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Dokumentarfotografie – Soziale Kämpfe im Ruhrgebiet und im Bergischen Land zwischen 1987 und 2010

mannesmann1999

Es hat knapp dreißig Jahre gedauert bis die Fotos von Michael Kerstgens über den Stahlarbeiterstreik in Duisburg-Rheinhausen 1987 als Buch erschienen sind. Dieses Buch wurde u.a. durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Es ist ein gutes Buch geworden und es erinnert mich an meine eigenen Erlebnisse.

Michael Kerstgens zeigt Fotos von 1987 bis 1993 als im Walzwerk in Hagen die letzte Schicht war und symbolisch das Ende des gesamten sozialen Konstruktes.

Und im Bergischen Land ging es dann weiter.

Dokumentarfotografie – aktuell und interessant

Die Dokumentarfotografie dokumentiert. Googelt man sich durch die Suchergebnisse, dann gibt es sehr verschiedene Infos. Die Wikipedia spricht von einer „Trendwende“ in den letzten Jahren. „Mehrere Museen und Wissenschaftsinstitutionen besinnen sich der dokumentarischen Kraft der Fotografie.“ Der Fotograf Tom Ang schreibt dazu: „“Trotz ihrer herausragenden Bedeutung in der Geschichte der Fotografie ist die Dokumentarfotografie nur schwer zu definieren… Was gute Dokumentarfotos gemeinsam haben, ist die realitätsgetreue Darstellung echter Situationen und echter Menschen.“

Und die Fachhochschule Hannover verkündete voller Stolz vor kurzem: „Nach Beschluss der Akkreditierungsgesellschaft »ACQUIN« ist die Studienrichtung nun ein eigener Studiengang und trägt die Bezeichnung »Fotojournalismus und Dokumentarfotografie«. Damit ist die Fachhochschule Hannover die einzige deutsche Hochschule, die die international übliche Bezeichnung »Photojournalism and Documentary Photography« als Begriff für das Kernprofil in der fotografischen Ausbildung trägt.“

Dies alles zeigt, dass dieser Begriff eine besondere Bedeutung hat. Wenn wir uns noch mal mit der Wikipedia beschäftigen, dann finden wir dort als einleitende Erklärung in dem Artikel folgendes: „Die Dokumentarfotografie ist eine Art des Fotografierens, deren Motivation es ist, ein fotografisches Dokument herzustellen, das für das Festhalten der Realität, als Zeit-Dokument, als Appell oder auch Warnung genutzt werden soll. Diese fotografischen Dokumente stellen dabei jedoch keine objektive, sondern eine subjektive oder ideologische Betrachtung zumeist mit sozialkritischem Hintergrund dar. Der Begriff „Dokument“ stammt von dem lateinischen Ausdruck documentum = beweisende Urkunde.“

Doch es geht noch weiter. Rudolf Stumberger unterscheidet einerseits dokumentarische Fotografie und andererseits sozialdokumentarische Fotografie. Wer den Unterschied zwischen Sozialdokumentarischer und Dokumentarischer Fotografie von Stumberger verstehen will, dem empfehle ich meinen Artikel über die Klassenbilder. (Nachtrag: hier gibt es noch einen neuen Artikel zu der Frage Was ist eigentlich Dokumentarfotografie?)

Wobei aber das Problem bleibt, dass einige sozialdokumentarisch meinen und dokumentarisch sagen. Das führt dazu, die Frage zu stellen, ob man durch die Unterscheidung nicht den nicht-sozialdokumentarischen Fotografen den größeren Begriff der Dokumentarfotografie überläßt. Die Diskussion ist in meinen Augen also noch nicht zu Ende.

Doch ich möchte etwas konkreter werden und benutze jetzt einfach die zweckorientierte Definition von Brenda Tharp (eigene Übersetzung, M.M.): „Naturfotografen wollen die Schönheit der Landschaft, das Drama des Lichtes und das Geschehen in der Natur zeigen. Reisefotografen wollen die Gesichter einer Kultur, einen Blick auf das tägliche Leben und die Sinnlichkeit eines Ortes zeigen. Fotojournalisten wollen den Moment oder die emotionale Situation vor ihnen zeigen“ (im Original „…want to share the moment“). Und aus diesem geteilten Moment kann Dokumentarfotografie werden, wenn es nicht reine Nachrichten/Ereignisfotografie bleibt.

So komme ich zurück zur Dokumentarfotografie. Sie dokumentiert. Darin sind sich alle einig. Und weil sie dokumentiert, möchte ich dies hier am Beispiel von drei Büchern aus den letzten 20 Jahren besprechen, die sehr unterschiedlich sind und doch ein paar Gemeinsamkeiten haben. Sie zeigen auch Entwicklungen auf. In allen drei Büchern geht es um das aktuelle Hauptthema der Menschheit. Es ist das Thema Arbeit und Arbeitswelt. Das erste Buch ist das Buch „Workers“ von Sebastiao Salgado, das zweite Buch ist das Buch von National Geographic „So arbeitet die Welt“ und das dritte Buch ist das Buch von Werner Bachmeier und Udo Achten „Arbeitswelten. Einblicke in einen nichtöffentlichen Raum“.

Das Buch von Sebastiao Salgado dokumentiert seine Besuche bei Arbeitern an verschiedenen Stellen auf dem Globus. Da man ja über Fotobücher nur schreiben darf, aber die Fotos nicht zeigen darf, empfehle ich an dieser Stelle zunächst mit den Wörtern „Sebastiao Salgado workers“ zu googlen und sich bei den Suchergebnissen die Fotos anzuschauen. Welche Rolle dieses Buch übrigens ausserhalb von Deutschland spielt möchte ich am Beispiel Texas aufzeigen. Dort gibt es das AMOA, das Austin Museum of Art. Man hat dort eine ganze Lernfolge zusammengestellt, um Schülern das Buch und die fotografischen Möglichkeiten daraus für Text und Bild nahezubringen.

Darin wird übrigens ebenfalls „dokumentarisch“ definiert als „Documentary – a visual or historical record“. Alle Fotos von Salgado in diesem Buch sind Schwarzweissaufnahmen. Viele sind beeindruckend, weil er beeindruckende Szenen aufgenommen hat. Er war dort, wo andere nicht waren. Aber zugleich sind in diesem Buch ja auch Fotos von der Stahlindustrie in Frankreich und dem Bau des Eurotunnels. Fast immer sieht man Menschen, die dort arbeiten, aber man sieht meistens nicht das einzelne Gesicht. Die Schärfe der Details liegt eher auf den Werkzeugen und den Produkten. Es sind Fotos, die mit Schärfe und Unschärfe arbeiten und durch die schwarzweisse Atmosphäre natürlich Strukturen und Schattenspiele zeigen.

Ganz anders stellt sich das Buch von NationalGeographic dar. „So arbeitet die Welt, Eine Fotoreise“ Der Titel des Buches vom Verlag NationalGeographic erinnerte mich an das Buch „Workers“ von Salgado.

Herr Ferdinand Protzman schreibt darin ein Vorwort und scheint auch Herausgeber zu sein. Das Vorwort ist sehr klug. Er schreibt zum Beispiel: „Die Fotos sind schön. Ihre Formen und Farben, ihre Ansichten und Gesichter sind betörend. Aber Schönheit, Tragödie und Schrecken schließen einander nicht aus. Die Fotografen, die so hart an diesen Bildern gearbeitet haben, wissen, dass das, was diese zeigen, sowohl großartig als auch elektrisierend schrecklich sein kann.“ Stimmt.

Alle Kontinente und drei sogenannte Portfolios (also Sammelmappen) sortieren das Buch. Es sind Fotos aus mehr als einhundert Jahren dabei. Um es noch einmal zu sagen, das Buch ist schön, die Texte auch, aber mir fehlt da was. Erstens erschliesst sich mir nicht der rote Faden. Wenn es ein Buch der Gegenwart ist, warum sind dann so viele Fotos aus der Vergangenheit darin. Ja, man findet Fotos von Mccurry und Salgado, aber auch Fotos aus den 30er Jahren und sogar Autochrome.

„Work. The world in Photographs“ war der englische Titel. Irgendwie scheint es sich auch um eine Geschichte der Arbeit zu handeln und nicht nur um die Gegenwart. Also insgesamt läßt die Schlüssigkeit des Buchansatzes aus meiner Sicht zu wünschen übrig. Aber es ist ein schönes Buch.

Und deshalb kann ich eins überhaupt nicht verstehen. Das Buch hat ein Format von 20×22 cm, es ist also fast quadratisch und ziemlich klein. Die Texte sind dadurch sehr klein gedruckt und schlecht zu lesen. Und wenn man schon ein Buch über Fotos macht, dann müssen die Fotos auch von Inhalt und Form übereinstimmen. Viele Fotos sind einfach viel zu klein abgedruckt. Mit der Lupe kann ich sie mir zwar vergrössern, aber das ist eigentlich nicht Sinn der Sache. Es ist in meinen Augen einfach so. Das Buch ist schön gemacht aber viel zu klein im Format. Und wenn dann mal Fotos größer gedruckt sind, dann sind sie genau in der Mitte geteilt. Das Buch hätte rechteckig und doppelt so groß sein müssen, um Inhalt und Form in Einklang zu bringen.

Wieder anders und auch fotografisch anders aufgebaut ist das Buch von Werner Bachmeier und Udo Achten. Die Fotos hat der Fotograf Werner Bachmeier gemacht. Er weist in seiner Einführung mit dem Titel „Kurz aber intensiv“ darauf hin, dass journalistische Fotos “ in einem extrem kurzen Moment“ entstehen und „authentische Portraits von Menschen am Arbeitsplatz … den direkten Zugang zur Person“ erfordern.

Die Aufnahmen zeigen die ungeschminkte Realität. Dazu gehört der OP-Tisch ebenso wie das Pflegebett im Seniorenheim oder der Autolackierer mit Schutzmaske. Und an diesen Stellen wie bei der Schutzmaske finden sich dann auch Texte von Udo Achten wie der zum Thema „Gesundheit“, in dem er auf die krankheitsbedingten Fehlzeiten, Burnout-Syndrome und die Wichtigkeit der Verankerung eines Gesundheitsschutzes im Betrieb hinweist.

Dadurch wird dieses Buch tatsächlich ein Buch mit einer Botschaft. Fotografisch gefallen mir die vielen Nahaufnahmen mit dem Weitwinkel von Werner Bachmeier. Im Prinzip versucht der Fotograf die jeweilige Tätigkeit mit den optischen Mitteln der Weitwinkelaufnahme durch die Vergrößerung im Vordergrund in den Mittelpunkt zu rücken und zugleich den Menschen im Hintergrund sichtbar und deutlich zu machen. Wenn man dieses Buch fotografisch betrachtet mit der Frage „Was wird dort getan und wer tut es wie?“ dann ist dies fotografisch in den meisten Fällen sofort durch diese Herangehensweise sichtbar und erkennbar.

Dieses fotografische Mittel ist auch deshalb so wichtig, weil natürlich viele Arbeitsplätze einfach langweilig aussehen, es sind eben Arbeitsplätze und keine Menschenplätze. Durch den gekonnten Einsatz des Weitwinkels erhalten aber selbst diese Bilder in diesem Rahmen eine klare Aussage. Denn jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht und das ist das kleine Geheimnis dabei. Einige der Fotos aus dem Buch findet man auf der Homepage des Fotografen.

Es ist ein fotografisches Lesebuch mit Fotos und Texten. Der Publizist Udo Achten weist in seiner Einleitung darauf hin, dass dieses Buch helfen soll, „Fotos zu lesen“. Dazu dienen an einigen Stellen auch erläuternde Texte, die soziale und politische Zusamenhänge aufzeigen. Es ist ein gelungener Querschnitt der aktuellen Arbeitswelt mit ihren „guten“ Bedingungen.

Es handelt sich in den meisten Fällen offenbar um Betriebe, die einen Betriebsrat haben und/oder Tarifverträge. Wer tief genug in der Arbeitswelt verankert ist, der weiß, dass es viele Betriebe gibt, die nicht so aussehen. Aber das ist kein Manko dieses Buches sondern eher ein guter Ansatz: hier wird aufgezeigt, wie „Gute Arbeit“ aussieht in Deutschland, wenn es die Verantwortlichen in Betrieb und Gesellschaft ernst nehmen.

Nach der Beschäftigung mit diesen drei Büchern möchte ich zurückkommen auf das Thema Dokumentarfotografie. Bemerkenswert finde ich den Wandel in der Farbgestaltung. War das Buch von Salgado noch Schwarzweiss so ist das Buch von NationalGeographic fast und das Buch aus dem Klartext-Verlag durchgängig farbig. Das tut ihrer dokumentarischen Wirkung keinen Abbruch. Wenn man es genau nimmt, dann sind sie in vielfacher Hinsicht sogar noch genauer in meinen Augen.

Das Buch von Nationalgeographic hat noch ein besonderes Bild. Es zeigt auf Seite 122/123 im Buch ein Bild von Edward Burtynsky aus seinem beeindruckenden Buch „China“. Dieses Foto und einige andere finden sich auch zum Nachschauen auf der Webseite von Edward Burtynsky. Burtynsky wurde auf einer Podiumsveranstaltung in Berlin 2010 zu diesen Fotos in China gefragt, wie er denn an die Erlaubnis kam, die Fotos der chinesischen Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken zu machen. Burtynsky antwortete, dass dies die chinesischen Behörden erlaubt hätten, weil es sich um chinesische Fabriken handelte. Die amerikanischen Unternehmen in China hätten dies nicht zugelassen.

Die schlimmsten physischen Arbeitsverhältnisse – wenn man das pauschal überhaupt sagen kann – dokumentiert sicherlich Salgado. Das Protzman Buch ist eine Mischung aus guten und schlechten Arbeitssituationen. Dagegen zeigt das Buch von Bachmeier und Achten eine durchgängig „Gute Arbeit“ auf. Dies wird immer gekoppelt mit informativen Texten, die Arbeit in Deutschland und das juristische und tarifliche Umfeld einordnen. Wobei natürlich alle Fotos die physische Situation aufzeigen, nicht die psychische Situation. Das wären dann auch wohl andere Fotos, zum Beispiel von überladenen Schreibtischen, frustriert und leer blickenden Angestellten oder schmutzigen Betriebsratsbüros in Kellerverschlägen.

Dokumentarfotografie dokumentiert. Im Bereich Arbeitswelt haben dies drei Bücher auf unterschiedliche Weise getan. Man könnte sie im Hinblick auf das Thema auch bei der sozialdokumentarischen Fotografie einordnen, um detaillierter zu werden.

Es gibt natürlich Unmengen an Dokumentarfotos. Eine Serie, die ich in Buchform nicht erhalten habe über Bürokratie und Bürokraten hat der niederländische Fotograf Jan Banning gemacht. Dort sagen Bilder ebenfalls mehr als tausend Worte und sie zeigen in Farbe aktuelle Arbeitswelten auf.

Dazu gehört auch meine Serie mit dem Thema „Nichts kommt von selbst – 15 Blicke auf das Arbeitsleben“.

So paradox das ist, in meinen Augen ist Dokumentarfotografie heute vielleicht notwendiger denn je:

1. Sie hilft bei der Entschleunigung einer reizüberfluteten Zeit.
2. Sie rückt Themen in den Vordergrund und zeigt auch Zusammenhänge auf.
3. Sie ist überwiegend engagiert und sie kann eine neue Zukunft haben.

Diese kann übrigens auch audiovisuell sein und aus Multimediaslideshows bestehen. Aber meiner Meinung nach nur begrenzt. Buch und Monitor werden parallel existieren. Denn gute Fotos will man nicht immer nur digital sehen sondern manche auch in einem schönen Buch im Regal stehen haben oder einfach als Ausdruck für zu Hause oder in sozialen zusammenhängen.

Und es kommt auch darauf an, was man dokumentarisch fotografiert. Ich möchte daher nicht vergessen, hier auch über die Folgen der (sozialdokumentarischen) Dokumentarfotografie zu sprechen. Diese können dramatisch sein. Auf einer Reise in Wien besuchte ich die Ausstellung KONTROVERSEN im Kunsthaus Wien. Dort las ich die Geschichte von Kevin Carter. Mich hat sehr das Foto beeindruckt, bei dem ein kleines Kind auf dem Weg zur Essensausgabe im Sudan war und dahinter schon ein Geier wartete. Der Fotograf Kevin Carter hat später Selbstmord begangen, offenkundig im Zusammenhang mit dem Ruhm, den er durch dieses Foto erhielt und die Attacken seiner Kritiker. Dies wird hier geschildert.

Das ist auch eine Dimension der Dokumentarfotografie und der Themen, die dort behandelt werden. Es kommt eben nicht nur darauf an, daß man dokumentiert, es kommt auch darauf an, was man dokumentiert.

In diesem Sinne

Übrigens, hier hat man einen Teil meines Artikel abgeschrieben ohne auf mich zu verlinken.

 

Ist es „normal“, jedes Jahr eine neue Kamera zu kaufen?

Die Frage hat eine Schwesterfrage: ist es normal, jedes Jahr ein neues Handy zu kaufen?

Da kommt es wahrscheinlich darauf an, was man unter „normal“ versteht.

Einige Menschen weisen immer wieder darauf hin, dass eine „normale“ Welt aktuell offenkundig irrationales Verhalten, Betrug, Mord und Totschlag bedeutet.

Da wäre es sicherlich auch „normal“, ununterbrochen die neusten Digitalkameras zu kaufen, so wie Schuhe, Handys und Kleidung, Autos, Tattoos etc.

Dabei geht es dann wohl um Gruppendynamik, also darum, die gleichen Identifikationsmerkmale zu haben wie die anderen, mit denen man gerne zusammen ist. Das hat was mit Statussymbolen und sozialer Anpassung zu tun. Oder man will sich das Gefühl kaufen, „besser“ zu sein (aber worin besser?).

Ich möchte hier noch einmal einen Absatz aus einem früheren Artikel von mir einfügen. „Ich werde beobachtet, also bin ich.“ Der Hinweis von Thomas Miessgang auf diesen Satz von Stefan Römer als neue Haltung des Normalverbrauchers scheint mir das wesentlichste Kennzeichen dieser Situation zu sein. „Die Penetration öffentlicher und privater Sphären durch immer zielgenauer agierende mediale Projektoren… hat dazu geführt, dass der Karneval der Waren und Sensationen nicht der Ausnahmezustand ist, sondern ein Hochamt sinnbefreiter Permanenz.“ Es gilt die „Simultanität des Sensationalistischen. Man hat ständig das Gefühl, zu spät zu kommen, etwas zu versäumen, den Ereignissen hinterherzuhecheln.“ Diese Beschreibung von Miessgang in dem Buch „Das Prinzip Prominenz. Superstars von Warhol bis Madonna“ zeigt unsere neue Wirklichkeit.

Es gibt aber auch eine andere Sichtweise. Dabei würde sich die Frage stellen, was brauche ich, um gute Fotos zu machen?

Dazu braucht man keine neue Kamera. Wer schon zehn Jahre oder länger fotografiert, der weiß, daß man auch mit älteren Kameras gute Fotos machen kann.

Gehen Sie doch einfach mal auf eine Webseite, die die Bildqualität von Kameras vergleicht und setzen Sie einfach mal Topmodelle wie die Canon 5D Mark II oder die Nikon D700 bei ISO 100 oder 200 neben einfache und preiswerte Kompaktkameras. Sie werden kaum sichtbare Unterschiede in der Bildqualität feststellen – auch bei älteren Modellen.

Wenn man sich also die Frage stellt, ob ich eine neue Kamera brauche, um eine bessere Bildqualität zu erhalten, dann muß man klar sagen: nein. Natürlich werden High-ISO Fans sagen, das stimmt nicht. Daher will ich auch an dieser Stelle sagen, wer als hauptberuflicher Topreporter anerkannt werden will, der kann zu der Auffassung gelangen, das nur das Neuste gut genug ist. Aber diese Gruppe meine ich nicht. Ich meine die, die da nicht drunter fallen.

Henri Cartier-Bresson war sogar der Meinung man brauche keine Farben, um gute Fotos zu machen, weil der Detailreichtum der schwarz-weissen Fotos unübertroffen sei.

Nun gibt es aber doch Gründe für neue Kameras. Diese können in der Umsetzung eines haptischen klugen Konzeptes liegen wie bei der Nikon D3100 oder einer neuen optisch-digitalen Technik wie bei der Fuji X100 oder bei der Miniaturisierung einer schnellen Kompaktkamera wie der Sony TX5. Das sind Gründe, sich eine neue Kamera zu kaufen. Aber eben nicht jährlich, sondern wenn sie technisch reif sind. Und das hätte eigentlich dann keinen Jahresrhythmus zur Folge.

Zudem scheint die Fotoindustrie nicht bereit zu sein, die vorhandene Kreativität umzusetzen, sondern folgt eher dem betriebswirtschaftlichen Credo, echte Innovationen so spärlich zu setzen, dass die Tippelschritte hundert Jahre brauchen, um nur einen Schritt weiterzukommen. Dazu hat sich u.a. Nick Devlin ausführlich geäußert.

Und so möchte ich auf die Eingangsfrage zurückkommen. Ja, es ist für viele Menschen normal, sich jedes Jahr eine neue Kamera zu kaufen. Denn es kommt nicht auf die technischen und fotografischen Fragen an, sondern auf die soziale Identität.

Und da nichts schneller wechselt als die Mode, ist die Antwort logisch. Lifestyle-Kameras haben meistens keine neue Technik, sondern verpacken die vorhandene Technik in neue Designs.

Und genau dort sind wir mittlerweile im Bereich der Digitalkameras angelangt. Es gibt so viele neue Kameras, dass niemand mehr sie wirklich überblicken kann. Aber es sind eben fast nur neue Designs und nicht neue Technik, die hier vorgestellt wird.

Insofern muß man die Frage auch bejahen. Ja, es ist „normal“, sich jedes Jahr, wenn nicht jedes halbe Jahr, eine neue Kamera zu kaufen, wenn ich immer die topaktuelle Kollektion haben möchte.

Aber diese „Normalität“ hat nichts mit Vernunft oder gar besseren Fotos zu tun, sondern nur mit Status und Konsum. Ken Rockwell hat mal eine andere Frage diskutiert, soll ich upgraden?

Die Antwort war: No.

So kann man von zwei völlig verschiedenen Fragestellungen zu gleichen Ergebnissen kommen. Für gute Fotos ist es selten erforderlich, neue Kameras zu kaufen und wenn man Kameras hat, ist ebenso selten ein Upgrade erforderlich.

Die Frage wird eher sein, wofür brauche ich die Kamera? Ist sie ein Statussymbol, ein fotografisches Instrument, ein sozialer Schlüssel oder einfach eine praktische Erfordernis?

Und wie immer wir die Frage auch beantworten, aus Sicht des Marktes (wo wohnt der?) ist es unnormal, wenn wir bei unserer guten und bewährten Kamera bleiben und uns keine neue Digitalkamera kaufen. Es kommt eben auf die Sichtweise an, was dann „normal“ oder „unnormal“ ist.

Wahre Helden von Jörg Boström und Jürgen Heinemann

„Die westdeutsche Industrie befand sich in einer tiefen Krise, als Prof. Jörg Boström und Prof. Jürgen Heinemann Ende der 70er Jahre bis Anfang der 90er Jahre mit ihrer Kamera die industrielle Arbeitswelt in verschiedenen Betrieben Westfalens dokumentierten.“

Dieser Satz aus der Einführung von Willi Kulke zeigt den Rahmen dieses Buches. Es ist ein Buch, welches nur durch Drittmittel finanziert werden konnte und eher die Form einer Paperbackbroschüre hat.

Das ist sehr schade, weil es sich um ein sehr interessantes fotografisches Dokument unserer Industriegesellschaft handelt. Von der Brauerei Felsenkeller in Herford über die Zeche Haus Aden, die Heinrichshütte in Hattingen, die Zeche Minister Stein, Thyssen Stahl AG in Bielefeld, die Miele-Werke, die Dürkoppwerke bis zur Weberei C.A. Delius und noch einige mehr sind in diesem Buch Fotos in Farbe und Schwarzweiss versammelt.

Die Fotos dokumentieren eine schon verschwundene Zeit bzw. teilweise gerade noch im Verschwinden begriffene Zeit. Es sind Bilder über Menschen in industriellen Arbeitsverhältnissen. Dadurch ist dieses Buch ein fotografisches Geschichtsbuch.

Aber dieses Buch hat natürlich noch eine andere Dimension. Alle Fotos wurden von zwei Professoren für Fotografie gemacht. Dadurch erhält das Buch automatisch eine Dimension, die nach der Qualität der Aufnahmen fragt. Und dabei sind verschiedene Aspekte sehr interessant. Erstens sind es analoge Aufnahmen, zweitens sind es Farb- und Schwarzweissaufnahmen und drittens geht es um die Frage der Inhalte auf den Fotos.

Was man zuerst feststellen kann, ist keine Überraschung: man konnte auch schon vor der digitalen Kamera gute Fotos machen. Gerade die Arbeitsplätze waren ja meistens keine gut beleuchteten Fotostudioplätze, sondern es mußte mit dem vorhandenen Licht und eventuell einem Blitz gearbeitet werden.

Ebenso interessant ist die Mischung aus Schwarzweiss und Farbe. Womit werden dokumentarische Fotos am besten gemacht? Das Buch zeigt, es ist beides möglich. Offenkundig ist aber, dass die Farbe nicht automatisch besser ist.

Damit komme ich zum dritten Punkt und frage, was auf den Fotos zu sehen ist. Prof. Jörg Boström und Prof. Jürgen Heinemann zeigen Menschen. Wenn ich das richtig sehe, steht auf allen Fotos (bis auf eines) der Mensch im Mittelpunkt. Der Mensch am Arbeitsplatz und vor allem mit Gesicht. Hier sind zwar namenlose aber keineswegs anonyme Bilder entstanden. Hier sieht man Menschen mit Gefühlen: lachend unter Tage, schwitzend am Tisch, erschöpft am Band, konzentriert am Steuerpult etc.

Die Fotos leben. Ich traue mich dabei gar nicht nach dem heutigen Recht am eigenen Bild zu fragen. Wahrscheinlich wären diese Fotos mit dem heutigen juristischen Denken so nur noch sehr mühsam möglich.

Dieses Buch dokumentiert Aspekte des Arbeitslebens in unserer Industrie wie sie war und nur noch vereinzelt ist. Es ist ein fotografisches Geschichtsbuch. Es ist aber auch eine Art fotografisches Lehrbuch für dokumentierende Sozialfotografie.

Wie wurde fotografiert, worauf wurde geachtet, was steht im Mittelpunkt?

Das Buch ist fotografisch und historisch sehr lohnenswert, zumal es wirklich engagiert und durchgängig Menschen bei der Arbeit an Maschinen zeigt. Es ist eines der wenigen systematisch aufbereiteten Zeugnisse einer Zeit, die vergangen ist oder gerade vergeht.  Es entstand in Zusammenarbeit mit dem LWL-Industriemuseum in Lage und ist ein echtes Stück Dokumentarfotografie.

LWL-Industriemuseum

Wahre Helden

Fotografien von Jörg Boström und Jürgen Heinemann

ISBN 978-3-8375-0414-9