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Tracking Time von Camilo Jose Vergara oder die Zersetzung sozialer Strukturen im Stadtbild

vergarax

„Camilo José Vergara
Tracking Time: Documenting America’s Post-Industrial Cities
Die Publikation widmet sich dem amerikanischen Fotografen Camilo José Vergara. Seit über 40 Jahren dokumentiert er die Spannung in den von Armut gekennzeichneten Problemvierteln amerikanischer Metropolen. Seine Fotografien berichten von dem städtischen Wandel, den Symptomen sozialer Konflikte und machen das Auseinanderdriften der amerikanischen Gesellschaft erfahrbar. Als visueller Spurenleser, fotografischer Soziologe, Ethnograf und Stadtforscher hat er ein einzigartiges Archiv amerikanischer (Stadt-)Geschichte geschaffen, welches die Veränderung und Auflösung von Stadtteilgemeinschaften belegt.“

So schreibt es der Verlag.

Ich bin auf dieses Buch gestoßen weil ich etwas Vergleichbares zu meinem Projekt 1214.wupperart.de gesucht habe.

Während ich drei Jahre lang am Stück die Veränderungen im öffentlichen Raum festgehalten habe, hat Camilo Jose Vergara dies mit gewissen zeitlichen Abständen getan.

  • Interessant ist, daß wir beide im öffentlichen Raum fotografiert haben und die sozialen Zusammenhänge dabei zeigen wollten.
  • Bemerkenswert ist, daß wir beide als Vorbild Henri Cartier-Bresson angeben.
  • Unterschiedlich ist, daß er an vielen Orten war, während ich mich auf das Bergische Land konzentriert habe und der Schwerpunkt in Remscheid lag.

Vergara will wissen, was in den desolaten Ecken des urbanen Amerikas passiert.

Für ihn sind anonyme Sprayer, die mit wirklich guten Bildern häßliche Ecken bemalen, kreative Köpfe, die aktiv an ihrer Umwelt interessiert sind.

Ein interessanter Gedanke.

Ich wollte wissen, wie sich Veränderungen in einer Stadt darstellen, deren wachsende zentrale Themen Armut, Asyl und fehlende Arbeit sind.

Wenn man dies fotografisch festhalten will im öffentlichen Raum, dann gehören dazu fotografische Beharrlichkeit, Beschränkung, Geduld und Zeit, weil Veränderungen nur in den Kategorien Raum und Zeit sichtbar werden können.

Das hier gezeigte Buch von Vergara ist zu einer Ausstellung in Hannover erschienen.

Während dies bei ihm eine Retrospektive auf sein Werk zu sein scheint, ist es bei mir eine Retrospektive auf das, was ich vorher weder gesehen noch geahnt habe.

Und da finde ich den Gedanken von Anne Whiston Spirn sehr gut, auf den Vergara verweist: Denn Fotografie kann wie eine Landkarte (landscape) Prozesse und Interaktionen zeigen und die Struktur von Ideen.

Letztlich führt dies auch zu einem neuen Kunstverständnis, das rein digital strukturiert ist und Kunst als soziale und interaktive Veranstaltung versteht, der radikalen Kunst.

Einen Teil der Entwicklungen in Remscheid und im Bergischen Land habe ich bisher in drei Büchern festgehalten.

Sie zeigen, wie schnell der Wandel ist.

Aber das kann man immer nur rückblickend sehen, so daß Fotografie dabei eine dokumentierende soziale und historische Dimension hat.

Es ist ein Stück regionales Gedächtnis.

Woanders wird es als Spitzenleistung regional gefördert, hier wird es totgeschwiegen, weil es nicht in das Selbstbild paßt.

 

Armut in der Kunst der Moderne

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Armut wächst auch in Deutschland gerade unter denen, die sich früher durch Arbeit davon befreien konnten.

Seit die soziale Marktwirtschaft – mit der Chance durch Fleiß und dem Angebot an gut bezahlter und sozialversicherter Arbeit aufzusteigen – durch eine liberale Politik ersetzt wurde, die Menschen arm trotz Arbeit läßt und mit Hartz 4 diese Menschen bei Verlust des Arbeitsplatzes bewußt finanziell und materiell ausbluten läßt bis sie ganz arm (dran) sind, ist die Hoffnungslosigkeit und die Zeit der extremen Gegensätze auch in Deutschland angebrochen.

Verkneifen kann ich mir dabei nicht den Hinweis, daß ausgerechnet die Sozialdemokraten die Armut in Deutschland wieder eingeführt haben zusammen mit den grünen Ökos. Und beide Parteien beharren bis heute darauf, daß es richtig war die Bevökerung in Armut zu stürzen statt die entstandenen Probleme zu lösen.

Ob dies in einem kleinen Land wie Deutschland aber so konfliktfrei bleibt wie in den USA, die allein durch ihre territoriale Größe manches nebeneinander ermöglichen, darf bezweifelt werden.

In Karlsruhe fand eine Tagung statt, die die neue Wirklichkeit und ihre Verarbeitung in der Kunst als Ausdruck des Umgangs mit der vorgefundenen Realität dokumentierte. Daraus wurde dann ein Buch.

Gut gedacht und gut gemacht! – möchte man den Veranstaltern zurufen.

Die Herausgeber legten den Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert und ermöglichen so ein wirkliches Verstehen.

Das Buch ist ein wirkliches Highlight, auch wenn es eher still und bescheiden daherkommt.

Wer Dokumentarfotografie bzw. sozialdokumentarische Fotografie verstehen will, der findet hier ein gutes und aktuelles Buch.

Die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, das Festhalten von sichtbaren sozialen Zuständen und die künstlerische Verarbeitung, um damit zu leben, es zu zeigen, Öffentlichkeit zu erreichen und Bewusstsein zu schaffen – alles dies ist in diesem Band vereint.

Substanzreich und gut, ohne Geschwafel und voller Essenz entfaltet sich dem Leser ein Bild von Entwicklungen und Zuständen, die oft genug das neue Gesicht unserer Zeit bilden.

2011 erschienen ist das Buch heute noch aktueller, weil es alles zusammenfaßt, was zu dem geführt hat, was wir heute sehen.

Große und kleine Namen, aktuelle Medienereignisse und dokumentiertes Handeln sind in dem Buch zu finden. Sebastiao Salgado kommt darin vor. Der Film von Wim Wenders über ihn ist gerade rausgekommen. Martin Parr und Richard Billingham erleben gerade eine immer größere Öffentlichkeit. Aber auch Käthe Kollwitz und Heinrich Zille. Andres Serrano und das Morrinho Project sind bei uns eher unbekannt.

„Ein letzter Schritt bestand darin, das Thema nach Leipzig zu tragen, eine Großstadt, die nach den letzten Erkenntnissen des Statistischen Bundesamtes derzeit die ärmste der Bundesrepublik ist.“

Völlig ungewollt erhält damit das Buch auch noch eine fast tagespolitische Aktualität.

Ich erinnere nur an die PEGIDA Bewegung in Dresden und die Aktionen in Leipzig (LEGIDA). Allerdings wurde in keinem einzigen offiziellen Kommentar dazu Armut thematisiert oder als Ursache erwähnt obwohl dies hier schon 2011 publiziert wurde. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Armut, Hartz 4 und Ausländerfeindlichkeit? Eine brisante Frage, die in der Geschichte bei anderen Gelegenheiten schon oft beantwortet wurde. Bei uns ist es ein Tabuthema. Und würde man dieses Problem verkleinern können, wenn man das Problem der Armut anpacken würde? Eine Frage, die an der bestehenden Verteilung und Hartz 4 rüttelt, wo jeder arbeitslose Arbeitnehmer, der jahrlang das Sozialsystem gestützt hat, materiell mit allen gleichgesetzt wird, die dies nie getan haben oder die hier Schutz suchen.

So schürt man politisch gewollt Hass und so zersetzt man die Toleranz, Leistungsbereitschaft und das Engagement der Menschen, die eine Demokratie im Inneren zusammenhalten.

Doch mit Worten, die diese Realität beschreiben, macht man sich keine Freunde. Also packen wir die Fragen und Gedanken besser wieder ein.

Die extremen Gegensätze, die das neue Deutschland prägen, werden unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Das ist das Ergebnis politisch bewußter Entscheidungen. Es ist das Gesicht der Neoliberalen, das wir hier sehen. Woanders war es schon früher und dort versuchte man es zu dokumentieren.

Arme wehren sich meistens nicht gegen die Reichen sondern kämpfen eher untereinander. Und so dokumentieren die Beiträge die wenigen Versuche, Öffentlichkeit zu schaffen und Wirklichkeit festzuhalten, die verändert werden sollte. Vielleicht müßte man kontrastierend dazu Fotos von Reichen und Reichtum heute setzen, damit deutlich wird, wie extrem groß die Lücke ist.

Es geht ja nicht darum, daß einige mehr und andere weniger haben. Das gab es früher auch. Aber heute ist es anders. Je extremer die Gegensätze desto weniger staatliche Absicherung für alle, weil die Reichen u.a. auch die Gesetze machen (für sich) und kaum Steuern zahlen. Das zeigen die USA ebenso wie die Sowjetunion und zunehmend auch Europa und Deutschland. Die entmutigenden Widersprüche zersetzen langsam alles.

Auch der Hinweis in dem Sammelband, daß Armut eigentlich nicht den Wohlfahrtsverbänden überlassen werden darf, halte ich für wichtig. Denn diese verfestigen die Armut und legitimieren die bestehenden Verhältnisse – so weh diese Aussage auch tut.

Nun gut, dies steckt alles in diesem Buch als Darstellung der sozialen Wirklichkeit „in der Kunst der Moderne.“

Eine gute Grundlage für ein tieferes Verständnis von sozialdokumentarischer Fotografie und sozialer Realität und von Armut – und für eigene Gedanken!

Das Buch ist im Jonas-Verlag erschienen.

herausgegeben von
Franziska Eißner und Michael Scholz-Hänsel
Armut in der Kunst der Moderne
Verklärend oder verstörend, nüchtern oder obszön: Bilder von Armut lösen ein breites Spektrum an Gefühlen aus. Moderne Kunst positioniert sich dabei nicht selten in einem Spannungsfeld zwischen Ethik und Ästhetik. Sie will für ein aktuelles, aber gern verdrängtes Thema sensibilisieren und zur Diskussion darüber anregen. Von Käthe Kollwitz und Heinrich Zilles konträren Darstellungen des Berliner Milieus um 1900 über Arte povera und Sebastião Salgado bis hin zu Boris Mikhailovs fotografischen Inszenierungen nackter und kranker Körper von sozial Ausgeschlossenen weist die Kunst- und Kulturgeschichte eine Vielzahl oft widersprüchlicher Darstellungsarten auf.

Die weitgehend am Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig konzipierten Beiträge basieren auf einer gleichnamigen Tagung, die kurz vor 2010, dem »Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung« in Karlsruhe stattfand. Dem Autorenteam gehören neben Kunst- und Fotografiehistorikern auch ein Soziologe und ein Ausstellungsmacher an.

Milieufotografie heute oder der Zille Faktor in der Dokumentarfotografie

Zille sein Milljöh waren die Armen und die Arbeitenden, wobei meistens eine Personenidentität vorlag.

Seine Region war Berlin.

Das Milieu gab es aber überall.

Unter Milieu werden die sozialen Bedingungen von Menschen und die dazugehörigen Schauplätze verstanden.

Zille zeichnete und fotografierte.

Heute gibt es die verschiedenen Milieus auch überall zu sehen.

Daher dachte ich mir, ich arbeite mit meinem persönlichen  Zille-Faktor durch digitale Filter, um Fotos wie Zeichungen aussehen zu lassen und verschiedene Wirkungen zu verstärken.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Mir gefällt dies sehr gut. Leider gibt es außer Zille selbst keine Entsprechungen. Aber vielleicht ist es nun an der Zeit, um dieses Thema neu anzupacken.

Wenn wir heute Armut fotografieren, Menschen in ihrem sozialen Umfeld oder Strassenszenen, dann diskutieren wir immer über das Thema Recht am eigenen Bild und sprechen über Strassenfotografie bzw. Streetphotography.

Das ist es aber nicht.

Einen Schritt weiter findet in meinen Augen die gestaltende Deutung der Wirklichkeit mit digitalen Filtern an.

Meine Richtung dafür ist weg von der superscharfen Abbildung und hin zur detailgetreuen digitalen Zeichnung, die mehr ist als ein Comic.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Milieustudien sind nicht nur Armutsstudien sondern zeigen Menschen in ihrem Umfeld mit der Kleidung und den Dingen, die real da sind.

Zille selbst fotografierte monochrom bzw. schwarzweiß und malte ebenso schwarzweiß, aber auch bunt.

Da ist dann die Schnittmenge.

Die manchmal durch den Einsatz digitaler Filter übertriebene Dominanz einzelner Bildteile ist dann natürlich gewollt.

Interessant ist dabei die Frage, wie zeigt man Wirklichkeit?

Heinrich Zille zeigte sie durch seine Zeichnungen und nebenbei in seinen Fotos.

Ich zeige sie teilweise bewußt durch die digitalen Filter.

Für mich sind solche Fotos die Fotos mit Zille-Faktor:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es ist meine spezielle Form von Fotografie und photographischer Kunst. Ich finde dies alles oft ausdrucksstärker als  viele andere Fotos.

Es ist Milieufotografie und da finde ich diese Darstellungsweise sehr spannend.

Weil ich sehr viel im lokalen öffentlichen Raum von Remscheid, Solingen und Wuppertal fotografiere, habe ich diese Art der Fotografie mit lokalem Bezug auch Wupperart genannt.

Klaus Staeck hat sich einmal zu Heinrich Zille geäußert:

„Heinrich Zille ist ja jemand, von dem alle glauben, sie würden ihn kennen. Man kennt seine derben, wunderbaren Karikaturen, Zeichnungen, jeder hat einen anderen Begriff dafür, aber das ist nur ein Teil von Zille. Er war ein Avantgardist, vor allen Dingen als Fotograf. Für uns heute ist er jemand, der wie kaum ein Zweiter die sozialen Verhältnisse um die Jahrhundertwende und Anfang des letzten Jahrhunderts dargestellt hat, satirisch zum Teil, aber eben auch vor allen Dingen sozialkritisch….

Heinrich Zille ist insofern modern, als er durch seine Fotos jemand war, der neue Wege gewiesen hat. Und er ist modern insofern, als er uns daran erinnert, dass die Kunst auch eine Aufgabe hat, indem sie den Teil der Wirklichkeit beschreibt, den wir am liebsten verdrängen wollen. Das ist das Elend, das ist Kinderarmut, das ist auch Verwahrlosung in vielerlei Hinsicht. Wir reden heute immer alle über Jugendgewalt etc. Es gibt Themen, die bleiben.“

Was mir wichtig ist, das ist die klärende Distanz. Durch Abstand den Zusammenhang besser sehen oder durch Abstand klarer sehen. Das ist es, was ich bei dieser Art der Fotografie empfinde.

Ich erhöhe den Abstand, ohne die Wirklichkeit zu verfälschen, um mit Distanz den Blick zu schärfen.

Das ist interessanterweise die Art von Fotos, die sich bei mir ungeplant aber durch Interaktion mit Menschen und Situationen und digitaler Technik entwickelt hat.

Es ist aber nicht die einzige Art von Fotos, die ich mache.

Meine anderen Wege habe ich hier beschrieben.

Es kommt immer auf die Situation und die Aussage an.

Die Kunst und die Revolution sind das Werk von Amateuren oder warum die Gedanken von Dieter Hacker so aktuell sind

Ein Blick auf die Gedanken von Dieter Hacker – Foto: Michael Mahlke

Kennen Sie Dieter Hacker?

Ich kannte ihn auch nicht. Aber als ich mein Projekt Zeitgeist-Fotografie vorgestellt hatte, stieß ich Wochen danach auf einen Text. Und der war von Dieter Hacker aus dem Jahre 1974. Damit nicht genug. Er nahm 1982 an der Ausstellung Zeitgeist teil, las ich in der Wikipedia.

Zeitgeist? Genau!

Wieso holt mein Ansatz zur aktuellen Zeitgeist-Fotografie die Vergangenheit in die Gegenwart und landet bei Dieter Hacker?

Da fragt man sich dann, ob es eine Synchronizität der Ereignisse gibt oder alles nur Zufall ist.

In dem ca. 1300 Seiten dicken Werk aus dem Schirmer-Mosel Verlag zur Theorie der Fotografie gibt es ein paar wenige Seiten mit dem Text von Dieter Hacker über „Profis und Amateure“.

Der Profi

Dort lesen wir zum Beispiel: „Der Fotograf nimmt Stellung zur Wirklichkeit, wie sie ihm erscheint. Der Blick des Professional auf die Wirklichkeit gleicht dem der Nutte auf den Kunden. Er sucht sie nach Ausbeutungsmöglichkeiten ab. Der Profi steht immer zu Diensten. Aber nicht jedem. Selber ein charakteristisches Produkt unserer Gesellschaft, stellt er seine Fähigkeiten dem Teil der Gesellschaft zur Verfügung, der die Normen bestimmt. Da findet er das Geld und die Anerkennung.“

Der Amateur

Aber das ist noch nicht alles. An anderer Stelle in dem Text „Profis und Amateure“ von 1974 heisst es: „Der Amateur liebt seine Arbeit. Dieses Verhältnis zu seiner Arbeit hat für ihn viele Konsequenzen. Denn unsere Gesellschaft honoriert nicht, was wir lieben, sondern was wir für ihren Fortbestand leisten. Die Arbeit des Amateurs gilt wenig. Da er seine Arbeit macht, um ein persönliches Bedürfnis zu befriedigen, bleibt er in der Regel auch der wichtigste Nutznießer seiner Arbeit… Der Amateur ist für die Industriegesellschaft nur interessant, sofern man mit ihm Geschäfte machen kann. Beim Fotoamateur ist das so. Unermüdlich und mit Hilfe von Werbeanzeigen, Großplakaten, Fotomagazinen, Fotoausstellungen, Fotobüchern und Sondereinlagen der illustrierten Zeitungen werden die Leute zum Fotografieren angeregt.“

Revolution und Kunst

Und dann kommt das Geheimnis der Kunst und der Revolution: „Befreit davon, Waren produzieren zu müssen wie der Profi, hat der Amateur die Chance, durch seine Arbeit zu wichtigen Einsichten zu kommen und sie, unberührt von den Interessen professioneller Multiplikatoren vermitteln zu können. Was dem Berufskünstler kaum gelingt, nämlich die Realisation seiner Intentionen; was ihm deshalb nicht gelingt, weil sich aus dem wahren Charakter des Kunstwerkes Zwänge ergeben, denen er sich schwer entziehen kann, ist für den Amateur kein Problem, denn er muß von seiner Amateurarbeit nicht leben.

Amateurarbeit, die sich von ihrer Fixierung an die Arbeit der Profis befreit, könnte eine Ahnung davon vermitteln, was nicht entfremdete Arbeit ist und so eine wichtige Utopiefunktion erfüllen. Nicht vergessen: die Revolution ist die Arbeit von Amateuren.“

Knapp 40 Jahre später

Dass man bei der Beschäftigung mit der Theorie und Praxis der Fotografie auf solche Gedanken stößt, ist schon bemerkenswert. Wie aktuell sind diese Gedanken und wie aktuell ist seine Bestandsaufnahme der damaligen Realität von Profis und Amateuren?

Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, dann kann man eigentlich nur feststellen, dass die Feststellungen von 1974 seitdem ausgebaut und verfeinert worden sind.

Die Wahrnehmung der Wirklichkeit hat durch die Massenmedien eine Veränderung erfahren.

Wahr und wirklich?

Wahr ist nicht mehr, was wirklich ist, sondern vielfach in der Wahrnehmung nur das, was medial vermittelt wird. Die digitale Dimension kam hinzu, zur Zeit als Chance und Risiko.

Die Schlüsselrolle

Aber die Rolle des Amateurs?

Das ist die Schlüsselrolle in diesem Text, der natürlich viel länger und ausführlicher ist als hier durch drei Zitate dargestellt werden kann.

Doch  meine Fokussierung auf die Themen Profi, Amateur und Fotokunst ist das Dreieck der Debatte, um die es in Theorie und Praxis geht.

Die Rolle der Dokumentarfotografie

Da hinein gehört auch die Frage nach der Dokumentarfotografie. Sind Amateure die eigentlichen Dokumentarfotografen? Mir scheint es fast so. Denn mit Dokumentarfotografie läßt sich kaum Geld verdienen.

Die Themen gestalteter Dokumentarfotografie halten oft eine Wirklichkeit fest, die selbst von den Beteiligten entweder anders wahrgenommen wird oder oft lieber anders gesehen wird.

Und es sind nicht nur die Themen der Mächtigen sondern auch der Ohnmächtigen. Ist Dokumentarfotografie Geschichte von unten? Wenn, dann sicherlich nur zum Teil.

Aber genau daraus erwachsen die Dinge, die heute wichtiger werden.

Denn Liebe, Leidenschaft und Lebenszeit sind Eigenschaften, die die Arbeit der Amateure auszeichnen, nicht die der Profis. Und daraus erwächst fotografisch und individuell der Geist, der Hoffnung schafft.

So landen wir mitten im Thema Fotografie ganz plötzlich bei Grundfragen, die uns aktuell alle angehen.

Da bekommt der Satz „Wer fotografiert, hat mehr vom Leben“ eine völlig neue Bedeutung.

Die wachsende Bedeutung der Amateure

Weil zudem Fotokunst immer wichtiger wird als verkaufbares Produkt, wird die Bedeutung der Amateure zunehmen für Fotos und Fotokunst – in der Kunst und als Kunden der Fotoindustrie.

Und auch hier bemerken wir, dass die Produzenten der Ware Fotokunst versuchen, sich als Profis dieser Szene von den Amateuren abzugrenzen. So beginnt eine weitere Drehung mit denselben Mechanismen.

Und deshalb scheint es so zu sein, dass die Zukunft der Fotografie und die Zukunft der Welt nur von Amateuren gestaltet werden kann – und nicht von Profis, oder?

Albert Camus und die Fotografie

Albert CamusAlbert Camus war ein kluger Mensch. Er formulierte für die Zeit der Industriewelt in seinen Tagebüchern so viele gute Gedanken, dass das Lesen dieser Gedanken eine ununterbrochene Entdeckungsreise zu sich und der Welt ist.

Dabei hat er gar nicht viel geschrieben. Aber hier zeigt sich, dass weniger oft mehr ist.

Als Historiker und Sozialwissenschafter, Berater und Publizist habe ich immer versucht, die Welt zu verstehen. Und mir war klar, dass ich darüber schreiben muss. Aber irgendwann wurde mir in der Auseinandersetzung mit dem Leben auch klar, dass das geschriebene Wort nicht alles ist. Die meisten lesen wenig, in unserer Gesellschaft ist spätestens durch das Fernsehen das Lesen weitgehend ersetzt worden und Erkenntnis ist eben mehrdimensional.

„Man denkt nur in Bildern. Wenn du Philosoph sein willst, schreib Romane.“ Diese Notiz aus dem Tagebuch von Albert Camus zeigt im Schreiben die andere Dimension. Er schreibt, dass das Denken in Bildern erfolgt. Damit ist das Schreiben die andere Hälfte vom Bild, wie Schwarz und Weiss oder Yin und  Yang.

Aber damit endet die Bedeutung dieser Aussage nicht. In dem schönen Buch „Mit der Kamera sehen, Konzeptionelle Fotografie im digitalen Zeitalter“ von Robert Hirsch kommt dann auf einmal die Erklärung. Robert Hirsch fragt „Was haben Bilder einem Text voraus?“

Er antwortet folgendermaßen: „Ein erfahrener Fotograf kann auf visuelle Weise seine Erfahrungen mit der Welt austauschen. die sich der Beschreibung durch Worte hartnäckig widersetzen. Albert Camus sagte einmal: „Ohne die Rätsel des Lebens gäbe es keine Kunst.“ Worte können zwar das eigentlich Unaussprechliche aussprechen, sie weisen aber auch immer auf ein Bewusstsein jenseits der Sprache hin. Fotos können Empfindungen für ein Motiv ausdrücken, ohne auf dessen körperliche Eigenschaften beschränkt zu sein. Fotos herrschen über Raum und Zeit und ziehen die Betrachter in ihren Bann, ohne dass diese beschreiben können, was sie eigentlich so fasziniert. Sie können uns daran erinnern, wie die flüchtigen Bilder unserer modernen Kultur unser Gedächtnis und unsere Gefühle besetzen und Teil unserer Gedankenwelt werden, die uns eine Identität verleiht und uns in die soziale Ordnung stellt.“

Soweit Robert Hirsch. Er fährt dann fort mit der Frage, was ein Foto interessant macht. Doch dies sollte jeder dann in dem Buch von Robert Hirsch selbst lesen.

Für mich ist bemerkenswert, dass Robert Hirsch genau dort angekommen ist, wo ich ebenfalls angekommen bin: bei Albert Camus. Seit ich die Fotografie entdeckt habe (und nach mehreren Jahren theoretischer und praktischer Anleitung mich aktuell im Stadium der dokumentarisch-publizistischen Fotografie befinde), erlebe ich, dass dies auch das Er-Leben einer Weltsicht ist.

Albert Camus gelingt es durch seine Worte, mir deutlich zu machen, dass die Welt nicht ohne Worte sein sollte, aber hinter den Worten weitergeht.

Camus zeigt mir, dass gerade die Zeit ohne Worte, das Erleben der Sonne, die Sinnlichkeit, für mich wesentlich ist. Nur so kann ich die Absurdität unserer Existenz auflösen, die ja bestimmt ist durch Kopf, Bauch und Sexus im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit.

Historisch betrachtet wechseln wir gerade in eine neue Welt. Digitales Denken und digitale Medien bestimmen uns. Statt Zeitungen mit Texten und Bildern gibt es Bilder mit Tönen. Das ist nicht schlechter, es kommt eben darauf an, was ICH daraus mache. Und genau darauf will ich hinaus.

Es ist eine Chance für den einzelnen Menschen, seine absurde Existenz mit Bildern besser zu leben. Insofern gibt die Fotografie uns die Chance, die Rätsel des Lebens besser zu erleben und uns selbst besser zu erfahren.

Nicht umsonst ist das Fotografieren von Menschen so wichtig und fast jeder Mensch kann sich nichts Schöneres vorstellen, als fotografiert zu werden. Dabei geht es eigentlich nicht um Akt oder Erotik, sondern um die Erfahrung seiner selbst durch das Betrachten der eigenen Fotos. Du siehst dich und du siehst dich ganz. Du nimmst dich wahr von aussen, während du dich sonst nur von innen siehst. Du transzendierst dich, um zu dir zurückzukehren.  Die Betrachtung deiner eigenen Fotos gibt dir genau die Sprache ohne Worte, über die ich hier die ganze Zeit schreibe. Dies gilt natürlich für andere Bereiche der Fotografie ebenso, ist aber im Bereich der Porträtfotografie wahrscheinlich persönlich am intensivsten.

So kannst du die Zeit deines Lebens bewusster erleben. Letztlich ist es das Leben von Kunst. Du wirst dein eigener Künstler oder wie es Wolfgang Boesner einmal geschrieben hat: „Die Grenzen von Worten, Philosophien und Religionen werden durch Kunst aufgelöst.“

Doch damit möchte ich diesen Artikel nicht beenden. Aufmerksame Beobachter meines Denkens wissen, was jetzt kommt. Ja, es ist ganz einfach. Wer hat denn die bekanntesten Fotos von Albert Camus gemacht? Richtig, es war Henri Cartier-Bresson. Damit schliesst sich nicht nur der Kreis sondern es öffnet sich dadurch das Tor zu einer neuen fotografischen Welt.

Was ist Professionalität in der Fotografie?

Ich stelle diese Frage hier und mir, weil ich in der letzten Zeit viele Diskussionen gelesen habe, die sich direkt oder indirekt damit beschäftigen.

Bemerkenswerterweise kann ich die Diskussionslinie am besten darstellen, wenn ich nicht über Profi und Amateur spreche sondern über die Frage von Fotografie als Handwerk und Fotografie als Kunst.

So beantwortet sich quasi das Thema des Artikels durch die Beschäftigung mit einem anderen Thema. Das hatte ich so auch noch nicht.

Beginnen will ich mit Joachim Schmid. Dieser Name tauchte plötzlich an diversen Orten auf, die ich gedruckt und digital besuchte.

Vor allem der Text zum Thema „Hohe“ und „Niedere“ Fotografie von 1992 gefiel mir. Schmid schreibt dort u.a.: „Doch unterscheidet sich die hohe Kunst der Fotografie von der allgegenwärtigen, in den Niederungen des Trivialen angesiedelten Normalfotografie – wenn man die Umstände von Produktion und Präsentation versuchsweise außer acht läßt und sich nur auf die Bilder konzentriert – in erster Linie durch ihre handwerkliche Präzision.“

Das ist doch mal ein Wort.

Doch Schmid bleibt hier nicht stehen, sondern untersucht dann den Zusammenhang von Fotografie und Fotokunst.

Deshalb möchte ich noch einen Satz aus diesem Text zitieren: „Mit der Perfektionierung der rein utilitaristisch begründeten fotografischen Produktion wurde die Abgrenzung der zweckfreien Fotokunst noch problematischer. Die partielle Annäherung von Reportage, Modefotografie, Werbung und Fotokunst ließ sich auch durch einen geschickten ästhetischen Überbau nicht verschleiern – zwischen den unterschiedlich begründeten Formen der anspruchsvollen Gebrauchsfotografie und den elaborierten Beispielen der konventionellen, kamerafixierten Fotokunst besteht kein fundamentaler Unterschied.“

Das ist eine Menge gedankliches Holz. Bei meinen weiteren Recherchen stieß ich dann auf einen Aufsatz von Ralf Hanselle, laut eigener Webseite freier Publizist in Berlin und Wien.

Ralf Hanselle hat einen sehr interessanten Artikel mit dem Titel „Das Ende der Beliebigkeit“ im Jahrbuch von 2010 des BFF veröffentlicht. Dort finde ich Joachim Schmid und seinen Text wieder. Hanselle zitiert aber einen anderen Satz als ich, nämlich: “Während die künstlerische Fotografie bei ihren Höhenflügen um eine Minimierung ihres Gebrauchswerts bemüht ist und dieses Ziel doch nie erreicht, steht dieser beim alltäglichen Normalfoto im Vordergrund”.

Hanselle formuliert insgesamt einen Text, der das Aushalten von Differenzen erleichtern soll, wenn ich dies richtig verstanden habe.

Und dann erzählt er die Geschichte von Walter E. Lautenbacher. „Als einer der führenden deutschen Modefotografen wollte er raus aus diesem “Handwerksding”. 1967 strebte er beim Finanzgericht Stuttgart einen folgenreichen Rechtsstreit an. Kommerzielle Fotografen sollten vor dem Fiskus das Recht erhalten, im Zweifel auch als Künstler anerkannt zu werden. Die Sache zog sich lange hin. In zweiter Instanz schließlich sollte Lautenbacher Recht bekommen. Wenn der Arbeit eines Fotografen nachweislich ein künstlerisches Element inhärent sei, so das damalige Urteil des Bundesfinanzhofs, dann könnten Fotografen fortan auch als Freiberufler tätig sein. Neben Handwerkern und Lichtkünstlern gab es jetzt also noch etwas Drittes. Etwas, was bis dato keinen Namen hatte. Fortan wurde es zu einem deutschen Spezifikum: Fotodesign – eine Disziplin, die weder Fleisch noch Fisch war.“

Ich empfehle den ganzen Artikel, weil dort die Frage von Fotografie und Kunst – Fotokunst – interessant dargestellt wird. Damit komme ich zurück zur Professionalität, die laut Schmid handwerklich ist, zugleich aber auch künstlerisch sein kann.

Ich weiß nicht, ob der Joachim Schmid, den ich hier zitiert habe, auch der Joachim Schmid ist, über den auf der Webseite kotzendes-einhorn.de berichtet wird. Dort finden wir folgenden Hinweis: „Joachim Schmid sammelt Bilder. Bilder von anderen, Bilder die er findet. Im Netz, auf der Straße und sonstwo. Bereits seit 1982 sammelt er Fotografien, die er auf der Straße findet. Fast 900 Aufnahmen hat er so zusammengetragen und in diversen Galerien ausgestellt. Doch erst das Internet ermöglichte ihm sein Konzept auszuweiten und weitere Sammlungen anzulegen.  Nun veröffentlicht er “Other People’s Phorographs” also in Buchform. Die Bücher konzentrieren sich hierbei auf Alltagsthemen die von Amateurfotografen visualisiert werden. Auf Fotoseiten wie Flickr sammelt er sein Material und kompiliert dann die Bilder nach fotografischen Begebenheiten oder Ideen. Dabei entsteht eine Dokumentation des Alltäglichen und der Beiläufigkeit, die durch das Zusammentragen mehrerer Bilder wieder zu etwas besonderem wird.  Gleichzeitig wird bewiesen, dass (auch) außerhalb des Kunstkontextes keine fotografische Idee neu ist. Vieles wurde bereits gemacht, vieles geknipst.“

Aber auch hier zeigt sich die Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen Fotografie und Fotokunst über die auch Hanselle geschrieben hat. Fotos mit einem hohen Gebrauchswert werden weiterverarbeitet zu einem Kunstwerk.

Zumindest sehe ich dies so.

Doch das Thema ist unendlich.

Daher will ich die gedankliche Kette noch erweitern. Auf der Seite fotofeinkost.de von Dr. Martina Mettner findet sich ein Artikel zum Thema „Von der Brücke fotografiert oder: Wie ähnlich dürfen Fotos sein?“ In diesem Artikel findet sie eine klare Unterscheidung und die lautet so: „Auf der einen Seite, im Kulturbetrieb, fehlen die Beurteilungskriterien für gelungene Fotografien, so dass alles ausgestellt und bevorwortet wird, was irgendwie ganz nett aussieht und nicht weiter stört. Auf der anderen Seite, jener der Fotografen, mangelt es bisweilen an Professionalität. Die wird ja landläufig gerne mit der Virtuosität im Bedienen von Geräten gleichgesetzt, meint aber viel mehr, nämlich einen Berufsethos, wie er für alle freien Berufe notwendig und wichtig ist. Das Berufsethos des Arztes besagt, dass er sich für die Gesundheit des Menschen einsetzt. Macht er aus Gewinnstreben Medikamententests an Patienten, verletzt er dieses Ethos. Profi-Fotografen oder Künstler heben sich ja nicht allein deswegen von Möchtegernfotografen ab, weil sie mehr können oder eine bessere Ausrüstung haben, sondern weil sie sich professionell verhalten, das heißt, eine ordentliche Bezahlung verlangen, dafür aber auch im Sinne des Kunden oder der Kunst das Bestmögliche abliefern. Und natürlich gehört dazu auch, dass man eine individuelle Leistung und Lösung präsentiert und sich nicht, wie im Supermarkt, einfach überall bedient.“

Auch hier eine klare Feststellung, dass es keine klare Abgrenzung gibt zwischen Fotografie und Fotokunst sowie eine eindeutige Abgrenzung zwischen Profi und Amateur.

Aber auch damit will ich noch nicht enden.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an meine Buchrezension von  „Biete Visionen“ von David duChemin. dort schrieb ich: „Seine Vision brachte ihn über das Theologiestudium und das Arbeiten als Komödiant letztlich zum Fotografieren. Und Profi ist man, wenn man davon leben kann.“ Soweit in Kurzform die Meinung von David duChemin wie ich ihn verstanden habe.

Wenn man nun diese hier dargestellten Auffassungen betrachtet, dann haben sich doch schon einige Kriterien als Antwort herausgebildet:

1. handwerkliche Präzision,

2. ordentliche Bezahlung,

3. eigenständiges Erarbeiten von Lösungen und

4. daß man davon leben kann.

Dies allein ist im Zeitalter digitaler Dammbrüche sicherlich genug Stoff für eine Woche Diskussion unter Interessierten.

Nur zur Einstimmung: Reicht es, in Zukunft noch als Fotograf aufzutreten oder muß man eigentlich nicht als Multimedia-Journalist tätig sein?

Eine andere Frage lautet, wenn man nicht davon allein leben kann, ist man dann kein Profi?

Man kann neben ganz vielen anderen Fragen auch noch darauf kommen zu fragen, was bedeutet eigentlich handwerkliche Präzision?

Damit will ich diesen Artikel beenden. Die offenen Fragen werden sicherlich eine Fortsetzung finden unter den digitalen Bedingungen nach den Feiern zum 10jährigen Jubiläum des 21. Jahrhunderts.

Dieser Artikel wurde 2010 publiziert.

Kleine Kameras, “schlechte” Fotos und Ganzkörperfotografie

Natürlich gibt es schlechte Fotos. Aber diese sind abhängig vom Betrachter – zumindest heute. Und das ist so wie mit der Kunst. Wenn es Kunst gibt, dann muß sie von Nicht-Kunst zu unterscheiden sein. Nun denn!

Welche Kriterien gibt es überhaupt für „gute“ Fotos?

  • Wenn ich nach den klassischen Kriterien gehe, dann sind dies Goldener Schnitt, Schärfe, Figur und Grund und inhaltliche Komposition.
  • Doch davon ist man ja ab. Heute gilt eher das Prominenz-Kriterium. Gut ist, über was einige Medien berichten und was bekannt wird.
  • Dann gibt es noch den Maßstab der Wettbewerbe. Da gibt es dann immer die „besten“ Fotografen – aus Sicht einer Jury.
  • Dann gibt es noch die Verkäufe. Gut ist, was Menschen kaufen.
  • Und dann gibt es noch die Fotos, die einem persönlich einfach gefallen.

Da ich das Thema hier nur als Einstieg wählen wollte, will ich es nicht vertiefen. Ich finde, es gibt viel mehr gute Fotos als man sagen darf. Diese Inflation an guten Fotos muß man aushalten. Und dazu gehört auch der richtige Umgang mit kleinen Kameras. Im Jahr 2010 sind ja die meisten preiswerten Digitalkameras so gut, dass sie bei gutem Wetter fast gar keine schlechten Fotos mehr machen können. Das Problem fängt bei schlechtem Licht an, weil dann das Rauschen zunimmt, also im Ergebnis die Sichtbarkeit der Punkte auf dem Foto.

Wenn wir uns nun das Farbfoto betrachten, dann fällt auf, dass es „rauscht“. Beim Blick auf den Teppich sieht man das. Das war aber gar nicht anders möglich. Wenn man nur eine kleine Kamera dabei hat, dann muß man auch damit fotografieren oder es gibt eben kein Bild. In dem Fall gefiel mir der fotografische Auftritt so gut, dass ich lieber diesen Schnappschuss machte als die Situation vorbeigehen zu lassen.

So, und damit kommen wir zu der Möglichkeit aus diesem Foto aus einer kleinen Digitalkamera bei eher schlechtem künstlichen Licht ein anderes Foto zu machen. Und das sieht dann so aus:

Was man sofort erkennt ist, dass dieses Foto kein Problem mehr mit Farbe hat sondern in sich als Schwarzweissfoto wirkt. Und es sieht gut aus, es könnte überall erscheinen. Die Qualität stimmt selbst bei diesem einfachen Foto aus einer einfachen Kamera. Und weil dies so ist, darf es natürlich nicht so sein. Man stelle sich vor, die Menschen würden mit dieser fotografischen Qualität zufrieden sein?

Doch es ist die Zeit gekommen, um sich nicht länger verrückt machen zu lassen. Gute Schnappschüsse erzählen eine Geschichte. Und wenn es in Farbe rauscht, dann ist dies nicht schlimm, doch vielfach hilft die Umwandlung in Schwarzweiss, um die wesentlichen Elemente besser herauszustellen. Das geht nicht immer, weil es auch Fotos gibt, die in Farbe besser wirken.

Ich habe dieses Fotos noch aus einem anderen Grund gewählt. Es zeigt nämlich spontan und ohne Übertreibung wie Menschen mit den kleinen Digitalkameras ohne Sucher fotografieren: nämlich mit dem ganzen Körper in ausholender Weise.

Das hängt einfach damit zusammen, dass ein Monitor ohne Sucher dazu führt, mit beiden Händen vom Körper nach vorne weggestreckt fotografieren zu müssen. So ist zwar die Kamera kleiner geworden, aber das Fotografieren nicht besser. Und genau dies zeigt dieser Schnappschuss authentisch.

Damit zeigt sich, dass aktuell mit den meisten kleinen Digitalkameras nur als Akt der Ganzkörperfotografie auch Fotos gemacht werden können. Das wäre irgenwie schon verbesserungswürdig und ist zugleich selbst ein nicht uninteressantes Objekt der Fotografie.