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Zeit in der Fotografie

Zeit spielt in der Fotografie eine große Rolle und in der Kunst ebenso. Vielleicht wird sie auch in der Fotokunst eine Rolle spielen. Für mich ist das wichtigste Bild zu diesem Thema „Die Beständigkeit der Erinnerung“ (The Persistence of Memory), auch „Die zerrinnende Zeit“ oder „Die weichen Uhren“ des surrealistischen Malers Salvador Dalí aus dem Jahr 1931.

Doch aus der Höhe des Denkens möchte ich nun zu den ganz praktischen Fragen des Umgangs mit der Zeit in der Fotografie kommen. Denn Zeit ist eine wesentliche Variable in der Fotografie. Die folgenden Gedanken sind unterteilt und ermöglichen schnelle und klare Blicke auf das Thema aus meiner Sicht.

Zeit und Geld

Und wenn dann Geld auch eine Rolle spielt, weil man von der Fotografie leben muß, dann wird es noch interessanter. Dazu drei Beispiele:

1. Der Videofotograf

Im Focus wurden die monatlichen Bruttoentgelte vieler Berufsgruppen aufgeschrieben. Danach verdient ein Videofotograf, also ein Fotograf, der auch Videos erstellt, als Einstiegsgehalt ca. 2000 Euro brutto. Nun ist dort nicht ausgewiesen, was dafür getan werden muß. Aber in diesem Falle ist der Videofotograf angestellt. Deshalb will ich hier ein paar Gedanken hinzufügen.

Wenn das Videomaterial zusätzlich zu Fotos erstellt wird, dann hat es einen anderen Bearbeitungsweg. Entweder gibt der Videofotograf das Rohmaterial einfach im Betrieb ab, dann muß es von einem Cutter oder einer Cutterin noch komplett bearbeitet werden. Es muß also eingespielt, geschnitten und weiterverarbeitet werden. Wenn das Material verarbeitet wurde, muß es danach zu oder in einem Beitrag verarbeitet werden. Es müssen also auch noch Intro, Zwischentexte etc. reingeschnitten bzw. erstellt werden. Das ist immer zeitaufwändig.

Oder der Videofotograf bearbeitet selbst. Das ist ebenso zeitaufwendig und hat dieselben Schritte wie oben aufgezeigt. Wenn man ein kleines Video machen will, welches einen Sachbeitrag darstellt, dann kostet dies also Zeit und damit auch Geld.

2. Der wartende Fotograf

Wenn ein Fotograf seine Motive sucht, dann kann er dies entweder in gestellten oder in echten Situationen. Echte Situation bedeutet, ich gehe/fahre irgendwohin, um dort eine Situation zu suchen. Das geschieht nie auf Knopfdruck. Entweder gibt es einen Ablauf des Geschehens oder man wartet irgendwo auf die Dinge, die da kommen sollen. In dieser Zeit wird nicht fotografiert sondern gewartet. Was ist das für eine Zeit? Früher wurde dies so abgerechnet, daß es einmal eine Pauschale für einen Zeitaufwand gab und dann noch mal pro Foto eine Vergütung für einen Zweck gezahlt wurde. Das ist im Zeitalter der zunehmenden Digitalisierung ins Rutschen geraten.

3. Der vorbereitende Fotograf

Ähnlich aber umgekehrt sieht es beim Studiofotografen aus. Dabei kann das Studio vor Ort aufgebaut werden oder fest an einer Adresse sein. In beiden Fällen ist die Vorbereitungszeit ganz entscheidend. Wenn die Dinge stimmen wird fotografiert. Vorbereitungen brauchen Zeit, damit es stimmig ist. Diese Zeit kann nur begrenzt abgerechnet werden.

Diese drei Beispiele zeigen das Verhältnis von Zeit und Geld in der Fotografie.

Zeit und Bildkomposition

Doch es gibt noch mehr Relationen. Die nächste Relation ist die Relation von Zeit im Foto selbst. R. Wagner und K. Kindermann zeigen in ihrer „Meisterschule der Fotografie“ einen fotografischen Zusammenhang auf. Welche Rolle spielt zum Beispiel „Zeit“?

„Eine Folge der Richtung, in der man in ein Bild geht, ist die Zeitkomponente, die ein Bild hat. Links sieht man zuerst, dann wandert der Blick nach rechts. Damit ist links die Vergangenheit, rechts die Zukunft, in der Mitte die Gegenwart. Wird ein Motiv zentral platziert, ruht es in der Gegenwart.“

So ist die Dimension der Zeit ein wesentliches Instrument für den Bildaufbau. Wer damit arbeitet kann gestalterisch ganze Abläufe versinnbildlichen. Aber der Umgang mit der Zeit ist natürlich mit der Anordnung von links nach rechts auf einem Foto nicht beendet. Es gibt weitere Elemente für die Umsetzung von Zeit in der Fotografie.

1. Alles beginnt mit den Verschlusszeiten. Einfrieren oder Fließen, das ist hier die Frage.

2. Wie scharf soll es denn sein? Unschärfe und Bewegungsunschärfe auf Fotos zeigen sehr oft das Verhältnis von Zeit und Zeitfluss.

3. Die Kamera zeigt die Zeit. Dieser Effekt kann sehr schön durch das Bewegen der Kamera statt der Motive während einer Aufnahme erfolgen.

4. Langzeitbelichtungen als Ergebnis und Vorgang. Damit können Strassen menschenleer gemacht oder ein Verhältnis von Fliessen und Stillstand geschaffen werden.

5. Nachbearbeitung und Kombination, zum Beispiel in einer Bildserie…

Es gibt sicherlich noch mehr Möglichkeiten, die Zeit und die Aussagen in einem Foto sichtbar zu machen. In allen Fällen ist dies eine Entscheidung der/des Fotografin / Fotografen.

Zeit und Lebenszeit

Aber damit ist noch nicht Schluß. Es gibt noch eine wichtige Relation, sie lautet Zeit und Lebenszeit. Der wichtigste Gedanke dazu findet sich meiner Meinung nach bei Albert Camus: „Es kommt ein Tag, da stellt der Mensch fest, daß er dreißig Jahre alt ist. Damit beteuert er seine Jugend. Zugleich aber bestimmt er seine Situation, in dem er sich in Beziehung zur Zeit setzt. Er nimmt in ihren seinen Platz ein. Er erkennt, daß er sich an einem bestimmten Punkt einer Kurve befindet, die er – dazu bekennt er sich – durchlaufen muß.“

Dieser lebensbejahende Gedanke kann natürlich zu einer sinnlichen Wahrnehmung von Zeit führen. Und die ist nicht nur sinnlich. Wie formulierte Robert Hirsch so schön:

„Kurz und bündig formuliert sagt Einstein, dass es so etwas wie eine universell gültige Zeit nicht gibt – es gibt keine zentrale Uhr im Universum, nach der sich alles richtet.“

Und er führt etwas später aus: „Wenn Sie Ihre bildnerischen Möglichkeiten zum Umgang von Zeit und Raum auf einen linearen Ansatz nach den Prinzipien Newtons beschränken, werden Sie Ihr Denken und das Potenzial ihrer Kamera einschränken“ (aus: Robert Hirsch, Mit der Kamera sehen).

Damit ist die Fotografie eine der Möglichkeiten, kreativ sich in ein Verhältnis zur Welt zu setzen und dies in der eigenen Fotografie auszudrücken. Wichtige Mittel dazu sind ja weiter oben schon beschrieben worden.

Ganz praktisch kann man auch sagen, wer manuell fotografiert, der weiß sofort, was ich meine. Man kann ja fast jede bessere Kamera zur manuellen Fokussierung (und mehr) benutzen.

Entscheidend dabei ist die Entschleunigung. Da man nicht nur den Bildausschnitt sondern auch die Schärfe von Hand einstellen muß, entsteht eine längere Auseinandersetzung im Kopf mit dem, was da als Foto bzw. Bild eingefangen und entstehen soll.

Damit kann Zeit in der Fotografie zur Entschleunigung der eigenen Lebenszeit beitragen und zu einer anderen Art der gestalterischen Komposition. Dies ist ebenfalls eine wesentliche Relation der Fotografie.

Mehr

Neben diesen drei Relationen gibt es noch eine andere. „Wenn die Zeit keinen Anfang und kein Ende hat, dann kann man jeden Moment als Mittelpunkt der Zeit sehen.“ Dieser Gedanke führt uns zur Zeitlosigkeit bzw. zur Gegenwart in der Zeit (das Wort würde aber nicht passen, wenn die Zeit weder Anfang noch Ende hat…).

Dies ist vielleicht die Fortsetzung der Entschleunigung. Vielleicht führt uns die Entschleunigung dann in das Hier und Jetzt.

Das wiederum hätte Folgen für die Bildkomposition. Sie würde anders. Im einfachsten Fall würde das Motiv in der Mitte liegen, in anderen Dimensionen müßte eine andere Art der Fotografie zu sehen sein. Aber an dieser Stelle sind wir vielleicht schon – als Gesellschaft?!

Nur ist eine Gesellschaft ohne Geschichte eine richtungslose und wertelose Angelegenheit. Und genau dann kann die Fotografie wieder helfen, diese Zeitlosigkeit in eine Relation zu anderen Zeiten zu setzen. Und darüber hinaus die Zeitlosigkeit des Seins nicht mit der Zeitlosigkeit des Zeitgeistes zu verwechseln.

Wie auch immer. Es ist an der Zeit, hier zu enden, denn „Informationen werden mitgeteilt und Wissen erwirbt man durch Denken“ (wie ein kluger Mensch einmal sagte).

Biete Visionen von David duChemin


Der Titel “Biete Visionen. Leben und arbeiten als Profifotograf” ist Programm. Dieses Buch zeigt, was nach der Technik kommt, wenn man als Fotograf arbeiten will. David duChemin – ein bekannter Profifotograf – zeigt zunächst umfassend seine Sicht der Dinge. Seine Vision brachte ihn über das Theologiestudium und das Arbeiten als Komödiant letztlich zum Fotografieren.

Und Profi ist man, wenn man davon leben kann. Der Aufbau des Buches zeigt die Denkweise des Autors. Er schreibt nicht nur über sich sondern auch über andere und räumt ihnen Platz ein.

In dem Buch läßt er neun andere Fotografinnen und Fotografen mit ihrem eigenen Ansatz zu Wort kommen. Doch der Reihe nach.

„Je genauer ich bei Fotografen hinsehe, die ich respektiere und bewundere, desto mehr Konstanten statt Zufällen entdecke ich. Die wichtigsten dieser Konstante sind Vision und Leidenschaft. Die Vision ist der Motor des Unternehmens, die Leidenschaft der Treibstoff.“

So schildert er auf den ersten Seiten des Buches die Themen, die den Inhalt des Buches ausmachen. Auf Seite 13 entdecke ich den Satz „Für Leidenschaft gibt es keinen Ersatz.“

Und dann unterteilt duChemin zwischen einem Amateur, der etwas aus Liebe tut, aber nicht davon lebt und dem Profi. „Profi zu sein bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass man mit dem, was man tut, Geld verdient… Der Beruf, den wir fälschlicherweise mit dem Begriff Karriere gleichsetzen, ist viel mehr als das. Er ist eine Berufung, mehr als ein Job, ein Lebenswert, das Begabung und Talent einbezieht. Der Beruf eben.“

So treibt der Autor uns gedanklich an und weiter: „Fotografen, die gerade erst anfangen, sehen zu denen auf, die bereits seit 20 Jahren fotografieren, und sie sehen nur das Ergebnis von 20 Jahren Arbeit. Sie sehen weder die Jahre voller schlechter Bilder, die vielen Fehler, die wir gemacht, die Bücher, die wir gelesen, die Vorträge, die wir gehört haben, noch unsere Dummheit beim Kauf neuer Ausrüstung, von der wir hofften, sie würde zu einer Art Zauberstab.“

Und er gibt dem Talent einen völlig neuen Stellenwert, wenn er schreibt: „Talent ist wichtig; es macht alles einfacher… Aber es gibt viele wenig talentierte, dafür aber hart arbeitende Fotografen, die davon leben können.“ Und immer wieder kommt er zu Vision und Leidenschaft und fordert die Leserinnen und Leser seines Buches auf, sich damit tiefer auseinanderzusetzen.

Er sagt zudem klar, was außerhalb der Möglichkeiten dieses Buches ist: „Die Vorausssetzung, die ich meine, lautet: Sie beherrschen Ihr Handwerk und Ihre Produkte sind ausgezeichnet… Einen Auftrag können Sie sich immer irgendwie ergaunern, aber wenn Sie Ihre Versprechen nicht halten und nicht das Gewünschte liefern, wird es keinen zweiten Auftrag geben“(44).

Wenn Sie in dem Buch ab S. 63 mit der Überschrift „Suchen Sie sich einen Mentor“ lesen, wie er Profifotograf wurde und sich parallel einmal die deutschen Verordnungen und Barrieren anschauen, dann wird sehr schnell das Geheimnis seines Erfolges deutlich, denn eine Lehre als Fotograf oder ein Studium als Foto-Designer wird die Fächer „Leidenschaft“ und „Vision“ kaum beinhalten.

Klar ist, dass der Autor offenkundig als Autodidakt Erfolg hatte. So hat dieses Buch einen mehrfachen Reiz, zumal in Deutschland. DuChemin dürfte sich in Deutschland gar nicht als „Fotograf“ bezeichnen, um mit dieser Berufsbezeichnung zu arbeiten. Er dürfte sich höchstens „Bildjournalist“ nennen oder „photographer“.

Insofern zeigt dieses Buch, wahrscheinlich ungewollt, auch Einblicke in die Grenzen deutschen Denkens, getreu dem Motto „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben alle einen anderen Horizont“.

duChemin zeigt an vielen Stellen, wie auch die Beiträge der anderen Autorinnen und Autoren zeigen, dass es viel um Beziehungsaufbau und Beziehungspflege geht, um Marketing und anderes.

Wie fast alle Fotografen ist auch David duChemin ursprünglich ein Kind der Printwelt. Ab Seite 134 kommt dann das Kapitel “Marketing 2.0″ Damit sind wir dann im Internet mit allem, was dazugehört. Es geht um die Fragen, die alle angehen: Gestaltung der Internetseite, Aufmerksamkeit erzielen in Social Communities, Interaktion etc.

Auf sanfte Weise werden viele Dinge angesprochen, die heute aktuell sind: dorthin gehen, wo die Massen sind, Bloggen aber richtig, Umgang mit Agenturen etc.

Ganz am Anfang seines Buches weist der Autor darauf hin, dass er gerne andere Fotos genommen hätte, aber weil er diese für Nichtregierungsorganisationen NGOs erstellt hat, darf er es nicht – der Rechte wegen. Das ist schade, weil es gerade interessant gewesen wäre zu sehen, wie man arbeiten muß, um erfolgreich bei NGOs zu sein.

Es ist ein schönes Buch und es ist sehr unterhaltsam und lehrreich. Der Titel stimmt auch, denn es ist praktisch die Biografie von David duChemin,eine Dokumentation seiner Arbeitsweise und ein Leitfaden nach der Technik für ein Leben mit der Fotografie.

Wenn man das Buch nutzt, um sich eine innere Haltung anzueignen oder die eigene Einstellung zu überprüfen, dann ist es eine gute Quelle mit vielen Anregungen.

Und es ist eines der wenigen Bücher, die den Leserinnen und Lesern Hilfe beim Entwickeln einer Vision anbieten. duChemin weist darauf hin, dass es früher Fischhändler und Eisenwarenhändler gab, die ein ehrliches und ehrsames Geschäft betrieben.

Dann kamen Waffen- und Datenhändler hinzu und das Wort „Händler“ wechselte die Bedeutung. Er sieht sich und andere als „Visionshändler“. Er schreibt dazu: „In diesem Sinne präge ich hier den Begriff des Visionshändlers. Ich betrachte ihn als Erinnerung daran, daß unser Beruf eine ehrliche Kombination aus Handwerk und Geschäft ist – eine Kreuzung aus Ausdruck einer Vision und deren Feilbieten auf dem Markt. Eine Erinnerung, dass mein wirklicher Wert… nicht das gedruckte Bild selbst ist, sondern die einzigartige Kreativität und Vision, aus der das Bild entstanden ist.“

Und wenn man das Buch bis zum Ende liest, dann kommt ziemlich am Schluß des Buches in einem Interview Joe McNally zu Wort, ein anderer Fotograf. Dieser sagt in dem Interview: “Mein Rat lautet, flexibel zu bleiben. Sie müssen ihr eigenes Unterhaltungsunternehmen sein – Sie müssen wissen, wie man Fotos und Videos herstellt, wie man einen Blog betreibt, twittert und eine Website aktualisiert.”

Insgesamt ist dieses Buch gut für den Einstieg in eine andere Lebenshaltung und für eine echte Auseinandersetzung mit sich und dem Wunsch, Fotograf zu werden oder zu sein. duChemin schreibt auch über Dinge wie “Bleiben Sie schuldenfrei” oder “Planen Sie Steuern ein” und zeigt damit, dass eine Vision nur so gut ist wie die Wirklichkeit, die sie als Grundlage anerkennt.

Das Buch setzt genau da an, wo die Technik aufhört. Es ist dem Buch zu wünschen, viele Leserinnen und Leser zu finden, zumal es relativ leicht geschrieben ist. Und vor allem ist es ein Geschenk für das eigene Leben, denn wer sich mit dem Buch auseinandergesetzt hat, der wird nicht umhin kommen, auch in seinem Leben etwas in Bewegung zu setzen.

David duChemin
Biete Visionen… Leben und arbeiten als Profifotograf
ISBN: 978-3-8273-2960-8
Addison-Wesley Verlag

Was ist Professionalität in der Fotografie?

Ich stelle diese Frage hier und mir, weil ich in der letzten Zeit viele Diskussionen gelesen habe, die sich direkt oder indirekt damit beschäftigen.

Bemerkenswerterweise kann ich die Diskussionslinie am besten darstellen, wenn ich nicht über Profi und Amateur spreche sondern über die Frage von Fotografie als Handwerk und Fotografie als Kunst.

So beantwortet sich quasi das Thema des Artikels durch die Beschäftigung mit einem anderen Thema. Das hatte ich so auch noch nicht.

Beginnen will ich mit Joachim Schmid. Dieser Name tauchte plötzlich an diversen Orten auf, die ich gedruckt und digital besuchte.

Vor allem der Text zum Thema „Hohe“ und „Niedere“ Fotografie von 1992 gefiel mir. Schmid schreibt dort u.a.: „Doch unterscheidet sich die hohe Kunst der Fotografie von der allgegenwärtigen, in den Niederungen des Trivialen angesiedelten Normalfotografie – wenn man die Umstände von Produktion und Präsentation versuchsweise außer acht läßt und sich nur auf die Bilder konzentriert – in erster Linie durch ihre handwerkliche Präzision.“

Das ist doch mal ein Wort.

Doch Schmid bleibt hier nicht stehen, sondern untersucht dann den Zusammenhang von Fotografie und Fotokunst.

Deshalb möchte ich noch einen Satz aus diesem Text zitieren: „Mit der Perfektionierung der rein utilitaristisch begründeten fotografischen Produktion wurde die Abgrenzung der zweckfreien Fotokunst noch problematischer. Die partielle Annäherung von Reportage, Modefotografie, Werbung und Fotokunst ließ sich auch durch einen geschickten ästhetischen Überbau nicht verschleiern – zwischen den unterschiedlich begründeten Formen der anspruchsvollen Gebrauchsfotografie und den elaborierten Beispielen der konventionellen, kamerafixierten Fotokunst besteht kein fundamentaler Unterschied.“

Das ist eine Menge gedankliches Holz. Bei meinen weiteren Recherchen stieß ich dann auf einen Aufsatz von Ralf Hanselle, laut eigener Webseite freier Publizist in Berlin und Wien.

Ralf Hanselle hat einen sehr interessanten Artikel mit dem Titel „Das Ende der Beliebigkeit“ im Jahrbuch von 2010 des BFF veröffentlicht. Dort finde ich Joachim Schmid und seinen Text wieder. Hanselle zitiert aber einen anderen Satz als ich, nämlich: “Während die künstlerische Fotografie bei ihren Höhenflügen um eine Minimierung ihres Gebrauchswerts bemüht ist und dieses Ziel doch nie erreicht, steht dieser beim alltäglichen Normalfoto im Vordergrund”.

Hanselle formuliert insgesamt einen Text, der das Aushalten von Differenzen erleichtern soll, wenn ich dies richtig verstanden habe.

Und dann erzählt er die Geschichte von Walter E. Lautenbacher. „Als einer der führenden deutschen Modefotografen wollte er raus aus diesem “Handwerksding”. 1967 strebte er beim Finanzgericht Stuttgart einen folgenreichen Rechtsstreit an. Kommerzielle Fotografen sollten vor dem Fiskus das Recht erhalten, im Zweifel auch als Künstler anerkannt zu werden. Die Sache zog sich lange hin. In zweiter Instanz schließlich sollte Lautenbacher Recht bekommen. Wenn der Arbeit eines Fotografen nachweislich ein künstlerisches Element inhärent sei, so das damalige Urteil des Bundesfinanzhofs, dann könnten Fotografen fortan auch als Freiberufler tätig sein. Neben Handwerkern und Lichtkünstlern gab es jetzt also noch etwas Drittes. Etwas, was bis dato keinen Namen hatte. Fortan wurde es zu einem deutschen Spezifikum: Fotodesign – eine Disziplin, die weder Fleisch noch Fisch war.“

Ich empfehle den ganzen Artikel, weil dort die Frage von Fotografie und Kunst – Fotokunst – interessant dargestellt wird. Damit komme ich zurück zur Professionalität, die laut Schmid handwerklich ist, zugleich aber auch künstlerisch sein kann.

Ich weiß nicht, ob der Joachim Schmid, den ich hier zitiert habe, auch der Joachim Schmid ist, über den auf der Webseite kotzendes-einhorn.de berichtet wird. Dort finden wir folgenden Hinweis: „Joachim Schmid sammelt Bilder. Bilder von anderen, Bilder die er findet. Im Netz, auf der Straße und sonstwo. Bereits seit 1982 sammelt er Fotografien, die er auf der Straße findet. Fast 900 Aufnahmen hat er so zusammengetragen und in diversen Galerien ausgestellt. Doch erst das Internet ermöglichte ihm sein Konzept auszuweiten und weitere Sammlungen anzulegen.  Nun veröffentlicht er “Other People’s Phorographs” also in Buchform. Die Bücher konzentrieren sich hierbei auf Alltagsthemen die von Amateurfotografen visualisiert werden. Auf Fotoseiten wie Flickr sammelt er sein Material und kompiliert dann die Bilder nach fotografischen Begebenheiten oder Ideen. Dabei entsteht eine Dokumentation des Alltäglichen und der Beiläufigkeit, die durch das Zusammentragen mehrerer Bilder wieder zu etwas besonderem wird.  Gleichzeitig wird bewiesen, dass (auch) außerhalb des Kunstkontextes keine fotografische Idee neu ist. Vieles wurde bereits gemacht, vieles geknipst.“

Aber auch hier zeigt sich die Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen Fotografie und Fotokunst über die auch Hanselle geschrieben hat. Fotos mit einem hohen Gebrauchswert werden weiterverarbeitet zu einem Kunstwerk.

Zumindest sehe ich dies so.

Doch das Thema ist unendlich.

Daher will ich die gedankliche Kette noch erweitern. Auf der Seite fotofeinkost.de von Dr. Martina Mettner findet sich ein Artikel zum Thema „Von der Brücke fotografiert oder: Wie ähnlich dürfen Fotos sein?“ In diesem Artikel findet sie eine klare Unterscheidung und die lautet so: „Auf der einen Seite, im Kulturbetrieb, fehlen die Beurteilungskriterien für gelungene Fotografien, so dass alles ausgestellt und bevorwortet wird, was irgendwie ganz nett aussieht und nicht weiter stört. Auf der anderen Seite, jener der Fotografen, mangelt es bisweilen an Professionalität. Die wird ja landläufig gerne mit der Virtuosität im Bedienen von Geräten gleichgesetzt, meint aber viel mehr, nämlich einen Berufsethos, wie er für alle freien Berufe notwendig und wichtig ist. Das Berufsethos des Arztes besagt, dass er sich für die Gesundheit des Menschen einsetzt. Macht er aus Gewinnstreben Medikamententests an Patienten, verletzt er dieses Ethos. Profi-Fotografen oder Künstler heben sich ja nicht allein deswegen von Möchtegernfotografen ab, weil sie mehr können oder eine bessere Ausrüstung haben, sondern weil sie sich professionell verhalten, das heißt, eine ordentliche Bezahlung verlangen, dafür aber auch im Sinne des Kunden oder der Kunst das Bestmögliche abliefern. Und natürlich gehört dazu auch, dass man eine individuelle Leistung und Lösung präsentiert und sich nicht, wie im Supermarkt, einfach überall bedient.“

Auch hier eine klare Feststellung, dass es keine klare Abgrenzung gibt zwischen Fotografie und Fotokunst sowie eine eindeutige Abgrenzung zwischen Profi und Amateur.

Aber auch damit will ich noch nicht enden.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an meine Buchrezension von  „Biete Visionen“ von David duChemin. dort schrieb ich: „Seine Vision brachte ihn über das Theologiestudium und das Arbeiten als Komödiant letztlich zum Fotografieren. Und Profi ist man, wenn man davon leben kann.“ Soweit in Kurzform die Meinung von David duChemin wie ich ihn verstanden habe.

Wenn man nun diese hier dargestellten Auffassungen betrachtet, dann haben sich doch schon einige Kriterien als Antwort herausgebildet:

1. handwerkliche Präzision,

2. ordentliche Bezahlung,

3. eigenständiges Erarbeiten von Lösungen und

4. daß man davon leben kann.

Dies allein ist im Zeitalter digitaler Dammbrüche sicherlich genug Stoff für eine Woche Diskussion unter Interessierten.

Nur zur Einstimmung: Reicht es, in Zukunft noch als Fotograf aufzutreten oder muß man eigentlich nicht als Multimedia-Journalist tätig sein?

Eine andere Frage lautet, wenn man nicht davon allein leben kann, ist man dann kein Profi?

Man kann neben ganz vielen anderen Fragen auch noch darauf kommen zu fragen, was bedeutet eigentlich handwerkliche Präzision?

Damit will ich diesen Artikel beenden. Die offenen Fragen werden sicherlich eine Fortsetzung finden unter den digitalen Bedingungen nach den Feiern zum 10jährigen Jubiläum des 21. Jahrhunderts.

Dieser Artikel wurde 2010 publiziert.

Ist neu besser?

Es ist eine alte Weisheit, dass die Menschen in den letzten zehntausend Jahren ihren Charakter nicht geändert haben sondern nur ihre Zivilisation. Auf gut deutsch will ich jetzt dieses große Denken ummünzen in ganz kleines Denken. Ich will mir an einem Beispiel anschauen, wie sich in den letzten sechs bis sieben Jahren die Technik verändert hat und ob dies alles besser ist. Dazu habe ich mir die Canon Powershot Pro 1, die Powershot S5 IS, die Powershot SX 1 IS und die Powershot SX 30 IS rausgesucht. Wir fangen dazu ganz einfach an.

Powershot Pro 1

Powershot Pro 1

In diesem Artikel sind vier Fotos mit den Kameras aufgenommen worden. Das letzte Foto stammt von der Powershot SX 30 IS.

Außer leichten Veränderungen beim Weißabgleich sehen alle vier Fotos ziemlich identisch aus. Wie die technischen Spezifikationen aussehen, findet man u.a. hier.

Meine Frage dazu lautet, was wäre eigentlich, wenn Canon bei der Powershot Pro 1 stehen geblieben wäre?

Powershot S 5 IS

Powershot S 5 IS

Ich war von der Powershot Pro 1 seit meinem Kauf hellauf begeistert. Weitwinkel ab 28mm, Anfangsblende 2,4 und eine gute Bildqualität. Ich will hier keine technische Schlacht anfangen sondern mit mir und eventuell anderen über die Veränderungen seitdem sprechen. Waren es Verbesserungen? Der alte Schopenhauer hat geschrieben „Das Neue ist der Feind des Guten“. Welchen Sinn hatten die neuen Kameras?

Powershot SX 1 IS

Powershot SX 1 IS

An dieser Stelle möchte ich noch einen Hinweis formulieren. Es geht mir nicht um Canon, ich hätte auch Nikon Kameras oder andere nehmen können. Aber diese Kameras habe und benutze ich. Daher lag es nahe, darüber zu schreiben. Und letztlich spielte auch die zur Zeit mit der weltweit längsten Telebrennweite ausgestattete Bridgekamera Powershot SX30 IS eine Rolle. Ich stellte mir im Angesicht dieser technischen Daten die Frage, wo soll das denn enden und ist dies sinnvoll?

Kann es sein, dass es allein um die Frage geht, wer hat den längsten Zoom?

Hat das alles etwas mit sozialem Vergleich zu tun? Wie hat uns Eckart von Hirschhausen einmal erklärt? Wie viel man verdienen will hängt davon ab, wie viel die anderen um mich herum verdienen.

Ist es mit Kameras auch so, will ich mehr Zoom und mehr Auflösung haben, damit ich mehr als die anderen um mich herum habe?

Was ist technisch besser geworden? Richtig, die Auflösung von Monitor und elektronischem Sucher sind besser geworden und es gibt mehr Pixel auf kleineren Sensoren. Aber kann ich nun auch besser fotografieren?

Powershot SX 30 IS

Powershot SX 30 I

Wenn ich noch einen Schritt weiter zurückgehe, dann waren die meisten doch sogar mit den analogen Kameras zufrieden, außer mit den Kosten für die Filmentwicklung und die Ausdrucke. Wie viel Kamera braucht der Mensch für gute Fotos?

Vielleicht können wir uns dem Thema nähern, wenn wir einen Gedanken von Joachim Schmid aus „Hohe“ und „Niedere“ Fotografie aufgreifen: „Der real existierende Bilderberg hält (fast) alles bereit, was zur fotografischen Artikulation von Aussagen jeder Art benötigt wird. Daß täglich trotzdem unzählige Bilder produziert, nach einmaligem Gebrauch abgelegt und nur selten noch einmal benutzt werden, folgt aus der Eigendynamik des industriellen Systems.“ Das war 1995, hat aber nach dem Siegeszug der digitalen Fotografie nichts von seiner Aussagekraft verloren.

Doch um nicht in den Schatten der Fortschrittsfeinde zu kommen, möchte ich hinzufügen, ja es gibt Verbesserungen. Wer wollte bestreiten, dass ein sofortiger Blick auf das erstellte Foto mit Hilfe eines Displays ein Fortschritt ist. Hier ist neu besser. Und es gibt natürlich noch viele andere Beispiele.

Aber genau heute sind  wir soweit, dass wir nicht nur über das Neue sondern auch über die Grenzen des Neuen sprechen können. Der Rückschritt bei der Anzahl der Megapixel auf einem kleinen Chip zeigt eine Grenze. Die Rückkehr der großen Sucher, optisch und neuerdings auch elektronisch, zeigt eine andere Grenze. Es gibt zwei Grenzen, die eingehalten werden müssen. Erstens die Struktur des Menschen und zweitens die Machbarkeit von Bildqualität. Bestimmt wird dieser Artikel in 100 Jahren anders geschrieben. Aber ein Rückblick heute zeigt, dass neu nur bedingt besser ist. Und gerade bei Digitalkameras gab es viele sehr hoffnungsfrohe Ansätze, die leider nicht weiterverfolgt wurden. Ich nenne nur die Einhandkamera für Links- und Rechtshänder und die Kombination von Festbrenntweite und Wechseloptik in einer Kamera (z.B. Kodak V570).

Ich möchte an dieser Stelle die Webseite henner.info erwähnen. Henner Helmers betreibt seit Jahren systematisch eine Untersuchung von neuen Kameras gegen alte Modelle. Sein Vergleichsstück ist die Finepix F31 als kleine und praktische Reisekamera. Diese Kamera vergleicht er immer wieder mit neuen Modellen, um festzustellen, ob die neuen Kameras besser sind. Eigentlich hat er sich erst kürzlich entschieden, endgültig die F31 in den Ruhestand zu schicken und als neue Referenzkamera eine Casio FH100 zu nehmen, weil diese erstmals nach vielen Jahren „besser“ ist. Insofern empfehle ich diese Webseite, weil sie den Unterschied zwischen Mode und technischer Verbesserung sehr detailliert und nachvollziehbar darstellt.

Wenn man diesen Artikel, der eigentlich gar nicht enden kann, doch zu einem Ende bringen will, dann wäre mein Fazit, neu ist immer neuer aber nicht immer besser. Daher haben ältere Kameras bis heute ihre Berechtigung und sind manchmal sogar die besseren Kombinationen. Und optimal ist dann die Verbindung von neu und alt. Ich fand sie in der Nikon D80 mit dem Tamron 17-50/2,8 mit eingebautem Motor und Bildstabilisierung. So konnte ich an einer Kamera, die im ISO Bereich bis 800 erstklassige Fotos macht, auf einmal auch bei schlechterem Licht fotografieren, weil das neue Objektiv die Schwäche der etwas älteren Kamera im High-ISO ausgleicht. So, hier höre ich einfach auf.

Das Loch nach der Photokina

Nun ist die Photokina schon einen Monat vorbei und ich meine, ich spüre das Loch im Internet. Fast alle technischen Fotoseiten, international und national, haben fast stündlich in ihren Blogs über die neuesten Produkte berichtet. Und jetzt? Sie scheinen alle im Urlaub zu sein oder sie testen ununterbrochen. Wie auch immer, im Internet gibt es nicht nur wenig Neues sondern über die neuen Produkte auch wenig Getestetes.

Das gibt den Gedanken neue Nahrung. Was wäre eigentlich, wenn die Photokina nicht gewesen wäre und wenn es keine neuen Produkte gegeben hätte? Die einzige echte fotografische Hoffnung war ja die Fuji X100. Ob Sie wirklich lautlos sein wird, ob sie wirklich eine neue Generation von Digitalkameras für ernsthafte und traditionell ausgerichtete Fotografinnen und Fotografen eröffnet, werden wir in knapp einem halben Jahr sehen.

Aber wenn es diese Hoffnung nicht geben würde und wenn es die Photokina nicht gegeben hätte, was wäre dann eigentlich los in der Fotografie?

Man könnte zu dem Ergebnis kommen, dass man mit den bisherigen Kameras auch gut fotografieren kann. Und man könnte auch denken, dass es nicht ein gutes Bild weniger geben würde. Nichts gegen die Photokina! Sie ist ein wunderbarer Ort, um Blicke auf die neuen Produktionsstätten der Welt in China zu werfen und die kommenden Kulturen der Zukunft schon heute auch in Deutschland und im schönen Köln am Rhein zu empfangen. Das ist wirklich schön.

Aber fotografisch sind wir nicht weiter sondern höchstens anders geworden nach dieser Messe. Der alte Schopenhauer schrieb einmal „Das Neue ist der Feind des Guten“. Ich glaube, dass die nächste Photokina dazu genutzt werden könnte, vielen asiatischen Menschen Deutschland als Reiseland noch besser zu vermitteln.

Und nach der Photokina sollte es Reisen geben, Fotoreisen durch Deutschland und Fotoreisen durch China. Man könnte Wettbewerbe machen und die Photokina Besucher könnten diese Reisen gewinnen, gesponsert von den großen Herstellern, die die Gewinner zu Botschaftern für eine bessere Kommunikation auf der Welt mit Hilfe der Fotografie machen. Das wäre übrigens auch der Stadt Köln angemessen, deren Traditionen ja gerade auf der Begegnung der Kulturen und Menschen beruhen.

Insgesamt könnte man das Loch nach Photokina mit vielen guten Ideen füllen. Denn diese Messe ist schon etwas besonderes, weil sie alle Menschen und Kulturen mit als Fotografen oder Fotografierte zusammenbringt und die Produkte in fast jedem Haushalt zu finden sind.

Ob es so etwas jemals geben wird? Ich weiß es nicht, aber zumindest habe ich das Loch nach der Photokina mit einer guten Vision gefüllt.

MERIAN Sachsen oder auf der Suche nach fotografischer Qualität in der Reisefotografie

Was ist fotografische Qualität in der Reisefotografie? Diese Frage wird nie zu Ende diskutiert werden können. Aber es lohnt sich immer wieder neu, darüber zu sprechen. Ja, ich weiß, dass mein Liebe zu den klassischen Kriterien von Cartier-Bresson überholt ist. Und deshalb habe ich mir den MERIAN Sachsen gekauft. Ich dachte mir, dass „Deutschlands führende Internetseite für Reisen“ so die Meta-Beschreibung auf der Homepage, sicherlich dann auch den Maßstab legt.

Betrachtet man das Titelfoto, dann ist es dort gelungen, eine malerische Landschaft festzuhalten. Auf Seite 16/17 ist dann ein Foto von Bautzen zu sehen. Die auf dem Foto vorhandene Linienführung brachte mich dazu, die Frage zu stellen, ob denn die Türme gerade sind? Ob das ein perspektivisches Problem ist, wenn man mit einem Weitwinkel fotografiert, kann ich wohl nur bei einem Besuch vor Ort klären.

Auf Seite 18/19 kommt dann ein wunderbares Foto mit Elbe, Kindern und Schiffen zum Vorschein. Leider ist es so, dass hier wie so oft die Grenzen des Drucks zum Vorschein kommen, da es ja in der Mitte geknickt wird wegen der Heftung. Schöner wirkt auf mich das Foto auf Seite 20/21 mit dem Nationalpark. Ich persönlich hätte mir mehr Mitteltöne gewünscht, aber das ist sicherlich Geschmackssache.

Das Foto auf Seite 28/29 unter den Arkaden von Görlitz brachte mich dann doch sehr zum Nachdenken über gerade Linien und mögliche optische Verzerrungen. Die Atmosphäre auf dem Foto gefiel mir sehr gut.

Ab Seite 36 war in diesem Heft über Sachsen etwas sehr Kluges zu sehen. Das steht zwar nicht im Heft, aber mir kam dieses Thema in den Sinn beim Anschauen der Fotos: Es geht dabei um die Frage, wie man die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen beim Fotografieren wahrt. Wie wir ja alle wissen, darf niemand (verkürzt gesagt mit Ausnahme von Promis) gegen seinen Willen auf Fotos veröffentlicht werden, es sei denn, es handelt sich um öffentliche Ereignisse, wo der Einzelne nicht die Hauptperson ist. Das hat man in diesem Merian Heft dann auch – so weit ich das beurteilen kann – juristisch sauber gelöst. Ein Foto aus der Türkischen Kammer in Dresden zeigt zwar auch Personen beim Betrachten des Interieurs, aber alle sind unscharf. Auf gut Deutsch hat man dort länger belichtet, so dass die Fotos an den scharfgestellten Stellen gut belichtet waren und die Personen nicht mehr erkennbar gewesen sind.

Dasselbe Verfahren wurde auch auf anderen Fotos aus Ausstellungen und bei Aussenaufnahmen auf der Brühlschen Terrasse eingesetzt. Daß man damit auch wirklich gute Konstellationen herbeiführen kann, zeigt das Foto mit dem Werk „Der Denker“ von Rodin auf Seite 46.

Auf einem  Foto auf Seite 58 über die Mädlerpassage stellte ich mir die Frage, ob die Personen dort wirklich so lang und dünn sind.

Ab Seite 64 folgt dann eine Reihe von Landschaftsaufnahmen. Das erste Foto zeigt sehr schön den Himmel mit interessanten Proportionen. Und beim weiteren Durchblättern fällt immer wieder auf, dass die meisten Personen durch längere Belichtungszeiten als Zuschauer nicht persönlich erkennbar gemacht wurden. Auf einigen Fotos scheinen die Personen mit einer Ablichtung einverstanden gewesen zu sein.

Auch auf dem Foto zum Thema „Das Märchen vom feinen Schlossleben“ hat man dies gelöst. Dort sieht man eine Servicekraft ins Zimmer gehen, aber eben von hinten, so dass ihre Persönlichkeitsrechte auch am Arbeitsplatz gewahrt bleiben. Auf Seite 88 sieht man eine Person von vorne, allerdings so klein, dass sie erst mit Vergrößerung direkt erkennbar wäre.

Für mich hat sich das MERIAN Heft unter fotografischen Gesichtspunkten gelohnt. Ich habe für mich persönlich festgestellt, dass sich die fotografische Welt weiterentwickelt hat. Nimmt man die hier veröffentlichten Fotos als Vergleich und Maßstab, dann kann ich jetzt mit gutem Gewissen Fotos veröffentlichen, die den veröffentlichten Realitäten bei Fotos heutiger Reisemagazine entsprechen.

Davon einmal abgesehen halte ich dieses Heft auch unter dem Gesichtspunkt der Wahrung von Persönlichkeitsrechten für eine gute Studiermöglichkeit. Gerade dies ist ja ein altes Thema von mir, wenn auch eher im Bereich der Strasssenfotografie. Und eine elegante Lösung wie hier kann helfen, die Tücken der deutschen Rechtsprechung einigermassen fotografisch gut zu überstehen und trotzdem auch gute Fotos zu machen.

Aber es gehört eben auch zu der deutschen Rechtsprechung, dass ich hier die Fotos nicht zeigen kann sondern nur darüber schreiben darf. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil der Kauf der Ausgabe sich in jedem Fall mehrfach lohnt:  erstens weil sich ein Besuch in Sachsen lohnt und zweitens weil bei diesem Heft meiner Meinung nach fotografische Lernerfolge eingeschlossen sind.

Übrigens, sollten Sie das hier Gelesene ergänzen wollen, dann ist hier eine gute Möglichkeit, Kommentare abzugeben.

Die Entwertung der Fotografie aushalten

FotostapelIch komme auf die Überschrift beim Lesen des Artikels „Die Entwertung der Fotografie aufhalten“ auf fotofeinkost.de von Frau Dr. Mettner. Dies geschieht ihrer Meinung nach durch den Druck und die Präsentation jenseits des Digitalen. Genau deshalb komme ich vom Aufhalten zum Aushalten.

Ich glaube, die Chance der Fotografie ist gerade das Aushalten der Entwertung. Denn um welche Entwertung geht es? Es ist doch nicht schlimm, dass es viel mehr Fotos gibt als früher. Es ist auch nicht schlimm, dass die Welt visueller geworden ist. Und seit der Abkehr der Fotografie von klaren Kriterien für gute Fotos (wie zum Beispiel noch bei Cartier-Bresson) ist die Beliebigkeit die entscheidende Kategorie geworden. Geld verdient man mit der „Simultanität des Sensationalistischen“ oder dem Handwerker-Fotografieren für Kataloge, Zeitschriften etc. Aber da die Konkurrenz größer wird, weil die Kameras fast allein fotografieren, werden die nächsten Jahre noch sehr viel mehr Leser als Reporter und Fotoisten hervorbringen. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis Zeitschriften wie jetzt schon Communities von Lesern erstellt und gedruckt werden.

Der Kuchen wird also kleiner und es werden neue Kuchen gebacken. Vielleicht ist der Fotograf der Zukunft so etwas wie früher ein Elektriker oder Werkzeugmacher, der heute ein Mecha-Troniker ist. Ich habe nicht umsonst den Begriff Pixeljournalist erfunden. Mit Pixeln umgehen, also damit Videos, Texte, Fotos und Webseiten etc. erstellen, das ist dann einer der neuen anspruchsvollen Berufe. Dabei muß man Software-Werkzeuge bedienen, Kommunikationstechniken beherrschen, Designfragen beantworten und Techniken erlernen. Das ist neu und das ist viel. Aber was ist daran schlimm, wenn der Fotograf der Zukunft seine digitalen Werke selber in Webseiten einbettet und daraus digitale Ausstellungen kreiert, die von viel mehr Menschen gesehen werden können als dies beim Besuch im Museum der Fall ist?

Die Menge an Fotos und an schönen Fotos wird größer. Fotografie wird wie Schreiben eine Tätigkeit bleiben, die benötigt wird. Wird sie durch die Menge entwertet? Ist dies im Internet durch die Texte geschehen? Ein Blick ins Internet zeigt, dass immer mehr Texte produziert werden. Ist dies eine Entwertung? Vielleicht kann man die Entwertung durch Popularisierung ersetzen, dann kann man das alles noch sehr viel besser „aushalten“.

Denn je mehr Fotos auf guten Internetadressen zu finden sind, desto populärer wird der Fotograf oder die Fotografin. Fotografinnen und Fotografen wird es wohl auch zukünftig geben. Die Welt ist flach und damit können wir weiter sehen und auch gesehen werden.

Fotoherapie – denn Fotos können helfen

Fototherapie im Krankenhaus

Martin Schuster hat in seinem Buch Fotos sehen, verstehen, gestalten. Eine Psychologie der Fotografie die Idee der Fototherapie aufgegriffen.

Ich habe diese schon seit einigen Jahren zur Visualisierung der eigenen Lebenszeit empfohlen. Damit man lernt bewusster im Alltag zu leben.

Diese Grundidee habe ich nunmehr verändert, um eine schwierige Lebenssituation für alle Beteiligten besser erträglich zu machen. Es geht um Fototherapie im Krankenhaus.

Voraussetzung für diese Therapieform ist in diesem Fall die absolute Vertrautheit und Verpflichtung der Beteiligten, die Fotos der betroffenen Person zu überlassen und nirgendwo sonst zu benutzen, das Einverständnis der Beteiligten und der Wunsch des Patienten, dies ausdrücklich zu wollen und nicht nur zuzulassen Unter diesen Bedingungen geht es darum, die Fototherapie zu benutzen, um mit dem Krankenhausaufenthalt besser umzugehen.

Spielregeln vorher festlegen mit allen Beteiligten

Wichtigste Spielregel ist, immer zu fotografieren ohne den Gedanken zu haben, das sei peinlich oder das macht man nicht.

Die verlässliche Regel muss lauten: immer fotografieren in den festgelegten Grenzen. Dies muss im Vorfeld den behandelnden Ärzten mitgeteilt werden und diese müssen im Falle einer Operation auch gebeten werden, vor, während und nach der Operation von den betroffenen Organen und Wunden Fotos zu machen.

Der Sinn dabei ist, erstens Ängste abzubauen und zweitens Situationsbewältigung, um situationsgerecht und dadurch besser vor, während und nach dem Krankenhausaufenthalt damit umgehen zu können und nicht in einem kleinen Johari-Fenster zu landen.

Der Patient spürt die Schmerzen, der Arzt sieht die Wunde

Der Patient erinnert sich nur an das, was er ohne Betäubungsmittel wahrnimmt, welche Gefühle er hatte, welche Schmerzen und welche Probleme. Er/sie kann die Situation nicht entsprechend erfassen. Die Angehörigen sind natürlich ebenso emotional beteiligt und wollen in solchen Situationen etwas tun, wissen aber natürlich nicht was. Die Ärzte sind oft reduziert auf die fachliche Seite und wissen natürlich auch nicht, wie sie mit Patienten über die Situation sprechen sollen. Für sie selbst ist es normal, für den Patienten eine absolute angstbesetzte Ausnahmesituation.

Fototherapie im Selbstversuch

Da es natürlich schwierig ist, dies mit anderen zu praktizieren, habe ich situationsbedingt einen Selbstversuch unternommen. Die Umstände der Krankheit sind hier weniger interessant, nur soviel, es war eine mittelschwere Operation.

Rückblickend kann ich feststellen, dass der Zwang zum Fotografieren von der Aufnahme im Krankenhaus über die Blutabnahme, das Anziehen der Strümpfe bis zur Verabschiedung der Angehörigen vor der OP dazu führte, dass alle Beteiligten inklusive der Schwestern nach 5 Minuten sehr locker wurden und mit der Situation wesentlich gelöster umgingen.

Die Ärzte konnten mir nach der Operation in aller Ruhe die Fotos zeigen und mir erklären, wie die Operation verlaufen ist, wie es aussah und sie konnten auch meine Angehörigen entsprechend gut informieren. Man merkte auch den Ärztinnen und Ärzten an wieviel entspannter diese Situation für sie selbst war.

Ich selbst habe tagelang ziemlich wenig von mir mitbekommen. Doch auch ich fotografierte mich munter weiter in allen möglichen Krankenhaussituationen – ausser beim Pinkeln. Man muss auch Grenzen formulieren beim Fotografieren.

Selbstwahrnehmung war ganz anders

Als ich die Fotos von mir dann nach dem Krankenhausaufenthalt zu Hause in Ruhe anschauen konnte, bemerkte ich, wie sich meine Sicht völlig veränderte. Aus der Situation des Betroffenen wurde eine immer mehr sich differenzierende Auseinandersetzung, die mir gut tat.

Bei vielen Fotos spürte ich noch mal den Schmerz, hatte die Situation auch völlig anders in Erinnerung und war regelrecht erstaunt, dass mein gespeicherter emotionaler Eindruck überhaupt nicht mit der tatsächlich aufgenommenen Situation übereinstimmte. Es war einfach gut.

Bessere Bewältigung

Ich kann für mich diesen Selbstversuch positiv beenden. Insgesamt konnte ich die Situation auch rückblickend wesentlich besser bewältigen und als Teil meines Lebens bewusst wahrnehmen und integrieren.

Fototherapie als Chance

Abschliessen möchte ich mit einigen Schilderungen, die zeigen, was man mit der Fototherapie noch alles machen kann.

In der emotion Nr. 1 2008 wird ein Projekt Kalenderfrauen beschrieben. Die Schauspiellehrerin Marlene Beck entwickelte mit der Fotografin Barbara Schöning einen Kalender mit ganz normalen Frauen, die als Aktmodelle zur Verfügung standen. Annette, eines der Modelle, sagt dazu: „Erst kostete das Posieren Überwindung. .. Das Projekt … hat mich sehr bestärkt, ich stehe jetzt mehr zu meinem Körper.“

In dem Buch Playboy Helmut Newton schildert Gary Cole den Fotografen. Dort schreibt er: „Seltsam, aber typisch für die beiden, dass Alice ein Photo von sich und Helmut machte, als er nach seinem Unfall sterbend auf einem Tisch in der Notaufnahme lag; in der einen Hand hält sie seinen Kopf, in der anderen die Kamera. Helmut hatte Jahre zuvor einen schweren Herzinfarkt, den er beinahe nicht überlebt hätte. Er photographierte sich durch das ganze Schlamassel hindurch, als er mit Nadeln in den Armen an Monitore angeschlossen war.“

In der National Geographic Deutschland vom März 2007 wird ein Uganda-Fotocamp dargestellt, welches u. a. Fotografen dieses Magazins organisierten. Als Hilfe gegen die erlebten Schrecken. „Bilder erleichtern das Sprechen, das Verarbeiten von Leid. Wir wollten mit dem Projekt den Heilprozess beschleunigen, sagt Ed Kashi.“

Es sind allein diese drei Ansätze, die zeigen, dass Fotos zu einem neuen Verständnis von sich, von anderen und der Welt führen können. Ich plädiere daher mit Nachdruck für den Ansatz der Fototherapie. In diesem Sinne wünsche ich viel Erfolg.

Nachtrag:

Ein weiteres Beispiel finden Sie hier.