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Vom Schein zum Sein: Fotografie als Lebensmethodik – Untergang und Scheitern als Weg zu sich selbst

Mensch und Natur Foto Mahlke

Fotografie als Lebensmethodik

„Mein ganzes Leben beschäftigte ich mich nämlich mit untergegangenen Städten. Berlin in einer Hundenacht und Der große und der kleine Schritt zeigen, wie ich den Untergang eines Landes und einer Kultur am eigenen Leib erfahren habe. Ich zeige den Untergang der Scheinwelt; die Verstellung, das Künstliche, die Selbstlügen—kurzum alles, was uns davon abbringt, die Person zu sein, die wir eigentlich sind.“

Das sind starke Worte einer offenkundig starken Persönlichkeit.

Sollen wir Streetfotografie umbenennen?

Foto Mahlke traffic and education Verkehrserziehung

Ein Herr Mason Resnick hat auf der Webseite von Adorama, einem Fotolabor und Kamerashop in New York, einen Artikel geschrieben und festgestellt, daß heute fast alles mit Suchbegriffen als Streetfotografie bezeichnet wird und daher das Wort jede Unterscheidungskraft verloren hat: „Try it yourself: Go on Twitter, flickr, or Instagram, and do a hashtag search for #streetphotography. At least 80% of what you get will get is not what one might have thought of as a street photo a few years ago. A flower. A distant shot of a city. Landscapes. Studio portraits. All tagged as street photos. I kid you not. Street photography is everything. Therefore, it’s nothing. Time to retire the term..“

Ist es Zeit das Wort Streetfotografie in Rente zu schicken?

Wie wird man Dokumentarfotograf?

Ein Beispiel – mein Beispiel

Früher habe ich Bücher geschrieben über den Nationalsozialismus, die Gewerkschaftsbewegung, das Leben der kleinen Leute im Arbeitsleben, Ausstellungen organisiert, Lernsoftware entwickelt und Seminare zu Themen wie „Global denken vor Ort handeln“ geleitet. Nach der Grenzöffnung 1989 qualifizierte ich Menschen und half, in Umbrüchen neue Lebensorientierungen zu finden und dann wechselte ich in die industrielle Organisationsentwicklung.

Ein besonderes Erlebnis hatte ich kurz nach dem Fall der Mauer. Ich hatte den Auftrag in Frankfurt/Oder Lehrgänge durchzuführen. Ich erhielt Räume in der ehemaligen SED-Parteihochschule. Dort waren noch die Fotos von Breschnew und Honecker an der Wand und Aufrufe zur Völkerfreundschaft. Die Menschen wurden in den Betrieben und den Verwaltungen „freigestellt“ und über Nacht in die „Lehrgänge“ geschickt. Alles erwachsene und qualifizierte Männer und Frauen. Und ich sollte nun das „Ankommen“ und die Strukturierung übernehmen. Niemand hatte Erfahrung, wie man damit umgeht, dass über Nacht ein System verschwindet und ein anderes System kommt und „Hallo“ sagt. Leider habe ich damals noch nicht fotografiert.

Als ich zurückkam erlebte ich im Bergischen Land die Fortsetzung dieser Politik unter neuen Bedingungen. Die politisch beschlossene gesetzliche Öffnung der Märkte, der Abbau von Schutzzöllen und die EU-Subventionen liessen Betrieb für Betrieb verschwinden. Westdeutsche Betriebe wanderten nach Ostdeutschland ab und ostdeutsche Betriebe dann nach Polen oder China. Oft war ich einer der wenigen, der das Sterben der Betriebe und das Sterben der Hoffnung der Menschen sah. Darüber wollte ich schreiben. So entstanden wieder Bücher zur Selbsthilfe für die Menschen wie die Sorgenfibel.de und Webseiten wie lebenspower.de.

Aber das war zu wenig. Ich wollte nicht nur helfen sondern auch festhalten für die Nachwelt. Denn die Worte zeigten keine Gesichter und die Geschichten erzählten keine Momente, so wie ich es erlebt hatte.

So kam ich zum Fotografieren.

Versuch und Irrtum

Viele Fotos gefielen mir nicht. Da ich keine fotografische Erfahrung und Schulung hatte, war es oft ein reines fotografisches Schiessen. Das gefiel mir so wenig wie das Schreiben, weil es vielfach nicht zeigte, wie es wirklich war.

Der Bericht über den Kampf um Mannesmann war 1999/2000 wie eine Art fotografische Erweckung. Dabei war es so, als ob mir eine unsichtbare Hand damals den fotografischen Weg gewiesen hatte. Es geschah mit einer der ersten 3 Megapixel Kameras. Aber es reichte nicht. Ich sah die Diskrepanz zwischen Wollen und Können.

Also suchte ich nach fotografischen Vorbildern. Ich entdeckte Henri Cartier-Bresson und seine Art der Fotografie sprach mich sehr an. Mir wurde klar, dass ich so auch fotografieren wollte.

Ich besuchte Seminare, arbeitete mit anderen Fotografen zusammen, wollte viel lernen –  und lernte auch viel, nur anders. Meistens ging es nicht um Einsicht sondern um Eitelkeiten. Nur sehr wenige Menschen vermittelten mir echt neues Wissen.

Aber das Problem für mich war die Parallelität von Ereignissen und der Zwang in mir, dies fotografisch festhalten zu wollen. So machte ich mir selbst ein Programm und wandelte auf den Spuren von Henri Cartier-Bresson. Fotos mit Geometrie, Fotos mit Struktur, Fotos mit Details – so versuchte ich mich fotografisch an den Themen, die ich für die Nachwelt bewahren wollte, weil es kein anderer tat.

Wenn ich das alles damals schon nicht aufhalten konnte, dann wollte ich es wenigstens festhalten. Eine kleine Kompaktkamera mit einem 6MP CCD-Chip wurde später mein erster ständiger Begleiter.

Irgendwann merkte ich, dass sich mein Blick verändert hatte und ich beim Fotografieren anders blickte. Auf der Grundlage von Cartier-Bresson entstand mein Blick auf monochrome Art. Dabei bin ich nicht stehengeblieben aber es ist wesentlich.

Es war die Loslösung von der Frage, ob die Fotos ankommen hin zu der Frage, wie ich die Fotos in meinem Sinne hinbekomme.

Ich lernte auch, dass das Fotografieren dieser Themen und dieser Art von Wirklichkeit nicht unbedingt viele fotografische Anhänger bringt.  Es sind Fotos, deren Zweck das Festhalten ist, um zu dokumentieren und den Zeitgenossen und der Nachwelt eine soziale, historische und politische Reflexion zu ermöglichen. Inhaltlich geht es darum Themen im Längsschnitt oder im Querschnitt fotografisch festzuhalten über ein einzelnes Ereignis hinaus.

Es sind oft fotografische Themen ohne Publikum. Als ich das akzeptiert hatte, wurde ich freier. Und so konnte ich mental und inhaltlich auch Dinge einordnen, die sonst so weder gesehen noch fotografiert noch aufgeschrieben worden wären.

So war das.

Und heute lese ich etwas über Sebastiao Salgado, das dies alles bestätigt:

„Der Besuch bei ihm und der Anblick all dieser Negative und Kameras, seine Leidenschaft für Fotos und die Geschichten, die er damit erzählen konnte, all das motivierte mich dazu, Dokumentations- und Pressefotografin zu werden. An diesem Tag gab er mir den allerbesten und nützlichsten Rat: Wenn ich meine Fotos verbessern und aussagekräftig machen wollte, sei es das Wichtigste, nicht Fotografie zu studieren, sondern Geschichte, Wirtschaft oder etwas anderes, was mich interessierte…“

So erzählt es Graciela Magnoni zitiert von David Gibson in seinem Buch „Streetphotography – Die 100 besten Bilder.“

Das ist genau mein Weg in umgekehrter Weise, nur die Vermarktung verkaufsfähiger Themen ist mir nicht gelungen, weil die kleinen Leute vor Ort in kritischen Zusammenhängen eben kein Verkaufsschlager werden aber dies meine Themen waren. Aber ohne mein Studium wären dieser Blick und diese Arbeitsweise nicht möglich gewesen.

Für die Dokumentation sozialer Wunden gab es nie Geld. Aber viele zehntausend Menschen tragen die Narben der sozialen Wunden, die ich hier konkret im Ablauf, in der Masse oder als pars pro toto dokumentiert habe, hier und anderswo in sich, sie werden davon mit bestimmt und geleitet, sie leiden darunter und oft genug versteht dann niemand warum, weil niemand mehr sieht was war.

Das führe ich hier nicht mehr weiter aus, weil ich ja nun aufhöre. Aber auf meinen Webseiten ist dazu genug zu finden.

Und genau diese Themen wären ausgeschlossen gewesen, wenn ich den Ringeltanz mit den Mächtigen getanzt hätte, um für Fotografie bezahlt zu werden. Vielleicht war es mein Fehler aber es war mein Weg.

Salgado hat aber recht. Denn so kam es, daß ich Dokumentarfotograf wurde.

Aber dieser Artikel hier ist kein guter Artikel für einen Menschen, der aus der Schule kommt und etwas lernen will in Deutschland. Ich würde nicht als erste Ausbildung Fotograf erlernen oder anlernen (Dokumentarfotograf als Ausbildung gibt es gar nicht) sondern entweder eine Facharbeiterlehre oder eine Kaufmannslehre machen oder Gerichtspfleger oder Pflegekraft oder ein solides Studium, damit ich immer eine sichere Basis habe.

Nur so bin ich frei für das, was ich wirklich will. Das gilt aber nur für Menschen, die nicht alles gesponsert bekommen und eigentlich nicht arbeiten müssen. Die können es machen, wie sie wollen. Aber die lesen hier auch nicht.

Ich betone die eigene Einkommensquelle aus einer soliden Tätigkeit auch noch aus einem anderen Grund. Wenn man in der fotografischen Welt Geld verdienen will, dann braucht man den Zugang zu den Geldverteilungsstellen. Dazu muß man Wettbewerbe gewinnen und genau die Menschen kennen, die darüber entscheiden, wer wofür Zugang erhält. Dabei wird erfahrungsgemäß sehr oft Qualifikation durch Nepotismus ersetzt, so daß der Aufwand fast nie in einem Verhältnis zu einem möglichen Erfolg steht.

Denn es geht ja um mehr als nur darum, einmal oder mehrmals ein Foto oder eine Geschichte irgendwo abgedruckt zu bekommen. Es geht darum jeden Monat genug Geld zu haben.

Selbst so wie hier vorgestellt würde es nicht reichen und wäre wohl illusorisch.

Es ist viel einfacher mit einer sicheren Einkommensquelle dann seine fotografische Energie da einsetzen zu können, wo man es wirklich will und wo man auch Spaß dabei hat (hätte ich früher nicht geschrieben stimmt aber). Zudem muß man dann niemand fragen und kann die Wege gehen, die bei der abhängigen Auftragsfotografie ein zu großes Risiko wären.

Damit erhält man nicht die „Museumsqualität“ der Herrschenden im Kulturbetrieb, weil man nicht die soziale Anerkennung bekommt in ihren Reihen und man bekommt trotz publizistischer Tätigkeit über öffentliche THEMEN keinen Presseausweis.

Aber es ist ein guter Weg, um die eigene Lebenszeit und die Fotografie und das soziale Leben immer wieder neu zu erleben und soziale Fragen fotografisch aufzugreifen, die nicht in die bezahlte Werbung zwischen die bisherigen Medien dürfen, weil sie weder Sex sells können noch politisch opportun sind.

Umgekehrt ist der Kampfplatz für die gesellschaftliche Anerkennung natürlich die „Museumsqualität“. Wer dorthin will braucht hier nicht weiterlesen.

Wenn man dies real, sozial und fotografisch sieht und dennoch tätig wird, dann bringt man fotografisch wirklich etwas ein in diese Gesellschaft, die mehr als lachende Gesichter und Werbung braucht.

Es ist natürlich auch der Versuch, mit sich selbst in der durch nichts gerechtfertigten Ungerechtigkeit (jenseits von leben und leben lassen) zurechtzukommen, die stark einschränkt und lebensbestimmend ist.

Denn wenn man die Ausgrenzung wegen Armut als schmerzhafte Narbe in sich trägt oder sogar erlebt als täglichen Lebensbestandteil (einen sehr guten aktuellen Bericht gibt es dazu hier) und man erkennt, daß die Überwindung wegen neu geschaffener sozialer Strukturen für kleine Leute fast nicht mehr möglich ist, selbst wenn man „Erfolgskriterien“ wie Intelligenz und Qualifikation hat, dann kann man daran kaputtgehen, falls man nicht eine Mischung aus Aggression, Achtsamkeit und Agilität findet, die hilft, damit zu leben ohne nur davon dominiert zu werden.

Und so kam ich zum Dokumentieren von unangenehmen sozialen Abläufen und Wahrnehmungen über die man lieber nicht spricht.

Aber gerade die Konfrontation mit dem Verdrängten tut weh und kann helfen, privat und sozial weiterzukommen und weiter zu leben. Dafür muß es aber sichtbar sein, es muß zu sehen sein.

Meine Themen ergaben sich immer aus den sozialen Fragen in unserer entwickelten Industriegesellschaft mit ihren sozialen Landschaften, ihren Bedingungen und Lebensweisen in Umbruchzeiten zwischen dem Zusammenbruch des Sozialismus und der neu entstandenen Demokratie mit neoliberaler Ideologie und dem Abbau der sozialen Marktwirtschaft, deren Konsensversprechen der funktionierende und sichernde Sozialstaat war (so wie es heute noch in Österreich, Dänemark, Schweden etc. ist).

Hinzu kamen für mich in Anlehnung an Bordieu die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie in diesem Zusammenhang, so daß ich die Nutzung und die fehlende Nutzung der Fotografie dabei interessiert beobachtete.

Übrigens ist es eine Erfahrung von mir, daß das Schweigen über Ungerechtigkeit nicht nur von den Tätern nicht gewünscht wird. Die Opfer sind auch fast alle still. Insofern kann man fast nie dabei gewinnen.

Jahre später ist es dann im besten Fall über Nacht selbstverständlicher Teil des vergangenen Geschehens geworden und tut niemand mehr weh weil viele Betroffene mit ihrem Leiden gestorben sind und mit ihnen die Wahrheit, die nicht mehr zu sehen ist. Da ist dann die Zeit drüber hinweggegangen, weil es politisch und sozial nicht aufgegriffen wurde als Potential für Veränderungen.

In größerem sozialen Rahmen mit sehr persönlichen Erfahrungen habe ich dies im Wupperartmuseum umgesetzt, das es nur digital gibt. Da drin sind visuell offene soziale Fragen zu sehen, die nicht nur mich betreffen und die außerhalb meiner persönlichen Möglichkeiten sind. Sie sind nur von uns zusammen lösbar. Es sind daher auch digitale visuelle Kunst-”objekte”, die zur Nutzung, zum Anschauen zur Verfügung stehen, um sozial zu wirken.

Die Webseite hat den Vorteil, daß die dort ausgestellten Fotografien weltweit Beachtung finden, weil sie einfach Wirklichkeit zum Sprechen bringen und ich mich damit auch in die Welt einbringen kann. Andere Webseiten ergänzen dies.

So ist viel Zeit mit Fotografie vergangen, vieles habe ich wegweisend auf fotografie.international zusammengefaßt, so daß es heute noch da ist und sonst nirgendwo zu sehen wäre trotz sozialer Relevanz.

Denn „Fotos sind ein Medium, sie leben von der Verbreitung“, hat David Gibson mal so einfach und klar aufgeschrieben. Und dazu braucht man digitale Orte, von denen aus sie sich verbreiten können.

Nun will ich diesen Artikel beenden, weil die Tätigkeit als Dokumentarfotograf in dieser Form eben nur für ganz wenige Menschen in Betracht kommt. Man sucht sie nicht, sie findet dich.

Heute kannst du auch ein guter Dokumentarfotograf ein, wenn du kein „Profi“ im Sinne eines/r bezahlten Auftragsfotografen/in bist, sondern wenn du die Freiheit hast, die Dinge, die dich interessieren, fotografisch so zu tun, wie es angemessen und sinnvoll ist und die Fotos öffentlich zugänglich machst und einbringst. Das ist vielleicht echte Professionalität und wahre Profession ohne Profit.

Wenn man das weiterdenkt hilft folgender Satz: „Die Profession Soziale Arbeit zeichnet sich durch zielorientierte und ergebnisorientierte Leistungen auf der Grundlage von ethischen Grundhaltungen und Prinzipien aus“, schreibt der deutsche Berufsverband für soziale Arbeit. Daraus ergibt sich dann, daß diese Art der Profession auch Gesellschaftspolitik ist, weil sie soziale Zustände und Entwicklungen zeigt durch visuelles Dokumentieren. Daraus könnte sich sogar fotografische Sozialarbeit im Sinne von photovoice oder Fotocoaching entwickeln. Damit ist man dann aber mittendrin statt nur dabei und kann sich nicht raushalten und mit den Auftraggebern tanzen.

In diesem Sinne viel Erfolg auf deinem Weg!

Übrigens könnte dieser Artikel auch heißen „Das kleine mühselige Leben eines selbstbestimmten Dokumentarfotografen in digitalen Zeiten“.

Und hier noch ein paar Gedanken dazu, die mich immer noch bewegen:

„Es gehört zu den wichtigen Fähigkeiten des modernen Menschen, mit der Unsicherheit zu leben. Trotzdem zu handeln. Mit der Substanz der Menschenwürde und einer Vorstellung des Gemeinwesens.”

Roland Günter

„… dass die Kunst auch eine Aufgabe hat, indem sie den Teil der Wirklichkeit beschreibt, den wir am liebsten verdrängen wollen.“

Klaus Staeck

«Kunst ist Propaganda für die Wirklichkeit und wird daher verboten.»

Oswald Wiener

„Die Wahrheit ist das beste Bild.“

Robert Capa

„Die Wirklichkeit bietet sich in einer solchen Überfülle dar, daß man nur hineinzugreifen braucht, um vereinfachend und sichtend etwas herauszuholen.“

Henri Cartier-Bresson

„Kunst ist jedoch dann radikal mehr, wenn sie zum eigenen künstlerischen Handeln führt. Wenn sie uns erkennen läßt, dass wir selbst die künstlerischen Akteure sind. Die Kraft und das Potenzial der Kunst stecken in jeder menschlichen Handlung, in jedem Gegenstand, den wir uns erwählen – fernab politischer, religiöser oder sonstiger Bevormundung. Die Kunst hat eine ungeahnt große befreiende Kraft, weil sie unsere besten Energien ans Licht befördert.“

Wolfgang Boesner

Text 1.12

Eine neue alte Dimension der Streetfotografie – the pictorial treatment of locality

Foto Mahlke

Ich las in dem Buch Unfamiliar Street Photography von Frau Bussard. Das Buch ist eher akademisch und für eine amerikanische Leserschaft gemacht aber lesenswert, leider nur auf Englisch.

Frau Bussard greift einen Artikel von Osborne Yellott auf, der als erster über Street Photography / Strassenfotografie um 1900 schrieb und dort zwei Betrachtungsweisen unterscheidet: die Örtlichkeit und das soziale Leben. Während z.B. Cartier-Bresson dann den entscheidenden Moment im sozialen Leben fand, ist die Örtlichkeit bisher nicht so als Betrachtungsweise in der Streetfotografie aufgetaucht. Das führt sie an Fotos von Richard Avedon, Charles Moore, Martha Rosler und Philip-Lorca Dicorcia dann aus. Ich finde ihre Schreibweise etwas schwierig aber die Gedankenführung an sich sehr aufschlußreich.

So waren die Kämpfe für Gleichbehandlung 1963 in Birmingham in den USA zu dieser Zeit an diese Örtlichkeit gebunden und die Fotos von Charles Moore auf der Straße an diesem Ort zeigten was geschah. Denn dort wurde der öffentliche Raum besetzt, um Gleichbehandlung auf sozialer Ebene durchzusetzen.

Das war Strassenfotografie, die zugleich politische Fotografie war und ohne die Straße gar nicht da gewesen wäre, weil es um die Besetzung der Straße als Ort für soziales Geschehen ging, „politicized streets“ in ihren Worten.

Bei Avedon ging es nicht direkt um Politik sondern um Mode, aber diese war direkt an die Straßen von Paris gebunden und wäre ohne diese Straßen so nicht umsetzbar gewesen.

So geht es weiter in dem Buch und diese Betrachtungsweise zeigt, daß Streetfotografie durchaus mehr sein kann als nur der entscheidende Moment einer sozialen Situation auf irgendeiner Strasse. Es kann genau so gut entscheidend sein, dass das Soziale nur an einer bestimmten Örtlichkeit entstehen kann, das dann zum Motiv wird.

Da Streetphotography zudem in New York geboren wurde und dann später in Paris wuchs, um später jede Stadt zu erobern, ist die Örtlichkeit als fotografisches Biotop wesentlich für viele Motive.

Die bildhafte Betrachtung eines Ortes ist ja auch mehr als die rein architektonische Aufnahme.

Was für Menschen gemacht ist, erfüllt erst in der Interaktion von Mensch und Örtlichkeit seinen Zweck. Und wer dies fotografiert, macht dann Strassenfotografien, die Form und Inhalt zusammenbringen können.

„Art is social in the first instance“ – Kunst ist zuerst immer sozial. Mit diesem Zitat von Rosalyn Deutsche fängt das Kapitel von Frau Bussard über Martha Rosler und ihren Spaziergängen in der Bowery an, einer verarmten Strasse in New York. Darin wird aufgeschlüsselt, daß Dokumentarfotografie und Streetfotografie sich immer überlappten und oft je nach Interessenlage und Mode tituliert wurden.

Zugleich zeigt Frau Rosler mit einigen ihrer Fotos, daß man eben nicht „echte“ Fotos, also ungestellte konkrete soziale Situationen, beliebig aus dem Zusammenhang reißen kann, um sie formal abstrahiert im Museum auszustellen.

Anders ausgedrückt, man kann es, aber es ist sozial völlig sinnlos, es sei denn es soll als reines Geldobjekt und nicht mehr als reales Foto genutzt werden.

Und was lerne ich daraus?

Ein gutes Foto hat eine echte Geschichte…

Zwischen solo und sozial – Mein Blick auf die Dokumentarfotografie

Blicke auf die Wirklichkeit Foto: Michael Mahlke

Natürlich stehe ich bei dem Thema Dokumentarfotografie mit meinem Eimer vor einem Ozean. Wenn ich daraus schöpfe, dann ist darin alles vorhanden und trotzdem nur sehr wenig im Eimer drin – pars pro toto..

Aber die Beschränkung ermöglicht erst den Blick und den Durchblick.

Wahr ist auch, daß nicht jedes Foto Dokumentarfotografie ist. Jedes Foto könnte dokumentarisch bzw. dokumentierend als Beleg seiner selbst im wortweiten Sinne sein.

Aber zur Dokumentarfotografie wird ein Foto erst, wenn es einen öffentlich relevanten sozialen Zusammenhang hat und öffentlich gemacht wird. Das kann auch regional oder sozial begrenzt sein.

Das kann man nun noch mehr unterscheiden und je mehr Wörter darüber verloren werden, desto mehr Unterscheidungen gibt es und je mehr das akademisiert wird, desto weniger versteht man davon dann noch.

Als Historiker habe ich versucht auf den Spuren derer zu gehen, die davon und damit gelebt haben. Von der Fotografie als Waffe bis zum fotografischen Erhalt dessen, was physisch einfach da war reichte der Bogen, um Veränderungen zu zeigen bei öffentlichen Themen und im öffentlichen Raum.

Besonders faszinierend ist dabei für mich die sog. soziale Landschaft, die Folge und Ursache von sozialem Auftritt ist.

Im Kern ging es mir immer um sozial relevante Themen. Armut ist ja nicht abstrakt sondern kann sehr gut vor Ort konkret auf der Straße gezeigt werden, wenn sie sichtbar wird im öffentlichen Raum. Geheimes Denken kann durch heimliche Darstellungen im öffentlichen Rahmen gezeigt werden etc.

Und am Beispiel der sozialen Symbolik in der Stadt Remscheid habe ich dies auch konkret in verschiedenen Artikeln aufgearbeitet.

Und die Auseinandersetzung mit dem Sozialen durch die Fotografie verändert dich und die Wahrnehmung von dir und dem Drumherum.

Dabei wird nichts einfacher aber manches eben sichtbar oder anders gesehen.

Und jetzt?

Jetzt bin ich sehr froh, alle diese Menschen visuell und textuell getroffen zu haben und mich mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Das bringt mir persönlich viel, aber hat mir auch gezeigt, wo die Grenzen sind.

Wenn ich über die Vergessenen schreibe und dieses Thema fotografiere, dann dokumentiere ich etwas, das vergessen ist und bleibt, so meine Erfahrung, wenn ich von meinen digitalen Orten der öffentlichen Darstellung einmal absehe.

Es ist kein Thema für Geld und Aufträge. Das will niemand kaufen und dafür gibt es auch kein Geld über Projekte. Auch darüber habe ich geschrieben.

Jedes bisher geschriebene Wort könnte ich auf einen eigenen Text verlinken.

Damit ist es bei google eher sichtbar und wird sogar für die wikipedia immer wieder gebraucht.

Dokumentarfotografie ist aber mehr.

Wenn ich den Bereich der Vergessenen verlasse und sie in Richtung darstellende Fotografie ändere, dann ist alles möglich – auch das Geldverdienen.

Das ist aber jenseits der Reportage sozialer Not und schlechter Ereignisse. Diese Themen dürfen sowieso nur noch in wenigen Ländern fotografiert werden ohne dass man verhaftet wird. Und welche Relevanz haben sie denn?

Insofern wird es nicht gefördert und kleingehalten.

Aber das stört kaum jemand, weil die Welt ja eigentlich lieber über die Gewinner spricht und die Vergessenen vielfach auch am liebsten dazu gehören würden und sich selbst mental verdrängen. Sie wollen sich als Vergessene nicht zeigen sondern lieber vergessen werden statt sich zu zeigen, um Aufmerksamkeit und Veränderungen einzufordern. Dagegen wollen sich Gewinner zeigen und gesehen werden.

Das ist natürlich etwas pauschal aber stimmt meistens.

Die Welt hat zumindest mir deutlich gemacht, daß die Hoffnung auf ein besseres Morgen so nicht stimmt, weil die Machtverhältnisse sich nicht wirklich ändern und dies allein auch kein hinreichendes Kriterium für Verbesserungen wäre.

Und wenn man nur irgendwie die Chance hat dabei zu sein und anerkannt zu werden im Kreis einer sozialen Gruppe, dann ist dies oft der Zustand, der auf dieser Welt am ehesten erstrebenswert zu sein scheint, weil es keine echte Alternative dazu im Leben gibt.

Welchen Sinn hat es recht zu haben, wenn die Menschen nicht auf dich hören oder hören können oder andere Interessen haben? Was macht man dann?

Man kann sich zurückziehen und einsam sein oder man schaut nicht so genau hin und akzeptiert die Welt, die man nicht ändern kann. Einzig und allein dann die eigene Grenze so in Worte zu fassen wie hier und dies dann entweder im Tagebuch oder in einem öffentlichen Blog zu zeigen bleibt als Möglichkeit, ist aber ohne Relevanz.

Denn sobald du deinen Geist verläßt und dich dem sozialen Leben zuwendest, kannst du mit diesem Denken nicht bestehen, sondern mußt die Gesetze des Miteinanders annehmen.

Das ist die Wirklichkeit, die mir durch das Fotografieren immer wieder bewußt wurde. Das war der Weg von mir zwischen solo und sozial.

Und damit dieser erhellende Moment für mich auch für andere, die sich davon angesprochen fühlen, nicht verloren geht, habe ich es hier aufgeschrieben, weil ich dies nun nicht in ein Foto stecken konnte.

Selbst Fotos haben Grenzen, die nur durch Worte überschritten werden können.

Und deshalb publiziere ich dies hier auch von Angesicht zu Angesicht, von mir zu Dir!

Aber diese Worte waren mir erst knapp sechs Monate nach dem Ende des Bloggens an dieser Stelle möglich.

Die Zeit spielt also mit.

Deshalb erst heute – oder besser schon heute?

Das alles könnte man übrigens auch dokumentieren – mit neuen Fotos …

Neue Zeit für neue Fotografie und neue Fotos?

 

Visual History oder Geschichte schreiben mit Bildern durch Fotografie

Mein Thema waren und sind die Vergessenen. Über die wollte ich immer schreiben, weil ich es als ungerecht empfand, daß in den Geschichtsbüchern immer die Mächtigen stehen und diese auch den Unterricht bestimmen – sogar nach ihrem Tod.

Ich wollte dazu beitragen, daß die kleinen Leute mit ihren Kämpfen und ihrem Leben nicht vergessen werden (wie ich selbst), damit sie irgendwann in der Gegenwart mit ihren Themen dominieren können.

Und so schrieb ich erst Bücher und versuchte später mit Fotografien und Dokumentarfotografie gegen das Vergessen und für Verbesserungen zu schreiben.

Die Rückkehr der Armut wurde ab der Agenda 2010 zu meinem Thema und die neue Völkerwanderung mit ihrer Bedrohung kam hinzu.

Das findet man einerseits bei bergischer.bildermonat.de und andererseits bei zeitgeist.bergischdigital.de. Im größeren Rahmen ist dies auf dokumentarfotografie.Info zu finden.

Ich konnte die visuelle Geschichtsschreibung umsetzen, die die Auswirkungen der politischen Entscheidungen auf die Menschen im öffentlichen Raum zeigt und das soziale Geschehen festhält – klassische Dokumentarfotografie eben.

Aber mehr war nicht drin und ist wohl auch mit Bildern in diesem Rahmen nicht möglich, zumal meine Mikrowelt Remscheid und drumherum war.

Ich sah, wie große Medien weiterhin das Denken und Handeln dominieren. Ich analysierte diese Kraft der Bilder.

Mein Wissen brachte mir Erkenntnisse wie: Sozialer Wechsel wird ersetzt durch einen Bilderwechsel.

Ich habe verstanden.

Es sind die Mächtigen, die bestimmen und die bestimmen auch, was vergessen und übersehen wird.

Und selbstverliebt wird von der herrschenden politischen Klasse fast alles ausgeblendet, was zwar da ist, aber nicht in ihre Interessen passt. Die Interessen sind bestimmt vom eigenen Ego und denen, die sie führen und bezahlen, wenn auch oft indirekt.

Es ist so, daß Politiker regieren und die Mächtigen herrschen. Nur in den USA erleben wir gerade, wie Einer aus der Gruppe der Herrschenden gerade versucht als Politiker auch zu regieren. Das ist was besonderes im aktuellen Zeitgeschehen.

Und so habe ich immer gegen das Vergessen gekämpft und gehofft, visual history in digitalen Zeiten würde auch Bewußtsein schaffen, das im Handeln mündet.

Aber das geht nicht, weil der Aufstieg des kleinen Mannes das Beamtentum ist und damit sofort wieder die bestehenden Verhältnisse stabilisiert werden.

Der Sklave möchte eben Aufseher der Sklaven werden statt die Sklaverei abzuschaffen, wie Gabriel Laub einmal bemerkte.

Wie wahr!

Nun gut, zumindest ist die Wirklichkeit, die ich eingefangen habe, da. Aber es gehört auch zur Wirklichkeit, daß die meisten Menschen so mit ihrer eigenen persönlichen Wirklichkeit beschäftigt sind, daß sie die sozialen Strukturen und Verhältnisse dahinter gar nicht sehen wollen oder können, geschweige denn dagegen angehen wollen.

Anders ausgedrückt und viel besser ausgedrückt hat es Karl Marx: das Sein bestimmt das Bewußtsein.

Und die Welt der Bilder heute stabilisiert den fehlenden Durchblick.

Das System mit seiner repressiven Toleranz ist stärker und die Mehrheit darin will es so behalten.

Für mich ist es bitter, daß meine Kraft nicht ausgereicht hat, um für die Vergessenen, zu denen ich mich auch zähle, mehr zu tun und meine Opferbereitschaft hat vor allem aus mir selbst ein Opfer gemacht, wie ich reflektierend erkennen mußte.

Die Anerkennung der Realität ist die Grundlage für alles, eine Französische Revolution ist nicht in Sicht (auch nicht unbedingt gewünscht), eher eine Art Merkeltilismus als Symbiose von Mächtigen und Regierenden in der repressiven Demokratie, die die soziale Sicherheit als Grundpfeiler demokratischen Handelns mit sozialer Unterwerfung und Kontrolle verknüpft hat (Hartz4) – gegen das geltende Grundgesetz.

Demokratie und Wohlstand sind eine Ehe eingegangen, bei der für den Wohlstand die Demokratie geopfert werden könnte.

Wer weiß ob die Mächtigen dies später in ihren Geschichtsbüchern auch so beschreiben.

Wer weiß, ob Europa Gestalter oder Opfer wird.

So viele Fragen, so großes Denken, so wenig Chancen.

So ist die Welt.

Ich nehme nun die Welt an wie sie ist und wende mich Albert Camus zu:

„Das Elend hinderte mich, zu glauben, daß alles unter der Sonne und in der Geschichte gut sei; die Sonne lehrte mich, daß die Geschichte nicht alles ist. Das Leben ändern, ja, nicht aber die Welt, die ich zu meiner Gottheit machte.“

Industrielle Zone von Dolf Toussaint

Dolf Toussaint

Der Anfang ist das Ende.

Als Dolf Toussaint 1983 die sterbenden Industriegebiete in Nordfrankreich, Südost Belgien und im Ruhrgebiet fotografierte, zeigte er die damalige Alltagskultur ungeschminkt und im Zusammenhang. Er hatte offenbar Weitblick und sah, was geschehen würde. Ein guter Essay von  Martin Schouten rundet das Buch ab.

Ob es Zufall ist, daß genau in diesen Regionen heute vielfach massive soziale Verwerfungen und Probleme dominieren und dort viele ohne Hoffnung ausharren und beginnen sich zu empören?

Im Buch wird zwischen den drei Industriegebieten nicht getrennt und deshalb weiß man auch nie, wo man ist.

Dies zeigt wie die Funktionalität der Industriegesellschaft länderübergreifend normiert – Menschen, Häuser, Fabriken, Strassen etc..

Nur dann werden Unterschiede deutlich, wenn der Fotograf es bewußt zeigen wollte, indem er Zeitungen, Plakate oder Aushänge mit in das jeweilige Foto integrierte.

Ein vergessenes Buch dokumentiert eine fast vergessene Zeit, die so lange noch nicht vorbei ist.

Bemerkenswerterweise habe ich auch fast zehn Jahre gebraucht, um auf dieses Buch zu stoßen, und dies auch nur, weil ich mich mit niederländischer Fotografie beschäftigt habe.

Es ist eben so, daß sozialdokumentarische Fotografie mit Weitblick und konkretem Blick keinen Blick wert zu sein scheint – außer bei mir hier und an wenigen anderen Stellen.

Ich habe mich in den letzten zehn Jahren in diesem Zusammenhang mit allen Fragen beschäftigt, die mir fotografisch wichtig waren.

  • Ich wollte wissen, welche Menschen früher engagiert fotografiert haben, weil sie damit auch gegen das Asoziale angehen wollten.
  • Ich wollte wissen, was passiert ist mit den vielen engagierten Menschen und ihren Fotobüchern.
  • Ich wollte „richtig“ fotografieren lernen und erlernte dies mit der klassischen visuellen Grammatik und fotografischen Vorbildern.

Aber: Die Ära, die ich meine, ist vorbei.

In gewisser Weise habe ich hier noch einmal das aufgearbeitet, was sozial und fotografisch vor meiner Zeit und während meiner Zeit in der Dokumentarfotografie an Entwicklungen ablief, ohne daß ich es bewußt wahrgenommen habe. Erst mit dem neuen Sehen war ich in der Lage, dies alles zu erfassen und systematisch darzustellen. Die Webseite hatte dann durch die Wechselwirkung zwischen Fotografie in Theorie und Praxis eine Dynamik, die sich im Tun entwickelte.  Einzigartig!

So ist diese Webseite mehr und wird wohl auch Grundlage für ein neues Buch sein können.

Ich habe in diesem Prozess die fotografische Philosophie von Henri Cartier-Bresson und anderen in die digitale Zeit geholt und mit dem Handbuch zur Fineart-Streetfotografie eine gute Anleitung für klassisch-gute Fotografie für uns heute nutzbar gemacht.

Und immer sind es eigene Fotos, die zu sehen sind.

Weil ich selbst ein Kind der Industriezeit bin, ist es auch richtig, wenn der Schwerpunkt auf dem lag, was ich selbst erlebt habe und was meine Interessen prägte.

Gerade die Eingrenzung ermöglichte die intensive Beschäftigung mit dem Themenfeld der Dokumentarfotografie und zeigt hier Zusammenhänge, die sonst nirgendwo zu finden sind.

Da ich kein Netzwerker war, habe ich dafür weder Förderung noch Hilfe bekommen und bin auch nicht in die DGPH aufgenommen worden wegen besonderer Verdienste um die Fotografie. Dafür hat diese isolierte Arbeitsweise eine unglaublich vertiefte Auseinandersetzung mit der Dokumentarfotografie ermöglicht bis zur Schilderung von Zusammenhängen, die die eingetrichterten Bilder aus dem Kopf holen und die Mechanismen der Manipulaton durch Bilder offenlegen. So kann man aus der Matrix aussteigen und mit befreitem Blick sehen – fotografisch und persönlich!

So ist es!

Ich bin diesen Weg gegangen und habe mich solange mit der Dokumentarfotografie auseinandergesetzt, bis ich kaum noch Neues fand. Das ist der Punkt an dem eine Veränderung angesagt ist.

Mein Rahmen steht.

Ausgestattet mit selbst erarbeiteten theoretischen und praktischen Instrumenten sehe ich anders und denke in Zusammenhängen, die ich früher nicht gesehen habe.

Ich habe fotografisch und sozial neu sehen gelernt und mein Horizont hat sich erweitert.

Daher ist dies für mich der Anlaß, mich bei der Vorstellung des Buches von Dolf Toussaint von hier zu verabschieden.

Denn eigentlich fing mit der Zeit, die er so klar und europäisch sah, alles an, was mein weiteres Leben hier prägte.

Es war mein Leben in einer Welt voller Industrie von der Blüte bis zum Zerfall – und dies alles in nur 30 Jahren von ca. 1980 bis 2010!

Das ist historisch interessant und sozial sehr ernüchternd.

Aber so war es und so ist es.

(Unter dem Gesichtspunkt der abgerissenen Industriekultur möchte ich an dieser Stelle auf den Duisburger Christian Brünig aufmerksam machen, der offenkundig mit viel Engagement weit über das Ruhrgebiet hinaus gut mit Fotos dokumentiert hat. So erhält man eine Vorstellung von den Strukturen, die verschwunden sind. Zusätzlich ist die Linksammlung auf lipinski.de gut nutzbar sowie die Verlinkungen im Pixelprojekt-Ruhrgebiet, das allerdings regional sehr eingeschränkt ist.)

Die sozialen Folgen davon sind fotografisch ein anderes Thema.

Damit sind auch die Möglichkeiten der dokumentarischen Fotografie aufgezeigt: sie kann dokumentieren und den Dingen und sozialen Situationen eine Chance geben, nicht vergessen und wieder gesehen zu werden.

Das ist wie Geschichtsschreibung im besten Sinne.

Und ich kann sagen, ich bin dabei gewesen und wurde zu einem Spezialisten für dokumentarische Fotografie und visuelle Geschichtsschreibung.

Damit nicht genug konnte ich visuell und mit Texten die Zeit dokumentieren, in der ich dabei war. So war es mir möglich, öffentlich und privat Gesehenes und Geschehenes real und mental aufzuarbeiten.

Wer weiß wozu es gut ist!

Alles Gute

Das Ende der fotografischen Existenz der unteren Schichten?

Foto: Michael Mahlke - Armut in Deutschland, Rentner, Flaschen, Mülltonnen

Foto: Michael Mahlke – Armut in Deutschland, Rentner, Flaschen, Mülltonnen

„Immense Einwanderungswellen haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die amerikanischen Großstädte rapide wachsen lassen und unterschiedliche Nationalitäten auf engstem Raum versammelt. Zwangsläufig wenden sich Reformbewegungen wie auch Künstler und Journalisten den überfüllten Stadtvierteln und der Einwanderungsproblematik zu. Lewis Hine macht sein ersten Aufnahmen um 1905 von Immigranten auf Ellis Island und registriert die Vielfalt ihrer Kleidung, die Heterogenität ihrer Erscheinungsformen. Jack London taucht für seinen Bericht The People of the Abyss aus dem Jahr 1903 in die entsprechenden Viertel von London ein. Wie Riis richtet er seine Darstellung an einer Fülle von faktischen Informationen aus und gerät angesichts der überwältigenden Authentizität der Lebenswelten ins Staunen. …“

Soweit diese kurzen Sätze von Christof Decker zum Thema Fotografie. Da kommt Jack London vor, der sonst immer fehlt, wenn es um sozialdokumentarische Fotografie und ihre Anfänge geht.

Jacob A. Riis in New York und Hermann Drawe in Wien werden genannt, Jack London nicht.

Dabei hat Jack London beeindruckende Sozialfotos in London geschossen.

Danach kam Lewis Hine mit dem Kampf gegen die Kinderarbeit, dann die Fotografie der Farm Security Administration, parallel zur Fotografie der Arbeiterfotografie in Deutschland und der Fotografie der Sowjetunion.

Nun fasse ich mal hundert Jahre in wenigen Sätzen zusammen:

„Wenn es stimmt, dass eine soziale Klasse sich ebenso durch ihre Wahrnehmung als auch durch ihr Wahrgenommensein definiert (Bordieu), dann beginnt für die unteren Klassen in den USA und Europa ihre fotografische Existenz um die Wende zum 20. Jahrhundert.“

Dieser Satz ist von Rudolf Stumberger.

Nach 1945 war alles anders.

Und heute ist das „Wir“-Gefühl der sozialen Klasse weg.

Das waren ca. hundert Jahre vom „Wir“ bis nach dem „Wir“.

Dabei war das „Wir“ entscheidend, um Zusammengehörigkeit und Werte zu leben.

Fotografisch sind heute auch die Bilder der arbeitenden Menschen in dieser Form verschwunden, weil die Arbeit, die durch Fleiß zu bescheidenem Wohlstand und  einem besseren Leben führte, als Teil des öffentlichen Staatsverständnisses verschwand und einer Ideologie des Neoliberalismus gewichen ist, die verantwortungslos privatisiert und gute soziale Strukuren für die kleinen Leute demoliert. Geld führt eben auch nicht mehr zum Wohlstand für alle und sparen führt seit Hartz4 zur Enteignung.

Spätestens seit 1984 gab es immer wieder individuelle (nie institutionelle) Ansätze, die Umbrüche und die sozialen Verwerfungen fotografisch festzuhalten, aber nie staatlich gefördert sondern immer nur persönlich engagiert.

Fotografisch aufgearbeitet wurde dies im Arbeitsfeld der damaligen Schlüsselindustrien Stahlindustrie und Metallverarbeitung, die die USA und Europa dominierten (ähnliche Fotos aus der DDR und UdSSR sind sicher vorhanden aber mir so nicht bekannt. Dort vollzogen sich ähnliche Prozesse).

Und heute – nach 2016?

Heute sind die Veränderungen sichtbar und dominierend, die nichts verbessert haben.

Und in den USA bewegt sich dadurch politisch nun das Land: „Im sogenannten Rostgürtel, der ältesten, größten Industrieregion Amerikas, die sich entlang der Großen Seen von Wisconsin über Michigan, Illinois, Indiana und Ohio nach Pennsylvania erstreckt, hat die Mehrheit (außer in Illinois) den Republikaner Trump gewählt. 2012 hat Barack Obama (genau wie 1992 und 1996 Bill Clinton) fünf dieser sechs Staaten für die Demokraten erobert, 2008 sogar alle sechs.“

Aber wohin?

Und in England ist es auch Teil der sozialen Lage geworden.

Wenn man so wie ich hier nun diese Informationen zusammengetragen hat, dann sieht man, wie viel oder wenig visuell dokumentiert wurde, um soziale Abläufe festzuhalten und auf Probleme hinzuweisen.

Früher war es mehr und spielte auch in der öffentlichen Debatte eine stärkere Rolle.

Wo ist das heute bei dem, was uns in Deutschland sozial bewegt?

Oder ist die Frage falsch?

Bewegt uns noch sozial etwas in Deutschland?

Überdeckt die Flüchtlingsschwemme alles, um das, was wichtig ist für eine soziale Demokratie, unter den Teppich zu kehren?

Mehr als 8 Millionen Menschen dauerhaft in Hartz 4 und viele knapp darüber in einem der reichsten Länder der Welt.

Ist das der politischen Klasse egal, weil Hartz4 Dauerkontrolle von noch mehr Millionen ermöglicht?

So stabilisiert Hartz4 die wachsende Ungerechtigkeit, weil das Volk mehr kontrolliert wird als in der DDR.

Zu wenig gute Arbeit aber dafür unglaublicher Reichtum.

Das zerstört das soziomoralische Grundgesetz und hilft weder der Mittelschicht noch den Armen.

Wo sind die Fotos dazu?

Es wären heute Fotos von Armut in einem reichen Land jenseits der alten Industriestrukturen. Es wären Dokumente des lebenden Schmerzes von Staatsbürgern.

So wenig Fotos und so viel soziales Leid!

So sind wir aktuell am Ende der fotografischen Existenz der unteren Schichten angelangt. Was nicht in den Medien ist, ist nicht politisch relevant. Was nicht sichtbar ist, kann nicht gesehen werden.

Dies bedeutet, es gäbe viel zu fotografieren mit neuem Denken auf alte und neue Art und Weise.

Ich bin gespannt wer, wann, wo und wie dies geschehen wird.

Und ob!

Nachtrag: Hier noch ein Link zu einem Artikel, der ca. einen Monat später erschien,