Tag Archive for Fotojournalismus

Der neue Fotojournalismus und der neue Presseausweis

Als ich 2010 über den Tod des Fotojournalismus und die Zeit danach schrieb, war ein neuer Weg das Video.

Es wurde kein Bildersatz wie damals einige vermuteten.

Zwar sind Videos heute mit jedem Smartphone möglich und überall anschaubar aber sie ersetzen keine Texte und keine Fotos, wenn es mehr sein soll als Ereignis ohne Einordnung oder Fokussierung. Video ist eine andere Welt, die umgekehrt auch nicht durch Fotos abgedeckt werden kann. Richtige Videoreportagen sind aufwändig geblieben, weil sie gestaltet werden müssen und Fotojournalismus bleibt, weil Fotos eben nicht direkt ersetzbar sind. Darauf hat aus akademischer Perspektive nun auch Annette Vowinckel hingewiesen.

Was sich geändert hat ist die verbreitete Nutzbarkeit und das, was verkaufsfähig ist. Inszenierte Fotografie, photogeshopte Fotografie und unglaublich viele Verkaufsfotos sind dabei neben dokumentierenden Fotos.

Alles verändert in der sozialen Kommunikation hat der Einzug der visuellen Sprache. Fotos sind sprechen, denn heute tippt man für Wörter und für Fotos einfach im Smartphone, einmal auf die Tastatur und einmal auf den Auslöser.

Daneben gibt es die themenbezogene Fotografie und Reportage, die über den direkten Sprechwert hinausgeht.

Digital ist eben alles möglich.

Das ist sehr gut zusammengefaßt im Handbuch des Fotojournalismus zu finden.

Und so ist die Zeit danach heute eine Zeit voller Fotos und voller Treppenwitze der Weltgeschichte.

Auf einen speziellen Fall möchte ich aus aktuellem Anlass hier noch einmal hinweisen. Ich habe ja vor Jahren keinen Presseausweis von Freelens erhalten, weil ich nicht überwiegend mit Fotos Geld verdiente. Das fand ich sehr unfair, weil man doch ein Journalist sein kann auch wenn man sein Geld vielfach anders verdient. Das erhöht ja gerade die journalistische Unabhängigkeit.

Das interessierte aber sehr wenig Menschen. So wurde ich Publizist, also Selbstzahler. Der Publizist ist alles in einem, Wissenschaftler, Journalist und Schriftsteller:

„Der Publizist ist ein Journalist, Schriftsteller oder Wissenschaftler, der mit eigenen Beiträgen (Publikationen) – beispielsweise Analysen, Kommentaren, Büchern, Aufsätzen, Interviews, Reden oder Aufrufen – an der öffentlichen Meinungsbildung zu aktuellen Themen teilnimmt,“ so die wikipedia.

Jetzt sind wir vier Jahre weiter. Und da finde ich einen Artikel von Sascha Rheker, auf dessen Blog ich gerne lese, und Herr Rheker schreibt folgendes: „Zu sagen, daß der Pressesprecher von Monsanto natürlich Journalist ist und der Fotograf, der es sich mit Hochzeitsfotografie selbst finanziert hat, eine Reportage über die Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln in Südamerika zu fotografieren, der ist, für die Herren auf den hohen Rössern, kein Journalist, das ist ein Schlag ins Gesicht des Fotojournalismus!“

Ja, das habe ich dem djv auf seiner Webseite schon vor Jahren geschrieben ohne Antwort zu erhalten.

Was mich damals schon betraf, betrifft jetzt immer mehr, aber mich nicht mehr.

Damals schrieb ich u.a. folgendes:

„Und tatsächlich, wer also vielfach und überwiegend journalistisch tätig ist,

  • indem er als Rentner/Arbeitsloser/Einkommensloser kontinuierlich einen Blog betreibt, auf dem Informationen aufbereitet werden,
  • an einer regelmässigen regionalen Zeitung mitarbeitet,
  • Bürgerfunksendungen produziert,
  • eigene Webmagazine und Publikationen aufbaut,
  • Bürger- oder Studentenzeitungen mit herausbringt,
  • als freier Journalist Artikel oder Internetbeiträge verkauft, aber davon nicht leben kann

und dies überwiegend und dauerhaft journalistisch tut, erhält nach der Logik der oben genannten Verbände keinen Presseausweis?

Ist das also keine professionelle Arbeit, weil sie nicht hauptberuflich ist?“

Der Treppenwitz der Weltgeschichte ist, ich habe zwar mehr als 1500 Artikel und noch mehr Fotos in den letzten Jahren publiziert und habe täglich im Schnitt ca. 5000 Leserinnen und Leser, aber einen Presseausweis von einer dieser Organisationen erhalte ich nicht.

So ist das in Deutschland.

Wenn ich es unter dem Gesichtspunkt der sozialen Gebrauchsweisen betrachte, dann ist der Presseausweis ein Disziplinierungs- und Selektionsinstrument.

(Nachtrag:  Als ich diese Gedanken hier schrieb, wußte ich noch nicht, daß es schon wieder eine Neuerung gab und der Presseausweis ab 2018 nur noch der Abschottung der dienenden Medien dient. Das entscheidende Kriterium ist allein die Hauptberuflichkeit nicht die Unabhängigkeit und Blogger müssen draussen bleiben.)

Neue Zeiten bräuchten neue Antworten, aber umgekehrt ist es so, daß weniger Presseausweise weniger Zutrittsmöglichkeiten und mehr Kontrolle der Ausweisinhaber ermöglichen. Und man will natürlich auch durch exklusive Zugänge über Dinge  berichten dürfen, mit denen man Geld verdienen kann. Aber dann wären natürlich gerade die, die jetzt keinen erhalten, besonders darauf angewiesen….

Soziale Netzwerke und Blogs sind daher die Plattformen für die, die nicht dahin dürfen, wo die offiziellen Situationen stattfinden.

Damals arbeitete ich auch noch in der regionalen Berichterstattung, weil vor Ort die soziale Lebensfront ist, auch fotografisch.

Bei der Stadt Wuppertal hat man mich damals sogar bewußt nicht in einen Verteiler aufgenommen, damit ich nicht zu offiziellen Veranstaltungen kommen kann, um Fotos zu machen. Da hatten/haben einige Angst vor der Kraft meiner Fotos, weil sie unberechenbar ehrlich und entlarvend sind. Ja so war das und so ist das. Mit Presseausweis hätte ich mir das erzwingen können.

Und so konkret sind Diskriminierung und Ausgrenzung, obwohl dieselben Menschen woanders so tun als ob sie dies nie machen würden.

Erwischt!

 

Agenten der Bilder von Annette Vowinckel

Vowinckel

Vowinckel

Für das Buch braucht man eine Woche, dafür spart man sich hundert Jahre. Das ist ein ziemlich gutes Geschäft.

„Gegenstand dieses Buches ist … die Erforschung der visuellen Dimension von Politik unter den spezifischen Bedingungen des 20. Jhrdts…. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Historiker besser qualifiziert sind, die Geschichte der Öffentlichkeit und vor allem die Geschichte von Institutionen wie Presseorganen, Bildagenturen und Zensurbehörden zu erforschen als die Kollegen aus der Kunstgeschichte.“

Das ist doch mal eine Ansage.

Und so geht Frau Vowinckel los und hat sich einen Überblick über Archive, Bestände und Arbeitsmöglichkeiten verschafft und dann eine Auswahl, ihre Auswahl, getroffen. Diese wird systematisch und nachvollziehbar dargestellt.

Sie schaut nach dem Fotografischen Handeln, weil dies „ein Spezifikum der Moderne (ist), das seine volle Wirkungsmacht mit der Möglichkeit der massenhaften Reproduktion, genauer – der Reproduktion in Massenmedien, entfaltet.“

Das klingt alles akademisch und wissenschaftlich und ist es auch. Aber auf der Strecke durch das Buch wird es oft lesbarer.

Sehr beeindruckt hat mich ihre Schilderung der Anfänge der Fotojournalisten, die sich von Fotografen dadurch unterscheiden, daß sie draussen und/oder unterwegs sind und zu Ereignissen gehen – im Gegensatz zum Fotografen. Möglich geworden war dies durch kleine Kameras.

Es war kein Lernberuf sondern Learning by Doing und eine Chance für viele Emigranten nach der Vertreibung durch die Nazis oder Faschisten selbst Geld zu verdienen. Arbeiter,  rassisch oder religiös Verfolgte und Migranten dominierten.

Weil es eine neue Art war, Geld zu verdienen, war dieser Bereich auch noch nicht sozial durch die traditionellen Eliten besetzt und vieles möglich.

Heute wird man dies nicht mehr aus der Not heraus sondern eher weil man keine Not hat und es sich leisten kann die Kurse zu besuchen, die als Eintrittsbillett fungieren in die eher abgeschlossene Welt des Journalismus, würde ich ergänzen.

Aber das ist ein anderes Thema.

Die genaueste Landkarte ist so groß wie das Land, das sie darstellen soll. Das hat Frau Vowinckel sinnvollerweise vermieden und schildert in großen Kapiteln ihr Thema in dem Wissen, daß „die Auswahl der Quellen in gewissem Maß willkürlich ist“ und mancher Recherche durch „mangelnde Sprachkenntnisse“ Grenzen gesetzt wurden.

Aber die großen Linien sind klar herausgearbeitet und wer mehr will, der kann die Anmerkungen und Verweise ja selbst noch aufsuchen.

Bei ihr finden sich auch Texte über die Protokollfotografen, die wir auch heute noch täglich sehen, wenn Sie mit dicker Linse große Fotos von Merkel und Co aufnehmen.

Sie nennt es Fotografie im Staatsdienst und meint damit nicht polizeiliche Tatortfotografie sondern die staatliche Bilddarstellung.

Protokollfotografen haben oft das einfachste Geschäft und sind zudem meist völlig staatstragend bis zur Apathie ohne kritischen Bildwert. Das gilt für die Bundesregierung ebenso wie für die USA.

„Echte“ Fotojournalisten lebten da anders. Sie mußten immer rumreisen und waren als Kriegsfotografen natürlich extrem belastet. Aber die Mehrheit der Fotojournalisten war nicht im Krieg sondern war irgendwo vor Ort – ganz entspannt.

Frau Vowinckel beschränkt sich komplett auf das 20. Jhrdt. betont aber zugleich: „… dass das Goldene Zeitalter des Fotojournalismus mit dem Aufstieg des Fernsehens zum Leitmedium und der Einstellung von Magazinen wie Picture Post oder Life zu Ende (ging), halte ich für falsch. Noch heute gibt es einen Großen Markt für Fotoreportagen und die Preise für journalistische Fotografien sind nicht linear gesunken, sondern punktuell stark gestiegen.“

Insofern lohnt es sich darüber nachzudenken, wie aktuell das Buch für heute ist und ob ihre Ansicht so stimmt.

Sie zeigt uns wie vielfältig die Bilderwelt jenseits von Magnum war und verbreitert durch das geschilderte Mosaik ungemein den Blick. Sie leuchtet in die Staatspropaganda und die Bildagenturen wie AP, die es durch die Nutzung von Übertragungsleitungen schafften, weltweit besser als andere zu sein.

Sehr viele englische Zitate zeigen, dass der Aufstieg der Fotoagenten wesentlich vom anglo-amerikanischen Markt geprägt war.

Frau Vowinckel versucht immer wieder diese Sichtweise um andere Aspekte zu ergänzen, wenn sie über Themen wie Fotojournalismus in Afrika, Fotojournalismus und FBI, Fotografie in der DDR zwischen Stasi und subversiven Aufnahmen eigene kleine Kapitel einstreut. Das läßt Bewußtsein wachsen und zeigt, daß es mehr gab als wir je erfahren werden und ihre „Fallbeispiele“ werden so konkret wie eine Tiefseebohrung. um mich plastisch auszudrücken.

Sie schließt das Buch mit einem brillianten Abschlußkapitel, das ich hier nicht wiedergebe bis auf eine Frage von ihr, um die Neugier zu erhöhen:

„Was für Bilder hätten das 20. Jhrdt. geprägt, wenn Fotojournalisten akademisch gebildete, von Konkurrenzdenken und individuellem Leistungsstreben getriebene Stubenhocker gewesen wären?“

So wie heute?

Das Buch ist einfach klasse.

Es ist im Wallstein-Verlag erschienen.

Annette Vowinckel

Agenten der Bilder

Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert
Reihe: Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte (hg. von Jürgen Danyel, Gerhard Paul und Annette Vowinckel); Bd. 2

ISBN: 978-3-8353-1926-4

Zwischen Anti-Fotografie und Radical Art

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Ich bin etwas hin- und hergerissen, weil es so viele Begriffe gibt. Aber ich will es versuchen.

Vor fünf Jahren schrieb ich über Anti-Landschaften und die neue Naturfotografie. Neu war dabei vor allem, daß nicht nur die schönen Seiten aufgenommen wurden sondern die neue Wirklichkeit, also die unbeachteten und ausgeblendeten Teile unserer Wirklichkeit im Raum. Aber es ging seitdem ja weiter.

Die bekanntesten Namen heute sind sicherlich Edward Burtynsky, Sebastiao Salgado und Nick Brandt.

Hinzu kommen viele andere, die ich nicht kenne und einige, die ich kenne wie John Ganis oder Camilo José Vergara.

Bei ihnen sieht man die Ergebnisse menschlichen Handelns.

Die Menschen selbst mit ihrem Handeln sieht man eher auf anderen Fotografien.

Jenseits der Nachrichten ist sicherlich Martin Parr mit seiner Art die Dinge zu sehen der bekannteste Fotograf, der die Menschen in der Konkretheit des Konsums und des Sozialen bis in die gelebte Absurdität zeigt.

Aber er steht hier stellvertretend für viele andere Namen, von denen einige auf diesem Blog schon genannt wurden.

Es sind thematische Blicke, die zugleich auch Botschaften sind, auch kritische Botschaften.

Und sie haben auch eine Funktion in der neuen visuellen Kommunikation, wobei die Erzeuger der Fotos dies vielleicht nicht immer so sehen. Das weiß ich aber nicht.

Unter dem Gesichtspunkt der Zuordnung in soziale Zusammenhänge sind es oft Fotos, die sich zwischen dem Anti-Fotojournalismus und dem alternativen Gebrauch der Dokumentarfotografie bewegen.

Sie versuchen eben auch die vorhandenen Bilderwelten unseres Kommunikations- und Denksystems zu relativieren. Sie sind konkret im kommunikativen Zusammenhang.

Das geht umgekehrt bis zur radikalen Kunst, radical art, die heute Lebensverarbeitung durch (z.B. visuelle) Einmischung in extremen Zusammenhängen ist.

Was kann man darunter verstehen?

Andrew Wilson hat dies in einem Essay zum Thema “Radical Art Practices in London in the Seventies” so ausgedrückt:

“Viele Künstler identifizierten sich in diesem Zeitraum aktiv mit dem Klassenkampf und den Arbeiterrechten. Hierin spiegelt sich der Übergang von einer Kunst, welche den Zustand der Kunst hinterfragte, zu einer Kunst, welche die Rolle der Kunst innerhalb einer Gesellschaft infrage stellte und schließlich zur Inkraftsetzung einer Kunst führen sollte, die für eine solche Identifikation stehen sollte und mit ihr arbeiten sollte.”

Es ging darum, fotografische Bilder auf eine Weise zu präsentieren, welche die Strukturen der orthodoxen Kultur entlarven und in Frage stellen sollte, um so auch ihre Kodierungen und ideologische Basis zu demontieren.”

Damit ist der Rahmen für radical art bzw. radikale Kunstpraxis klar, so wie sie in den 70er Jahren verstanden wurde.

Man wollte die Menschen dazu bringen, durch Hinterfragen zu fragen und durch kritisches Denken zum Mitmachen und zu sozialen Veränderungen zu kommen mit dem Ziel, bessere soziale Verhältnisse zu bekommen.

Aber Aufklärung allein reicht nicht, ist aber unerläßliche Voraussetzung für Veränderungen.

Und Aufklärung mit Hilfe von konkreten Fotos ist wichtig in anonymen Zeiten.

Denn Geld führt, egal in welcher Religion und in welcher Region.

Neue Blicke und neue Bilder in aktuellen Zusammenhängen sind entscheidend.

Dies kann sehr unterschiedlich sein

  • mit Themen wie Öl oder Wasser (Edward Burtynsky, Allen Sekula),
  • mit einer Region oder einen Kontinent imWandel (Nick Brandt),
  • mit dem Blick auf die Welt (Sebastiao Salgado)

Es können aber auch andere Themen sein, die die Konkretheit des menschlichen Lebens und des Sozialen und Asozialen heute dokumentieren so wie hier oder hier.

Und es muß nicht nur das Große sein, es kann auch das Kleine gezeigt werden so wie auf diesem Foto:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Entscheidend ist das Einbringen und das Zeigen.

Aber es wird nicht reichen, Fotos ohne Lösung anzubieten sondern diese müssen lösungsorientiert in die soziale Kommunikation eingebracht werden (genau das versucht gerade dieser Artikel).

Anti-Blicke sind dabei die Voraussetzung für neue Blicke.

Dazu kann die Fotografie beitragen.

Also los!

Der Flair des Fotojournalismus gestern und heute

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Warum reizt der Fotojournalismus bis heute? Was hat er, was andere Tätigkeiten nicht haben?

Vielleicht ist es das Dabeisein als Privileg.

Oder es ist das Image der Fotojournalisten.

Fangen sie noch die Fotos ein, die die Welt braucht und noch nie gesehen hat?

Handbuch des Fotojournalismus

3389

Ganz nah

Es gibt sie noch die guten alten Dinge. Lars Bauernschmitt und Michael Ebert haben es geschafft in digitalen Zeiten ein klassisches Handbuch zu schaffen, das von einer Webseite nicht geschlagen werden kann.

„Ganz nah dran“ ist es ihnen gelungen, eine Bestandsaufnahme des Fotojournalismus in ein Buch zu packen, welches wirklich alle wichtigen Fragen anpackt.

Wenn es nur ein Buch sein soll, dann sollte es dieses Buch sein.

Und wenn es ein Buch aus der Praxis für die Praxis sein soll, dann hat man es hier gefunden.

Ehrlich und nüchtern aber nie destruktiv werden hier alle journalistischen Themen dargestellt, die wichtig werden können in der Praxis des Fotojournalismus.

Dazu gehört auch die begründete Feststellung, daß es sich bei Fotojournalismus um Journalismus handelt, nur eben nicht um Textjournalismus sondern um Fotos mit erläuternden Texten.

Bis heute ist es ja vielfach so, daß es da Probleme gibt.

Daher resultiert dieser Hinweis wohl aus der erlebten Praxis.

Ein Handbuch muß sich auf alle wesentlichen Fragen konzentrieren.

Schon der Anfang gefällt.

Denn die Geschichte des Fotojournalismus ist wesentlich für die Horizontbildung, wenn es um die Frage geht, was eigentlich Fotojournalismus war und heute ist.

Hier erfährt der Leser, warum heute alles anders und doch so interessant ist.

Es ist ein großes und schweres Buch mit einem gefälligen Layout geworden.

Viele Interviews mit Praktikern rund ums Bild geben schnell und präzise Auskunft und lassen Menschen zu Wort kommen, die eigene Erfahrungen weitergeben.

Beispiele für Fotojournalismus und Reportagen zeigen die Unterschiede auf. Viele Fotos, die in unserem Gedächtnis schlummern, werden herausgeholt und bewußt angeschaut.

Aber auch das ABC des Fotografierens wird erläutert.

Der Umschlag des Buches wird von einer Fuji X100 und einer Canon DSLR geprägt. Auch die Technik wird diskutiert von damals bis heute und Leica wird in Relation zur gelebten Realität gesetzt, die mehr umfaßte und auch heute umfaßt.

Sätze aus der Wirklichkeit

„Neben Leica liefert auch Fuji mit der X100 eine Sucherkamera, die in letzter Zeit auf ein erstaunlich großes Interesse bei den Fotojournalisten gestoßen ist.“

Ein Satz aus der Praxis für die Praxis.

Es bleibt nicht bei diesem Satz.

„Eine freie Berichterstattung über das politische Geschehen in Deutschland gibt es fast nicht mehr.“

Das ist auch so ein Satz, der schnell wieder den Blick zurück in das Buch leitet.

Oder „Das Fotobuch darf nicht einfach nur ein Informationsträger für den Inhalt sein. Es muss ergänzend Qualitäten aufweisen, die möglichst alle Sinne ansprechen.“

So ist ein Handbuch entstanden, das bis zur Verschlagwortung und der Kalkulation eines Auftrags alle Aspekte anspricht, die der angehende Fotojournalist wissen muß, um gut gerüstet zu sein mit Kameras und im Kopf.

Es soll eine Bestandsaufnahme sein, die ein Querschnitt durch den Fotojournalismus heute ist.

Aber es kommt eben auch die Vergangenheit und der Blick auf die Gegenwart vor, die versucht, sich für die Zukunft zu rüsten.

Es geht in dem Buch auch um die eigene Einstellung und die Frage, welche Haltung ich entwickeln will, denn mehr Geld verdient man mit PR als mit Fotojournalismus.

Dennoch erlauben Interviews mit Lokalreportern dann auch, Wege zum Verdienst heute zu zeigen, wenn man versteht, daß es auf die Summe der Teile ankommt.

Fotojournalismus ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Viele konnten früher und bis heute nicht allein davon leben.

Magnum als Hobby

Und daher finde ich auch den Blick auf die großen Namen so erhellend.

„Cartier-Bresson stammte aus einer der reichsten Familien Frankreichs. Was nicht zuletzt bedeutete, daß er im Gegensatz zu seinen Kollegen nie mit seinen Fotos Geld verdienen mußte.“

Solche Sätze muß man im Hinterkopf haben, wenn man über Schnappschüsse, Streetfotografie und Verdienstmöglichkeiten sprechen will.

Am Ende des Buches findet sich ein Literaturverzeichnis aus der Praxis für die Praxis – was will man mehr?

Das Buch beginnt mit dem Hinweis, daß im Fotojournalismus gute Bilder immer noch im Kopf entstehen und heute nicht mehr die neuste digitale Technik entscheidend ist.

So bietet das Buch mehr als Technik.

Es bietet zeitlos gutes Wissen für den Kopf und jede Art von fotografischer Technik.

Das Buch ist im dpunkt Verlag erschienen und wird aufgrund seiner Qualität wohl das aktuelle Standardwerk zum Thema Fotojournalismus in deutscher Sprache werden.

Meine Gratulation an den Verlag und die Autoren.

Lars Bauernschmitt / Michael Ebert
Handbuch des Fotojournalismus
ein dpunkt.plus-Buch
Geschichte, Ausdrucksformen, Einsatzgebiete und Praxis

440 Seiten, komplett in Farbe, Festeinband

ISBN: 978-3-89864-834-9

The Decisive Moment – Photographs by Henri Cartier-Bresson

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Das Buch der Bücher in der Geschichte des Fotojournalismus ist wieder da.

Es ist die Bibel vieler Fotografen gewesen und als Buch bis heute unerreicht als Vorlage für das Auge und die Chance sehen zu lernen – wenn man Gelegenheiten wahrnehmen will.

Sein Erscheinen war rückblickend damals einer der großartigsten Momente in der Geschichte der Fotobücher.

Jetzt ist es die Rückkehr eines der bekanntesten und bis heute besten Bücher zum Thema Fotojournalismus und klassische monochrome Fotografie.

Zudem ist es von Matisse gestaltet für Henri Cartier-Bresson.

Jeder, der mit Fotojournalismus zu tun hatte, kannte dieses Buch.

Aber es war jahrzehntelang vergriffen.

Denn so gut es war – so selten war es auch.

Doch wer über Fotojournalismus sprach und  wer über Henri Cartier-Bresson sprach, der landete irgendwann immer bei diesem Buch.

Images a la sauvette im Original und The decisive moment in der englischen Übersetzung ist der Titel.

Qualität bleibt.

Gut dass es wieder da ist.

So ist dieses Buch sowohl buchbinderisch als auch gestalterisch im Reprint eine Augenweide geblieben.

Und natürlich die Fotos!

Ja die Fotos.

Viele kennen sie und digital findet man sie auch.

Aber so wie sie wirklich wirken sieht man sie nur hier.

Groß, monochrom, großartig.

Der Steidl-Verlag hat ein großformatiges Booklet beigelegt von Clement Cheroux.

Dieser weist darauf hin, daß Cartier-Bresson´s Fotos ursprünglich für Magazine und Zeitungen gemacht waren und damit eine eher flüchtige Wirkung hatten.

Bücher bleiben und deshalb blieben in diesem Buch schon damals die flüchtigen Augenblicke, die entscheidenden Momente, über den Tag hinaus bestehen.

Und dann erzählt uns Cheroux die Geschichte dieses Buches von der ersten Idee an.

Wie Matisse vorging, um das Cover zu gestalten, mit welcher Technik er arbeitete, welche Materialien und welches Papier in diesem Buch genutzt wurden, warum die Fotos in dieser Reihenfolge erschienen sind und natürlich auch wie der französische und der englische Titel entstanden.

Es ist einfach wunderbar.

Das Buch hat aber noch eine andere Dimension.

Cheroux arbeitet sehr schön heraus wie dieses Buch zu einem Lebensversuch von Cartier-Bresson wird, um zwischen seiner inneren Welt und der äußeren Welt fotografisch eine Balance zu finden.

Es ist der Weg zwischen Sur-Realismus und Realismus.

Henri Cartier-Bresson The Decisive Moment ist bei Steidl erschienen.

Wer es nicht kauft oder sich nicht wünscht ist selbst schuld.

Andere haben darauf viele Jahre gewartet.

Jetzt ist die Gelegenheit da.

160 + 48 booklet Seiten

Leineneinband im Schuber
27.4 x 37 cm

Englisch

ISBN 978-3-86930-788-6

Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus von Anton Holzer

rasendereporter

„Dieses Buch handelt von alten fotografisch illustrierten Zeitungen… Dieses Buch rekonstruiert am Beispiel Österreichs die Gründungsjahre und -jahrzehnte des modernen Fotojournalismus. Es folgt den frühen Pionieren auf ihren Streifzügen, schildert den Arbeitsalltag der Fotografen und wirft einen Blick in die Redaktionen, wo die illustrierten Zeitungsseiten hergestellt werden.“

Mit diesen Worten aus dem Vorwort gelangen wir in ein opulentes Buch, das zum tagelangen Verweilen und Entdecken einlädt. Großformatig und großartig illustriert erfahren wir mit einer Fülle von substanziellen Artikeln zu allen Themen des Fotojournalismus, wie die Welt damals aussah und wie sie sich selbst sah im Spiegel der Fotografie.

Anton Holzer ist es gelungen, ein umfassendes Buch zu erstellen, das ein echtes Panorama der damaligen Zeit liefert.

Obwohl das Buch nur so von Fotos und Ausschnitten strotzt, ist es dennoch zugleich ein Buch voller Texte, die zeigen, wie man dieses Thema wissenschaftlich so bearbeiten kann, daß daraus dennoch ein lesbares Buch wird.

Gibt es eine fotografische Öffentlichkeit?

Diese Frage scheint die Leitfrage in diesem Buch zu sein und es ist eine gute Frage.

Seine Antwort ist eindeutig: „Schon sehr früh … etabliert sich … neben der … textlastigen Zeitungs- und Zeitschriftenöffentlichkeit, eine ebenso komplexe, weitaus populärere Bildöffentlichkeit. Diese frühe Form der Öffentlichkeit … scheint heute weitgehend vergessen zu sein. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Zeugnisse dieser Öffentlichkeit, die Bilder, … bisher erst wenige Historiker gefunden haben.“

Und so nimmt uns Anton Holzer mit in die fotografische Öffentlichkeit und entführt uns in die damalige Welt, die wir in Bildern betrachten können – so wie heute.

Nun ist dieses Buch über Österreich.

Ist das eine Einschränkung?

Eher nicht.

Sprachlich sind wissenschaftliche Bücher aus Österreich eher besser als aus Deutschland, weil sie mehr verständliches Deutsch und weniger unverständliche Fachsprache nutzen.

Das fällt mir auch bei diesem Buch auf.

Holzer schildert die verschiedenen Zugänge verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und bleibt dann bei einer klaren historischen Fachsprache, die die Texte lesbar und sachlich macht.

„Die wichtigsten Zentren der Bildpresse im deutschsprachigen Raum sind Berlin und Wien“, schreibt Holzer.

Und so ist dieses Buch dann aus der Sache heraus doch eine Kulturgeschichte des gesamten deutschsprachigen Raums.

Fast jede Doppelseite hat mehrere Bilder von Zeitungen oder Wochenblättern bzw. Magazinen, viele davon aus Deutschland, weil die Pressefotografie mobiler wird und über Grenzen hinweg arbeitet. Und der weg von München nach Wien ist nun auch nicht so weit. Hinzu kommt, daß in der NS-Zeit Österreich und Deutschland zusammengeführt wurden und damit auch die Pressefotografie sich veränderte.

Schon visuell kann man so in dem Buch einen Weg gehen, der unglaublich viele Eindrücke hinterläßt.

Ab Seite 206 lesen wir dann über die Wege zur modernen Fotoreportage.

Wir entdecken

  • wie sich grafische Gestaltung und Bilder ändern,
  • wie Themenseiten mit Fotos hinzukommen und wir sehen,
  • wie politische Fotografie überall zu finden ist.

Es ist ein Buch, das jedem wissenschaftlichen und thematischen Anspruch gerecht wird, aber auch die Forschungslücken aufzeigt und zu weiteren Fragen anregt.

Es ist wahrscheinlich das Standardwerk zu diesem Thema geworden und im Primusverlag erschienen.

Anton Holzer

Rasende Reporter
Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus

2014, Etwa 496 S. mit ca. 530 farb. u. s/w Abb., Register, geb. mit Schutzumschlag
Format 22,0 x 29,0 cm
ISBN 978-3-86312-073-3

6.000 Bildjournalisten – 60.000.000 Kameras?

Welche Geschichte erzählt dieses Bild? – Foto: Michael Mahlke

„Nach Schätzungen des Photoindustrie-Verbandes leben in Deutschland rund 20.000 Fotografen. Die Zahl der Bildjournalisten wird auf rund 6.000 geschätzt, das Geschäft mit der Porträt-, Passbild- und Hochzeitsfotografie betreiben weitere 6.000 Fotografen. Rund 7.000 sind in der Werbung beschäftigt und rund 1.000 fallen in die Rubrik „Sonstige“, unter der die Kriminalisten, Mediziner, Wissenschaftler und ähnliche fotografische Tätigkeiten zusammengefasst werden. “

So die offiziellen Angaben über die Situation im Berufsraum Fotografie vom Photoindustrie-Verband. Dort gibt es auch noch mehr Zahlen (pdf).

6.000 Bildjournalisten, Tendenz wohl eher rückläufig. Es verändert sich also ein Berufsbild völlig. Der alte Beruf wird verschwinden, ein neuer wird kommen.

Das ist allerdings nur die eine Seite.

Die andere Seite sind die Menschen, die es gerne wären. Die sich also eine oder mehrere Kameras kaufen und dann gerne so wären wie die „grossen“ Fotografen, denen sie nacheifern wollen.

„Vorbilder“ gibt es viele. Im Moment ist die Tendenz aktuell, dass nun Schauspieler, Musiker und Modemacher plötzlich auch prominente Fotografen sind.

Früher fotografierten Menschen wie Helmut Newton diese  (das war übrigens ein echter Fotograf), heute sind sie es selbst – oder meinen es zumindest. Aber genau diese Menschen bekommen nun Ausstellungen, vielleicht weil man glaubt, damit an Publikum zu kommen.

Thematisch ist sicher eines der besten Beispiele das Thema Streetphotography.

Immer mehr Menschen sind „Strassenfotografen“ und setzen sich kurz darauf auf eine Stufe mit Henri Cartier-Bresson und anderen bekannten Namen. Diese Menschen arbeiten oft in anderen Berufen. Sie nennen sich dann Strassenfotografen, weil sie irgendwo sind – auf der Strasse – und dann Fotos machen.

Und daraus machen sie dann eine neue Nebenberufung, die Streetfotografie.

So einfach geht das und so schön kann die Verbindung von Phantasie und Realität sein.

Das ist dann eine wahre Kreativlandschaft für PR und Kameraindustrie.

Wenn man nur mal hochrechnet, dass seit 2004 pro Jahr allein in Deutschland ca. 8 Millionen Digitalkameras verkauft wurden, dann haben wir in Deutschland heute schon mehr als  60 Millionen Digitalkameras im Einsatz.

So ist die Welt eine Bilderwelt geworden und die Zukunft des Bildes scheint aktuell sicher. Und das Thema Streetphotography wird immer mehr zunehmen, es hat unglaublichen Zulauf, wenn man sich die ganzen Webseiten anschaut, die ununterbrochen neu entstehen.

Und dann die Berichte über Streetphotography, die auch noch gut sein soll.

Da empfehle ich dann immer meine klaren Kriterien für Streetfotografie mit grossen Kameras oder mit kleinen Kameras. Das hilft wirklich bei der Beurteilung und Weiterentwicklung.

Übrigens, an welche Bilder denken Sie, wenn Sie an Fotos denken?

Ihre Bilder im Kopf sind ihre Sicht auf die Welt.

Denken Sie mal drüber nach!

Das kann sehr erhellend und lebensverändernd sein.

 

 

Steine werfen für die Journalisten?

Was machen eigentlich Fotojournalisten?
Sind sie so unterwegs wie wir uns das vorstellen oder erleben wir inszenierte Fotografie?
Je nach Person und Situation ist beides wahrscheinlich.
Wie es hinter den Kulissen aussehen kann, ist in diesem Video zu sehen:

 

Photojournalism Behind the Scenes [ITA-ENG subs] from Ruben Salvadori on Vimeo.

Der Film will zur kritischen Auseinandersetzung einladen und auch Fotojournalisten dazu auffordern, sich mit diesen Fragen kritisch auseinanderzusetzen.

 

Hipstamatic – die App für Fotojournalisten?!

Foto: Michael Mahlke

Ein Wandel hat sich vollzogen. Es gibt keine Diskussionen mehr darüber. Es ist geschehen. Das fotografische Bild der Welt hat sich geändert. Es wird bei neuen Reportagen und Berichten zunehmend von Smartphones mit Fotosoftware geprägt.

ZEIT-Reporter nutzen Smartphones schon länger als tägliches Betriebsmittel.

Doch damit hat sich nicht nur die Technik verändert sondern auch das Bild als solches. Fone und Filter sind die Grundlage für die neue Fotografie der fotojournalistischen Arbeit. Es ist eine wesentliche Erweiterung der bisherigen Fotografie.

Und welche Fotosoftware benutzen Fotojournalisten?

Offenkundig vielfach an erster Stelle Hipstamatic und an zweiter Stelle Instagram.

So wird aus einer Strasse ein fotografisches Kunstprodukt – Foto: Michael Mahlke

 

Seit Damon Winter eine Reportage mit der Hipstamatic-Software auf dem Iphone über den Krieg in Afghanistan gemacht hat und er damit Preise gewann sind die Würfel gefallen.

Mehr braucht man nicht mehr, wenn man aus Kriegsgebieten berichtet und Preise gewinnen will.

Und damit kommt man auch auf die Titelseite der New York Times.

Aber auch dabei sollte man nicht stehenbleiben.

Denn es ist eine neue Art der Fotografie, die Licht und Schatten hat.

In meinen Augen sind es immer eingefärbte Bilder mit einem sehr beschränkten Blickwinkel.

Und die Einfärbung entspricht nicht dem Vorhandenen sondern dem Auszudrückenden.

Aber was dominiert dabei?

Der Inhalt des Bildes oder die Farbenspiele der vorhandenen Filtermöglichkeiten?

Und deshalb ist das Neue in diesem Fall nicht der Feind des Guten sondern zum Teil nicht ausreichend, um die bisherige klassische Fotoreportage abzulösen.

Man kann so berichten.

Aber es ist oft interessanter, detailreiche, große und scharfe Fotos zu sehen, die viel mehr zeigen und die nicht so strukturiert sind.

Es ist eine eher expressionistische Art der Berichterstattung, die damit eingeläutet wurde.

Sie kommt sicherlich den standardisiert-technischen Individualismusbedürfnissen entgegen.

Und sie kann ebenso informationsreich sein wie andere Reportagen.

Aber sie ist anders.

So bleibt auch die Dokumentarfotografie nicht bei den alten Fotografien stehen sondern muss sich um die neue Art der Fotos kümmern, wenn diese als Grundlage für dokumentarische Fotografie dienen.

Das verändert und erweitert den Horizont.

Und ändern oder ausklammern kann man es nicht, wenn man die Wirklichkeit als Grundlage für die Berichterstattung nehmen will.

So geht es immer weiter und die Entscheidung zwischen entweder/oder wurde abgelöst vom sowohl/als auch mit einer neuen Fragestellung.

Diese lautet: welche Art der fotografischen Berichterstattung ist angemessen – dem Thema, dem Publikum, dem Budget?

Und darüber werden wir dann noch Jahrzehnte schreiben und diskutieren können…

Die Fotografin Evi Lemberger publiziert zum Beispiel auf zeit.de Reportagen, die nur aus Hipstamatic-Fotos bestehen. Offenkundig reicht dies den Redaktionen aus.

Andere Kritikpunkte sind wohl eher doppelzüngig und überholt.

David Campbell hat zurecht darauf hingewiesen, dass mit Polaroid-Fotos ebenfalls ununterbrochen jahrzehntelang gearbeitet wurde.

Und wenn die Fotos einen nostalgischen oder prosaischen Ausdruck haben, dann ist es eben so.

Da Wirklichkeit im Kopf entsteht (siehe Paul Watzlawick und seine Frage „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“) ist dies nun ein digital neuer Zugang zu älteren Betrachtungsweisen.

Wer die Chancen sieht, der sieht, dass sich die fotografischen Möglichkeiten nun erweitert haben.

Und selbst für die Strassenfotografie/streetphotography gibt es neue Chancen, wenn man folgenden Satz liest: „We’re beginning to see how the smart-phone as photographic instrument is allowing photographers to be even more spontaneous and invisible than the Leica did for news photographers in the mid 1920′s.“

Auf Deutsch steht dort sinngemäß, dass das Smartphone ein neues fotografisches Instrument ist, welches den Fotografen heute erlaubt, spontaner und unsichtbarer zu sein so wie es Leica in den 1920er Jahren für Fotografen war.

Diese Argumentationen zeigen verschiedenes.

Wir sehen, dass Bewertungen zeitabhängig sind, wir sehen, dass jede Zeit neue zivilisatorische Errungenschaften hat und wir sehen, dass wir uns kulturell trotzdem nicht weiterentwickelt haben.

Denn die Fotos, mit denen man Preise gewinnen konnte, handeln von Kriegen und nicht von Friedensfesten und der Abschaffung des Hungers und dem besseren Umgang der Kulturen.

So haben die Menschen zwar ihre Probleme nicht gelöst, können sie jetzt aber auf technisch andere Art festhalten und miteinander teilen.

Das nennt man dann wohl Fortschritt.

In diesem Sinne!

 

Mit Amnesty Fotografieren lernen

„Wenn ihnen ein solcher Aktivist in die Hände fällt, fordert man ihn auf, seinen Facebook-Account zu öffnen, genauso den Skype- und den Email-Account. Man will alles wissen, was dieser Mensch im Internet geschrieben und zu wem er Kontakt hat..“ Eine spezielle Überwachungstechnik wurde übrigens von Siemens geliefert, wie das Fernsehmagazin FAKT im April dieses Jahres berichtete.“

Diese Sätze aus dem Artikel über Syrien von Larissa Bender „Teilen und überwachen“ zeigen exakt die Kehrtseite und Schattenseite der viel umjubelten neuen Technik.

Hier wird auch der Stellenwert von Meinungsfreiheit, sozialer Sicherheit und Grundrechten sehr deutlich. Diese drei Elemente sind entscheidend und bisher nur in Demokratien verwirklicht.

Doch dieser Artikel ist nicht nur sehr wichtig und informativ. Er ist auch Teil eines Magazins, des Amnesty Magazins 11/12 2012.

Und das hat es in sich!

Hier findet sich eine Sammlung aktueller Berichte rund um das Thema Fotografie und Menschenrechte. Dabei geht es weniger um das technische Wissen.

Soziale Zusammenhänge und Probleme engagierter Fotografie sowie Erfahrungen von Fotografinnen und Fotografen stehen im Mittelpunkt.

Das Amnesty Magazin ist ein aktuelles zeitgeschichtliches Dokument über Dokumentarfotografie. Und es hat einen hohen Gebrauchswert.

„In unzähligen Fällen haben Fotografien dazu beigetragen, dass Menschenrechtsverletzungen in Krisenregionen ein konkretes Gesicht erhielten.“ So ein Satz aus dem Artikel von Ute Wrocklage und Daniel Veit in dieser Ausgabe.

Und hier ist genau die andere Seite der Medaille zu sehen. Sonst schreibe ich gerne über das Recht am eigenen Bild. Aber in Staaten, die die Menschenrechte mit Füßen treten kann das Recht am eigenen Bild kein Menschenrecht für die Menschen sondern gegen die Menschen sein. Denn in solchen Regionen und Ländern sind Fotos von Menschen wichtig z.T. sogar als Schutz vor Attacken.

Deshalb ist es wichtig, dass engagierte dokumentarische Fotografie in Nicht-Demokratien die Menschen und ihr Verhalten zeigt (meist mit deren direkten Einverständnis).

Zu Ende gedacht könnte sich sonst ein Mörder darauf berufen, dass er ja ein Recht am eigenen Bild habe und daher nicht bei seiner Tat fotografiert werden dürfe.

Gesetze sind eben auch abhängig von Umständen. Das geht nach dem Motto, wo Recht zu Unrecht wird …

Die Fotografie hat hier eine sehr politische und engagierte Aufgabe.

Wayne Minter erläutert in einem Interview, wie und warum welche Fotos für Amnesty wichtig sind. Ein Satz daraus lautet:

„Amnesty setzt Bilder für Menschenrechte und gegen Menschenrechtsverletzungen ein.“

Dieses und vieles mehr ist in diesem gedruckten Magazin zu finden. Einige Auszüge daraus finden Sie hier (link nur begrenzt gültig).

Doch das ist noch lange nicht alles.

Dann kommt die andere Hälfte des Magazins mit aktuellen Berichten zu Menschenrechten und anderen Themen von Deutschland bis Simbabwe.

Dort finden wir aktuelle Fotos, die zeigen, wie Menschenrechtsverletzungen ein Gesicht bekommen. Es ist beeindruckender Fotojournalismus und hier besteht die Chance, daraus zu lernen. Denn diese Fotos sind ja erfolgreich sonst würden sie hier nicht abgedruckt und sie sind entstanden und haben einen Aufbau und einen Ausdruck.

Das Magazin ist in meinen Augen rundherum thematisch und fotografisch lesenswert und aufbewahrenswert. Denn in solch einer Fülle und Dichte findet man so etwas nur sehr selten.

Es lohnt sich wirklich und man kann es kaufen.

Übrigens kann man bei Amnesty auch mitmachen