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Visual History oder Geschichte schreiben mit Bildern durch Fotografie

Mein Thema waren und sind die Vergessenen. Über die wollte ich immer schreiben, weil ich es als ungerecht empfand, daß in den Geschichtsbüchern immer die Mächtigen stehen und diese auch den Unterricht bestimmen – sogar nach ihrem Tod.

Ich wollte dazu beitragen, daß die kleinen Leute mit ihren Kämpfen und ihrem Leben nicht vergessen werden (wie ich selbst), damit sie irgendwann in der Gegenwart mit ihren Themen dominieren können.

Und so schrieb ich erst Bücher und versuchte später mit Fotografien und Dokumentarfotografie gegen das Vergessen und für Verbesserungen zu schreiben.

Die Rückkehr der Armut wurde ab der Agenda 2010 zu meinem Thema und die neue Völkerwanderung mit ihrer Bedrohung kam hinzu.

Das findet man einerseits bei bergischer.bildermonat.de und andererseits bei zeitgeist.bergischdigital.de. Im größeren Rahmen ist dies auf dokumentarfotografie.Info zu finden.

Ich konnte die visuelle Geschichtsschreibung umsetzen, die die Auswirkungen der politischen Entscheidungen auf die Menschen im öffentlichen Raum zeigt und das soziale Geschehen festhält – klassische Dokumentarfotografie eben.

Aber mehr war nicht drin und ist wohl auch mit Bildern in diesem Rahmen nicht möglich, zumal meine Mikrowelt Remscheid und drumherum war.

Ich sah, wie große Medien weiterhin das Denken und Handeln dominieren. Ich analysierte diese Kraft der Bilder.

Mein Wissen brachte mir Erkenntnisse wie: Sozialer Wechsel wird ersetzt durch einen Bilderwechsel.

Ich habe verstanden.

Es sind die Mächtigen, die bestimmen und die bestimmen auch, was vergessen und übersehen wird.

Und selbstverliebt wird von der herrschenden politischen Klasse fast alles ausgeblendet, was zwar da ist, aber nicht in ihre Interessen passt. Die Interessen sind bestimmt vom eigenen Ego und denen, die sie führen und bezahlen, wenn auch oft indirekt.

Es ist so, daß Politiker regieren und die Mächtigen herrschen. Nur in den USA erleben wir gerade, wie Einer aus der Gruppe der Herrschenden gerade versucht als Politiker auch zu regieren. Das ist was besonderes im aktuellen Zeitgeschehen.

Und so habe ich immer gegen das Vergessen gekämpft und gehofft, visual history in digitalen Zeiten würde auch Bewußtsein schaffen, das im Handeln mündet.

Aber das geht nicht, weil der Aufstieg des kleinen Mannes das Beamtentum ist und damit sofort wieder die bestehenden Verhältnisse stabilisiert werden.

Der Sklave möchte eben Aufseher der Sklaven werden statt die Sklaverei abzuschaffen, wie Gabriel Laub einmal bemerkte.

Wie wahr!

Nun gut, zumindest ist die Wirklichkeit, die ich eingefangen habe, da. Aber es gehört auch zur Wirklichkeit, daß die meisten Menschen so mit ihrer eigenen persönlichen Wirklichkeit beschäftigt sind, daß sie die sozialen Strukturen und Verhältnisse dahinter gar nicht sehen wollen oder können, geschweige denn dagegen angehen wollen.

Anders ausgedrückt und viel besser ausgedrückt hat es Karl Marx: das Sein bestimmt das Bewußtsein.

Und die Welt der Bilder heute stabilisiert den fehlenden Durchblick.

Das System mit seiner repressiven Toleranz ist stärker und die Mehrheit darin will es so behalten.

Für mich ist es bitter, daß meine Kraft nicht ausgereicht hat, um für die Vergessenen, zu denen ich mich auch zähle, mehr zu tun und meine Opferbereitschaft hat vor allem aus mir selbst ein Opfer gemacht, wie ich reflektierend erkennen mußte.

Die Anerkennung der Realität ist die Grundlage für alles, eine Französische Revolution ist nicht in Sicht (auch nicht unbedingt gewünscht), eher eine Art Merkeltilismus als Symbiose von Mächtigen und Regierenden in der repressiven Demokratie, die die soziale Sicherheit als Grundpfeiler demokratischen Handelns mit sozialer Unterwerfung und Kontrolle verknüpft hat (Hartz4) – gegen das geltende Grundgesetz.

Demokratie und Wohlstand sind eine Ehe eingegangen, bei der für den Wohlstand die Demokratie geopfert werden könnte.

Wer weiß ob die Mächtigen dies später in ihren Geschichtsbüchern auch so beschreiben.

Wer weiß, ob Europa Gestalter oder Opfer wird.

So viele Fragen, so großes Denken, so wenig Chancen.

So ist die Welt.

Ich nehme nun die Welt an wie sie ist und wende mich Albert Camus zu:

„Das Elend hinderte mich, zu glauben, daß alles unter der Sonne und in der Geschichte gut sei; die Sonne lehrte mich, daß die Geschichte nicht alles ist. Das Leben ändern, ja, nicht aber die Welt, die ich zu meiner Gottheit machte.“

Fotografie und Geschichte von Jens Jäger

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Geschichte altert nicht. Das gilt auch für dieses Buch. Zwei große Themen der Menschheit, die Geschichte als Erinnerungskultur und die Fotografie als visuell-mechanische Erfassung der Welt, werden hier besprochen.

Kann man eine Rezension über ein Buch schreiben, das Pionierarbeit leistet? Eigentlich eher nicht, es sei denn, man zeigt die Tiefe und Weite. Fabian Schwanzar hat dies getan und die Einordnung gefällt.

Der Verlag bietet einen Einblick in das Buch, der ebenfalls Lust auf mehr macht.

Wenn man nun den Weg in dieses Buch geht, dann verirrt man sich nicht.

Denn das Buch ist der Versuch, eine textliche Landkarte des Wissens über dieses Thema zu erstellen.

Die Landkarte ist gelungen, das Buch großartig und der Lesewert sehr hoch.

Digitalfotografie und Geschichtsschreibung

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Foto: Michael Mahlke

Das persönliche Fotobuch zwischen Zeitgeist und Lebenszeit

Ich habe lange dafür gebraucht.

Für die Fotos ebenso wie für den Artikel und noch länger bis es so weit war.

Die Geschichte der Kompaktkameras

Ab 1999 ermöglichten die preiswerten Digitalkameras von Jenoptik mir den Zugang zur Digitalfotografie. Dann glaubte ich mit der teuren Canon Powershot G1 eine langlebige Kamera zu kaufen. Das stellte sich technisch als Illusion heraus. So ging es bis 2005.

Danach gab es ja das Feuerwerk der Kompaktkameras auf dem Markt. Es war die Zeit der Experimente für Kunden und Unternehmen.

Für mich waren es mit 5 und 6 Megapixel die Sanyo E6, die Fuji F10  und die Fuji Z3.

Später wurden diese durch 8 bis 10 Megapixel Kameras abgelöst, die Lumix LX37, die Olympus C70 Zoom und die Ricoh GX200.

Erinnern Sie sich noch daran? Eher weniger?

Die Geschichte und die eigene Lebenszeit

Genau so ist es mit der eigenen Lebenszeit und den extremen Belastungen, die damals vorhanden waren.

Erst wollte ich die Bilder einfach liegenlassen für später. Aber wer wüßte dann noch was und wie, warum und wo?

Nach einiger Zeit entschloß ich mich, daraus ein persönliches Fotobuch zu machen. Und in diesem Fall hält das Buch mehr als die Seiten zwischen den Buchdeckeln.

Dokumentarfotografie 2000 bis 2010

Es sind Fotos aus der Zeit zwischen 2000 und 2010 – nicht viele aber exemplarische Momente, die fast immer öffentlich waren, aber von denen die Öffentlichkeit nur sehr begrenzt Kenntnis nahm.

Es ist sehr persönlich, weil darin mein Herzblut und die Energien vieler anderer Menschen zu finden sind. Es ist eine fotografische Dokumentation, die viele Erinnerungen und Gefühle freisetzt.

Nicht einfach vergessen

Ich hatte neben Füller und Notizbuch immer öfter eine Kamera dabei und fragte die Menschen, ob sie Lust hätten auf Fotos zu sein, die an uns erinnern und von denen ich noch nicht weiß, wann und wo ich sie als „Geschichtsbuch“ veröffentliche. Sie sagten immer ja und freuten sich, daß sie nicht einfach vergessen werden.

Dann erzählte ich über andere Bücher von mir und ich endete jedes Mal mit der Feststellung, wenn wir uns nicht dokumentieren, dann wird uns niemand dokumentieren.

Das wußte ich seit meinem ersten historischen Buch über eine lokale soziale Bewegung und der Recherche dafür im Archiv. Die Menschen damals waren nur in den Polizeiberichten der Bismarckzeit auffindbar, ohne Fotos und nur so wie die Geheimpolizei dies damals sah.

Worte reichen nicht

Den Menschen ein Gesicht geben, die Namenlosen zumindest als Teil des Geschehens sichtbar festhalten, um an sie zu erinnern und ihnen so einen Platz im Gedächtnis der Gesellschaft einräumen.

Worte allein reichen nicht, wenn man lebendig im historischen Gedächtnis von Menschen und Archiven bleiben will. Das war mir klar nach vielen Jahren zwischen Wörtern, Bildern und Geschehen.

Auch Niederlagen muß man dokumentieren, weil sie gut sind, wenn man daraus lernen will. Sie bringen uns an die Grenze jenseits der Illusionen.

Es geht um die Bedingungen von Arbeit und Leben und um Ereignisse, die stattfanden und vieles veränderten.

Das ist Geschichtsschreibung heute.

Und deshalb setzte ich dieses Wissen dann erstmalig digital und visuell bei Mannesmann um.

Das war der Beginn meiner fotografischen Erfahrungen.

Ja so war das.

Das beste Foto ist das, das überhaupt existiert

Einige Fotos sind unscharf, weil die, die die Kamera bedienten, der Automatik vertrauten und damals bei schlechtem Licht kleine Kameras noch größere Probleme hatten.

Aber es sind die einzigen Fotos, die überhaupt zeigen, wie es war.

Außer in der Erinnerung der Beteiligten ist vieles nicht mehr auffindbar und sichtbar erst gar nicht. Viele Betriebe von damals als soziale Veranstaltungen sind verschwunden, Gebäude sind abgerissen, es wurde umgezogen und vieles mehr.

Die Globalisierung mit ihrer menschenfeindlichen Fratze hat in dieser Region bei so vielen Menschen so viele Wunden geschlagen, dass jede neue Erinnerung auch neue Schmerzen hervorruft.

Erinnerungen zwischen Würde und Schmerz

Aber der Entschluß, daraus dann doch ein Fotobuch zu machen, setzte viele Dinge in Bewegung. Nun sehe ich Menschen und Ereignisse noch einmal und sie haben nichts von ihrer Würde und ihrem Ringen verloren.

Die Ereignisse sind vorbei – aber nicht die Erinnerungen daran und die Wunden und Schmerzen, die sie hervorbrachten. Diese sind nicht sichtbar aber für den spürbar, der sie erlitten hat. Sie sind in der Seele und schmerzen immer wieder, wenn sie geweckt werden. Globalisierung bedeutet legalisierte Gemeinheit und den Sieg von Gier und Ungerechtigkeit. Davon profitieren nie die kleinen Leute vor Ort. Diese zahlen immer den Preis dafür.

Natürlich gibt es in Momenten des sozialen Kampfes und von Situationen, in denen man weiß, daß man verliert, auch die Momente des Zusammenhalts, die wirklich helfen, diese Zeiten durchzustehen.

Auch daran erinnert man sich. Aber es ist nur ein Trost, weil die Wirklichkeit so trostlos war.

Die Zeiten mit diesem brutalem Umbau sind in dieser Region momentan so massiv vorbei.

Fotos bleiben als sichtbare Dokumente der Erinnerung

Die Fotos sind die einzigen Überbleibsel dieses „Wandels“, der zehntausenden von Menschen und hunderten von Betrieben aus der Region (Remscheid, Solingen etc.) die Arbeit und die Zukunft nahm. Das steht alles exemplarisch für andere Regionen, in denen Ähnliches passierte.

Die Menschen wollten alle arbeiten und ihre Arbeitsplätze behalten. Viele davon wurden arbeitslos und dann stigmatisiert durch Hartz 4.

Und der soziale Ausgleich in dieser Gesellschaft, der zu Beginn dieser Entwicklung manches abfederte, ist einer asozialen Gesetzeslage gewichen, die fast keine gut bezahlten Arbeitsplätze mehr hervorbringt ausserhalb des Beamtentums, sondern die Zeitarbeit als Normaleinstiegsarbeitsverhältnis definiert und damit den Menschen die Perspektive und die Identifikationsmöglichkeit mit diesem System nimmt.

Globalisierung und Industrialisierung

Ich finde, daran sollte man erinnern, weil wir bessere Gesetze verdient haben und weil diese Menschen in dieser Region als lokale Akteure die Namenlosen der Geschichte sind, die man heute unter Globalisierung zusammenfasst so wie man über die Industrialisierung spricht und dabei die Menschen vergißt, die damals Betroffene und Opfer waren.

Blickt man auf die Geschichte der Fotografie, dann war eine Folge der Industrialisierung die Entwicklung der sozialdokumentarischen Fotografie, um das festzuhalten, was in Bildern aussagekräftiger ist und mit Texten dann richtig zugeordnet werden kann.

Und wir?

Wir sind vor kurzem erst dabei gewesen als Betroffene(?) und schon Teil der Geschichte, auch wenn wir noch leben.

Und es geht weiter. So ist das eben.

 

Magnum Revolution, 65 Jahre Freiheitskampf von Jon Lee Anderson, Paul Watson


Magnum lebt. Und dieses Buch ist ein bemerkenswertes Stück Fotojournalismus, ein Geschichtsbuch und ein Buch voller Geschichten wie man es sich nicht besser wünschen kann.

„Kein Magnum-Fotograf hielt die letzten Momente im Leben Gaddafis nahe der Stadt Sirte fest, doch konnten wir sehen, was geschah… entweder durch unbeteiligte Bürger oder Kämpfende selbst. Sie filmten und fotografierten… und stellen es dann über das Internet … zur Verfügung. Macht diese technische Revolution die außergewöhnliche Gruppe der Magnum-Fotojournalisten bald überflüssig?  Möglich. Das läßt sich nicht absehen.“

Mit diesen Worten aus der Einleitung werden wir in ein Reich voller Fotogeschichten geführt, die das Geschehen der letzten 65 Jahre passieren lassen. Und es ist einfach so, dass die Fotoagentur Magnum ein wesentlicher Teil dieser Zeit war und deshalb hier auch ein sehr fotografisch substanzreiches und gutes Buch entstehen konnte.

Verschiedene Fotografen zeigen verschiedene fotografische Stile. Bilder erzählen Geschichten und Bilder zeigen meistens namenlos gebliebene Menschen als Symbolfiguren bestimmter Situationen. Wie wichtig Freiheit ist sieht man den Fotos derer an, die dafür kämpfen oder gerade befreit worden sind. Wie wichtig Menschlichkeit ist sieht man an den unmenschlichen Kriegssituationen, die überall auftauchen.

Es ist ein Buch voller Werte, die fotografisch abgebildet werden. Es ist kein Buch, das Elend dokumentiert, sondern hier findet man den Willen der Menschen wieder, sich nicht alles gefallen zu lassen.

Aber man findet hier auch ein reiches Potential an fotografischen Vorlagen für die Gestaltung eigener Fotografien. So kommt neben dem historischen und journalistischen Ansatz auch das fotografische Lernen nicht zu kurz.

Eines der beeindruckendsten Fotos für mich ist das Foto von John Vink aus Prag vom 24. November 1989. Das Foto spricht Bände. Sie können es sich selber anschauen, wenn Sie sich das Buch bestellen. Es ist ein bleibendes Geschenk und eine besondere Empfehlung wert.

Das Buch ist im Prestel-Verlag erschienen.

Magnum Revolution

65 Jahre Freiheitskampf

ISBN: 978-3-7913-4643-4

Fotostory – Geschichten erzählen mit Fotografien

Es gibt noch die Geschichten, die mit Fotos erzählt werden. Es gibt sie vor Ort und es gibt sie woanders. Und jedes Foto erzählt eine andere Geschichte.

Hier sind einige Webseiten mit vielen Geschichten, die zum Klicken und Stöbern einladen:

Viel Spass beim Klicken!

 

Albert Camus und die Fotografie

Albert CamusAlbert Camus war ein kluger Mensch. Er formulierte für die Zeit der Industriewelt in seinen Tagebüchern so viele gute Gedanken, dass das Lesen dieser Gedanken eine ununterbrochene Entdeckungsreise zu sich und der Welt ist.

Dabei hat er gar nicht viel geschrieben. Aber hier zeigt sich, dass weniger oft mehr ist.

Als Historiker und Sozialwissenschafter, Berater und Publizist habe ich immer versucht, die Welt zu verstehen. Und mir war klar, dass ich darüber schreiben muss. Aber irgendwann wurde mir in der Auseinandersetzung mit dem Leben auch klar, dass das geschriebene Wort nicht alles ist. Die meisten lesen wenig, in unserer Gesellschaft ist spätestens durch das Fernsehen das Lesen weitgehend ersetzt worden und Erkenntnis ist eben mehrdimensional.

„Man denkt nur in Bildern. Wenn du Philosoph sein willst, schreib Romane.“ Diese Notiz aus dem Tagebuch von Albert Camus zeigt im Schreiben die andere Dimension. Er schreibt, dass das Denken in Bildern erfolgt. Damit ist das Schreiben die andere Hälfte vom Bild, wie Schwarz und Weiss oder Yin und  Yang.

Aber damit endet die Bedeutung dieser Aussage nicht. In dem schönen Buch „Mit der Kamera sehen, Konzeptionelle Fotografie im digitalen Zeitalter“ von Robert Hirsch kommt dann auf einmal die Erklärung. Robert Hirsch fragt „Was haben Bilder einem Text voraus?“

Er antwortet folgendermaßen: „Ein erfahrener Fotograf kann auf visuelle Weise seine Erfahrungen mit der Welt austauschen. die sich der Beschreibung durch Worte hartnäckig widersetzen. Albert Camus sagte einmal: „Ohne die Rätsel des Lebens gäbe es keine Kunst.“ Worte können zwar das eigentlich Unaussprechliche aussprechen, sie weisen aber auch immer auf ein Bewusstsein jenseits der Sprache hin. Fotos können Empfindungen für ein Motiv ausdrücken, ohne auf dessen körperliche Eigenschaften beschränkt zu sein. Fotos herrschen über Raum und Zeit und ziehen die Betrachter in ihren Bann, ohne dass diese beschreiben können, was sie eigentlich so fasziniert. Sie können uns daran erinnern, wie die flüchtigen Bilder unserer modernen Kultur unser Gedächtnis und unsere Gefühle besetzen und Teil unserer Gedankenwelt werden, die uns eine Identität verleiht und uns in die soziale Ordnung stellt.“

Soweit Robert Hirsch. Er fährt dann fort mit der Frage, was ein Foto interessant macht. Doch dies sollte jeder dann in dem Buch von Robert Hirsch selbst lesen.

Für mich ist bemerkenswert, dass Robert Hirsch genau dort angekommen ist, wo ich ebenfalls angekommen bin: bei Albert Camus. Seit ich die Fotografie entdeckt habe (und nach mehreren Jahren theoretischer und praktischer Anleitung mich aktuell im Stadium der dokumentarisch-publizistischen Fotografie befinde), erlebe ich, dass dies auch das Er-Leben einer Weltsicht ist.

Albert Camus gelingt es durch seine Worte, mir deutlich zu machen, dass die Welt nicht ohne Worte sein sollte, aber hinter den Worten weitergeht.

Camus zeigt mir, dass gerade die Zeit ohne Worte, das Erleben der Sonne, die Sinnlichkeit, für mich wesentlich ist. Nur so kann ich die Absurdität unserer Existenz auflösen, die ja bestimmt ist durch Kopf, Bauch und Sexus im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit.

Historisch betrachtet wechseln wir gerade in eine neue Welt. Digitales Denken und digitale Medien bestimmen uns. Statt Zeitungen mit Texten und Bildern gibt es Bilder mit Tönen. Das ist nicht schlechter, es kommt eben darauf an, was ICH daraus mache. Und genau darauf will ich hinaus.

Es ist eine Chance für den einzelnen Menschen, seine absurde Existenz mit Bildern besser zu leben. Insofern gibt die Fotografie uns die Chance, die Rätsel des Lebens besser zu erleben und uns selbst besser zu erfahren.

Nicht umsonst ist das Fotografieren von Menschen so wichtig und fast jeder Mensch kann sich nichts Schöneres vorstellen, als fotografiert zu werden. Dabei geht es eigentlich nicht um Akt oder Erotik, sondern um die Erfahrung seiner selbst durch das Betrachten der eigenen Fotos. Du siehst dich und du siehst dich ganz. Du nimmst dich wahr von aussen, während du dich sonst nur von innen siehst. Du transzendierst dich, um zu dir zurückzukehren.  Die Betrachtung deiner eigenen Fotos gibt dir genau die Sprache ohne Worte, über die ich hier die ganze Zeit schreibe. Dies gilt natürlich für andere Bereiche der Fotografie ebenso, ist aber im Bereich der Porträtfotografie wahrscheinlich persönlich am intensivsten.

So kannst du die Zeit deines Lebens bewusster erleben. Letztlich ist es das Leben von Kunst. Du wirst dein eigener Künstler oder wie es Wolfgang Boesner einmal geschrieben hat: „Die Grenzen von Worten, Philosophien und Religionen werden durch Kunst aufgelöst.“

Doch damit möchte ich diesen Artikel nicht beenden. Aufmerksame Beobachter meines Denkens wissen, was jetzt kommt. Ja, es ist ganz einfach. Wer hat denn die bekanntesten Fotos von Albert Camus gemacht? Richtig, es war Henri Cartier-Bresson. Damit schliesst sich nicht nur der Kreis sondern es öffnet sich dadurch das Tor zu einer neuen fotografischen Welt.

Klassen-Bilder. Sozialdokumentarische Fotografie von Rudolf Stumberger


“Geschichte ist auch Bild-Geschichte.” Damit beginnt Rudolf Stumberger den ersten von zwei Bänden zur sozialdokumentarischen Fotografie. Das Buch ist wissenschaftlich geschrieben und trotzdem lesbar. Das ist nicht selbstverständlich und sollte daher nicht unerwähnt bleiben.

Und es zeigt viele Dinge auf, die wohl fast niemand, der die Bücher nicht gelesen hat, so umfassend und systematisch kennt. Nun ist der Zeitgeist nicht unbedingt für diese Art der Fotografie geeignet.

Hinzu kommt: “Fotografen bedienen sich kaum soziologischer Theorien und der soziologischen Begriffswelt, um ihre Abbildungsprojekte ideologisch zu unterfüttern. Meist werden diese Projekte von einer impliziten, den Fotografen kaum bewussten und nicht thematisierten Ideologie getragen. “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte”, lautet dann die Begründung für diese intellektuelle Blindheit. Andererseits nutzen Soziologen in der Regel kaum das Medium Fotografie, der visuelle Gehalt eines Bildes scheint ihnen nicht wissenschaftlich genug fassbar zu sein.”

So führt uns der Autor langsam auf den Weg, um einen Ansatz immer wieder theoretisch zu reflektieren, der als “visuelle Soziologie” dabei ist, sich zu etablieren. Dabei geht es Rudolf Stumberger nicht nur um Geschichten im Bild sondern zugleich um die Geschichte des Bildes, das da gerade etwas zeigt.

Da man nicht nicht kommunizieren kann, ist das Objekt des Fotografen zugleich immer in einer Beziehung mit dem Fotografen und dieser Zusammenhang spielt immer eine Rolle. Stumberger dringt dann wirklich in alle Tiefen vor, die es zu diesem Thema geben kann.

Er zeigt den Zusammenhang zwischen sozialer Perspektive und verdecktem Hintergrund auf: “Dem Gauner ist das Gerichtsgebäude ein anderes Ding als dem Richter, dem Arbeiter die Fabrik ein anderes Ding als dem Manager.”

Und er zeigt, dass Bilder überhaupt erst in der sozialen Sphäre eine Bedeutung gewinnen und diese variiert: “Der Weg des Bildes in die öffentliche Sphäre ist der Weg des Bildes in die verschiedenen gesellschaftlichen Felder wie dem ästhetischen Feld des Kunstmarktes, dem journalistischen oder dem politischen Feld. In ihnen herrschen bestimmte Spielregeln und eigene Wertmaßstäbe, agieren eigene Institutionen und spezifische Gruppen.”

Er nennt dann sechs Kriterien, um fotografische Projekte einzuordnen und untersucht im ersten Band die europäisch-amerikanische Entwicklung dieser Fotografie.

Dabei geht er detailliert auf Lewis W. Hine, den New Deal, Walker Evans und Dorothea Lang, russische Ansätze mit Rodtschenko, El Lissitzky, deutsche Vertreter wie Walter Ballhause, August Sander und viele mehr ein. Stumberger zeigt die Zeit von 1900 bis 1945 auf. Dieser erste Band wurde als Habilitation konzipiert.

Der neu erschienene zweite Band, der die Zeit von 1945 bis 2000 untersucht, ist ebenso tief und gut konzipiert. “Die Nachkriegszeit bis hin zur Mitte der 1970er Jahre – die Ölkrise 1973 markierte den Wendepunkt in der wirtschaftlichen, politischen und sozialpolitischen Entwicklung – wird von Historikern auch als das “Goldene Zeitalter” bezeichnet… Diese Zeit lässt sich auch so charakterisieren: Als eine Zeit, in der zum ersten Mal für all die körperlich schwere, oft gesundheitsbelastende, oft monotone und einseitige, in Sonn-, Feiertags- und Nachtschichten und am Fließband erbrachte Arbeit ein vernünftiger Lohn gezahlt wurde, der mehr erlaubte, als das bloße kümmerliche Überleben.”

Hatte Stumberger im ersten Band noch darauf hingewiesen, dass die sozialdokumentarische Fotografie in der ersten Hälfte des 20. Jhdt. “Teil eines umfassenden Prozesses der Visualisierung von Welt” war, so zeigt er im 2. Band den Wandel.

Chargesheimer, Doisneau, Ronis, Eugene W. Smith, William Klein, Diane Arbus, Garry Winogrand, Lee Fridlander, Milton Rogovin und viele andere werden dort mit ihrem Ansatz dargestellt.

Stumberger fasst dies so zusammen: “Demgegenüber ist die sozialdokumentarische Fotografie der Nachkriegszeit in überwiegendem Maße das Werk von einzelnen Individuen… Der Blick dieser Nachkriegsfotografen ist nicht mehr wie in den 1930er Jahren durch eine politisch eingebettete und ausgearbeitete Ideologie bestimmt.”

Im ersten Band hatte Stumberger Roland Günter zitiert, der schrieb: ”Sozialfotografie ist die fotografische Erfassung der sozialen Realität.”

Diese Begrifflichkeit ist deshalb so interessant, weil diese Art der Fotografie “engagiert, parteilich, interessengeleitet” ist. Stumberger zeigt sehr detailliert auf, wie dies in den 1970er Jahren zum “Hinüberwechseln der Fotografie in das Feld der Kunst” führt.

Für ihn sind Bernd und Hilla Becher das personifizierte Symbol für diese Veränderung. “Sie stehen nicht nur für die Verschiebung der Dokumentarfotografie hinein in den Bereich der Kunst, sondern ihre Motive zeigen zugleich die Wahrzeichen einer mittlerweile untergegangenen industriellen Epoche.”

Es folgt eine sehr lesenswerte Darstellung. Er untersucht Robert Adams, Nicholas Nixon, Stephen Shore und andere und dann kommt der Satz: “Das Eintrittsbillet in die Kunst heißt dabei Interesselosigkeit.”

Und einige Zeit später lesen wir: “In dieser Interesselosigkeit schwebt auch jene dokumentarische Fotografie im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts, die sich oft mit Großbildkameras und in großformatigen Fotografien in Tradition der Neuen Sachlichkeit aus den 1920er Jahren der Welt zuwendet. Ist die soziale Welt eine Welt der Interessen, Urteile und Bedeutungen, so ist die Welt dieser Dokumentarfotografie die der kühlen Distanz und der technisch objektiven leidenschaftslosen Darstellung der Dinge.”

So ist auf einmal auch der Unterschied zwischen interesseloser dokumentarischer Fotografie und sozialer dokumentarischer Fotografie klar. Doch damit endet dieses Buch natürlich nicht.

Ich möchte dennoch an dieser Stelle aufhören und beide Bände sehr empfehlen. Ich würde aber mit dem zweiten Band beginnen, weil er auch Bewertungskriterien für aktuelle fotografische Entwicklungen ermöglicht.

Diese Bücher sind eine Sternstunde der Fototheorie und Fotogeschichte und der eigenen Auseinandersetzung mit der Fotografie, wenn sie mehr sein soll als das Festhalten einer Familienfeier.

An mehreren Stellen in den Büchern wird auch deutlich, wie undankbar diese Art der Fotografie ist, weil man eigentlich kaum Geld damit verdienen kann und der persönliche Aufwand ziemlich hoch ist.

Man könnte sagen, sozialdokumentarische Fotografie rüttelt an den Verhältnissen und fordert zu Engagement auf, leidenschaftslose bzw.interesselose dokumentarische Fotografie hat keine Meinung. Beide Bereiche sind Teile der Dokumentarfotografie.

Genau dies macht die Fotografie zu einem Spiegelbild des Zeitgeistes. Wo Menschen zu Maschinen werden ohne Herz und Verstand, da ist dann auch die Fotografie ohne Herz und Verstand, könnte man dann denken.

Aber auch hier zeigen die beiden Bände, dass es sich um einen Prozess handelt, eben um Geschichte. Ich habe zu Beginn auf sechs Kriterien hingewiesen, die Stumberger anführt, um Fotografie gedanklich einordnen zu können. Dies ermöglicht eine sehr viel bessere Einordnung von Fotografie als dies in den meisten Medien jemals geschehen wird.

Aber man darf natürlich die Fotografie auch nicht überschätzen. Das Leitmedium Fotografie wurde durch das Leitmedium Fernsehen abgelöst und vielleicht wird es zukünftig durch das Internet gar kein Leitmedium mehr geben. Umgekehrt wurde noch nie so viel fotografiert und so viel veröffentlicht wie seit dem Siegeszug der digitalen Welt. Aber bedeutet dies überhaupt etwas?

Der Erkenntnisgewinn aus diesen beiden Büchern war für mich sehr groß. Beide Bücher beinhalten natürlich viel mehr als ich in diesem Artikel zeigen kann. Sie lohnen sich sehr.

Rudolf Stumberger

Klassen-Bilder I
Sozialdokumentarische Fotografie 1900-1945
ISBN 978-3-89669-639-7

Klassen-Bilder II
Sozialdokumentarische Fotografie 1945-2000
ISBN 978-3-86764-281-1

Abschließend noch eine Anmerkung. Ich habe bewußt auf Seitenzahlen hinter den Zitaten verzichtet und auf die Nennung der 6 Kriterien. Nachdem ich mehrmals erlebt habe, dass Studenten oder Schüler meine Artikel und Zitate übernommen haben, um nicht selbst lesen zu müssen, verzichte ich auf die Seitenzahlen und manche wichtigen Details. Es lohnt sich nämlich, das Buch selbst zu lesen und vielleicht sind dann ganz andere Textstellen wichtig wie die, die ich rausgesucht habe.

Zeit in der Fotografie

Zeit spielt in der Fotografie eine große Rolle und in der Kunst ebenso. Vielleicht wird sie auch in der Fotokunst eine Rolle spielen. Für mich ist das wichtigste Bild zu diesem Thema „Die Beständigkeit der Erinnerung“ (The Persistence of Memory), auch „Die zerrinnende Zeit“ oder „Die weichen Uhren“ des surrealistischen Malers Salvador Dalí aus dem Jahr 1931.

Doch aus der Höhe des Denkens möchte ich nun zu den ganz praktischen Fragen des Umgangs mit der Zeit in der Fotografie kommen. Denn Zeit ist eine wesentliche Variable in der Fotografie. Die folgenden Gedanken sind unterteilt und ermöglichen schnelle und klare Blicke auf das Thema aus meiner Sicht.

Zeit und Geld

Und wenn dann Geld auch eine Rolle spielt, weil man von der Fotografie leben muß, dann wird es noch interessanter. Dazu drei Beispiele:

1. Der Videofotograf

Im Focus wurden die monatlichen Bruttoentgelte vieler Berufsgruppen aufgeschrieben. Danach verdient ein Videofotograf, also ein Fotograf, der auch Videos erstellt, als Einstiegsgehalt ca. 2000 Euro brutto. Nun ist dort nicht ausgewiesen, was dafür getan werden muß. Aber in diesem Falle ist der Videofotograf angestellt. Deshalb will ich hier ein paar Gedanken hinzufügen.

Wenn das Videomaterial zusätzlich zu Fotos erstellt wird, dann hat es einen anderen Bearbeitungsweg. Entweder gibt der Videofotograf das Rohmaterial einfach im Betrieb ab, dann muß es von einem Cutter oder einer Cutterin noch komplett bearbeitet werden. Es muß also eingespielt, geschnitten und weiterverarbeitet werden. Wenn das Material verarbeitet wurde, muß es danach zu oder in einem Beitrag verarbeitet werden. Es müssen also auch noch Intro, Zwischentexte etc. reingeschnitten bzw. erstellt werden. Das ist immer zeitaufwändig.

Oder der Videofotograf bearbeitet selbst. Das ist ebenso zeitaufwendig und hat dieselben Schritte wie oben aufgezeigt. Wenn man ein kleines Video machen will, welches einen Sachbeitrag darstellt, dann kostet dies also Zeit und damit auch Geld.

2. Der wartende Fotograf

Wenn ein Fotograf seine Motive sucht, dann kann er dies entweder in gestellten oder in echten Situationen. Echte Situation bedeutet, ich gehe/fahre irgendwohin, um dort eine Situation zu suchen. Das geschieht nie auf Knopfdruck. Entweder gibt es einen Ablauf des Geschehens oder man wartet irgendwo auf die Dinge, die da kommen sollen. In dieser Zeit wird nicht fotografiert sondern gewartet. Was ist das für eine Zeit? Früher wurde dies so abgerechnet, daß es einmal eine Pauschale für einen Zeitaufwand gab und dann noch mal pro Foto eine Vergütung für einen Zweck gezahlt wurde. Das ist im Zeitalter der zunehmenden Digitalisierung ins Rutschen geraten.

3. Der vorbereitende Fotograf

Ähnlich aber umgekehrt sieht es beim Studiofotografen aus. Dabei kann das Studio vor Ort aufgebaut werden oder fest an einer Adresse sein. In beiden Fällen ist die Vorbereitungszeit ganz entscheidend. Wenn die Dinge stimmen wird fotografiert. Vorbereitungen brauchen Zeit, damit es stimmig ist. Diese Zeit kann nur begrenzt abgerechnet werden.

Diese drei Beispiele zeigen das Verhältnis von Zeit und Geld in der Fotografie.

Zeit und Bildkomposition

Doch es gibt noch mehr Relationen. Die nächste Relation ist die Relation von Zeit im Foto selbst. R. Wagner und K. Kindermann zeigen in ihrer „Meisterschule der Fotografie“ einen fotografischen Zusammenhang auf. Welche Rolle spielt zum Beispiel „Zeit“?

„Eine Folge der Richtung, in der man in ein Bild geht, ist die Zeitkomponente, die ein Bild hat. Links sieht man zuerst, dann wandert der Blick nach rechts. Damit ist links die Vergangenheit, rechts die Zukunft, in der Mitte die Gegenwart. Wird ein Motiv zentral platziert, ruht es in der Gegenwart.“

So ist die Dimension der Zeit ein wesentliches Instrument für den Bildaufbau. Wer damit arbeitet kann gestalterisch ganze Abläufe versinnbildlichen. Aber der Umgang mit der Zeit ist natürlich mit der Anordnung von links nach rechts auf einem Foto nicht beendet. Es gibt weitere Elemente für die Umsetzung von Zeit in der Fotografie.

1. Alles beginnt mit den Verschlusszeiten. Einfrieren oder Fließen, das ist hier die Frage.

2. Wie scharf soll es denn sein? Unschärfe und Bewegungsunschärfe auf Fotos zeigen sehr oft das Verhältnis von Zeit und Zeitfluss.

3. Die Kamera zeigt die Zeit. Dieser Effekt kann sehr schön durch das Bewegen der Kamera statt der Motive während einer Aufnahme erfolgen.

4. Langzeitbelichtungen als Ergebnis und Vorgang. Damit können Strassen menschenleer gemacht oder ein Verhältnis von Fliessen und Stillstand geschaffen werden.

5. Nachbearbeitung und Kombination, zum Beispiel in einer Bildserie…

Es gibt sicherlich noch mehr Möglichkeiten, die Zeit und die Aussagen in einem Foto sichtbar zu machen. In allen Fällen ist dies eine Entscheidung der/des Fotografin / Fotografen.

Zeit und Lebenszeit

Aber damit ist noch nicht Schluß. Es gibt noch eine wichtige Relation, sie lautet Zeit und Lebenszeit. Der wichtigste Gedanke dazu findet sich meiner Meinung nach bei Albert Camus: „Es kommt ein Tag, da stellt der Mensch fest, daß er dreißig Jahre alt ist. Damit beteuert er seine Jugend. Zugleich aber bestimmt er seine Situation, in dem er sich in Beziehung zur Zeit setzt. Er nimmt in ihren seinen Platz ein. Er erkennt, daß er sich an einem bestimmten Punkt einer Kurve befindet, die er – dazu bekennt er sich – durchlaufen muß.“

Dieser lebensbejahende Gedanke kann natürlich zu einer sinnlichen Wahrnehmung von Zeit führen. Und die ist nicht nur sinnlich. Wie formulierte Robert Hirsch so schön:

„Kurz und bündig formuliert sagt Einstein, dass es so etwas wie eine universell gültige Zeit nicht gibt – es gibt keine zentrale Uhr im Universum, nach der sich alles richtet.“

Und er führt etwas später aus: „Wenn Sie Ihre bildnerischen Möglichkeiten zum Umgang von Zeit und Raum auf einen linearen Ansatz nach den Prinzipien Newtons beschränken, werden Sie Ihr Denken und das Potenzial ihrer Kamera einschränken“ (aus: Robert Hirsch, Mit der Kamera sehen).

Damit ist die Fotografie eine der Möglichkeiten, kreativ sich in ein Verhältnis zur Welt zu setzen und dies in der eigenen Fotografie auszudrücken. Wichtige Mittel dazu sind ja weiter oben schon beschrieben worden.

Ganz praktisch kann man auch sagen, wer manuell fotografiert, der weiß sofort, was ich meine. Man kann ja fast jede bessere Kamera zur manuellen Fokussierung (und mehr) benutzen.

Entscheidend dabei ist die Entschleunigung. Da man nicht nur den Bildausschnitt sondern auch die Schärfe von Hand einstellen muß, entsteht eine längere Auseinandersetzung im Kopf mit dem, was da als Foto bzw. Bild eingefangen und entstehen soll.

Damit kann Zeit in der Fotografie zur Entschleunigung der eigenen Lebenszeit beitragen und zu einer anderen Art der gestalterischen Komposition. Dies ist ebenfalls eine wesentliche Relation der Fotografie.

Mehr

Neben diesen drei Relationen gibt es noch eine andere. „Wenn die Zeit keinen Anfang und kein Ende hat, dann kann man jeden Moment als Mittelpunkt der Zeit sehen.“ Dieser Gedanke führt uns zur Zeitlosigkeit bzw. zur Gegenwart in der Zeit (das Wort würde aber nicht passen, wenn die Zeit weder Anfang noch Ende hat…).

Dies ist vielleicht die Fortsetzung der Entschleunigung. Vielleicht führt uns die Entschleunigung dann in das Hier und Jetzt.

Das wiederum hätte Folgen für die Bildkomposition. Sie würde anders. Im einfachsten Fall würde das Motiv in der Mitte liegen, in anderen Dimensionen müßte eine andere Art der Fotografie zu sehen sein. Aber an dieser Stelle sind wir vielleicht schon – als Gesellschaft?!

Nur ist eine Gesellschaft ohne Geschichte eine richtungslose und wertelose Angelegenheit. Und genau dann kann die Fotografie wieder helfen, diese Zeitlosigkeit in eine Relation zu anderen Zeiten zu setzen. Und darüber hinaus die Zeitlosigkeit des Seins nicht mit der Zeitlosigkeit des Zeitgeistes zu verwechseln.

Wie auch immer. Es ist an der Zeit, hier zu enden, denn „Informationen werden mitgeteilt und Wissen erwirbt man durch Denken“ (wie ein kluger Mensch einmal sagte).