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Welche Digitalkamera würde sich heute Henri Cartier-Bresson kaufen?

Von Leica zu Lumix - Foto: Michael Mahlke

Von Leica zu Lumix – Foto: Michael Mahlke

Diese Frage stelle ich mir, weil ich wissen möchte, ob meine Wahl auch seine Wahl gewesen wäre.

Die Frage habe ich vor sechs Jahren so ähnlich schon einmal gestellt.

Als er intensiv zu fotografieren begann, hat er sich für eine Kleinbildkamera von Leica entschieden, weil dies die kleinste Kamera auf dem Markt mit Wechselobjektiven war. Es ging also primär um technische und praktische Gesichtspunkte, die für seine Art unterwegs zu sein, Momente schnell und diskret aufzunehmen und fotografisch zu sehen entscheidend waren.

Der Preis spielte für ihn eher keine Rolle, da er aus einer sehr reichen Familie stammte.

Er hat aber nicht mit einer Leica Fotografieren gelernt. Und sein Benutzen der Festbrennweite um die 50mm ist legendär.

Die Fotos, die er mit diesen Kameras gemacht hat, wären heute in digitalen Zeiten auch mit jeder durchschnittlichen Kompaktkamera in dieser Qualität möglich.

 

Hätte sich Cartier-Bresson heute überhaupt eine Digitalkamera gekauft oder direkt nur noch ein Smartphone?

Ich glaube, er hätte den Sucher gemocht, weil Sucherfotografie intensiver ist und weil der Sucher seiner Art entsprach, der Wirklichkeit einen Rahmen zu geben und das Foto geometrisch zu gestalten.  Deshalb wäre das Smartphone wohl nur eine Ergänzung gewesen.

Er wollte ja immer eine kompakte und schnelle Kamera haben, die er unauffällig benutzen kann.

Und da würde es heute natürlich eine andere und bessere Auswahl geben.

In der Tradition von Leica mit einem besseren Sucher wäre die Fuji X100 interessant.

Entscheidend wäre sicherlich eine Kombination von Sucher und Monitor und er wäre bestimmt auch experimentierfreudig genug, um Aufnahmen mit dem Monitor zu machen.

Zudem bin ich überzeugt davon, daß er auch in Farbe fotografiert hätte. Das hat er ja auch zu seiner Zeit, aber es gefiel ihm nicht so. Auf dem Monitor und mit der Möglichkeit sofort mehr zu sehen, wäre dies vielleicht anders gewesen.

Denn auch er wußte, daß manche Fotos monochrom und manche farbig besser wirken.

 

Wäre er bei einer größeren Kamera geblieben oder hätte er sich eine kleinere Kamera geholt?

Das ist ein Kapitel aus dem Themenbereich der ungeschehenen Geschichte.

Er hat gerne mit der Minilux fotografiert als es sie gab: „Die Leica ist eigentlich gar keine Leica, sondern sie wurde von 1995 bis 2003 von der Firma Panasonic aus japanischen Bauteilen gefertigt.  Lediglich das Summarit-Objektiv stammt aus deutscher Rechnung, aber auch nicht aus deutscher Fertigung.“

Es war also nicht der Messsucher und die Kameragröße an sich, da der Sucher der Minilux bzw. Minilux Zoom  ja viel kleiner war und die berühmten zwei Lämpchen hatte, die bis vor kurzem bei allen optischen Suchern mit Autofokus zu finden waren: „Sucher:  Realbild-Sucher mit Markierungen für das Autofocus-Meßfeld, für Aufnahmen im Nahbereich und für Panorama-Aufnahmen. Blitz-Funktionsanzeige durch eine rote Leuchtdiode. Funktionsanzeige für Autofocus und Belichtungsmessung durch eine grüne Leuchtdiode.“

Das ist sehr gut in dem Buch Faceless zu sehen.

Aus heutiger Sicht hat danach und bis heute überhaupt die wahrscheinlich besten optischen Sucher die Firma Fuji mit der X100 für eine größere und mit der Fuji  X10 bzw. X20 für eine kleinere Digitalkamera mit Autofokus angeboten und bei den „kleineren“ optischen Suchern war und ist der optische Sucher der Fuji X10 davon letztlich wohl der beste.

(Anmerkung 2018: Hier eine kleine Ergänzung dazu)

 

Was würde Henri Cartier-Bresson heute nutzen?

Wenn ich mir nun anschaue, was aktuell auf dem Markt verfügbar ist, dann wäre für mich die Wahl klar.

Foto: Michael Mahlke Lumix TZ71

Foto: Michael Mahlke Lumix TZ71

Es wäre unter technischen Gesichtspunkten und der Bequemlichkeit, wenn man unterwegs ist, eine Panasonic Lumix TZ-71.

Da diese Digitalkamera ein Leica-Objektiv hat, wären alte Namen und neue Möglichkeiten hier taschenfreundlich vereint.

Auch das Design ist fein.

Und man kann neben allen klassischen und fortschrittlichen Techniken sogar mit Sucher manuell sehr detailliert scharfstellen mit elektronischer Hilfe. Nur die Olympus Stylus 1 ist besser aber auch etwas größer. Sie hätte ihn vielleicht auch interessiert. Ohne Sucher aber mit der Möglichkeit einen Sucher aufzustecken könnte es auch die Ricoh GR mit dem APS-C Sensor sein, weil die auch klasse für Street ist.

 

Hätte Herr Cartier-Bresson meine Meinung geteilt?

Es bleibt offen, ob Monsieur Cartier-Bresson sich aus sozialen Gründen als reicher Mann dann nicht doch lieber eine teurere oder größere Kamera gekauft hätte. Wahrscheinlich hätte er sie sogar geliehen oder geschenkt bekommen.

Aber für Reportage und Street und schnelle Schnappschüsse unterwegs ist die Lumix TZ-71 eine gute Wahl.

„Alles dran und alles drin“ stimmt wirklich.

Das liegt vielleicht auch daran daß es nicht die erste Kamera in der Serie ist und Panasonic auch Erfahrungen integriert. Sie ersetzt in meinen Augen auch eine so gute Kamera wie z.B. die DMC-FZ150, die im Bereich der Bridgekameras bis heute wirklich gut ist. Ich persönlich würde sogar noch schwanken zwischen der Lumix TZ-71 und der DMC-LF1 alias Leica C.

Na gut!

Andere leichte, technisch und optisch ausgereifte und flexible Kameras mit Sucher wären sicher auch möglich und wenn ich den Artikel in fünf Jahren noch mal schreiben sollte, würde das Ergebnis sicher wieder neu ausfallen.

Aber wer kennt dann noch seinen und meinen Namen und stellt sich so eine Frage?

Vielleicht mehr als man heute meint.

Wer weiß!

Die Kamera ist sicherlich nicht die beste Kamera, um eine Kartoffel zu fotografieren oder eine Handtasche und dafür dann 1 Million Dollar zu erhalten.

Dafür muß die Kamera wohl teurer sein.

Aber sie ist gut genug um das Soziale im Ablauf von Begegnungen, Momenten und dem Leben festzuhalten. Dafür gibt es dann aber nicht so viel Geld – aber mehr Leben.

Da man nach dem Leben und dem Sterben im Himmel alle Menschen wiedertrifft, werde ich dann die Gelegenheit nutzen, um Monsieur Henri Cartier-Bresson selbst zu fragen. Ich hoffe es dauert noch ein Weilchen, aber wenn es so weit ist, bin ich auf seine Antwort gespannt.

Nun hoffe ich, daß ich in fünf Jahren (heute ist 2016) den nächsten Artikel mit dieser Frage schreiben kann – ich bleibe dran.

Der Fall der Fuji X10 – oder von der Leica CL zur Fuji X10

Foto: Michael Mahlke

Die Leica CL war meine Lieblingskamera von Leica. Sie hatte für mich die richtige Größe und Griffigkeit und ich habe viele Jahre gehofft, dass es einen digitalen Nachfolger gibt. Mir gefällt die Leica CL immer noch. Aber Leben heisst nun mal Veränderung. Mittlerweile habe ich meine Leica CL in die guten Hände eines Analogfotografen abgegeben und hoffe, dass er ebenso viel Freude damit hat wie ich sie hatte.

Ich habe mit der Fuji X10 nun meinen persönlichen Nachfolger für die Leica CL gefunden nachdem die Probleme am Sensor (WDS) in den neu produzierten Kameras behoben worden sind. Da ich der Fuji X10 zunächst eher kritisch gegenüberstand, habe ich sie aus meiner Sicht auf Herz und Nieren in der Praxis geprüft und möchte nun meine praktischen Erfahrungen hier niederschreiben.

Bildqualität – Kleinbild gegen 2/3 Sensor der Fuji X10

Die Leica CL war eine Kleinbildkamera, so wie alle Filmkameras Kleinbildkameras (= Vollformat digital) waren. Und sie war robust und hatte einen optischen Sucher.  Die Fuji X10 hat einen 2/3 Sensor.

Aber ehrlich gesagt entspricht für mich die digitale Bildqualität  der Qualität der früheren Kleinbildfilme. Und durch die Möglichkeit der digitalen Nachbearbeitung sind für mich mit dieser Kamera problemlos Ausdrucke bis A4 oder A3 möglich. Abgesehen davon bin ich persönlich nicht mehr ein bedingungsloser Verfechter des Vollformates/Kleinbildformat. Mir gefallen Fotos mit APS-C Größe oder MFT ebenso gut und nun ist der 2/3 Sensor gut genug, um das zu leisten, was er soll: beherrschbar gute Fotos zu machen auch bei schlechterem Licht.

Und bei einer kompakteren Kamera ist der 2/3 Sensor eigentlich die Antwort auf die meisten Probleme der 1/2,3 Sensoren. Was die 1/1,7 Sensoren nur teilweise lösten (wie z.B. Probleme der Detailtreue bei höheren ISO), hat zumindest Fuji mit dem EXR-Sensor in meinen Augen gut gelöst, nachdem das Problem der weissen Scheiben durch neue Sensoren gelöst worden ist. Ich erinnere in diesem Zusammenhang noch einmal an den Artikel „Wieviel Pixel braucht der Mensch?“.

Davon abgesehen stört mich persönlich etwas Rauschen nicht. Mich stört viel mehr der Verlust von Details in eher konstrastarmen Bereichen oder Unschärfe in scharf fokussierten Bereichen.

Messsucher gegen optischen Sucher

Der Messsucher der Leica CL  ermöglicht das Scharfstellen innerhalb des Suchers. Das ging mehr oder weniger genau aber es ging meistens ganz gut. Bei der Fuji X10 war ich skeptisch, weil in dem Sucher keine Anzeige ist und die Scharfstellung durch eine kleine LED rechts daneben erfolgt. Ich fokussiere einfach mittig und muss sagen, wenn die kleine LED grün wird, dann werden die Fotos auch scharf. (Aber: die Fuji X10 ist keine X100 mit dem großartigen Sucher. Nur ist die X100 einfach wesentlich größer und nicht so flexibel wie die X10.)

Geschwindigkeit

Mit der Leica CL war Fotografieren so wie man es analog kennt. Am Objektiv vorne fokussieren bis es im Messucher scharf ist (mit dem Schnittbildentferungsmesser), dann fotografieren und danach den Film weiterziehen. Bei der Fuji X10 ist es anders. Ich habe das Gefühl einen enorm schnellen und treffsicheren Autofokus zu haben, also einfach gucken, drücken und schon wieder gucken und drücken. Das Speichern in RAW und JPG geht sehr schnell und im Serienbildmodus natürlich noch schneller.

Foto: Michael Mahlke

 

Handling und Griffigkeit

Wie bei der Leica CL kann man auch bei der Fuji X10 so ziemlich alles von Hand einstellen an den aussen sichtbaren Rädchen. Das geschieht sehr schnell. Bei der Fuji X10 führt das Drehen des Objektives dazu, dass die Kamera eingeschaltet wird und die Kamera bereit ist. Die Fuji X10 ist etwas kleiner als die Leica CL.

Sie liegt gut in meinen Händen. Zudem kann man sie mit beiden Händen auch anfassen – so fotografiere ich am liebsten – und das Gehäuse ist nicht so dick. Bei so gut wie allen anderen digitalen Kameras in dieser Größe war es immer so, dass das Objektiv so weit auf der linken Seite war, dass meine linke Hand als zweite Hand nicht richtig zupacken konnte. Das hat Fuji geändert, so dass auch hier dasselbe Handling möglich ist wie bei meiner Leica CL.

Foto: Michael Mahlke

 

Weitere Vorteile der Fuji

Die Fuji X10 löst bei mir nicht nur die Leica CL aus den bisher genannten Gründen ab sondern hat darüber hinaus noch viele andere Vorteile. Und das hängt einfach mit der digitalen Welt zusammen. Die Fuji X10 hat den Monitor und man kann entweder den Monitor zum Fotografieren nutzen oder man kann direkt nach dem Fotografieren die Bilder anschauen.

Sie hat die eingebauten Filmsimulationen und sie hat den EXR-Sensor. Da reichen dann auch 5 bis 6 Megapixel im EXR-Modus, um in speziellen schlechten Lichtsituationen noch Bilder zu machen, die so mit einem analogen Film kaum möglich gewesen wären.

Darüber hinaus gibt es für mich persönlich noch andere Gründe, um die Fuji X10 als vollwertigen Ersatz für die Leica CL zu sehen.

Der wichtigste Grund ist: es macht mir endlich wieder so viel Spaß zu fotografieren wie ich mit der Leica CL hatte.

Für mich hat das Fotografieren auch viel mit dem Gefühl der Richtungsgebung zu tun, welches ich durch das doppelseitige Anpacken und den Sucher habe. Hinzu kommt, dass ich als Brillenträger mich bisher bei digitalen Kameras ausser bei DSLRs weitgehend vernachlässigt fühlte, weil der Monitor mir bei kritischen Situationen nie das Gefühl gab, sicher zielen und treffen zu können.

Und es hat etwas mit dem – aus meiner Sicht – sehr treffsicheren Autofokus zu tun. Ich habe bisher kaum unscharfe oder falsch fokussierte Fotos mit der Fuji X10 gehabt.

Ich glaube, dass die Fuji X10 eine gute Antwort auf die Anforderungen der klassischen Strassenfotografie des 21. Jahrhunderts ist. Sie ist darüber hinaus auch eine Antwort auf die Frage nach einer kleinen und guten Reportagekamera. Als Familienkamera würde ich sie nicht unbedingt nutzen.

Und sie vermittelt in einer aus den Fugen geratenen Welt den Eindruck, dass nicht alles, was früher gut war, heute automatisch schlecht ist, sondern dass das wirklich Gute eben nicht nur neu sondern auch gut ist und dabei das Bewährte sinnvoll um das Neue erweitert wird.

Konrad Lorenz schildert – wenn ich mich richtig erinnere –  in seinem Buch „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ wie schwer es ihm fiel, etwas Altes abzugeben, weil es ein Stück von ihm selbst wurde und wie lange es gedauert hat, bis etwas Neues den Platz einnehmen konnte.

So war auch bei mir die Suche nach einer neuen Kamera lange Zeit nicht zufriedenstellend. Abgesehen davon spielt – zumindest bei mir – auch Geld eine Rolle, denn eine teure Kamera, die so teuer  und evtl. persönlich wertvoll ist, dass sie gehütet wird wie ein Schatz, wäre für mich emotional und finanziell inakzeptabel.

Eine Kamera ist ja kein Liebesersatz sondern ein fotografisches Instrument. Und auch da zeigt Fuji mit der X10, dass eine gute Kamera für den fotografischen Alltag (wie ich ihn verstehe) zu einem akzeptablen Preis auf den Markt kommen kann.

In diesem Sinne „Tschüss Leica“ und „Hallo Fuji“!

Nachtrag am 22.07.2012:

Ich habe die erste Kamera, die auf den Fotos zu sehen ist, zurückgegeben und mir einige Monate später eine neue Fuji X10 mit einem fehlerbereinigten Sensor gekauft. Das Ergebnis ist nun überzeugend für mich. Sie finden es hier. Aber die Kommunikation der Firma Fuji mit ihren Kunden beim Problem der WDS, die ich erlebt habe, hat mich sehr enttäuscht.

Zudem bin ich fest davon überzeugt, dass es nur der weltweiten Nutzung von Social Media über Monate zu verdanken ist, dass dieses Problem überhaupt gelöst wurde.

Ich traue jetzt der Kamera, weil sie einigermassen ausgereift erscheint. Aber insgesamt bin ich nach den Erfahrungen mit Fuji sehr zurückhaltend geworden und werde mir zukünftig erst Kameras kaufen, wenn sie mindestens ein Jahr auf dem Markt sind.

Text Version 1.4

Der Abschied vom Messsucher

Früher war es das Element für meditative Ruhe in der Fotografie. Heute habe ich Abschied davon genommen – nicht von der Ruhe sondern vom Messsucher.

Wir alle wissen ja, dass Leica M Kameras benutzt werden müssen, damit sie nicht verharzen. Also nahm ich heute meine M6 und machte ein paar Fotos. Dabei fiel mir auf, dass ich schon länger nicht mehr ernsthaft mit dem Messsucher und dem gekoppelten Schnittbildentfernungsmesser fotografiert hatte.

Doch es war ein Abschied. Was mir früher zur Bildgestaltung so sehr gefallen hatte, ist nun etwas Besserem gewichen, der Fuji X100. Ja, die richtige Belichtung mit Hilfe zweier roter Dreiecke zu finden war schön bei der Leica M6. Und dann das Scharfstellen mit dem Schnittbildentfernungsmesser.

Aber irgendwie ist der optische Sucher der Fuji X100 einfach augenfreundlicher für mich. Je mehr ich durch die Leica schaute und dann die Fuji nahm, desto mehr bestätigte sich mein Eindruck.

Es hat etwas Neues begonnen. Es ist für mich weniger eine Frage der Technik als eine Frage des Sehens. Das meditative Sehen ist mit der Fuji ebenfalls gegeben.

Wenn ich nun im direkten Vergleich den Messsucher der Leica M6 TTL nehme, den elektronischen Sucher der Panasonic G2 und den optischen Sucher der Fuji, dann ist meine Wahl klar: es ist der optische Sucher der Fuji.

Die Leica ist nun wieder in der Tasche und wartet – wohl aufbewahrt – auf ihren nächsten Service durch mich.

Ich gebe aber zu, dass ich mit der neuen Leica M9-P noch nicht gearbeitet habe. Insofern ist meine Meinung an dieser Stelle auf der Grundlage der M6 TTL gebildet worden.

Die Zeit wird zeigen, ob sich meine Meinung festigt oder durch neue Sucher neue Bewertungen auftauchen.

Von der Leica zur Ricoh

Blick durch den Messsucher der Leica M6

Blick durch den Messsucher der Leica M6

Was macht man eigentlich, wenn man nicht das Geld hat, um sich eine Leica M8 oder M 8.2 oder M9 zu kaufen?

Da die Leica und Henri Cartier-Bresson zusammenhängen, hat die Leica immer bei dieser Art der Fotografie automatisch einen hohen Platz. Nun spielt die Leica bei den heutigen Reportern offenkundig nicht mehr die Rolle, die sie früher hatte. Dies hat einfach mit technischen Fragen zu tun. Die besseren Sensoren, die stärkeren Teleobjektive, die Matrixmessung, der schnelle Schuss. Alles dies haben die heutigen Digitalkameras von Nikon, Canon, Pentax, Sony etc.

Ich empfehle jedem, der sich für das Gefühl der Fotografie im Sinne von Cartier-Bresson interessiert, sich eine Leica M6 oder M7 auszuleihen mit einem Film und dann damit einen Tag durch die Stadt zu gehen und zu fotografieren. Dabei wird sehr deutlich, dass der Schnappschuss weniger das Wesen der Leica ist. Vielmehr zwingt der Messsucher zu einer fast meditativen Ruhe, weil die Anzeige der richtigen Belichtung und die Scharfstellung beide von Hand vorne am Objektiv vorgenommen werden müssen. Diese Tätigkeiten zwingen zur exakten Ausrichtung und stoppen jede Art von schnellem Abdrücken. Aber man muß es ausprobieren. Auf www.fotomonat.de gibt es ein Video von Henri Cartier-Bresson. Dort sieht man sehr genau, was es heisst, mit dem Messsucher auf der Strasse zu fotografieren. Das muß man wollen mit dem Wissen, dass es dennoch keine besseren Fotos gibt. Man muss sich über die Grenzen des Messsuchers klar sein. Schnelle und scharfe Aufnahmen wie mit einem guten optischen Sucher bei einer Spiegelreflexkamera zu machen ist zumindest meiner Meinung nach sehr schwierig.

Dennoch wollen viele Menschen sich eine Leica kaufen. Spötter sprechen von der Zahnarztkamera, andere haben einfach die Geschichte dieses Namens im Kopf. Im Zeitalter der digitalen Fotografie kommt hinzu, dass Optik und Sensor zusammen wesentlich für die Bildentwicklung sind. Insofern ist der Sensor mindestens ebenso wichtig wie die Optik. Die Leica M8/M9 bleibt dabei die Kamera der Tradition. Ob sie für Strassenfotografie im 21. Jahrhundert aber immer noch erste Wahl ist, darf bezweifelt werden. Denn es gibt heute Kameras, die leiser sind, die schneller sind, die schneller fokussieren, die kleiner sind, deren Sensoren besser sind etc.

Rüdiger Abele kommt in der FAZ am 15.2.09 in seinem Artikel über die Leica zu folgendem Schluss:“Die M8.2 lebt in einer eigenen Nische…. Die M8.2 ist …verglichen mit einer Digitalkamera, immer noch laut. Diese (die Digitalkameras, M.M.) sind heute erste Wahl, wenn man wirklich unauffällig und leise fotografieren möchte.“

Aber im Jahre 2010 kommt offenkundig wieder mal Bewegung in die Welt der Sensoren, Optiken und Kameras. Es bleibt eine Zeit mit vielen Möglichkeiten, sehr viel Geld auszugeben. Die Zeit der Sensorfotos hat begonnen, man darf gespannt sein.

Bleibt die Frage der Unauffälligkeit, des leisen oder lautlosen Auslösens, der Kompaktheit. Da sind Kompaktkameras eben lautlos. In meinen Augen ist die einzige Nicht-Spiegelreflexkamera mit einer fast lautlosen Auslösung und einem richtig grossen Chip die Sony DSC-R1, nun gefolgt von der Nikon D5000 mit einem nicht so leisen, aber sehr viel leiseren Modus und dann kommen die M-Leicas. Offenkundig ist die Frage des Auslösegeräusches noch nicht überall DAS Thema, vielleicht auch, weil normale Digicams schon lautlos sind.

Mich hat ein guter Strassenfotograf darauf gebracht, wie man gute Fotos auch ohne Leica machen kann. Man kaufe sich eine Ricoh GR Digital oder Ricoh GX200. Der Fotograf, der mir dies sagte, hat mit solchen Kameras Fotos für seine Bücher gemacht und veröffentlicht. Er erzählte, dass diese kleinen Kameras lautlos, schnell und bezahlbar sind – bei erstklassiger Bildqualität.

Ich habe es getestet und es hat sich gezeigt, er hat recht. Wer also keine 5000 Euro oder mehr für ein Leica M8.2/9 Gehäuse hat, der kann mit einer Ricoh GX 200 locker auch glücklich werden, zumal der Preis bei ca. 360 Euro liegt. Mir persönlich gefällt bei der Ricoh GX 200 die auch von der Bedienung her gut gelöste Möglichkeit, die Blende vorzuwählen und zugleich manuell die Fokussierung vorzunehmen – aber das ist Geschmackssache.

Es gibt auch noch die Alternative der Panasonic LX3, jetzt LX5, die auch als Leica-Variante gehandelt wird. Das ist ebenfalls eine schöne Kamera, die mit einem optischen Aufstecksucher und 24mm Rahmen veredelt werden kann. Für Streetphotography bzw. Strassenfotografie ist meiner Meinung nach die Ricoh GX200 eindeutig die bessere Wahl. Mittlerweile gibt es im Jahr 2010 noch viel mehr Kameras (z.B. die Powershot G11/G12, die Powershot S90/95, die Ricoh GXR, die Fuji Finepix F70EXR bzw. F200EXR, die Olympus Pen 1+2, Panasonic GF1, Sony mit der WX1 etc.). Aber ob sich diese Kameras besser für Streetpix eignen bleibt Geschmackssache. Die Antwort auf diese Frage hat den Vorteil noch eine Menge schöner Diskussionen führen zu können.

Und vor kurzem hat nun Panasonic den Schnappschuss technisch neu erfunden. Mit der Panasonic G2 kommt eine neue Technik des Fotografierens auf den Markt, allerdings nicht lautlos.

So bleibt für den kleineren Geldbeutel zumindest eine Auswahl an Kameras übrig. Vielleicht sogar die bessere Entscheidung – wer weiß?

Einen anderen Aspekt möchte ich auch noch benennen. Bei aller Liebe bleibt es ein Problem bei schlechten Lichtverhältnissen schnelle und scharfe Schnappschüsse zu machen – selbst mit Optiken, die mit Blende 1,8 arbeiten. Wer mal probiert hat in einem kaum beleuchteten Raum mit ISO 3200 oder 6400 und Blende 1,4 oder 1,8 ein scharfes Foto von sich bewegenden Menschen zu erhalten, der weiss, was ich meine. Was will ich damit sagen? Ganz einfach: wir sind noch nicht mal technologisch so weit, dass die wirklichen Bedürfnisse der Available Light Fotografie mit einer bezahlbaren mittelgrossen Digitalkamera erfüllt werden können. Da bleibt also noch eine ganze Menge zu tun bis ein grosser Chip in einem kleinen Gehäuse mit gutem optischen Sucher und wenig Rauschen gute Fotos macht und nicht mehr als 500 Euro kostet – das wäre ein echtes technologisches Alleinstellungsmerkmal mit einem riesigen Käuferpotential.

Doch um auch die letzte Wahrheit auszusprechen, müssen wir noch einmal auf den so geschätzten Henri Cartier-Bresson kommen. Oft diskutiert und auch belegt im l-camera-forum wird dann eine uns nachdenklich machende Information: wussten Sie, dass Henri Cartier-Bresson offenkundig auch mit der Leica Minilux fotografierte?

Nun streiten sich die Gelehrten der Leica-Zunft darüber, ob gerne, ob oft, ob ob ob. Er hat aber.

Und wenn man dann ab und zu das Gefühl eines Messsuchers haben will, dann kaufe man sich eine gebrauchte analoge Leica CL oder eine Voigtländer Bessa und fotografiere ab und zu mit einem Film. Das kostet knapp 500 Euro und gibt einem alle originalen Erlebnisse zurück.

So und wenn ich den Artikel jetzt rückblickend lese, dann könnte er auch heissen, wie spare ich 5000 Euro….

Nachtrag Mitte 2011:

Blick durch den Sucher der Fuji X100

Mittlerweile gibt es von Ricoh das GXR-Modul-System und von Fuji die X100. Die X100 hat wiederum einen anderen und in meinen Augen optisch besseren Sucher. Sie ist aber ziemlich groß für Strassenfotografie unter den aktuellen sozialen Konditionierungen. Hinzu kommen die Sony Kompaktkameras mit der „überlegenen Vollautomatik“ und neue Kameras von Panasonic, Olympus, Pentax etc.. Es gibt auch von Leica die X1 und die M9-P und ein Bündnis von Leica mit Magnum. Aber für mich sind die Leicas eher etwas für die Liebhaber des Messsuchers oder Prestigeobjekte, statt sehr effektiv und praktisch für die Strassenfotografie der heutigen Zeit zu sein. Das meine ich nicht negativ, da Oldtimer fahren auch ein schönes Hobby ist. Aber mir geht es hier rein um die Frage, welche Kameras für Streetphotography unter den aktuellen sozialen und juristischen Bedingungen die beste Wahl sind.

So, und wenn Sie nun noch wissen wollen, womit ich aktuell am liebsten Streetphotography mache (in absteigender Reihenfolge): Sony TX5 (im Regen), Ricoh GXR S10, Nikon D3100, Olympus E-PL1 mit 14mm/F2.5, Fuji X100, Ricoh GX200 – und das, obwohl ich auch die Nachfolger – soweit vorhanden – und andere Kameras schon getestet habe.

Warum? Weil mir die

  • Schnappschussfähigkeit,
  • das leise Auslösegeräusch und
  • die Unauffälligkeit
  • bei guter Bildqualität und guter
  • Haptik (=Griffigkeit)

am wichtigsten sind.

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