blick ins Buch, so dass man sich umfassend unformieren kann.

 

Wo die Wikipedia nicht reicht oder was ist Straßenfotografie bzw. Streetfotografie?

Grafik: Michael Mahlke

Grafik: Michael Mahlke

Eigentlich schaue ich gerne in die Wikipedia. Aber mittlerweile sind einige Artikel doch entweder eher pure Werbung oder sehr kritisch zu sehen. Ich  möchte dazu als ein Beispiel den Artikel zum Thema „Straßenfotografie“ nehmen (Zugriff am 31.03.2013).

Ich staunte nicht schlecht welche „Kritieren“ für Straßenfotografie genannt wurden, weil sie in dieser Form weder historisch zutreffen noch praktischen Wert haben.

Zudem führt die erste Verlinkung direkt auf den Blog fokussiert.com, auf dem sich eine Dame zu dem Thema geäußert hat in einem aufgesplitteten Beitrag, der über die persönliche Meinung eher wenig hinausging. Lediglich die Kommentare würden dort etwas weiter führen. Aber welche Relevanz hat genau dieser Blogbeitrag und die Person, die ihn geschrieben hat, für das Thema Straßenfotografie?

(siehe dazu die Kommentare am Ende)

Das ist wohl nur mit der Vermutung erklärbar, dass dadurch Traffic auf den Blog gelenkt werden soll. Mit der seriösen Erörterung des Themas hat es wohl kaum zu tun.

Wenn man dann auch noch schreibt „und zeichnet Straßenfotografie als künstlerische Gattung aus“, dann zeigt dies eine besondere Sichtweise.

Dies gilt ebenso für die nächste Verlinkung. Der dort aufgeführte Fotokurs Straßenfotografie hat ja nun mit klassischer Straßenfotografie nichts zu tun sondern es geht in dem Buch um Fotografieren im Alltag im urbanen Raum.

Da gibt es wohl bessere und zudem noch kostenlose Ebooks zum Thema Strassenfotografie im Netz.

Das Buch von Clive Scott dann auch noch aufzuführen als einzige andere Quelle zeigt, dass hier kaum dem Thema real begegnet wird.

Herr Scott ist Professor für Literatur und als ich das Buch las, war ich sehr enttäuscht, weil es eben nicht das Thema richtig anpackt. Mit dieser Kritik stehe und stand ich nicht allein, wie man hier lesen kann.

Einzig die Frage nach dem Unterschied zwischen Straßenfotografie und Dokumentarfotografie ist hilfreich aufgeführt.

Wenn es sich um einen stärker sachlich-substantiierten Artikel der Wikipedia handeln würde, dann wäre es wohl zumindest erforderlich gewesen, auf andere Quellen zurückzugreifen oder die aufgeführten Hinweise entsprechend relativiert einzubetten, zumal im Jahre 2012/2013.

Aber wahrscheinlich ging es nur darum, das Buch und die Bloggerin zu promoten.

Wenn man nun die deutsche Wikipedia verläßt, dann wird es besser.

Da ich das Thema schon ein Jahrzehnt verfolge, möchte ich zunächst auf diese Verlinkung in der Chronik der englischsprachigen Wikipedia verweisen.

Dort sieht man sehr gut, dass im Jahr 2007 ein substanzieller und guter Artikel zum Thema Streetphotography/Straßenfotografie dort erschienen ist.

Er wäre ein gutes Vorbild für die deutsche Version geworden, die man hätte ergänzen können.

Aber auch diesen Artikel hat man nahezu vollständig verändert und aus einem historisch exakten Artikel einen Allgemeinplatz für die heutige Zeit gemacht.

Wenn man zumindest ein paar Links haben möchte, die weiterhelfen, dann verweise ich aktuell auf diese hier:

Allein diese 7 Verlinkungen geben viele Informationen zum Thema Straßenfotografie/streetphotography, die weit über den Horizont des Artikels in der aktuellen Fassung der deutschen Wikipedia hinausgehen. Da der Vorteil der Wikipedia ihre Teil-Transparenz ist, kann es gut sein, dass dieser Artikel auch dort zu Verbesserungen führt. Ich habe dort diesen Artikel als Ergänzung eingetragen. Mal sehen, ob er den Artikel erweitert oder wieder gelöscht wird.

Warten wir es ab – und nutzen die Zeit für gute Streetphotography!

Version 1.3

 

Landkarte meiner fotografischen Arbeit

Mike Master & Mimare

Hier sehen Sie die Landkarte meiner fotografischen Arbeit. Darin sind fotografische Entwicklungen und fotografische Erfahrungen notiert. Zugleich gibt sie mir Orientierung und ist eine Art fotografischer Lebensplan.

Ich habe ungefähr zehn Jahre in Theorie und Praxis fotografiert und dann kam mir die Karte in den Sinn und es dauerte noch mal fünf Minuten bis sie fertig war. Es handelt sich um Begriffe, die ich entwickelt habe für die heutige Zeit und die ungefähr beschreiben, was nach meinen eigenen Kriterien dahinter steckt.
Je nach Blickwinkel bin ich mehr als ein Fotograf oder weniger als ein Fotograf, weil ich meine gesamte Publizistik selber gemacht habe. Dadurch musste ich Probleme lösen, die andere nicht hatten.

Dadurch wurde mir aber auch klar, dass Fotografie als Lebensteil und Lebensstil anders ist als das, was vermarktungsfähige Fotografie anbietet. Das geht heute sowieso nur noch über die sog. Fotokunst. Die ist aber so launisch wie die Mode.

Ich kenne keine Fotografin und keinen Fotografen, die sich bisher eine Landkarte ihrer fotografischen Arbeit erstellt haben. Mir verschafft es Klarheit und zeigt mir, dass die Absurdität der Existenz durchaus Sinn macht – den man sich aber selbst geben muss.

Insofern ist diese Landkarte eine höchst philosopische Angelegenheit und hilft mit, die Reflektion zu versinnbildlichen.

Dieser Artikel ist übrigens völlig surreal, weil er seinen Sinn aus der spontanen Erstellung seiner selbst schafft. Aber ich finde ihn und die Landkarte ausserordentlich inspirierend und anregend.

Das ist das Geheimnis von Kunst. Man kann sie nicht erklären aber sie ist dann da.

Scheitern als Chance im Kampf gegen die Bildermassen?

Foto: Michael Mahlke

Nun habe ich in den letzten Jahren mich hier und anderswo gedanklich abgearbeitet im Arbeitsfeld Fotografie. Das Fotografieren spielt sich für mich im Kopf ab und erfordert auch entsprechende Beachtung. Das dann real entstehende Foto ist das Ergebnis einer produktiven Auseinandersetzung.

Aber ein Thema, welches mich ständig beschäftigte, war der Umgang mit den beständig wachsenden Massen an Bildern.

Wie geht man damit um?

Alle Versuche, da irgendwie einen Zugang zu gewinnen, sind gescheitert. Allein die Masse macht es unmöglich, dies alles irgendwie zu erfassen.

Ich bin gescheitert mit dem Versuch, mit den Bildermassen zu arbeiten. Zwar gab es auch früher schon mehr Bilder als man in seinem Leben bewältigen konnte. Aber es waren Schwerpunkte möglich und irgendwie gab es auch eine Überschaubarkeit.

Daher gestehe ich mir heute mein Scheitern ein. Und genau hier geht es mir nun danach besser.

Das Scheitern führt bei mir zur Befreiung. Jetzt kann ich alles ausblenden, was mich persönlich nicht interessiert. Und dann ergeben sich auf einmal Spuren, die zu einem neuen Weg führen:

Beide Projekte zeigen mir, dass es Wege in den Fotomassen gibt, die persönlich und gesellschaftlich sinnvoll sind. Es geht um das, was gerade geschieht und es sind die Wege, die durch persönliches Bearbeiten ein Thema im Querschnitt und/oder Längsschnitt fotografisch festhalten.

Das scheint der Weg und das Ziel

Denn ich habe mich u.a. auch gefragt, wieso ich stundenlang vor schlechten Fotos aus irgendwelchen Handys oder Smartphones sitzen soll, die jemand irgendwo aufgenommen hat. Durch digitale Filter wird das nicht besser. Und es lohnt sich nicht, weil man dafür kein Geld erhält und das Betrachten dieser Fotos in der Regel sinnlos ist.

Sinn macht es, individuelle Arbeiten mit Charakter, Schwierigkeiten und Unfertigkeiten anzuschauen. Das Bemühte und Unfertige ist das eigentlich Spannende. Nicht das abgeglättete Werk. Das ist bei Menschen wie im Film. Glatte Filme unterhalten, Filme mit Kanten bringen Leben. Sprache ist ja immer schwierig. Ich meine mit unfertig nicht schlecht sondern Fotos, die auf ihre Art etwas festhalten konnten, was sonst nie dokumentiert worden wäre. Ich habe zum Beispiel oft nur eine kleine Kamera dabei gehabt und musste damit arbeiten. Das hatte technische und situative Probleme zur Folge. Aber es war oft der einzig mögliche Weg.

So wird die Zukunft hier und anderswo bei mir dazu führen, sich mehr diesen Fragen zuzuwenden und bewusst das Feld der Bildermassen anderen zu überlassen.

Wir leben im Zeitalter der Massen

„Es gibt eine Tatsache, die das öffentliche Leben Europas in der gegenwärtigen Stunde – sei es zum Guten, sei es zum Bösen – entscheidend bestimmt: das Heraufkommen der Massen zur vollen sozialen Macht…. Wir nähern uns dieser historischen Erscheinung vielleicht am besten, wenn wir uns auf eine visuelle Erfahrung stützen und einen Zug der Zeit herausheben, der mit den Augen zu sehen ist. Es ist leicht aufzuweisen, wenn auch nicht leicht zu analysieren; ich nenne ihn die Tatsache der Anhäufungen, der Überfüllung. Die Städte sind überfüllt mit Menschen, die Häuser mit Mietern, die Hotels mit Gästen, die Züge mit Reisenden… Was früher kein Problem war, ist es jetzt unausgesetzt: einen Platz zu finden.“

Das schrieb Jose Ortega y Gasset 1930. Heute würden wir schreiben: Es gibt eine Tatsache, die das (digitale?) Leben entscheidend bestimmt, das Heraufkommen der digitalen Bildermassen….

Und so bleibt die Aufgabe, darin einen Platz zu finden und damit umzugehen. Dies geht nur, wenn man von den Bildermassen wegkommt und bei dem Einzelbild und der Serie ankommt.

Vielleicht gibt es „die“ Lösung auch noch gar nicht. Dann lohnt sich die Suche danach. Dazu begibt man sich einfach auf den Weg. Das wäre dann ein neues Thema.

Dokumentarfotografie oder Leben im Subraum

Begegnung

Foto: Michael Mahlke

DIE Webseite zur Dokumentarfotografie

Dies ist eine Webseite, die Gedanken aus der alten Welt in die digitale Zeit hineingeholt hat. Der Schwerpunkt ist Dokumentarfotografie im digitalen Zeitalter, also der Umgang mit der Welt und den Möglichkeiten der Fotografie.

Aspector hat zu einem Artikel von mir einen Kommentar geschrieben zum Thema „Neue Strassenfotografie“. Darin heisst es: „Der Prozess einer fortschreitenden Dekonstruktion der normativen Gültigkeit von traditionellen, als essentiell erachteten Regelwerken, Geboten und Konzepten des Kunstschaffens ist ja nichts grundlegend Neues…. Vor diesem Hintergrund läßt sich wenig Konkordanz für die oben aufgeführten fünf – wunderbaren konzeptionellen – definitorischen Regularien für die “wahre Streetfotografie” erwarten. Und leider ist es eben doch so, daß Regeln, die nicht ausgeführt, befolgt, beachtet werden – dann eben tot sind! Jedenfalls im “allgemeinen Verständnis”, anglizistisch näherungsweise: im “mainstream”. Natürlich gibt es in unserer multipluralen, aufsegmentierten Gesellschaft dann wieder Subräume, in denen das Alles weiter gilt – in einer Art kontrastivem Purismus vielleicht noch intensiver.“

Finde ich gut und sehr anregend!

Denn die Ziele hier sind

  • Bewahren, was mir wichtig erscheint: das fotografische Erbe (die visuelle Art zu sehen und festzuhalten) von Fotografen wie Henri Cartier-Bresson.
  • Anwenden auf die Fotografie von heute und Abgrenzen von Fotokunst in der digitalen Welt.
  • Diskutieren von einigen Kameras und technischen Ansätzen für Dokumentarfotografie durch den Filter der Erkenntnis, dass das Neue öfter auch der Feind des Guten ist.

Das habe ich alles getan – 200 Artikel lang. Durch einen Gastartikel zum Thema „Was wird aus dem Papierbild?“ wurden dann noch die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie beleuchtet. Dies führte zu weiteren Artikeln, die den Blick auf die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie mit eingeschlossen haben und dauerhaft hier verankerten.

Damit ist der Subraum zunächst gefüllt und geordnet. Und ganz persönlich bin ich sehr froh, dass es mir möglich war, diese fotografischen Schätze in die digitale Welt zu führen und dort zu etablieren mit Hilfe von Artikeln, die als Orientierung für klassisch gute Fotografie, für geschultes Sehen und für die Philosophie der Lebendigkeit dienen.

Foto: Michael Mahlke

Aber diese Webseite ist kein Museum sondern lebt. Es geht um das Weitergeben der Feuers und nicht um das Bewahren der Asche.

Und deshalb sind nun weitere Schritte unter neuen Bedingungen in der Welt der digitalen Fotografie notwendig. Durch das Experimentieren/Fotografieren und das Sammeln von Erfahrungen mit dem hier gesammelten Schatz an Wissen geht die fotografische Reise durch die digitale Welt weiter.

Dokumentarfotografie in der digitalen Welt

Da das digitale Meer ständig größer wird, muß neben die Reflexion die zunehmende Praxis treten. Ich habe in fast allen großen Tageszeitungen im letzten Jahr beobachten können, wie digitale Filter, Panning und Blur, tonaler Kontrast und die Änderung der Perspektive den neuen Alltag ausmachen.

Immer mehr Reportagen werden mit Handys gemacht und bis ISO 400 sind zunehmend mehr der „besseren“ Kompaktkameras in der Praxis – wenn es nicht um maximale Ausschnittvergrößerung geht – gleichrangig zu grossen Kameras für Print und Web.

Fotografieren bedeutet heute das Bearbeiten von digitalem Material in der Kamera und/oder am Computer. So tritt neben die eigentliche Aufnahme mit Cadrage und Blick die Bearbeitung mit den unendlichen digitalen Möglichkeiten.

Da die Halbwertzeit von Fotos in der Multimediagesellschaft maximal reduziert wurde und Fotos heute vielfach einen wesentlich höheren Gebrauchswert mit wesentlich kürzerem Bestandwert haben, muß man dies als Voraussetzung des eigenen Tuns in der Öffentlichkeit akzeptieren.

Wenn man dies wieder in konditionierte Subräume verlagert (auf digitalen Webseiten) dann kann man dort die Schnellebigkeit durch die Langlebigkeit für die Besucher dieses Subraumes darstellen. Aber die öffentlichen Bereiche sind durch das Neue bestimmt.

Kompaktkameras und Handys halten die Welt fest

Es ist an der Zeit, die digitalen Möglichkeiten in der Anwendung mit neuen kleinen Kompaktkameras und Handys zu leben und die digitale Dokumentarfotografie als eigenständiges Arbeitsfeld zu sehen.

Dies habe ich erstmals in dem kleinen Ebook zum Thema „10 gute Fotos zur Streetphotography mit Kompaktkameras“ umgesetzt. Dabei stand noch die visuelle Tradition im Vordergrund.

So wird der Blick sich hier ändern. Dokumentarfotografie und auch Strassenfotografie haben den Vorteil, fotografisch einfach eine Situation einfangen zu wollen.

Dazu braucht man kein Studio und kein riesiges Equipment. Und heute bearbeitet man einfach so nach wie man will, um Eindrücke entstehen oder verschwinden zu lassen.

Foto: Michael Mahlke

Und dazu braucht man heute eben nur noch eine gute Kompaktkamera und/oder ein Handy. Zudem werden langsam selbst die grösseren Kameras kleiner, so dass man vielleicht sogar den Begriff der Kompaktkamera neu definieren muß…

Der Zufall als Motiv

Als ich letztes Jahr die Zeitgeist-Fotografie ausrief, da ahnte ich schon, dass es viel Zeit braucht, um wirklich gute Situationen als Metaphern zu finden und fotografisch festzuhalten. Bisher habe ich nur drei gefunden, andere vielleicht schon mehr. Das kommt auf den Anspruch und den Zufall an.

Bücher und Fotos

Aber diese Webseite lebt davon, dass ich über Fotografie schreibe, die sich immer noch oft in Büchern wiederfindet und dieses Wissen in Relation setze zu eigenen fotografischen Erfahrungen. Bücher halten Fotos fest und ordnen sie. Und Fotos halten Situationen fest.

Das alte Wissen habe ich in die neue Zeit überführt und das neue Wissen muß nun erfahren und reflektiert werden – auch von mir.

Ich hoffe, auch zukünftig so anregende und tiefe Kommentare zu erhalten und vielleicht dadurch umgekehrt die Wege und die Ziele im Wechselspiel neu zu justieren.

Auf dem Weg in die digitale Klassik der Fotografie

Daher wird diese Webseite dies aufnehmen und im eigenen Rahmen umsetzen. Das ist der Weg – und das Ziel. Es ist der Weg in eine digitale Fotoklassik, in der mit den neuen technischen Möglichkeiten die Wirklichkeit durch Fotos dargestellt wird – aber ganz im Sinne der klassischen Dokumentarfotografie mit Engagement und Augenmaß!

Der Weg ist das Ziel

Und wenn man da ist (wo man hin will?), dann weiß man auch, dass der Weg nicht gesucht sondern nur gefunden werden kann durch die Aneignung der Welt, indem man einfach lebt im Sinne von Da-Sein.

Mr. Spock würde sagen „Faszinierend“ – in diesem Sinne …

Text Version 1.1

Fotografie und Lebenszeit – Nachdenken über die Pause

Wer die Welt durch das Fotografieren entdeckt und beim Betrachten der Fotos die Situationen neu entdeckt, der lebt. Fotografieren ist dabei nicht Selbstzweck sondern Mittel zum Zweck – die Aneignung der Welt, so wie man sie sieht. Fotos halten Momente fest.

Damit ist die Kamera ein besonderes Instrument. Leider entsprechen heute die meisten Kameras nicht mehr meinen fotografischen Anforderungen.

Und das Foto ist natürlich ein besonderes Element der eigenen Lebenszeit. Beim Betrachten eigener Fotos setze ich mich selbst in ein Verhältnis zu der Situation. Ich weiß, sie ist vorbei und dennoch ist sie da. So ist das Leben mehr als Dasein, es ist die Verarbeitung der eigenen Existenz.

Ich bin sehr froh, dass mir Henri Cartier-Bresson und Albert Camus durch ihre Werke geholfen haben, meine Welt durch Schreiben und Fotografieren zu entdecken.

Dazu gehört aber auch die Pause. „Ein Bild ist plötzlich da und beisst dich.“ Dieser Satz von Elliott Erwitt zeigt, dass die Fotografie, die ich meine, nicht erzwungen werden kann.

Und dies ist diametral entgegengesetzt zu der heutigen Welt, die sich in der medialen Öffentlichkeit durch die tägliche Portion digitaler Kost definiert.

  • Sich selbst wahrnehmen,
  • Situationen mit Gefühlen auf sich wirken lassen,
  • das Atemholen und die Pause bewußt wahrnehmen und
  • die Ruhe als Bestandteil und nicht als lästige Überbrückung des Lebens zu sehen
  • Fotografien zuzulassen

Das sind einige der Wirklichkeiten, die es unmöglich machen, ununterbrochen digital tätig zu sein.

Und die fotografische Pause in Theorie und Praxis ist die Voraussetzung für das Erleben der „bissigen“ Situationen.

Man nimmt nur wahr, was man sehen kann, bewahrheitet sich hier.

Nun sind diese Zeilen weder resignativ noch theoretisch. Sie sind höchstens praktisch-philosophisch und sie sind ein Kernelement des fotografischen Lebens.

Diese Pausen kann man übrigens gut nutzen, um sich ein bisschen mit dem Zeitgeist zu beschäftigen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und mir die richtigen Pausen, damit die Fotos so sind wie sie sein sollen und die Gedanken dazu so fliessen, wie es gut ist.

Zeitgeist-Fotografie

„Nur wer sich ändert bleibt sich treu.“

Fotomonat ist ein Projekt, das ich vor einiger Zeit ins Leben gerufen habe. Es war nach mehrjähriger Beschäftigung mit Henri Cartier-Bresson und meiner eigenen Entwicklung in diesem Bereich der Schritt vom Kopf in die Welt.

Mir ging es dabei darum,

  • meine Erfahrungen in der Reisefotografie,
  • meine Erfahrungen mit thematischen Dokumentationen und
  • das Thema Dokumentarfotografie früher und heute zu verarbeiten.

Es geht um Dokumentarfotografie und um die Frage von Fotokunst. Es geht letztlich um Fotografie als Bestandteil der tatsächlichen Welt in Abgrenzung zu einer virtuellen Welt.

Und ich fand im Internet ausser ein paar verstreuten Artikeln wenig, was meinen Vorstellungen entsprach. Vieles war sehr flach und manches war sehr kurz (gedacht).

Vom Text zum Bild

Nun ist eine Zeit gekommen, die das Projekt fotomonat erweitern wird. Fotomonat ist wie ein digitales Buch und steht auch weiter zur Verfügung. Es wird sogar neue Artikel geben, wenn es sich lohnt.

Aber es ist auch ein Zeitpunkt gekommen, an dem ich die Entscheidung treffen mußte, ob ich in den Trott der permanenten Präsenz durch nicht wirklich neue Informationen eintrete oder lieber Yin und Yang zu ihrem Recht kommen lasse.

Es wird auch im Jahr 2012 viel Neues geben. Davon ist aber nicht viel wirklich neu. Die Konsumindustrie suggeriert, dass man permanent das Neue haben muß. Es geht eben um Konsum. Wenn sich zum Schluß der Wert einer Ware aber darin erschöpft, dass man sie gekauft hat (danke Kuno für deine Hinweise, die meine Sinne schärften!), dann ist es für mich sinnlos, darüber zu schreiben. Denn darüber schreiben genug andere.

Projekt Zeitgeist

So entstand das Projekt Zeitgeist 2012: mehr Fotos zum Festhalten der Gegenwart.

Ob das viele Fotos werden oder nur 3 für ein Jahr – wer weiß das schon! Aber im Jahr 2012 sollen eher Bilder sprechen. Denn auch unsere Welt ändert sich. Ich glaube, dass wir in einer Ära leben, die den Menschen in eine kolossale Unsicherheit versetzt. Immer mehr nehmen die Dinge auch nicht mehr wahr und immer mehr wird diskutiert, dass alles Realität ist, was das Gehirn wahrnimmt.

So einfache Unterscheidungen wie Innenwelt und Aussenwelt sind auch dabei ganz hilfreich. Und die Dinge in der Welt um uns herum fotografisch festzuhalten, ist dann ein guter Weg, um die Welt zu sehen und den Zeitgeist einzufangen.

„Wahr“nehmungsprobleme

Es scheint ja so zu sein, dass immer mehr Menschen gar nicht mehr die Häßlichkeit und Seelenlosigkeit der Wohn- und Lebensbedingungen wahrnehmen. Bäume werden lieber abgeholzt und neue Häuser mit „individuellem“ Charakter überall als Menschenboxen installiert.

Wir haben in Deutschland das Glück, dass die bauliche Schönheit in Teilen Ostdeutschlands restauriert wurde. Wer zum Beispiel einmal in Naumburg an der Saale war, der versteht, was den Unterschied zwischen menschenfreundlichem und naturfreundlichem Städtebau einerseits und seelenlosem und naturfeindlichem Städtebau andererseits ausmacht.

Wenn man sich dann kontrastierend z.B. nur die neuen Städte in China anschaut, kann einem Angst und bange werden. Es ist auch hier so, als ob es die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ und Alexander Mitscherlich nie gegeben hätte.

Real wird irreal

Wer dies alles aber nicht mehr weiß und sieht, der ist auch anfällig für die Übernahme der digitalen Welt als reale Welt, die dann als Folge die Schwelle und die Wahrnehmung für echte Natur und wirkliches Leben völlig verändert. Da der Mensch aber für die natürliche Welt konstruiert ist, kommt hier noch einiges auf uns zu. Dies dann wiederum digital kompensieren zu wollen ist zwar günstig für die Konsumindustrie aber schlecht für den Menschen und die Natur. Nun gut!

Zeitgeist

Ich habe den Begriff Zeitgeist bewußt gewählt habe. Er kommt eigentlich aus der Geschichte und Philosophie  und wurde genutzt, um bestimmte zivilisatorische (manchmal auch kulturelle) Tendenzen („Eigenart einer Epoche„) voneinander abzugrenzen. So gab es früher Bücher zu Themen wie dem Zeitgeist des Bismarckreiches und dem Zeitgeist der Weimarer Republik. (Übrigens zeigt mir mein Rechtschreibsystem an dieser Stelle gerade, dass ich Bismarck nur mit k und ohne c schreiben soll…)

Hobsbawm hat gefragt „Wieviel Geschichte braucht die Zukunft?“ Und genau in dieser Zeit sind wir gerade, wie allein der Ausflug zu Mitscherlich gezeigt hat.

Und diesen Zeitgeist kann man mit Fotos vielleicht ganz gut festhalten. Damit meine ich Dinge, die um uns herum sind und unseren Alltag und unser Denken(?) bestimmen und ich meine Handlungen, die für die Gegenwart typisch sind. Auch dies ist Dokumentarfotografie.

Es ist eine eher stille Arbeit für denkende Menschen, die die permanente Präsenz durchbrechen wollen und ihre Wahrnehmung schärfen wollen, um nicht im Dickicht des digitalen Schrotts zu erblinden.

Wenn Sie also ab 2012 ab und zu etwas davon sehen wollen und ich etwas finde, dann lohnt sich vielleicht ein Blick auf die Internetadresse zeitgeist-fotografie.de.

Übrigens können Sie dabei auch mitmachen, wenn sie möchten.

Auch dies wird wieder ein Experiment sein wie bei fotomonat und ich bin ziemlich gespannt, was daraus wird.

Nachtrag 2016: Mittlerweile ist das Projekt beendet und die Domain ist an anderer Stelle, wo neuer Zeitgeist ist.

 

 

Der Kampf um Mannesmann – Dokumentarfotografie im Internet vor 12 Jahren

Der Kampf um Mannesmann - Webseite von Michael Mahlke

Der Kampf um Mannesmann – Webseite von Michael Mahlke

Wer hätte 1999 und 2000 daran gedacht, dass das Internet einmal in dieser Form als Informationspool dienen könnte? Was wäre eigentlich passiert, wenn es damals schon Facebook und Google gegeben hätte?

Wer damals schon mit Computern lebte, der hatte als Highlight Windows 98 und höchstens Monitore mit 13 oder 15 Zoll. Alles andere war nicht bezahlbar. Webseiten waren in der Regel im Format 640×480 Pixel. Und die Kosten für die Datenübertragung im Internet waren immens hoch.

Damals (1999/2000) fand in Remscheid der Kampf um das Stammwerk von Mannesmann statt. Und es war eine – wenn nicht die Geburtsstunde – für engagierte Dokumentarfotografie im Internet. Ja, das Ziel war zu informieren, um Öffentlichkeit und Solidarität mit der Bevölkerung zu erhalten.

Ich stellte die Domains solidaritaet.de und solidarisch.de zur Verfügung, programmierte die gesamte Webseite und mit den ersten benutzbaren Digitalkameras machte ich Fotos. Später wurde dies noch um die Bilder von Herrn Brandt und Herrn Brand ergänzt.

Es war natürlich fotografisch digital viel weniger möglich als die heutigen technischen Möglichkeiten zulassen. So entstand eine digitale fotografische Dokumentation. Die einen nennen es Dokumentarfotografie, die anderen sozialdokumentarische Fotografie. In allen Fällen ist es eine der ersten Webseiten, wenn nicht die erste, mit Dokumentarfotografie im Internet gewesen.

Damals gab es Digitalkameras mit maximal 3 Megapixel Auflösung und in der Regel waren Fotos auf Speichermedien in der Größe von maximal 640×480 oder 320×240 Pixel gespeichert. Alles andere war unbezahlbar. Nur als Hinweis. Eine Speicherkarte (CF) mit 32 MB (nicht GB) kostete damals in meiner Erinnerung ca. 200 DM.

Es entstand damals eine komplette Webseite über einen Kampf, der die Menschen und eine Region bewegte.

Diese Tradition wurde in meinen Augen nur sehr rudimentär von den beteiligten Organisationen weiterentwickelt. Aber die damaligen Fotografen (Michael Mahlke, Lars Jorma Brandt, Gerhard Brand) haben damit ein Stück sozialdokumentarische Fotografie im Internet geschaffen – was sich aber erst 12 Jahre später mit entsprechendem Abstand zeigt.

So hat die digitale Fotografie im Internet ihren Platz in der Geschichte der Menschen, die ihre Geschichte nicht aus freien Stücken machen aber selbst, durch Mitmachen, Zulassen oder Unterlassen.

Diese Dokumentation gab es nie gedruckt. Sie ist eines der ersten Produkte des digitalen Zeitalters. Dies ist dann übrigens auch eine neue Herausforderung für Fragen der Dokumentation von Geschichte und Geschehen.

Falls so etwas möglich ist, möchte ich diese Webseite denen widmen, die damals dabei waren und deren Familien.

Dieser Kampf ist auch historisch höchst interessant. Wenn man rückblickend überlegt, wer damals schon was wusste, was man damals nicht wusste – aber das ist ein anderes Thema.

Hier geht es um dokumentierende Fotografie. Um die Webseite richtig ansehen zu können, sollten Sie die Bildschirmauflösung auf ihrem Monitor oder Notebook auf 640×480 oder 800×600 Pixel umstellen (bei Windows Rechtsklick auf dem Desktop und Bildschirmeigenschaften/Auflösung, bei Apple links oben auf den Apfel, Systemeinstellungen/Monitor). Dann wirken auch die Fotos anders, nämlich so, wie es auch eigentlich gedacht war.

Sie finden die Webseite u.a. hier.

Anti-Landschaften oder die Neue Naturfotografie

Jedes Zeitalter hat seine Themen. Einige bleiben wie Bilder von Menschen, Kriegen und Ereignissen. Und es kommen neue Themen dazu. Ein Thema, das Henri Cartier-Bresson noch am Rande fotografierte, waren die Folgen unser industriellen Zivilisation. Wir sind nun einige Jahre weiter und die Welt bekommt langsam ein neues Gesicht. Das neue Gesicht wird immer stärker geprägt durch Anti-Landschaften, vom Menschen ausgebeutete Natur, die einfach übrigbleibt, als Müllhaufen dient oder auch kultiviert als künstliche Natur existiert.

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich auf einmal selbst in diesem Thema war. Es geschah, als ich ein Buch von John Ganis entdeckte. Da stand in einem völlig öden Gelände eine Wasserrutsche. Erst dachte ich an eine Fotomontage, doch bald dämmerte mir, dass dies einfach ein dokumentarisches Foto war.

Und dann nahm mich John Ganis mit auf eine fotografische Reise. Ich sah zerstörte Landschaften, die „ordentlich“ aussahen und dabei völlig leblos waren. Ich entdeckte völlig verseuchte und rot strahlende Landschaften vor einem blühenden grünen Wald. Und ich sah grün schimmernde Schlackeberge als neue Form des Berges im 21. Jhrdt. Dies war ein fotografischer Blick, der mit Fotos nicht nur dokumentierte sondern illustrierte ….

Dann trat Edward Burtynsky auf den Plan. Er dokumentierte ebenfalls, aber seine Dokumente verkauften sich als Kunst. Er fotografierte Minen, die Rohstoffe abbauen. Er machte auch Bilder von Gummireifen und von Altmetall. Er fotografierte Schiffe, Ölfelder und er dokumentierte viele übriggebliebene Landschaften in China, Australien und anderen Teilen der Welt.

Hatte Salgado mit seinen Bildern vom Auseinandernehmen der Schiffswracks noch die Menschen  in den Mittelpunkt gestellt, so wurde dies bei Burtynsky anders. Auch er zeigt Menschen aber vor allem zeigt er die Folgen des menschlichen Handelns in der industriellen Zivilisation. Seine Landschaftsbilder wirken zum Teil so „schön“, dass sie keine Dokumente der Zerstörung sondern parallel Objekte zeitgenössischer Kunst sind.

Ja, und dann kam mein Tag. Ich fuhr an einem Kraftwerk in der Nähe von Aachen vorbei, welches so viel Qualm in die Luft absonderte, dass man es nur staunend betrachten konnte. Und dann war ich an einem Naherholungsgebiet. Es war der Blausteinsee. Während ich im Anblick der Türme noch an der Naherholung zweifelte, zeigte mir jeder Schritt auf diesem Grund, dass hier schon eine neue Dimension verwirklicht war, die vom Menschen erstellte Form einer neuen Natur. So wurde aus einer Anti-Landschaft wieder eine neue Art von Landschaft.

Die Landschaft und die Anti-Landschaft sind ein zunehmend wichtiges neues Thema der zeitgenössischen Fotografie. Sie sind auch Kunst, je nach Betrachter. Sie ermöglichen neue Blicke und sie sind wesentlich. Früher war es möglich, industriell zu arbeiten und später in die Natur hinauszufahren. Heute gibt es diese Natur zunehmend weniger. Ganze Regionen sind verseucht, vermüllt oder eine Anti-Landschaft. Oder auf dem Müllberg entsteht ein Naherholungsgebiet, die Anti-Landschaft erhält einen Aussichtsturm oder sie wird eventuell sogar rekultiviert. Aber dies dann nur dort, wo Geld und Bewusstsein dafür da sind.

Damit tut sich für die Fotografie ein grosses Thema auf. Ob es ein grosses Thema für den Kunstmarkt und die Dokumentarfotografie wird, wird sich zeigen. Ich finde es beeindruckend.

Unposed, ein Buch über gute Strassenfotografie von Craig Semetko

Das Buch ist fotografisch so herrlich leicht. Es ist voller Überraschungen und es ist aus dem heutigen Leben. Der Fotograf Craig Semetko hat ein Buch veröffentlicht. Dieses Buch hat den Titel „Unposed“. Dies bedeutet, auf den Fotos haben die Menschen nicht posiert sondern die Fotos sind alle aus der ungestellten Situation entstanden.

Semetko beruft sich in diesem Buch besonders auf Cartier-Bresson. Deshalb griff auch er zur Leica. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann sind alle diese Fotos zwischen ca. 2000 und 2010 mit einer Leica gemacht worden. Und es handelt sich um Strassenfotografie bzw. dokumentierende Fotografie.

Bei einigen Bildern mußte ich herzhaft lachen. Sie sind einfach so gut, dass sie die Leichtigkeit des Seins ansprechen. Das Foto mit dem Mann, der auf der Toilette steht und sich erleichtert und dabei mehrfach von Marilyn Monroe angeschaut wird, ist so super fotografiert, dass es eine wahre Freude ist, dort hinzuschauen.

Das Buch an sich ist in einer angemessenen Größe und es hat eine Fadenheftung. Elliott Erwitt hat ein Vorwort geschrieben. Es gibt nur Fotos, die für sich selbst sprechen und erst auf den letzten Seiten kurze Erläuterungen zu den jeweiligen Fotos.

Es ist ein Buch, welches in mehrfacher Hinsicht Lust auf mehr macht. Zuallererst ist es ein Musterbeispiel dafür, dass man heute gute Strassenfotografie unter Achtung der Persönlichkeitsrechte machen kann. Fast alle Fotos zeigen Menschen, die aber nicht als individuelle Person erkennbar sind und dennoch klar zu sehen sind. Das ist die Kunst, die heute erforderlich ist in diesem Metier.

Darüber hinaus sieht man hier Fotos, die klare und klassische Strukturen im Bildaufbau haben. Und alle Fotos erzählen mindestens eine (wenn auch manchmal kleine) Geschichte. Semetko hat nur Schwarzweissfotos hier veröffentlicht. Das ist umso bedeutsamer, weil heute fast nur noch Farbe zählt. Es ist aber auch ein besonderes visuelles Erlebnis, weil es eben auch ohne Farbe geht.

Wenn man sich überlegt, dass alle Fotos zwischen 2000 und 2010 aufgenommen worden sind, dann ist es schon ein besonderes Buch in einer Zeit, die am liebsten nur von bunten Bildern lebt. Das Buch ist fotografisch betrachtet aus meiner Sicht ausgesprochen gut, wenn man ein Buch zur Strassenfotografie und zum gelungenen Schnappschuss sucht.

Fotografiertechnisch kann man die Fotos in diesem Buch zu einem erheblichen Anteil aber nur mit einer Optik machen, die gut freistellt und den Hintergrund entsprechend vom Vordergrund trennt. Dies kann die Leica M. Es scheint sich aber überwiegend um Aufnahmen zu handeln, die noch auf Film gespeichert wurden. Für solche Fotos auf Film oder heute digital braucht man aber in meinen Augen keine Leica, sondern einfach eine Kamera mit einem größerem Sensor und einer Festbrennweite, so dass auch der preisbewußte Fotograf durch dieses Buch ausserordentlich gute Anregungen erhalten kann.

Insofern ist es ein Buch, welches Menschen, die Strassenfotografie oder streetphotography lernen wollen, eine echte Vorlage sein kann, weil es sich um Fotos aus der heutigen Zeit handelt.

So, leider darf man Fotobücher ja nur besprechen und fast immer gar keine oder fast gar keine Fotos zeigen. Deshalb zeige auch ich hier keine Fotos. Die große Ausnahme scheint aber der Focus zu sein, der offenkundig das Recht hat, einige Bilder aus dem Buch zu zeigen. Daher verweise ich auf die entsprechende Internetseite und wünsche viel Spaß beim Anschauen einiger Fotos aus diesem gelungenen Buch. Hier der Link.

Unposed
Vorwort von Elliott Erwitt
Craig Semetko
96 Seiten, Hardcover
54 Duplexfotografien
Text in Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch
39,90 Euro
ISBN: 978-3-8327-9420-

Warum sich Henri Cartier-Bresson über die Powershot G11 freuen würde

Nun beschäftige ich mich schon seit Jahren mit dem Schnappschuss und seinem Meister, nämlich Henri Cartier-Bresson.  Henri Cartier-Bresson, abgekürzt HCB, war ein Benutzer der Leica M Kameras. Als er über 80 war, benutzte er die Leica Minilux und er machte eine Menge wunderbarer Fotos. Zudem war er ein Anhänger der Schwarzweissfotografie. Es mag im Zeitalter der digitalen Reizüberflutung wie ein Randthema erscheinen, aber für mich ist es ein sehr interessanter Gedankengang. Und deshalb will ich diesen Gedanken hier zu Ende führen. Der Gedanke lautet, wäre die Powershot G11 eine Alternative für HCB gewesen?

BegegnungDie Powershot G11 von Canon ist eine relativ grosse Kompaktkamera mit einem optischen Sucher, der ca. 77 Prozent eines Bildes abdeckt. Der Sucher ist nicht der größte seiner Art und er wäre sicherlich verbesserbar. Aber er ist der einzige optische Sucher überhaupt (außer in der Nikon P6000), der zur Zeit zu einer Kompaktkamera gehört, die das RAW-Format abspeichern kann.

Damit nicht genug gehört zu der Powershot G11 die Möglichkeit, fast alle Einstellungen per Hand mit Drehrädchen vorzunehmen. Hinzu kommen alle Feinheiten der aktuellen Technik wie ein dreh- und schwenkbarer Monitor und zusätzlich verfügt die Kamera über ein fest verbautes Zoomobjektiv von 28-140mm auf das Kleinbild umgerechnet.

Und damit komme ich zum Schnappschuss …. Die Kamera hat einen Quick-Shot Modus, der in den Exif Daten als Schnappschuss Einstellung bezeichnet wird. Dazu schreibt die Chip in ihrem Test:  „Wer statt der Handarbeit die einfache Aufnahme bevorzugt, findet neben dem gewohnten Automatik-Programm den „Quick-Shot“-Modus. Dabei nutzt die G11 permanent den Bildsensor zur Schärfe- und Belichtungseinstellung. Das Motiv müssen Sie daher über den optischen Sucher (mit Dioptrin-Korrektur) anvisieren. Lohn der Mühe ist eine verkürzte Auslöseverzögerung von rekordverdächtigen 0,15 Sekunden. Im Normalmodus vergehen 0,46 Sekunden bis das Foto im Kasten ist.“

Damit hat Canon unter den Bedingungen der aktuellen Möglichkeiten meiner Meinung nach die einzige professionelle Lösung für Schnappschussfotografen entwickelt. Würde Cartier-Bresson heute fotografieren, wäre diese Kamera eine wirklich wunderbare Möglichkeit für ihn, um seine Schnappschüsse schneller als mit einem Schnittbildentfernungsmesser (wie in der Leica M9) zu erstellen. Hinzu kommt, dass die Kamera ein Gerät ist, in dem alle Teile aufeinander abgestimmt sind.

In einem Film mit Henri Cartier-Bresson äußerte er sich einmal, dass er am liebsten mit der 35 Millimeter Brennweite arbeitet. An anderer Stelle, so habe ich gehört, wird er als Meister der Normalbrennweite von ca. 50 Millimeter bezeichnet. Fakt ist, dass die Powershot G11 mit einer Brennweite von 28 bis 140 Millimeter alles das abdeckt, was er in meinen Augen benutzen würde.

Ich glaube, dass die Powershot G11 dem Altmeister der Schnappschussfotografie große Freude machen würde. Allerdings will ich hinzufügen, dass ich persönlich neben der Powershot G11 ebenso gerne die Ricoh GX200 benutze, weil ich ihr Bedienkonzept in Teilen für praktischer halte. Aber die Ricoh hat keinen eingebauten optischen Sucher und ich bin natürlich nicht Henri Cartier-Bresson.

Doch wer in die Fußstapfen von Henri Cartier-Bresson treten will und ebenso schöne Schnappschüsse erstellen möchte, der wird mit der Powershot G11 und dem Quick-Shot Modus im optischen Sucher sicherlich eine gute Möglichkeit haben, sich fotografisch zu verwirklichen.

Aber ich will auch nicht verschweigen, dass ich die Kamera nur lobe, weil es nichts anderes und besseres gibt. Eigentlich müsste es eine Kamera sein, die das Objektiv etwas mittiger hat (besseres Handling) und einen ca. APS-C grossen Sensor (besseres Freistellen) und einen doppelt so grossen eingebauten optischen Sucher (besseres Sehen). Wenn dann noch ein anschraubbarer Linkshandauslöser dazu kommt, dürfte der millionenfache Verkaufserfolg sicher sein…

Tja, und dann dachte ich, dass die Panasonic G2 der neue Kompromiss sein könnte, weil der grosse und klare elektronische eingebaute Sucher nicht schlecht ist. Aber als ich merkte, dass sie immer ein lautes Auslösegeräusch macht, habe ich mich von dem Gedanken verabschiedet.

Im Jahre 2011 darf ich diesen Artikel nun ergänzen. Es gibt jetzt die Fuji X100. Und über die würde sich Henri Cartier-Bresson bestimmt freuen…