Tag Archive for Fotoreportage

Diogenes in der Tonne oder welche Kamera ist gut für diskrete Reportagefotos?

Ein bisschen Meinung

Foto: Michael Mahlke

Von der Leica zur Fuji?

Früher war es die Leica M. Cartier-Bresson fotografierte am liebsten mit einer 50mm Brennweite, zumindest wird ihm das nachgesagt. Daneben benutzte er die 35mm. So wurde er bekannt als Fotograf, der mit einer Normalbrennweite wunderbare Fotos schoß.

Stellt man sich die Frage, womit man heute die Reportagefotografie am besten erledigt, dann merkt man schnell, dass dies einige Gedanken wert ist.

Kriterien sind im klassischen Sinne

  • Sucher,
  • grosser Sensor,
  • leises Auslösegeräusch,
  • umgerechnet auf Kleinbild ca. 35mm Objektiv
  • und nicht zu groß.

Wobei mir bei den Sensoren der APS-C Chip mit dem Cropfakter 1,5 besser gefällt als das Vollformat.

Natürlich kann es die Leica M mit einem 35mm Objektiv, aber sie hat einen manuellen Fokus und ist sehr teuer im Verhältnis zum Ergebnis, nämlich digitalen Fotos.

Natürlich kann es die Fuji X100, meiner Einschätzung nach DIE Kamera für Reportagefotografie in traditioneller Kameraform auf modernem Niveau aktuell überhaupt, zumal nach dem umfassenden Firmware-Update.

Und dann?

Bei Nikon und Canon ist mir nichts bekannt, was den umgerechnet 35mm-Kriterien entsprechen würde. Oder kennt jemand ein kleines, lichtstarkes 24mm Objektiv mit Autofokus, leicht und bezahlbar, welches man auf Canon oder Nikon Kameras mit 1,5 Cropfaktor schrauben könnte?

So griff ich zum Schluss zu meiner D3100 mit dem Nikkor 35mm/F1.8 Objektiv. Das ist umgerechnet ein 50mm Objektiv, die klassische Brennweite von Cartier-Bresson. Das ist ok für 50mm.

Da würden mir dennoch umgerechnet 35mm besser gefallen (eben ein kleines und bezahlbares 24mm F1.8 oder F2 oder 2.8 Objektiv). Alternativ gibt es noch das 30mm F1,4 von Sigma, welches mir sehr gut gefällt und bei ca. 45mm Brennweite wäre. Das ist es aber schon.

Und die neuen Stars in den digialen Medien?

Soweit ich gelesen habe ist die neue Canon Powerhot G1X laut Testergebnis zu langsam für Schnappschüsse, die neuen Kameras von Fuji wie die Pro-1 bringen für das Thema in meinen Augen keine wirklichen Verbesserungen ausser Wechseloptiken, wenn sie für Reportagen denn nötig sein sollten.

Systemkameras sind eher nicht geeignet für Reportagefotografie

Bei den Systemkameras ist mir aktuell keine Kamera mit einem sehr leisen Auslösegeräusch bekannt, am ehesten noch die E-PM1. Und mit den Systemkameras habe ich sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen. Ich war unterwegs an diesem sonnigen Tag. Da die Sonne schien, war es nicht möglich, mit meinen Systemkameras ohne Sucher zielgerichtet und gestaltend zu fotografieren. Die Displays waren im Sonnenlicht alle so gut wie nicht ablesbar. Mit einem aufgesteckten Sucher sind die Systemkameras aber so unhandlich, dass sie weder in der Größe noch von der Mechanik besser als DSLRs sind.

Bleiben die Panasonic G2/G3 mit dem 17mm F2.8 Objektiv von Olympus und dem 20mm F1.7 von Panasonic. Die Kameras haben einen Sucher, der flackert aber z.T. bei Kunstlicht. Leider ist auch das Auslösegeräusch in leiser Umgebung einfach zu laut und die Kameras sind so gross, dass eine kleine DSLR für mich unzweifelhaft besser ist.

Drei Alternativen mit grossen Sensoren als Lösung

Somit schließt sich der Kreis mit größeren Sensoren und leisem Auslösegeräusch und mündet für mich im Ergebnis

  • in die Fuji X100
  • die Nikon D3100 oder deren Nachfolger mit Quiet-Modus
  • oder die Leica M9 (Vollformat, nur manuell)

Es ist also nicht so, dass wir schon alles hätten im Bereich der Digitalkameras, wir warten eher drauf, dass es endlich mehr Reportagekameras für unauffälliges Fotografieren gibt.

Je nach Anspruch klappt es auch mit Kompaktkameras

Ergänzen kann man dies durch Kameras mit kleineren Sensoren.

Dann ist das Bokeh aber nur nachträglich digital erzeugbar.

Die neuen Kameras wie die Fuji X10/X20 und die Nikon V1/J1 haben ja einen Sucher und einen S-Modus.

Der ist entscheidend, weil nur so die Auslösegeschwindigkeit vorgewählt werden kann. Das ist in meinen Augen unerläßlich.

Wer auf die Gestaltung mit Bokeh durch Festbrennweiten und einen Sucher verzichten kann und auf RAW und die Dinge lieber der Kamera überläßt, der kann sicherlich schon mit Kompaktkameras mit/ohne Sucher glücklich werden.

Diese Geschichte muß man auch diskutieren. Dann fallen meine Kriterien weg. Das wird sicherlich die Richtung im Zeitalter der Software-Fotos sein. Und für Webfotos ist dies immer ausreichend und erlaubt durch den nachträglichen Filtermix unendliche Gestaltungsmöglichkeiten.

Mein Wunsch für eine kompakte Strassenkamera

Mein persönlicher Wunsch wäre eine Kamera ähnlich wie die Sony TX5 aber mit 1/1,7 oder größerem Sensor, dem Periskopobjektiv und RAW sowie einem kleinen optischen Sucher (wie in der Canon A1200), griffig, gutem Monitor und einer sehr guten Schnappschussfähigkeit sowie einem S-Modus.

Und wenn nur ein elektronischer Sucher möglich wäre, dann so wie ein ausfahrender Blitz: der Sucher würde links oben oder oben auf der Kamera bei Bedarf rausklappen wie bei anderen Kameras der Blitz.

(Info im Jahr 2015: Diesen Satz muß Sony gelesen haben, denn zwei Jahre nach dem Publizieren dieses Artikels ist die RXIII mit dieser Lösung auf dem Markt. Ich hätte erwartet dafür von Sony wenigstens eine Kamera als Anerkennung für die Nutzung meiner Gedanken zu bekommen. Ich warte mal noch ab.)

Oder man könnte auch einfach den gesamten Monitor nehmen und einen kleinen Teil davon links oben als separat zuschaltbaren Sucher nehmen und dafür einen kleinen Kunststoffrahmen zum Aufsetzen mitliefern, zum Drüberhängen von oben oder mit Magneten etc. Da ist vieles praktisch möglich.

Na ja.

Diogenes weiß Rat

So ist vieles eine Sache der Bewertung.

Der alte Diogenes fragte dazu immer, im Vergleich wozu?

Das ist die Frage.

Im Vergleich zu welcher Reportage brauche ich welche Kamera?

Und damit sind wir in einer Diskussion, die gerade erst begonnen hat und ich stelle die Frage, für welche Reportage brauche ich eigentlich noch eine größere Kamera als eine Kompaktkamera?

Und letztlich wird das Handy Nokia 808 sowie nunmehr ab 2013 eine Vielzahl anderer Nachfolger das Thema Smartphone-Fotografie eine neue Runde bei der Beantwortung der Frage dieses Artikels einläuten. Wobei ich das Smartphone vom Halten her als unpraktisch empfinde.

Nachtrag 2014:

Nun gibt es auch bei den Systemkameras geräuschlose Modelle mit Sucher wie die Panasonic G5.

Aber es gibt zunehmend kompakte Kameras, die auch mit einem kleinen Chip gute Arbeit leisten und kleine Kameras mit einem größeren Chip, die ebenso interessant sind – und meistens ohne Sucher sind, wobei für mich der Sucher das entscheidende Merkmal bleibt, wenn es eher unauffällig und leise bei Veranstaltungen und zwischen Menschen sein soll.

Es stellt sich heraus, dass kleine Sensoren durchaus auch Vorteile gegenüber den größeren Sensoren haben.

Ich würde die Olympus XZ-10 bei den Kompaktkameras ohne Sucher für Reportagefotografie wählen, weil sie extrem viele optische und haptische Vorteile hat.

Bei den Kameras mit Sucher würde ich die Fuji X10 oder X20 nutzen, wobei die Fuji X10 ein echtes Lowlight-Luder ist.

Das sehen die PR-Abteilungen der Kameraindustrie sicherlich anders.

So ist heute die Aufnahme nicht das Ende des Fotos sondern vielfach der Anfang des fotografischen Prozesses – wie früher.

Aber digital ist manches dann doch besser.

Und wenn Sie wissen wollen, welche Kamera sich der liebe Herr Cartier-Bresson 2016 kaufen würde, dann klicken Sie doch einfach mal hier…

Text 1.5

Der Gaußsche Weichzeichner und die Demonstranten

Carl Friedrich Gauß war ein Mathematiker. Der Name Gaußscher Weichzeichner ist ein Werkzeug in Fotosoftware wie z. B. in Gimp, Capture NX2 oder Photoshop und beruht auf der digitalen Umsetzung der  Entdeckung der Normalverteilung durch Herrn Gauß bei der Berechnung von Wahrscheinlichkeitsverteilungen.

Was bedeutet das?

In einem Handbuch zur Software Gimp wird dies folgendermaßen erklärt: „Der Gaußsche Weichzeichner wird auf jedes Pixel der aktiven Ebene oder Auswahl angewendet. Er setzt den jeweiligen Farbwert auf den Mittelwert aller umliegenden Pixel in einem bestimmten Radius.“

Welche Auswirkungen hat dies?

Nun bin ich heute bei der Sichtung aktueller Meldungen auf einen Photostream gestossen. Dabei geht es um die Dokumentation aktueller politischer Ereignisse durch die Polizei, in diesem Fall die Durchsuchung des Büros des Jugendpfarrers König in Jena.

Fotografisch ist mir dabei ein Foto aufgefallen, welches das direkte Ergebnis des Gaußschen Weichzeichners ist. Sie finden es hier.

Wie man sieht, ist dieses Foto mit einem Handy aufgenommen worden. Es dokumentiert eine Demonstration in Jena.

Aber auf dem Foto sind mit dem Gaußschen Weichzeichner alle Gesichter der Demonstrationsteilnehmer – die alle nicht vermummt waren – unkenntlich gemacht worden.

Was ergibt sich daraus für Reportagefotos?

Dennoch erzählt dieses Foto eine Geschichte, es ist ein Reportagefoto und es zeigt, wie man heute aktuell und schnell und ohne Verletzung von Persönlichkeitsrechten vorgehen kann, wenn man das Geschehen dokumentieren will.

Ich schreibe darüber, weil ich selbst darauf noch nie gekommen bin. Für mich galt immer das „geschickte“ Foto als Herausforderung. Nun kenne ich die politischen Hintergründe der ganzen Situation nur aus dem, was aktuell in den Medien zu finden ist.

Aber ich denke, dass es unter fotografischen Gesichtspunkten schon ein Dokument der aktuellen Reportagefotografie ist. Und es ist ein Handyfoto, das bearbeitet wurde.

Das nimmt ja zu. Es tauchen immer mehr Handyfotos bei der Berichterstattung in den Medien auf. Und es werden immer mehr digitale Werkzeuge genutzt wie der Gaußsche Weichzeichner oder andere digitale Filter, um mögliche Rechtsverletzungen auszuschliessen.

So kommt die Mathematik in die Reportage und löst dabei noch mögliche rechtliche und/oder politische Probleme. Damit verändert sich allerdings auch der Anspruch an die Reportagefotos.

Fotografisches Fazit:

Pure Darstellung ohne Bokeh, ohne geschicktes Fotografieren – eben ohne klassischen Anspruch – ist die Folge. Das ist eine neue Kategorie von Fotos, die sich durchgesetzt hat.

Aber wenn ich mir vorstelle, es gäbe nur noch solche Fotos bei Fotoreportagen, dann wäre dies für mich fotografisch nicht ausreichend.

Solche Fotos sind notwendig zur Dokumentation aktueller Abläufe aber fotografisch nicht ausreichend für klassisch-gute Reportagefotografie – meiner Meinung nach.

Das mindert umgekehrt ihren Wert aber nicht, um in aktuellen Situationen eine Rolle zu spielen. Paradoxerweise spielen gerade solche Fotos als fotografisches Medium eine Rolle in der dokumentierenden Fotografie. Deshalb darf man sie nicht unterschätzen, sondern muß sie vom Gebrauchswert her beurteilen – und der ist offenkundig sehr hoch.

Insofern dokumentieren diese Zeilen an einem Foto eine neue Form der Reportagefotografie: das Handyfoto mit digitaler Nachbearbeitung.

 

 

W. Eugene Smith von Britt Salvesen, Enrica Vigano

Deleitosa – die Foto- und Textreportage über das spanische Dorf zog mich in ihren Bann und ließ mich nicht mehr los. Anders kann ich den Weg in dieses Buch nicht beschreiben. Wer es aufschlägt und mit dem Lesen und dem Betrachten der Fotos beginnt, der wird es nie mehr aus seiner Erinnerung streichen können.

Das im Kehrer Verlag erschienene Buch zum Werk von W. Eugene Smith ist eine souveräne Konzeption, die die Fotos und Texte und den Menschen W. Eugene Smith dem heutigen Publikum zeigt. Die Fotos und Texte sind so aktuell und so spannend, dass sie Menschen, die Einfühlungsvermögen besitzen, unversehens in ihren Bann ziehen.

Waren Sie schon einmal in Spanien, auf Mallorca oder auf dem Festland? Wenn sie die Reportage über „Das Spanische Dorf“ gelesen haben, werden sie auch das heutige Spanien mit anderen Augen sehen.

Interessanterweise zitiert Enrica Viganò, der Kurator, in seinem Aufsatz den Autor Philippe Halsman mit dem Satz: „Cartier-Bresson registriert die Wahrheit. Gene Smith schafft seine eigene.“

Und dann landet er bei Smith selbst und zitiert ihn mit dem Satz: „Ich habe mich nie damit begnügt, ein Fotograf zu sein, der die Ereignisse bloß registriert. Ich glaube vielmehr, dass es mir in meinen besten Arbeiten gelingt, das Besondere einer Situation abzubilden und das Universale symbolisch auszudrücken.“

Er führt dann in Anlehnung an Serge Tisseron den Begriff der „emblematischen Fotografie“ ein, die weit über die Betrachtung hinausgeht.

Dann kommt W. Eugene Smith selbst mit einer autobiografischen Erklärung zu Wort. Und dann sprechen seine Fotos und Reportagen.

Das Buch schenkt dem Menschen und dem Werk neues Leben. Und es ist ein Geschenk für unsere Zeit, denn es zeigt, dass die intensive Reportage in schwarz-weiß nicht durch die Farbfotografie abgelöst werden kann. Farbe ist anders und Texte werden zeitlos, wenn sie gut sind.

Dem amerikanischen Publikum war W. Eugene Smith lange bekannt, er war dort einer der bekanntesten Fotografen. Aber hier ist er wohl nur in Fachkreisen bekannt gewesen. Neben dem Werk kommt auch der Mensch zum Vorschein und wir erleben die Tragödie und die Absurdität der menschlichen Existenz, die  uns auf unsere eigene Weise alle betrifft.

In einer Zeit ohne Geschichte bringen Bücher wie dieses das Verhältnis von Geschichte zur Gegenwart zurück. Die beeindruckenden Reportagen führen zudem dazu, dass man heute automatisch überlegt, ob es Ähnliches nicht heute auch zu finden gibt.

Denn W. Eugene Smith hat seine beeindruckendsten Reportagen (in diesem Buch) in unserem Alltag gefunden. Er ging dort hin, wo andere zur Arbeit gehen oder leben. So geben seine Fotos uns einen Spiegel über unser Leben in diesen Zeiten.

Und wir – zumindest ich – sehe(n), dass die grossen Reportagen letztlich vom Auge und Einfühlungsvermögen des Reporters (mit Foto und Text) und von den Massenmedien (Publizierung) abhängig sind.

Mit diesen Gedanken versuche ich schon den Transfer in die heutige digitale Welt. Es ist eben ein wirklich inspirierendes und in den Bann ziehendes Buch.

Wer etwas für seine fotografische Entwicklung haben möchte oder ein wirklich gutes Geschenk sucht, der findet mit diesem Buch eine gute Antwort.

So will ich enden mit einem Zitat von W. Eugene Smith, das mir gefällt: “Ich denke, dass Fotojournalismus Dokumentarfotografie mit einer bestimmten Absicht ist.”

 

W. Eugene Smith

Autoren: Britt Salvesen, Enrica Vigano, W. Eugene Smith
Künstler: W. Eugene Smith

ISBN 978-3-86828-255-9

 

6mois oder wie die Fotoreportage ins Fernsehen kommt

6mois ist ein neues französisches Magazin. Es bietet Fotoreportagen. Bei arte wird darüber regelmässig berichtet. Das ist insofern bemerkenswert, weil ein gedrucktes Magazin jetzt multimedial aufbereitet ins Fernsehen und Internet kommt.

Die multimediale Aufbereitung der im Heft gezeigten Fotos ist ebenfalls sehr interessant. Es scheint so, als ob nach dem Soundslides Prinzip vorgegangen wird: erst wird eine Tonspur erstellt und dann werden Fotos eingefügt. Die Fotos werden dann durch Zoomen optisch bewegt. Dies erinnert mich sehr an Ken Burns und seine Effekte.

Insgesamt finde ich dieses Projekt richtig gut. Denn es nutzt das Foto und die Reportage so wie man sie heute multimedial nutzen kann. Vor allem wird auch deutlich, dass es keines Videos bedarf, um einen sehr guten Sachbeitrag zu erstellen.

Es ist sehr interessant und macht Lust auf mehr. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob dies ein neues Geschäftsmodell für kritischen und guten Fotojournalismus werden kann. Ich denke schon, weil hier viele Dinge gezeigt werden können, die man mit einem gedrehten Videofilm nicht (so) machen könnte. Hier ist wirklich weniger mehr.

Abschließend noch eine Bemerkung. Solange es das Internet nicht gab, hätte mir das Heft gereicht. Aber in diesem Fall bin ich über die Audioslideshows auf arte zum Heft gekommen. Das Heft hat viel mehr Informationen. Es ist allerdings nur auf französisch und damit nicht international ausgerichtet. Englisch wäre hilfreich gewesen. Man merkt aber sofort, dass man mit einer Audislideshow und Ken Burns Effekten viel mehr aus einem Foto machen kann als dies gedruckt möglich ist.

Insgesamt muß ich feststellen, dass es digital neben dem Video als echte Alternative Audioslideshows gibt. Diese brauchen das Foto und vermitteln damit Informationen in einer Weise, die als Video nicht so brauchbar wären. Es zeigt sich auch hier, dass der Weg nicht linear vom Druck zum Video geht, sondern parallel Druck, Audioslideshow und Video existieren. Es kommt eben immer auf die richtigen Mittel bei der Darstellung eines Stoffes an.

Der Tod des Fotojournalismus und die Zeit danach

Perspektiven im Fotojournalismus

Perspektiven im Fotojournalismus

Es gab noch nie so viele preiswerte Möglichkeiten für gute Fotografinnen und Fotografen, um eine gute Fotoreportage zu machen. Das Internet ist billig und einigermassen demokratisch, die Globalisierung ist weltumspannend und die digitale Fotografie hat die Chance der massenhaften Verbreitung von Bildern wesentlich erhöht. Und doch steckt da irgendwas fest.

Früher hat man im deutschsprachigen Raum im Spiegel, dann im Focus und einigen Tageszeitungen wie FAZ oder Süddeutsche oder Frankfurter Rundschau oder TAZ gelesen und dort zum Teil Fotoreportagen gesehen, die Tagesthema wurden. Dann kamen die Magazine, allen voran National Geographic und GEO, und ermöglichten und ermöglichen bis heute wunderbare Reportagen mit guten Fotos.

Aber irgendwie spielt das keine Rolle mehr. Die Digitalisierung führt durch die Zunahme der Medien zu einem absoluten Verlust an Öffentlichkeit. In meinen Augen gibt es im bürgerlichen Sinn gar keine Öffentlicheit mehr für die man etwas produziert.

„Ich werde beobachtet, also bin ich.“ Der Hinweis von Thomas Miessgang auf diesen Satz von Stefan Römer als neue Haltung des Normalverbrauchers scheint mir das wesentlichste Kennzeichen dieser Situation zu sein. „Die Penetration öffentlicher und privater Sphären durch immer zielgenauer agierende mediale Projektoren… hat dazu geführt, dass der Karneval der Waren und Sensationen nicht der Ausnahmezustand ist, sondern ein Hochamt sinnbefreiter Permanenz.“ Es gilt die „Simultanität des Sensationalistischen. Man hat ständig das Gefühl, zu spät zu kommen, etwas zu versäumen, den Ereignissen hinterherzuhecheln.“ Diese Beschreibung von Miessgang in dem Buch „Das Prinzip Prominenz. Superstars von Warhol bis Madonna“ zeigt unsere neue Wirklichkeit.

Und die Folge davon ist für guten Fotojournalismus ganz einfach: wer soll sich die denn angucken und was soll daraus denn folgen? Wenn wir Blicke auf die Welt werfen, wer soll da tätig werden? Die Öffentlichkeit? – Welche? Die Staatsanwaltschaft? Die Massenmedien?

James Nachtwey hat mal gesagt „Die Stärke der Fotografie liegt darin, ein Gefühl für Humanität zu wecken.“ Aber Fotos selbst ändern nichts. Sie können über etwas informieren und als Reportage eben journalistisch aufbereitet einen Zusammenhang darstellen.

Und dann käme die Presse als Öffentlichkeit dran. Das Bild von der Presse als vierte Gewalt im Staat ist gut aber im Wesentlichen offenkundig überholt. Das war die Zeit der relevanten Reportagen. Das ist jetzt anders. Heute kann jeder über alles eine Fotoreportage machen, aber es kommt nicht mehr darauf an, weil es keine vierte Gewalt mehr gibt.

Ursache und Wirkung bedingen einander, auch in diesem Fall. Und es geht noch weiter. Es gibt Fotografen, die fotografieren Fabriken in China – von innen. Dadurch erhält die Welt Einblicke in diese Welt (ich meine dies wertneutral). Auf einer Veranstaltung wurde einer dieser Fotografen gefragt, von wem er denn die Erlaubnis erhalten habe. Die Antwort war bemerkenswert: „Von der chinesischen Verwaltung für eine chinesische Firma, amerikanische Firmen in China erlauben dies nicht.“ Da beginnt dann langsam die Umwertung der Pressefreiheit, wenn dies auch nur halbwegs stimmt.

Wir werden im Rahmen der Globalisierung noch manche Werte in einer neuen Welt neu definieren müssen. Das Recht auf das eigene Bild ist einerseits wichtig, andererseits bei jeder Kamera ausser kraft gesetzt. So gibt es selbst im alltäglichen Leben Parallelwelten, die widersprüchlicher nicht sein könnten.

Sascha Rheker hat in einem wunderbaren Artikel darauf hingewiesen, dass Neil Burgess den Tod des Fotojournalismus endgültig festgestellt hat. Er führt aus: „Denn Photojournalismus ist das ganze nur, wenn es auch zu diesem Zweck produziert wird, es von jemandem aus der Medienbranche finanziert wird und wenn es in einer Zeitung oder einem Magazin publiziert wird. Das Photographen „Photoreportagen“ als Kunstprojekte, für Hilfsorganisationen, Firmen, Stiftungen, sich selbst oder ganz andere produzieren ist kein Photojournalismus. Genausowenig wie die Illustrationsphotographien die für Artikel produziert werden oder das Photographieren auf Terminen, bei denen Inszenierungen abgelichtet werden, statt Geschichten zu erzählen, die man sich selbst ausgesucht hat.

Burgess macht das alles zum Beispiel auch daran deutlich, daß von den sieben britischen Photographen die in diesem Jahr etwas beim World Press Photo gewonnen haben, nicht einer von der britischen Medienbranche finanziert gearbeitet hat.“

Das spielt aber  in einer Gesellschaft ohne Öffentlichkeit keine Rolle. Es ist schon gut, dass es jemand aufgefallen ist. Aber es kommt eben nicht mehr darauf an. Die Gegenwartsgesellschaft ist auch vorstellbar ohne Fotojournalismus. Es gibt dann eben Fotoreportagen ohne Fotojournalismus. Für den World Press Award reicht es dann offenkundig trotzdem noch. Daher ist es eher ein Problem des Berufes der Fotoreporter und nicht der Gesellschaft

Die journalistische Aufbereitung von Inhalten wird eher zunehmen. Heute senden im Fernsehen schon viele Sender überwiegend (?) aufbereitete Inhalte aus dem Internet garniert mit Werbung. Nachrichten sind dann reduziert auf die Nachricht und weniger auf den Zusammenhang.

Es gibt Untersuchungen zur Lage der Fotojournalisten von verschiedenen Verbänden und an  verschiedenen Stellen . Dies zeigt aber auch alte neue Wahrheiten, nämlich dass die neue Realität neue Anforderungen an die Berichterstattung stellt, wenn man konkurrenzfähig sein will: Interview, Tonsammlung, Fotos und Video werden zukünftig von einer Person erstellt werden müssen.

Daher kommen auf den Pixeljournalisten der Zukunft neue Anforderungen zu. Er muss nicht mehr in erster Linie fotografieren müssen, er/sie muss in der Lage sein, mit Menschen zu sprechen, auf andere zuzugehen, um damit Videos zu erstellen. Es wird wohl nur darauf ankommen, ob er/sie das Material dann auch zum Film verarbeitet oder nur das Rohmaterial abliefert. Ich vermute, die Online-Anbieter wollen eher das Rohmaterial, weil sie dann in die Videos dauerhafte Werbeblöcke schneiden können. Den Journalisten wird dies auch gefallen, weil das Erstellen eines Videos relativ zeitaufwendig ist und Film schneiden oder Cuttern eben doch anders ist. Aber ob dies den Interviewten gefallen wird ist eine andere Frage, die ich mir aber nicht zum Problem mache. Und wenn daran alle verdienen und der Werbekunde zufrieden ist, dann haben alle den Sprung in die neue Welt geschafft.

Bis dahin eine gute Zeit …