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Die Vergessenen und die vergessene Fotografie

Foto Mahlke – AFD und Die LInke zum Thema Armut

Der Buchautor Édouard Louis schrieb auf spiegel.de über seine Kindheitserlebnisse:

„Marine Le Pen sei die einzige, die von uns, von „den kleinen Leuten“ spräche, erklärten sie und machten sich auf ins Wahllokal. Alle anderen Kandidaten würden uns ignorieren.

Das Gefühl der Unsichtbarkeit war das zentrale Element unseres Lebens, war allgegenwärtig und eine Obsession. Kein Tag verging, an dem meine Mutter nicht sagte: „Für uns, die kleinen Leute, interessiert sich niemand. Schon gar nicht die großen Tiere.“ Wenn sie Politiker im Fernsehen sah, schimpfte sie: „Die sind doch alle gleich! Die denken doch nur an sich.

Meine Eltern fühlten sich von der Linken verraten. War die Verteidigung der Schwachen in der Gesellschaft nicht deren Sache gewesen? „Aber heute sind sie alle gleich, links wie rechts“, kommentierten sie, was sie als unnormal empfanden. In diesem „aber“ steckte ihre ganze Enttäuschung und das Gefühl der Verlassenheit, das an ihnen nagte.

Worte wie Hunger, Elend, Ungleichheit, Leiden, Schmerz, Erschöpfung kamen in den Erklärungen der Linken tatsächlich nicht mehr vor. …Kurz nach meinem zwanzigsten Geburtstag schickte ich das Manuskript meines ersten Romans an einen großen Pariser Verlag. In Das Ende von Eddy beschrieb ich jene Welt meiner Kindheit, die Armut und die Ausgrenzung, die ich erlebt hatte. Schon nach gut zwei Wochen erhielt ich Antwort: Sie könnten den Roman nicht veröffentlichen, teilte man mir mit. Das Elend, von dem ich berichtete, hätten wir vor hundert Jahren hinter uns gelassen, die Leser würden nicht glauben, was ich erzählte. Ein solches Buch kaufe keiner, hieß es.“

Dieses Erlebnis habe ich bis heute.

Die Welt aus der ich komme und die ich immer noch erlebe, kommt um mich herum überhaupt nicht vor in der öffentlichen Diskussion.

Und die wachsende Anzahl der Vergessenen trifft nun die Schutzsuchenden, die hier sofort leben können wie Einheimische ohne jemals etwas geleistet zu haben oder leisten zu müssen und mancher fragt sich, welchen Wert noch Staat, Fleiß und Grundgesetz haben.

Denn wer für seine Familie als schutzsuchende Asylanten sofort rechnerisch monatlich über 4000 Euro netto erhält (selbst wenn nicht alles bar ausgezahlt wird), welchen Ansporn sollte der haben, hier arbeitend mitzumachen?

Echte Sanktionen gibt es nicht, Ausweisung gibt es nicht, Bedingungen für das Bleiben gibt es nicht – aber viel Geld und lebenslange Leistungen, die Inländern bei Arbeitslosigkeit erst nach der Anwendung der Verarmungsregel von Hartz 4 zustehen.

Migrationsforscher warnen fast verzweifelnd vor den Folgen und fragen sich, wo man hier ist. Akzeptanz bedeutet nämlich, daß die aufnehmende Bevölkerung dies annimmt und nicht ablehnt. Dazu würde aber gehören Migranten und Asylanten rechtlich anders zu stellen so daß z.B. Migranten und Asylanten mehr Steuern zahlen müssen und weniger Sozialleistungen erhalten als die, die hier geboren sind und hier gearbeitet haben (wie das in klassischen Einwanderungsländern auch ist und dort auch für Asylberechtigte gilt und übrigens das Erlernen der Sprache zwingende Voraussetzung für das Bleiberecht ist und es dafür nix gibt statt nur Abzüge).

Das geht ohne Probleme, denn es sind zwei paar Schuhe. Man muß sich verdienen dabei sein zu dürfen und nicht erst einmal alles ohne Arbeit erhalten auf Kosten der Einheimischen, denen man seit Jahren immer mehr wegnimmt. Das bedeutet Akzeptanz.

Einfach zu regeln wäre dies mit einer Basissicherung für Asylsuchende, die nach erfolgreicher Integration länger gewährt wird und in den Arbeitsmarkt führen muß und einer echten höheren Grundsicherung (die mehr als das Existenzminimum abdeckt) für arbeitslose Inländer, also Menschen, die hier gearbeitet haben, die je nach Anzahl der sozialversichert gearbeiteten Jahre aufgestockt wird und Erspartes nicht anrechnet und bei der Rente mitzählt. So einfach geht das Grundgesetz und so einfach baut man Hass ab.

Aber es ist wohl politisch anders gewollt: Hartz4 stabilisiert die wachsende Ungerechtigkeit und die vorhandenen Machtverhältnisse, weil das Volk mehr kontrolliert wird als in der DDR und natürlich bei den Nazis.

Man vergaß wohl bewußt die, die diese Gesellschaft tragen oder vor der Arbeitslosigkeit getragen haben.

Stattdessen wird über die berichtet, die sich tragen lassen und es wird mit viel Geld alles getan, um ja keine Debatte über die zu führen, die dies alles tragen und ertragen.

Dabei müßten die, die hier gearbeitet haben, belohnt werden und nicht bestraft werden.

Insofern handelt es sich um bewußt „vergessene“ Fotografie, die nicht zeigt, was bei vielen Millionen von Staatsbürgern hier real an sozialer Armut durch materielle Armut vorherrscht.

Die in Deutschland aus sicheren EU-Ländern angekommenen Asylanten wurden und werden hier aber gerne fotografiert und exponiert ausgestellt, die vergessenen Inländer werden so gut wie nie fotografiert. Die betteln dafür u.a. in der Elberfelder City.

Und sie werden z.T. sogar beschimpft, wenn sie nun die wählen, die sie als Einzige ansprechen und ihnen Hoffnung geben.

Was für eine Zeit!

Von der Waffe zur Partizipation? – Die Methode Photovoice

Visuelle Kommunikation

Wir leben immer mehr in einer visuellen Welt.

Wir machen uns Bilder von der Welt und wir erhalten Bilder, die wir sehen sollen.

Was sehen wir?

Sehen wir die Dinge in unserem Kopf oder sehen wir die Dinge um uns herum?

  • Daneben gab es immer eine politische Fotografie zwischen dokumentierender Fotografie als Waffe und der Manipulation mit Bildern.
  • Und es entstand im angelsächsischen Raum die Methode Photovoice bei der thematische Fotos von Betroffenen selbst erstellt werden und dann in Gruppen besprochen werden mit der Frage, was man tun kann
  • Neben diesen sozialen Funktionen der Fotografie gab es immer schon parallel die persönlichen Funktionen. Fotografie diente und dient zur Bewältigung persönlicher Erfahrungen zwischen Krieg und Krankheit, Lebensereignissen wie Hochzeiten und Geburten und natürlich der Begegnung mit dem Tod.

 

Fotografie & darüber Sprechen = Photo Voice

Photovoice bedeutet in der Praxis, dass Menschen, die etwas zum Thema machen wollen, dies fotografieren und dann gemeinsam darüber sprechen.

Diese Methode hat in UK eine eigene Webseite, die zeigt, was man damit machen kann: Partizipative (mitbestimmende und mitmachende) Fotografie für soziale Veränderungen

Grafik: Michael Mahlke

 

Das kann alles sein was aktivierend angesprochen werden soll, um es besser und weiter gemeinsam zu bearbeiten.

In einem sehr guten Vortrag von  Tanja Gangarova (Deutsche AIDS-Hilfe e.V.) und Melike Yildiz (AfroLeben+) auf einer Fachtagung zur Inklusion wurde dies folgendermassen ausgedrückt:

„Mitglieder einer Gruppe oder Community machen Fotos von ihren Lebenswelten und werten diese gemeinsam aus, um Veränderungsprozesse zu initiieren“

Somit ist Photovoice so neutral wie ein Messer. Die Methode kann engagiert für demokratische Veränderungsprozesse eingesetzt werden oder sozialpädagogisch für Kleingruppenarbeit mit konkreten lokalen und persönlichen Themen.

Es gibt von China über Kanada bis Amerika Beispiele dafür, wie mit dieser Methode

  • neue Blicke auf die Dinge,
  • ein anderer Umgang mit einem Thema oder auch
  • eine Lösung festgefahrener Strukturen

erreicht werden konnte.

Beispiele sind
  • Die Visualisierung von Berufswünschen
  • Das Abholzen von Bäumen in einem Stadtviertel
  • Die Verschmutzung durch Hundekot
  • Bessere Versorgung von Brustkrebspatienten
  • Umgang mit Prothesen
  • Diskriminierung im Alltag von Einwanderern in Kanada
  • HIV-Präventation
  • Leben im Seniorenheim
  • Umgang mit Alter und neue Kontakte
  • Migrationsarbeit zu vielen Themen
  • Migranten und Immigration
  • etc.

Es ist also alles möglich, wobei es eher um schwierige Themen geht, die meistens auch persönliche Erfahrungen über Fotos nonverbal zum Thema machen, das dann sprachlich formulierbar wird.

Interessanterweise habe ich nirgendwo die Thematisierung von Armut von Alg 2 Betroffenen gefunden. Das wird eher gar nicht oder kaum angepackt, so daß auch hier photovoice eine Methode wäre, um Veränderungen und eine neue Sichtweise und ein neues Selbst-Bewußtsein zu erzeugen.

Photovoice ist eine Methode für soziale Dynamik

Es reicht bei dieser Methode allerdings nicht, eine Kamera zu nehmen. Fotografieren geschieht ebenso in einem rechtlichen Rahmen wie die Gruppenarbeit und die Thematisierung. Vorbereitung, Ziele, Begleitung – in der Regel handelt es sich um Projekte, die Wochen wenn nicht Monate mit Gruppenarbeit umfassen plus Konzept, begleitende Dokumentation und Auswertung mit Abschlußbroschüre.

Das kostet alles Geld und sollte auch entsprechende Erfahrungen und Gruppenarbeit voraussetzen.

Die Fotografie nimmt aktuell eine neue Rolle ein.

Sie ist das digitale visuelle Messer geworden. Das Messer begleitet die Menschen seit Jahrtausenden und hat viele Funktionen. Es kann zum Brotschneiden, dem Operieren oder dem Ermorden genutzt werden.

Ebenso viele Möglichkeiten hat die Fotografie.

Die Grafik zeigt,

  • was man mit der Fotografie machen kann,
  • welche Funktionen sie haben kann und
  • wie man sie einordnen kann.

Und Photovoice hilft, soziale Wirklichkeiten anzustossen und Veränderungsprozesse umzusetzen.
Deshalb schreibe ich darüber und sie sollten nach dem Lesen darüber sprechen.
Geben Sie dieser fotografischen Methode ihre Stimme.

Photovoice ist also eine gute Methode für Sozialarbeit und Photovoice ist zugleich eine visuelle Sprache, die Brücken bauen kann und Photovoice ist eine soziale Gebrauchsweise der Fotografie.

Übrigens landen Sie auf diesem Artikel, wenn sie www.photovoice.de eingeben.

Damit Sie wissen, mit wem Sie ein solches Projekt machen können.

Armut 2.0 in Deutschland – Fotografie zwischen Dokumentation und Kunst

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Armut hat Gesichter.

Doch wir haben mehr als zehn Jahre nach der Einführung von Hartz 4 in Deutschland eine besonders beschämende Situation.

Denn die Armut in Deutschland ist staatlich verordnet.

Selbst wer Arbeit findet, ist meistens schlecht bezahlt und nur befristet eingestellt.

Es sind diese Gesetze, die den ehrlichen Menschen die Chancen nehmen, sie zum finanziellen Abstieg zwingen und jeden Arbeitslosen, der dieses Sozialsystem vorher mitfinanziert hat, diskriminieren.

Hartz 4 – Alg 2

Hartz 4 ist die herzlose Antwort der Asozialen auf die sozialen Herausforderungen in Deutschland nach der Wiedervereinigung.

Wie geht man damit nun fotografisch um?

Man kann es ignorieren und nicht fotografieren.

Man kann es auch fotografieren wollen, aber keine Gesichter dazu finden oder man macht die Gesichter – selbst wenn man sie im öffentlichen Raum findet – dann doch unkenntlich.

Die mögliche soziale Stigmatisierung hat in den letzten Jahren dazu geführt, daß es zu diesem Thema so gut wie keine sozialdokumentarische Fotografie gibt.

Das, was bekannt ist, ist eher anonyme Armutsfotografie, die symbolhaft vorgeht.

Armut 2.0

Armut 2.0 ist Armut in hochentwickelten Ländern wie Deutschland, die den echten Sozialstaat abschaffen und durch eine Armenspeisung mit diktaturähnlichem Überwachungssystem ersetzen.

Wie kann man diese gesellschaftlichen Zustände festhalten?

Ich habe dazu eine kleine Webwanderung durchgeführt und möchte die interessanten Beispiele hier vorstellen.

Obdachlosigkeit

Unter Anleitung von Andreas Herzau hat dazu Anna Stumpf eine Fotoserie mit dem Titel „Trügerisches Idylle“ vorgestellt. Sie schreibt auf ihrer Webseite dazu: „Nach dem Armutsbericht der Bundesregierung sind 330.000 Menschen in Deutschland wohnungslos. … Der Bremer Hauptbahnhof bildet das im Takt des Alltags pulsierende Herz der Stadt. Der daneben ansässige ehemalige Güterbahnhof bietet einen Rückzugsort für Obdachlose. Vermeintliche Müllberge entpuppen sich als stille Zeugen einer Gesellschaft, die neben unserer existiert.“

Genau diese Dokumentation ist besonders bemerkenswert, weil der liebe Herr Steinmeier als Architekt der Hartz-Gesetze eine Dissertation mit dem Titel „Bürger ohne Obdach: zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum; Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit“ erstellt hat.

Und dann sind in Deutschland 330.000 Menschen offiziell obdachlos?

Diese Fotoserie ist damit viel mehr als nur eine fotografische Momentaufnahme. Sie dokumentiert darüber hinaus das absolute Versagen der politischen Klasse am Beispiel von Frank-Walter Steinmeier und ist damit hochpolitisch und aktuell.

Wahrnehmung von Armut

Ist Armut bei uns schon selbstverständlich?

Bei Masterphotos gibt es eine Serie mit dem Titel Beiläufige Wahrnehmung.

Darin befinden sich auch einige Fotos, die zeigen, wie selbstverständlich heute Armut im öffentlichen Raum vorhanden ist und gar nicht mehr darauf reagiert wird. Sie ist nicht mal mehr einen bewussten Blick wert, könnte man sagen. Und genau dies wird dort fotografisch festgehalten.

Verarmte Wohnviertel

Schon etwas älter ist die Serie von Jonas Bendiksen zum Thema „Slums des 21. Jahrhunderts.“ Diese Serie setzt Deutschland in ein Verhältnis zu anderen Ländern, weil sie international angelegt ist und keine Fotos von Deutschland zeigt.

Hier setzt Steffen Diemer an.  Er hat dies am Beispiel der Bayreuther Strasse in Ludwigshafen umgesetzt. Wir sehen dort wie Menschen leben, die etwas besseres verdient haben als Hartz 4, nämlich echte Chancen.

Verfestigung von Armut

Berichte über die Verfestigung von Armut oder auch strukturelle Armut habe ich nur mit Symbolfotos gefunden.

So gäbe es noch eine Menge zu fotografieren, wenn man nur diese deutschen Verhältnisse in ihrer Wirklichkeit festhalten will.

Aber will man das?

Demos gegen Armut und Hartz 4

Natürlich gibt es viele anständige Menschen, die das dokumentieren wollen und die etwas ändern wollen. Einige davon dokumentieren die vielen Demonstrationen und Kundgebungen auch zu diesem Thema:

UmFairteilen 2
Und so gibt es Projekte und fotografische Aktivitäten von, mit und über Armut und Hartz 4 in Deutschland.

Und noch mehr zu diesem Thema gibt es hier.