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Warum die Fotografie der entscheidende Schlüssel ist, um die Gegenwart zu verstehen oder wenn aus Bildern Wirklichkeit wird

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Bilder/Fotos können Waffen sein – so wie hier oberhalb zu sehen.

Das ist eine Funktion von Fotos in sozialen Zusammenhängen. Das ist aber längst nicht alles.

Manchmal ist der Blick einige Jahre zurück gut, um die aktuelle Situation klarer zu sehen. Es hat sich ja nichts geändert. Alle Konflikte von damals sind noch da. Der menschliche Charakter ist geblieben.

Und mit diesem Wissen sind wir technisch nun im digitalen Zeitalter angekommen.

Da wissen wir schon was uns blüht. Es ist schon überall zu sehen.

Und wir sind weiter mitten in der Ideologie des Kapitalismus, die die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht.

Was hat das mit Fotografie zu tun?

Sehr viel und die Realität dieser Zeit wurde schon viel früher beschrieben von Basin, Anders, Kracauer bis Sontag. Susan Sontag schrieb darüber in den 70er Jahren. Seitdem hat sich für die meisten Menschen sozial das Leben verschlechtert. Aber sie merken es kaum und reagieren nicht real, weil sie aufgewachsen sind in einer Welt, die eine Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit kreiert.

Eine kapitalistische Gesellschaft (nicht zu verwechseln mit Demokratie) braucht eine Kultur, die auf Bildern beruht. Diese Bilder sind erforderlich, um ununterbrochen zu unterhalten und das Kaufverhalten zu beeinflussen und zu stimulieren. Kameras definieren Wirklichkeit auf zweierlei Art, als Spektakel für die Massen und als Herrschaftsinstrument für die Führer.

Die letzten drei Sätze sind sinngemäß von Susan Sontag und dann kommt noch ein Satz danach:

„Social change is replaced by a change of images.“

Sozialer Wechsel wird ersetzt durch einen Bilderwechsel.

Biologisch betrachtet ist alles wahr, was unser Hirn „wahr“-nimmt. Also ist der Film so real wie die Realität. Wenn wir dann Herzklopfen kriegen oder weinen hat es damit zu tun, daß wir nicht unterscheiden können zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Die Fiktion ist in diesem Augenblick unsere Wirklichkeit.

Die Fotos/Bilder werden damit zu einem aktuellen Bestandteil unserer momentanen Identität und führen dazu, daß sie uns bewußt/unbewußt auch lenken.

Es geschieht überall.

Hier ist mein aktueller Aha-Moment. So habe ich das früher nicht erlebt und gesehen. Weil ich mit dieser Bilderwelt schon aufgewachsen bin, war diese Welt und damit die von anderen für mich kreierte Bilderwelt als Wirklichkeit meine „echte“ Wirklichkeit. Kritischer Umgang mit Medien setzte darauf auf und nicht davor an.

Nun blicke ich weiter und Sie können das auch.  Gehen Sie einfach mal ein paar Tage dorthin, wo es fast keine Bilder gibt. Das flache Land mit Wäldern bietet sich an. Kein Fernsehen, kein Buch, kein Supermarkt, kein Dorf und kein Handy. Und nach einer Woche werden sie merken, was ich meine.

Wenn Ihnen dieser Zusammenhang klar ist, dann verstehen Sie sicherlich auch den nächsten Gedanken:

„Die überkommene Vorstellung der Wirksamkeit von Bildern setzt voraus, daß Bilder die Eigenschaften der realen Gegenstände besitzen. Wir indessen neigen dazu, den realen Gegenständen die Qualitäten eines Bildes zuzuschreiben.“

Das schrieb Susan Sontag und die Herausgeber  des Buches Theorie der Fotografie Kemp/v. Amelunxen fassen dann den weiteren Gedankengang so zusammen:

„Die Bilder hätten den Spieß gegenüber der Realität umgedreht, aus Nachbildern seien Vorbilder geworden. Das hätte zur Folge, daß die Theorie der Fotografie sich zur eigentlichen Gesellschaftstheorie ausbreiten muß.“

Damit ist die Fotografie der entscheidende Schlüssel, um die Gegenwart in Theorie und Praxis zu verstehen.

Das ist doch gar nicht so schwierig. Natürlich gab es bald schon andere Theoretiker die wie Roland Barthes versuchten, „Fotografie aus ihrem vereinzelten Produkt und ihren kleinsten Details zu verstehen.“

Und nun raten Sie mal, was an den meisten Universitäten heute als Dissertationsthema erforscht wird?

Richtig, es ist der Ansatz von Roland Barthes, weil dies ja keine Gesellschaftskritik beinhaltet sondern eher der akademischen weltfremden Erbauung dient (ist polemisch von mir und auch so gemeint).

Fotografie als Waffe und die Waffen der Fotografie werden so gut wie gar nicht behandelt.

Und die Fotografie als Herrschaftsinstrument der Mächtigen wird eigentlich überhaupt nicht untersucht. Die Stiftungen der Mächtigen würden dafür wohl ebenso wenig Geld geben wie die staatlichen Einrichtungen.

Es gibt Ansätze aus privater Feder und privater Kamera, aber es ist eben alles ohne Geld und nur mit viel Verstand.

Heute werden Probleme und Lösungen über die Medien mit gesteuerten Bildern in die Köpfe transportiert.

Was nicht in den Bildern ist, ist nicht in den Köpfen und kann auch keine sozialen Gemeinsamkeiten wachsen lassen.

So verschwindet sogar Klassenbewußtsein oder Zusammengehörigkeitsbewußtsein und natürlich auch Bewußtsein für Demokratie und es wächst kein Veränderungswille gegen unwürdige Verhältnisse. Erst wenn viele Bilder in den Medien zu sehen sind auf denen Menschen sich wehren, kann wiederum etwas entstehen.

Ich möchte Sie zum Schluß noch einmal auf das Artikelfoto hinweisen.

Das Elend anderer betrachten, um Geld zu spenden, ist das Thema dieser Kampagne mit dem Titel „Trostlos“.

Sie sollen durch das kleine Kind im Elend dazu gebracht werden zu spenden. Dieses Foto ist ab dem Zeitpunkt der Betrachtung in ihrem Kopf. Das Foto ist auf dem Weg an dieser Stelle übermächtig groß für Fußgänger und Autofahrer zu sehen.

Und es wirkt ja. Aber es ist natürlich mehr. Es zeigt Machtverhältnisse.

Hätten die zehn reichsten Familien Deutschlands nur 1 Prozent ihres Vermögens oder 100 Prozent ihres Vermögenszuwachses gespendet, wären solche Kampagnen, um an das Geld der kleinen Leute zu kommen, überhaupt nicht nötig, zumal die Steuergesetzgebung sie ohnehin privilegiert.

Die Welt ist anders.

Und so möchte ich noch einmal zum Schluß den Gedanken wiederholen, den Susan Sontag als letzte einer Kette in die heute noch aktuellen Worte gefaßt hat: „Das hätte zur Folge, daß die Theorie der Fotografie sich zur eigentlichen Gesellschaftstheorie ausbreiten muß.“

 

Texte zur Theorie der Fotografie von Bernd Stiegler (Hg.)

reclamtheorie

Das ist mal ein schönes Lesebuch zu einem nie enden wollenden Thema.

„Das heißt, die Fotografie war früher das Repräsentationsmedium, unter das alle anderen Medien subsumiert und mit dessen Hilfe sie aufgeteilt und analysiert werden konnten. Heute muß diese Rolle der Computergrafik zu gesprochen werden. Dadurch wird die Fotografie lediglich zu einer unter vielen Repräsentationsformen. Eine Kritik der digitalen Fotografie muß diese Unterordnung des Fotos unter die Grafik berücksichtigen.“

Mit einem Text von Peter Lunenfeld, aus dem das Zitat stammt, endet das Buch zur Theorie der Fotografie, welches bei Reclam erschienen ist. Es hat folgende Rubriken:

  1. Fotografie und das Reale
  2. Fotografie und Indexikalität
  3. Fotografie und Kunst
  4. Fotografie und Wahrnehmung
  5. Fotografie und Gesellschaft
  6. Fotografie im digitalen Zeitalter

Diese Kapitel werden jeweils von Bernd  Stiegler mit einer Einleitung versehen, die aus meiner Sicht eigene Beiträge sind. Danach folgen insgesamt gut 25 Texte verschiedener Autorinnen und Autoren. Das Buch ist eigentlich eine Art Geschichtsbuch der Fototheorie aus analogen Zeiten. Einige Beiträge schließen zur Gegenwart auf, einige sind vielleicht zeitlos.

Das ist hier die Frage.

Bernd Stiegler weist in seiner Einleitung darauf hin, dass mit den digitalen Medien der „ontologische Zweifel Einzug gehalten“ hat und zu „nachhaltigen Verschiebungen führt. Auch wenn in vieler Hinsicht die gesellschaftlichen Gebrauchsweisen der Fotografie sich kaum geändert haben … gilt das für ihre Distribution und ihren ontologischen Charakter nicht.“

Haben Sie das verstanden?

„Die Ontologie (griechisch ὄν, on, „seiend“, als Partizip Präsens zu εἶναι, einai, „sein“, und λόγος, logos, „Lehre, Wort“) ist eine Disziplin der theoretischen Philosophie. In der Ontologie geht es in einer allgemeinen Begriffsverwendung um Grundstrukturen der Wirklichkeit. Dieser Gegenstandsbereich ist weitgehend deckungsgleich mit dem, was nach traditioneller Terminologie „allgemeine Metaphysik“ genannt wird.“ Soweit die Wikipedia.

Und hier kommt genau das wieder, was in immer mehr Büchern zur Fotografie und Fototheorie auffällt. Die Fotografie wird von immer mehr Wissenschaften entdeckt, die sie mit Begriffen besetzen, vor denen sie nicht flüchten kann.

Es gibt viele Texte zur Theorie der Fotografie. Wer eine Sammlung von Texten haben möchte, die einen Wegweiser durch etliche Ecken und Abgründe fotografischer Theorie darstellt, der kommt bei diesem Buch auf seine Kosten – positiv und negativ.

Dabei entwickelte sich bei mir eine Frage: Wie kommt es eigentlich, dass die älteren Texte i.d.R. viel lesbarer sind als die neueren Texte?

Die älteren Texte sind ja nicht unwissenschaftlicher sonst wären sie in dem Buch nicht vertreten. Sie sind aber sofort verständlich, auch wenn man nicht Linguistik oder andere Fächer studiert hat. Ketzerisch könnte man sogar sagen, dass man die älteren Texte auch lesen kann, wenn man „nur“ fotografiert und nicht studiert.

Daher ist das Buch auch empfehlenswert, wenn man einmal unverständliche wissenschaftliche Texte der letzten 40 Jahre und verständliche wissenschaftliche Texte aus der Zeit davor (zum Teil auch in dieser Zeit) lesen möchte.

Und damit repräsentiert das kleine große Reclambuch eine Geschichte der Theorie der Fotografie, die auch zeigt, dass die Deutungshoheit über die Fotografie durch eine unverständliche Fachsprache nicht zu erreichen ist.

Vielmehr überzeugen die älteren Texte in der Regel mehr. Aber auch der Text von Allan Sekula von 1982 ist lesbar, wenn auch dicht und mit einem fachbezogenen Wortschatz ausgestattet.

Texte wie der von Henri Cartier-Bresson sind dann wieder eine reine Freude und versöhnen mit Sätzen, die einen nur noch sprachlos staunen lassen wie dieser hier von Roland Barthes: „Wir wissen, daß ein System, welches sich der Zeichen eines anderen Systems bedient, um sie zu seinen Signifikanten zu machen, ein System der Konnotation ist. Das buchstäbliche Bild ist also ein denotiertes und das symbolische Bild ein konnotiertes.“

Haben Sie es verstanden?

Nun denn, Sie merken an meiner Rezension, dass das Buch in jedem Fall nicht langweilig wird und zur Bildung einer eigenen Meinung einlädt.

Insofern kann man Sie nur einladen, sich dieses Buch bei Interesse am Thema wirklich zu gönnen.

Das Buch ist bei Reclam erschienen.

Texte zur Theorie der Fotografie

Hrsg.: Stiegler, Bernd; Übers.: Lenz, Susanne
376 S. 10 s.-w. Abb.

ISBN: 978-3-15-018708-1