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Agenten der Bilder von Annette Vowinckel

Vowinckel

Vowinckel

Für das Buch braucht man eine Woche, dafür spart man sich hundert Jahre. Das ist ein ziemlich gutes Geschäft.

„Gegenstand dieses Buches ist … die Erforschung der visuellen Dimension von Politik unter den spezifischen Bedingungen des 20. Jhrdts…. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Historiker besser qualifiziert sind, die Geschichte der Öffentlichkeit und vor allem die Geschichte von Institutionen wie Presseorganen, Bildagenturen und Zensurbehörden zu erforschen als die Kollegen aus der Kunstgeschichte.“

Das ist doch mal eine Ansage.

Und so geht Frau Vowinckel los und hat sich einen Überblick über Archive, Bestände und Arbeitsmöglichkeiten verschafft und dann eine Auswahl, ihre Auswahl, getroffen. Diese wird systematisch und nachvollziehbar dargestellt.

Sie schaut nach dem Fotografischen Handeln, weil dies „ein Spezifikum der Moderne (ist), das seine volle Wirkungsmacht mit der Möglichkeit der massenhaften Reproduktion, genauer – der Reproduktion in Massenmedien, entfaltet.“

Das klingt alles akademisch und wissenschaftlich und ist es auch. Aber auf der Strecke durch das Buch wird es oft lesbarer.

Sehr beeindruckt hat mich ihre Schilderung der Anfänge der Fotojournalisten, die sich von Fotografen dadurch unterscheiden, daß sie draussen und/oder unterwegs sind und zu Ereignissen gehen – im Gegensatz zum Fotografen. Möglich geworden war dies durch kleine Kameras.

Es war kein Lernberuf sondern Learning by Doing und eine Chance für viele Emigranten nach der Vertreibung durch die Nazis oder Faschisten selbst Geld zu verdienen. Arbeiter,  rassisch oder religiös Verfolgte und Migranten dominierten.

Weil es eine neue Art war, Geld zu verdienen, war dieser Bereich auch noch nicht sozial durch die traditionellen Eliten besetzt und vieles möglich.

Heute wird man dies nicht mehr aus der Not heraus sondern eher weil man keine Not hat und es sich leisten kann die Kurse zu besuchen, die als Eintrittsbillett fungieren in die eher abgeschlossene Welt des Journalismus, würde ich ergänzen.

Aber das ist ein anderes Thema.

Die genaueste Landkarte ist so groß wie das Land, das sie darstellen soll. Das hat Frau Vowinckel sinnvollerweise vermieden und schildert in großen Kapiteln ihr Thema in dem Wissen, daß „die Auswahl der Quellen in gewissem Maß willkürlich ist“ und mancher Recherche durch „mangelnde Sprachkenntnisse“ Grenzen gesetzt wurden.

Aber die großen Linien sind klar herausgearbeitet und wer mehr will, der kann die Anmerkungen und Verweise ja selbst noch aufsuchen.

Bei ihr finden sich auch Texte über die Protokollfotografen, die wir auch heute noch täglich sehen, wenn Sie mit dicker Linse große Fotos von Merkel und Co aufnehmen.

Sie nennt es Fotografie im Staatsdienst und meint damit nicht polizeiliche Tatortfotografie sondern die staatliche Bilddarstellung.

Protokollfotografen haben oft das einfachste Geschäft und sind zudem meist völlig staatstragend bis zur Apathie ohne kritischen Bildwert. Das gilt für die Bundesregierung ebenso wie für die USA.

„Echte“ Fotojournalisten lebten da anders. Sie mußten immer rumreisen und waren als Kriegsfotografen natürlich extrem belastet. Aber die Mehrheit der Fotojournalisten war nicht im Krieg sondern war irgendwo vor Ort – ganz entspannt.

Frau Vowinckel beschränkt sich komplett auf das 20. Jhrdt. betont aber zugleich: „… dass das Goldene Zeitalter des Fotojournalismus mit dem Aufstieg des Fernsehens zum Leitmedium und der Einstellung von Magazinen wie Picture Post oder Life zu Ende (ging), halte ich für falsch. Noch heute gibt es einen Großen Markt für Fotoreportagen und die Preise für journalistische Fotografien sind nicht linear gesunken, sondern punktuell stark gestiegen.“

Insofern lohnt es sich darüber nachzudenken, wie aktuell das Buch für heute ist und ob ihre Ansicht so stimmt.

Sie zeigt uns wie vielfältig die Bilderwelt jenseits von Magnum war und verbreitert durch das geschilderte Mosaik ungemein den Blick. Sie leuchtet in die Staatspropaganda und die Bildagenturen wie AP, die es durch die Nutzung von Übertragungsleitungen schafften, weltweit besser als andere zu sein.

Sehr viele englische Zitate zeigen, dass der Aufstieg der Fotoagenten wesentlich vom anglo-amerikanischen Markt geprägt war.

Frau Vowinckel versucht immer wieder diese Sichtweise um andere Aspekte zu ergänzen, wenn sie über Themen wie Fotojournalismus in Afrika, Fotojournalismus und FBI, Fotografie in der DDR zwischen Stasi und subversiven Aufnahmen eigene kleine Kapitel einstreut. Das läßt Bewußtsein wachsen und zeigt, daß es mehr gab als wir je erfahren werden und ihre „Fallbeispiele“ werden so konkret wie eine Tiefseebohrung. um mich plastisch auszudrücken.

Sie schließt das Buch mit einem brillianten Abschlußkapitel, das ich hier nicht wiedergebe bis auf eine Frage von ihr, um die Neugier zu erhöhen:

„Was für Bilder hätten das 20. Jhrdt. geprägt, wenn Fotojournalisten akademisch gebildete, von Konkurrenzdenken und individuellem Leistungsstreben getriebene Stubenhocker gewesen wären?“

So wie heute?

Das Buch ist einfach klasse.

Es ist im Wallstein-Verlag erschienen.

Annette Vowinckel

Agenten der Bilder

Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert
Reihe: Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte (hg. von Jürgen Danyel, Gerhard Paul und Annette Vowinckel); Bd. 2

ISBN: 978-3-8353-1926-4

Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel von Gerhard Paul

Gerhard Paul hat es geschafft.  Sein Buch zur visuellen Geschichtsschreibung ist wunderbar und großartig.

Warum?

Das Buch ist wunderbar, weil es sich einer Sprache bedient, die jeder verstehen kann ohne studiert zu haben und die dennoch fachlich angemessen ist.

Und das Buch ist großartig, weil er einen großen Wurf machte und genau getroffen hat.

Er zeigt wie das Bild den Text als vorherrschendes Medium ablöste und alles veränderte.

Und er zeigt wie sich ein neuer Persönlichkeitstypus entwickelt hat, der visual man. Da hätte ich mir lieber den visuellen Menschen gewünscht, aber das ist ja gemeint.

Alles fing mit Bertha Röntgen an, der Ehefrau von Wilhelm Conrad Röntgen. Paul zeigt uns das Röntgenbild der rechten Hand von Bertha Röntgen und nimmt es als Symbol für die entscheidende Veränderung der Bilderwelt.

Röntgenbilder „verschoben die Grenzen zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren und sie stellten die herkömmlichen Codes wissenschaftlicher und künstlerischer Abbildungstechniken in Frage.“

Von der neuen Sachlichkeit über Fotomontagen bis zu den Surrealisten wie Dali wird vor uns die Geschichte der Bildermacht ausgebreitet, die uns bestimmt, gegen die wir uns wehren, die wir bekämpfen und die uns immer mehr beschäftigt – ob wir wollen oder nicht.

Wir sind mittendrin.

Bilder bestimmen unser Leben.

Das war 1800 noch nicht so. Aber heute ist es so.

Gerhard Paul zitiert Bazon Brock: „Wenn man heute auf einem größeren Flughafen wie etwa München landet, hat man zeitgleich siebenhundert visuelle Impulse zu verarbeiten. Da man die Augen nicht schließen kann, während man auf sein Gepäck wartet, ist man dem Terror von siebenhundert parallel geschalteten Bildbewegungen ausgesetzt. Jeder Wahrnehmungspsychologe kann bestätigen, dass das ungefähr der Belastung von Feuerüberfällen im Schützengraben entspricht.“

„Bildertsunami“ ist also keinesfalls übertrieben.

Aber wer merkt es noch?

Wenn man damit aufgewachsen ist, dann ist dies unsere „Normalität“, die „Norm“ des visuellen Menschen.

Gerhard Paul ist Historiker und zeigt uns daher die Entwicklungen und den jeweiligen visuellen Zeitgeist. Er nutzt dazu „Bildzitate“, das sind viele kleine Fotos von Fotos, Plakaten, Zeichnungen, Malereien etc.

Wie soll man auch sonst Bilder zitieren, wenn man sie nicht zeigen kann? In diesem Fall eines wissenschaftlichen Werkes scheint es geregelt aber grundsätzlich ist diese Frage bestimmt noch offen, wenn man Journalistenverbände fragen würde. Doch dies gehört  hier nur als Thema der Zeit rein, es ist eine ungelöste Frage im visuellen Zeitalter.

Der visuelle Mensch nimmt seine Zeit, seine Mitmenschen und seine Welt dann anders wahr als es noch zu Gutenbergs Zeiten war. Er kommuniziert auch anders.

Paul gelingt es mit einem großen Schnitt die Zeitachse thematisch sinnvoll aufzuspalten und das Buch in abgeschlossene und sehr klar strukturierte Kapitel zu unterteilen von 1839 bis 1919, 1918 bis 1933, 1933 bis 1945, 1945 bis 1949, 1949 bis 1989 jeweils BRD und DDR, ab 1989/90.

Daraus wird ersichtlich, daß er sich an den politischen Ereignissen orientiert. Und es wird auch deutlich, daß Politik und Bilder untrennbar zusammengehören. Was zu sehen ist, ist da und kann wirken. Was nicht da ist, kann nicht in die Köpfe. Ob und wie es dann in die Köpfe kommt war in jedem Zeitabschnitt anders. Da lohnt sich jedes einzelne Kapitel.

Er hat überall die nötige intellektuelle Distanz und läuft meiner Meinung nach zur Höchstform auf je mehr er sich der Gegenwart nähert. Er zeigt Zusammenhänge auf, die bis in die aktuelle Politik reichen und berührt oft eher ungewollt die Gegenwart, wenn er zeitgeschichtliche Entwicklungen anspricht.

Im Kapitel über die DDR weist er auf eine Medienkompetenz hin, die westdeutschen Blicken fehlt:

„Nicht zuletzt Eduard von Schnitzler und sein Schwarzer Kanal hatten den Visual Man in der DDR gelehrt, dass die televisuellen Bilder nichts als bloßer Schein und böse Propaganda waren. Die beständig in konträren Bildwelten lebenden DDR-Bürger entwickelten im Laufe der Jahrzehnte daher einen kritischen Blick (Karin Hartewig), eine Art Bildkompetenz, die sie sowohl den westlichen als auch den östlichen Bildwelten gegenüber grundsätzlich skeptisch hatte werden lassen.“

Dieser Gedanke endet natürlich mitten im aktuellen politischen Geschehen und wird dort je nach Interesse ausgeschlachtet werden. Deshalb erspare ich mir jeden weiteren Kommentar.

Die Verankerung von Technik in der Alltagskultur ist mit entscheidend für die soziale Ausgestaltung einer Gesellschaft und sehr entscheidend für die Kommunikation der Menschen und der Mächtigen.

Paul schildert den Siegeszug des Fernsehens in Deutschland, der symbolisch bei der Olympiade 1972 zu sehen war.

Und er beschreibt wie Facebook seit der Gründung 2004 in zehn Jahren Kommunikationsplattform von mehr als einer Milliarde Menschen wurde mit monatlichen Fotouploads in Milliardenhöhe. Diese gigantischen Zahlen zeigen aber auch, daß visuelle Kommunikation heute ohne Technik undenkbar ist. Da würde der Schelm in mir fragen, was passiert eigentlich, wenn der Strom ausfällt für lange Zeit? Der Historiker würde dann vielleicht an die Höhlenmalereien als Einstieg und das geschriebene Wort als Aufstieg denken. Aber das ist hier kein Thema.

Gerhard Paul schildert neben den Bilderfluten auch den parallelen Aufstieg der Piktogramme und der Schilder. Je komplexer die Welt desto aussagekräftiger und unverseller mußten Symbole und Piktogramme werden.

Verkehrsschilder mussten genau so universell sein wie die Piktogramme auf den Handys. Das setzte sich fort bis in die Fotografie wie er sehr differenziert darstellt. Verkaufsfähige Fotos sind daher heute oft so abstrakt, daß sie als stockphotos universell einsetzbar sind aber jeder konkreten Aussage entbehren.

Zur Höchstform läuft er in meinen Augen im letzten Kapitel auf. Dort zeigt er die Mechanismen der Bilderwelt von heute aus ihren historischen Entstehungsbedingungen – einfach großartig wie er die Dinge offenlegt und uns die Gedanken schenkt, die unseren analytischen Blick schulen können.

„Der Golfkrieg von 1991 und der Kosovokrieg von 1999 markieren gewissermaßen den pictorial turn in der bisherigen Kriegsführung. Mit beiden Kriegen setzte sich das Bild als smart weapon (Nicholas Mirzoeff) und damit als vierte Waffengattung neben Heer, Luftwaffe und Marine durch. Es wurde integraler Bestanteil der Kriegsführung, so dass zu Recht von einem military visual complex gesprochen wurde.“

Früher wurden die Gegner getötet und dem Feind die Köpfe der Getöteten überbracht. Heute tötest du meine Freunde und dafür töte ich deine Freunde mit dem Ergebnis, daß die Bilder des Einen dann zu den Bildern des Anderen führen, die über die Netzwerke privater Konzerne dann weltweit gezeigt werden,  auch mit Werbung, als vierte Waffengattung.

Das endet außerhalb seines Buches aktuell bei Edward Snowden, der uns gezeigt hat, daß alles, was digital vorstellbar ist, auch gemacht wird, um eigene Interessen durchzusetzen.

Detailliert geht Paul auf Deutschland ein und zeigt wie aus einer Demokratie der Transparenz eine Demokratie der Medien wurde. Früher versuchte man zu zeigen wie es war, heute wird es so gezeigt wie es in die Struktur der Medien passt.

„Fakt jedenfalls ist, das sich Kanzler Schröder zwecks Mobilisierung von Aufmerksamkeit weitestgehend den Logiken der Medien anpasste, während seine Amtsnachfolgerin Angela Merkel sehr viel präziser die Bildmedien für ihre Form einer nüchternen Politikdarstellung nutzte.“

Das hat er geschrieben, bevor Merkel letztes Jahr mit Selfies die Welt nach Deutschland lockte. Aber es belegt auch, daß sie genau wußte, was sie tat oder zumindest ihre Berater.

So ist in dem Buch immer die Grenze zu spüren zwischen historischer Analyse und dem, was wir uns dann denken können, weil genau da der Historiker Paul seriöserweise aufhört.

 

Das Buch ist im Wallstein-Verlag erschienen.

Gerhard Paul
Das visuelle Zeitalter
Punkt und Pixel

Reihe: Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte (Hg. von Jürgen Danyel, Gerhard Paul und Annette Vowinckel); Bd. 01

Haben Merkel und Schröder ein Verhältnis?

Ich nehme an, es stimmt nicht. Aber da ist doch ein Foto aufgetaucht, dass dies auf den ersten Blick vermuten lassen könnte.

Sie finden es hier.

Sicherlich haben Sie es ebensowenig geglaubt wie ich als ich dieses Foto sah.

Aber das ist die Augenzeugenillusion. Man hat es ja mit eigenen Augen gesehen.

Und an dieser Stelle ist dann die Fragewichtig , worankenne ich die Wirklichkeit?

Ich sehe Angela Merkel und Gerhard Schröder im Boot zusammen kuscheln.

Aber ich weiß, es kann nicht stimmen.

Heute leben wir in einer Welt, die voll ist mit diesen Illusionen.

Und Politik nutzt dies aus.

Man fliegt auf einen Eisberg, um zu zeigen, man tut was. Es ist nur ein Bild im Kopf geblieben.

Es gibt jeden Tag Beispiele für diese symbolische Politik. Es geht um Bilder, die als Beruhigungspillen dienen.

 

 

Angela Merkel als Nazi

Was man in Deutschland nicht zeigt aber dennoch von Deutschland aus zu sehen ist, findet man im Internet. Auf der letzten Demonstration in Griechenland wurde auch deutlich, wie unterschiedlich die Sichtweisen sind. Während in Deutschland alles-ist-gut medial vorherrscht, kämpfen in Griechenland die Armen dagegen, dass sie die Zeche für die Reichen bezahlen müssen.

Dazu gehören auch starke Fotos. Ein Foto sehen Sie hier. Es zeigt eine Demonstration und einen Mann, der u.a. ein Schild hochhält mit Angela Merkel als Nazi bzw. in Naziuniform.

Dieses Foto erzählt mehr als eine Geschichte. Es ist einerseits visuelle Soziologie und andererseits ein Zeitdokument. Es zeigt aber auch, dass die deutsche Geschichte nicht vorbei ist sondern bis in die Gegenwart wirkt. Die Sparpolitik ist sicherlich eine absolut asoziale Angelegenheit. Sie hat allerdings nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun. Aber vielleicht sind es auch alte Wunden, die nun noch einmal aufgesprungen sind.

Fotografisch ist es allerdings ein starkes Foto, das viel erzählt und viel Raum für Deutungen läßt. Es geht in dem Foto auch gar nicht um Angela Merkel in Naziuniform, das ist nur der Aufhänger. Vielmehr sieht man einen Mann, der seine politischen Aussagen durch das Symbol der Henkerschlinge um seinen Hals, das Angela-Merkel-Schild und ein Plakat zeigt. Das Foto ist insgesamt sehr erzählfreudig, so dass man mit einem Blick viele Geschichten finden kann.

Demotix ist eine Agentur für freiberufliche Fotografen (freelancer). Wenn Sie dort einmal wöchentlich nachschauen, sehen Sie alles das, was in Deutschland in den Medien nicht zu sehen ist.

Sie sehen dort auch, wie interessant Reportage- und Dokumentarfotografie sein kann.