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Zwischenzeiten von Michael Kerstgens

Da reist im Auftrag des Stern der junge Fotoreporter Michael Kerstgens im Februar 1990 nach Mühlhausen. Er soll „die alte, zerfallene Stadt Mühlhausen fotografieren.“

Und so sind wir dabei, wenn ein junger Fotoreporter dieses Thema umsetzt und uns 30 Jahre danach in Buchform zeigt.

Wie soll man Dokumentarfotografie dokumentieren? Über Linkverfall und Linkfäule

„Immer mehr Verlinkungen verschwinden oder werden sogar umgelenkt auf kommerzielle andere Inhalte. Das geschieht dann wohl bewußt und ist link.
Das kann ich gar nicht nacharbeiten und würde auch die authentische Struktur meiner Artikel und der damaligen Wissensbasis zerstören. Es gibt ja kein neues und besseres Wissen zu vielen meiner Themen sondern nur neue Themen.“

Mit diesen Worten wollte ich im letzten Jahr aus verschiedenen Gründen diese Webseite beenden.

Das hat dann so noch nicht ganz geklappt, weil ich meine eigene Entwicklung mit einbezogen habe.

So kam ich nach einigen weiteren Artikeln zu dem Schluß:

„Da ich meine gesamte bewußte Zeit in der Dokumentarfotografie im Rahmen dieser Webseiten unter verschiedenen Namen über ca. zehn Jahre als Ort der Reflexion, Dokumentation und Zusammenfassung verbracht habe, bot es sich natürlich an, die inneren Entwicklungen auch hier jetzt aufzuschreiben. Das ist ja das Neue in digitalen Zeiten. Das Ende ist immer nur der Schritt vor dem Update oder dem Wechsel des Betriebssystems.“

Und nun hat der deutschlandfunk das Thema Linkverfall und Linkfäule aufgegriffen. Das ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit überhaupt, wenn ich will, das Behauptungen noch belegt werden müssen.

Es steht nicht alles in Büchern und vieles Neue steht überhaupt nicht mehr in Büchern. Um es aufzugreifen, zu belegen und zu nutzen muß man es lesen und belegen. Aber das geht kaum noch.

Als ich in den Webseiten der gez Medien für Themenartikel meine Aussagen belegte wurden diese verlinkten Artikel aufgrund eines Gesetzes nach einigen Tagen unwiderbringlich gelöscht und man durfte sie auch nicht abspeichern, weil andere ja das Urheberrecht haben.

Man konnte sie zwar mit eigenen Worten wiedergeben aber der Beleg war weg.

Das setzt sich heute ja fort. Es gibt so gut wie keinen Zugriff mehr auf die meisten Bücher. Gäbe es die google Büchersuche nicht, bei der man Auszüge sehen kann, dann würde man nicht mal in diesem Rahmen etwas finden.

Und weil immer mehr gar nicht mehr als Buch erscheint wird es noch viel schwieriger. Denn fast überall soll man sich einen Zugang kaufen, um darauf zugreifen zu können. Selbst wenn man Zugangsmillionär wäre würde einem dies nichts nützen, weil man ja dorthin nicht verlinken kann, es ist ja vor dem Zugriff geschützt. Kopieren und online nutzen geht auch nicht, weil es urheberrechtlich geschützt ist.

Und dann gibt es ja noch das sog. Leistungsschutzrecht. Danach darf man ja auch nur mehr als ein paar Worte zitieren, wenn man dafür bezahlt, zumindest theoretisch.

Und dann gibt es bestimmt noch mehr, was ich übersehen habe.

Von heute aus betrachtet nach zehn Jahren publizistischer Arbeit an diesen Webseiten mit populärwissenschaftlicher Akribie und Zitierseriösität wären meine Blogs so wie damals wohl gar nicht mehr möglich.

Das ist das Dilemma. Es gibt immer mehr aber du kommst an immer weniger ran und darfst davon noch weniger zeigen.

So gesehen ist aus deutscher Sicht sicherlich auch archive.org illegal, obwohl wir froh sein können, daß es die Webseite gibt.

Und dann kommt ja noch die Systemfrage im Ablauf der Zeit hinzu.

Wenn sich die Maßstäbe für die Rechtsprechung ändern, wird man plötzlich kriminalisiert und z.B. bei freier Meinungsäußerung ein Verbrecher, so wie es die Türkei bei der Meinungsfreiheit gerade praktiziert und so wie wir es schon von den Hartz 4 Gesetzen kennen, wonach jede Zuwendung zur Kürzung des Hartz4 Satzes führt. Wer im Hartz4 Bezug fremd essen geht oder eingeladen wird ohne es zu melden, ist damit schon ein halber Sozialverbrecher.

Aber das ist noch nicht alles. Es gibt ja noch mehr. Wer das liest und an die heutige Asylsituation denkt, der merkt, daß wir schon weiter sind. Man darf ohne Personalpapiere und eindeutige Belege hier rein gegen geltendes Recht, erhält Geld und darf hier leben. Eine Parallelwelt mit einem Sonderrecht voller Privilegien für Asylsuchende ist entstanden neben dem Sonderrecht für Staatsbürger, die bei Arbeitslosigkeit polemisch gesagt für ihren Fleiß bestraft werden und verarmen müssen.

Ich nenne diese Beispiele, weil sie zeigen, daß auch bei uns schon rechtlos oder per Sonderrecht agiert wird neben dem Grundgesetz und nicht nur die Türkei Murks macht.

Oder gibt es Leser, die etwas hiervon bestreiten? Das Schlimme daran ist ja, daß ich dies alles belegen kann.

Und dies hat mit dem Thema zu tun, über das ich hier gerade schreibe.

Im deutschlandfunk heißt es dazu:

„Die ganze Zivilisation ruht auf Quellensicherheit

Ist das nicht bloß ein Problem des Wissenschaftsbetriebs und kaum von allgemeiner Relevanz? Nein. Unsere Zivilisation beruht auf einem umfassenden Zitier- und Quellenangabesystem. Weit über die Wissenschaft hinaus bestimmt dieses unsere Identität, nicht zuletzt, weil wir uns dauernd auf religiöse Urtexte rückbeziehen. x

Selbst wenn man sie als irrationale Artefakte ignorieren würde, bliebe immer noch unsere Jurisdiktion, die ebenfalls aus einem Verweissystem von Texten bis zurück in die Antike besteht. Ohne Quellenverlässlichkeit verlöre sie ihre Legitimation. Durs Grünbein verweist darauf, dass der Ursprung des lateinischen Begriffs citatio „im Bereich der Rechtsprechung lag – als terminus technicus, der die Vorladung vor ein Gericht bezeichnete.“ xi

Das Textzitat ist also die Vorladung eines geistigen Zusammenhangs, den man nicht einfach bloß behaupten darf, sondern untermauern muss. Erscheint der Vorgeladene ohne Personalpapiere, also ohne Quellenangabe, ist Misstrauen angesagt. Was aber – und damit kehren wir zur Zukunftsannahme der totalen Verstromung zurück -, was, wenn die erste Bedingung des Zitierens, eine Quelle müsse vorhanden sein, gar nicht mehr sichergestellt werden kann?

De facto ist ein Buch vorhanden, eine Datei nicht. xii Die in ihr lockergeschriebene Information besitzt keine irreversible Zeitlichkeit, womit sich ihre Gestalt ein für allemal festlegen ließe. Dateien sind und bleiben unfixierbar, ganz anders als Obeliske, Tontafeln und Bücher, weswegen sie nicht als Quellen, sondern nur zum Ozean taugen.“

 

Insofern geht es nicht nur um Bücher sondern es geht gerade um die Grundlagen unseres Daseins, um unseren Rechtsstaat und die Chance in einer aufgeklärten Zivilisation zu leben.

Belegbarkeit ist die Grundlage unseres abgesicherten Zusammenlebens. Und Verlinkung mit freien Texten ist die Grundlage des Internets. Und genau das wird gerade systematisch abgeschafft. Nicht mal alle Doktorarbeiten sind frei zugänglich und selbst mit Steuergeldern abgehaltene Tagungen und die Tagungsergebnisse sind online oft nur gegen Geld verfügbar.

Und damit sind wir noch nicht bei Fotos. Die bringe ich erst hier ein. Ja was ist eigentlich mit Fotos und deren Zitierwirkung? Wie bei digitalen Texten sind sie oft nur gegen Geld einsehbar und dann noch nicht zeigbar. Und was google darf dürfen wir alle noch lange nicht wie das Beispiel der Bildersuche zeigt.

So leben wir in einer Zeit, die nicht besser ist als früher. Sie birgt neue Gefahren und hat bisher kaum gute Antworten. Denn dann müßte neu gedacht werden über Staatsaufgaben wie die Absicherung im Alter, die freie Verfügbarkeit von Texten und Fotos und die Stellung von Büchern und Bibliotheken.

Und letztlich fragt man sich dann auch selbst so wie ich, soll man die Webseite vom Netz nehmen oder nicht. Diese hier ist in der Deutschen Nationalbibliothek zwar gesichert aber viele andere sind es nicht und viele werden paradoxerweise aussortiert, wenn sie nicht mehr online sind.

Welchen Wert hat das alles hier, was ist uns was wert und was sollte uns was wert sein?

Gute Fragen, zu denen der Beitrag im deutschlandfunk „Wahrheit ist Belegbarkeit“ von Florian Felix Weyh sehr konstruktiv beiträgt und der mich hier dazu gebracht hat, dies konkret zu diesem Thema weiterzudenken.

 

 

Fotografie als Waffe in der Propaganda zur Rente mit 67 und 72 – Rückblick und Ausblick

„Ich koche morgens Stahl und abends für meine Mutter“ lautete 2012 eine Propagandakampagne der Bundesregierung, bei der sich Fotografen dafür bezahlen ließen, diese politischen Machenschaften propagandistisch vorzubereiten. Es scheint Teil einer größeren Propagandastrategie gewesen zu sein. Der fitte Alte geht mal zwischendurch in Familienpflegezeit arbeitet aber insgesamt länger, dafür pfegt er abends seine Mutter und nimmt dem Staat die Verantwortung ab, obwohl die Sozialversicherungen dafür gemacht waren. Und wenn man das Motto auf dem Plakat zu Ende denkt, dann endet man mitten im schlimmsten Neoliberalismus.

Denn 2012 und 2013 waren dann die Jahre der Propaganda in der Fotografie für die Rente ab 72 (67 war schon selbstverständlich). Die angeblich fitten Alten waren auf Fotos zu sehen, die ohne Umfallen arbeiten und alle politisch und wissenschaftlich Unanständigen taten so als ob es klar sei, daß man bis 72 arbeiten muß.

Das hat außer mir fotografisch kaum jemand aufgearbeitet. Diese Propaganda und ihre Methoden werden bis heute weiterhin genutzt und sind in keinem großen Medium demaskiert worden. Ich habe dies auf frontlens.de getan. Dafür habe ich auch keinen Presseausweis erhalten ….

Meine Versuche, die Gesichter der davon betroffenen arbeitenden Menschen festzuhalten, wollte natürlich von den Regierenden und Herrschenden niemand sehen. Das ist die verdrängte Wirklichkeit, die fotografisch dokumentiert werden muß und die ich meine.

So habe ich diesen Menschen als Dokumentarfotograf einen Platz in der digitalen Erinnerungskultur geben können. Sie wären sonst weder sichtbar noch sehbar, weder als Teil der Erinnerung noch als Teil der sozialen Wahrheit.

Das ist sozialdokumentarische Fotografie, die Lebenswirklichkeit und soziale Wunden zeigt jenseits der offiziellen Propaganda.

Sie wird aber in den GEZ-Medien nicht gezeigt und in den privaten eher auch nicht.

Aber hier ist sie zu sehen.

Abschließend noch eine Todesanzeige vom 11.11.2017 zur Rente mit 67 und 72. Die Todesanzeige ist echt:

Da wäre ja jetzt zu fragen, wer kocht für die Mutter?

 

Fred Herzog Modern Color

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Solche Fotos habe ich noch nicht gesehen. Sie erzählen etwas über Zeitgeist, Fotografie, den Unterschied von Monochrom und Farbe und über ein Leben, das Leben von Fred Herzog.

In einem umfassenden Buch aus dem Hatje Cantz Verlag wird Fred Herzog vorgestellt. Beruflich in der medizinischen Fotografie tätig, privat mit der Kamera unterwegs. Seine Fotos erzählen aus seiner Sicht über die Welt, in der er lebte.

Er lebte in Vancouver und deshalb enthält dieses Buch einen zusätzlichen Essay von Jeff Wall.über Vancouver in den Fotografien von Fred Herzog. Hinzu kommen sehr informative Texte von David Campany und Hans-Michael Koetzle.

Gerade die Nutzung von Farbe zu einer Zeit als die Reportage in Schwarzweiss fotografiert wurde, läßt uns heute auf fast gemalte Fotos blicken. Sie sind sehr detailliert fotografiert. Obwohl es auch Fotos mit Bokeh gibt, sind die meisten Fotos von vorne bis hinten scharf und beinhalten mindestens zwei Ebenen mit vielen Details auf jedem Foto.

Hinzu kommt ein Selbstporträt aus dem Jahr 1959.

Dort wird sichtbar, daß Fred Herzog kein Blitzer sondern ein Maler mit Licht war. Er nutzte die Sonne, um sich selbst einen Rahmen zu setzen, der so ausgeleuchtet ist und darin befindet er sich selbst – toll!

Er scheute sich nicht die Verschiedenheit auch verschieden zu zeigen.

Mich persönlich faszinieren besonders Fotos wie die mit dem Titel Boys Wrestling.

Sie zeigen nicht nur kämpfende Jungen sondern sie zeigen auch das Umfeld und lassen viele Rückschlüsse zu auf die Welt, wo dies so passiert. Es sind ungeheuer interessante Fotos.

Man merkt dem Buch an, daß es einer Person gerecht werden soll. Daher ist es auch gut gebunden und groß genug gedruckt, um auch noch in 30 Jahren wirken zu können.

Es sind die Themen des Alltags im öffentlichen Raums, die Herzog uns zeigt und die seine Aufmerksamkeit gefunden haben. Heute könnten wir ähnliche Situationen aufnehmen aber das Umfeld wäre zivilisatorisch anders. Neben seine Fotos gelegt würden sie uns die Differenz von gestern zu heute deutlich machen.

Aber das Ganze hat noch eine andere Dimension.

Nicht alle Fotos sind aus Vancouver aber ein erheblicher Teil.

Jeff Wall hat dazu über Fred Herzog folgendes geschrieben: „„Das soll nicht heißen, dass es nicht Fotografen gibt, die dazu in der Lage wären, dasselbe wie er zu schaffen und mit behutsamer Zuneigung jene Straßen, Eingänge, Hinterhöfe und Schaufenster einzufangen. Es geht viel eher darum, dass man, um diese Zuneigung zu empfinden, auch etwas benötigt, das sie verdient.“

Und er schreibt weiter: „Was diese Objekte der Zuneigung ersetzte, sind Gebilde, die dieses Gefühl nicht mehr auslösen können, da sie es nicht beinhalten. Es wurde ihnen nicht mitgegeben, als man sie schuf.“

So sind die Fotos von Fred Herzog zugleich Dokumente einer Zeit, die vorbei ist.

Aus Fotos wurden Geschichten aus dem Alltag einer Stadt, einer Zeit, eines Menschen auf der Suche.

Es ist ein Buch, das man nicht nur einmal aufschlägt, denn es lädt auch dazu ein, detailliert und länger einzelne Fotos zu betrachten.

Ein einziges Foto in dem Buch ist aus Deutschland, Loco in Rain von 1952 in Schwarzweiss. Es ist nicht so schön wie die farbigen Fotos.

So zeigt uns dieses Buch aus dem Hatje Cantz Verlag die Welt des Fotografen Fred Herzog, der mit seiner Kamera durch seine Lebenszeit ging und das festhielt, was ihn in einem Moment fesselte.

Es war Streetfotografie vor der Streetfotografie, es war Farbfotografie vor der Farbfotografie, es war detaillierte Fotografie vor der Makrofotografie, es war seine Fotografie und keine Auftragsfotografie.

Still erzählen uns seine Fotos aus seinem Leben mit der Kamera und es ist sehr schön, daß wir seinen Blicken folgen können und so eine Welt sehen, die schon lange vorbei ist und doch ein wenig an heute erinnert.

Ein schönes Buch, in das man gerne seine Lebenszeit investiert.

Es ist im HatjeCantz-Verlag erschienen.

Fred Herzog

Texts by David Campany, Hans-Michael Koetzle, Jeff Wall

German, English

2016. ca. 320 pp., ca. 230 ills.

27.00 x 27.30 cm
hardcover

ISBN 978-3-7757-4181-1

 

Indien, Steve McCurry

„Die Fotos zeigen Indien, wie es wirklich ist, mit all seinen Gegensätzen.“ So erfahren wir es im Vorwort dieses großformatigen und großartigen Buches.

Indien, Steve McCurry

Indien, Steve McCurry

Nun ist Steve McCurry mittlerweile einer der bekanntesten Fotografen und seine Vorliebe für Asien und Indien hat uns viele bemerkenswerte Fotos beschert.

Kann man das noch toppen?

Ja.

Dieses Buch ist im Wortsinne sehr sehenswert.

Es ist eine Sammlung von Fotografien, die in mehr als 30 Jahren von Steve McCurry in Indien gemacht wurden. Dabei ist dann auch der Übergang vom analogen Fotografieren in das digitale Fotografieren zu sehen.

Besonders bemerkenswert ist dabei, daß der Übergang manchmal gar nicht auffällt.

Alle Fotos © Steve McCurry”  “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines Eisenbahnwaggons.

Alle Fotos © Steve McCurry”
 “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines
Eisenbahnwaggons.

Auffallend ist eher die Art des Fotografierens, die unterschiedlichen Motive, die sich durch die Präsenz an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten ergab und die Breite der Darstellung, die sich nur durch eine Sammlung über eine so lange Zeit ergeben kann.

Wir erfahren, daß die kulturelle Differenz vom Google- und Microsoft-Komplex  zum Ochsenkarren in Indien höchstens zwanzig Minuten beträgt.

Und wir sehen Fotos, die zeigen, daß sich in dieser langen Zeit trotz zivilisatorischer Änderungen und dem Einzug des digitalen Lebens im Alltag und der Darstellung nach außen offenkundig wenig geändert hat.

Aber das Buch ist noch mehr.

Es ist auch ein visuelles Farbenmeer, das die visuelle Tradition Indiens wiedergibt.

Mit den Augen des Europäers betrachtet sieht man hier, wie selbstverständlich absolute Armut ohne Bett und soziale Sicherheit neben eklatantem Reichtum akzeptiert wird ohne sich zu wehren.

Die fotografische Welt von Steve McCurry in diesem Buch gefällt mir aber noch aus einem anderen Grund.

Es ist ein Buch, das die Fotos so darstellt wie gute Fotos auch dargestellt werden sollen: großformatig und mit klarem geometrischem Aufbau.

Das Buch ist so groß wie das berühmte Buch von Henri Cartier-Bresson und enthält so viele gute Motive, die das Leben und die Menschen in ihrer dargestellten Würde zeigen, daß es eine stundenlange Wonne sein kann, darin visuell zu schwelgen.

Alle Fotos © Steve McCurry”  “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Rajasthan, 2012. Mahuts schlafen bei ihren Elefanten.

Alle Fotos © Steve McCurry”
 “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Rajasthan, 2012. Mahuts schlafen bei ihren Elefanten.

Die Sitten und Gebräuche und die Realität des Lebens im öffentlichen Raum (soweit es dies dort gibt) wird uns vor Augen geführt.

Und gerade der zeitliche Längsschritt zeigt das Überzeitliche, wenn ich mich mal so philosophisch ausdrücken darf.

Der Prestel-Verlag hat damit ein großartiges Buch auf den Markt gebracht, das sich als Geschenk eignet und eher von Dauer sein wird, weil es auch fotografisch gut ist.

Die Welt der Armen und der Reichen, Mühsal und Luxus, gestern und heute und die bemerkenswerte Farbenpracht machen aus diesem Buch ein im besten alten Sinne „Sittengemälde“ einer Gesellschaft und eines Kontinents.

Und wenn ich es in die Tradition zu dem berühmten Buch über Indien von Henri Cartier-Bresson setze, dann hat es eine würdige Fortsetzung gefunden.

Wie schreibt der Verlag?

„Indien ist ein Land, das sich und andere verändert. Eine seiner ersten Reisen führe den Fotografen Steve McCurry in den 1970er Jahren nach Indien. Dunkles Henna, gehämmertes Gold, Curry und Safran, all die vibrierenden Farben des Landes haben ihn gelehrt, mit Licht zu sehen und zu schreiben. In Indien, das so ganz anders als seine Heimat ist, hat McCurry zum ersten Mal intensiv gearbeitet. Denn anders als in seiner Heimat Amerika spielt sich das Leben hier auf der Straße ab. Anders als in Cleveland gibt es hier diese unglaubliche Vielfalt an Klassen, Kasten, Reichen und Armen. Diese Erfahrung hat McCurrys Blick für Farben, Menschen und Gesichter geprägt und ihn zu einem der renommiertesten Fotografen unserer Zeit gemacht.
Der neue Bildband Indien, der jetzt im Prestel Verlag erscheint, ist das Produkt einer jahrzehntelangen Liebe zu Indien und zugleich der Anspruch, die einzigartige Vielfalt dieses Landes zu dokumentieren. Von den 96 großformatigen, brillant gedruckten Bildern sind mehr als die Hälfte bislang unveröffentlicht und stammen aus McCurrys privatem Archiv – er selber hat sie für dieses Buch zusammengestellt. Sie zeigen Indien in seiner ganzen Schönheit und Widersprüchlichkeit, Indien mit seiner Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen technischem Fortschritt und tiefer Religiosität. Von den Staubstürmen Rajasthans bis zu den in Monsunfluten versinkenden Dörfern Bengalens, von Kaschmir bis Kerala: McCurry entführt uns in eine Welt des klaren Lichts, leuchtender Farben und tiefschwarzer Schatten – deren Stimmung mal melancholisch, mal ausgelassen fröhlich ist. So beschert er uns tiefe Einblicke in die unterschiedlichen Facetten des indischen Lebens, von den riesigen Menschenansammlungen während Kumbh Mela bis hin zum einsamen Holzarbeiter in den Wäldern des Himalaya. Die Wirkung der ganzseitigen Abbildungen wird durch keine Texte gestört, kurze erläuternde Texte zum Motiv finden sich am Ende des Buches.
Das Vorwort schrieb der britische Reiseschriftsteller William Dalrymple, Korrespondent des New Statesman und Begründer des Jaipur Literatur-Festivals.

Es ist im Prestel-Verlag erschienen und sehr empfehlenswert.
Steve McCurry
Indien
Mit einem Text von William Dalrymple
208 Seiten mit 96 Farbabbildungen
Gebunden mit Schutzumschlag
27,5 x 38 cm
ISBN: 978-3-7913-8195-4

Triptychon 3 – sozialer Wandel im Bild

Wie kann man sozialen Wandel darstellen und zusammenfassen? Wie läßt sich Dynamik – Flow – visuell darstellen im Foto?

Die Veränderungen in der Industrieregion Bergisches Land bis 2010 habe ich mit 15 Fotos dargestellt. Diese bezogen sich aber auf Remscheid, Solingen und Wuppertal.

Nun kommt ein neuer Versuch begrenzt auf Remscheid, und für die Jahre 2014, 2015 und 2016:

Sozialer Wandel anhand von baulichen Veränderungen im öffentlichen Raum von Remscheid.

Ich habe dazu drei Motive gewählt, die mir sinnbildlich sinnvoll erscheinen.

Es ist ein Triptychon (lt. duden griechisch tríptychos = dreifach, aus drei Schichten, Lagen übereinander bestehend), weil es mit drei Bildern – drei szenischen Geschichten – ganz viel erzählt über die einzelnen Geschichten hinaus.

Beim Triptychon entsteht im Ganzen mehr als die drei Teile einzeln erzählen.

Es ist ein Beispiel für radical art. Das bedeutet auf Englisch etwas anderes als die Übersetzung radikale Kunst zunächst vermuten läßt. Diese Art von Kunst lebt, weil sie Bezüge zum eigenen Leben in der Gegenwart herstellt jenseits des reinen Selfie. Es ist das Tor zum Sozialen. Radical art verbindet mich mit der Gesellschaft und den Normen und nimmt mich auf, um mitzumischen, dabei zu sein und mir eine Meinung zu bilden.

Schauen Sie einfach mal hin und drauf, es ist nur einen Mausklick entfernt!

 

 

The Decisive Moment – Photographs by Henri Cartier-Bresson

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Das Buch der Bücher in der Geschichte des Fotojournalismus ist wieder da.

Es ist die Bibel vieler Fotografen gewesen und als Buch bis heute unerreicht als Vorlage für das Auge und die Chance sehen zu lernen – wenn man Gelegenheiten wahrnehmen will.

Sein Erscheinen war rückblickend damals einer der großartigsten Momente in der Geschichte der Fotobücher.

Jetzt ist es die Rückkehr eines der bekanntesten und bis heute besten Bücher zum Thema Fotojournalismus und klassische monochrome Fotografie.

Zudem ist es von Matisse gestaltet für Henri Cartier-Bresson.

Jeder, der mit Fotojournalismus zu tun hatte, kannte dieses Buch.

Aber es war jahrzehntelang vergriffen.

Denn so gut es war – so selten war es auch.

Doch wer über Fotojournalismus sprach und  wer über Henri Cartier-Bresson sprach, der landete irgendwann immer bei diesem Buch.

Images a la sauvette im Original und The decisive moment in der englischen Übersetzung ist der Titel.

Qualität bleibt.

Gut dass es wieder da ist.

So ist dieses Buch sowohl buchbinderisch als auch gestalterisch im Reprint eine Augenweide geblieben.

Und natürlich die Fotos!

Ja die Fotos.

Viele kennen sie und digital findet man sie auch.

Aber so wie sie wirklich wirken sieht man sie nur hier.

Groß, monochrom, großartig.

Der Steidl-Verlag hat ein großformatiges Booklet beigelegt von Clement Cheroux.

Dieser weist darauf hin, daß Cartier-Bresson´s Fotos ursprünglich für Magazine und Zeitungen gemacht waren und damit eine eher flüchtige Wirkung hatten.

Bücher bleiben und deshalb blieben in diesem Buch schon damals die flüchtigen Augenblicke, die entscheidenden Momente, über den Tag hinaus bestehen.

Und dann erzählt uns Cheroux die Geschichte dieses Buches von der ersten Idee an.

Wie Matisse vorging, um das Cover zu gestalten, mit welcher Technik er arbeitete, welche Materialien und welches Papier in diesem Buch genutzt wurden, warum die Fotos in dieser Reihenfolge erschienen sind und natürlich auch wie der französische und der englische Titel entstanden.

Es ist einfach wunderbar.

Das Buch hat aber noch eine andere Dimension.

Cheroux arbeitet sehr schön heraus wie dieses Buch zu einem Lebensversuch von Cartier-Bresson wird, um zwischen seiner inneren Welt und der äußeren Welt fotografisch eine Balance zu finden.

Es ist der Weg zwischen Sur-Realismus und Realismus.

Henri Cartier-Bresson The Decisive Moment ist bei Steidl erschienen.

Wer es nicht kauft oder sich nicht wünscht ist selbst schuld.

Andere haben darauf viele Jahre gewartet.

Jetzt ist die Gelegenheit da.

160 + 48 booklet Seiten

Leineneinband im Schuber
27.4 x 37 cm

Englisch

ISBN 978-3-86930-788-6

Alles war so. Alles war anders – Bilder aus der DDR von Thomas Billhardt und Kerstin Hensel

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„Mein erstes Blauhemd der Freien Deutschen Jugend fiel der Wellenradwaschmaschine zum Opfer… Da ich kein Blauhemd mehr besaß, mußte ich mich beim Appell zur Strafe in die letzte Reihe stellen, dort wo die Christlichen standen.“

So beginnt ein Kapitel von Kerstin Hensel, das „verdichtete Erinnerungen“ erzählt.

„Es gab so viele Deutsche Demokratische Republiken wie es Menschen gab, die dort gelebt haben. Wenn Typisches vorzuweisen ist, so kristallisiert es sich über Millionen einzelner Biographien heraus.“

Thomas Billhardt zeigt uns in Fotografien diese Epoche, bei der es nicht darum geht, die DDR wie sie war zu zeigen sondern sich zu erinnern.

„Die Wahrheit steckt hinter den Fassaden.“

So können wir die Fotos als Fassaden oder als reale Wiederspiegelung betrachten.

Es sind zeitgeschichtliche Fotos, die Erinnerungen auslösen. So habe ich vieles in der DDR auch erlebt.

Aber es ist irgendwie ein Ostblick auf die DDR.

Ich habe eher den Westblick, wenn es das gibt. Ich war jedes Jahr „drüben“. Wir mußten pro Tag 25 DM umtauschen. Wir fuhren mit der Bahn. Am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn saßen wir immer still im Sechserabteil und warteten bis wir den Stechschritt der Grenzer hörten. Kniehohe Stiefel, knarrende Stimmen und das Öffnen der Koffer war an der Tagesordnung.

Wir durften den Ort nie verlassen und mußten uns immer sofort bei der Polizei melden und bezahlen.

Als ich älter wurde ging ich eines Abends durch den Ort. In den wenigsten Fenstern hingen Gardinen. Es war kurz vor acht. Wirklich überall war Westfernsehen zu sehen. Die Aufmärsche habe ich durch meine Verwandten kennengelernt. Und auch die Ängste. Westkontakte – selbst zur eigenen Schwester – waren teilweise beruflich vernichtend. So wie heute bei einer Bewerbung die Angabe, man sei älter als 50 oder habe studiert.

So haben sich die Zeiten geändert aber die Ergebnisse sind doch sehr ähnlich. Die Wahrheit steckt eben auch heute hinter den Fassaden.

Aber bleiben wir bei dem Buch.

„Die DDR war, wie jedes sozialistische Land, ein Ort, wo der Widerspruch zwischen gedachter und gelebter Utopie und Realität aufs krasseste zutage trat. Aber sie war kein Laboratorium und das Dasein kein Experiment. Hinter jedem Menschen steckt ein Leben, kein vorläufiges, sondern ein jahrzehntelang gelebtes.“

Das zeigt das Buch in der Kombination von Text und Bild.

Und dann kommt noch ein Satz, der daran erinnert, daß die DDR sich mit der Alltagsgeschichte des Volkes beschäftigte. Das sind Begriffe, die heute völlig out klingen: „Geschichte kann weder aufgearbeitet noch bewältigt werden. Sie ist nur aus dem Alltag heraus zu begreifen.“

Da könnte man länger drüber diskutieren.

In einer Rezension von 1999 heißt es:

„Billhardt, Jahrgang 1937, hat die gesamte Geschichte des Landes mitgemacht und es in dem Dreibuchstabenland zu einem der Ersten unter den Fotografen gebracht. Hensel, Jahrgang 1961, gehört zu der Generation, von der kommunistische Altkader in besten DDR-Zeiten behaupteten, sie hätte sich in die „gemachten Betten“ des Sozialismus gelegt. Hensel war wirklich undankbar. Statt sich des Bettes zu freuen, versuchte sie, den Mief des Bettes zu lüften. Billhardt und Hensel, geborene Chemnitz-Karl-Marx-Städter, haben sich zusammengetan, um „Bilder aus der DDR“ zu veröffentlichen. Dabeigewesene, kritische Gesellen, die sie sind, kam es ihnen gar nicht in den Sinn, die DDR schönzuschminken. Die letzten beiden Sätze sämtlicher Sätze von Hensel, die dem Buch den Titel Alles war so. Alles war anders verpaßten, bestimmen den Inhalt. Denn das Anstehen, Strammstehen, Stillstehen, Stummdasitzen, In-Reih-und-Glied-Marschieren war nicht d i e DDR. Bilder und Texte bringen eine Menge von dem zum Vorschein, was anders war. Das, was anders war, war das Leben der Leute. Jener Leute, von denen soeben der West-Berliner Autor Bodo Morshäuser abermals sagte, daß sie „einheitlich leicht nach vorn gebeugt“ gingen und, daß der Kopf „hängengelassen“ wurde, „als sei er längst abgegeben worden“.

Wer das Buch noch bekommt, der sollte es sich anschauen.

Thomas Billhardt und Kerstin Hensel

Alles war so. Alles war anders – Bilder aus der DDR

ISBN 3378010355