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Diogenes in der Tonne oder welche Kamera ist gut für diskrete Reportagefotos?

Ein bisschen Meinung

Foto: Michael Mahlke

Von der Leica zur Fuji?

Früher war es die Leica M. Cartier-Bresson fotografierte am liebsten mit einer 50mm Brennweite, zumindest wird ihm das nachgesagt. Daneben benutzte er die 35mm. So wurde er bekannt als Fotograf, der mit einer Normalbrennweite wunderbare Fotos schoß.

Stellt man sich die Frage, womit man heute die Reportagefotografie am besten erledigt, dann merkt man schnell, dass dies einige Gedanken wert ist.

Kriterien sind im klassischen Sinne

  • Sucher,
  • grosser Sensor,
  • leises Auslösegeräusch,
  • umgerechnet auf Kleinbild ca. 35mm Objektiv
  • und nicht zu groß.

Wobei mir bei den Sensoren der APS-C Chip mit dem Cropfakter 1,5 besser gefällt als das Vollformat.

Natürlich kann es die Leica M mit einem 35mm Objektiv, aber sie hat einen manuellen Fokus und ist sehr teuer im Verhältnis zum Ergebnis, nämlich digitalen Fotos.

Natürlich kann es die Fuji X100, meiner Einschätzung nach DIE Kamera für Reportagefotografie in traditioneller Kameraform auf modernem Niveau aktuell überhaupt, zumal nach dem umfassenden Firmware-Update.

Und dann?

Bei Nikon und Canon ist mir nichts bekannt, was den umgerechnet 35mm-Kriterien entsprechen würde. Oder kennt jemand ein kleines, lichtstarkes 24mm Objektiv mit Autofokus, leicht und bezahlbar, welches man auf Canon oder Nikon Kameras mit 1,5 Cropfaktor schrauben könnte?

So griff ich zum Schluss zu meiner D3100 mit dem Nikkor 35mm/F1.8 Objektiv. Das ist umgerechnet ein 50mm Objektiv, die klassische Brennweite von Cartier-Bresson. Das ist ok für 50mm.

Da würden mir dennoch umgerechnet 35mm besser gefallen (eben ein kleines und bezahlbares 24mm F1.8 oder F2 oder 2.8 Objektiv). Alternativ gibt es noch das 30mm F1,4 von Sigma, welches mir sehr gut gefällt und bei ca. 45mm Brennweite wäre. Das ist es aber schon.

Und die neuen Stars in den digialen Medien?

Soweit ich gelesen habe ist die neue Canon Powerhot G1X laut Testergebnis zu langsam für Schnappschüsse, die neuen Kameras von Fuji wie die Pro-1 bringen für das Thema in meinen Augen keine wirklichen Verbesserungen ausser Wechseloptiken, wenn sie für Reportagen denn nötig sein sollten.

Systemkameras sind eher nicht geeignet für Reportagefotografie

Bei den Systemkameras ist mir aktuell keine Kamera mit einem sehr leisen Auslösegeräusch bekannt, am ehesten noch die E-PM1. Und mit den Systemkameras habe ich sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen. Ich war unterwegs an diesem sonnigen Tag. Da die Sonne schien, war es nicht möglich, mit meinen Systemkameras ohne Sucher zielgerichtet und gestaltend zu fotografieren. Die Displays waren im Sonnenlicht alle so gut wie nicht ablesbar. Mit einem aufgesteckten Sucher sind die Systemkameras aber so unhandlich, dass sie weder in der Größe noch von der Mechanik besser als DSLRs sind.

Bleiben die Panasonic G2/G3 mit dem 17mm F2.8 Objektiv von Olympus und dem 20mm F1.7 von Panasonic. Die Kameras haben einen Sucher, der flackert aber z.T. bei Kunstlicht. Leider ist auch das Auslösegeräusch in leiser Umgebung einfach zu laut und die Kameras sind so gross, dass eine kleine DSLR für mich unzweifelhaft besser ist.

Drei Alternativen mit grossen Sensoren als Lösung

Somit schließt sich der Kreis mit größeren Sensoren und leisem Auslösegeräusch und mündet für mich im Ergebnis

  • in die Fuji X100
  • die Nikon D3100 oder deren Nachfolger mit Quiet-Modus
  • oder die Leica M9 (Vollformat, nur manuell)

Es ist also nicht so, dass wir schon alles hätten im Bereich der Digitalkameras, wir warten eher drauf, dass es endlich mehr Reportagekameras für unauffälliges Fotografieren gibt.

Je nach Anspruch klappt es auch mit Kompaktkameras

Ergänzen kann man dies durch Kameras mit kleineren Sensoren.

Dann ist das Bokeh aber nur nachträglich digital erzeugbar.

Die neuen Kameras wie die Fuji X10/X20 und die Nikon V1/J1 haben ja einen Sucher und einen S-Modus.

Der ist entscheidend, weil nur so die Auslösegeschwindigkeit vorgewählt werden kann. Das ist in meinen Augen unerläßlich.

Wer auf die Gestaltung mit Bokeh durch Festbrennweiten und einen Sucher verzichten kann und auf RAW und die Dinge lieber der Kamera überläßt, der kann sicherlich schon mit Kompaktkameras mit/ohne Sucher glücklich werden.

Diese Geschichte muß man auch diskutieren. Dann fallen meine Kriterien weg. Das wird sicherlich die Richtung im Zeitalter der Software-Fotos sein. Und für Webfotos ist dies immer ausreichend und erlaubt durch den nachträglichen Filtermix unendliche Gestaltungsmöglichkeiten.

Mein Wunsch für eine kompakte Strassenkamera

Mein persönlicher Wunsch wäre eine Kamera ähnlich wie die Sony TX5 aber mit 1/1,7 oder größerem Sensor, dem Periskopobjektiv und RAW sowie einem kleinen optischen Sucher (wie in der Canon A1200), griffig, gutem Monitor und einer sehr guten Schnappschussfähigkeit sowie einem S-Modus.

Und wenn nur ein elektronischer Sucher möglich wäre, dann so wie ein ausfahrender Blitz: der Sucher würde links oben oder oben auf der Kamera bei Bedarf rausklappen wie bei anderen Kameras der Blitz.

(Info im Jahr 2015: Diesen Satz muß Sony gelesen haben, denn zwei Jahre nach dem Publizieren dieses Artikels ist die RXIII mit dieser Lösung auf dem Markt. Ich hätte erwartet dafür von Sony wenigstens eine Kamera als Anerkennung für die Nutzung meiner Gedanken zu bekommen. Ich warte mal noch ab.)

Oder man könnte auch einfach den gesamten Monitor nehmen und einen kleinen Teil davon links oben als separat zuschaltbaren Sucher nehmen und dafür einen kleinen Kunststoffrahmen zum Aufsetzen mitliefern, zum Drüberhängen von oben oder mit Magneten etc. Da ist vieles praktisch möglich.

Na ja.

Diogenes weiß Rat

So ist vieles eine Sache der Bewertung.

Der alte Diogenes fragte dazu immer, im Vergleich wozu?

Das ist die Frage.

Im Vergleich zu welcher Reportage brauche ich welche Kamera?

Und damit sind wir in einer Diskussion, die gerade erst begonnen hat und ich stelle die Frage, für welche Reportage brauche ich eigentlich noch eine größere Kamera als eine Kompaktkamera?

Und letztlich wird das Handy Nokia 808 sowie nunmehr ab 2013 eine Vielzahl anderer Nachfolger das Thema Smartphone-Fotografie eine neue Runde bei der Beantwortung der Frage dieses Artikels einläuten. Wobei ich das Smartphone vom Halten her als unpraktisch empfinde.

Nachtrag 2014:

Nun gibt es auch bei den Systemkameras geräuschlose Modelle mit Sucher wie die Panasonic G5.

Aber es gibt zunehmend kompakte Kameras, die auch mit einem kleinen Chip gute Arbeit leisten und kleine Kameras mit einem größeren Chip, die ebenso interessant sind – und meistens ohne Sucher sind, wobei für mich der Sucher das entscheidende Merkmal bleibt, wenn es eher unauffällig und leise bei Veranstaltungen und zwischen Menschen sein soll.

Es stellt sich heraus, dass kleine Sensoren durchaus auch Vorteile gegenüber den größeren Sensoren haben.

Ich würde die Olympus XZ-10 bei den Kompaktkameras ohne Sucher für Reportagefotografie wählen, weil sie extrem viele optische und haptische Vorteile hat.

Bei den Kameras mit Sucher würde ich die Fuji X10 oder X20 nutzen, wobei die Fuji X10 ein echtes Lowlight-Luder ist.

Das sehen die PR-Abteilungen der Kameraindustrie sicherlich anders.

So ist heute die Aufnahme nicht das Ende des Fotos sondern vielfach der Anfang des fotografischen Prozesses – wie früher.

Aber digital ist manches dann doch besser.

Und wenn Sie wissen wollen, welche Kamera sich der liebe Herr Cartier-Bresson 2016 kaufen würde, dann klicken Sie doch einfach mal hier…

Text 1.5

Handyfotos – die Zukunft der Fotojournalisten?


Manchmal ist ein Blick über den Tellerrand ganz hilfreich. Wer von Österreich nach Deutschland schaut, der sieht uns anders als wir uns selbst. In derstandard.at ist vor kurzem ein Artikel des Journalisten Oliver Mark erschienen mit dem Titel „McDonaldisierung“ der Pressefotografie“. Sehr interessant und sehr informativ!

„Deutschland sorgt für Aufwind“ lautet denn auch eine Zusammenfassung im Artikel. Aus der Sicht einiger Fotografinnen und Fotografen, die in Österreich arbeiten, ist der deutsche Markt wesentlich besser für Fotografen bzw. Fotoreporter bzw. Fotojournalisten.

Aber ebenso sind neue Trends erkennbar.

1. Der Trend zu Handyfotos für Magazine und Zeitungen nimmt zu, vor allem Online

In dem Artikel von Oliver Mark gibt es einen bemerkenswerten Satz: „“Vor kurzem haben wir einen Auftrag für ein renommiertes englisches Magazin mit dem iPhone fotografiert“, erzählt Anzenberger im Gespräch derStandard.at.“

Darauf habe ich schon verschiedentlich hingewiesen, zuletzt hier. Und daher ist die „McDonaldisierung“ nicht unbedingt schlecht zu bewerten, sondern ein Zeichen der Zeit. Es gehen mehr Menschen zu McDonalds als in Feinkostläden. Ebenso ist es mit der Fotografie. Wenn ich selber mit dem Handy fotografiere und mir diese Fotos reichen, dann ist der Weg nicht mehr weit, um meinen Fotostandard auch in Magazinen und vor allem im Internet zu akzeptieren. Damit ist ein fotografischer Standard gesetzt.

2. Die digitale Nachbearbeitung mit Filtern löst das optisch konstruierte Bild vielfach ab

Da bei kleinen Kameras eine große Tiefenschärfe vorherrscht, wird dann oftmals hinterher mit digitalen Filtern der Teil eines Bildes unscharf gemacht, der nicht vom Hauptmotiv ablenken soll oder der juristisch schwierig werden könnte. Und fertig ist das Bild. Das machen im Internet mittlerweile auch in Deutschland alle grossen Magazine und Zeitungen.

3. Aktuell ist ein – vielleicht letzter – Höhpunkt des noch klassischen Fotojournalismus

Im Moment gibt es in Deutschland einen Höhpunkt des Fotojournalismus. Parallel neben der Stockfotografie werden Reporter vielfach beauftragt und in den Online-Medien erscheinen viele aktuelle Fotos. Tagesaktuelle Berichterstattung könnte in vielen Fällen zukünftig auch mit Handyfotos erfolgen.

Da immer mehr visualisiert werden muss, wird die Anzahl der erzeugten Bilder zunehmen. Weil aber das Arbeitsgerät relativ wenig kostet – mit Ausnahme einiger weniger Spezialthemen – wird die Anzahl der Bilder im Verhältnis zur Bezahlung zunehmen.

4. Der Wandel zum Multimediajournalismus ist nur begrenzt möglich

Auf medialdigital.de ist eine schöne Schilderung des Unternehmens 2470media. Hier zeigt eine Handvoll kreativer junger Menschen, wie der neue Multimedia-Journalismus aussieht. Die dort dargestellten Mischformen sind aber auch die Grenzen für journalistische Arbeit und das Verhältnis von Aufwand und Ertrag.
Ein Video – wenn es gut sein soll – setzt andere Zeit- und Bearbeitungsschritte voraus als ein Foto für viele Leser bzw. ZuschauerInnen. Die Beispiele von2470media in der Taz zeigen dabei, dass einfach strukturierte Videos möglich sind, wobei einfach immer schwierig ist. Das hebt sie positiv von den vielen – ich nenne sie mal – 1Euro-Videos ab, die man auf immer mehr Seiten sehen kann, die aber vielleicht genau das Ergebnis von Aufwand und Ertrag wiederspiegeln.

Da steht dann ein „Reporter“, der eine Kamera auspackt und dann die Kamera mit ihren Bedienungselementen zeigt und wie man damit Fotos machen kann – und man muß sich vorher noch bis zu 20 Sekunden Werbung anschauen. Diese Art der 1Euro-Videos ist die weit überwiegende Realität im Netz. Daher muss man sich die Frage stellen, inwieweit Qualität eine Rolle spielen kann oder ob dies die akzeptierte Qualität ist, die das optimale Verhältnis von Aufwand und Ertrag darstellt. Das ist eine offene Frage.

5. Es wird von immer weniger immer mehr fotografiert

So paradox es ist. Je mehr Geräte zum Fotografieren da sind, desto weniger Themen werden damit fotografiert. Diese Tendenz hat u.a. 2010 Manfred Scharrnberg gut beschrieben: „Ein Blick in die Bildarchive wirkt erhellend. Nehmen wir das Thema Kinderarmut: Getty, einer der Branchenführer, wirft bei dem Stichwort gerade einmal 31 Fundstellen aus: Inszenierte Details oder Fotos aus Entwicklungsländern. Aber auch von freien Fotografen bestückte Archive bleiben bei dem Thema seltsam blass. Inszenierte Fotos von traurig dreinblickenden Kindermodels, wahlweise mit Sparschwein oder dünner Suppe. Der beste Ansatz sind dokumentarische Bilder bei der Essenausgabe einer sozialen Einrichtung.“

Die guten Geschichten liegen auf der Strasse und im Internet gibt es Platz ohne Ende – wo bleiben sie denn dann? Hängt alles allein vom Geld ab? Geht es nur über Spenden oder Crowdfunding? Hier zeigt sich entweder eine wachsende Interesselosigkeit oder Orientierungslosigkeit. Das muß man wohl noch eine Weile beobachten. Man muß aber auch die GEZ-finanzierten Sender im Auge behalten, denn die haben eigentlich einen Auftrag…

6. Qualität wird ein Nischenprodukt

Meiner Meinung nach ist der akzeptierte Qualitätsstandard heute mehr von den digitalen und nicht mehr von den optischen Möglichkeiten geprägt. Das Sensationelle ist entscheidend, nicht das Fotografische. Aber auch dies gilt nur begrenzt. Wolfgang Steiner zum Beispiel meint dazu: „Ich bin überzeugt, dass über kurz oder lang, all die Gratis-Fotoagenturen wieder vom Markt verschwinden werden, da all die benötigten Server und Internetplattformen echtes Geld kosten, auch wenn die armen User keines sehen. Der Markt wird sich selbst regulieren, wie er das immer schon getan hat. Verlage die einen entsprechend hohen Anspruch an sich selbst stellen, ein gutes Magazin drucken zu wollen (Beispiel National Geographic), werden auch in 50 Jahren immer noch gut bezahlte Profi-Fotografen benötigen.“ Wir werden sehen, was daraus wird.

Doch ich will nicht unerwähnt lassen, dass ich Qualität hier mit einer doppelten Bedeutung versehen habe, einmal als gestaltete Aufnahme und einmal als Auswahl der Themen. Insofern liegt die Zukunft im Auge der Fotojournalisten und der Medienmacher. Mal sehen!

 

 

Nach dem Tod des deutschen politischen Foto-Journalismus oder die neue parallele digitale Welt

Die tägliche Langeweile

Langweiliger geht es kaum noch. Die politische Klasse wird fast nur noch mit Tele fotografiert und so langweilig, dass die Artikel ohne Fotos genauso gut oder schlecht wären. Und wo findet der politische Foto- Journalismus von heute statt?

Irgendwie nicht mehr da, wo er früher einmal war – ausser manchmal in der Bild-Zeitung (und das meine ich durchaus positiv).

Wichtig: hier gibt es Gedanken zum Thema Foto-Journalismus, nicht Journalismus. Früher waren Stern und Spiegel, Bunte etc. bekannt dafür, die Bilder zu liefern, um die es ging. Aktuell versucht das View-Magazin so etwas, abgedrängt als Spezialzeitung und nicht mehr an entscheidenden Stellen. Es gibt sicher noch mehr Beispiele. Aber das ist alles Print, also gedruckt.

Obwohll es noch nie so viele digitale Fotos gab, ist der Foto-Journalismus im Netz im Verhältnis und überhaupt offenkundig wesentlich weniger zu finden. Und dies, obwohl es viel leichter wäre als im Druckbereich. Dabei beziehe ich mich natürlich auf das Durchstöbern der Blogs der traditionellen Print-Medien.

Fotos sind mittlerweile eher Garnierung geworden, obwohl es auch umgekehrt sein könnte.

Nun kann man argumentieren, dass ja Fotos nicht so schnell sind wie Livestreams und Filme. Das stimmt sogar manchmal. Dennoch bleibt ein schaler Geschmack, wenn man sich überlegt, was aus der Königsklasse des Foto-Journalismus geworden ist, zumal Fotos im Internet gerade heute viel umfassender Einblicke geben könnten.

Aktuell heisst Internet

Wenn man aktuelle dokumentierende und erzählende Fotos im Netz sucht, dann wird man kaum fündig. Es gibt eher multimediale aktuelle digitale Dokumente als Pixeljournalismus. Ich  nenne als Beispiele Globalrevolution und Nocommenttv.

Globalrevolution

Watch live streaming video from globalrevolution at livestream.com

Nocommenttv

Doch da hört es schon auf. Wenn es um Fotos und/oder Videos geht, dann können Seiten wie flickr und facebook nicht mithalten. Das ist schon in einigen Artikeln kritisch beleuchtet worden, da geht es auch um die Frage der Zensur.

Soziale Netzwerke sind ungestaltete und zufällige Informationskanäle. Gerade soziale Netzwerke können sogar zur Falle werden, wie z.B. hier beschrieben wird. Es ist kein Journalismus. Der fängt mit dem Aufbereiten der Informationen auf freien Webseiten an.

Und in Deutschland – von immer weniger immer mehr?

Wenn wir über das Internet sprechen und die GEZ bezahlten und privaten digitalen Angebote, dann gibt es weder multimediale Filme über das Geschäft der Grossen und Mächtigen noch Fotos über politische Szenen aus dem Berliner Leben. So gut wie nichts ist an exponierten Stellen zu finden. Was machen die Reporter eigentlich die ganze Zeit?

In Deutschland findet eine Zensur nicht statt, weil offenkundig massiv im Kopf zensiert wird. So wird von immer weniger immer mehr fotografiert, ohne dass dies wirklich die Wirklichkeit erfassen würde.

Der deutsche politische Journalismus mit den vielen Fotos und den Szenen aus dem politischen Leben ist tot, denn er findet nicht einmal mehr im Netz statt (wo doch alles reingesetzt werden könnte.)

Im traurigen Monat Oktober war´s, die Zeiten wurden trüber, der Wind riss von den Bäumen das Laub, die politische Fotografie war hinüber.

Ja, so ist das. Man kann sein Geld eben anders leichter und konfliktfreier verdienen und so boomt die Fotografie dort, wo sie Kunst sein soll. So ist der Zeitgeist von heute in der journalistischen Klasse anders als der Zeitgeist in den digitalen Medien.

Doch Tod und Leben liegen eng nebeneinander

Parallel  entsteht eine von medial sensiblen Menschen gesteuerte Nutzung der neuen digitalen Möglichkeiten. Neue Formen der digitalen Informationsaufbereitung und des Pixeljournalismus wachsen – langsam und zufällig, aber immer mehr.

Es entwickelt sich gerade eine parallele Welt, die informiert und diskutiert – und dies völlig parallel und ausserhalb der etablierten Medien. Es entsteht eine digitale Öffentlichkeit jenseits der Leitmedien. Nicht in Deutschland sondern im Netzland, im Internet.

Schöne neue Gefängnisse für die neue Öffentlichkeit

Deshalb soll sie durch neue Gefängnisse, die im schönen Gewand daherkommen, schon wieder abgeschafft werden. Die neuen Gefängnisse heissen Cloud oder sind soziale Netzwerke, die die letztliche Kontrolle über die Veröffentlichung haben und jederzeit das kollektive Gedächtnis abschalten können, ausserhalb von gesicherten Grundrechten wie der freien Meinungsäusserung.

Etwas wie „Wir sind die 99 Prozent“ ist innerhalb der traditionellen deutschen Medien weder offline noch online möglich und auch nicht in den dominierenden sozialen Netzwerken. Paradoxerweise ist es in tumblr – also jederzeit von Dritten abschaltbar! In meinen Augen ein großes Problem.

Leider sind die dort abgebildeten Geschichten auf Englisch und daher nicht für die meisten Deutschen zugänglich. Es sind Geschichten, die auf jeweils einem Foto die Lebenswirklichkeit eines Menschen erzählen wie „Ich bin Krankenschwester und habe selber keine Krankenversicherung. Ich gehöre zu den 99 Prozent.“

Unter dem Gesichtspunkt sozialdokumentarischer Fotografie ist dies ein besonders gutes Projekt, weil es Wirklichkeit und soziales Handeln miteinander verknüpft und dokumentiert.

Übrigens, aus der Sicht eines sozialdokumentarischen Fotografen beginnt gerade eine digital äußerst spannende Zeit mit einer ungelösten Frage. Denn es gibt zwar immer mehr Webseiten, die dokumentieren, aber wer dokumentiert diese Webseiten und wie?

Da zeigt sich auch, dass die neue Welt mit den alten journalistischen Mitteln nicht mehr zu erfassen ist, die von Anzeigen finanziert werden.

Oder doch! Es ist ja nicht alles so schwarz und weiss. Bei Heise.de finden wir z.T. sehr gute eher strukturelle Artikel und Interviews.

Und bei N-TV ist ein wunderbarer journalistischer Artikel zu den Zusammenhängen und Hintergründen der Occupy-Bewegung zu finden. Diese sind zwar kein politischer Foto-Journalismus. Sie zeigen aber, dass es noch journalistische Recherche gibt und tiefergehende Infos, die Zusammenhänge aufzeigen. Interessanterweise sind beide Artikel aus dem nicht GEZ-Bereich. Diese verstreuten kleinen Perlen sind umgeben von digitalen Ablenkungsmanövern.

Man muß also die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht gibt es ja doch noch gegenseitige Befruchtungen.

So wird die Zukunft fotografisch und multimedial spannend. Die einen wollen uns fangen und zensieren auf ihren Seiten und die anderen wollen ein freies Internet mit mehr Informationen für eine Welt, die das Unrecht durch lupenreine Infos begrenzen will.

Doch auf dem Friedhof des deutschen Foto-Journalismus wird dieser Kampf kaum stattfinden.

Denn freie Berichterstattung erfordert Mut zum Berichten und Recherieren und ist unbequem und ist mehr als die GEZ-Kontrolle in der Region und vor allem ist sie mehr als die fotodokumentarische Berichterstattung über symbolische Politik.

Sie fängt eigentlich dort an, wo die Symbolik aufhört …. – und die entsprechenden Kameras und fotografischen Möglichkeiten dafür sind doch vorhanden, wie man auch hier lesen kann!

 

 

Die verfluchten Fotoreporter oder digitale Fallen im Multimedia-Journalismus

Fotoreporter sind verflucht. Sie erleben nun zunehmend denselben Abbau ihrer Tätigkeitsbereiche durch das Aufkommen von Verlust an Print, Istockphotos und multipler Duplikation digitaler Ware wie dies im Rahmen der Globalisierung und der technologischen Entwicklung auch in anderen Berufsfeldern geschah.

Und jetzt gibt sich ein großer Teil Mühe und versucht den Umstieg in die Welt der Videos und des größeren Arbeitsfeldes des Multimedia-Journalismus. Das bietet sich ja beim parallelen Aufkommen der digitalen Spiegelreflexkameras mit Video an.

Da kommen dann die digitalen Fallen, in die sie sehr leicht tappen können. Doch der Reihe nach.

Ein Fotoreporter erzählte mir, dass er sich bei verschiedenen Tageszeitungen im englischsprachigen Raum vorgestellt hat. Alle (!) fragten ihn, ob er Fotos und Videos zusammen liefern könne, das sei die Anforderung der Zukunft – und zwar unbearbeitet. Dies führt offenkundig dazu, dass immer mehr nicht nur Foto sondern auch Video liefern. Damit sind sie zwar noch keine Multimedia-Journalisten, aber sie kommen in eine Welt voller neuer Probleme.

Über ein paar dieser digitalen Fallen will ich hier schreiben.

1. Die H.264 und MPEG Falle

Erstmals breit diskutiert wurde beim Erscheinen der neuen D7000 bei nikonrumors.com und kenrockwell.com mit anschließenden weltweiten Diskussionen folgendes: die Lizenz für die Nutzung der mit der Kamera erstellten Videos ist FOR THE PERSONAL AND NON-COMMERCIAL USE. Dies bedeutet, sie ist nur für den privaten Gebrauch. Sollten Filme oder das Rohmaterial, die damit erstellt werden, kommerziell genutzt werden, sind dafür Gebühren fällig. Dies führt dazu, dass einige sich die Handbücher anderer Fabrikate von anderen Herstellern wie Canon und Panasonic anschauten und zu denselben Schlüssen gekommen sind. Auf neunzehn72.de ist sehr schön dargestellt, wie man sich das von Seiten des MPEGLA vorstellt: wenn man als Enduser weniger als 100.000 Subscriber (ich würde mal Nutzer sagen) hat, dann zahlt man nichts, kommt man drüber, dann zwischen 25.000 und 250.000 Dollar. Parallel dazu scheint zu gelten, wenn man weniger als 12 Minuten am Stück filmt, dann zahlt man auch nichts, bei mehr als 12 Minuten gibt es zwei Abrechnungsmodi, prozentual oder per Stück (ich nehme an Aufruf). Am besten mal selbst nachlesen, mir ist das noch nicht so klar. Mitglieder dieses Konsortiums sind sehr viele bekannte Namen. Wenn man das zu Ende denkt, dann kann man auf den Gedanken kommen, dass in ein paar Jahren durch z.B. die Verlagerung aller Inhalte ins Internet auf Dienstleister, maschinelle Abrechnungssysteme kommen, die dann jeden Zugriff protokollieren und dann direkt abbuchen bei dem, der das Video ins Internet gesetzt hat. So würde man sich neue Quellen erschließen. Aber wie gesagt, das ist nur zu Ende gedacht.

Übrigens, 2011 hat nun Google beschlossen, dieses Problem ebenfalls zu lösen und wird bei Chrome den H.264 Standard nicht mehr unterstützen – warum wohl?

2. Die Urheberrechtsfalle

Gerade das Urheberrecht, welches in Deutschland wie überall auf der Welt, die Eigenheiten des nationalen Rechtssystems wiederspiegelt, ist Schutz und Sicherheit und Falle in diesem Zusammenhang zugleich. Man stelle sich vor, jemand, der bisher als Fotoreporter unterwegs war, macht nun auch Videos von den Interviewpartnern. (Interviewen muß man übrigens auch können und dies setzt völlig andere Fähigkeiten voraus als Fotografieren). Nun wird das Rohmaterial bei der Zeitung oder dem Onlinemagazin abgegeben. Dazu sagte mir ein erfahrener Filmer: „Gib nie dein Rohmaterial heraus.“ Er verwies darauf, dass man dann komplett in den Händen anderer ist. Wenn nun vom Schnitt her das Interview anders geschnitten wird als die Interviewten es wollten, dann könnte von dieser Seite Ärger kommen. Andersrum könnte im schlimmsten Fall der Auftraggeber sagen, sie haben uns zwar Material geliefert aber es fehlt genau das, was wir wollten. Daher gibt es kein Geld. Und es kann noch schlimmer kommen. Das Foto ist still, das Video hat die Dimension Audio. Audio wird vielfach unterschätzt. Man kann nicht einfach irgendwo ein Video aufnehmen und dabei spielt im Hintergrund lautstark ein moderner Musiktitel. Da steht man schnell mit einem Bein bei der Gema oder woanders auf der Liste, zumal wir ja über Videos schreiben, die kommerziell genutzt werden. Da der Fotoreporter aber der Urheber solcher Videos wäre, wäre die Redaktion frei von allen Ansprüchen – oder sehe ich das falsch?

3. Die Sozialversicherungsfalle

Bis heute ist es in Deutschland so, dass ein Reporter, egal ob Fotoreporter oder Textreporter, durch seinen Beruf die Möglichkeit hat, über die Künstlersozialkasse versichert zu sein. Dies bedeutet, diese Kasse zahlt den Arbeitgeberanteil am Sozialversicherungsbetrag. Wenn Rechnungen geschrieben werden, müssen Auftraggeber sich daran beteiligen. So ist das geregelt. Nun ändert sich ja massiv das Verhältnis von Print und Online.

Das führt dazu, dass auch neue Einnahmeformen erforderlich sind, um zu überleben. Auf medialdigital.de beantwortet der Steuerberater Rüdiger Schaar die Frage, ob man als Blogger Einnahmen aus Social Payments wie Flattr, aus Werbebannern, Google AdSense oder Affiliate-Netzwerken dem Finanzamt melden muss. Er kommt zu dem Schluß: “ Aus steuerlicher Sicht handelt es sich um eine nachhaltige Tätigkeit, die mit Gewinnerzielungsabsicht betrieben wird. Und die ist steuerpflichtig! Der Journalist hat die Einnahmen deshalb als Einnahmen aus selbständiger Tätigkeit zu versteuern. Dies bedeutet, dass ein freiberuflicher Journalist die Zahlungen als Betriebseinnahmen, zusätzlich zu seinen Texthonoraren, zu erfassen hat. Ein angestellter Journalist, der als Blogger nebenher tätig ist und Zahlungen erhält, ist gezwungen, die selbständige Tätigkeit beim Finanzamt anzuzeigen und den Gewinn zu erklären. Zu einer Versteuerung kommt es allerdings nur dann, wenn sein Gewinn über 410 Euro vorliegt. Darunter greift der sogenannte Härteausgleich, eine „Steuervergünstigung“ für Arbeitnehmer, die lediglich geringe Nebeneinkünfte erzielen.“ Ich empfehle auf medialdigital.de den gesamten Artikel zu lesen und die Kommentare. Das ist sehr informativ!

Das ist aber noch nicht alles. Wenn man bei der Künstlersozialkasse anruft und fragt, ob man dort noch versichert sein kann, wenn man auch Werbung mit Google-Anzeigen schaltet, dann habe zumindest ich im Gespräch ein klares Nein erhalten und ich scheine nicht allein zu sein. Rechtsanwalt Andri Jürgensen weist auf seinem ksk-blog.de im Mai 2010 dabei auf folgende Situation hin: „Im Falle eines Online-Journalisten, der Einkünfte über das Schalten von Werbeanzeigen erzielt, hat das Bundessozialgericht die Revision zugelassen. Sowohl das Landessozialgericht als auch das Sozialgericht in den Vorinstanzen haben dem Journalisten den Zutritt zur KSK verwehrt – weil er seine Einkünfte aus dem Vermieten von Werbeanzeigen verdiene, die neben den redaktionellen Texten geschaltet werden, nicht aus dem Verkauf seiner Texte.  Das sich die Medienwelt in den vergangenen zehn Jahren massiv gewandelt hat und es weltweit bislang kaum möglich ist, publizistische Inhalte im Internet gegen Geld zu verkaufen, hat die Richter nicht beeindruckt – genauer gesagt hatten sie sich damit gar nicht auseinandergesetzt. Sie stellten allein auf die formale Einordnung im Einkommensteuerbescheid ab. Dort aber wurden die Einnahmen aus den Werbeflächen als „Einkünfte aus Gewerbebetrieb“ eingestuft.“

Dies bedeutet im Klartext, wenn ein Fotoreporter auf seiner Internetseite bezahlte Werbung schaltet, dann kann es passieren, dass er sich mit dem Finanzamt und der Künstlersozialkasse aktiv auseinandersetzen muß.

(Nachtrag am 12.08.2011: Das ist mittlerweile vom Bundessozialgericht zugunsten des Online-Journalisten entschieden worden.)

Ich möchte mit diesen drei digitalen Fallen aufhören, die zeigen, wie genau man hingucken muß im digitalen Leben. Vor allem zeigt sich hier, dass die reale digitale Welt und die Welt der Gesetze und Verordnungen ziemlich stark auseinanderklaffen. Das deutsche Denken ist offenkundig noch völlig an dem Fotoreporter ausgerichtet, der angestellt oder frei seine Fotos verkauft und für jede Veröffentlichung Geld erhält. Die neue Welt taucht hier noch nicht als Teil des Ganzen auf. Insofern werden die nächsten Jahre spannend.