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Fred Herzog Modern Color

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Solche Fotos habe ich noch nicht gesehen. Sie erzählen etwas über Zeitgeist, Fotografie, den Unterschied von Monochrom und Farbe und über ein Leben, das Leben von Fred Herzog.

In einem umfassenden Buch aus dem Hatje Cantz Verlag wird Fred Herzog vorgestellt. Beruflich in der medizinischen Fotografie tätig, privat mit der Kamera unterwegs. Seine Fotos erzählen aus seiner Sicht über die Welt, in der er lebte.

Er lebte in Vancouver und deshalb enthält dieses Buch einen zusätzlichen Essay von Jeff Wall.über Vancouver in den Fotografien von Fred Herzog. Hinzu kommen sehr informative Texte von David Campany und Hans-Michael Koetzle.

Gerade die Nutzung von Farbe zu einer Zeit als die Reportage in Schwarzweiss fotografiert wurde, läßt uns heute auf fast gemalte Fotos blicken. Sie sind sehr detailliert fotografiert. Obwohl es auch Fotos mit Bokeh gibt, sind die meisten Fotos von vorne bis hinten scharf und beinhalten mindestens zwei Ebenen mit vielen Details auf jedem Foto.

Hinzu kommt ein Selbstporträt aus dem Jahr 1959.

Dort wird sichtbar, daß Fred Herzog kein Blitzer sondern ein Maler mit Licht war. Er nutzte die Sonne, um sich selbst einen Rahmen zu setzen, der so ausgeleuchtet ist und darin befindet er sich selbst – toll!

Er scheute sich nicht die Verschiedenheit auch verschieden zu zeigen.

Mich persönlich faszinieren besonders Fotos wie die mit dem Titel Boys Wrestling.

Sie zeigen nicht nur kämpfende Jungen sondern sie zeigen auch das Umfeld und lassen viele Rückschlüsse zu auf die Welt, wo dies so passiert. Es sind ungeheuer interessante Fotos.

Man merkt dem Buch an, daß es einer Person gerecht werden soll. Daher ist es auch gut gebunden und groß genug gedruckt, um auch noch in 30 Jahren wirken zu können.

Es sind die Themen des Alltags im öffentlichen Raums, die Herzog uns zeigt und die seine Aufmerksamkeit gefunden haben. Heute könnten wir ähnliche Situationen aufnehmen aber das Umfeld wäre zivilisatorisch anders. Neben seine Fotos gelegt würden sie uns die Differenz von gestern zu heute deutlich machen.

Aber das Ganze hat noch eine andere Dimension.

Nicht alle Fotos sind aus Vancouver aber ein erheblicher Teil.

Jeff Wall hat dazu über Fred Herzog folgendes geschrieben: „„Das soll nicht heißen, dass es nicht Fotografen gibt, die dazu in der Lage wären, dasselbe wie er zu schaffen und mit behutsamer Zuneigung jene Straßen, Eingänge, Hinterhöfe und Schaufenster einzufangen. Es geht viel eher darum, dass man, um diese Zuneigung zu empfinden, auch etwas benötigt, das sie verdient.“

Und er schreibt weiter: „Was diese Objekte der Zuneigung ersetzte, sind Gebilde, die dieses Gefühl nicht mehr auslösen können, da sie es nicht beinhalten. Es wurde ihnen nicht mitgegeben, als man sie schuf.“

So sind die Fotos von Fred Herzog zugleich Dokumente einer Zeit, die vorbei ist.

Aus Fotos wurden Geschichten aus dem Alltag einer Stadt, einer Zeit, eines Menschen auf der Suche.

Es ist ein Buch, das man nicht nur einmal aufschlägt, denn es lädt auch dazu ein, detailliert und länger einzelne Fotos zu betrachten.

Ein einziges Foto in dem Buch ist aus Deutschland, Loco in Rain von 1952 in Schwarzweiss. Es ist nicht so schön wie die farbigen Fotos.

So zeigt uns dieses Buch aus dem Hatje Cantz Verlag die Welt des Fotografen Fred Herzog, der mit seiner Kamera durch seine Lebenszeit ging und das festhielt, was ihn in einem Moment fesselte.

Es war Streetfotografie vor der Streetfotografie, es war Farbfotografie vor der Farbfotografie, es war detaillierte Fotografie vor der Makrofotografie, es war seine Fotografie und keine Auftragsfotografie.

Still erzählen uns seine Fotos aus seinem Leben mit der Kamera und es ist sehr schön, daß wir seinen Blicken folgen können und so eine Welt sehen, die schon lange vorbei ist und doch ein wenig an heute erinnert.

Ein schönes Buch, in das man gerne seine Lebenszeit investiert.

Es ist im HatjeCantz-Verlag erschienen.

Fred Herzog

Texts by David Campany, Hans-Michael Koetzle, Jeff Wall

German, English

2016. ca. 320 pp., ca. 230 ills.

27.00 x 27.30 cm
hardcover

ISBN 978-3-7757-4181-1

 

Indien, Steve McCurry

„Die Fotos zeigen Indien, wie es wirklich ist, mit all seinen Gegensätzen.“ So erfahren wir es im Vorwort dieses großformatigen und großartigen Buches.

Indien, Steve McCurry

Indien, Steve McCurry

Nun ist Steve McCurry mittlerweile einer der bekanntesten Fotografen und seine Vorliebe für Asien und Indien hat uns viele bemerkenswerte Fotos beschert.

Kann man das noch toppen?

Ja.

Dieses Buch ist im Wortsinne sehr sehenswert.

Es ist eine Sammlung von Fotografien, die in mehr als 30 Jahren von Steve McCurry in Indien gemacht wurden. Dabei ist dann auch der Übergang vom analogen Fotografieren in das digitale Fotografieren zu sehen.

Besonders bemerkenswert ist dabei, daß der Übergang manchmal gar nicht auffällt.

Alle Fotos © Steve McCurry”  “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines Eisenbahnwaggons.

Alle Fotos © Steve McCurry”
 “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines
Eisenbahnwaggons.

Auffallend ist eher die Art des Fotografierens, die unterschiedlichen Motive, die sich durch die Präsenz an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten ergab und die Breite der Darstellung, die sich nur durch eine Sammlung über eine so lange Zeit ergeben kann.

Wir erfahren, daß die kulturelle Differenz vom Google- und Microsoft-Komplex  zum Ochsenkarren in Indien höchstens zwanzig Minuten beträgt.

Und wir sehen Fotos, die zeigen, daß sich in dieser langen Zeit trotz zivilisatorischer Änderungen und dem Einzug des digitalen Lebens im Alltag und der Darstellung nach außen offenkundig wenig geändert hat.

Aber das Buch ist noch mehr.

Es ist auch ein visuelles Farbenmeer, das die visuelle Tradition Indiens wiedergibt.

Mit den Augen des Europäers betrachtet sieht man hier, wie selbstverständlich absolute Armut ohne Bett und soziale Sicherheit neben eklatantem Reichtum akzeptiert wird ohne sich zu wehren.

Die fotografische Welt von Steve McCurry in diesem Buch gefällt mir aber noch aus einem anderen Grund.

Es ist ein Buch, das die Fotos so darstellt wie gute Fotos auch dargestellt werden sollen: großformatig und mit klarem geometrischem Aufbau.

Das Buch ist so groß wie das berühmte Buch von Henri Cartier-Bresson und enthält so viele gute Motive, die das Leben und die Menschen in ihrer dargestellten Würde zeigen, daß es eine stundenlange Wonne sein kann, darin visuell zu schwelgen.

Alle Fotos © Steve McCurry”  “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Rajasthan, 2012. Mahuts schlafen bei ihren Elefanten.

Alle Fotos © Steve McCurry”
 “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Rajasthan, 2012. Mahuts schlafen bei ihren Elefanten.

Die Sitten und Gebräuche und die Realität des Lebens im öffentlichen Raum (soweit es dies dort gibt) wird uns vor Augen geführt.

Und gerade der zeitliche Längsschritt zeigt das Überzeitliche, wenn ich mich mal so philosophisch ausdrücken darf.

Der Prestel-Verlag hat damit ein großartiges Buch auf den Markt gebracht, das sich als Geschenk eignet und eher von Dauer sein wird, weil es auch fotografisch gut ist.

Die Welt der Armen und der Reichen, Mühsal und Luxus, gestern und heute und die bemerkenswerte Farbenpracht machen aus diesem Buch ein im besten alten Sinne „Sittengemälde“ einer Gesellschaft und eines Kontinents.

Und wenn ich es in die Tradition zu dem berühmten Buch über Indien von Henri Cartier-Bresson setze, dann hat es eine würdige Fortsetzung gefunden.

Wie schreibt der Verlag?

„Indien ist ein Land, das sich und andere verändert. Eine seiner ersten Reisen führe den Fotografen Steve McCurry in den 1970er Jahren nach Indien. Dunkles Henna, gehämmertes Gold, Curry und Safran, all die vibrierenden Farben des Landes haben ihn gelehrt, mit Licht zu sehen und zu schreiben. In Indien, das so ganz anders als seine Heimat ist, hat McCurry zum ersten Mal intensiv gearbeitet. Denn anders als in seiner Heimat Amerika spielt sich das Leben hier auf der Straße ab. Anders als in Cleveland gibt es hier diese unglaubliche Vielfalt an Klassen, Kasten, Reichen und Armen. Diese Erfahrung hat McCurrys Blick für Farben, Menschen und Gesichter geprägt und ihn zu einem der renommiertesten Fotografen unserer Zeit gemacht.
Der neue Bildband Indien, der jetzt im Prestel Verlag erscheint, ist das Produkt einer jahrzehntelangen Liebe zu Indien und zugleich der Anspruch, die einzigartige Vielfalt dieses Landes zu dokumentieren. Von den 96 großformatigen, brillant gedruckten Bildern sind mehr als die Hälfte bislang unveröffentlicht und stammen aus McCurrys privatem Archiv – er selber hat sie für dieses Buch zusammengestellt. Sie zeigen Indien in seiner ganzen Schönheit und Widersprüchlichkeit, Indien mit seiner Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen technischem Fortschritt und tiefer Religiosität. Von den Staubstürmen Rajasthans bis zu den in Monsunfluten versinkenden Dörfern Bengalens, von Kaschmir bis Kerala: McCurry entführt uns in eine Welt des klaren Lichts, leuchtender Farben und tiefschwarzer Schatten – deren Stimmung mal melancholisch, mal ausgelassen fröhlich ist. So beschert er uns tiefe Einblicke in die unterschiedlichen Facetten des indischen Lebens, von den riesigen Menschenansammlungen während Kumbh Mela bis hin zum einsamen Holzarbeiter in den Wäldern des Himalaya. Die Wirkung der ganzseitigen Abbildungen wird durch keine Texte gestört, kurze erläuternde Texte zum Motiv finden sich am Ende des Buches.
Das Vorwort schrieb der britische Reiseschriftsteller William Dalrymple, Korrespondent des New Statesman und Begründer des Jaipur Literatur-Festivals.

Es ist im Prestel-Verlag erschienen und sehr empfehlenswert.
Steve McCurry
Indien
Mit einem Text von William Dalrymple
208 Seiten mit 96 Farbabbildungen
Gebunden mit Schutzumschlag
27,5 x 38 cm
ISBN: 978-3-7913-8195-4

Triptychon 3 – sozialer Wandel im Bild

Wie kann man sozialen Wandel darstellen und zusammenfassen? Wie läßt sich Dynamik – Flow – visuell darstellen im Foto?

Die Veränderungen in der Industrieregion Bergisches Land bis 2010 habe ich mit 15 Fotos dargestellt. Diese bezogen sich aber auf Remscheid, Solingen und Wuppertal.

Nun kommt ein neuer Versuch begrenzt auf Remscheid, und für die Jahre 2014, 2015 und 2016:

Sozialer Wandel anhand von baulichen Veränderungen im öffentlichen Raum von Remscheid.

Ich habe dazu drei Motive gewählt, die mir sinnbildlich sinnvoll erscheinen.

Es ist ein Triptychon (lt. duden griechisch tríptychos = dreifach, aus drei Schichten, Lagen übereinander bestehend), weil es mit drei Bildern – drei szenischen Geschichten – ganz viel erzählt über die einzelnen Geschichten hinaus.

Beim Triptychon entsteht im Ganzen mehr als die drei Teile einzeln erzählen.

Es ist ein Beispiel für radical art. Das bedeutet auf Englisch etwas anderes als die Übersetzung radikale Kunst zunächst vermuten läßt. Diese Art von Kunst lebt, weil sie Bezüge zum eigenen Leben in der Gegenwart herstellt jenseits des reinen Selfie. Es ist das Tor zum Sozialen. Radical art verbindet mich mit der Gesellschaft und den Normen und nimmt mich auf, um mitzumischen, dabei zu sein und mir eine Meinung zu bilden.

Schauen Sie einfach mal hin und drauf, es ist nur einen Mausklick entfernt!

 

 

The Decisive Moment – Photographs by Henri Cartier-Bresson

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Das Buch der Bücher in der Geschichte des Fotojournalismus ist wieder da.

Es ist die Bibel vieler Fotografen gewesen und als Buch bis heute unerreicht als Vorlage für das Auge und die Chance sehen zu lernen – wenn man Gelegenheiten wahrnehmen will.

Sein Erscheinen war rückblickend damals einer der großartigsten Momente in der Geschichte der Fotobücher.

Jetzt ist es die Rückkehr eines der bekanntesten und bis heute besten Bücher zum Thema Fotojournalismus und klassische monochrome Fotografie.

Zudem ist es von Matisse gestaltet für Henri Cartier-Bresson.

Jeder, der mit Fotojournalismus zu tun hatte, kannte dieses Buch.

Aber es war jahrzehntelang vergriffen.

Denn so gut es war – so selten war es auch.

Doch wer über Fotojournalismus sprach und  wer über Henri Cartier-Bresson sprach, der landete irgendwann immer bei diesem Buch.

Images a la sauvette im Original und The decisive moment in der englischen Übersetzung ist der Titel.

Qualität bleibt.

Gut dass es wieder da ist.

So ist dieses Buch sowohl buchbinderisch als auch gestalterisch im Reprint eine Augenweide geblieben.

Und natürlich die Fotos!

Ja die Fotos.

Viele kennen sie und digital findet man sie auch.

Aber so wie sie wirklich wirken sieht man sie nur hier.

Groß, monochrom, großartig.

Der Steidl-Verlag hat ein großformatiges Booklet beigelegt von Clement Cheroux.

Dieser weist darauf hin, daß Cartier-Bresson´s Fotos ursprünglich für Magazine und Zeitungen gemacht waren und damit eine eher flüchtige Wirkung hatten.

Bücher bleiben und deshalb blieben in diesem Buch schon damals die flüchtigen Augenblicke, die entscheidenden Momente, über den Tag hinaus bestehen.

Und dann erzählt uns Cheroux die Geschichte dieses Buches von der ersten Idee an.

Wie Matisse vorging, um das Cover zu gestalten, mit welcher Technik er arbeitete, welche Materialien und welches Papier in diesem Buch genutzt wurden, warum die Fotos in dieser Reihenfolge erschienen sind und natürlich auch wie der französische und der englische Titel entstanden.

Es ist einfach wunderbar.

Das Buch hat aber noch eine andere Dimension.

Cheroux arbeitet sehr schön heraus wie dieses Buch zu einem Lebensversuch von Cartier-Bresson wird, um zwischen seiner inneren Welt und der äußeren Welt fotografisch eine Balance zu finden.

Es ist der Weg zwischen Sur-Realismus und Realismus.

Henri Cartier-Bresson The Decisive Moment ist bei Steidl erschienen.

Wer es nicht kauft oder sich nicht wünscht ist selbst schuld.

Andere haben darauf viele Jahre gewartet.

Jetzt ist die Gelegenheit da.

160 + 48 booklet Seiten

Leineneinband im Schuber
27.4 x 37 cm

Englisch

ISBN 978-3-86930-788-6

Alles war so. Alles war anders – Bilder aus der DDR von Thomas Billhardt und Kerstin Hensel

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„Mein erstes Blauhemd der Freien Deutschen Jugend fiel der Wellenradwaschmaschine zum Opfer… Da ich kein Blauhemd mehr besaß, mußte ich mich beim Appell zur Strafe in die letzte Reihe stellen, dort wo die Christlichen standen.“

So beginnt ein Kapitel von Kerstin Hensel, das „verdichtete Erinnerungen“ erzählt.

„Es gab so viele Deutsche Demokratische Republiken wie es Menschen gab, die dort gelebt haben. Wenn Typisches vorzuweisen ist, so kristallisiert es sich über Millionen einzelner Biographien heraus.“

Thomas Billhardt zeigt uns in Fotografien diese Epoche, bei der es nicht darum geht, die DDR wie sie war zu zeigen sondern sich zu erinnern.

„Die Wahrheit steckt hinter den Fassaden.“

So können wir die Fotos als Fassaden oder als reale Wiederspiegelung betrachten.

Es sind zeitgeschichtliche Fotos, die Erinnerungen auslösen. So habe ich vieles in der DDR auch erlebt.

Aber es ist irgendwie ein Ostblick auf die DDR.

Ich habe eher den Westblick, wenn es das gibt. Ich war jedes Jahr „drüben“. Wir mußten pro Tag 25 DM umtauschen. Wir fuhren mit der Bahn. Am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn saßen wir immer still im Sechserabteil und warteten bis wir den Stechschritt der Grenzer hörten. Kniehohe Stiefel, knarrende Stimmen und das Öffnen der Koffer war an der Tagesordnung.

Wir durften den Ort nie verlassen und mußten uns immer sofort bei der Polizei melden und bezahlen.

Als ich älter wurde ging ich eines Abends durch den Ort. In den wenigsten Fenstern hingen Gardinen. Es war kurz vor acht. Wirklich überall war Westfernsehen zu sehen. Die Aufmärsche habe ich durch meine Verwandten kennengelernt. Und auch die Ängste. Westkontakte – selbst zur eigenen Schwester – waren teilweise beruflich vernichtend. So wie heute bei einer Bewerbung die Angabe, man sei älter als 50 oder habe studiert.

So haben sich die Zeiten geändert aber die Ergebnisse sind doch sehr ähnlich. Die Wahrheit steckt eben auch heute hinter den Fassaden.

Aber bleiben wir bei dem Buch.

„Die DDR war, wie jedes sozialistische Land, ein Ort, wo der Widerspruch zwischen gedachter und gelebter Utopie und Realität aufs krasseste zutage trat. Aber sie war kein Laboratorium und das Dasein kein Experiment. Hinter jedem Menschen steckt ein Leben, kein vorläufiges, sondern ein jahrzehntelang gelebtes.“

Das zeigt das Buch in der Kombination von Text und Bild.

Und dann kommt noch ein Satz, der daran erinnert, daß die DDR sich mit der Alltagsgeschichte des Volkes beschäftigte. Das sind Begriffe, die heute völlig out klingen: „Geschichte kann weder aufgearbeitet noch bewältigt werden. Sie ist nur aus dem Alltag heraus zu begreifen.“

Da könnte man länger drüber diskutieren.

In einer Rezension von 1999 heißt es:

„Billhardt, Jahrgang 1937, hat die gesamte Geschichte des Landes mitgemacht und es in dem Dreibuchstabenland zu einem der Ersten unter den Fotografen gebracht. Hensel, Jahrgang 1961, gehört zu der Generation, von der kommunistische Altkader in besten DDR-Zeiten behaupteten, sie hätte sich in die „gemachten Betten“ des Sozialismus gelegt. Hensel war wirklich undankbar. Statt sich des Bettes zu freuen, versuchte sie, den Mief des Bettes zu lüften. Billhardt und Hensel, geborene Chemnitz-Karl-Marx-Städter, haben sich zusammengetan, um „Bilder aus der DDR“ zu veröffentlichen. Dabeigewesene, kritische Gesellen, die sie sind, kam es ihnen gar nicht in den Sinn, die DDR schönzuschminken. Die letzten beiden Sätze sämtlicher Sätze von Hensel, die dem Buch den Titel Alles war so. Alles war anders verpaßten, bestimmen den Inhalt. Denn das Anstehen, Strammstehen, Stillstehen, Stummdasitzen, In-Reih-und-Glied-Marschieren war nicht d i e DDR. Bilder und Texte bringen eine Menge von dem zum Vorschein, was anders war. Das, was anders war, war das Leben der Leute. Jener Leute, von denen soeben der West-Berliner Autor Bodo Morshäuser abermals sagte, daß sie „einheitlich leicht nach vorn gebeugt“ gingen und, daß der Kopf „hängengelassen“ wurde, „als sei er längst abgegeben worden“.

Wer das Buch noch bekommt, der sollte es sich anschauen.

Thomas Billhardt und Kerstin Hensel

Alles war so. Alles war anders – Bilder aus der DDR

ISBN 3378010355

 

PR-Agenturen und ihr Umgang mit Publizistik und Fotografie

„Die Verwendung der übersandten Texte und Bilder (oder der unter dem angegebenen Link auffindbaren Materialien) ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei.“

Dies ist der Satz, den ich verlange, wenn mir Texte und Fotos zugeschickt werden mit der Bitte um Veröffentlichung. Interessanterweise halten sich nur sehr wenige PR-Agenturen daran. Das sind die Perlen unter den PR-Agenturen mit denen man gerne zusammenarbeitet.

Alle anderen?

Selbst auf Nachfrage kommen dann nicht diese Worte sondern nichtssagende Rückmeldungen.

Nun hatte ich mal wieder einen besonders schönen Fall. Ich sollte zu einer Vernissage und Fotoausstellung einladen mit einem Foto aus einer Kollektion von August Sander.

Meine Nachfrage lautete:

Lee Miller – Krieg. Mit den Alliierten in Europa 1944-1945. Reportagen und Fotos

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»Sie war auf eine bissige Art brillant und dennoch vollkommen loyal, unprätentiös und unerbittlich gegenüber jeder Art von Augenwischerei. Sie war eine vollendete Künstlerin und ein vollendeter Clown, zugleich eine Hinterwäldlerin aus Upstate New York und eine kosmopolitische Grande Dame, kaltes, soigniertes fashion model und Wildfang.«

Diese Worte von David E. Scherman führen in dieses gut zu lesende Buch ein. Es zeigt die Wunden und Verwundungen von Menschen und Völkern im 2. Weltkrieg. Lee Miller machte Fotos und schrieb Texte. Sie war eine Kriegsreporterin. Sie ist mehr als eine Fotojournalistin gewesen, weil sie die Reportagen dazu lieferte, die über die Fotos hinausgingen. Man sieht mit ihren Augen die letzten Kämpfe der Amerikaner in Frankreich und Luxemburg und vieles darüber hinaus.

Wenn man in dem Buch zu lesen beginnt hat man das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Die Edition Tiamat hat einen kleinen Diamanten freigelegt und publiziert.

Meine Kriterien sind

  • Authentizität,
  • Fotos mit Schicksalen und den Folgen des Krieges für die Menschen und
  • der Wandel des Buches von der Dokumentation des Tagesgeschehens zu einem historischen Zeitdokument mit bleibendem Wert.

Lee Miller reiht sich ein in die Reihe der prominenten Fotografen und SchreiberInnen, die durch das Leben dazu gekommen sind und nicht durch eine dezidierte Ausbildung.

Das Schicksal führte sie dorthin. Es war weder geplant noch lag es in der Familie begründet. Man findet auch nirgendwo den Hinweis, der sonst bei Fotografen immer kommt, daß sie schon im Bauch der Mutter knipste und die Familie eine lange Tradition mit der Fotografie hatte.

So ist dieses Buch heute ein guter Gradmesser dafür, daß Authentizität und Kompetenz viel mit echter Lebenserfahrung, gewinnen UND scheitern und dem ununterbrochenen versuchen zu tun haben.

Wenn in der wikipedia über Lee Miller dann steht: „Ihr Vater machte sie schon sehr früh mit den künstlerischen und technischen Aspekten der Fotografie vertraut, indem er sie portraitierte“, dann verursacht dies Kopfschmerzen, wenn man denken kann. Später wird der Wikipedia-Artikel besser.

Das Buch über und von Lee Miller in der Edition Tiamat führt uns mit ihren Augen und ihrem Denken – und ihren Fotos – durch die wilden Zeiten der Kapitulation und der Zeit direkt nach dem 2. Weltkrieg.

Sie war da und schrieb darüber und dokumentierte durch ihre Fotos.

Gerade der persönliche Zugang macht hier alles so interessant und zeigt, wie man mit Fotos und Artikeln persönlich Geschichte schreiben kann.

Lassen wir sie doch einmal selbst zu Wort kommen:

„Deutschland ist ein schönes Land – mit Dörfern wie Juwelen und zerbombten Stadtruinen – und wird von Schizophrenen bewohnt…. Sie haben großes Glück gehabt. Der Krieg ist für sie gerade rechtzeitig vorbei, — um zu sehen und zu ernten und eine warme Sommerzeit zu genießen. Die Franzosen und die Belgier hatten nicht so viel Glück. Deren Ernte wurde vom Krieg vergiftet, und der Staub ihrer pulverisierten Dörfer wurde an Kampfstiefeln quer durch Frankreich bis an die deutsche Grenze getragen. Ich missgönne den Deutschen jeden Grashalm, jede Kirsche im Vorratsschrank ihrer sparsam geführten Haushalte, jede Furche Acker und jedes unversehrte Dach.

Zu meiner ganz ausgezeichneten Baedeker-Führung durch Deutschland gehören auch viele Orte wie Buchenwald… Nun aber kommt, trotz des Umstandes, dass der örtliche Gestapo-Rotary-Club keine Werbung machte, ein beharrlicher Touristenstrom ins Lager, um die Schreiben mit eigenen Augen zu sehen… Es war General Pattons Idee, dass die Bewohner Weimars, einige Tausende jeden Alters und Geschlechts, die von den Brutalitäten der Konzentrationslager noch nie gehört hatten, dem Lager einen Besuch abstatten sollten… Zu jenem Zeitpunkt (buchenwald wurde am 12. April 1945 befreit) war bereits Einiges weggeräumt worden, das heißt, es lagen keine noch warmen Leichern mehr herum… Die sechshundert Leichen, die sich im Hof des Krematoriums stapelten,… hatte man bis auf hundert weggeschafft…. An den Auspeitschungspfählen hingen nun Strohpuppen anstelle von Menschen, die schon so gut wie tot waren, die zwar noch fühlen, aber nicht mehr reagieren konnten. Im unterirdischen Krankenhaus arbeitete man auf Hochtouren. Dennoch starben an jedem Tag hundertfünfzig Menschen…. Unter den offiziellen Lagerakten … befand sich auch die Buchhaltung des Lagers. Da wurde kein Geld und keine Arbeitsstunden aufgeführt sondern die Zahl der Toten… fast sechstausend monatlich…. Niemals hätten wir daran gedacht, dass es ihnen aufgrund (des Brennstoffmangels, M.M.) unmöglochg eworden war, die materiellen Beweise für ihre Untaten zu entsorgen….

In Bonn (hatte, M.M.) ein gigantischer Luftschutzbunker einen Volltreffer abbekommen….  Die Schreie der darin eingeschlossenen und verletzten Menschen sollen drei Tage lang angedauert haben, doch niemand durfte sich ihnen nähern. Mehrere hundert Leichen liegen dort nun verschüttet. aber das war allen gleichgültig… Man sagt, die Nazi-Behörden ignorierten das Ausmaß der zivielen Verluste mit genau der Beharrlichkeit, mit der sie auch ihre Folteropfer verfolgten. Bad Godesberg, wo der Friedensvertrag zwischen Cahmberlain und Hitler unterzeichnet wurde und wo wir den Frieden nun auf die harte Toru gewinnen, ist wie die Stadt Brühl sehr Nazi. Reiche pensionierte Villenbesitzer, konservative Pensionsbetreiber, erfolgreiche Angehörige der Mittelklasse und starrköpfige Wertpapeirbesitzer hatten ein Interesse daran, eine Partei zu unterstützen, die ihnen Sicherheit versprach…“

Und hier sieht man eines ihrer Bilder zu diesem Text. Mehr Fotos und eine andere Rezension gibt es hier.

Insgesamt ist es eines der Bücher, das mehr bietet als man vermutet und anders ist als man denkt – im besten Sinne.

Es lohnt sich, wenn man wissen will, wie man gute Reportagen schreibt und wie sie Reportagefotos erstellt hat über die schlimmsten Verbrechen, die die Deutschen sich haben einfallen lassen.

Hoffen wir nur, daß diese Dokumente helfen, die Zukunft besser zu gestalten.

Oder wie es Klaus Bittermann in seinem Nachwort ausdrückt:

„Die Journalistinnen … bieten vielleicht nicht die gesichertsten Überlieferungen, aber ihr Blick war distanziert und fremd und deshalb von umso größerer Tiefenschärfe.“

 

Help my: Bilder vom belagerten Leben, Sarajevo 1992-1996 von Friedhelm Brebeck und Ursula Meissner

Ursula Meissner, Friedhelm Brebeck

Dieses Buch ist zeitlos gut. Es ist ein Buch, das bleibt. Es bleibt, weil es ein Fotografiebuch ist und zugleich ein Geschichtsbuch mit einer unvergleichlichen humanitären und fotografischen Mischung.

Es ist einerseits sozialdokumentarische Fotografie, zugleich ist es Kriegsfotografie und es ist andererseits eine Dokumentation über eine Stadt und ihre Menschen im zeitlichen Längsschnitt und thematischen Querschnitt.

Rückblickend ist es heute deshalb auch ein Geschichtsbuch, das den Krieg und seine Folgen zeigt.

Friedhelm Brebeck ist seit 1978 Fernsehkorrespondent der ARD. Das Sterben und Überleben im bosnischen Krieg hat er ab 1992 als Sonderkorrespondent aus Sarajewo begleitet. Mit über vierhundert Filmen, Live-Berichten, Features und Dokumentationen. Er schrieb die Texte zu diesem Buch.
Die Fotografin Ursula Meissner ist eine der wenigen, die bereits 1992 die ersten Kriegsmonate fotografiert hat, und die auch danach alle blutigen Sommer und die bitteren Winter mit leidenschaftlilcher Distanz dokumentierte.

Als ich das Buch aufschlug hatte ich das Gefühl mittendrin zu sein.

Ursula Meissner hat hier eine Art zu fotografieren, die quasi nach den Ereignissen anfängt und die Folgen davon zeigt. Damit werden aus Ereignissen fotografische Geschichten.

Friedhlem Brebeck hat dazu Texte formuliert, die sich einprägen und betroffen machen. Beide zusammen haben ein Buch geschaffen, das gerade heute mit dem Blick zurück und dem Erleben der Folgen in der Gegenwart die Frage nach den Ursachen von Krieg und Frieden darstellt.

Das Buch ist große Literatur, weil es übergreifend gute Texte und gute Fotos vereint.

Die Fotos lassen nicht los, weil der Stil der Bilder so geraderaus alles zeigt, was auch bei uns der Fall wäre. Es zeigt auch die Banaliät des Bösen, die im Menschen steckt und sichtbar wird, wenn man ihn nur läßt.

Das Buch erzählt wie bei einem Gang durch eine Stadt mit Fotos und Texten Geschichten und ist parallel dazu eine Zeitreise mit so vielen Berührungspunkten in der Gegenwart, daß hier fast einzigartig gut der Zusammenhang von Geschichte und Gegenwart in Bildern und Worten erlebbar wird.

Wer es noch bekommt, der sollte es sich nicht entgehen lassen.

Help my: Bilder vom belagerten Leben, Sarajevo 1992-1996

von Friedhelm Brebeck und Ursula Meissner

ISBN 3-930459-17-5

 

 

Caesar – Fotograf der Toten

„Caesars Aufgabe war es, die Leichname zu fotografieren. Sie wurden bei ihm, dem Militärpolizisten, im Militärkrankenhaus abgeliefert.“

So wird in einem Artikel auf spiegel.de geschildert, was der Mann machen mußte.

Der eigentliche Report und den ausführlichen Artikel finden sich aber detailliert im Guardian dargestellt.

Der Report zeigt wie wichtig Fotografie auch heute noch für Geschichte und Politik als mehrfaches Dokumentieren ist.

In diesem Fall ist es eine Dokumentation der Verbrecher ihrer Verbrechen wie es sie auch bei den Nazis gab.

Fotografiert wurde hier aus bürokratischen Erwägungen heraus, damit die Folterer digitale Dokumente haben, um den Tod der Toten dokumentieren zu können.

Solche Blicke hinter die Kulissen eines nicht demokratisch kontrollierten Regimes zeigen wie furchtbar Diktaturen sind.

Macht wird nur durch Gegenmacht beschränkt.

Caesar zeigte durch seine festgehaltenen Blicke uns die Toten als Teil des Regimes.

Es ist eine Dokumentation des menschlichen Charakters unter nicht kontrollierten undemokratischen Bedingungen.

 

 

Iframe – Missachtung der Urheberrechte durch Suchmaschinen?

Bilderklau auf die feine Art ist meine Meinung zu diesem Thema.

Eine Suchmaschine funktionierte so, dass sie gefundene Inhalte anzeigte. Sie zeigte Wörter in Texten und auch Bilder im Kleinformat. Wenn man auf die Suchergebnisse in Textform oder Bildform klickte, dann landete man auf den Webseiten, die dazugehörten.

Das war einmal – zumindest bei Fotos.

Heute binden die Suchmaschinen google und bing die Suchergebnisse in ihre Webseiten zusätzlich ein wie man nachfolgend sehen kann.

iframe google screenshot by m. mahlke

iframe google screenshot by m. mahlke

Das nennt man einen inneren Rahmen in eine Webseite einfügen = iframe.

Das macht google so ähnlich übrigens auch auf Smartphones, wenn man sich die Google App runterlädt. Es öffnet sich ein Fenster mit dem Suchergebnis, aber es ist nicht das Originalfenster des Browsers, sondern ein Fenster innerhalb der App. Man muß quasi ganz raus aus der App und zurück in den Browser, wenn man von Link zu Link frei surfen will.

Das ist auch mehr als einbetten. Wenn Sie ein youtube-Video einbetten und anklicken, dann landen Sie bei youtube.

Wenn Sie bei google ein Bild als Suchergebnis anklicken, dann landen Sie in einer Fotogalerie auf google, die google erstellt hat und wenn sie dann auf das Foto klicken wird das Foto größer aber sie landen nicht auf der Webseite des dazugehörigen Fotografen. Dazu müssen Sie einen Link suchen auf der Seite, der sie eventuell dorthin bringt.

Das obige Beispiel zeigt zudem, daß google alle Bilder von der Webseite in eine Galerie gepackt hat, die man sich in google anschauen muß, weil ein Klick auf das Bild eben nicht direkt zur Webseite führt. Man kann also die Inhalte der eigenen Webseite aufbereitet auf google sehen.

Wenn ich zulasse, daß google meine Fotos findet, dann muß ich noch lange nicht damit einverstanden sein, daß google meine Inhalte in Originalgröße und in eigenen Zusammenstellungen nutzt. Das geht weit über das Anzeigen von Suchergebnissen mit Minibildern hinaus.

Dasselbe bei bing:

iframe bing screenshot by m. mahlke

iframe bing screenshot by m. mahlke

Würde ich von anderen Webseiten Fotos einfach in meine Webseite einbinden, dann wäre was los.

Aber wieso dürfen dies Suchmaschinen ungestraft?

Da kann doch was nicht stimmen – oder gibt es hier zwei verschiedene Rechtssysteme, eines für kleine Webseiten und eines für große Webseiten?

Das wäre ja auch bei uns die Abschaffung des Rechtsstaates.

Freelens geht dagegen an, zu Recht wie ich meine.