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Das Fotobuch in Kunst und Gesellschaft


„Partizipative Potenziale eines Mediums“ lautet der Untertitel. Herausgegeben von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft erwartet die Leser*Innen ein Reader voller visueller und textlicher Erzählungen in deren Mittelpunkt das Ausstellungsprojekt Welt im Umbruch mit dem Thema Fotobücher steht.

Das Buch „versteht sich als einführender Reader zum „Fotobuch in Kunst und Gesellschaft“ mit mehreren Leseebenen, textlich und bildlich, die dazu einladen, sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven dem Medium Fotobuch anzunähern.“

Eberhard Klöppel, Das Mansfelder Land 1974–1989 Bildband

Ich habe hier eine außergewöhnlich gute Perle der Dokumentarfotografie gefunden.

Der Fotograf Eberhard Klöppel hat im Mitteldeutschen Verlag ein Fotobuch veröffentlicht, das am Beispiel des Mansfelder Landes durch Fotos mit großer dokumentarischer Kraft zeigt, wie es war bis zur Wende. Hinzu kommt der Längsschnitt und der Querschnitt durch die Zeit, der dies alles als Gesamtbild erfahrbar macht.

Die Welt von gestern in Farbe

Der Historiker Dan Jones und die Künstlerin Marina Amaral haben ein Fotobuch herausgegeben, das es in sich hat. Die beiden Autoren erzählen hier mit Bildern eine Geschichte vom Krimkrieg bis zum Kalten Krieg und von der Dampfmaschine bis zur Raumfahrt.

Entscheidend ist in diesem Buch nach der Auswahl das Kolorieren der Fotos:

Nihad Nino Pušija – Down There Where the Spirit Meets the Bone, THE LAST BOOK OF PEPERONI

„Durch das Buch zieht sich ein roter – und keineswegs nur metaphorisch blutroter – Faden. Das Buch ist die letzte Veröffentlichung, die der international hoch angesehene Berliner Fotobuchverleger und -buchhändler Hannes Wanderer noch selbst betreut hat, bevor er unerwartet am 9. September 2018 in Berlin verstarb. Unter dem Namen „Peperoni Books“ gedruckt, setzt es den Schlusspunkt unter ein außergewöhnliches Leben im Dienste der Fotografie.“

So schreibt es der Lehmstedt Verlag über das Buch von Nihad Nino Pušija Down There Where the Spirit Meets the Bone.

An diesem Buch und alles in diesem Buch bis zur Entstehung ist schicksalhaft.

Gewaltige existenzielle Themen bewegen die Fotos und die Menschen in diesem Buch und ohne die schöpferische Kraft überzeugter Männer und Frauen als Verleger wäre es nie dazu gekommen.

Schon deshalb handelt es sich um ein ganz besonderes Buch, das auch ganz besonders dargestellt werden sollte.

Das Buch beginnt  bei Tito und hört irgendwann heute auf.

Wir sehen auf den Fotos die Ergebnisse der sozialen Ereignisse auf dem Balkan dort und hier.

Menschen, die gestorben sind, Menschen die vor, im und nach dem Krieg dort leben, die mit den Veränderungen im Krieg und nach dem Krieg leben, Spuren der Zeit und der Veränderungen ohne Ende und mitten aus dem Leben.

Details sagen oft mehr als große Landschaftsaufnahmen. Ein Detail kann eine ganze Weltsicht wiedergeben. Und hier ist die Mischung aus allem und in allem, was aus dieser Zeit an Trümmern, Hoffnungslosigkeit und dem Leben darin und danach real existierte – und existiert.

Das Buch ist sehr klug angelegt. Wir sehen monochrome Aufnahmen aus analogen Zeiten und farbige Aufnahmen aus digitalen Zeiten. Alle erzählen auf ihre Art und wirken stark.

Wir tauchen ein in die Welt zwischen Bosnien und Berlin und sehen Kurden, Muslime und Christen vor Ort und in Deutschland. Überhaupt ist in diesem Buch viel Deutsches zu sehen bis zur Bundeswehr vor Ort.

Aber das Buch ist eben auch ein sehr dokumentarisches Fotobuch.

Wir sehen den Zeitgeist und das Leben im Alltag als der Krieg noch nicht da war und Tito herrschte, bis wir nach den Wirren der Kriegsfotos auf ein Bild von 2012 stoßen, welches uns an einer Wand immer noch ein Foto von Tito zeigt als Erinnerung an Besseres als Krieg und Mord?

Es ist ein Buch voller Geschichten in den Fotos und es ist ein Buch aus dem Leben gemacht.

Denn hier wurde nur aufgenommen, was wirklich zu sehen war – aber mit eigenständiger Gestaltung der gesehenen Momente. Und so sehen wir auch den Fotografen beim Sehen und mit seiner „Wahr“nehmung.

Das haben alle am Buchprojekt Beteiligten wirklich gut gemacht und mit diesem Buch ein Stück schlimme Zeitgeschichte in einen Rahmen gebracht, der zeitliche Abläufe über 30 Jahre darstellt.

So ist dieses Buch ein visuelles Geschichtsbuch der ganz besonderen Art.

Es ist die Kunst der ungeschönten Dokumentarfotografie, die visuell die Macht des Alltags mit den Details eines schweren Lebens zeigt ohne Dramatisierung. Die Fotos wirken aus sich heraus, weil sie authentisch sind und entsprechend gestaltet fotografiert wurden.

Für mich ist dieses Buch dadurch eines der besten seiner Art in jüngster Zeit.

Mag meine Meinung auch nicht maßgebend sein, so habe ich doch das richtige Maß für die Beurteilung solcher Bücher  in den letzten Jahren entwickeln können und deshalb halte ich meine Einschätzung für richtig.

Ich danke allen Beteiligten für dieses Werk, das mehr wert ist als nur seinen Preis.

Das Buch ist im Lehmstedt Verlag erschienen.

Nihad Nino Pušija

Down There Where the Spirit Meets the Bone

THE LAST BOOK OF PEPERONI

Herausgegeben von / edited by Lith Bahlmann
und / and Matthias Reichelt

Ausgabe in deutscher und englischer Sprache

296 Seiten mit 196 farbigen und Schwarzweiß-Fotografien
24 x 29 cm, Festeinband, Fadenheftung

ISBN 978-3-95797-082-4

 

Über Fotografie schreiben

Fotobücher und Texte zur Fotografie und Streetfotografie – Michael Mahlke

Über Fotografie schreiben bedeutet für mich über Dokumentarfotografie, soziale Fotografie und Digitalkameras zu schreiben. Die Digitalfotografie hat für mich das Fotografieren demokratisiert, weil sich heute jeder einen Fotopparat leisten kann, sogar zusätzlich zum Handy bzw. Smartphone.

Das Fotobuch und seine Bedeutung in der Dokumentarfotografie

Michael Mahlke Fotobücher

Michael Mahlke Fotobücher

Einige Erfahrungen online und offline

Nun schreibe ich über zehn Jahre digital über Dokumentarfotografie.

Da lohnt sich für mich die Frage, welche Rolle dabei Fotobücher gespielt haben?

Denn in digitalen Zeiten sind viele Fotos ja auf Webseiten zu finden – sollte man meinen.

Aber da fängt es schon an.

Eyes on Paris. Paris im Fotobuch 1890 bis heute

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Jede Zeit hat eigene Fotobücher.

Die meisten sind vergessen, einige schaffen es in die Haushalte der Menschen, noch weniger in die Köpfe der Menschen.

Und mit dem Aufkommen digitaler Technik schien das Fotobuch zu verschwinden.

Es war ein Irrtum.

Und im Zuge der Wiederentdeckung des Fotobuchs kam auch die Aufarbeitung der Geschichte der Fotobücher.

Spannung pur – zumindest hier beim Thema Paris!

Es gab für Paris und seine Fotobücher eine Fotoausstellung.

Und dazu gibt es bis heute ein gut gemachtes Buch darüber, das die vergangene Ausstellung aufleben läßt und den Gang durch die Geschichte der Fotobücher über Paris ermöglicht.

Wer hätte gedacht, daß es so viele Fotobücher über Paris gab!

Hans-Michael Koetzle hat nur die „wichtigen“ Fotobücher dargestellt. Eine faszinierende Auswahl und eine visuelle Reise durch die Blicke auf Paris und die Zeiten in Paris.

Zudem sehen wir wie verstreut die Buchwelt weltweit ist.

Wer sich auf das Buch einläßt wird sehr belohnt.

Wunderbare Artikel erzählen über die Bücher und die Menschen, die sie gemacht haben.

Ich finde die japanischen Fotografen faszinierend, die Realismus und Farbe und Dokumentation zusammenbrachten und Fotos erstellten, die auch heute noch ansprechen.

In dem Buch über die Fotobücher von Paris fehlt sicherlich nichts, was wichtig wäre im Bereich der Monografien.

Viele gute Fotos aus den Büchern laden zu einem Spaziergang durch die Fotobücher von Paris ein.

Man schlendert durch Paris und erlebt Jahrzehnte mit ihren Problemen und der jeweiligen Gestaltung des öffentlichen Raumes.

Denn natürlich sind die Sehenswürdigkeiten und die Strassen immer wieder die Bühne für die Fotos. Und so sieht man den Wandel je nach dem Blick des Fotografen oder der Fotografin.

Es ist eine faszinierende Reise durch Paris und die Fotografie.

So entstand ein Buch, das ganz ohne den Versuch auskommt, bestimmte Kameramarken vorzustellen. Vielmehr sieht man, was fotografisch schon vor Jahrzehnten in der analogen Welt möglich war und wie schön manches auch im Rückblick ist.

Der Hirmer Verlag hat hier ein Buch im Programm, das auf hohem Niveau und mit wunderbarer Ausstattung für viele Jahre immer wieder zum Aufschlagen animiert.

Es ist auch irgendwie ein Reiseführer und natürlich macht das Buch Lust auf Paris und vor allem Lust auf das Fotografieren mit verschiedenen Techniken monochrom und in Farbe.

Das Buch ist zeitlos aber nicht langweilig und das macht auch das Empfehlenswerte aus. Es ist irgendwie der beste Reiseführer, ohne daß man das Buch in die Reisetasche stecken könnte. Aber es ist ein wunderbarer Weg, um zu sehen, wie viel Geschichte und Veränderung in dieser Stadt steckt.

Dies wird alles sichtbar und daran kann man sich erinnern, wenn man sich entschließt, durch die Straßen von Paris zu schlendern und an einem Boulevard einen Cafe zu trinken.

Wenn man dann schon mal da ist, sollte man auch fotografieren und sein eigenes Fotobuch über Paris machen – zum kleinen Preis und online.

Und wenn man es in Händen hat sollte man es mit dem Buch Eyes on Paris vergleichen. Denn Eyes on Paris lohnt sich sehr als Geschenk und für die fotografische Inspiration.

Es ist im Hirmer-Verlag erschienen.

 

400 Seiten, 899 teils farbige Abbildungen
24 x 30 cm, gebunden
ISBN: 978-3-7774-4131-3

Gisèle Freund, Fotografische Szenen und Porträts von Janos Frecot und Gabriele Kostas

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„Wer bei Gisele Freund über Porträts spricht, spricht auch über Farben.“

So schildern Yoann Thommerel und Lorraine Audric das Archiv ihrer Fotos.

Es sind Fotos aus schwierigen Zeiten.

Sie erzählen Geschichten vom Leben und Sterben. Immer dabei Walter Benjamin.

Hnzu kommen Fotoreportagen und der Briefwechsel zwischen Walter Benjamin und Gisele Freund in Paris.

So entstand ein Buch, das Gisele Freund zeigt, ohne daß die Fotografin dazu noch etwas sagen könnte.

Janos Frecot und Gabriele Kostas betonen, daß die Auswahl der Fotos nicht nur die Porträts zeigen, sondern den Alltag der Abgebildeten, eben fotografische Szenen.

Daraus entstand ein Buch, das die Vergangenheit fast aktuell zurückholt.

Es sind bemerkenswert lebendige Fotos und man kann in dem Buch genau sehen, wie versucht wurde, verblassende Farben digital wieder hinzubekommen.

Das ist gelungen und spannend.

Das Buch liefert aber auch eine Untersuchung über die Art, wie Gisele Freund Porträts machte.

Fast immer war eine Hand zu sehen.

Interessant ist die These, daß die Fotos nicht aus einer Freude am Visuellen entstanden sind sondern aus inhaltlichen Gründen.

Wie schön, daß es das im Fotojournalismus noch gab!

„Die farbigen Nahansichten von Schriftstellern, besonders die berühmt gewordenen Porträts, die Gisele Freund um 1939 aufgenommen hat, verhindern oft durch ihre porentiefe, nicht nur den Dargestellten selbst unangenehme Genauigkeit die nötige Distanz, die uns gleichzeitig wieder anlocken würde.“

So steht es im Buch.

Enno Kaufhold untersucht in dem Buch die Rezeption und weist darauf hin, daß Gisele Freund erst 1977 in Deutschland im Rahmen einer Ausstellung mit Porträts und Fotoreportagen öffentlich zur Kenntnis genommen wurde.

Nun hat der Nicolai-Verlag dieses Buch herausgegeben und es wird die Frage erneut aufwerfen, ob es einen weiblichen Blick gibt.

Im Buch selbst wird genau dies diskutiert und mit Zitaten von Hans Georg Puttnies und Verena Lueken mit Pro und Contra versehen.

Egal ob oder ob nicht.

Das Buch eignet sich wunderbar, wenn man Menschen in einer Nähe und Lebendigkeit sehen möchte, die man sonst nur aus der Literatur kennt. Und es ist ein großartiges Buch, wenn man die Fotos von Gisele Freund im Großformat sehen möchte und Fotos sehen will, die sich verkauften

Am Ende des Buches sind auch die Fotos von Eva Peron zu sehen und die Geschichte mit den Fotos, mit der Politik und der Agentur Magnum wird so erzählt wie wir sie noch nicht kannten.

Die vielen Autorinnen und Autoren liefern viele verschiedene Ansichten und insgesamt ein Puzzle zu Leben, Werk und Wirken einer Frau und Fotografin, die die Reproduzierbarkeit der Fotografie auch als Broterwerb hatte.

Ein spannendes, umfassendes und gut gemachtes Buch aus dem Nicolai-Verlag.

Janos Frecot, Gabriele Kostas (Hg.)
Gisèle Freund
Fotografische Szenen und Porträts
224 Seiten, 22 x 27 cm
175 farbige und Duotone-Abbildungen
gebunden
ISBN 978-3-89479-848-2

 

Wieder einmal ist Fotomonat Quelle für Inspirationen und Fachkompetenz

Durch mein Studium von Fotobüchern gestern und heute sind mir einige Perlen ins Auge gefallen und mir war klar, daß es einen Markt gibt für Neuauflagen bestimmter Werke.

Ich habe deshalb vor über einem Jahr vorgeschlagen, ein Buch von Henri Cartier-Bresson neu aufzulegen zu einem Preis um die 100 Euro, weil ich mir sicher war, daß dieses Buch gekauft wird.

Faszinierenderweise wird es nun neu aufgelegt und für 98 Euro verkauft.

Fotomonat ist eben eine fachkompetente und seriöse Quelle für Fotografie mit dem Schwerpunkt Dokumentarfotografie auf die man hört.

 

Digitalfotografie und Geschichtsschreibung

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Foto: Michael Mahlke

Das persönliche Fotobuch zwischen Zeitgeist und Lebenszeit

Ich habe lange dafür gebraucht.

Für die Fotos ebenso wie für den Artikel und noch länger bis es so weit war.

Die Geschichte der Kompaktkameras

Ab 1999 ermöglichten die preiswerten Digitalkameras von Jenoptik mir den Zugang zur Digitalfotografie. Dann glaubte ich mit der teuren Canon Powershot G1 eine langlebige Kamera zu kaufen. Das stellte sich technisch als Illusion heraus. So ging es bis 2005.

Danach gab es ja das Feuerwerk der Kompaktkameras auf dem Markt. Es war die Zeit der Experimente für Kunden und Unternehmen.

Für mich waren es mit 5 und 6 Megapixel die Sanyo E6, die Fuji F10  und die Fuji Z3.

Später wurden diese durch 8 bis 10 Megapixel Kameras abgelöst, die Lumix LX37, die Olympus C70 Zoom und die Ricoh GX200.

Erinnern Sie sich noch daran? Eher weniger?

Die Geschichte und die eigene Lebenszeit

Genau so ist es mit der eigenen Lebenszeit und den extremen Belastungen, die damals vorhanden waren.

Erst wollte ich die Bilder einfach liegenlassen für später. Aber wer wüßte dann noch was und wie, warum und wo?

Nach einiger Zeit entschloß ich mich, daraus ein persönliches Fotobuch zu machen. Und in diesem Fall hält das Buch mehr als die Seiten zwischen den Buchdeckeln.

Dokumentarfotografie 2000 bis 2010

Es sind Fotos aus der Zeit zwischen 2000 und 2010 – nicht viele aber exemplarische Momente, die fast immer öffentlich waren, aber von denen die Öffentlichkeit nur sehr begrenzt Kenntnis nahm.

Es ist sehr persönlich, weil darin mein Herzblut und die Energien vieler anderer Menschen zu finden sind. Es ist eine fotografische Dokumentation, die viele Erinnerungen und Gefühle freisetzt.

Nicht einfach vergessen

Ich hatte neben Füller und Notizbuch immer öfter eine Kamera dabei und fragte die Menschen, ob sie Lust hätten auf Fotos zu sein, die an uns erinnern und von denen ich noch nicht weiß, wann und wo ich sie als „Geschichtsbuch“ veröffentliche. Sie sagten immer ja und freuten sich, daß sie nicht einfach vergessen werden.

Dann erzählte ich über andere Bücher von mir und ich endete jedes Mal mit der Feststellung, wenn wir uns nicht dokumentieren, dann wird uns niemand dokumentieren.

Das wußte ich seit meinem ersten historischen Buch über eine lokale soziale Bewegung und der Recherche dafür im Archiv. Die Menschen damals waren nur in den Polizeiberichten der Bismarckzeit auffindbar, ohne Fotos und nur so wie die Geheimpolizei dies damals sah.

Worte reichen nicht

Den Menschen ein Gesicht geben, die Namenlosen zumindest als Teil des Geschehens sichtbar festhalten, um an sie zu erinnern und ihnen so einen Platz im Gedächtnis der Gesellschaft einräumen.

Worte allein reichen nicht, wenn man lebendig im historischen Gedächtnis von Menschen und Archiven bleiben will. Das war mir klar nach vielen Jahren zwischen Wörtern, Bildern und Geschehen.

Auch Niederlagen muß man dokumentieren, weil sie gut sind, wenn man daraus lernen will. Sie bringen uns an die Grenze jenseits der Illusionen.

Es geht um die Bedingungen von Arbeit und Leben und um Ereignisse, die stattfanden und vieles veränderten.

Das ist Geschichtsschreibung heute.

Und deshalb setzte ich dieses Wissen dann erstmalig digital und visuell bei Mannesmann um.

Das war der Beginn meiner fotografischen Erfahrungen.

Ja so war das.

Das beste Foto ist das, das überhaupt existiert

Einige Fotos sind unscharf, weil die, die die Kamera bedienten, der Automatik vertrauten und damals bei schlechtem Licht kleine Kameras noch größere Probleme hatten.

Aber es sind die einzigen Fotos, die überhaupt zeigen, wie es war.

Außer in der Erinnerung der Beteiligten ist vieles nicht mehr auffindbar und sichtbar erst gar nicht. Viele Betriebe von damals als soziale Veranstaltungen sind verschwunden, Gebäude sind abgerissen, es wurde umgezogen und vieles mehr.

Die Globalisierung mit ihrer menschenfeindlichen Fratze hat in dieser Region bei so vielen Menschen so viele Wunden geschlagen, dass jede neue Erinnerung auch neue Schmerzen hervorruft.

Erinnerungen zwischen Würde und Schmerz

Aber der Entschluß, daraus dann doch ein Fotobuch zu machen, setzte viele Dinge in Bewegung. Nun sehe ich Menschen und Ereignisse noch einmal und sie haben nichts von ihrer Würde und ihrem Ringen verloren.

Die Ereignisse sind vorbei – aber nicht die Erinnerungen daran und die Wunden und Schmerzen, die sie hervorbrachten. Diese sind nicht sichtbar aber für den spürbar, der sie erlitten hat. Sie sind in der Seele und schmerzen immer wieder, wenn sie geweckt werden. Globalisierung bedeutet legalisierte Gemeinheit und den Sieg von Gier und Ungerechtigkeit. Davon profitieren nie die kleinen Leute vor Ort. Diese zahlen immer den Preis dafür.

Natürlich gibt es in Momenten des sozialen Kampfes und von Situationen, in denen man weiß, daß man verliert, auch die Momente des Zusammenhalts, die wirklich helfen, diese Zeiten durchzustehen.

Auch daran erinnert man sich. Aber es ist nur ein Trost, weil die Wirklichkeit so trostlos war.

Die Zeiten mit diesem brutalem Umbau sind in dieser Region momentan so massiv vorbei.

Fotos bleiben als sichtbare Dokumente der Erinnerung

Die Fotos sind die einzigen Überbleibsel dieses „Wandels“, der zehntausenden von Menschen und hunderten von Betrieben aus der Region (Remscheid, Solingen etc.) die Arbeit und die Zukunft nahm. Das steht alles exemplarisch für andere Regionen, in denen Ähnliches passierte.

Die Menschen wollten alle arbeiten und ihre Arbeitsplätze behalten. Viele davon wurden arbeitslos und dann stigmatisiert durch Hartz 4.

Und der soziale Ausgleich in dieser Gesellschaft, der zu Beginn dieser Entwicklung manches abfederte, ist einer asozialen Gesetzeslage gewichen, die fast keine gut bezahlten Arbeitsplätze mehr hervorbringt ausserhalb des Beamtentums, sondern die Zeitarbeit als Normaleinstiegsarbeitsverhältnis definiert und damit den Menschen die Perspektive und die Identifikationsmöglichkeit mit diesem System nimmt.

Globalisierung und Industrialisierung

Ich finde, daran sollte man erinnern, weil wir bessere Gesetze verdient haben und weil diese Menschen in dieser Region als lokale Akteure die Namenlosen der Geschichte sind, die man heute unter Globalisierung zusammenfasst so wie man über die Industrialisierung spricht und dabei die Menschen vergißt, die damals Betroffene und Opfer waren.

Blickt man auf die Geschichte der Fotografie, dann war eine Folge der Industrialisierung die Entwicklung der sozialdokumentarischen Fotografie, um das festzuhalten, was in Bildern aussagekräftiger ist und mit Texten dann richtig zugeordnet werden kann.

Und wir?

Wir sind vor kurzem erst dabei gewesen als Betroffene(?) und schon Teil der Geschichte, auch wenn wir noch leben.

Und es geht weiter. So ist das eben.