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Friedrich Seidenstücker – von Nilpferden und anderen Menschen

Dieses Buch ist eine Glanzleistung. Friedrich Seidenstücker war ein Fotograf, der sich zwischen Unna und Rostock bewegte und meistens in Berlin war. Niemand wollte zunächst seinen Nachlaß. Erst spät und eher zufällig wurde ein Teil entdeckt und gekauft. Seidenstücker fotografierte gerne im Zoo und er fotografierte gerne Menschen (im Zoo und anderswo). Er war Strassenfotograf in der Zeit von Cartier-Bresson. Und er fotografierte alles ohne Leica.

Die Berlinische Galerie zeigt aktuell die große Ausstellung zu einem fast vergessenen und nun wieder medial präsenten Fotografen. Und der Verlag Hatje Cantz hat das wunderbare Buch dazu herausgebracht.

In verschiedenen Essays schreiben verschiedene Autoren zu den Themen von Seidenstückers Fotografien. Wir erfahren so sehr viel über Zoofotografie, Strassenfotografie, Aktfotografie und Trümmerfotografie. Aber fast noch interessanter sind die Artikel, die mit den Themen „Seidenstücker bei der Arbeit und ein Blick ins Negativarchiv“ beginnen und mit Texten verschiedener Sammler fortgesetzt werden.

Die Patent-Etui-Kamera, die 9-x-12-Taschen-Klapp-Kamera, die Bentzin-Primar oder die Tudor-Spiegelreflexkamera. Das waren einige der Kameras, die Seidenstücker benutzte. Eine Leica war nicht dabei. So liefert Seidenstücker den Beweis ab, dass es auf den Fotografen ankommt.

Mir haben in dem Buch sehr die Fotos gefallen, bei denen er andere beim Fotografieren fotografiert. Wer sieht, welche fotografischen Kästen geschleppt werden mussten, der versteht dann besser, was es für eine Wonne ist, heute mit einer kleinen Kamera in der Tasche herumlaufen zu können.

Das Buch ist wohl DAS Buch zum Leben und Werk von Friedrich Seidenstücker. Es ist liebevoll und sehr informativ zusammengestellt worden und gibt dem Menschen und Fotografen Friedrich Seidenstücker nun wohl seinen Platz in der Fotografiegeschichte.

Aber es ist kein langweiliges Buch, sondern zeigt, wie gute Fotografie auch aussehen kann. Es sind unpolitische Fotos, er hat auch keine Kriegshandlungen dokumentiert. Sein Thema waren Menschen und Tiere (die vielleicht irgendwie zusammengehören) in authentischen Situationen.

Friedrich Seidenstücker wird im Bereich der Fotografie gerne mit Begriffen wie „Flaneur“ und „Bummeln“ in Verbindung gebracht.

Zumindest das Buch aus dem Hatje Cantz Verlag lädt zum Flanieren und Bummeln mit dem Blick des Fotografen in eine Zeit ein, die es nicht mehr gibt und die zeigt, dass die Menschen sich nicht verändert haben. Es lohnt sich in jeder Hinsicht.

Friedrich Seidenstücker
Von Nilpferden und anderen Menschen

Texte von Wolfgang Brückle, Ulrich Domröse, Florian Ebner, Ulrike Griebner, Thomas Köhler, Christoph Ribbat, Sabine Schnakenberg, Gestaltung von Verena Gerlach

Deutsch/Englisch

ISBN 978-3-7757-3131-7