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Kriegsmedien – Medien im Krieg. Von Ernst Friedrich zu Guantanamo

Prof. Jörg Becker im Kunstmuseum Solingen - Foto: Michael Mahlke

Prof. Jörg Becker im Kunstmuseum Solingen – Foto: Michael Mahlke

Welche Wirkung haben Fotos vom Krieg? Warum sehen wir heute in den offiziellen Medien keine Kriegsfotos mehr? Wußten Sie, daß Särge von amerikanischen Soldaten erst seit Obama wieder fotografiert und publiziert werden dürfen?

Prof. Jörg Becker hielt im Kunstmuseum Solingen im Rahmen des XX. Else-Lasker-Schüler Forums 2014 einen sehr engagierten und sachlichen Vortrag zu Ernst Friedrich und seinem Engagement für Frieden und gegen den Krieg. „Krieg dem Kriege“ war sein wichtigstes Buch. Becker schilderte wie Ernst Friedrich mit Fotos von Ferdinand Sauerbruch ein Buch erstellte, das die Menschen zeigt, die verstümmelt wurden und ermordet einfach rumlagen oder an ihren Leiden zugrunde gingen. Andere mußten als Vollinvaliden noch arbeiten.

Kunstmuseum Solingen - Foto: Michael Mahlke

Kunstmuseum Solingen – Foto: Michael Mahlke

Sein Vortrag regt natürlich zu der Frage an, welche Wirkung Fotos haben?

Ernst Friedrich hatte sogar ein Museum, um dort Fotos gegen den Krieg zu zeigen. Seine Wirkung war beschränkt, der 2. Weltkrieg brach ebenso aus wie hunderte von Kriegen danach. Doch Prof. Becker hielt nicht nur einen Vortrag. Er hatte zudem gemeinsam mit der Museumsleitung und der Else-Lasker-Schüler Gesellschaft eine kleine Ausstellung im Kunstmuseum Solingen initiiert, die es in sich hat.

Ernst Friedrich Ausstellung im Kunstmuseum Solingen  Prof. Jörg Becker - Foto: Michael Mahlke

Ernst Friedrich Ausstellung im Kunstmuseum Solingen Prof. Jörg Becker – Foto: Michael Mahlke

Neben dem Originalbuch finden sich in der Ausstellung Originaldokumente für Kinder und Erwachsene, die den Krieg verherrlichen.

Ernst Fiedrich im Kunstmuseum Solingen - Foto: Michael Mahlke

Ernst Fiedrich im Kunstmuseum Solingen – Foto: Michael Mahlke

Künstliche Ersatzgelenke für Kriegsverletzte zeigen, was überhaupt möglich war.

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Jörg Becker hat den Kampf gegen den Krieg ebenso wenig aufgegeben wie Ernst Friedrich und M. Grothe.

Aber die Ausstellung zeigt eben auch, wie oft der Kampf gegen den Krieg verloren wurde und wie der Charakter des Menschen angelegt ist.

Ernst Friedrich, Jörg Becker, M. Grothe - Foto: Michael Mahlke

Ernst Friedrich, Jörg Becker, M. Grothe – Foto: Michael Mahlke

Das führt uns dann zu der Frage nach den Kriegen von heute. Dazu gibt es gleich nebenan im Kunstmuseum Solingen eine großartige Ausstellung mit Fotos von Ursula Meissner.

Nachtrag am 20.5.2014:

Wenigstens bin ich nicht ganz allein mit meiner Berichterstattung geblieben. Einen guten Artikel dazu gibt es noch und den möchte ich dann auch empfehlen. Sie finden ihn hier.

 

 

Nur noch gute Arbeit? Das Verschwinden der Realität der Arbeitenden aus der Fotografie der Gegenwart

Seit einiger Zeit gibt es ein neues Phänomen. Nur „Gute Arbeit“ wird in Deutschland fotografisch noch gezeigt oder es wird gezielt Propaganda betrieben.

2011 gab es in Barzelona eine Ausstellung, die sich mit dem Entstehen der Arbeiterfotografie-Bewegung von 1926 bis 1939 beschäftigt hat.

Die Ausstellung wird wegen ihrer Tiefe und Breite sehr gelobt. In einem Aufsatz dazu fand ich einen Hinweis.

Dort heisst es „self-representation by the working class became a form of social emancipation“, auf deutsch wurde die Selbstdarstellung der Arbeiterklasse zu einer Form der gesellschaftlichen Emanzipation.

Die Fotos aus der Ausstellung kann man ergänzen mit Beispielen aus Deutschland aus der damaligen Zeit.

Wenn es so ist, dann ist das heutige Verschwinden der Selbstdarstellung entweder ein Beleg dafür, dass es keine Arbeiterklasse mehr gibt oder ein Beleg dafür, daß diese Menschen sich nicht mehr ins Licht trauen. Selbstdarstellung setzt ja voraus, dass man sich selbst als Teil von etwas darstellen will.

Das „Wir“, der „proletarische Lebenszusammenhang“ (R. Stumberger), zeigte sich in der gemeinsamen Wohnwelt, Arbeitswelt und Sozialwelt.

Wenn man diese gemeinsamen Erfahrungen nicht mehr macht und teilt und sich auch keiner Klasse zugehörig fühlt, dann ist das soziale Bewusstsein weg und die Suche nach anderen Zugehörigkeitsobjekten und Identifikationsmöglichkeiten beginnt.

Dabei darf man aber nicht die Arbeiterklasse mit Randgruppen verwechseln. Das Fotografieren von Randgruppen und die Arbeiterfotografie sind völlig verschiedene Dinge und die politische Dimension der Arbeiterfotografie war medial in der Weimarer Republik und in Deutschland in den 70er Jahren eine starke Kraft, die das Medium Fotografie zur Selbstreflexion und als Mittel im sozialen Kampf einsetzte.

Man kann natürlich auch sagen, dass heute jeder in sozialen Netzwerken sich fotografisch selbst darstellen kann und daher eine Zugehörigkeit kraft Klasse nicht mehr erforderlich sei. Allerdings sind die sozialen Bedingungen nicht weg, die die Arbeiterklasse hervorgebracht haben. Soziale Atomisierung blockiert aber und „soziale“ Netzwerke verbinden nicht.

Der Hunger bei uns ist aktuell besiegt aber schlechte Arbeit und vieles mehr sind immer noch da.

Nur ist die Arbeiterklasse an sich ja auch in der Demokratie mit dem wachsenden Wohlstand zerflossen, weil sie letztlich über die materiellen Erfolgselemente nicht hinauskam.

Eine Arbeitnehmerklasse 2.0 als Antwort auf die neuen Herausforderungen des 21. Jhrdts. mit zunehmender Zerklüftung der Arbeit, schlechter Arbeit, unsicheren Arbeitsverhältnissen, lebenslangem Hartz 4 Niveau und vielem mehr wird nicht als Herausforderung begriffen, so daß der Zusammenhalt als gemeinsamer Interessenpool nicht existiert sondern lediglich nach soziologischen Kriterien Schichten definiert werden können.

Öffentliches Bewußtsein

Was in den Medien präsent ist, ist repräsentativ für unser Denken über die Gesellschaft.

Die digitale Welt hat es bisher nicht geschafft, die Aufklärung weiter zu verbreiten in unserem Land.

Wer will, kann heute mehr erfahren, aber es wollen deshalb nicht unbedingt mehr Menschen davon Gebrauch machen.

Wissen ist anstrengend, es zu verbergen noch viel mehr und in einem Land, in dem Bildung durch Gesetze sogar rentenrechtlich abgestraft wird, ist Bildung ein Hindernis.

Das soll hier aber kein politischer Artikel werden sondern ein Hinweis, der erklärt, warum wir fotografisch in dem hier diskutierten Sinne ein gesichtsloses Land geworden sind.

Wenn die fotografischen Themen, die öffentlich präsent sind, ein Hinweis auf soziale Veränderungen sind, dann ist das Fehlen der Arbeitnehmer und der Realität ihrer Arbeit und Lebensumstände im Mainstream fotografischer Themen in Deutschland ein Hinweis, der eine Menge aussagt.

Er könnte auch aussagen, daß die Gesichtslosgkeit der Arbeitnehmer die Gesichtslosigkeit der Gesellschaft zeigt.

Typisch Deutsch?

Fotografie zwischen Propaganda und Dokumentation

Arbeit und Alter als Metaphern in der Öffentlichkeit

Arbeit und Alter als Kombination ist „in“, spätestens seit der Einführung der Rente mit 67 (als verkappte Rentenkürzung und/oder Zwang zu längerer Arbeit und dem Verlust von mehr selbstbestimmter Lebenszeit), die nach Hartz 4 der massivste neue negative Einschnitt in das Leben der Arbeitnehmer in Deutschland ist (Beamte sind von all dem so nicht betroffen).

Arbeit und Alter in der Fotografie

Arbeit und Altern ist als Kombination auch „in“ – aber anders.

Altern und Statistik

Altern als biologisches Gesetz und genetisches Programm – conditio humana – wird zunehmend als nicht erwünscht medial ausser kraft gesetzt und durch statistisch-prognostische Nebelbomben ersetzt. Dennoch taucht es als Thema immer wieder auf, aktuell im politischen Geschäft in der Pflege und um uns herum. Nur ist es eine schwierige Sache mit der Sterblichkeit und der Absurdität unserer Existenz.
Am schlimmsten sind die zunehmenden „Prognosen“, die durch statistische Hochrechnungen entstehen und dann sagen, dass die Menschen immer älter werden.

Das ist statistisch-mathematisch richtig und in der Wirklichkeit falsch. Was meine ich damit? Wenn jemand 10.000 Euro Rente erhält und der andere 1000 Euro Rente, dann verdient statistisch jeder 5500 Euro Rente. Das ist statistisch richtig aber entspricht nicht der Wirklichkeit.

Wenn ich die Menschen, die heute älter sind, hochrechne, dann sind rein rechnerisch manche statistischen Prognosen eindeutig: die Menschen werden danach mathematisch immer älter. Aber das sind Schmalspurrechnungen ohne den Wirt.

Bei diesen Untersuchungen werden nämlich weder neue Belastungen, die durch digitale Arbeitswelten entstehen, noch die Art und Weise des Alterns berücksichtigt, z.B.:

  • Sind dabei die erhöhten Strahlungen im Essen seit den Atomunfällen berücksichtigt?
  • Sind die mehr belasteten Lebensmittel berücksichtigt?
  • Sind Burnout und Depressionskrankheiten, die massiv zunehmen, berücksichtigt?

Eine der wenigen wirklich seriösen Studien formuliert das so: „“Die aktuellen Diskurse werden dominiert vom Topos der “fitten Alten” von heute. Aber gilt das in gleicher Weise für die Alten von morgen?… Wie ist z.B. der Gesundheitszustand der heute 45-jährigen im Vergleich zu dem Gesundheitszustand, den die heute 65-jährigen mit 45 Jahren aufwiesen?”

Aber selbst wenn dies berücksichtigt wäre, würde es nicht ausreichen. Denn Arme sterben früher nach anderen Statistiken (!?), so dass die zunehmende Altersarmut auch noch nicht berücksichtigt wurde, eventuell fehlende gesundheitliche Versorgung und vieles mehr. Und wie man bei FAKT erfahren konnte, hat heute ein junger Mann nur noch ein Zehntel der Dioxinmenge in sich, die ein junger Mann vor zwanzig Jahren hatte. Das ist alles in den Statistiken nicht drin.

Und es ist nicht gut für die jungen Männer von damals, die jetzt um die 45 Jahre sind und bis 67 arbeiten sollen…

Dennoch wird es – so meine Prognose –  eine zunehmende Propaganda von bezahlten „Forschern“ in den nächsten Jahren geben, die damit durch das Land ziehen, dass wir 100 Jahre alt werden – wenn wir nur der Statistik trauen und alles ausserhalb ihrer Statistik nicht berücksichtigen!

(Nachträge am 17. März 2013 und 3. Juni: Dass es so schnell geht, damit hätte ich allerdings nicht gerechnet, bitte klicken! und hier zeigt eine Auswertung des Programms 50plus die Wirklichkeit)

Googeln Sie einfach, wenn Sie dazu mehr wissen wollen, für diesen Artikel müssen diese kurzen Anmerkungen ausreichen.

Damit weiter im Text.

Arbeit

Arbeit bezieht sich bei mir hier auf Erwerbsarbeit, in der Regel fremdbestimmt und nur zum Gelderwerb. Es geht mir nicht vorrangig um Bilder der Arbeit in der bildenden Kunst sondern um die Bilder der Arbeit, wie sie auf Fotografien, auf Plakaten und in aktuellen Medien verwendet werden, um die heutige Situation wiederzugeben. Dabei geht es um den Arbeitsbegriff und das Verhältnis zum Altersbegriff, weil heute vielfach versucht wird, Alter jünger zu machen, um lebens-längeres/längliches Arbeiten zu legitimieren. Letztlich möchte ich an dieser Stelle noch auf das Märchen der Brüder Grimm zur Lebenszeit  hinweisen, das fast niemand kennt, obwohl es sehr gut und sehr weise ist.

Metapher

Damit ich nun direkt mit dem Thema beginnen kann, möchte ich noch ein Fremwort aus der Überschrift erläutern. Eine Metapher ist laut Definition „eine Form des bildhaften Sprechens, bei der die Wörter nicht in der eigentlichen, sondern in übertragener Bedeutung verwendet werden.“

Und so ist es wichtig und interessant  zu sehen, was bei den Wörtern Arbeit und Alter an Bildern gezeigt wird. Denn die Bilder haben alle direkt sichtbare und unterschwellige Botschaften.

Bilder als Botschafter

Welche Bilder sind aktuell wo zu sehen, wie relevant sind sie, und welche Botschaften haben sie?

Mit diesen Fragen im Kopf möchte ich dieses Thema etwas näher betrachten.
Zumutungen 1

Als ich aus dem Zug stieg und direkt vor mir das Plakat auftauchte, war für mich klar, was hier vermittelt wird. Ein älterer Arbeitnehmer sorgt für seine noch ältere Mutter. Der starke Mann auf dem Foto wird es schon schaffen, wird hier meiner Meinung nach unterschwellig suggeriert.

Der Staat hält sich fein raus und überlässt alle ihrem Schicksal, könnte man natürlich auch denken.

Scheitern als Chance im Kampf gegen die Bildermassen?

Foto: Michael Mahlke

Nun habe ich in den letzten Jahren mich hier und anderswo gedanklich abgearbeitet im Arbeitsfeld Fotografie. Das Fotografieren spielt sich für mich im Kopf ab und erfordert auch entsprechende Beachtung. Das dann real entstehende Foto ist das Ergebnis einer produktiven Auseinandersetzung.

Aber ein Thema, welches mich ständig beschäftigte, war der Umgang mit den beständig wachsenden Massen an Bildern.

Wie geht man damit um?

Alle Versuche, da irgendwie einen Zugang zu gewinnen, sind gescheitert. Allein die Masse macht es unmöglich, dies alles irgendwie zu erfassen.

Ich bin gescheitert mit dem Versuch, mit den Bildermassen zu arbeiten. Zwar gab es auch früher schon mehr Bilder als man in seinem Leben bewältigen konnte. Aber es waren Schwerpunkte möglich und irgendwie gab es auch eine Überschaubarkeit.

Daher gestehe ich mir heute mein Scheitern ein. Und genau hier geht es mir nun danach besser.

Das Scheitern führt bei mir zur Befreiung. Jetzt kann ich alles ausblenden, was mich persönlich nicht interessiert. Und dann ergeben sich auf einmal Spuren, die zu einem neuen Weg führen:

Beide Projekte zeigen mir, dass es Wege in den Fotomassen gibt, die persönlich und gesellschaftlich sinnvoll sind. Es geht um das, was gerade geschieht und es sind die Wege, die durch persönliches Bearbeiten ein Thema im Querschnitt und/oder Längsschnitt fotografisch festhalten.

Das scheint der Weg und das Ziel

Denn ich habe mich u.a. auch gefragt, wieso ich stundenlang vor schlechten Fotos aus irgendwelchen Handys oder Smartphones sitzen soll, die jemand irgendwo aufgenommen hat. Durch digitale Filter wird das nicht besser. Und es lohnt sich nicht, weil man dafür kein Geld erhält und das Betrachten dieser Fotos in der Regel sinnlos ist.

Sinn macht es, individuelle Arbeiten mit Charakter, Schwierigkeiten und Unfertigkeiten anzuschauen. Das Bemühte und Unfertige ist das eigentlich Spannende. Nicht das abgeglättete Werk. Das ist bei Menschen wie im Film. Glatte Filme unterhalten, Filme mit Kanten bringen Leben. Sprache ist ja immer schwierig. Ich meine mit unfertig nicht schlecht sondern Fotos, die auf ihre Art etwas festhalten konnten, was sonst nie dokumentiert worden wäre. Ich habe zum Beispiel oft nur eine kleine Kamera dabei gehabt und musste damit arbeiten. Das hatte technische und situative Probleme zur Folge. Aber es war oft der einzig mögliche Weg.

So wird die Zukunft hier und anderswo bei mir dazu führen, sich mehr diesen Fragen zuzuwenden und bewusst das Feld der Bildermassen anderen zu überlassen.

Wir leben im Zeitalter der Massen

„Es gibt eine Tatsache, die das öffentliche Leben Europas in der gegenwärtigen Stunde – sei es zum Guten, sei es zum Bösen – entscheidend bestimmt: das Heraufkommen der Massen zur vollen sozialen Macht…. Wir nähern uns dieser historischen Erscheinung vielleicht am besten, wenn wir uns auf eine visuelle Erfahrung stützen und einen Zug der Zeit herausheben, der mit den Augen zu sehen ist. Es ist leicht aufzuweisen, wenn auch nicht leicht zu analysieren; ich nenne ihn die Tatsache der Anhäufungen, der Überfüllung. Die Städte sind überfüllt mit Menschen, die Häuser mit Mietern, die Hotels mit Gästen, die Züge mit Reisenden… Was früher kein Problem war, ist es jetzt unausgesetzt: einen Platz zu finden.“

Das schrieb Jose Ortega y Gasset 1930. Heute würden wir schreiben: Es gibt eine Tatsache, die das (digitale?) Leben entscheidend bestimmt, das Heraufkommen der digitalen Bildermassen….

Und so bleibt die Aufgabe, darin einen Platz zu finden und damit umzugehen. Dies geht nur, wenn man von den Bildermassen wegkommt und bei dem Einzelbild und der Serie ankommt.

Vielleicht gibt es „die“ Lösung auch noch gar nicht. Dann lohnt sich die Suche danach. Dazu begibt man sich einfach auf den Weg. Das wäre dann ein neues Thema.

„Scanning“ oder Quantitative Orientierung in der Fotografie?

Ordnung oder Unordnung – Foto: Michael Mahlke

Immer mehr

Wie geht man damit um, dass es immer mehr Medien an immer mehr Stellen unseres Lebens gibt und diese Medien immer mehr unserer Lebensbereiche durchdringen und (mit?)bestimmen?

Zwischen Zahl und Total

Einen interessanten Ansatz bietet die Ausstellung „24 Dokumente von heute“ im Fotomuseum Winterthur.

Dort heisst es: „Mit den 24 ausgewählten, exemplarischen «Dokumenten» dieser Ausstellung wird ein komplexes Netz aus losen und festeren Bezügen geknüpft, das den Status des dokumentarischen Bilds im Hier und Jetzt einfängt. Das dabei vorgeführte Hin- und Herspringen zwischen Themen und medialen Formen, zwischen offiziellen Pressebildern (Wladimir Putin beim Angeln) und anthropologischen Untersuchungen des Familienbildes (die Vox Populi-Arbeit von Fiona Tan) entspricht in etwa unsere heutigen Seherfahrung zwischen High und Low, zwischen Unmittelbarkeit und Tiefgang. Das Erobern fremder Orte oder die stille Annäherung an ein persönliches Thema sind andere Pole der Ausstellung.“

Um durch die Unübersichtlichkeit zu kommen wird quantitativ vorgegangen, indem eine Zahl, die 24, als Ordnungsprinzip gilt.

Sie ist quasi die einzige Verbindung. Das ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert, weil es zeigt, wie Zahlen unser Leben bestimmen können. Aber dies ist nur ein Aspekt.

Ganz anders ist es in der Ausstellung „Fotografie Total. Werke aus der Sammlung des MMK“.

Dort heisst es: „Über sieben Monate hinweg zeigt das Museum in wechselnden Werk- und Raumfolgen neue thematische Zusammenstellungen seiner fotografischen Werke mit einem Schwerpunkt auf den bedeutenden konzeptuellen Arbeiten. Zu sehen sind dabei Fotografien von Lothar Baumgarten, Anna und Bernhard Blume und Bernd und Hilla Becher. Ebenso im Fokus stehen Videoinstallationen von Aernout Mik, Mario Pfeifer und Bill Viola sowie die Reportage-Fotografie aus den Sammlungsbeständen des MMK. Hier sind besonders die Werke von Paul Almasy, Anja Niedringhaus und Barbara Klemm hervorzuheben, wobei das MMK von letzterer allein 250 Werke in den vergangenen Jahren erworben hat.“

Das Wort „Total“ bezieht sich dabei laut Webseite auf die ca. 2600 Fotos, die das Museum bisher gekauft hat und von denen abwechselnd nun einige ausgestellt werden. Das Ordnungsprinzip ist hier also die mengenmäßige Einschränkung des bisher Gekauften – also ebenfalls wieder eine quantitative Größe.

Quantität als Qualitätskriterien?

Nun sind quantitative Merkmale keine qualitativen Merkmale und nicht unbedingt „Qualitätsmerkmale“. Man könnte heute

  • die Aufmerksamkeit vorher benannter Medien,
  • das Vorkommen in Suchmaschinen,
  • die Anzahl der Ausstellungen etc.

messen und als Kriterien nehmen.

Was würde dies bedeuten?

Es würde bedeuten, dass vielfach die quantitativen Kriterien entscheidend sind für die Aussage, es handele sich um Qualität.

Denn der Qualitätsbegriff ist in diesem Fall nicht mehr abhängig von handwerklichen Kriterien sondern von medialen Kriterien wie Aufmerksamkeit, Präsenz und Öffentlichkeit.

Es gibt natürlich tausende von Fotoausstellungen pro Jahr. Dabei sind die im Internet nicht mitgezählt. Aber manchmal kann man mit einem Korn die Welt erklären. Daher sind für mich  die Ausstellungen, die ich hier genannt habe, ein Merkmal für den Wandel der Orientierung von Museen im Umgang mit den Veränderungen der digitalen Welt.

Und so filtert sich heraus, was wichtig wird und es muß gefragt werden, ob das Wichtige sinnvoll ist. Damit wären wir wieder bei der Qualität – einem unendlichen Thema…

Ich möchte an dieser Stelle noch einen Gedanken in die Diskussion einbringen.

Das digitale Meer (Mehr?)

„Visuelle Kultur bzw. Visual Culture Studies fragen danach, wie die Bilder entstehen, wer sie an welche Orte bringt, was sie bewirken und wohin die Bilder uns leiten. Man schreibt nicht mehr über Fotografien sondern über ihre intermedialen Vernetzungen, über Blickpraktiken, über User-Repräsentationen und Technologien des Selbst mittels Fotografien.“

Dieser Gedanke von Susanne Regener zeigt die Schnittstelle der Veränderungen. Hat dies Auswirkungen auf die traditionelle Art der Fotoausstellung? Ich denke ja und die beiden Beispiele zeigen die überlegte Reaktion von Museumsgestaltern auf die Veränderungen.

Der Stellenwert einzelner Fotos als Ikonen ist in einem Meer von digitalen Fotos zeitlich maximal minimiert. Der Bestandswert geht gegen Null und der Gebrauchswert wird im Rahmen eines ununterbrochenen Medienflusses auf die themenorientierte Leitplankenfunktion  des „Scanning“ funktionell reduziert.

So wie man sich dem Anblick des Meeres hingibt, wird man sich zukünftig dem Meer der digitalen Fotos hingeben und festgehaltene Momente als Teil des Wahrnehmungsstromes (Scanning) sehen, in dem ein Foto schon einen Moment später vom nächsten Foto abgelöst wird.

Es sind die kräuselnden Wellen des Meeres, die den Ikonen der Fotografie im digitalen Meer entsprechen und denen wir ein längeres Scannen, ein längeres Verweilen als einziges Merkmal der Abgrenzung zubilligen, bevor es wieder abgelöst wird durch neue Momente.

Und so wird die Sehnsucht nach dem Tropfen die Sehnsucht nach dem einen Foto wiederspiegeln, welches ebensogut wie ein ganzer Fotostrom sein kann. Und dies wird die Stelle sein, an der neue Chancen entstehen, irgendwie und irgendwann – vielleicht.

Der Hype garantiert Geld

Bis dahin ist es ein guter Trost, dass der Hype in der Kunst immer wieder dazu führen wird, als soziale Gebrauchsweise viel Geld  in von einschlägigen Kreisen definierten „Kunstwerken“ als Fotokunst anzulegen, so dass Fotos vielleicht ihren Wert verlieren aber einen hohen Preis erzielen und dadurch wieder „wertvoll“ werden, preislich geprochen.

Bis dahin tschüss!

Wie man mit der Dokumentarfotografie Geschäfte macht oder wer gewinnt zahlt drauf?

Foto: Michael Mahlke

Umsonst ist nicht genug

Da gibt es nun eine Ausschreibung für einen Fotowettbewerb. Dort lese ich:

„Mit der Ausstellung ACHTUNG?! – RESPEKT, KONTROLLE, VERÄNDERUNG im Münchner Stadtmuseum schafft FotoDoks Raum für fotografische Arbeiten, die sich auf besondere Art den Themen unserer Zeit widmen, die Beziehung des Fotografen zur Welt beleuchten und einen reflektierten Umgang mit dem Bild zeigen. Gemeinsam mit dem diesjährigen Partnerland Großbritannien (UK) setzt sich FotoDoks mit der aktuellen Dokumentarfotografie, den Fotografen und den Fotografierten auseinander.

Die Ausstellung wird am 17. Oktober 2012 im Münchner Stadtmuseum eröffnet und ist dort bis zum 25. November zu sehen.“

So ist es also in München möglich, Dokumentarfotografie zu zeigen. Also werfe ich einen Blick auf die Ausschreibungsbedingungen und dort finde ich folgende Sätze:

„Ausstellung

Die Ausstellung FotoDoks findet vom 17.10.2012 bis zum 25.11.2012 im Münchner Stadtmuseum statt.

Die ausgewählten Fotografen werden bis zum 15.08.2012 per E-Mail benachrichtigt.

Die Gestaltung der Ausstellung erfolgt durch den Veranstalter im Einvernehmen mit dem/der Fotograf/in. Die endgültige Entscheidung obliegt dem Veranstalter. Wir behalten uns vor, kurzfristig Exponate z.B. aus technischen oder versicherungstechnischen Gründen von der Ausstellung auszunehmen.

Jede/r Teilnehmer/in ist für die Erstellung der Abzüge oder Prints in galerieüblicher Qualität selbst verantwortlich. Die Art der Präsentation ist mit dem Veranstalter abzusprechen.

Die Teilnehmer/innen der Ausstellung, tragen selbst die Kosten und Verantwortung für die Anlieferung und Hängung der Fotografien.

Kosten für die Rücksendung in maximaler Höhe von 50,- Euro werden übernommen. Darüber hinausgehende Kosten trägt der Teilnehmer selbst.

Die Anwesenheit zur Hängung (15. & 16.10.) ist verpflichtend und eine Teilnahme am Festival (vom 17.10.-21.10 2012) erwünscht.

Jede/r ausgewählte Teilnehmer/in ist verpflichtet einen Pressetext zu seiner Arbeit bis spätestens 01.09.2012 in digitaler Form zu übermitteln.

Jede/r Teilnehmer/in willigt ein, dass der Aussteller eines oder mehrere Bilder im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit für die Ausstellung und den Wettbewerb reproduzieren und verbreiten darf.“

Alles umsonst aber dafür nicht kostenlos

Das Ganze ist meiner Meinung nach ein Musterbeispiel für die Feststellung, dass Dokumentarfotografie kein Geschäftsmodell ist. Wer mitmacht und zugelassen wird, muss so gut wie alles selber bezahlen und erlaubt sogar noch die nicht weiter spezifizierte kostenlose Verbreitung seiner Fotos laut dieser Infos.

Da braucht es keine Urheberrechtsdebatte um Bezahlsysteme, wenn Teilnehmer nicht nur selbst zahlen sondern dafür auch noch ihre Rechte abgeben.

Wenn man sich gleichzeitig die Liste der „Premium Partner“ anschaut, dann fragt man sich schon, wer und was wird da bezahlt, wenn die Teilnehmer und ihre Fotografien – also der Kern der Sache – fast alles selbst bezahlen müssen.

(Wichtig: Es gibt zu diesem Artikel eine Anmerkung von Jörg Koopmann, der für die Veranstalter von fotodoks spricht und darauf hinweist, dass diese Ansichten von mir so nicht stimmen. Ich kann das nicht überprüfen, verweise aber in diesem Beitrag schon auf die Kommentarbeiträge am Ende dieses Artikels. So kann man sich ein eigenes Urteil bilden.)

Dokumentarfotografie ist doch ein Geschäftsmodell

So könnte man zu der Feststellung kommen, dass Dokumentarfotografie sehr wohl ein Geschäftsmodell ist – nur nicht für die Fotografinnen und Fotografen, die die Fotos liefern. Es ist sogar eine fast geniale Geschäftsidee. Früher bestimmte der die Musik, der sie bezahlte. In diesem Fall bestimmen andere (u.a. „Sponsoren“?)  die Musik und man selber muß auch noch dafür bezahlen und auf eigene Kosten produzieren.

Deutschlands „beste“ Dokumentarfotografen?

Aber auch dieses Geschäftsmodell kann man noch toppen. Am besten sucht man einen Verlag, der ein Buch herausbringt mit dem Titel „Deutschlands beste Dokumentarfotografen“ und wer will, der kauft sich für z.B. 1000 Euro in dem Buch eine Selbstdarstellung.

Das ist ein kluges Geschäftsmodell, bei dem alle verdienen – ausser den beteiligten Dokumentarfotografen.

So kann man mit der Dokumentarfotografie gute Geschäfte machen.

Übrigens gibt es ganz viele Beispiele in dieser Richtung, so dass mein Beispiel nur gerade aktuell ist und mir unter die Finger kam. Mehr Fotowettbewerbe finden Sie u.a. hier.

Und  bei z.B. fotodoks kann man scheinbar nur mitmachen, wenn man sich auf diese Bedingungen in dieser Form einlässt. Damit ist klar, dass man über einen seriösen Umgang mit Fotografie sehr geteilter Auffassung sein kann.

Text Version 1.1

Grosse Magnum Ausstellung bei CO Berlin

Zehn Jahre CO-Berlin sind Anlass für eine tolle Ausstellung in Kooperation mit Magnum. Die Fotoagentur Magnum zeigt ihren Weg von Fotos für Tageszeitungen, über grosse Bilderstrecken bis zu digitalen Installationen und multimedialen Shows. Die Ausstellung zeigt Geschichte und Dynamik. Die Räume zeigen die Verbindung von alt und neu und vor allem zeigt CO-Berlin die Einbettung in die Gegenwart. Die Agentur Magnum ist nun mal etwas besonderes.

Aber Magnum zeigt gerade durch diese Ausstellung in meinen Augen auch „nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“ Und dadurch wird die Ausstellung zu einer bewussten Auseinandersetzung mit der neuen Welt.

Ausstellungseröffnung Magnum bei CO BerlinNeben der großartigen Ausstellung hat CO-Berlin an diesen Tagen aber noch mehr zu bieten, nämlich die photography days. Dabei geht es an drei Tagen um fotografische Themen und am ersten Tag um nichts geringeres als die Zukunft des Fotojournalismus. Und dieser Tag mit seinen Diskussionen hat es in sich. Man spürt, dass alles im Umbruch ist. Thomas Hoepker ist Teilnehmer dieser Veranstaltung und zugleich einer der Fotografen, dessen Stärke die klassisch guten Fotos sind, also Fotos, die über den Nachrichtenwert hinausgehen – das Schwierigste überhaupt. Doch neben seinen fotografischen Fähigkeiten hat er auch den nüchternen und klaren Umgang mit der Wirklichkeit und es gelang ihm daher, auch hier durch seine wohlgesetzten Worte die Diskussion in den Köpfen voranzutreiben.
Man merkt, dass es sich um historische Veränderungen handelt. Nach der Erfindung des Buchdrucks wurden ganz viele Mönche „arbeitslos“, weil Bücher nicht mehr kopiert werden mussten. Es fielen auch Monopole. Heute ist die Parallelität von Druck und Digital vorhanden. Alte Bezahlsysteme funktionieren im Web nicht mehr, neue sind so einfach nicht umzusetzen. Es geht um die Definition einer neuen Welt und da kommt noch einiges auf uns zu, das wir beantworten müssen.

photography daysIch weiss nicht, ob es Stefan Erfurt und seinen Mitstreitern bewusst war als sie die photography days planten und die Ausstellung mit Magnum. Aber es ist symbolisch und gut. Denn Magnum entstand, weil die Arbeits- und Bezahlungsbedingungen für Cartier-Bresson, Capa und viele andere sehr schlecht waren. Sie brachten den Mut auf, Durststrecken durchzuhalten und für ihre Rechte neue Bezahl- und Vertriebswege zu entwickeln und in einem mehrjährigen Prozess zu etablieren. Und hier schliesst sich der Kreis. Die Geschichte von Magnum ist in meinen Augen die Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Fotojournalismus.  Es wird niemand kommen, der einem das Einbringen der eigenen Interessen abnimmt und es wird schwierig. Aber so war es immer schon und andere haben es auch geschafft.