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Fotografie zwischen Dokumentation und Kunst bei Bernd und Hilla Becher, August Sander et altera

„Eine Fotografie kann Dokument und Dokumentarfoto gleichzeitig sein. Ein Dokument ist jedoch nicht zwangsläufig eine Fotografie und nur weil ein Foto ein Dokument ist, handelt es sich dabei noch nicht um eine Dokumentarfotografie.“

Schöne Sätze aus der Doktorarbeit von Annika Baacke.

Sie untersucht Karl Blossfeldt, August Sander, Albert Renger-Patzsch sowie Bernd und Hilla Becher.

Es sind prominente Namen und entsprechend groß ist auch der wissenschaftliche Apparat. Eine Promotion, die gut zu lesen ist und uns auf den Stand der Forschung bringt.

Sie kommt u.a. zu folgender Einschätzung:
„Folgt man den in den 1930er Jahren formulierten Eigenschaften der Dokumentarfotografie, so entspricht keines der vier hier behandelten Werke den Ansprüchen, die an dieses Genre gestellt wurden. Karl Blossfeldt, August Sander, Albert Renger-Patzsch sowie Bernd und Hilla Becher verfolgen mit ihren Fotografien zwar einen sachlich-objektiven Ansatz, doch fehlt ihren Bildern die sozialkritische Komponente. Karl Blossfeldts Pflanzenfotografien etwa klammern einen sozialkritischen Kommentar aus. Sie weisen weder auf die Zerstörung der Umwelt hin, noch liefern sie einen generellen Kommentar zum Miteinander von Mensch und Natur. Durch die Isolation der Pflanzen, die Konzentration auf Formdetails und das Aussparen des natürlichen Umfeldes ist eine Lesart im Sinne der klassischen Dokumentarfotografie ausgeschlossen. Auch August Sanders Portraitaufnahmen beanstanden die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse nicht. Sanders Ziel ist es, eine neutrale Bestandsaufnahme der verschiedenen Gesellschaftsschichten zu erstellen, ohne dabei für eine Gruppe Partei zu ergreifen. Gleiches gilt für die Arbeiten Albert Renger-Patzschs sowie Bernd und Hilla Bechers. Die Fotografen zeigen Landschaften und Architekturen, Gegenstände und mitunter auch Menschen, der sozialkritische Kommentar jedoch bleibt aus. Es ist nicht das Anliegen der Fotografen hier auf Missstände aufmerksam zu machen. Die Objekte sind Mittelpunkt und sollen für sich selbst sprechen.“

Die Indexierung führt im Vergleich dazu, mehr zu sehen als ein einzelnes Foto kann.

Die Bechers selbst haben in einem Film einmal darauf hingewiesen, daß sie eigentlich gebaute Zeitzeugen fotografiert haben, die für sich stehen. Erst später bei der Anordnung der Fotos ergaben sich neue Gesichtspunkte, weil verschiedene  Fotos miteinander verglichen werden konnten und damit Parallelen, Unterschiede und Veränderungen sichtbar wurden. So wurde z.B. bei Industriebauten eine Architektur sichtbar, die sich rein aus der Funktion ergab.

Da die Fotos der Genannten einzeln eher nicht einzuordnen sind, macht es die Masse, die den Vergleich ermöglicht. Das steht alles sehr schön in dem Buch.

Ich finde die Doktorarbeit als aufgearbeiteter Text zur Fotografie ausgesprochen gut, weil Frau Baacke auch lesbar schreibt.

Daher möchte ich ihr Buch empfehlen.

Die Doktorarbeit steht als pdf-Datei kostenlos als Download zur Verfügung.

Wer wirklich was wissen will zu diesen Namen und der Dokumentarfotografie und der dokumentierenden Fotografie, der findet hier etwas mit Substanz und bei Glasenapp die Hintergründe dazu.

Milieufotografie heute oder der Zille Faktor in der Dokumentarfotografie

Zille sein Milljöh waren die Armen und die Arbeitenden, wobei meistens eine Personenidentität vorlag.

Seine Region war Berlin.

Das Milieu gab es aber überall.

Unter Milieu werden die sozialen Bedingungen von Menschen und die dazugehörigen Schauplätze verstanden.

Zille zeichnete und fotografierte.

Heute gibt es die verschiedenen Milieus auch überall zu sehen.

Daher dachte ich mir, ich arbeite mit meinem persönlichen  Zille-Faktor durch digitale Filter, um Fotos wie Zeichungen aussehen zu lassen und verschiedene Wirkungen zu verstärken.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Mir gefällt dies sehr gut. Leider gibt es außer Zille selbst keine Entsprechungen. Aber vielleicht ist es nun an der Zeit, um dieses Thema neu anzupacken.

Wenn wir heute Armut fotografieren, Menschen in ihrem sozialen Umfeld oder Strassenszenen, dann diskutieren wir immer über das Thema Recht am eigenen Bild und sprechen über Strassenfotografie bzw. Streetphotography.

Das ist es aber nicht.

Einen Schritt weiter findet in meinen Augen die gestaltende Deutung der Wirklichkeit mit digitalen Filtern an.

Meine Richtung dafür ist weg von der superscharfen Abbildung und hin zur detailgetreuen digitalen Zeichnung, die mehr ist als ein Comic.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Milieustudien sind nicht nur Armutsstudien sondern zeigen Menschen in ihrem Umfeld mit der Kleidung und den Dingen, die real da sind.

Zille selbst fotografierte monochrom bzw. schwarzweiß und malte ebenso schwarzweiß, aber auch bunt.

Da ist dann die Schnittmenge.

Die manchmal durch den Einsatz digitaler Filter übertriebene Dominanz einzelner Bildteile ist dann natürlich gewollt.

Interessant ist dabei die Frage, wie zeigt man Wirklichkeit?

Heinrich Zille zeigte sie durch seine Zeichnungen und nebenbei in seinen Fotos.

Ich zeige sie teilweise bewußt durch die digitalen Filter.

Für mich sind solche Fotos die Fotos mit Zille-Faktor:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Es ist meine spezielle Form von Fotografie und photographischer Kunst. Ich finde dies alles oft ausdrucksstärker als  viele andere Fotos.

Es ist Milieufotografie und da finde ich diese Darstellungsweise sehr spannend.

Weil ich sehr viel im lokalen öffentlichen Raum von Remscheid, Solingen und Wuppertal fotografiere, habe ich diese Art der Fotografie mit lokalem Bezug auch Wupperart genannt.

Klaus Staeck hat sich einmal zu Heinrich Zille geäußert:

„Heinrich Zille ist ja jemand, von dem alle glauben, sie würden ihn kennen. Man kennt seine derben, wunderbaren Karikaturen, Zeichnungen, jeder hat einen anderen Begriff dafür, aber das ist nur ein Teil von Zille. Er war ein Avantgardist, vor allen Dingen als Fotograf. Für uns heute ist er jemand, der wie kaum ein Zweiter die sozialen Verhältnisse um die Jahrhundertwende und Anfang des letzten Jahrhunderts dargestellt hat, satirisch zum Teil, aber eben auch vor allen Dingen sozialkritisch….

Heinrich Zille ist insofern modern, als er durch seine Fotos jemand war, der neue Wege gewiesen hat. Und er ist modern insofern, als er uns daran erinnert, dass die Kunst auch eine Aufgabe hat, indem sie den Teil der Wirklichkeit beschreibt, den wir am liebsten verdrängen wollen. Das ist das Elend, das ist Kinderarmut, das ist auch Verwahrlosung in vielerlei Hinsicht. Wir reden heute immer alle über Jugendgewalt etc. Es gibt Themen, die bleiben.“

Was mir wichtig ist, das ist die klärende Distanz. Durch Abstand den Zusammenhang besser sehen oder durch Abstand klarer sehen. Das ist es, was ich bei dieser Art der Fotografie empfinde.

Ich erhöhe den Abstand, ohne die Wirklichkeit zu verfälschen, um mit Distanz den Blick zu schärfen.

Das ist interessanterweise die Art von Fotos, die sich bei mir ungeplant aber durch Interaktion mit Menschen und Situationen und digitaler Technik entwickelt hat.

Es ist aber nicht die einzige Art von Fotos, die ich mache.

Meine anderen Wege habe ich hier beschrieben.

Es kommt immer auf die Situation und die Aussage an.

The Afronauts und der neue ZEITgeist in der Dokumentarfotografie

Fotoreporter männlich und weiblich berichten zunehmend darüber, daß ihre Arbeit nur noch als Füllung zwischen Anzeigen erforderlich ist und echte Dokumentarfotografie, auch als Fotostrecke und Thema, so gut wie gar nicht mehr bezahlt publiziert wird.

Das hat zu der logischen Konsequenz geführt, doch zu gucken, womit man finanziell erfolgreicher sein kann. Da kommt man schnell auf die Fotokunst, was auch immer das sein mag, und schaut, was der Markt will.

The Afronauts – erfolgreiche Fotografie

The Afronauts  von Cristina de Middel, das auch als Buch publiziert wurde,  ist eines der bekanntesten Projekte im Mainstream der letzten Zeit.

„Warum muß Fotografie entweder dokumentarisch oder Kunst sein? „(im Original: „Why does photography have to be either documentary or an art piece? Why do we feel the need to classify?“) fragt sie und zeigt damit einen neuen Weg auf, um ein Thema zu dokumentieren und zugleich dem Markt verkaufsfähige Produkte anzubieten.

Cristina de Middel dokumentiert – aber nicht im Sinne der Abbildung der vorgefundenen Realität sondern im Sinne einer Aufbereitung durch Inszenierung eines Themas. Dabei spielen abgebildete Elemente der Wirklichkeit eine Rolle aber es sind keine 1:1 Ausschnitte sondern drehbuchorientierte Dokumentationen.

Das ist dann Fotokunst auf dokumentarischer Grundlage.

Ist dies dann auch eine neue Kategorie im Bereich der Dokumentarfotografie?

Neue Ausbildung – neue Inhalte

Ich warf einen Blick auf die aktuelle Ausbildung an der Hochschule Hannover, um diese Frage zu vertiefen.

Dort fand ich bestätigende Worte, weil Dokumentarfotografie heute so unterrichtet wird: „Der Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie sieht seinen Schwerpunkt in der »wirklichkeitsbezogenen Fotografie«. Darunter verstehen wir die journalistische und dokumentarische, fotografische Auseinandersetzung mit der Außenwelt, ausgehend von der situativen und örtlichen Realität. Dabei interessiert uns vor allem die persönliche Interpretation der Wirklichkeit. Dies verlangt immer auch die Entwicklung einer Haltung zum Objekt selbst und zum Medium Fotografie.“

Dieses Statement der Hochschule Hannover zeigt, daß es nicht mehr auf die Abbildung der Realität ankommt sondern Dokumentarfotografie als „wirklichkeitsbezogene Fotografie“ verstanden wird. Es sollte also ein Bezug zur Wirklichkeit auf den Fotos vorhanden sein?

Das kann ziemlich weit weg sein von der Realität. So blickte ich von der Ausbildung zu den medial am meisten beachteten Fotofestivals (Fotoausstellungen mit mehreren Teilnehmern) in diesem Jahr.

Fotoausstellungen und Fotofestivals als Träger des ZEITgeistes

Wenn man Veränderungen und Übergänge festhalten will, dann will ich drei Ereignisse aus diesem Jahr nennen, die mir symptomatisch erscheinen:

  • In diesem Jahr gab es beim Fotofestival in Arles schon Kontroversen laut photonews, weil es für einige Teilnehmer nicht nachvollziehbar war, Fotos von W. Tillmans zu sehen, die nicht in die klassisch dokumentarisch-journalistische Tradition passen
  • Beim Fotofestival in Mannheim-Ludwigshafen waren aktuelle Magnum-Fotos zu sehen, die z.T. in ihrer Banalität und fehlenden Geometrie so gar nicht der früheren Dokumentation verpflichtet waren und inszeniert wirken
  • Beim Fotodoks-Festival in München sind die „Dokumentaristen“ eingezogen, eben Interpretationen und Inszenierungen der Wirklichkeit

Welche Rolle dabei eines der deutschen Leitmedien, die ZEIT, spielt, die in Mannheim und München aktiv Preise verleiht, ist mir noch unklar. Aber es sind alles Symtome des aktuellen ZEITgeistes.

So hat sich gerade auch hier eine neue Sicht entwickelt.

Sie gipfelt in der alten Frage von Watzlawick, allerdings neu gestellt für die Dokumentarfotografie: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

In diesem Sinne

 

 

Allan Sekula – Dokumentarfotografie und Haltung

Allan Sekula starb am 10. August. Er war ein bekannter Fotograf, der Dokumentarfotografie und Fotokunst zusammenbrachte. In fast jeder Dissertation zu diesem Bereich findet sich eine Auseinandersetzung mit ihm. Er bot Stoff für die akademische Welt und für die Kunstwelt.

Nachrufe

Wie verschieden er gesehen wurde, wird deutlich, wenn man sich einige Nachrufe anschaut.

In der taz steht: „Sekula fokussierte aber nicht ausschließlich die bekannten Formen der Rationalisierung von Arbeit und der damit einhergehenden Deklassierung. Ihm ging es auch darum, die Trennung von Kultur und Gesellschaft aufzuheben, die im Spätkapitalismus ganz selbstverständlich die Kategorie der sozialen Hierarchie aushebelt und Kultur als Ablenkungs- und Vergnügungsprogramm, bestenfalls als finanzielles Investment einer Eilte versteht. Wenn alles Soziale und Kulturelle ökonomischen Prinzipien unterworfen ist, der Warencharakter umfassend das Leben bestimmt, gleichzeitig aber ein kruder Individualismus propagiert wird, so stand Sekula dafür, den kritischen Diskurs über Wirtschaft und Bilder in der Kunst vorantreiben.“

In derstandard wird er so beschrieben: „Das Meer und die Häfen waren Schauplatz seiner berühmtesten Fotoserie: „Fish Story“, 2002 bei der Documenta 11 erstmals komplett präsentiert, ist ein Zyklus (1989–1995) über Containerschifffahrt und den Alltag von Hafenarbeitern (aktuell zeigt das Moma in New York das letzte Kapitel daraus). Das Meer und der Hafen, sie tauchen in Sekulas kapitalismuskritischem Œuvre immer wieder auf: als Metaphern für wichtige Schnittstellen einer sich ändernden globalen Ökonomie.“

In der Los Angeles Times wird darauf verwiesen, dass er über politische Fotografie schrieb und sein letztes Filmprojekt als marxistisch und pessimistisch galt.

Bei Art in America schrieb man darüber, dass er die Fakten sozialer Beziehungen dokumentieren wollte, um zu  zeigen, daß es Alternativen gibt, und genau dies auch fotografisch tat, indem er die Häßlichkeit der Ausbeutung zeigte und die Schönheit des gewöhnlichen Lebens: „“As a writer, Allan described with great clarity and passion what photography can, and must do: document the facts of social relations while opening a more metaphoric space to allow viewers the idea that things could be different,“ said school of art dean Thomas Lawson in a statement. „And as a photographer he set out to do just that. He laid bare the ugliness of exploitation, but showed us the beauty of the ordinary; of ordinary, working people in ordinary, unremarkable places doing ordinary, everyday things.“

Aus akademischer Sicht

Wenn wir uns nun der Zeit zuwenden als Sekula noch lebte, dann ist sicherlich interessant, wie man ihn aus deutscher akademischer Sicht sah. Gisela Parak weist darauf hin, daß Sekulas Konzeption der Dokumentarfotografie sich explizit gegen Szarkowskis formalisierte Bildbetrachtung wendet. „Sekula schlägt vor, die Fotografie als soziale Praxis und Auseinandersetzung des Künstlers mit seiner Umwelt zu verstehen, das fotografische Medium ist für ihn Mittel der Kommunikation und als subjektive, interessensbasierte Äußerung zu verstehen.“

Fish Story
Das bekannteste Werk ist die Fish Story von Allen Sekula. Und Gisela Parak sagt uns, was akademisch die Faszination von Sekula ausmacht: „Neben aller intendierten Vieldeutigkeit vermittelt Fish Story eine eindeutige Haltung ihres Autors, denn Sekula will der Beliebigkeit der Postmoderne sein kritisches Statement entgegensetzen.“

Es ist also die Haltung, die aus den Fotos und Serien erwächst. Daraus entsteht dann das, was als dokumentarische Fotokunst sich entwickelt.

In The Forgotten Space zeigt Sekula 2010 einen Film, der auf das Problem der vergessenen Räume und Plätze aufmerksam machen will, die auf der See und darüber hinaus vorhanden sind. Sie zeigen nicht das Elend an sich, es ist also keine Opferfotografie. Aber sie zeigen ein Thema aus unserer Welt, das sonst kaum oder gar nicht gesehen wird.

Natürlich ist das Dokumentarfotografie, die in Serien dargestellt wird und/oder darüber hinaus auch als Film. Das Ganze zusammen ist dann eine Installation, die sicherlich auch Fotokunst ist, je nach Begrifflichkeit.

Einzelbild und Installation

Wenn man nun formalisierte Bildbetrachtung eines einzelnen Fotos und Installationen mit Serien und Videos nebeneinandersetzt, dann bietet sich ein Vergleich an. Dazu wurde online insbesondere über das Foto von Thomas Hoepker vom 11. September diskutiert.

Es sind keine Gegensätze aber es ist ein Unterschied.

Fest steht für mich, daß ich mit Einzelfotos und/oder Serien und Installationen eine Haltung formulieren kann – auch in der Phase der Beliebigkeit der Postmoderne. Insofern ist Sekula eine echte Erweiterung von Szarkowskis. Er löst die Einzelbetrachtung aber nicht ab sondern erweitert sie. Beides ist möglich. Aus einem Bild wird eine Serie und aus einem Thema wird eine Installation mit verschiedenen Medien.

Die letzten Abschnitte sind bestimmt typisch deutsch. Andere nutzen einfach die Medien, um etwas zu zeigen und sich zu engagieren bis hin zur politischen Fotografie. Doch das ist ein anderes Thema.

Abschließend möchte ich noch auf ein Video hinweisen, welches dies alles noch einmal lebendig werden läßt:

Erfolglos und frustriert? – Leben mit der Fotografie und der eigene Weg durch die Welt

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wer fotografiert will etwas zeigen. Sich selbst und eigentlich auch der Mitwelt. Damit ist dann die Ebene der sozialen Beziehungen erreicht, privat und öffentlich. Erfolg ist dabei dann die Währung. Diesen gibt es ohne Geld und mit Geld. Heute ist der Erfolg in sozialen Netzwerken durch positive Kommentare gegeben. Aber der eigentliche Erfolg ist der Verkauf der Fotos.

Wenn nun beides ausbleibt, was passiert dann?

Ich möchte mit Robert Frank beginnen.

Martina Mettner hat in ihrem Buch Fotografie mit Leidenschaft dem Buch The Americans und der Person Robert Frank ein ganzes Kapitel gewidmet. Sie schildert dort wie Fotografie mit Leidenschaft echte Leiden schafft. Das Buch hatte eine Druckauflage von 2600 Exemplaren von denen 1100 verkauft wurden und Robert Frank verdiente damit ca. 800 Dollar.

Für das Buch erhielt er öffentlich viele Prügel und das Buch wurde zerrissen. Einzig der New Yorker urteilte über das Buch, dass es „die Charakteristik des amerikanischen Lebens … mit brutaler Sensibilität entblößt.“

Danach verschwand das Buch in der Versenkung.

Erst mehr als zwanzig Jahre später wurde es 1978 durch den einflussreichen John Szarkowski rückblickend zum wichtigsten Fotobuch in der amerikanischen Fotografie der 50er Jahre erklärt.

Frau Mettner hat Robert Frank beispielhaft für die Transformation eines Fotografen zum Künstler dargestellt. Für sie ist das Buch ein „wunderbarer Beleg dafür, dass Knipsen und Kunst zusammengehen können“.

Robert Frank hat nach diesem Buch viele Jahre mit der Fotografie aufgehört. Im Buch von Patricia Bosworth über Diane Arbus schildert die Autorin das Leben und das Verhältnis zwischen Diane und Frank. Dabei wird deutlich, dass Frank von der Fotografie kaum leben konnte. „Bei Frank und seinen Freunden wurde das Thema Geld nie angeschnitten. (Um die Miete bezahlen zu können, nahm man alle möglichen Jobs an.)“

Und er begann dann mit dem Erstellen von Dokumentarfilmen. Der erste nach dem Buch war Pull my Daisy. Walter Gutman, ein Wall Street Makler, investierte 12.000 Dollar in diesen Film, der ein klassischer Dokumentarfilm wurde.

Publikum und Totschweigen

Fotografie braucht Publikum, wenn sie Themen für die Menschen und von den Menschen enthält. Das ist ja fast immer der Fall. Und deshalb ist Publikum so wichtig – auch für die eigene fotografische Entwicklung, selbst wenn die Fotos auf Ablehnung stossen.

Aber es kommt eben auch darauf an, um welches Publikum es sich handelt. Man kann sich zwar sein Publikum nicht aussuchen, aber man kann unterscheiden nach denen, die was zu sagen haben und denen, die aus Neid etwas tun.

Und wenn etwas besonders gut ist und besonders trifft, dann passiert damit oft genau das, was Martina Mettner so schön in ihrem Buch geschildert hat:

Man „breitete den Mantel des Schweigens über diese Darstellung der Schattenseiten des amerikanischen Traums (aus, M.M.)“

Daß dies dann für den Menschen Robert Frank ein Vierteljahrhundert später dazu führte, dass sein Buch Fotografiegeschichte schrieb, hat er dem „Geschichtsschreiber“ John Szarkowski zu verdanken.

Totschweigen ist also ein Geheimrezept, wenn man unliebsames und besonders Gutes nicht haben möchte. Für die Betroffenen kann dies zu Frust führen, weil sie ja ihre Lebenszeit mit Engagement investieren. Ohne Engagement führt dies wahrscheinlich nicht zu Frust, weil die persönliche Betroffenheit nicht ausgeprägt ist.

Heute sind wir einige Schritte weiter. Belohnung und Strafe liegen beim Posten von Fotos nur einen Klick voneinander entfernt. Und das Gefällt mir ist oft nur noch eine Sache von Sekunden. Meinungen bilden sich unabhängig von sachlichen Kriterien aus Launen heraus.

Daher sollten soziale Netzwerke eher Hinweisorte sein und die Fotos selbst woanders sein, offline und online.

Ende ohne Happy oder happy ohne Ende?

Soll man weitermachen, wenn der Erfolg sozial und finanziell ausbleibt?

Robert Frank hörte für viele Jahre auf. Nur die Existenz des Buches gab die Gelegenheit für den späteren Zugriff.

Heute werden für einzelne Fotos aus dem damaligen Buch als Druck mehr als 600.000 Dollar gezahlt.

Das ist im digitalen Zeitalter noch schwieriger.

Wenn du die Seiten mit deinen Fotos löschst, dann sind sie weg.

Somit ist heute sogar die Hoffnung auf den Erfolg in der Zukunft weg, wenn man die Dinge nur digital hat und nicht gedruckt und digital gesichert.

Schwierige Zeiten.

Aber damit nicht genug!

Wo kann man denn heute noch erfolgreich sein?

  • Das finanzielle Erfolgskriterium ist die „Museumsqualität“.
  • Die Teilnahme an Fotowettbewerben ist wie eine Fotolotterie und
  • das Hochladen in Communities ist meistens nicht mehr als das tägliche Sichten von gespeicherten Bildermassen.

An dieser Stelle möchte ich nun noch hinweisen auf ein besonderes Phänomen. Diane Arbus und viele andere Fotografinnen und Fotografen haben es erlebt: je mehr Fotowettbewerbe sie gewonnen haben und je prominenter sie wurden, desto weniger Aufträge erhielten sie. So gibt es nicht einmal hier einen garantierten Weg zum finanziellen Erfolg.

Wenn ich das alles so beschreibe, dann wird man auf sich selbst zurückgeworfen.

Hilft da die Erzählung von Albert Camus  mit dem Titel Jonas oder der Künstler bei der Arbeit?

Was mir an dem Buch von Frau Mettner so gefällt ist die Auseinandersetzung mit dem Thema, die bei mir zu Fragen führt wie

  • Was mache ich eigentlich, wenn ich nicht berühmt und reich werde?
  • Welche Rolle spielt dann die Fotografie für mich?
  • Was will ich mit diesem Medium ausdrücken?
  • Worum geht es mir?

Wenn die Fotografie dann nicht das ganze eigene Leben ist und man weiß, welche Antworten man darauf gibt, dann ist vielleicht der Weg erreicht, der es möglich macht, weiter zu fotografieren.

Im Kreis und im Fluß

Dieser Artikel kreist um einen Fluß ohne Anfang und ohne Ende. Daher sind alle Antworten nur Momente für Momente.

Der Weg zu sich ist offenkundig das Ziel.

Dieser Weg ist aber finanziell so gut wie nie erfolgreich. Er ist eher die Essenz, die den Misserfolg leicht verdaubar macht und dem Leben mehr Gewicht einräumt als dem Nachlaufen zum finanziellen Erfolg.

Wie man diesen erreicht, haben Piroschka Dossi und Martina Mettner in ihren Büchern analysiert. Dabei geht es überwiegend um Vernetzen und Verbinden.

The Americans

Um nun das Buch von Robert Frank noch einmal anzusprechen. Es gefällt mir, weil es echte Momente dokumentiert. Die Fotografien erzählen etwas. Aber ich habe immer das Gefühl, er hat mit dem Foto so lange gewartet bis die Person, die fotografiert wurde, missbillig sagt, was willst du von mir, pass auf, ich komme gleich rüber. So ist der Fotograf aktiver Teil des dann als Reaktion darauf aufgenommenen Geschehens. Es sind dann wohl eher herausgeforderte Momente, die genau dann fotografiert wurden.

Das war der Moment, den er festhielt.

An dem Buch gefällt mir aber noch etwas anderes. Es hat ein Format, das aus Fotos keine Tapeten macht und die Fotos wirken trotzdem gut. Es dürfte sich um Fotos im Format 13×19 handeln im Querformat.

So möchte ich diesen Artikel beenden und stelle rückblickend fest, dass es mir gelungen ist, die Schwierigkeit und die Widersprüche aufs Papier zu bringen, die entstehen, wenn die Fotografie ein Teil meines Lebens ist. Und ich konnte dokumentieren, warum Erfolg und Mißerfolg oder fehlender Erfolg nichts über Qualität  und die eigene Person aussagt. Es kommt auch da auf die richtigen Verbindungen und den richtigen Zeitpunkt an.

So enden diese Ausführungen mit Antworten und Fragen – wie im echten Leben!

Und danken möchte ich Patricia Bosworth, Piroschka Dossi, Martina Mettner und Robert Frank für ihre Bücher und Gedanken, die mir eine vielfältige Inspiration waren beim Erzeugen eigener Gedanken, beim Finden von Zusammenhängen und beim Schreiben dieses Artikels.

Museumsqualität in der Fotografie – Flachware für Kapitalanlagen?

 Hype

Wie das im Leben so ist, plötzlich sortieren sich die Dinge von alleine. Seit einiger Zeit fällt mir auf, dass die Fotografie einen neuen Platz gefunden hat. Sie ist durch eine ununterbrochen zunehmende Zahl von Fotowettbewerben gekennzeichnet und durch immer mehr Ausstellungen in immer mehr Museen an immer mehr Orten überall auf der Welt.

Quasi jede größere Stadt hat bald eine eigene Woche der Fotografie, größere Museen überschlagen sich mit Fotoausstellungen und je größer die Fotos sind, desto prominenter scheinen oft die Namen.

Bei den Fotoausstellungen findet sich eine der besten Übersichten auf Kultur online.

Dabei ist mir bei einigen Fotoausstellungen in den Museen etwas aufgefallen.

Wissen Sie, was es ist? Es ist in meinen Augen die Verknüpfung von Imagewerbung und Kapitalanlagestrategien.

Was bedeutet das?

In ihrem wohl einzigartig guten Buch hat die Autorin Piroschka Dossi dies einmal so beschrieben: „Im Jahr 2006 zeigte die Schweizer Großbank UBS, einer der Hauptsponsoren der Tate Modern, dort sechs Monate lang Fotografien aus ihrer Sammlung. Die Bank nutzte das Museum als Bühne zur Selbstdarstellung und zur Aufwertung der eigenen Sammlung…. 2004 schloss das Amsterdamer Stedelijk Museum einen fünfjährigen Sponsorenvertrag mit ABN Amro. Die niederländische Großbank erhielt unter anderem das Recht aus der Kollektion des Museums Bilder zu kommerziellen Zwecken einzusetzen und alle Pressetexte zu verfassen, mit der das Museum über gemeinsame Ausstellungen berichtet.“

Und in diesem guten Buch fand ich dann auch den Begriff, der meine Beobachtungen manifestieren konnte.

Das hat Frau Dossi für eine Ausstellung in Lyon so formuliert: „Das Museum drückte der ausgestellten Flachware sein Gütesiegel auf: Museumsqualität.“

Museumsqualität – das ist der Begriff, der die Imagewerbung mit den Kapitalanlagestrategien auf dem fotografischen Kunstmarkt verknüpft.

Sicherlich läßt sich dies vielfach übertragen und ist gerade heute aktuell. Der Markt in Europa wird überschwemmt mit Euros, so dass die Inflation und damit die Enteignung der kleinen Leute beginnt. Der Goldpreis steigt.

Wo kann man noch investieren? In vermeintlich sichere Wertanlagen.

Wann ist Kunst eine vermeintlich sichere Wertanlage? Wenn sie in den akzeptierten (von wem?) Museen ausgestellt wird.

Die Logik dieser Argumentation hat doch was. Aber ob sie stimmt ist natürlich eine andere Frage.

Es hat aber oft genug funktioniert und deshalb scheint heute eine Ausstellung in einem Museum oft genug eher dazu da, Geldanlagen zu vermitteln mit der Hoffnung durch „Museumsqualität“  mittelfristig werthaltige Fotografie zu verkaufen. Oder sollte ich lieber Fotokunst schreiben?

„Echte Mäzene leihen nicht, sie schenken. Doch privater Reichtum und privater Kunstbesitz dienen immer weniger der Unterstützung der öffentlichen Museen. Lieber investieren die neuen Medici ihre Gelder in eine eigene Sammlung und bringen diese steuerbegünstig in eine Stiftung ein, die ihren Namen trägt.“ So noch einmal Piroschka Dossi.

Beim Googeln kam ich dann sogar auf die Prominenten Günther Jauch und Hasso Plattner.  Die Geschichte finde ich sehr interessant und sie passt irgendwie auch hier rein, wenn auch nur am Rande. Aber auch das ist eine der vielen Facetten dieses Themas.

Geldanlagen, steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten, Stiftungen und ihre Förderungen, Mäzenatentum, das keines ist – hier tut sich ein Themenfeld auf, das größer ist als jeder Artikel, der darüber geschrieben werden kann.

Ich wollte eines mit diesem Artikel erreichen, nämlich Sie hinzuführen zu der Frage, warum so oft Fotografie in Museen ausgestellt wird.

Ein Grund ist sicherlich, das Image der „Museumsqualität“ als bewusstes oder unbewusstes Wertkriterium herzustellen nach dem Motto „was im Museum ist, muss gut sein“.

Das stimmt natürlich oft nicht, aber das macht auch nichts. Ausstellungen sind eben wichtig geworden, obwohl man sie viel effektiver, länger und weltweiter im Internet haben könnte.

Dann sind sie aber eben nicht im Museum. Im Internet wird es erst dann interessant, wenn ich eine Ausstellung aus dem Museum xyz dort präsentiere.

Da es viele Museen gibt, gibt es auch viele Räume, die die Museumsqualität herstellen können. Das wäre sogar was für eine Marktlücke nach dem Motto „Gehen Sie auf  www.museumsqualitaet24.de – wir vermitteln ihnen das Museum ihrer Wahl, um ihre Produktionen durch ein neues Image zu veredeln“ oder so ähnlich.

Ich hoffe, dieser Beitrag konnte ihre Lebenszeit auf angenehme Art bereichern und ich wünsche Ihnen viel Spaß bei ihrem nächsten Aufenthalt im Museum. Ich hoffe, Sie finden dort die Museumsqualität, die sie suchen.

Und Frau Dossi danke ich für ihr wunderbares Buch, das eine ununterbrochene Quelle von guten Ideen und neuen Blicken ist.

 

 

Neue Fotografie – reicht zukünftig die Handy-Qualität als Standard für Medien?

M. Mahlke

M. Mahlke

Wenn man einen sehr interessanten Artikel bei heise.de gedanklich weiterdenkt, dann reicht zukünftig ein Iphone, ein Samsung, ein Nokia oder anderes Handy, um Reportagefotos von Kriegsschauplätzen und „Fotokunst“  zu erstellen, zu verkaufen und damit sogar Ausstellungen zu machen.

Die aktuelle Aufnahmequalität von Handys

Die Bildaufnahmequalität des Samsung Galaxy S3  und des Iphone 4 und der Iphones und einiger Kameras wurde ja schon mehrfach getestet, wobei nicht alle Tests echte Tests sind. Und die schiere Zunahme an Handyfotos, die auch dokumentierbar ist, tut ihr Übriges.

Allerdings hat die Kameratechnik im Nokia Pureview 808 das Zeug dazu, ernsthaft ein Handy mit dieser Technik für bestimmte (nicht alle) fotografische Zwecke zu nutzen, zumal es besser als die Lumix LX5 zu sein scheint.

Beispiele für die Qualität der Fotos habe ich hier gefunden, einen Vergleich zwischen dem Galaxy S3 und dem Nokia 808 Pureview hier und einen Vergleich mit einer Olympus Pen hier.

(Nachtrag: Jetzt hat auch dpreview einen Vergleich mit Digitalkameras online, der sehr gut ist.)

Dabei kann man in den von mir verlinkten Quellen sehen, dass die Bildqualität der eingebauten Kamera für ein Smartphone hervorragend zu sein scheint und besser als bei vielen Digitalkameras, aber die Telefoneigenschaften von anderen Smartphones z.T. als besser beurteilt werden. Ich finde z.B. nach dem Anschauen des Videos mit dem Vergleich zwischen dem Samsung Galaxy S3 und dem Nokia 808 Pureview, dass das Betrachten von Webseiten auf dem Samsung wesentlich besser gelöst ist.

Fototherapie

Doch zurück zum Artikel. Der Artikel ist eigentlich ein Interview, das Daniela Zinser für seen.by geführt hat (und welches dann Jobst H- Kehrhahn? in einen Artikel gegossen hat).

Der Artikel beschreibt den Tod von Kriegsreportern, das Überleben und das Iphone als Halt in einer psychologisch schwierigen Situation. Und dann in der Folge die Fotos, die nun als Objekte und eventuell als Verkaufsprodukte eine Rolle spielen.

Fotografie kann eine gute Therapie sein, wie ich schon an anderer Stelle ausgeführt habe und ich denke, dass es sich hier um ein Musterbeispiel für eine Fototherapie handelt.

Zugleich ist aber die Wirkung der Fotos erstaunlich hoch. Im Museum of Fine Arts in Houston gibt es damit eine Ausstellung und seen.by als Unternehmen, das Fotokunst verkauft, engagiert sich offenkundig stark in diesem Bereich.

Ziemlich abenteuerlich finde ich aber folgende Aussage aus dem Artikel des Fotografen Brown: „Es (das Iphone) ist weniger im Weg und man ist freier, auch wenn die iPhone-Kamera viel langsamer ist als die andere, weil man mit Hipstamatic nur neun Fotos machen kann bevor man ein paar Minuten warten muss, während Hipstamatic alles verarbeitet. Man muss sich stärker überlegen, warum und was man fotografieren will, und weniger, wie man es technisch machen will.“

Wegen der Hipstamatic Software muss man sich überlegen, warum und was man fotografieren will – nicht wegen des richtigen Motivs oder des richtigen Moments?!

Das ist eben neues Denken. Dies muss man anerkennen aber nicht übernehmen und damit weiter im Text.

Handyfotos als Objekte für Kunst und Kapital?

Wenn ich nun den Gedankenkern des Artikels verlasse und nach vorne blicke, dann wird gerade ein neues Kapitel im Buch der professionellen Fotografie und der Fotokunst aufgeschlagen. Wenn man das zu Ende denkt, dann ist es Fakt, dass ein Handy und ein kleines Softwareprogramm, welches automatisch arbeitet, ausreichen, um zunehmend erfolgreich in Bereichen des Marktes professioneller Kameraprodukte zu sein.

Und das hängt dann weniger an den bisherigen professionellen Produkten, die technisch zweifellos sehr gut sind, sondern vielmehr an geänderten Ansprüchen und Interessen.

Wenn z.B. statt besserer Technik mehr Lifestyle gefragt ist und heute die Technik vielfach ihren Grenznutzen kaum noch erhöhen kann, dann wird es eben schwierig. Und niemand braucht Handschuhe für sieben Finger, wenn er nur fünf Finger hat.

Ich möchte dies aber noch an einem anderen Beispiel zeigen.

Linke Hand und rechte Hand

So gut wie alle Kameras sind für die Bedienung mit der rechten Hand ausgelegt. Eigentlich alle Handys können mühelos mit der linken und mit der rechten Hand bedient werden. Alle Linkshänder sind also systematisch jahrzehntelang von der Kameraindustrie ausgegrenzt worden. Bei den Handys nie. Und nun werden die Bilder durch neue Sensoren in den Handys immer besser….

Der Markt bestimmt ?!

Wenn wir mal das Vokabular der Deregulierer nutzen, dann würde ich davon sprechen, dass der Markt bestimmt, was als Qualität gilt und was nachgefragt wird (wobei dies bitte niemand ungefragt übernimmt!).

Deshalb ist es offenkundig so, dass die Masse an Fotos und die Tyrannei des Augenblicks mit ihrem abnehmendem Grenznutzen auch den Umgang mit Fotos verändert.

So setzt sich  dieses Thema fort und wird neue soziale und visuelle Gebrauchsweisen im Alltag und im Bereich von Fotografie als Ware etablieren.

Das Projekt Fotomonat dient dazu, die Phase des Übergangs zu begleiten und die Veränderungen der Fotografie von der analogen Technik und ihren Gebrauchweisen bis zu den digitalen Techniken und ihren Gebrauchsweisen aufzuzeigen. Daneben entsteht nun eine neue digitale Welt.

Zwischen Fotomonat zum Filtermix

Da enden dann die Themen von Fotomonat mit der klassischen Fotografie. Die neuen Trends der nächsten Jahre erfordern neue Wege.

Wenn man analog und digital denkt, kann man es so einteilen:

  • Aufnahmen sind mit technischen Geräten festgehaltene Inhalte.
  • Fotografien sind gestaltete Aufnahmen.
  • Bilder sind der Oberbegriff. Das können  Fotografien,  Grafiken und Malereien sein, also im Prinzip alles, was irgendwie erstellt wird, analog und digital.

Wenn man digital denkt, gibt es gute Gründe

  • als absoluten Oberbegriff die Grafik zu nehmen und alles darunter als verschiedene Formen von Grafiken,
  • erstellt als Foto,
  • erstellt als digitale Malerei = Bild,
  • erstellt als Logo.

Abgesehen davon wird sich die Begrifflichkeit sowieso noch weiterentwickeln. Und überall wird digital gefiltert, während der Produktion der Fotos ebenso wie danach.

Das Wort Foto wird zudem für alles eingesetzt werden, was aufgenommen wird. Aber dennoch lohnt es sich, Begriffe auch differenziert zu analysieren, weil es faktisch ja Unterschiede gibt, die dann auch ein entsprechend differenziertes Vokabular benötigen.

Der wachsende Trend

Und ein wachsender und immer stärker werdender Trend sieht so aus:

  • neben guten Büchern kommen immer mehr Buch-Apps für Handys und Smartphones,
  • neben Fotos mit persönlicher Note und digitaler Handschrift treten immer mehr Handyfotos mit automatisierter Bearbeitung,
  • und die sozialen Gebrauchsweisen wenden sich diesem Trend immer mehr zu, wie man auch hier sehen kann.

Es gibt einen wachsenden Anteil von immer mehr Menschen,

  • deren soziale Gebrauchsweisen,
  • deren visuelles Wahrnehmen und
  • deren fotografisches Verständnis sich dorthin entwickelt.

Meine persönliche Sicht

Es gibt immer parallele Welten, nur die dominierenden Trends wechseln.

Ich mag z.B. immer noch die Sucherfotografie und ein Handy mit Sucher gibt es nicht. Ich mag gute Sucherkameras wie z.B. die Fuji X100 und die Fuji X10 und ich habe gar kein Interesse daran, meine Sucherfotografie durch ein Handy abzulösen, weil schon das eigene Gestalten der Aufnahme mir gefällt.

Handys banalisieren

Ich persönlich finde auch, dass das Handy das Aufnehmen banalisiert in Fortsetzung des Monitors auf aktuellen Digitalkameras. Aber auch dies entspricht sicher nicht der Mehrheitsmeinung.

Doch die Zukunft gehört wohl mehrheitlich dem Hinhalten und Abdrücken und weniger dem vorherigen Hinschauen und Gestalten. Das meine ich aber nicht negativ sondern lediglich beschreibend. Menschen orientieren sich sowieso primär an Bildern und erst später an Texten.

Bilderkommunikation

Vor der Schrift gab es die Malerei und vor dem Text gibt es nun die digitale Aufnahme. So sind Bilder vom Handy heute der schnellste Weg der nonverbalen Kommunikation, schneller als jede SMS und schneller als jeder Text und wahrscheinlich auch jede verbale Kommunikation.

Man kann die Augen nicht davor verschliessen, dass die Massstäbe sich gerade verändern und erweitern. Das ist unübersehbar. Welche Auswirkungen dies alles auf Fotoagenturen und Magazine haben wird, werden wir sehen. Aber die zunehmende Integration in die Onlinemedien spricht für Veränderungen.

Alles wie früher

Für mich bleibt allerdings eine Erfahrung. Vor ein paar Jahren habe ich mit einem Sony-Ericsson Handy und einer 3,2 Megapixelkamera direkt Fotos online auf flickr hochgeladen. Ich konnte so massenhaft Fotos machen, aber es waren eben nie gestaltete Fotos. Sie waren so wie heute die Fotos in den Kameras auch noch sind.

Damals gab es noch keine Apps mit digitalen Filtern. Aber die hätten auch nicht viel genutzt. Und letztlich habe ich dies alles beendet, weil ich damit keine Fotos so hinbekam wie sie mir gefielen und weil die massenhafte Fotoproduktion weder sinnvoll noch befriedigend war. Das hat sich bei den heutigen Handys nicht geändert.

Gebrauchswert steigt

Nur wenn es um ganz praktische Fragen ging wie das Zeigen von Waren, Dokumenten – also der Gebrauchswert hoch war – machte dies alles Sinn. Aber hier ist dann schon der veränderte Anspruch an den Umgang mit Fotografie sichtbar, meinerseits und andererseits.

So endet dieser Artikel für mich mit der Frage: Wer fotografiert hat mehr vom Leben – ob das beim Handy noch gilt?

Text 1.3

 

 

Dokumentarfotografie oder Leben im Subraum

Begegnung

Foto: Michael Mahlke

DIE Webseite zur Dokumentarfotografie

Dies ist eine Webseite, die Gedanken aus der alten Welt in die digitale Zeit hineingeholt hat. Der Schwerpunkt ist Dokumentarfotografie im digitalen Zeitalter, also der Umgang mit der Welt und den Möglichkeiten der Fotografie.

Aspector hat zu einem Artikel von mir einen Kommentar geschrieben zum Thema „Neue Strassenfotografie“. Darin heisst es: „Der Prozess einer fortschreitenden Dekonstruktion der normativen Gültigkeit von traditionellen, als essentiell erachteten Regelwerken, Geboten und Konzepten des Kunstschaffens ist ja nichts grundlegend Neues…. Vor diesem Hintergrund läßt sich wenig Konkordanz für die oben aufgeführten fünf – wunderbaren konzeptionellen – definitorischen Regularien für die “wahre Streetfotografie” erwarten. Und leider ist es eben doch so, daß Regeln, die nicht ausgeführt, befolgt, beachtet werden – dann eben tot sind! Jedenfalls im “allgemeinen Verständnis”, anglizistisch näherungsweise: im “mainstream”. Natürlich gibt es in unserer multipluralen, aufsegmentierten Gesellschaft dann wieder Subräume, in denen das Alles weiter gilt – in einer Art kontrastivem Purismus vielleicht noch intensiver.“

Finde ich gut und sehr anregend!

Denn die Ziele hier sind

  • Bewahren, was mir wichtig erscheint: das fotografische Erbe (die visuelle Art zu sehen und festzuhalten) von Fotografen wie Henri Cartier-Bresson.
  • Anwenden auf die Fotografie von heute und Abgrenzen von Fotokunst in der digitalen Welt.
  • Diskutieren von einigen Kameras und technischen Ansätzen für Dokumentarfotografie durch den Filter der Erkenntnis, dass das Neue öfter auch der Feind des Guten ist.

Das habe ich alles getan – 200 Artikel lang. Durch einen Gastartikel zum Thema „Was wird aus dem Papierbild?“ wurden dann noch die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie beleuchtet. Dies führte zu weiteren Artikeln, die den Blick auf die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie mit eingeschlossen haben und dauerhaft hier verankerten.

Damit ist der Subraum zunächst gefüllt und geordnet. Und ganz persönlich bin ich sehr froh, dass es mir möglich war, diese fotografischen Schätze in die digitale Welt zu führen und dort zu etablieren mit Hilfe von Artikeln, die als Orientierung für klassisch gute Fotografie, für geschultes Sehen und für die Philosophie der Lebendigkeit dienen.

Foto: Michael Mahlke

Aber diese Webseite ist kein Museum sondern lebt. Es geht um das Weitergeben der Feuers und nicht um das Bewahren der Asche.

Und deshalb sind nun weitere Schritte unter neuen Bedingungen in der Welt der digitalen Fotografie notwendig. Durch das Experimentieren/Fotografieren und das Sammeln von Erfahrungen mit dem hier gesammelten Schatz an Wissen geht die fotografische Reise durch die digitale Welt weiter.

Dokumentarfotografie in der digitalen Welt

Da das digitale Meer ständig größer wird, muß neben die Reflexion die zunehmende Praxis treten. Ich habe in fast allen großen Tageszeitungen im letzten Jahr beobachten können, wie digitale Filter, Panning und Blur, tonaler Kontrast und die Änderung der Perspektive den neuen Alltag ausmachen.

Immer mehr Reportagen werden mit Handys gemacht und bis ISO 400 sind zunehmend mehr der „besseren“ Kompaktkameras in der Praxis – wenn es nicht um maximale Ausschnittvergrößerung geht – gleichrangig zu grossen Kameras für Print und Web.

Fotografieren bedeutet heute das Bearbeiten von digitalem Material in der Kamera und/oder am Computer. So tritt neben die eigentliche Aufnahme mit Cadrage und Blick die Bearbeitung mit den unendlichen digitalen Möglichkeiten.

Da die Halbwertzeit von Fotos in der Multimediagesellschaft maximal reduziert wurde und Fotos heute vielfach einen wesentlich höheren Gebrauchswert mit wesentlich kürzerem Bestandwert haben, muß man dies als Voraussetzung des eigenen Tuns in der Öffentlichkeit akzeptieren.

Wenn man dies wieder in konditionierte Subräume verlagert (auf digitalen Webseiten) dann kann man dort die Schnellebigkeit durch die Langlebigkeit für die Besucher dieses Subraumes darstellen. Aber die öffentlichen Bereiche sind durch das Neue bestimmt.

Kompaktkameras und Handys halten die Welt fest

Es ist an der Zeit, die digitalen Möglichkeiten in der Anwendung mit neuen kleinen Kompaktkameras und Handys zu leben und die digitale Dokumentarfotografie als eigenständiges Arbeitsfeld zu sehen.

Dies habe ich erstmals in dem kleinen Ebook zum Thema „10 gute Fotos zur Streetphotography mit Kompaktkameras“ umgesetzt. Dabei stand noch die visuelle Tradition im Vordergrund.

So wird der Blick sich hier ändern. Dokumentarfotografie und auch Strassenfotografie haben den Vorteil, fotografisch einfach eine Situation einfangen zu wollen.

Dazu braucht man kein Studio und kein riesiges Equipment. Und heute bearbeitet man einfach so nach wie man will, um Eindrücke entstehen oder verschwinden zu lassen.

Foto: Michael Mahlke

Und dazu braucht man heute eben nur noch eine gute Kompaktkamera und/oder ein Handy. Zudem werden langsam selbst die grösseren Kameras kleiner, so dass man vielleicht sogar den Begriff der Kompaktkamera neu definieren muß…

Der Zufall als Motiv

Als ich letztes Jahr die Zeitgeist-Fotografie ausrief, da ahnte ich schon, dass es viel Zeit braucht, um wirklich gute Situationen als Metaphern zu finden und fotografisch festzuhalten. Bisher habe ich nur drei gefunden, andere vielleicht schon mehr. Das kommt auf den Anspruch und den Zufall an.

Bücher und Fotos

Aber diese Webseite lebt davon, dass ich über Fotografie schreibe, die sich immer noch oft in Büchern wiederfindet und dieses Wissen in Relation setze zu eigenen fotografischen Erfahrungen. Bücher halten Fotos fest und ordnen sie. Und Fotos halten Situationen fest.

Das alte Wissen habe ich in die neue Zeit überführt und das neue Wissen muß nun erfahren und reflektiert werden – auch von mir.

Ich hoffe, auch zukünftig so anregende und tiefe Kommentare zu erhalten und vielleicht dadurch umgekehrt die Wege und die Ziele im Wechselspiel neu zu justieren.

Auf dem Weg in die digitale Klassik der Fotografie

Daher wird diese Webseite dies aufnehmen und im eigenen Rahmen umsetzen. Das ist der Weg – und das Ziel. Es ist der Weg in eine digitale Fotoklassik, in der mit den neuen technischen Möglichkeiten die Wirklichkeit durch Fotos dargestellt wird – aber ganz im Sinne der klassischen Dokumentarfotografie mit Engagement und Augenmaß!

Der Weg ist das Ziel

Und wenn man da ist (wo man hin will?), dann weiß man auch, dass der Weg nicht gesucht sondern nur gefunden werden kann durch die Aneignung der Welt, indem man einfach lebt im Sinne von Da-Sein.

Mr. Spock würde sagen „Faszinierend“ – in diesem Sinne …

Text Version 1.1

Vom virtuosen Photographen zur virtuellen Fotografie

Foto: Michael Mahlke

Seitdem Bourdieus „Eine illegitime Kunst“ 1965 erschienen ist, ist die Diskussion darüber nicht abgerissen, aber immer nur in kleinen Kreisen.

Deshalb möchte ich meine Beschäftigung mit diesem Thema und den sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie mit diesem Artikel dem aktuellen fotografischen Zeitgeist zuführen und damit auch diesen Zyklus beenden und mich vom Schreiben mehr abwenden und dem Fotografieren mehr zuwenden.

In Bourdieus Buch schreibt Jean-Claude Chamboredon über „Mechanische, unkultivierte Kunst“. Dort benutzt er den Begriff des „virtuosen Photographen“ und läßt unter anderem Brassai, Man Ray und Henri Cartier-Bresson zu Wort kommen.

Damit ist klar, was mit diesem Begriff zu Beginn der 60er Jahre gemeint war: gelungene Fotos.

Damals war das Thema Fotokunst noch nicht so stark abgegrenzt vom Thema Dokumentarfotografie und teilweise deckungsgleich.

Wodurch ist ein Foto gut?

Ein paar Jahre danach schrieb 1969  Andreas Feininger zur Frage “Wodurch wird eine Fotografie gut?”

folgendes: “Beim Analysieren von Fotos, die ich instinktmäßig als »gut« empfand, fand ich, daß diese Bilder ausnahmslos, obwohl in verschiedenem Maße, vier besondere Eigenschaften hatten:

  1. Aufmerksamkeit zu erregen
  2. Absicht und Sinn zu offenbaren
  3. gefühlsmäßig zu wirken
  4. grafische Gestaltung zu besitzen.”

Diese Attribute beziehen sich offenkundig auf Fotos und nicht auf Fotokunst. Doch die Schnittmenge bleibt wie noch zu sehen sein wird.

Was ist virtuos?

Damit kommen wir der Frage, was man unter einem virtuosen Photographen verstehen kann, ein Stück näher.

Virtuos ist eine Fähigkeit, die über das Erlernte hinausgeht. Virtuos ist damit individuell und somit personengebunden.

Und virtuos ist an eine spezielle Fähigkeit gekoppelt. Hier ist es die Fähigkeit, aus einem Fotoapparat mehr herauszuholen als andere auf bestimmte Weise.

Dies ist also weniger die Fähigkeit, einen Fotoapparat bedienen zu können als z.B. die Fähigkeit, den richtigen Zeitpunkt in einer Situation einzufangen oder das Foto geometrisch zu gestalten oder das Wichtige vom weniger Wichtigen durch Schärfe bzw. Unschärfe zu trennen etc.

Das hat auch etwas mit Visionen zu tun, die das eigene fotografische Tun leiten und es hat mit dem Zeitgeist zu tun, der sich aus den dominierenden Sichtweisen zusammensetzt, die wiederum mit den technischen Möglichkeiten zusammenhängen.

Zwischen virtuos und virtuell

Um das Thema konkret anzupacken, möchte ich die hier mehrfach fotografisch dargestellten, bearbeiteten bzw. als Fotokunst kreierten Bücher nehmen, die zusammen fast einen Zeitraum von 50 Jahren Beschäftigung mit dem Thema Fotografie und Fotokunst abdecken und den sozialen Umgang mit Fotografie durch sich selbst und durch die Inhalte dokumentieren.

Bourdieu untersuchte Fotografie und ihre Anwendung im Rahmen der sozialen Verhaltensweisen. Seine Beispiele zeigen, dass die Gestaltung von Fotos vielfach durch die Menschen erfolgt, die aufgenommen werden.

So fangen Familienfotos keine spontanen Situationen ein sondern sind geplante Ereignisse mit Anzug, Positionierung der Gruppe und gewollter Aussagekraft.

Dies ist dann ein sozialer Prozess, der dokumentiert wird, eben eine soziale Gebrauchsweise.

Foto: Michael Mahlke

Fotografie als fortgeschrittene Kunst

Charlotte Cotton verfolgt in ihrem Buch „the photograph as contemporary art“, die Entwicklungen seit dieser Zeit (das Buch ist mittlerweile auch auf deutsch erschienen, zur Beurteilung der Übersetzung ins Deutsche gibt es hier Informationen).

Sie zeigt, dass die Versuche, aus Fotografie „conceptual art“ – also eine geplante Kunst – zu machen, durch die Nutzung der Fotografie bei Künstler-Vorführungen (Performances) erhebliche Anstösse bekam.

Aus Schnappschüssen und ihren Meistern/- innen entwickelte sich eine gestaltete Fotografie, die das eigentliche Bild vielfach nur noch zum Festhalten der ausgedachten Situation nutzte.

Und es entwickelte sich „Deadpan“. Es ist der englische Begriff für emotionslos und weist auf die Fotografie hin, die ohne Anteilnahme Aufnahmen plant und festhält.

Diese wurde in den 90er Jahren populär, quasi parallel zum wachsenden Markt für Fotokunst.

Es sind Bilder, die als „Germanic“ bezeichnet werden und Namen wie Becher und Gurski meinen. Aber auch Niedermayr, Smith oder Burtynsky fallen darunter.

Es ist eine neue Sachlichkeit der Fotografie, die durch ihre unpersönliche Art der Darstellung sich gut zur Vermarktung im Bereich Fotokunst eignet.

State of the art photography

Das zur Ausstellung im NRW-Forum erschienene Buch „state of the art photography“ zeigt nun einen weiteren Schritt. Parallel zu realen Welten werden nun aus Fotos auch neue Welten kreiert.

So heisst es zum Beispiel bei Alex Grein, die bei Andreas Gursky ausgebildet wurde: „Die fotografischen Arbeiten Arbeiten setzen sich aus Bildausschnitten zusammen, die Satellitenaufnahmen von Google Earth entstammen. Deren Objektivität wird durch eine subjektive Rekonstruktion abgelöst. Eine neue Landschaft entsteht.“

Ossian Ward hat dies alles in dem Buch so ausgedrückt: „Die Künstler, die heutzutage mit dem Medium Fotografie arbeiten, sind deshalb nicht einfach nur Fotografen sondern auch Kuratoren, Archivare, Geschichtenerzähler und Gestalter von Abbildern der Wirklichkeit oder ihrer selbst erdachten Welten.“

Nun gab es dies schon länger. Aber entscheidend ist nicht die Existenz von Dingen und sozialen Verhaltensweisen sondern die Dominanz im öffentlichen und sozialen Raum.

Also, was wird in Museen ausgestellt, worüber schreiben die Medien offline und online, was wird im Fernsehen gezeigt, worüber gibt es neue Bücher und vieles mehr.

Und da ist es so, dass diese Themen aktuell dominieren. Und damit ist aus der virtuosen Fotografie eine virtuelle Fotografie geworden, die nicht mehr das Abbilden der Realität sondern die Verarbeitung von digital vorliegenden Inhalten jeder Art zum Thema hat.

 

Foto: Michael Mahlke

 

Der Markt für diese Art von transzendierter Fotografie wächst. Gestaltete reale und virtuelle Inhalte werden immer mehr im sozialen Umfeld von Menschen eine Rolle spielen. Die Fotografie als Element des menschlichen Alltags wird zunehmend zum Ausdrucksmittel einer neuer Definition von Kunst.

Somit wird sicherlich auch bald der Begriff der virtuosen virtuellen Fotografie Einzug halten, um sich besser von anderen unterscheiden zu können.

Ich bin gespannt, wann und wo es soweit ist.

So hat sich der Zeitgeist gewandelt und zeigt sich heute fotografisch in dieser Form. Es sind 50 Jahre Geschichte der Fotografie und Umgang mit einem Medium. Doch wir haben die Schwelle ins digitale Land erst kurz hinter uns gelassen. So wird die Zukunft digital, bunt und auch weiterhin dynamisch voller fotografischer Überraschungen sein.

Was in 50 Jahren unter Fotokunst verstanden wird, werde ich nicht mehr erleben. Aber die Veränderungen der letzten 50 Jahre zeigen, dass es nicht so bleibt wie es ist.

Das ist sicher.

Textversion 1.1

State of the Art Photography

„State of the Art Photography“ zeigt einen einzigartigen Überblick über den aktuellen Stand der Fotografie. Rund 40 Künstler unterschiedlicher Nationen beweisen: Die Fotografie befindet sich in einem großen Wandel. Nicht nur die digitale Revolution verändert und erweitert das Bildermachen, auch der globale Datenraum selbst ist zu einer neuen Ressource geworden. Ebenfalls ist der entgegengesetzte Weg zum analogen Unikat wieder eine Option. So sind Themen wie Migration und Globalisierung stark vertreten. Die in diesem Buch vorgestellten Fotografen haben neue Heroen, sind offen für neue Präsentationsformen. Die Fotografie scheint endgültig in der freien Kunst angekommen.“

Und tatsächlich zeigt dieser Text den Inhalt des Buches und wie man heute mit Fotografie umgehen kann. Es ist ein großes Buch, welches weite Verbreitung erfahren wird, weil es eine Ausstellung im NRW-Forum begleitet und dokumentiert.

Jeweils ca. sechs Seiten geben einen Einblick in die männlichen und weiblichen Fotografen bzw. Künstler und ihr fotografisches Tun: Peter Ainsworth, Jacob Aue Sobol, Olaf Otto Becker, Laura Bielau, Miriam Böhm, Elina Brotherus, Bianca Brunner, Stefan Burger, Asger Carlsen, Katalin Deér, Martin Denker, Jan Paul Evers, Daniel Gordon, Alex Grein, Harry Gruyaert, Oliver Helbig, Ulrich Hensel, Stefan Hostettler, Pepa Hristova, Sanna Kannisto, Annette Kelm, Jeremy Kost, Mischa Kuball, Edgar Leciejewski, Tim Lee, Maziar Moradi, Armin Morbach, Andreas Mühe, Taiyo Onorato & Nico Krebs, Alex Prager, Rico Scagliola & Michael Meier, Arne Schmitt, Anja Schori, Jeremy Shaw, Kathrin Sonntag, Heidi Specker, Mikhael Subotzky & Patrick Waterhouse, Anna Vogel, WassinkLundgren, Moritz Wegwerth, Pinar Yolaçan.

Ossian Ward schreibt in seinem Vorwort: „Nein, die Fotografie ist bei Weitem nicht am Ende. Sie ist nur ziemlich aus dem Ruder gelaufen. … Tatsächlich gibt es heute kaum noch so etwas wie banale Fotografie…. diese Ausstellung und diese 41 Künstler beschäftigen sich mit einem oder mehreren der vielen Themen und loten damit alle Möglichkeiten aus.“

Und so ist ein Buch entstanden, das aktuelle Ansätze der Fotografie und der Fotokunst in der Gegenwart zeigt. Es ist ein Einblick, es ist kein Überblick. Das Buch ist gut und übersichtlich gemacht und es lohnt sich, auch wenn man nicht in die Ausstellung geht. Denn man bekommt einen Geschmack für das, was man leiden kann und für das, was einem nicht gefällt. So trägt dieses Buch zur Geschmacksbildung und zur Unterscheidung bei und hilft, eine eigene fotografische Meinung zu entwickeln.

Fotokunst ist in aller Munde. Hier ist sie geballt und gut zu sehen.

Einen Einblick in das Buch gibt es direkt auf den Seiten von Feymedia.

State of the Art Photography

Essay von Ossian Ward
Hardcover, Fadenheftung
264 Seiten
237 Abbildungen
Format: 24 cm x 30 cm
Zweisprachige Ausgabe:

Englisch / Deutsch

ISBN 978-3941459380

 

 

Die Kunst und die Revolution sind das Werk von Amateuren oder warum die Gedanken von Dieter Hacker so aktuell sind

Ein Blick auf die Gedanken von Dieter Hacker – Foto: Michael Mahlke

Kennen Sie Dieter Hacker?

Ich kannte ihn auch nicht. Aber als ich mein Projekt Zeitgeist-Fotografie vorgestellt hatte, stieß ich Wochen danach auf einen Text. Und der war von Dieter Hacker aus dem Jahre 1974. Damit nicht genug. Er nahm 1982 an der Ausstellung Zeitgeist teil, las ich in der Wikipedia.

Zeitgeist? Genau!

Wieso holt mein Ansatz zur aktuellen Zeitgeist-Fotografie die Vergangenheit in die Gegenwart und landet bei Dieter Hacker?

Da fragt man sich dann, ob es eine Synchronizität der Ereignisse gibt oder alles nur Zufall ist.

In dem ca. 1300 Seiten dicken Werk aus dem Schirmer-Mosel Verlag zur Theorie der Fotografie gibt es ein paar wenige Seiten mit dem Text von Dieter Hacker über „Profis und Amateure“.

Der Profi

Dort lesen wir zum Beispiel: „Der Fotograf nimmt Stellung zur Wirklichkeit, wie sie ihm erscheint. Der Blick des Professional auf die Wirklichkeit gleicht dem der Nutte auf den Kunden. Er sucht sie nach Ausbeutungsmöglichkeiten ab. Der Profi steht immer zu Diensten. Aber nicht jedem. Selber ein charakteristisches Produkt unserer Gesellschaft, stellt er seine Fähigkeiten dem Teil der Gesellschaft zur Verfügung, der die Normen bestimmt. Da findet er das Geld und die Anerkennung.“

Der Amateur

Aber das ist noch nicht alles. An anderer Stelle in dem Text „Profis und Amateure“ von 1974 heisst es: „Der Amateur liebt seine Arbeit. Dieses Verhältnis zu seiner Arbeit hat für ihn viele Konsequenzen. Denn unsere Gesellschaft honoriert nicht, was wir lieben, sondern was wir für ihren Fortbestand leisten. Die Arbeit des Amateurs gilt wenig. Da er seine Arbeit macht, um ein persönliches Bedürfnis zu befriedigen, bleibt er in der Regel auch der wichtigste Nutznießer seiner Arbeit… Der Amateur ist für die Industriegesellschaft nur interessant, sofern man mit ihm Geschäfte machen kann. Beim Fotoamateur ist das so. Unermüdlich und mit Hilfe von Werbeanzeigen, Großplakaten, Fotomagazinen, Fotoausstellungen, Fotobüchern und Sondereinlagen der illustrierten Zeitungen werden die Leute zum Fotografieren angeregt.“

Revolution und Kunst

Und dann kommt das Geheimnis der Kunst und der Revolution: „Befreit davon, Waren produzieren zu müssen wie der Profi, hat der Amateur die Chance, durch seine Arbeit zu wichtigen Einsichten zu kommen und sie, unberührt von den Interessen professioneller Multiplikatoren vermitteln zu können. Was dem Berufskünstler kaum gelingt, nämlich die Realisation seiner Intentionen; was ihm deshalb nicht gelingt, weil sich aus dem wahren Charakter des Kunstwerkes Zwänge ergeben, denen er sich schwer entziehen kann, ist für den Amateur kein Problem, denn er muß von seiner Amateurarbeit nicht leben.

Amateurarbeit, die sich von ihrer Fixierung an die Arbeit der Profis befreit, könnte eine Ahnung davon vermitteln, was nicht entfremdete Arbeit ist und so eine wichtige Utopiefunktion erfüllen. Nicht vergessen: die Revolution ist die Arbeit von Amateuren.“

Knapp 40 Jahre später

Dass man bei der Beschäftigung mit der Theorie und Praxis der Fotografie auf solche Gedanken stößt, ist schon bemerkenswert. Wie aktuell sind diese Gedanken und wie aktuell ist seine Bestandsaufnahme der damaligen Realität von Profis und Amateuren?

Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, dann kann man eigentlich nur feststellen, dass die Feststellungen von 1974 seitdem ausgebaut und verfeinert worden sind.

Die Wahrnehmung der Wirklichkeit hat durch die Massenmedien eine Veränderung erfahren.

Wahr und wirklich?

Wahr ist nicht mehr, was wirklich ist, sondern vielfach in der Wahrnehmung nur das, was medial vermittelt wird. Die digitale Dimension kam hinzu, zur Zeit als Chance und Risiko.

Die Schlüsselrolle

Aber die Rolle des Amateurs?

Das ist die Schlüsselrolle in diesem Text, der natürlich viel länger und ausführlicher ist als hier durch drei Zitate dargestellt werden kann.

Doch  meine Fokussierung auf die Themen Profi, Amateur und Fotokunst ist das Dreieck der Debatte, um die es in Theorie und Praxis geht.

Die Rolle der Dokumentarfotografie

Da hinein gehört auch die Frage nach der Dokumentarfotografie. Sind Amateure die eigentlichen Dokumentarfotografen? Mir scheint es fast so. Denn mit Dokumentarfotografie läßt sich kaum Geld verdienen.

Die Themen gestalteter Dokumentarfotografie halten oft eine Wirklichkeit fest, die selbst von den Beteiligten entweder anders wahrgenommen wird oder oft lieber anders gesehen wird.

Und es sind nicht nur die Themen der Mächtigen sondern auch der Ohnmächtigen. Ist Dokumentarfotografie Geschichte von unten? Wenn, dann sicherlich nur zum Teil.

Aber genau daraus erwachsen die Dinge, die heute wichtiger werden.

Denn Liebe, Leidenschaft und Lebenszeit sind Eigenschaften, die die Arbeit der Amateure auszeichnen, nicht die der Profis. Und daraus erwächst fotografisch und individuell der Geist, der Hoffnung schafft.

So landen wir mitten im Thema Fotografie ganz plötzlich bei Grundfragen, die uns aktuell alle angehen.

Da bekommt der Satz „Wer fotografiert, hat mehr vom Leben“ eine völlig neue Bedeutung.

Die wachsende Bedeutung der Amateure

Weil zudem Fotokunst immer wichtiger wird als verkaufbares Produkt, wird die Bedeutung der Amateure zunehmen für Fotos und Fotokunst – in der Kunst und als Kunden der Fotoindustrie.

Und auch hier bemerken wir, dass die Produzenten der Ware Fotokunst versuchen, sich als Profis dieser Szene von den Amateuren abzugrenzen. So beginnt eine weitere Drehung mit denselben Mechanismen.

Und deshalb scheint es so zu sein, dass die Zukunft der Fotografie und die Zukunft der Welt nur von Amateuren gestaltet werden kann – und nicht von Profis, oder?