Tag Archive for Edward Burtynsky

Zwischen Anti-Fotografie und Radical Art

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Ich bin etwas hin- und hergerissen, weil es so viele Begriffe gibt. Aber ich will es versuchen.

Vor fünf Jahren schrieb ich über Anti-Landschaften und die neue Naturfotografie. Neu war dabei vor allem, daß nicht nur die schönen Seiten aufgenommen wurden sondern die neue Wirklichkeit, also die unbeachteten und ausgeblendeten Teile unserer Wirklichkeit im Raum. Aber es ging seitdem ja weiter.

Die bekanntesten Namen heute sind sicherlich Edward Burtynsky, Sebastiao Salgado und Nick Brandt.

Hinzu kommen viele andere, die ich nicht kenne und einige, die ich kenne wie John Ganis oder Camilo José Vergara.

Bei ihnen sieht man die Ergebnisse menschlichen Handelns.

Die Menschen selbst mit ihrem Handeln sieht man eher auf anderen Fotografien.

Jenseits der Nachrichten ist sicherlich Martin Parr mit seiner Art die Dinge zu sehen der bekannteste Fotograf, der die Menschen in der Konkretheit des Konsums und des Sozialen bis in die gelebte Absurdität zeigt.

Aber er steht hier stellvertretend für viele andere Namen, von denen einige auf diesem Blog schon genannt wurden.

Es sind thematische Blicke, die zugleich auch Botschaften sind, auch kritische Botschaften.

Und sie haben auch eine Funktion in der neuen visuellen Kommunikation, wobei die Erzeuger der Fotos dies vielleicht nicht immer so sehen. Das weiß ich aber nicht.

Unter dem Gesichtspunkt der Zuordnung in soziale Zusammenhänge sind es oft Fotos, die sich zwischen dem Anti-Fotojournalismus und dem alternativen Gebrauch der Dokumentarfotografie bewegen.

Sie versuchen eben auch die vorhandenen Bilderwelten unseres Kommunikations- und Denksystems zu relativieren. Sie sind konkret im kommunikativen Zusammenhang.

Das geht umgekehrt bis zur radikalen Kunst, radical art, die heute Lebensverarbeitung durch (z.B. visuelle) Einmischung in extremen Zusammenhängen ist.

Was kann man darunter verstehen?

Andrew Wilson hat dies in einem Essay zum Thema “Radical Art Practices in London in the Seventies” so ausgedrückt:

“Viele Künstler identifizierten sich in diesem Zeitraum aktiv mit dem Klassenkampf und den Arbeiterrechten. Hierin spiegelt sich der Übergang von einer Kunst, welche den Zustand der Kunst hinterfragte, zu einer Kunst, welche die Rolle der Kunst innerhalb einer Gesellschaft infrage stellte und schließlich zur Inkraftsetzung einer Kunst führen sollte, die für eine solche Identifikation stehen sollte und mit ihr arbeiten sollte.”

Es ging darum, fotografische Bilder auf eine Weise zu präsentieren, welche die Strukturen der orthodoxen Kultur entlarven und in Frage stellen sollte, um so auch ihre Kodierungen und ideologische Basis zu demontieren.”

Damit ist der Rahmen für radical art bzw. radikale Kunstpraxis klar, so wie sie in den 70er Jahren verstanden wurde.

Man wollte die Menschen dazu bringen, durch Hinterfragen zu fragen und durch kritisches Denken zum Mitmachen und zu sozialen Veränderungen zu kommen mit dem Ziel, bessere soziale Verhältnisse zu bekommen.

Aber Aufklärung allein reicht nicht, ist aber unerläßliche Voraussetzung für Veränderungen.

Und Aufklärung mit Hilfe von konkreten Fotos ist wichtig in anonymen Zeiten.

Denn Geld führt, egal in welcher Religion und in welcher Region.

Neue Blicke und neue Bilder in aktuellen Zusammenhängen sind entscheidend.

Dies kann sehr unterschiedlich sein

  • mit Themen wie Öl oder Wasser (Edward Burtynsky, Allen Sekula),
  • mit einer Region oder einen Kontinent imWandel (Nick Brandt),
  • mit dem Blick auf die Welt (Sebastiao Salgado)

Es können aber auch andere Themen sein, die die Konkretheit des menschlichen Lebens und des Sozialen und Asozialen heute dokumentieren so wie hier oder hier.

Und es muß nicht nur das Große sein, es kann auch das Kleine gezeigt werden so wie auf diesem Foto:

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Entscheidend ist das Einbringen und das Zeigen.

Aber es wird nicht reichen, Fotos ohne Lösung anzubieten sondern diese müssen lösungsorientiert in die soziale Kommunikation eingebracht werden (genau das versucht gerade dieser Artikel).

Anti-Blicke sind dabei die Voraussetzung für neue Blicke.

Dazu kann die Fotografie beitragen.

Also los!

Big Shots! Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen von Henry Carroll

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Endlich mal ein Buch, das neue Wege geht!

Der Autor Henry Carroll schreibt im Vorwort:  „Stattdessen enthält dieses Buch inspirierende Arbeiten von Fotografen von früher und von heute. Schauen Sie sich die Bilder an, verstehen Sie ihre Ideen und lernen Sie, wie Sie die Techniken selbst umsetzen können. Sie werden feststellen, dass es bei genialen Fotos weniger um technisches Know-How und vielmehr darum geht, Ihr wertvollstes Instrument zu bedienen – Ihre Augen.“

Es ist ein Buch, das davon lebt, wirklich gut zu sein. Ursprünglich im angelsächsischen Raum erschienen, kommt das Buch über die Schweiz in den deutschen Sprachraum. Das hat ihm sehr gut getan. Es ist eines der Bücher, die dem deutschen Drang der ellenlangen Dokumentation das wirklich wichtige Wissen entgegensetzen: die Praxis des Sehens, die mehr ist als einfaches Fotografieren.

Natürlich kommt in diesem Buch deshalb auch Henri Cartier-Bresson vor, der Meister der Geometrie.

Und natürlich kommen in diesem Buch noch andere Fotografen vor: Sebastião Salgado, Fay Godwin, Martin Parr, Nadav Kander, Daido Moriyama, Elaine Constantine, Ansel Adams, Marc Asnin, Cristina Garcia Rodeo, Edward Burtynsky, Alkan Hassan, Guy Bourdin, Lars Tunbjörk, Lewsi Baltz, Bill Brandt, Ernst Haas, Luca Campigotto, Nayoa Hatakeyama, Slinkachu, Richard Misrach, Denis Darzacq, Jo Metson Scott, Adam Pretty, Tom Hunter, Trent Parke, Ryan Mcginley, Fay Godwin, Joel Sternfeld, Lee Fridlander, Richard Learoyd, Nadav Kander, Elaine, Constantine, Robert Burks, Holly Andres, Jeanloup Sieff, Philip-Lorca diCorcia, Rene Burri, Muzi Quawson, Youngjun Koo, Shikhei Goh, Chris Levine, Melanie Einzig, Robert Capa, Stepehn J. Morgan, Edward Weston, Elliott Erwitt, Apollo 17, Dorothea Lange, Maciej Dakowicz, Alec Soth, Robert Frank, Inzajeano Leif.

Es sind viele Namen und einige davon sind nicht in der  dauernd aktualisierten Medienkarawane der ununterbrochenen Fotoausstellungen zu finden, die überall und immer wieder als sogenannte Fotokunst in Museen gezeigt werden.

Das tut dem Buch gut, weil es zum Kern des Fotografierens vordringt und den Leserinnen und Lesern echte und kluge Zugriffe auf Fotos und fotografische Möglichkeiten bietet.

Carroll hat eine Meinung und er sagt sie schon am Anfang des Buches:

„Stellen Sie sich die Komposition als Fundament ihres Bildes vor. Wie bei jedem Bauwerk muß es stark sein.“

Und so steigt er ein mit dem Foto Monolith von Ansel Adams und danach mit dem Foto Department Var von Henri Cartier-Bresson.

Die guten Fotos nutzt er, um zu zeigen, was man in welcher Situation machen kann, damit die fotografische Komposition stimmt.

Auf Seite 28 schickt er seine Leserinnen und Leser dann erst mal raus zum Üben. Danach folgen weitere 100 Seiten voll mit guten Hinweisen und praktischen Beispielen.

Und wer wirklich übt, der wird das kleine Einmaleins der visuellen Grammatik des Sehens auch lernen können, weil die Vorbilder im Buch erstklassig sind und Carroll offenkundig Erfahrungen in der didaktisch gut aufbereiteten Wissensvermittlung hat.

Super!

Das Buch hat im Vergleich zu anderen Büchern aus deutschen Landen noch einen Vorteil. Es konzentriert sich voll auf das Fotografieren.

In dem Buch wird nicht ein einziges Mal irgendeine Kameramarke erwähnt oder betont, daß es nur die eine Art von Kamera sein kann…

Man braucht eben nicht die neuste Kamera für gute Fotos sondern ein geschultes Auge.

Im schwarzen Einband ist ein echtes Arbeitsbuch erschienen, das wirklich zeigt, wie man sein fotografisches Können verbessern kann.

Einen Hinweis habe ich aber noch. Das englische Original hat übersetzt den Titel Lies das, wenn du großartige Fotos machen willst!

Insofern ist das Buch ein richtig gutes Buch mit einem sehr hohen Lerneffekt und man kann sich sogar noch aussuchen, ob man lieber großartige Fotos machen will oder die Geheimnisse der weltbesten Fotografen kennenlernen möchte – oder beides.

Was will man mehr!

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Es ist im Midas-Verlag erschienen.

Henry Carroll
BIG SHOTS !
Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen

128 Seiten, Paperback, Fadenheftung
durchgehend vierfarbig, 50 Fotografien
ISBN: 978-3-907100-51-6

Eine Leseprobe gibt es hier.

 

 

Edward Burtynsky Water

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wasser beherrscht die Welt.

Wasser ist das, was uns ausmacht.

Wasser ist das, was wir sind und was uns umgibt.

Wie kann man die Welt und das Wasser heute fotografieren?

Edward Burtynsky hat es getan und seine Sicht nun publiziert.

Die Online-Galerie finden Sie hier.

Faszinierend ist die Zusammenstellung. Man sieht Landschaften mit Wasser und ohne Wasser aus der Luft und man sieht, wie Menschen mit dem Wasser umgehen. Wie lebt man mit dem Wasser, auf dem Wasser, ohne Wasser?

 

 

The Eye is a Lonely Hunter

Was kann Fotografie heute, was macht Dokumentarfotografie heute? Wer sich heute diese Fragen stellt, der wird mit dem Mut zur Entscheidung immer wieder fündig werden und er hat das Sprachproblem der Welt gelöst, denn „Fotografie ist zu einer globalen Sprache geworden“.

So beginnt die Danksagung des Vorstandes des Fotofestivals Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg in dem Buch zum 4. Fotofestival, welches im Kehrer Verlag erschienen ist.

Das Buch ist eine aktuelle Dokumentation lebendiger fotografischer Versuche, die Welt und uns selbst zu zeigen und festzuhalten. Einige fotografische Projekte sind global angelegt, andere lokal. Die Ausstellungsmacher haben hier ein Stück Fotografie der Welt festgehalten, eine Momentaufnahme mit vielen Blicken, die zeitlich und thematisch in die Tiefe geht.

Viele erzählen kleine Geschichten, die übertragbar wären. Katerina Gregos und Solverj Helweg Ovesen sprechen in dem Buch – vielleicht auch deshalb – über „Eine Betrachtung der Conditio humana im Jahr 2011“.

Das Auge als „einsamer Jäger“ soll weder selbstgerecht-westlich noch kolonial sein, sondern die Conditio humana in all ihrer Komplexität, Verschiedenheit und Unsicherheit“ aufzeigen.

Das Buch aus dem Kehrer Verlag dokumentiert diese Mischung in erstklassiger Weise. In einer globalisierten Welt ist der Rahmen des menschlichen Lebens und Sterbens deutlicher geworden. Es gibt keine Flucht in eine andere Welt mehr, nur in eine Scheinwelt, die die Wirklichkeit der eigenen Existenz nicht aufheben kann.

Es gibt immer mehr nackte Wahrheiten und die zeigen das Mischwesen Mensch, die Conditio humana – und das bedeutet neben der Hoffnung die gnadenlose Hoffnungslosigkeit und Zerstörung.

Das Buch mit seinen Fotos macht darauf aufmerksam und vermittelt vielfach sehr sensibel den Geist der Ausstellung, die aufgeteilt an verschiedenen Orten ist und nur im Buch zusammengetragen wird.

Hier wird deutlich, was Fotografie kann und wo sie Aufforderung zum Handeln ist.

Aber für mich hat dieses Buch noch eine andere Dimension. Max Frisch hat einmal geschrieben: „Der Mensch lebt den Widerspruch und zersetzt damit jegliche Ideologie.“

So macht das Anschauen der Fotos – zumindest mir – deutlich, dass die Menschheit überhaupt noch keine Antworten auf die globalen Probleme hat. Denn die Menschen sehen ihre Welt immer von dort, wo sie sind.

Und die Vielfältigkeit der Welt deutlich zu machen – bei uns alle betreffenden Problemen – ist eines der grossen Themen, die dieses Buch uns zeigt.

Um es kurz zu machen: Wer ein aktuelles Buch über Fotokunst und dokumentarische Fotografie sucht, das konzeptionell gestaltet ist und einen „echten“ fotografischen Blick auf die aktuelle „Conditio humana“ wirft, der wird wohl weltweit aktuell nichts besseres finden.

Infos zur Ausstellung
4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg
The Eye is a Lonely Hunter

 

Unter dem Titel „The Eye is a Lonely Hunter – Images of Humankind“ fokussiert das 4. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg eine humanistische Sichtweise innerhalb der Tradition der Dokumentarfotografie. Es präsentiert Positionen, die in der Schnittmenge zwischen Dokumentar- und Kunstfotografie angesiedelt sind und die sowohl ein starkes visuelles Moment als auch ein feines Gespür für soziopolitische Zusammenhänge kennzeichnet. Es versucht einen Überblick über die conditio humana zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, gesehen von einer Vielzahl geografischer Standpunkte wie Afrika, Südamerika, Osteuropa und Asien. Der Katalog spiegelt das Thema des Humanismus in zeitgenössicher Kunst und Dokumentarfotografie visuell und theoretisch wider. Texte der Kuratoren führen in strukturierende Unterthemen ein: Ecological Circuits, The Practice of Everyday Life, Role and Ritual, The Effect and Affect of Politics und Life Cycles. Jeder der teilnehmenden Künstler wird mit einem eigenen Bild- und Textteil vorgestellt.

 

Herausgeber: Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg e.V., Katerina Gregos, Solvej Helweg Ovesen
Autoren: Carolin Ellwanger, Heide Häusler, Jonatan Ahlm Brenander, Katerina Gregos, Solvej Helweg Ovesen, TJ Demos

 

Broschur mit Schutzumschlag
18 x 24,5 cm
240 Seiten
267 Farbabb.
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-86828-240-5

Anti-Landschaften oder die Neue Naturfotografie

Jedes Zeitalter hat seine Themen. Einige bleiben wie Bilder von Menschen, Kriegen und Ereignissen. Und es kommen neue Themen dazu. Ein Thema, das Henri Cartier-Bresson noch am Rande fotografierte, waren die Folgen unser industriellen Zivilisation. Wir sind nun einige Jahre weiter und die Welt bekommt langsam ein neues Gesicht. Das neue Gesicht wird immer stärker geprägt durch Anti-Landschaften, vom Menschen ausgebeutete Natur, die einfach übrigbleibt, als Müllhaufen dient oder auch kultiviert als künstliche Natur existiert.

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich auf einmal selbst in diesem Thema war. Es geschah, als ich ein Buch von John Ganis entdeckte. Da stand in einem völlig öden Gelände eine Wasserrutsche. Erst dachte ich an eine Fotomontage, doch bald dämmerte mir, dass dies einfach ein dokumentarisches Foto war.

Und dann nahm mich John Ganis mit auf eine fotografische Reise. Ich sah zerstörte Landschaften, die „ordentlich“ aussahen und dabei völlig leblos waren. Ich entdeckte völlig verseuchte und rot strahlende Landschaften vor einem blühenden grünen Wald. Und ich sah grün schimmernde Schlackeberge als neue Form des Berges im 21. Jhrdt. Dies war ein fotografischer Blick, der mit Fotos nicht nur dokumentierte sondern illustrierte ….

Dann trat Edward Burtynsky auf den Plan. Er dokumentierte ebenfalls, aber seine Dokumente verkauften sich als Kunst. Er fotografierte Minen, die Rohstoffe abbauen. Er machte auch Bilder von Gummireifen und von Altmetall. Er fotografierte Schiffe, Ölfelder und er dokumentierte viele übriggebliebene Landschaften in China, Australien und anderen Teilen der Welt.

Hatte Salgado mit seinen Bildern vom Auseinandernehmen der Schiffswracks noch die Menschen  in den Mittelpunkt gestellt, so wurde dies bei Burtynsky anders. Auch er zeigt Menschen aber vor allem zeigt er die Folgen des menschlichen Handelns in der industriellen Zivilisation. Seine Landschaftsbilder wirken zum Teil so „schön“, dass sie keine Dokumente der Zerstörung sondern parallel Objekte zeitgenössischer Kunst sind.

Ja, und dann kam mein Tag. Ich fuhr an einem Kraftwerk in der Nähe von Aachen vorbei, welches so viel Qualm in die Luft absonderte, dass man es nur staunend betrachten konnte. Und dann war ich an einem Naherholungsgebiet. Es war der Blausteinsee. Während ich im Anblick der Türme noch an der Naherholung zweifelte, zeigte mir jeder Schritt auf diesem Grund, dass hier schon eine neue Dimension verwirklicht war, die vom Menschen erstellte Form einer neuen Natur. So wurde aus einer Anti-Landschaft wieder eine neue Art von Landschaft.

Die Landschaft und die Anti-Landschaft sind ein zunehmend wichtiges neues Thema der zeitgenössischen Fotografie. Sie sind auch Kunst, je nach Betrachter. Sie ermöglichen neue Blicke und sie sind wesentlich. Früher war es möglich, industriell zu arbeiten und später in die Natur hinauszufahren. Heute gibt es diese Natur zunehmend weniger. Ganze Regionen sind verseucht, vermüllt oder eine Anti-Landschaft. Oder auf dem Müllberg entsteht ein Naherholungsgebiet, die Anti-Landschaft erhält einen Aussichtsturm oder sie wird eventuell sogar rekultiviert. Aber dies dann nur dort, wo Geld und Bewusstsein dafür da sind.

Damit tut sich für die Fotografie ein grosses Thema auf. Ob es ein grosses Thema für den Kunstmarkt und die Dokumentarfotografie wird, wird sich zeigen. Ich finde es beeindruckend.

Photo Wisdom, Große Fotografen über ihr Werk von Lewis Blackwell


Es gibt große Bücher und es gibt großartige Bücher. Dieses Buch ist großartig – und groß. „Dieses Buch soll das hintergründige Wissen, ja die Weisheit offenbaren, die oftmals in Fotos stecken. Vergleichen Sie ruhig Fakten und Meinungen von Experten, prüfen Sie deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede. So können Sie nicht nur die Wege der bekanntesten Fotografen verfolgen, sondern auch über ihren eigenen Weg nachdenken, den Sie möglicherweise einschlagen möchten.“

Diese Worte aus dem Vorwort von Lewis Blackbell zeigen, was das Buch leisten soll und auch leistet. Insgesamt werden 50 Fotografen und Fotografinnen durch Interviews und mit Fotos vorgestellt. Es ist ein Querschnitt durch viele Richtungen und Versuche der Fotografie.

„Wir sind Fotografen voller Zweifel. Als wir anfingen, arbeiteten wir eher traditionell – wir verstanden uns als Dokumentaristen, die gesellschaftskritische Dokumentarfotografie produzierten. Wir glaubten an die Möglichkeit der Fotografie. Aber auf unserem Weg begannen wir den Glauben zu verlieren. Jedes Mal, wenn jemand fotografiert wird, gibt es ein verstecktes Versprechen. Er oder sie hofft, dass das Fotografiertwerden das eigene Leid irgenwie lindern wird. Wir können dieses Versprechen nicht erfüllen… Wir haben zu Beginn nicht selbst fotografiert. Wir haben vielmehr über Bilder nachgedacht, und diese betrachtet. Beide haben wir nie Fotografie studiert, sondern haben Abschlüsse in Philosophie und Soziologie. Als Herausgeber des Magazins Colors haben wir zum ersten Mal zusammengearbeitet, so begann unser Wissen über die Welt und die Fotografie – eher durch Betrachten und Nachdenken als durch Machen.“

So schildern Adam Broomberg und Oliver Chanarin, die bekannt wurden als Herausgeber der Benetton Zeitschrift, ihren Ansatz und ihren Weg zur Fotografie. Als Foto findet sich im Buch dann eine Fotografie von einem Baumblatt und die Unterschrift „Ficus religiosa, Tel Aviv, Israel. Als sich der 16-jährige Palästinenser Aamer Alfar auf einem Tel Aviver Markt am 1. November 2004 in die Lunft sprengte, wurde dieses Blatt von der Wucht der Explosion auf den Boden geschleudert. Vollkommen kahle Bäume sind in der Umgebung solcher Anschläge ein gewohnter Anblick.“

Die nächsten Fotografen sind Adam Fuss, Albert Watson, Ami Vitale und Andrew Zuckerman, dessen Portraits von Tieren und Menschen aus jeder Ablichtung eine individuelle Persönlichkeit machen. Arno Rafael Minkkinen und Art Wolfe, Chuck Close aber auch David LaChapelle haben hier ihren Platz. LaChapelle inszeniert Fotos, die wirken wie große Bilder aus früheren Epochen, manchmal ein bißchen übersät mit zu schönen Menschen wie ich finde, aber das gehört auch dazu.

An einer anderen Stelle treffen wir auf Duane Michals. Sie sagt: „Ich habe das Fotografieren nicht an einer Akademie gelernt. Ich wollte nie Reportagefotograf oder etwas Ähnliches werden. Ich wurde zufällig Fotograf.“ Das scheint in vielen Fällen so zu sein. Wenn ich in dem Buch blättere, dann ist es so, dass sehr oft diejenigen „groß“ sind, die keine Ausbildung als Fotograf haben sondern aus anderen Feldern kommen oder reine Autodidakten sind.

Später kommen Edward Burtynsky und Elliott Erwitt, Graham Nash, Erwin Olaf und Fazal Sheikh zu Wort. Fazal Sheikh sagt: „Durch das Fotografieren habe ich die Chance, mich intensiv mit Themen zu beschäftigen, die ich nicht vollständig verstehe.“ Doch damit haben wir erst ein Drittel des Buches durchforstet.

Dann treffen wir auf Mark Seliger, der schildert, wie er aus einer Idee ein Foto macht, wie das Foto von Sacha Baron Cohen, Atlantic Beach, New York. Dort sitzt er in einem Abteil und liest eine Zeitung voller praller Brüste und neben ihm schaut ein Mann, der eine normale Zeitung hochhält, gebannt ebenfalls dorthin.

Ich treffe später Massimo Vitali, dessen Fotos von Menschen am Strand (wobei es meist um die neue „Natur“ geht), eine Realität dokumentieren, die partiell zugleich die Illusionen der Fotografierten impliziert.

Was soll man über ein Buch sagen, das eine unerschöpfliche Quelle an Anregungen und Lernhinweisen für das eigene fotografische Denken ist? Früher gab es Bücher über große Denker oder große Herrscher. Das Buch über „große“ Fotografen ist insofern anders als vielfach dieselbe Qualität und Originalität von vielen erreicht werden kann, auch wenn man nicht immer so populär wird. Es ist eine Sammlung von Anregungen sich des eigenen Verstandes zu bedienen und den eigenen Weg zu finden.

Man ist nicht besser, wenn man populärer ist, man ist eben einfach populärer. Insofern ist dieses Buch ein wunderbares Geschenk für die eigene Schulung und den eigenen Weg. Gerade weil so viele verschiedene Menschen offen über ihre fotografische Entwicklung sprechen, kann es befreien, den eigenen Gedanken endlich seine eigene Richtung zu geben.

Das Buch ist international und sprengt daher das enge deutsche Denken. Es ist ein sehr seltener und gelungener Versuch, gedankliche Tiefe und fotografische Praxis zusammenzufassen. Und es ist als substanzieller Querschnitt trotzdem mit dem Mut zur Lücke gemacht. Das zeigt Größe.

Das Buch ist eine wirklich gelungene Veröffentlichung. Es bietet die Chance, mehr fotografisch zu lernen als in vielen Seminaren. Ein wirklich gutes Geschenk für sich selbst und andere. Man kann einen Teil des Buches online anschauen, um sich einen Einblick zu verschaffen.

Photo Wisdom
Große Fotografen über ihr Werk
von Lewis Blackwell
ISBN: 978-3-941459-13-7