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Dokumentarfotografie – Soziale Kämpfe im Ruhrgebiet und im Bergischen Land zwischen 1987 und 2010

mannesmann1999

Es hat knapp dreißig Jahre gedauert bis die Fotos von Michael Kerstgens über den Stahlarbeiterstreik in Duisburg-Rheinhausen 1987 als Buch erschienen sind. Dieses Buch wurde u.a. durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Es ist ein gutes Buch geworden und es erinnert mich an meine eigenen Erlebnisse.

Michael Kerstgens zeigt Fotos von 1987 bis 1993 als im Walzwerk in Hagen die letzte Schicht war und symbolisch das Ende des gesamten sozialen Konstruktes.

Und im Bergischen Land ging es dann weiter.

Michael Kerstgens, NEUES LEBEN. RUSSEN – JUDEN – DEUTSCHE Texte von Hanno Loewy, Wolfgang Büscher, Pjotr Olev, Michael Kerstgens, Theresia Ziehe

Michael Kerstgens porträtiert das gesellschaftliche Leben in jüdischen Gemeinden in Deutschland seit der Wiedervereinigung.

„Knapp eine Viertelmillion jüdische Einwanderer kam als sogenannte Kontingentflüchtlinge seit der Öffnung des eisernen Vorhangs 1989/90 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Diese Zuwanderung hat die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nachhaltig verändert. Michael Kerstgens ist einer der wenigen Fotografen, die den Prozess der Einwanderung russischsrachiger Juen aus der ehemaligen Sowjetunion intensiv und über einen längeren Zeitraum dokumentiert hat.“

So aus der Information vom Verlag zum Thema.

Seit 2007 lehrt Michael Kerstgens als Professor für Dokumentarfotografie am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt.

Sein umfassendes Projekt über das jüdische Leben wurde 2011 in die Fotografische Sammlung des Jüdischen Museums in Berlin aufgenommen. Dazu gibt es gerade eine Ausstellung.

Insofern ist das Buch mehrschichtig interessant. Es ist erstens ein Geschichtsbuch über den Umgang von Deutschen, Russen und Juden seit der Wiedervereinigung, es ist zweitens ein Längsschnitt zu diesem Thema und es ist drittens ein Buch zur Dokumentarfotografie von einem Professor für Dokumentarfotografie.

Schauen wir es uns also genauer an.

„Neues Leben“ ist der Titel des Buches und so ist es auch. Es scheint sich überwiegend um Auftragsarbeiten für Magazine wie „Stern“ und „Geo“ gehandelt zu haben, die es ermöglichten, in den 90er Jahren die Kultur mit ihren verschiedenen Riten in jüdischen Gemeinden zu fotografieren.

So entstanden Bilder, die weniger wegen ihrer besonderen Ausdruckskraft als vielmehr wegen ihrer dokumentarischen Nüchternheit überzeugen.  Alle Fotos sind schwarzweiss und eher an der klassischen Geometrie orientiert.

Nach gut hundert Seiten im Buch gibt es Fotos „zwanzig Jahre später“, also quasi 1991 zu 2011.

Es sind eigentlich alles Beispiele für besonders gelungene Aufstiege. So dokumentiert Michael Kerstgens einige Personen bei der Arbeit in Deutschland und in Amerika zwanzig Jahre später.

Das Buch ist zweifellos themenorientierte Dokumentarfotografie.

Das Thema an sich ist ja schon sehr undankbar, weil hier natürlich im Hintergrund die Geschichte mit ihren Massenmorden steht. Aber wenn man sich mit den Fotos beschäftigt und den Texten, dann merkt man, dass neue Generationen auch neu anfangen zu denken. Denn sie nehmen das Vorhandene als ihre Realität an. Und die ist so, dass in Deutschland heute viele Kulturen und Nationen zusammenleben und auch die jüdischen Gemeinden zu dieser Normalität gehören. Die Bilder regen zu vielen Assoziationen an und zeigen auch, dass die Gegenwart von völlig anderen Fragen beherrscht wird wie die Vergangenheit.

Das Buch ist ein gutes Beispiel für einen dokumentarfotografischen themenorientierten Längsschnitt zu einem der schwierigsten Themen dieser drei Völker und zeigt, dass vieles aus der Geschichte in eine neue Gegenwart hineingewachsen ist.

Die Fotografien sind eine „erste visuelle Annäherung an einen Entwicklungsprozess“. Genau das fotografisch festzuhalten gelingt ausserordentlich gut.

Es ist im Kehrer-Verlag erschienen.

Michael Kerstgens

NEUES LEBEN. RUSSEN – JUDEN – DEUTSCHE

ISBN 978-3-86828-277-1