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„Dieser Betrieb wird bestreikt“ hrsg. vom Technoseum Mannheim

Bilder- und Lesebuch zu Streik und Aussperrung 1963 in Mannheim – so lautet der Untertitel zu diesem höchst interessanten Buch.

„In dem vorliegenden Bildband beschäftigen sich eine Historikerin und sechs Historiker und Sozialwissenschaftler unterschiedlichen Alters (Jahrgang 1943 – 1986) mit Bildern eines Ereignisses, das 1963 auch international Aufsehen erregte, dann aber schnell wieder in Vergessenheit geriet.“

The Afronauts und der neue ZEITgeist in der Dokumentarfotografie

Fotoreporter männlich und weiblich berichten zunehmend darüber, daß ihre Arbeit nur noch als Füllung zwischen Anzeigen erforderlich ist und echte Dokumentarfotografie, auch als Fotostrecke und Thema, so gut wie gar nicht mehr bezahlt publiziert wird.

Das hat zu der logischen Konsequenz geführt, doch zu gucken, womit man finanziell erfolgreicher sein kann. Da kommt man schnell auf die Fotokunst, was auch immer das sein mag, und schaut, was der Markt will.

The Afronauts – erfolgreiche Fotografie

The Afronauts  von Cristina de Middel, das auch als Buch publiziert wurde,  ist eines der bekanntesten Projekte im Mainstream der letzten Zeit.

„Warum muß Fotografie entweder dokumentarisch oder Kunst sein? „(im Original: „Why does photography have to be either documentary or an art piece? Why do we feel the need to classify?“) fragt sie und zeigt damit einen neuen Weg auf, um ein Thema zu dokumentieren und zugleich dem Markt verkaufsfähige Produkte anzubieten.

Cristina de Middel dokumentiert – aber nicht im Sinne der Abbildung der vorgefundenen Realität sondern im Sinne einer Aufbereitung durch Inszenierung eines Themas. Dabei spielen abgebildete Elemente der Wirklichkeit eine Rolle aber es sind keine 1:1 Ausschnitte sondern drehbuchorientierte Dokumentationen.

Das ist dann Fotokunst auf dokumentarischer Grundlage.

Ist dies dann auch eine neue Kategorie im Bereich der Dokumentarfotografie?

Neue Ausbildung – neue Inhalte

Ich warf einen Blick auf die aktuelle Ausbildung an der Hochschule Hannover, um diese Frage zu vertiefen.

Dort fand ich bestätigende Worte, weil Dokumentarfotografie heute so unterrichtet wird: „Der Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie sieht seinen Schwerpunkt in der »wirklichkeitsbezogenen Fotografie«. Darunter verstehen wir die journalistische und dokumentarische, fotografische Auseinandersetzung mit der Außenwelt, ausgehend von der situativen und örtlichen Realität. Dabei interessiert uns vor allem die persönliche Interpretation der Wirklichkeit. Dies verlangt immer auch die Entwicklung einer Haltung zum Objekt selbst und zum Medium Fotografie.“

Dieses Statement der Hochschule Hannover zeigt, daß es nicht mehr auf die Abbildung der Realität ankommt sondern Dokumentarfotografie als „wirklichkeitsbezogene Fotografie“ verstanden wird. Es sollte also ein Bezug zur Wirklichkeit auf den Fotos vorhanden sein?

Das kann ziemlich weit weg sein von der Realität. So blickte ich von der Ausbildung zu den medial am meisten beachteten Fotofestivals (Fotoausstellungen mit mehreren Teilnehmern) in diesem Jahr.

Fotoausstellungen und Fotofestivals als Träger des ZEITgeistes

Wenn man Veränderungen und Übergänge festhalten will, dann will ich drei Ereignisse aus diesem Jahr nennen, die mir symptomatisch erscheinen:

  • In diesem Jahr gab es beim Fotofestival in Arles schon Kontroversen laut photonews, weil es für einige Teilnehmer nicht nachvollziehbar war, Fotos von W. Tillmans zu sehen, die nicht in die klassisch dokumentarisch-journalistische Tradition passen
  • Beim Fotofestival in Mannheim-Ludwigshafen waren aktuelle Magnum-Fotos zu sehen, die z.T. in ihrer Banalität und fehlenden Geometrie so gar nicht der früheren Dokumentation verpflichtet waren und inszeniert wirken
  • Beim Fotodoks-Festival in München sind die „Dokumentaristen“ eingezogen, eben Interpretationen und Inszenierungen der Wirklichkeit

Welche Rolle dabei eines der deutschen Leitmedien, die ZEIT, spielt, die in Mannheim und München aktiv Preise verleiht, ist mir noch unklar. Aber es sind alles Symtome des aktuellen ZEITgeistes.

So hat sich gerade auch hier eine neue Sicht entwickelt.

Sie gipfelt in der alten Frage von Watzlawick, allerdings neu gestellt für die Dokumentarfotografie: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

In diesem Sinne

 

 

The Eye is a Lonely Hunter

Was kann Fotografie heute, was macht Dokumentarfotografie heute? Wer sich heute diese Fragen stellt, der wird mit dem Mut zur Entscheidung immer wieder fündig werden und er hat das Sprachproblem der Welt gelöst, denn „Fotografie ist zu einer globalen Sprache geworden“.

So beginnt die Danksagung des Vorstandes des Fotofestivals Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg in dem Buch zum 4. Fotofestival, welches im Kehrer Verlag erschienen ist.

Das Buch ist eine aktuelle Dokumentation lebendiger fotografischer Versuche, die Welt und uns selbst zu zeigen und festzuhalten. Einige fotografische Projekte sind global angelegt, andere lokal. Die Ausstellungsmacher haben hier ein Stück Fotografie der Welt festgehalten, eine Momentaufnahme mit vielen Blicken, die zeitlich und thematisch in die Tiefe geht.

Viele erzählen kleine Geschichten, die übertragbar wären. Katerina Gregos und Solverj Helweg Ovesen sprechen in dem Buch – vielleicht auch deshalb – über „Eine Betrachtung der Conditio humana im Jahr 2011“.

Das Auge als „einsamer Jäger“ soll weder selbstgerecht-westlich noch kolonial sein, sondern die Conditio humana in all ihrer Komplexität, Verschiedenheit und Unsicherheit“ aufzeigen.

Das Buch aus dem Kehrer Verlag dokumentiert diese Mischung in erstklassiger Weise. In einer globalisierten Welt ist der Rahmen des menschlichen Lebens und Sterbens deutlicher geworden. Es gibt keine Flucht in eine andere Welt mehr, nur in eine Scheinwelt, die die Wirklichkeit der eigenen Existenz nicht aufheben kann.

Es gibt immer mehr nackte Wahrheiten und die zeigen das Mischwesen Mensch, die Conditio humana – und das bedeutet neben der Hoffnung die gnadenlose Hoffnungslosigkeit und Zerstörung.

Das Buch mit seinen Fotos macht darauf aufmerksam und vermittelt vielfach sehr sensibel den Geist der Ausstellung, die aufgeteilt an verschiedenen Orten ist und nur im Buch zusammengetragen wird.

Hier wird deutlich, was Fotografie kann und wo sie Aufforderung zum Handeln ist.

Aber für mich hat dieses Buch noch eine andere Dimension. Max Frisch hat einmal geschrieben: „Der Mensch lebt den Widerspruch und zersetzt damit jegliche Ideologie.“

So macht das Anschauen der Fotos – zumindest mir – deutlich, dass die Menschheit überhaupt noch keine Antworten auf die globalen Probleme hat. Denn die Menschen sehen ihre Welt immer von dort, wo sie sind.

Und die Vielfältigkeit der Welt deutlich zu machen – bei uns alle betreffenden Problemen – ist eines der grossen Themen, die dieses Buch uns zeigt.

Um es kurz zu machen: Wer ein aktuelles Buch über Fotokunst und dokumentarische Fotografie sucht, das konzeptionell gestaltet ist und einen „echten“ fotografischen Blick auf die aktuelle „Conditio humana“ wirft, der wird wohl weltweit aktuell nichts besseres finden.

Infos zur Ausstellung
4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg
The Eye is a Lonely Hunter

 

Unter dem Titel „The Eye is a Lonely Hunter – Images of Humankind“ fokussiert das 4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg eine humanistische Sichtweise innerhalb der Tradition der Dokumentarfotografie. Es präsentiert Positionen, die in der Schnittmenge zwischen Dokumentar- und Kunstfotografie angesiedelt sind und die sowohl ein starkes visuelles Moment als auch ein feines Gespür für soziopolitische Zusammenhänge kennzeichnet. Es versucht einen Überblick über die conditio humana zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, gesehen von einer Vielzahl geografischer Standpunkte wie Afrika, Südamerika, Osteuropa und Asien. Der Katalog spiegelt das Thema des Humanismus in zeitgenössicher Kunst und Dokumentarfotografie visuell und theoretisch wider. Texte der Kuratoren führen in strukturierende Unterthemen ein: Ecological Circuits, The Practice of Everyday Life, Role and Ritual, The Effect and Affect of Politics und Life Cycles. Jeder der teilnehmenden Künstler wird mit einem eigenen Bild- und Textteil vorgestellt.

 

Herausgeber: Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg e.V., Katerina Gregos, Solvej Helweg Ovesen
Autoren: Carolin Ellwanger, Heide Häusler, Jonatan Ahlm Brenander, Katerina Gregos, Solvej Helweg Ovesen, TJ Demos

 

Broschur mit Schutzumschlag
18 x 24,5 cm
240 Seiten
267 Farbabb.
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-86828-240-5