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Augen auf! 100 Jahre Leica

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Es wird wohl DAS Buch über Leica bleiben für die Zeit bis heute.

Großformatig und mit genügend Platz wurde ein Buch geschaffen, das die Leica als Kamera und die Welt der Leica-Fotografie zeigt. Besonders interessant fand ich die vielen Artikel, die wirklich versuchen, neue Horizonte zu öffnen.

Was fotografierte man in Portugal, wie wurde die Leica in Kriegszeiten genutzt, welche Rolle spielte die Technik?

„Eine Notiz im Werkstattbuch belegt: Spätestens im März 1914 hatte Oskar Barnack das erste funktionstüchtige Modell einer
Kleinkamera für 35-mm-Kinofilm fertiggestellt. Damit war nicht nur ein neuer Fotoapparat erfunden. Mit der kriegsbedingt erst 1925 eingeführten Leica (= Leitz / Camera) kündigte sich ein Paradigmenwechsel in der Fotografie an. Nicht nur fotografierenden Amateuren, Quereinsteigern und emanzipierten Frauen erleichterte die Leica den Zugang zum Lichtbild. Sie provozierte auch eine neue Art des Sehens, einen schnelleren, dynamischen Blick auf die Welt aus neuen Perspektiven. Rechtzeitig zum runden Geburtstag der legendären Kleinbildkamera und erstmals in dieser thematischen Breite bietet der mit etwa 800 Fotografien bebilderte Band eine umfassende Kunst- und Kulturgeschichte der Leica von den 1920er-Jahren bis in unsere Tage.
Essays internationaler Autoren beschäftigen sich unter anderem mit der technischen Genese der Leica, ihrem Einfluss auf den modernen Bildjournalismus und nicht zuletzt ihrer Bedeutung für verschiedenste Strömungen innerhalb der fotografischen Avantgarde. Bis dato unveröffentlichte Dokumente aus dem Archiv der Leica Camera AG runden die facettenreiche 100-jährige Kulturgeschichte ab.“

Das Buch ist wirklich so wie hier beschrieben und es regt dazu an, sich mit der Technik des Fotografierens a la Leica zu beschäftigen.

Wußten Sie, daß bei der Leica Aufnahmen vom Rand gedacht werden und nicht von der Mitte?

Wußten Sie, daß die Aufnahmen gedacht werden?

Sehen Sie, die Leica war eine besondere Kamera.

Fotografieren a la Leica eben.

Daher ist das Buch auch so besonders wie die Kameras waren.

Und wer das Besondere will in dieser Form, der ist bei diesem Buch auch bestens aufgehoben.

100 Jahre Leica ist im Kehrerverlag erschienen.

Herausgegeben von Hans-Michael Koetzle
Gestaltet von Detlef Pusch
Festeinband mit Banderole
27 x 32 cm
564 Seiten mit 12 Seiten eingelegtem Beiheft
ca. 1.200 Farbabbildungen
Deutsche Ausgabe ISBN 978-3-86828-523-9
Englische Ausgabe ISBN 978-3-86828-530-7

Die fotografische Idee von Michael Freeman

Dieses Buch kann süchtig machen. Und es ist ein Beleg dafür, dass Buchwelt und Internetwelt gegenseitig nicht ersetzbar sind sondern sich sinnvoll ergänzen.

Michael Freeman beginnt sein Buch „Die fotografische Idee. Bildkomposition und Bildaussage“ mit der Überschrift „Einführung: Demokratische Fotografie“.

Er zitiert Helmut Newton: „Alles ist automatisch, ich muss nur auf den Auslöser drücken. Die Kamera kaufen auch Amateure. (( Er zeigt auf seinen Kopf)) Da ist alles drin.“

Und dann positioniert er sich, indem er die Frage stellt, welchen Zweck eigentlich Kunst hat. Er kommt zu dem Gedanken: „Die Kunst des Redens und des Schreibens wurde sicherlich jedem Gebildeten zugesprochen. Jetzt befinden wir uns in einer Welt der Fotografie, in der Millionen von Menschen aufgehen und die eine große Anzahl Menschen für eine kreative Ausdrucksweise nutzen. In dem Maße, wie man Fotos Dritter besser interpretiert, gelangt man sicherlich auch zu besseren eigenen Fotos. die KErnfrage dabei ist, was überhaupt ein gutes Foto ausmacht.“

Dann formuliert Michael Freeman sechs Kriterien für ein gutes Bild.

Alleine schon meine Beschreibung der Einführung in dieses Buch, die im Buch auf einer Seite zu finden ist, zeigt, dass dieses Buch mit klaren Schritten von der Information zum Denken auffordern will.

Im ersten Kapitel „Bildidee“ schreibt Freeman: „Soll der Betrachter ein Foto interessant finden und sich daran erfreuen, müssen Sie ihm einen Grund für ein längeres Hinschauen geben.“

Und dann läßt er Bilder sprechen, fragt nach den sichtbaren Motiven auf den Fotos, zeigt die Strukturen der Fotos und den Umgang mit Raum, Zeit und Konzept in den Motiven.

Zwischendurch erscheint ein Kästchen mit der Überschrift „Internetrecherche“ und einigen Suchbegriffen. So bietet das Buch die Erweiterung des Horizontes über das Buch hinaus. Doch das ist noch nicht alles.


Unter dem Thema „Gut Aussehen“ eröffnet Freeman einen ganzen Kosmos. „Bevor wir Dinge gut aussehen lassen, müssen wir entscheiden, ob tatsächlich Schönheit im Foto vorhanden sein soll.“

Es finden sich optimal nutzbare Informationen in diversen Infoabschnitten wie „Was die meisten Menschen optisch gerne mögen“.

Etwas später zeigt er dann, wie aus einem Portrait eine messbare Schönheit der digitalen Welt gemacht wird. Und er konfrontiert uns mit unseren Vorstellungen und Klischees und der Wichtigkeit, den Zeitgeist zu beachten.

Es gibt zwar Regeln für ansprechende Landschaften, aber reale Fotografie hat es immer mehr mit zerstörten Landschaften zu tun. Beeindruckend bewegend und anregend sind dann auch Fotos, die schönes Licht zeigen – und als Motiv die Föten von Kälbern zum Verkauf auf einem Markt in Thailand.

Das zwingt zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit dem, was man fotografisch will.

Freeman wendet sich dann der Frage zu „Was ist Schönheit?“. In seinen Beispielen zeigt er auf, dass selbst in einer globalisierten Welt Schönheit an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich ist. Auch dies zeigt die Relativität und fordert eigentlich etwas mehr Gelassenheit von einem selbst.

Das Buch ist ein Buch für alle Sinne und geht erheblich an das eigene Selbstverständnis. Und immer wieder gibt es diese wunderbaren kleinen Listen, die den Blick auf wesentliche Dinge ermöglichen: So wirken Bilder mit Ruinen, was macht ein Foto zum Klischee? und einige mehr ermöglichen direktes Arbeiten und Vergleichen.

Im zweiten Kapitel über „Stil“ zeigt Freeman zunächst die acht Wege für das Fotografieren von Objekten, die der Fotograf Laszlo Moholy-Nagy in den 1920er genannt hat. Dann diskutiert er an vielen Bildbeispielen alte und neue Sichtweisen, bietet Hinweise zur Internetrecherche, diskutiert die Frage des Gleichgewichtes auf Fotos, Harmonien und vieles mehr. So wird man irgendwann mit der Frage konfrontiert, welche Mittel setze ich am liebsten ein, was mag ich nicht, was will ich erreichen?

Und dann kommt das dritte Kapitel „Entwicklung“. Michael Freeman leitet es mit den Worten ein: „Es liegt wohl auf der Hand, dass für jedes gute Foto Verstand, Auge und Kamera in Verbindung stehen müssen… Die Entwicklung erfolgt bereits während der Aufnahme des Fotos. sie ist eng mit den Möglichkeiten und ihrem Umgang mit der Kamera verbunden.“ Und dann gibt er Aufgaben wie „Finden Sie mit der Liste der Bildmuster auf den Seiten 152-152 heraus, was Ihnen an ihren Bildern gefällt.“

Die Themen „Zeit“ und „Optische Wirkung“ oder „Verbesserung“ werden dann mit vielen Bildbeispielen besprochen. So kann man ein Gefühl für die eigene fotografische Welt erhalten oder einige einfach besser einordnen.

Das Buch „Die fotografische Idee“ ist ein Buch, das nicht gelesen sondern gelebt werden will. Es ist so angelegt, dass es die eigenen Fotos mit einbezieht, dass es das Internet mit einbezieht und es ist offen für Veränderungen. Es zeigt, was gut war und gut ist, aber es zwingt nicht dazu, dies zu übernehmen. Wenn es bessere Ideen gibt – gut. Aber die muß man dann in ein Verhältnis zu den bisherigen guten Ideen setzen. Und damit wird dieses Buch zur fotografischen Herausforderung.

Michael Freeman:
Die fotografische Idee. Bildkomposition und Bildaussage
München 2011
ISBN 978-8272-4683-7