Tag Archive for Martin Parr

EU-Datenschutzrecht – wird das Fotografieren bald verboten?

Foto Mahlke

Das Ende der Fotoindustrie steht bevor könnte man meinen. Mit dem Untertitel „Neues EU-Recht bedroht ungestellte Bilder“ schreibt Hendrik Wieduwilt in photonews 4/18 folgendes:

„Wer künftig auf den Auslöser drückt, beginnt einen Datenverarbeitungsvorgang…. Noch vor dem Schuss muss die Person einwilligen … und zwar nachdem der Fotograf … informiert hat… Damit ist sämtliche Fotografie ungestellter Szenen von Event-, Straßen- oder Hochzeitsfotografie verboten – oder kann sich jemand vorstellen, 300 Hochzeitsgästen rechtssichere Einwilligungen abzuverlangen?“

Postcards von Martin Parr

CIMG4088

Soziale Gebrauchsweisen der Fotografie pur – so würde ich das Buch umschreiben. Martin Parr hat einige Bücher mit Postkarten herausgegeben. Alle sind wunderbar. Dieses Buch hier hat den Vorteil, verschiedene Themen zu vereinigen.

Man sieht in gewisser Weise die Veränderung der Funktion.

Am Anfang werden Postkarten als Fotos mit Informationsgehalt verschickt über Unfälle, Unglücke.

Es sind Dokumentationen von Ereignissen, die ziemlich viel zeigen, oft wie ein Passepartout.

Dann kommen die Werbefotos hinzu: Essen, Auto, Urlaub.

Das Inhaltsverzeichnis listet verschiedene Themen auf:

CIMG4089

Je nach Stand der Technik wurden Postkarten für unterschiedliche Zwecke genutzt.

Im Prinzip ist das verschickte Foto von heute in sozialen Medien die elektronische Postkarte von damals, weil sie genau so viele verschiedene Zwecke erfüllt wie früher.

Am Anfang war die Postkarte fast eine monopolartige Information über Ereignisse oder Orte.

Dies erfüllen heute Ereignisfotos. Auch heute berichten sie. Nur war damals die Postkarte die schnellste Art der visuellen Verbreitung. Heute ist es das digitale, also elektronische, Foto.

Parr leistet mit seinen gesammelten und gut angeordneten Postkarten einen wesentlichen Beitrag zum tieferen Verständnis sozialer Gebrauchsweisen der Fotografie.

Und es macht einfach Lust, darin zu stöbern. Nur durch seine Art der Sammlung wird auch der fotohistorische Aspekt so gut sichtbar.

Es lohnt sich also sehr, dort ein paar Blicke drauf zu werfen.

Viele der Postkarten findet man auch bei einer Suche im Netz.

Aber es ist einfach etwas anderes, wenn ich sie gebunden und angeordnet in einem Buch sehe.

 

 

Armut in der Kunst der Moderne

image description

Armut wächst auch in Deutschland gerade unter denen, die sich früher durch Arbeit davon befreien konnten.

Seit die soziale Marktwirtschaft – mit der Chance durch Fleiß und dem Angebot an gut bezahlter und sozialversicherter Arbeit aufzusteigen – durch eine liberale Politik ersetzt wurde, die Menschen arm trotz Arbeit läßt und mit Hartz 4 diese Menschen bei Verlust des Arbeitsplatzes bewußt finanziell und materiell ausbluten läßt bis sie ganz arm (dran) sind, ist die Hoffnungslosigkeit und die Zeit der extremen Gegensätze auch in Deutschland angebrochen.

Verkneifen kann ich mir dabei nicht den Hinweis, daß ausgerechnet die Sozialdemokraten die Armut in Deutschland wieder eingeführt haben zusammen mit den grünen Ökos. Und beide Parteien beharren bis heute darauf, daß es richtig war die Bevökerung in Armut zu stürzen statt die entstandenen Probleme zu lösen.

Ob dies in einem kleinen Land wie Deutschland aber so konfliktfrei bleibt wie in den USA, die allein durch ihre territoriale Größe manches nebeneinander ermöglichen, darf bezweifelt werden.

In Karlsruhe fand eine Tagung statt, die die neue Wirklichkeit und ihre Verarbeitung in der Kunst als Ausdruck des Umgangs mit der vorgefundenen Realität dokumentierte. Daraus wurde dann ein Buch.

Gut gedacht und gut gemacht! – möchte man den Veranstaltern zurufen.

Die Herausgeber legten den Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert und ermöglichen so ein wirkliches Verstehen.

Das Buch ist ein wirkliches Highlight, auch wenn es eher still und bescheiden daherkommt.

Wer Dokumentarfotografie bzw. sozialdokumentarische Fotografie verstehen will, der findet hier ein gutes und aktuelles Buch.

Die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, das Festhalten von sichtbaren sozialen Zuständen und die künstlerische Verarbeitung, um damit zu leben, es zu zeigen, Öffentlichkeit zu erreichen und Bewusstsein zu schaffen – alles dies ist in diesem Band vereint.

Substanzreich und gut, ohne Geschwafel und voller Essenz entfaltet sich dem Leser ein Bild von Entwicklungen und Zuständen, die oft genug das neue Gesicht unserer Zeit bilden.

2011 erschienen ist das Buch heute noch aktueller, weil es alles zusammenfaßt, was zu dem geführt hat, was wir heute sehen.

Große und kleine Namen, aktuelle Medienereignisse und dokumentiertes Handeln sind in dem Buch zu finden. Sebastiao Salgado kommt darin vor. Der Film von Wim Wenders über ihn ist gerade rausgekommen. Martin Parr und Richard Billingham erleben gerade eine immer größere Öffentlichkeit. Aber auch Käthe Kollwitz und Heinrich Zille. Andres Serrano und das Morrinho Project sind bei uns eher unbekannt.

„Ein letzter Schritt bestand darin, das Thema nach Leipzig zu tragen, eine Großstadt, die nach den letzten Erkenntnissen des Statistischen Bundesamtes derzeit die ärmste der Bundesrepublik ist.“

Völlig ungewollt erhält damit das Buch auch noch eine fast tagespolitische Aktualität.

Ich erinnere nur an die PEGIDA Bewegung in Dresden und die Aktionen in Leipzig (LEGIDA). Allerdings wurde in keinem einzigen offiziellen Kommentar dazu Armut thematisiert oder als Ursache erwähnt obwohl dies hier schon 2011 publiziert wurde. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Armut, Hartz 4 und Ausländerfeindlichkeit? Eine brisante Frage, die in der Geschichte bei anderen Gelegenheiten schon oft beantwortet wurde. Bei uns ist es ein Tabuthema. Und würde man dieses Problem verkleinern können, wenn man das Problem der Armut anpacken würde? Eine Frage, die an der bestehenden Verteilung und Hartz 4 rüttelt, wo jeder arbeitslose Arbeitnehmer, der jahrlang das Sozialsystem gestützt hat, materiell mit allen gleichgesetzt wird, die dies nie getan haben oder die hier Schutz suchen.

So schürt man politisch gewollt Hass und so zersetzt man die Toleranz, Leistungsbereitschaft und das Engagement der Menschen, die eine Demokratie im Inneren zusammenhalten.

Doch mit Worten, die diese Realität beschreiben, macht man sich keine Freunde. Also packen wir die Fragen und Gedanken besser wieder ein.

Die extremen Gegensätze, die das neue Deutschland prägen, werden unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Das ist das Ergebnis politisch bewußter Entscheidungen. Es ist das Gesicht der Neoliberalen, das wir hier sehen. Woanders war es schon früher und dort versuchte man es zu dokumentieren.

Arme wehren sich meistens nicht gegen die Reichen sondern kämpfen eher untereinander. Und so dokumentieren die Beiträge die wenigen Versuche, Öffentlichkeit zu schaffen und Wirklichkeit festzuhalten, die verändert werden sollte. Vielleicht müßte man kontrastierend dazu Fotos von Reichen und Reichtum heute setzen, damit deutlich wird, wie extrem groß die Lücke ist.

Es geht ja nicht darum, daß einige mehr und andere weniger haben. Das gab es früher auch. Aber heute ist es anders. Je extremer die Gegensätze desto weniger staatliche Absicherung für alle, weil die Reichen u.a. auch die Gesetze machen (für sich) und kaum Steuern zahlen. Das zeigen die USA ebenso wie die Sowjetunion und zunehmend auch Europa und Deutschland. Die entmutigenden Widersprüche zersetzen langsam alles.

Auch der Hinweis in dem Sammelband, daß Armut eigentlich nicht den Wohlfahrtsverbänden überlassen werden darf, halte ich für wichtig. Denn diese verfestigen die Armut und legitimieren die bestehenden Verhältnisse – so weh diese Aussage auch tut.

Nun gut, dies steckt alles in diesem Buch als Darstellung der sozialen Wirklichkeit „in der Kunst der Moderne.“

Eine gute Grundlage für ein tieferes Verständnis von sozialdokumentarischer Fotografie und sozialer Realität und von Armut – und für eigene Gedanken!

Das Buch ist im Jonas-Verlag erschienen.

herausgegeben von
Franziska Eißner und Michael Scholz-Hänsel
Armut in der Kunst der Moderne
Verklärend oder verstörend, nüchtern oder obszön: Bilder von Armut lösen ein breites Spektrum an Gefühlen aus. Moderne Kunst positioniert sich dabei nicht selten in einem Spannungsfeld zwischen Ethik und Ästhetik. Sie will für ein aktuelles, aber gern verdrängtes Thema sensibilisieren und zur Diskussion darüber anregen. Von Käthe Kollwitz und Heinrich Zilles konträren Darstellungen des Berliner Milieus um 1900 über Arte povera und Sebastião Salgado bis hin zu Boris Mikhailovs fotografischen Inszenierungen nackter und kranker Körper von sozial Ausgeschlossenen weist die Kunst- und Kulturgeschichte eine Vielzahl oft widersprüchlicher Darstellungsarten auf.

Die weitgehend am Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig konzipierten Beiträge basieren auf einer gleichnamigen Tagung, die kurz vor 2010, dem »Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung« in Karlsruhe stattfand. Dem Autorenteam gehören neben Kunst- und Fotografiehistorikern auch ein Soziologe und ein Ausstellungsmacher an.

Big Shots! Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen von Henry Carroll

Cover_BigShots_648pix

Endlich mal ein Buch, das neue Wege geht!

Der Autor Henry Carroll schreibt im Vorwort:  „Stattdessen enthält dieses Buch inspirierende Arbeiten von Fotografen von früher und von heute. Schauen Sie sich die Bilder an, verstehen Sie ihre Ideen und lernen Sie, wie Sie die Techniken selbst umsetzen können. Sie werden feststellen, dass es bei genialen Fotos weniger um technisches Know-How und vielmehr darum geht, Ihr wertvollstes Instrument zu bedienen – Ihre Augen.“

Es ist ein Buch, das davon lebt, wirklich gut zu sein. Ursprünglich im angelsächsischen Raum erschienen, kommt das Buch über die Schweiz in den deutschen Sprachraum. Das hat ihm sehr gut getan. Es ist eines der Bücher, die dem deutschen Drang der ellenlangen Dokumentation das wirklich wichtige Wissen entgegensetzen: die Praxis des Sehens, die mehr ist als einfaches Fotografieren.

Natürlich kommt in diesem Buch deshalb auch Henri Cartier-Bresson vor, der Meister der Geometrie.

Und natürlich kommen in diesem Buch noch andere Fotografen vor: Sebastião Salgado, Fay Godwin, Martin Parr, Nadav Kander, Daido Moriyama, Elaine Constantine, Ansel Adams, Marc Asnin, Cristina Garcia Rodeo, Edward Burtynsky, Alkan Hassan, Guy Bourdin, Lars Tunbjörk, Lewsi Baltz, Bill Brandt, Ernst Haas, Luca Campigotto, Nayoa Hatakeyama, Slinkachu, Richard Misrach, Denis Darzacq, Jo Metson Scott, Adam Pretty, Tom Hunter, Trent Parke, Ryan Mcginley, Fay Godwin, Joel Sternfeld, Lee Fridlander, Richard Learoyd, Nadav Kander, Elaine, Constantine, Robert Burks, Holly Andres, Jeanloup Sieff, Philip-Lorca diCorcia, Rene Burri, Muzi Quawson, Youngjun Koo, Shikhei Goh, Chris Levine, Melanie Einzig, Robert Capa, Stepehn J. Morgan, Edward Weston, Elliott Erwitt, Apollo 17, Dorothea Lange, Maciej Dakowicz, Alec Soth, Robert Frank, Inzajeano Leif.

Es sind viele Namen und einige davon sind nicht in der  dauernd aktualisierten Medienkarawane der ununterbrochenen Fotoausstellungen zu finden, die überall und immer wieder als sogenannte Fotokunst in Museen gezeigt werden.

Das tut dem Buch gut, weil es zum Kern des Fotografierens vordringt und den Leserinnen und Lesern echte und kluge Zugriffe auf Fotos und fotografische Möglichkeiten bietet.

Carroll hat eine Meinung und er sagt sie schon am Anfang des Buches:

„Stellen Sie sich die Komposition als Fundament ihres Bildes vor. Wie bei jedem Bauwerk muß es stark sein.“

Und so steigt er ein mit dem Foto Monolith von Ansel Adams und danach mit dem Foto Department Var von Henri Cartier-Bresson.

Die guten Fotos nutzt er, um zu zeigen, was man in welcher Situation machen kann, damit die fotografische Komposition stimmt.

Auf Seite 28 schickt er seine Leserinnen und Leser dann erst mal raus zum Üben. Danach folgen weitere 100 Seiten voll mit guten Hinweisen und praktischen Beispielen.

Und wer wirklich übt, der wird das kleine Einmaleins der visuellen Grammatik des Sehens auch lernen können, weil die Vorbilder im Buch erstklassig sind und Carroll offenkundig Erfahrungen in der didaktisch gut aufbereiteten Wissensvermittlung hat.

Super!

Das Buch hat im Vergleich zu anderen Büchern aus deutschen Landen noch einen Vorteil. Es konzentriert sich voll auf das Fotografieren.

In dem Buch wird nicht ein einziges Mal irgendeine Kameramarke erwähnt oder betont, daß es nur die eine Art von Kamera sein kann…

Man braucht eben nicht die neuste Kamera für gute Fotos sondern ein geschultes Auge.

Im schwarzen Einband ist ein echtes Arbeitsbuch erschienen, das wirklich zeigt, wie man sein fotografisches Können verbessern kann.

Einen Hinweis habe ich aber noch. Das englische Original hat übersetzt den Titel Lies das, wenn du großartige Fotos machen willst!

Insofern ist das Buch ein richtig gutes Buch mit einem sehr hohen Lerneffekt und man kann sich sogar noch aussuchen, ob man lieber großartige Fotos machen will oder die Geheimnisse der weltbesten Fotografen kennenlernen möchte – oder beides.

Was will man mehr!

1-IMG_0974

Es ist im Midas-Verlag erschienen.

Henry Carroll
BIG SHOTS !
Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen

128 Seiten, Paperback, Fadenheftung
durchgehend vierfarbig, 50 Fotografien
ISBN: 978-3-907100-51-6

Eine Leseprobe gibt es hier.

 

 

Fineart Streetphotography – die feine Art der Strassenfotografie

einfaches Beispiel für Strassenfotografie – Foto: Michael Mahlke

Wenn man nicht nur fotografiert sondern auch über Fotografie schreibt, dann ist man immer wieder erstaunt, was diskutiert wird. In der Zeitschrift Photonews wurde nun in den letzten Ausgaben über Strassenfotografie geschrieben. Dabei kam in meinen Augen heraus, dass heute erlaubt ist, was gefällt. Dies bedeutet, die von mir hier oft diskutierten Kriterien für gute Strassenfotografie fallen samt und sonders weg. Daher will ich sie noch einmal nennen:

Magie der Bilder – ein Buch aus dem Magnum Archiv

Dieses Buch aus dem Prestel-Verlag ist eine fotografische Reise durch 60 Jahre mit interessanten Fotos von Fotografinnen und Fotografen der Agentur Magnum: Peter Marlow, Nikos Economopoulos, Antoine D `Agata, Mikhael Subotzky, Alex Majoli, Inge Morath, Erich Lessing, Josef Koudelka, Jacob Aue Sobol, Miguel Rio Branco, David Alan Harvey, Larry Towell, Raymond Depardon, Werner Bischof, Peter van Agtmael, John Vink, Ara Güler, Paolo Pellegrin, Jonas Bendiksen, Alessandra Sanguinetti, Constantine Manos, Marc Riboud, Steve Mccurry, Jean Gaumy, Henri Cartier-Bresson, Elliott Erwitt, Guy Le Querrec, W. Eugene Smith, Christopher Anderson, Thomas Bworzak, Cornell Capa, Raghu Rai, David Alan Harvey, Jim Goldberg, Lise Sarfati, Chris Steele-Perkins, Bruce Davidson, Susan Meiselas, Micha Bar-Am, Stuart Franklin, Mark Power, Herbert List, Ferdinando Scianna, Donovan Wylie, Martin Parr, Trent Parke, Rene Burri, Bruno Barbey, Olivia Arthur, Gueorgui Pinkhassov, Marilyn Silverstone, Robert Cappa, Burt Glinn, Chien-Chi Chang, Patrick Zachmann, Martine Franck.

Viele Namen und noch mehr Fotos machen aus diesem Band eine Sammlung der Fotografie in vielen Facetten, die alle eines gemeinsam haben: sie zeigen echte Fotos, also eine Aufnahme von einem Moment, den die Fotografinnen und Fotografen selbst gesehen haben.

Dies macht aus diesem Buch eine bemerkenswerte Sammlung von Fotografien, die alle von Fotografinnen und Fotografen gemacht worden sind, die damit ihr Geld verdienen mußten. Deshalb ist dieses Buch so spannend. Man erhält unendlich viele Anregungen für die verschiedenen Arten der Fotografie und man bekommt Eindrücke von dem, wie und was andere sehen. Damit aber nicht genug.

Ich will dies an einem Beispiel darstellen. Das Recht am eigenen Bild gibt es ja nicht nur in Deutschland sondern in den meisten europäischen Staaten. Dazu stellte ich mir beim Anschauen des Buches die Frage “Wie haben andere Fotografen dieses Problem beim Fotografieren auf Strassen, bei Veranstaltungen und woanders gelöst?”

Da es sich bei den Magnum-Fotografinnen und Fotografen ja um einen anerkannten Kreis handelt, ist die jeweilige im Bild zu findende Antwort darauf sehr interessant. Und da habe ich alles gefunden. Vor allem aber wurde mir klar, dass es viele Fotos gibt, auf denen durch geschicktes Positionieren dieses Problem einfach gelöst wurde.

Dazu zwei Beispiele: Die Fotografin Dennis Stock hat das Venice Beach Rock Festival in Kalifornien 1968 fotografiert. Man sieht von der Bühne von hinten eine Akteurin und dann am Strand die Menschen. Diese sind aber so klein, dass sie als Einzelne nicht erkennbar sind, dafür aber das Gesamtbild mit Vordergrund und Hintergrund das klassische Foto ergibt.

Der Fotograf Guy Le Querrec hat im Palais des Congres 1979 mit einem Abstand von zwei Metern zwei Männer fotografiert, die sich für Schallplatten interessieren. Der eine “horcht” gerade an einer Platte, so dass sein Gesicht nicht richtig erkennbar ist und der andere Kopf ist ganz geschickt durch eine davorstehende Schallplatte so bedeckt, dass alles erkennbar ist außer dem Gesicht.

Natürlich gibt es auch Fotos, wo Menschen erkennbar sind. Das sind einerseits Fotos aus Gegenden der Welt, wo dieses Recht so nicht wahrgenommen wird wie in großen Teilen von Asien und natürlich Fotos, auf denen die Menschen fotografiert werden wollen und damit einverstanden sind oder öffentliche Ereignisse. Das sieht man diesen Fotos aber auch direkt an und damit wird dies auch wieder sehr interessant.

Es gibt in diesem großartigen Buch 365 Fotos aus mehr als 60 Jahren in schwarzweiss und bunt. Das Buch ist als ewiger Kalender konzipiert. Auf jeder Doppelseite steht links der Tag und rechts das Foto. Inwiefern die Fotos einen Bezug zu dem jeweiligen Tag haben ist mir nicht erkennbar. Aber als fotografische Inspiration ist es interessant und vor allem wirkt auf einer Doppelseite immer nur ein Foto: auf der linken Seite ist die Fotografin oder der Fotograf aufgeführt und auf der rechten Seite ist das Foto und sonst nichts.

Das gibt ein bißchen Ruhe zurück in einer Welt der fotografischen Überflutung und räumt die Chance ein, sich mit einem Foto, nämlich genau diesem Foto des Tages, zu beschäftigen. Eine erläuternde Bildunterschrift zu jedem Foto ist im Anhang aufgeführt. Das hat den Vorteil der unvoreingenommenen Betrachtungsweise mit allen Vor- und Nachteilen. Das Buch endet mit einer Liste aller im Buch vorkommenden Fotografinnen und Fotografen der Agentur Magnum.

Diese Buch kann ich jedem empfehlen, der sich wirklich mit dem Fotografieren auseinandersetzen will oder der ein schönes Geschenk für einen Schreibtisch sucht. Es ist nicht sehr teuer, es hat sogar Fadenheftung und es gibt einen wirklichen Querschnitt der Arbeit und der Veränderungen in einer – der – Fotoagentur in den letzten 60 Jahren wieder.

Jonas Bendiksen, der Präsident von Magnum (2010) schreibt im Vorwort “Ein Jahr mit diesen ganz unterschiedlichen Fotos inspiriert andere hoffentlich genauso, wie es mich inspiriert hat.”

Marie-Christine Biebuyeck, die dieses Buchprojekt umgesetzt hat, schreibt aus ihrer Sicht: “Bei der Arbeit zu Magie der Bilder tauchte ich tief in eine elegante Formenwelt ein. Folgen Sie den sichtbaren und unsichtbaren Linien – dem neugierigen Auge erschließen sich viele Details.” Dem ist nichts hinzuzufügen.

Magie der Bilder. Das Magnum Archiv
ISBN: 978-3-7913-4436-2