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Meisterinnen des Lichts von Boris Friedewald

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Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten will das Buch zeigen.

Man blättert und schaut in diesem Buch mit zunehmendem Vergnügen.

Mir ist zwar nicht klar, welche Kriterien für „groß“ gelten aber  alle Beiträge sind sehr interessant und viele Fotos einfach großartig in Idee oder Umsetzung.

Es sind viele Namen in dem Buch: Berenice Abbott, Eve Arnold, Anna Atkins, Ellen Auerbach, Jessica Backhaus, Tina Barney, Lillian Bassman, Sibylle Bergemann, Margaret Bourke-White, Claude Cahun, Julia Margaret Cameron, Imogen Cunningham, Rineke Dijkstra, Trude Fleischmann, Martine Franck, Gisèle Freund, Nan Goldin, Jitka Hanzlová, Lady Clementina Hawarden, Florence Henri, Candida Höfer, Evelyn Hofer, Graciela Iturbide, Lotte Jacobi, Gertrude Käsebier, Rinko Kawauchi, Herlinde Koelbl, Germaine Krull, Dorothea Lange, An-My Lê, Helen Levitt, Vera Lutter, Vivian Maier, Sally Mann, Hellen van Meene,  Susan Meiselas, Lee Miller, Lisette Model, Tina Modotti, Sarah Moon, Inge Morathh, Zanele Muholi, Madame d’Ora, Bettina Rheims, Viviane Sassen, Shirana Shahbazi, Cindy Sherman, Dayanita Singh, Rosalind Solomon, Grete Stern, Ellen von Unwerth, JoAnn Verburg, Carrie Mae Weems, Francesca Woodman, Madame Yevond.

Das zeigt wie viele Frauen fotografierten und fotografieren.

Die meisten Frauen werden auf je zwei Doppelseiten vorgestellt, machmal sind es mehr.

So gelingt es, mit einem Text den Menschen und die Einstellung zur Fotografie zu erklären und einige Fotos in ansprechender Größe wiederzugeben.

Gut durchdacht und gut gemacht!

Boris Friedewald schreibt: „All dies sind Blicke von Frauen, für die die Bezeichnung Fotografin unscharf ist. Und das aus ganz individuellen Gründen. So sieht sich Zanele Muholi als visuelle Aktivistin. Claude Cahin sah sich selbst jenseits von weiblich, männlich oder androgyn und Eve Arnold glaubte, daß die Bezeichnung Fotografin sie reduziere.“

Damit öffnet er den Blick auf soziale Relität jenseits der alten Begrifflichkeit. Fotograf/Fotografin ist zunehmend kein Berufsbild mehr sondern eine Art der Kommunikation, weil die Technik keine Fachkenntnisse mehr erfordert. Sie wird eher eine Ausdrucksform und dann kommt es darauf an, ob diese Ausdrucksform als Fotokunst vermarktet werden soll oder als Beitrag die soziale Wirklichkeit beeinflussen soll – oder beides.

Es ist ein Buch zum Blättern, Blicken und Verweilen. Dabei wird es nie langweilig und die Texte sind sehr informationsreich. Damit lernen wir die Frauen in diesem Sinne kennen und werfen Blicke auf ihr fotografisches Werk.

Ein gutes Buch aus dem Prestel-Verlag.

Schade, daß es nicht noch dicker ist.

Boris Friedewald
Meisterinnen des Lichts
Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten

ISBN: 978-3-7913-4673-1

 

Das Buch ist im Prestel-Verlag erschienen.

 

Gisèle Freund, Fotografische Szenen und Porträts von Janos Frecot und Gabriele Kostas

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„Wer bei Gisele Freund über Porträts spricht, spricht auch über Farben.“

So schildern Yoann Thommerel und Lorraine Audric das Archiv ihrer Fotos.

Es sind Fotos aus schwierigen Zeiten.

Sie erzählen Geschichten vom Leben und Sterben. Immer dabei Walter Benjamin.

Hnzu kommen Fotoreportagen und der Briefwechsel zwischen Walter Benjamin und Gisele Freund in Paris.

So entstand ein Buch, das Gisele Freund zeigt, ohne daß die Fotografin dazu noch etwas sagen könnte.

Janos Frecot und Gabriele Kostas betonen, daß die Auswahl der Fotos nicht nur die Porträts zeigen, sondern den Alltag der Abgebildeten, eben fotografische Szenen.

Daraus entstand ein Buch, das die Vergangenheit fast aktuell zurückholt.

Es sind bemerkenswert lebendige Fotos und man kann in dem Buch genau sehen, wie versucht wurde, verblassende Farben digital wieder hinzubekommen.

Das ist gelungen und spannend.

Das Buch liefert aber auch eine Untersuchung über die Art, wie Gisele Freund Porträts machte.

Fast immer war eine Hand zu sehen.

Interessant ist die These, daß die Fotos nicht aus einer Freude am Visuellen entstanden sind sondern aus inhaltlichen Gründen.

Wie schön, daß es das im Fotojournalismus noch gab!

„Die farbigen Nahansichten von Schriftstellern, besonders die berühmt gewordenen Porträts, die Gisele Freund um 1939 aufgenommen hat, verhindern oft durch ihre porentiefe, nicht nur den Dargestellten selbst unangenehme Genauigkeit die nötige Distanz, die uns gleichzeitig wieder anlocken würde.“

So steht es im Buch.

Enno Kaufhold untersucht in dem Buch die Rezeption und weist darauf hin, daß Gisele Freund erst 1977 in Deutschland im Rahmen einer Ausstellung mit Porträts und Fotoreportagen öffentlich zur Kenntnis genommen wurde.

Nun hat der Nicolai-Verlag dieses Buch herausgegeben und es wird die Frage erneut aufwerfen, ob es einen weiblichen Blick gibt.

Im Buch selbst wird genau dies diskutiert und mit Zitaten von Hans Georg Puttnies und Verena Lueken mit Pro und Contra versehen.

Egal ob oder ob nicht.

Das Buch eignet sich wunderbar, wenn man Menschen in einer Nähe und Lebendigkeit sehen möchte, die man sonst nur aus der Literatur kennt. Und es ist ein großartiges Buch, wenn man die Fotos von Gisele Freund im Großformat sehen möchte und Fotos sehen will, die sich verkauften

Am Ende des Buches sind auch die Fotos von Eva Peron zu sehen und die Geschichte mit den Fotos, mit der Politik und der Agentur Magnum wird so erzählt wie wir sie noch nicht kannten.

Die vielen Autorinnen und Autoren liefern viele verschiedene Ansichten und insgesamt ein Puzzle zu Leben, Werk und Wirken einer Frau und Fotografin, die die Reproduzierbarkeit der Fotografie auch als Broterwerb hatte.

Ein spannendes, umfassendes und gut gemachtes Buch aus dem Nicolai-Verlag.

Janos Frecot, Gabriele Kostas (Hg.)
Gisèle Freund
Fotografische Szenen und Porträts
224 Seiten, 22 x 27 cm
175 farbige und Duotone-Abbildungen
gebunden
ISBN 978-3-89479-848-2

 

Fotografie und Geschichte von Jens Jäger

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Geschichte altert nicht. Das gilt auch für dieses Buch. Zwei große Themen der Menschheit, die Geschichte als Erinnerungskultur und die Fotografie als visuell-mechanische Erfassung der Welt, werden hier besprochen.

Kann man eine Rezension über ein Buch schreiben, das Pionierarbeit leistet? Eigentlich eher nicht, es sei denn, man zeigt die Tiefe und Weite. Fabian Schwanzar hat dies getan und die Einordnung gefällt.

Der Verlag bietet einen Einblick in das Buch, der ebenfalls Lust auf mehr macht.

Wenn man nun den Weg in dieses Buch geht, dann verirrt man sich nicht.

Denn das Buch ist der Versuch, eine textliche Landkarte des Wissens über dieses Thema zu erstellen.

Die Landkarte ist gelungen, das Buch großartig und der Lesewert sehr hoch.

Henri Cartier-Bresson. Der Schnappschuss und sein Meister von Clément Chéroux


Alles fing mit Kodak an. Mit 13, 14 Jahren erhielt Henri Cartier-Bresson eine Brownie-Box von Kodak und entdeckte sein Interesse an der Fotografie.

Cartier-Bresson wuchs in einem vornehmen Viertel von Paris auf. Seine Familie hatte es mit Fabriken für Garne zu Wohlstand gebracht und Henri Cartier-Bresson konnte an allen Vorteilen einer solchen Situation teilhaben.

Ab 1926 besuchte Cartier-Bresson, der mehrmals beim Abitur durchgefallen war, die Akademie für Malerei von André Lhote.

Alles dies und noch viel mehr erfahren wir in dem wunderbar gestalteten und informationsreichen Buch „Henri Cartier-Bresson. Der Schnappschuss und sein Meister“ von Clément Chéroux. Offenbar war Cartier-Bresson ein Netzwerker, wie wir heute sagen würden.

Wahrscheinlich hatte er durch seine Familie schon Zugang und geöffnete Türen, die anderen nicht aufgemacht worden wären.

Chéroux schreibt, dass Cartier-Bresson Harry und Caresse Crosby kennenlernte. „Die Elite der künstlerischen und literarischen Avantgarde verkehrt in der Moulin du Soleil, dem Haus der Crosbys…. Dort trifft Cartier-Bresson Crevel und Breton wieder, begegnet Salvador Dali und Max Ernst. Dort lernt er auch Julien Levy kennen…“

1930 reist Cartier-Bresson dann nach Afrika. „Nach einem Monat erreicht er die Elfenbeinküste, wo er fast ein Jahr bleibt und verschiedenen Tätigkeiten nachgeht. Er ist Holzhändler und Plantagenbesitzer, bis er einen österreichischen Jäger trifft, der ihm beibringt, nachts mit einer Karbidlampe zu jagen, um die Beute anzulocken.“

Dann wurde er krank und kehrte nach Europa zurück.

Wie wurde er denn nun Fotograf?

Chéroux schreibt dazu: „Es ist heute schwierig, zwischen belegten Fakten und einer persönlichen Mythologie zu unterscheiden, die im Nachhinein durch eine logische Folge von auslösenden Ereignissen rekonstruiert wurde.“

Und so reiste er und fotografierte, erst in Europa und später in Südamerika.

Und schon 1933, ein Jahr nach seinem Entschluß, Fotograf zu werden, stellt er in der Galerie von Julien Levy in New York aus.

Man kann sich beim Lesen der Seiten dieses Buches und der Kontakte und Bekanntschaften, die Cartier-Bresson in den „feinen“ Kreisen machte, nicht des Eindrucks erwehren, dass hier viele helfende Hände im Netzwerk einflussreicher Beziehungen eine Rolle gespielt haben, denn allein mit den produzierten Fotos ist dies nicht erklärbar.

So lernt man umgekehrt wie Können und Kontakte (neudeutsch Networking) Wege zum Erfolg ermöglichen und die richtigen Verhältnisse dabei sehr hilfreich sein können.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs erfolgt 1947 eine Ausstellung im MOMA und er wird sich ab diesem Zeitpunkt ganz dem Reisen, dem Fotografieren und dem Vermarkten widmen. Dazu wird die Fotoagentur Magnum gegründet.

Cartier-Bresson fotografiert bekannte Schriftsteller und Künstler, trifft Politiker wie Gandhi und kann durch Türen gehen, die andere nicht einmal erreichen würden.

So wird er berühmt und eine Legende. Mir gefallen viele seiner Fotos und vor allem gefällt mir das Buch von Clément Chéroux aus dem Schirmer-Mosel Verlag.

Das Buch ist für mich das am besten gestaltete Buch über Cartier-Bresson, welches ich kenne.

Und das Buch hat mir zu der Erkenntnis verholfen, dass das Fotografieren alleine nicht reicht. Um davon leben zu können, ist das Networking und die Hilfe reicher und einflussreicher Menschen viel wichtiger.

Cartier-Bresson hat bei Andre Lhote Malen gelernt. Die Geometrie war dabei das, was für ihn am wichtigsten war.

Mit dem Satz „Am Anfang war die Geometrie“ setzte er dann seinen Weg in die fotografische Welt fort. Und der geometrische Aufbau, die visuelle Grammatik, wurde dann auch wesentliches Merkmal seiner Fotos. Diese waren am besten, wenn Form und Inhalt stimmten.

Seine Schnappschüsse stellten sich später als erarbeitete und geplante Auswahl heraus – was sie nicht mindert – oder wie Gisele Freund einmal erzählte: “Wissen Sie, ich habe doch damals, in den Dreißigern, meine erste große Reportage gemacht, für LIFE, über das Elend der arbeitslosen Bergarbeiter in Nordengland. Und der Bildredakteur, der war ganz erstaunt, daß ich von jedem Motiv nur ein Photo gemacht hatte, nur eines oder höchstens zwei. Aber das saß dann. Später, bei Magnum, hat man mir die Kontaktbögen von Cartier gezeigt, und da hatte er einen ganzen Film… und eines war dann bestimmt darunter, das er den entscheidenden Moment nannte. Auf diese Idee bin ich nie gekommen, schon weil Film so teuer war für mich.”

Und so bleibt die Erkenntnis, dass man schon planen und viel fotografieren muß, um Momente zu bekommen, die später wie Zufall aussehen können. Aber Planung reicht auch nicht, das Können liegt dann in der Anwendung der Geometrie und in der Umsetzung durch die Person mit ihren Möglichkeiten.

Ich bin ein Fan vieler Fotos von Cartier-Bresson und seiner Art zu fotografieren. Und deshalb mag ich das Buch besonders, weil es zeigt, „Meisterhaftigkeit“ in der Fotografie (wie auch immer definiert) und Erfolg sind zwei verschiedene Dinge. Cartier-Bresson hatte – je nach Definition – beides, daher wurde er bekannt und prominent. Die meisten anderen heute haben nur eines davon.

Ein großartiges Buch, aus dem man viel lernen kann.

Clément Chéroux
Henri Cartier-Bresson. Der Schnappschuss und sein Meister
ISBN-13: 9783829603775

 

Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen der 20er und 30er Jahre in Paris von Unda Hörner

„Paris war, frei nach Walter Benjamin, die Hauptstadt des 20. Jahrhunderts für alle jene, die sich als Handwerkszeug die Kamera ausgesucht hatten.“

Dieser Satz aus der Einleitung des hochinteressanten und wunderbaren Buches von Unda Hörner bringt die Leserinnen und Leser in die Welt von Fotografinnen, die ein Teil der Geschichte dieses Mediums sind. Unda Hörner erzählt Geschichten.

Sie erzählt das Leben von Berenice Abbott, Lee Miller, Florence Henri, Ré Soupault, Ilse Bing, Marianne Breslauer, Germaine Krull, Gisèle Freund, Claude Cahun und Dora Maar in Paris.

Sie schildert die Schwierigkeiten dieses Lebens nach einem Weltkrieg und vor einem Weltkrieg und sie erzählt sehr feinfühlig, welche Rolle die männlichen Fotografen spielten. Es waren oft nicht die besten.

„Geschont hatten sich all jene Frauen, die in den Pariser Bohème-Kreisen verkehrten, die beruflich unkonventionelle Wege gegangen waren und die sexuelle Libertinage vorgelebt hatten, nicht. Gern rauchten sie starke Zigaretten, sie wussten Pernod und einen Petit Rouge in den vielen Pariser Brasserien sehr wohl zu schätzen. Sie lebten zum großen Teil unter unsicheren Umständen, in der Improvisation, und sie sahen dem Feind direkt ins Auge, wenn es galt, aktuelle Bilder an Schauplätzen zu machen, wo Krieg und Krise herrschten.“

Vielfach erwies sich Man Ray als Tür in diese Welt. Aber nicht immer. Unda Hörner hat ein bemerkenswert klares und gut gegliedertes Buch geschrieben. Man spürt das Einfühlungsvermögen und das Engagement der Autorin und man lernt viel – auch als Mann.

Ehrlich gesagt ist dies für mich genau die Seite in der Geschichte der fotografischen Welt, die ich bisher als Mann nicht gesehen habe.

Zu jeder Biografie gibt es Fotos der jeweiligen Fotografin. Auch dies ist oft eine andere Art der Gestaltung als die, die ich bisher überwiegend kennengelernt habe. Offenkundig ist das weibliche Sehen eine andere Sicht auf die Welt.

Das Buch von Unda Hörner ist in der Edition Ebersbach erschienen. Es ist ein fotografischer Schatz, es ist ein spannend zu lesendes, sehr menschliches und sehr abwechslungsreiches Buch.

Und es zeigt einerseits wie scharfsichtig Fotografinnen sein können und es zeigt andererseits wie scharfsinnig eine Autorin wie Unda Hörner darüber schreiben kann.

Das Buch ist inhaltlich und gestalterisch gelungen und dokumentiert einen Teil der weiblichen Geschichte in der Fotografie. Und es zeigt den Kampf der Menschen, in diesem Fall einiger Frauen, um Rechte, Anerkennung und faire Behandlung.

Es ist ein interessantes, tiefsinniges und spannendes Buch.

 

Hörner, Unda
Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen der 20er und 30er Jahre in Paris
ISBN 978-3-86915-024-6

 

 

Weibliche Fotografie – ein männlicher Versuch

Foto: Michael Mahlke

Gisele Freund sagte einmal zu Georg Stefan Troller: „Wissen Sie, ich habe doch damals, in den Dreißigern, meine erste große Reportage gemacht, für LIFE, über das Elend der arbeitslosen Bergarbeiter in Nordengland. Und der Bildredakteur, der war ganz erstaunt, daß ich von jedem Motiv nur ein Photo gemacht hatte, nur eines oder höchstens zwei. Aber das saß dann. Später, bei Magnum, hat man mir die Kontaktbögen von Cartier gezeigt, und da hatte er einen ganzen Film… und eines war dann bestimmt darunter, das er den entscheidenden Moment nannte. Auf diese Idee bin ich nie gekommen, schon weil Film so teuer war für mich.“

Nun schreibe ich diesen Artikel als Mann. Aber vielleicht ist dies auch nur so möglich, weil ich manches anders sehe (eben männlich). Diese Aussage von Gisele Freund ist für mich aber der Grund für diesen Artikel gewesen.

Almut Adler hat vor Jahren ein Buch mit dem Titel „Das weibliche Auge“ publiziert. Leider habe ich sie bis heute nicht persönlich kennengelernt sondern lediglich dieses Buch von ihr gelesen. Aber es war anders als Bücher, die ich schreiben würde. Das Buch ist freier, unverkrampfter und experimentierfreudiger.

Almut Adler selbst beginnt das Buch in der Einleitung mit dem Satz: „Sie (die Frauen, Anm. M.M.) suchen eher das Visuelle als das Technische. Frauen fotografieren eher intuitiv, aus dem Bauch heraus, sie erfassen das Besondere und erspüren die Ästhetik. Sie legen mehr Wert auf Farbgestaltung und Bildaufbau. Aufwendiges Equipment ist ihnen anfangs eher fremd…“

Nun habe ich für diesen Artikel nicht das weibliche Auge oder Frauenfotografie als Überschrift gewählt sondern weibliche Fotografie. Mir geht es also um Eigenschaften, die das weibliche Fotografieren ausmachen.

Folgt man Almut Adler und Gisele Freund, dann ist die Grundlage der weiblichen Fotografie ein klassischer Bildaufbau als Basis für Kreativität und das Hören auf das eigene Gefühl. Kreativität und Gefühl in der Fotografie sind schon eher weibliche Attribute.

Mich hat das alles etwas „verunsichert“, weil es eben nicht Richtung Perfektion läuft sondern in Richtung Loslassen und Spüren. Da muß man erst einmal hinkommen.

Ich habe vor einiger Zeit Nicole Strasser vorgestellt, die ebenfalls faszinierende Blicke auf die Wirklichkeit hat. So hätte ich bis dahin nie geschaut. Für mich war die Sicht von Cartier-Bresson (einem Mann) klar, einsichtig, nachvollziehbar.

Aber die weibliche Fotografie schaut anders auf die Dinge.

Alle diese Gedanken zeigten sich auch in meinem persönlichen weiblichen fotografischen Umfeld. Frauen mit Kameras – so meine Beobachtung – waren selten allein. Die Kamera war nicht nur dabei sondern Medium und eigentlich ein Teil des Miteinanders. Und so entstanden Fotos auch im Miteinander zwischen Motiv und dem Prozess des Machens.

Aber natürlich fiel mir noch etwas auf. Während ich und andere Männer im Laden nach den neuen Kameras schauten, interessierte dies die Frauen in der Regel überhaupt nicht. Wenn sie eine Kamera hatten, die ihnen gefiel, dann reichte diese im Prinzip für die nächsten zehn Jahre (bei Männern eher für zehn Monate).

Besonders bemerkenswert war es im Zoo. Das obige Foto zeigt zwei Frauen im Zoo, die beide viel Spaß dabei hatten, mit ihrer Bridge-Kamera um die Wette zu fotografieren. Beide machten kreative und gute Fotos. Ganz anders der Mann auf dem unteren Foto. Dort war die Voraussetzung für das Foto die „beste“ Technik:

Foto: Michael Mahlke

Zwischen diesen beiden fotografischen Herangehensweisen liegen Welten. Und doch entsprechen sie exakt den oben beschriebenen Werten und Verhaltensweisen.

Aber damit will ich noch nicht enden.

Für mich hat weibliche Fotografie noch einen zusätzlichen Reiz. Und da kommt der Name Esther Haase ins Spiel. Ich bin immer noch fasziniert von einem Buch, das die Fotografin Esther Haase im Kehrerverlag veröffentlicht hat mit dem Titel Rock´N´Old.

Es handelt sich zwar um inszenierte Fotos, aber die Freiheit, das Miteinander und die Unverkrampftheit haben mich in ihren Bann gezogen.

Ich habe Frau Haase mehrfach angemailt und darum gebeten, bei ihr ein Praktikum machen zu können, weil diese Art zu fotografieren eine für mich völlig fremde und faszinierende Welt ist. Aber wahrscheinlich hat sie mit einem knapp 50jährigen, der einen solchen Wunsch äußert, nichts anzufangen gewußt.

Das alles ändert aber nichts an dem wunderbaren kreativen Wind, den dieses Buch entstehen läßt.

Und auch hier zeigt sich wieder, dass die Kreativität und das einfache So-Sein eine offenkundig weibliche Eigenschaft sind.

Sind Frauen deshalb auch die besseren Fotografinnen? Das würde ich als Mann natürlich in jedem Fall verneinen. Aber sie sind an verschiedenen Stellen einfach besser – oder besser: anders.

Und sie machen Dinge, auf die – zumindest ich – nie kommen würde.

So zeigt die weibliche Fotografie mir, dass es mehr gibt als die männliche Seite der fotografischen Welt. Sie zeigt mir unbekannte Welten und Dimensionen des Sehens, die ich von allein nie entdeckt hätte.

 

Georg Stefan Troller SIEBEN SCHNAPPSCHÜSSE

Georg Stefan Troller ist 1921 in Wien geboren und hat viele bekannte Menschen kennengelernt. Darunter waren auch einige Fotografinnen und Fotografen. Jetzt hat er in der Lettre international einen Artikel über seine Begegnungen mit Man Ray, Henri Cartier-Bresson, Robert Lebeck, Jacques-Henri Lartigue, Brassai, Gisele Freund und  W. Eugene Smith veröffentlicht.

Foto: Michael Mahlke

 

Der Artikel ist etwas Besonderes, weil er einerseits wesentliche Merkmale der Menschen und ihrer Tätigkeit skizziert – so wie ich es noch nie irgendwo gelesen habe. Andererseits ist Troller Zeitzeuge und auch noch einer der letzten, die darüber schreiben können.

Hinzu kommt etwas Persönliches: Da ich als Mann anders lese als eine Frau ist mir gerade bei den Schilderungen Trollers aufgefallen, dass die Ausführungen zu Gisele Freund irgendwie eine andere – weibliche (?) – Sicht auf die Fotografie vermitteln, die den Horizont erweitert.

Georg Stefan Troller zeigt in dem hochinformativen Artikel, dass das Fotografieren bei allen ein Stück der eigenen Persönlichkeit gewesen ist. Er schildert sogar die Lebenshaltung hinter den Menschen, die so bemerkenswerte Fotos gemacht haben.

Und er zeigt, dass es immer auch auf den Zeitgeist ankommt, wenn man fotografisch erfolgreich sein will.

Der philosophische Schriftsteller Baltasar Gracian hat einmal formuliert: „“Die außerordentlich seltenen Menschen hängen von der Zeit ab. Nicht alle haben die gefunden, deren sie würdig waren, und viele fanden sie zwar, konnten aber doch nicht dahin gelangen, sie zu nutzen. Einige waren eines besseren Jahrhunderts wert, denn nicht immer triumphiert jedes Gute. Die Dinge haben Periode, und sogar die höchsten Eigenschaften sind der Mode unterworfen. Der Weise hat jedoch einen Vorteil, den, daß er unsterblich ist: ist dieses nicht sein Jahrhundert, so werden viele andere es sein.“

Wenn man dies überträgt auf die Fotografie, dann kann man zumindest erklären, warum gute Fotos nicht immer erfolgreich sind. Dies habe ich im Bereich Strassenfotografie ja auch schon thematisiert.

Logischerweise ist der Artikel in der Lettre kein Buch. Er könnte aber auch als Büchlein mit dem Titel „Praktische Philosophie der Fotografie“ erschienen sein.

Es gibt den kompletten Artikel von Georg Stefan Troller nur gedruckt in der Lettre. Ich hoffe, der kleinen Schar klassisch orientierter Fotografinnen und Fotografen einen guten Hinweis zu geben, weil ich diesen Artikel für einen kleinen und guten Höhepunkt in der Informationsflut über Fotografie halte.