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Das Verlassen der Matrix: Dokumentarfotografie – Werkstatt der visuellen Wahrheit?

Wie Wahrheit und Wirklichkeit entstehen

blickkontakt

Ich bin aus der Not zum Fotografieren gekommen. Ich wollte Entwicklungen und Momente festhalten aber mit Worten allein ging es nicht. Und wenn man u.a. mit dem wissenschaftlichen Instrumentarium des Historikers und Sozialwissenschaftlers im Kopf ausgestattet mitten im Leben dabei ist und sich nicht nur danach vom Schreibtisch aus damit beschäftigt, dann geht es darum, die Wirklichkeit festzuhalten, die dokumentiert werden muß. Und weil mir Texte nicht reichten, ist es der direkte Weg von der Wissenschaft zur Lebenspraxis mit Text und Bild gewesen.

Aber für mich eben nicht nur, um zu dokumentieren (für wen denn?) sondern um zu verstehen und zu verändern.

Genau hier komme ich zum Punkt und gebe meiner Arbeit (rückblickend) auch theoretisch einen Rahmen.

Dieser enthält folgende Abgrenzungen:

„Zum Verhältnis von Geschichte und Soziologie möche ich nur das eine sagen: Es ist eine unheilvolle Trennung und wie jede Soziologie historisch, so sollte jede Geschichtswissenschaft soziologisch ausgerichtet sein.“

„Unstreitig ist die Intensivierung der photographischen Praxis eng verknüpft mit Freizeit und Tourismus.“

„Eines der Paradoxe des künstlerischen Feldes liegt darin, daß man sehr reich sein muß, um sich durchzusetzen und zu behaupten, ohne mit dem geringsten ökonomischen Profit rechnen zu können… Um die Gesetze der Ökonomie mißachten zu können, muß man reich sein.“

„Man hat die Politik oft mit der Medizin verglichen und man braucht sich nur … die hippokratischen Texte anzusehen, um zu begreifen, daß sich der entschiedene Politiker genauso wenig wie der Arzt einfach nur mit der schlichten Zurkenntnisnahme der qua Befragung gewonnenen Informationen begnügen kann …wäre damit schon der Interventionsbedarf befriedigt, so bräuchte man keine Ärzte. Der Arzt muß sich vielmehr darauf konzentrieren, nicht augenscheinliche Krankheiten (àdelà) aufzuspüren… Die nach hippokratischen Maßgaben echte Medizin beginnt beim Erkennen unsichtbarer Krankheiten, d.h. bei Tatbeständen, von denen der Kranke nicht spricht, sei es, weil sie ihm unbewußt sind, sei es, weil er sie mitzuteilen vergißt. Dies gilt auch für eine Sozialwissenschaft, welche die wirklichen Ursachen des Leidens kennen und verstehen will, die sich nur in Gestalt schwer zu interpretierender, da scheinbar allzu transparenter gesellschaftlicher Zeichen zum Ausdruck bringt. Ich denke da etwa an die Ausbrüche blinder Gewalt in Sportstadien oder anderswo, an rassistische Gewaltakte oder die Wahlerfolge jener Beschwörer des Unglücks, die eilfertig die primitivsten Ausdrucksformen moralischen Leidens ausbeuten und verstärken, Leiden, welches mindestens ebenso sehr einen Niederschlag all der sanften Gewalt und der kleinen Nöte des Alltags wie ein Symptom des Elends und der strukturellen Gewalt ökonomischer und gesellschaftlicher Bedingungen darstellt.“

Diese Gedanken sind von Pierre Bordieu. Sie sind ein Teil des Rahmens für mein Zusammenwirken von Geschichte und Gegenwart. Es ist einfach so, daß sie stimmen. Ich arbeite ja nicht universitär sondern ich werte wissenschaftliche Erkenntnisse für die Lebenspraxis aus und setze sie um in der Fotografie.

Wenn wir bei dem Beispiel der Kunst bleiben, so genügt ein Blick auf die Power 100 des ArtReview, um für die Fotografie festzustellen, daß einflußreich der ist, der aus reichen Verhältnissen kommt.

Das war übrigens bei Cartier-Bresson genauso. Er war der einflußreichste Fotograf des Reportagezeitalters und kam aus einer der reichsten Familien Frankreichs.

Das hat zunächst nichts mit qualitativen Aussagen zu tun aber mit Möglchkeiten sozial etwas zu werden und es ist eine Beschreibung von Machtverhältnissen, also sozialer Realität.

Denn es geht ja immer auch um Zugänge zu etwas. Und wer einflußreich werden will, braucht zum Beispiel auch den Zugang zu den Tempeln der Götter in der Kunst, er/sie braucht die Museumsqualität.

Das geht natürlich noch viel tiefer, weil ins Museum auch nur kommt, was in diesen Kreisen ankommt. Man ist eben unter sich, dort wo es darauf ankommt.

Oder glaubt jemand, meine Serie zu Deutschland in drei Fotos – Zeitgeist als Triptychon käme ins Museum? Genau dies würde aber auch dorthin gehören, weil hier in drei Fotos das große Ganze unserer sozialen Welt ungestellt aus der Wirklichkeit geschöpft wurde. Drei Fotos in drei Meter Breite und zwei Meter Höhe und wer davor steht, wird auf sich selbst zurückgeworfen. Man sucht Schutz gegen die Verschmutzung in dem Auto, das verschmutzt und tröstet sich mit sichtbarem Komfort über den sichtbaren Preis dafür…

Dies bedeutet, ich fotografiere nicht nur sondern möchte mit diesen Fotografien soziale Veränderungen bewirken, indem ich damit Bewusstsein schaffe und/oder den Blick schärfe. Dies gilt nicht für alle publizierten Fotos aber für die, die mit sozialen Themen zu tun haben.

Aber weil es nicht reicht zu fotografieren, da damit ja auch bestehende soziale Ungerechtigkeiten einfach manifestiert werden können, muß die Frage gestellt werden, wo und wie funktioniert Sozialkritik durch Fotografie?

Damit bin ich bei Barbara Becker: „So kann sich durch die dokumentarische Fotografie auch eine doppelte Unterjochung ergeben, indem einerseits die innerhalb der Gesellschaft existierende Ausgrenzung und Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen oder ethnischer Minderheiten dargestellt wird, andererseits aber das Bild durch die Art des Zugangs und der Darstellung die Bedingungen mitkonstruiert, die es repräsentiert.“

Was hat das mit Dokumentarfotografie zu tun?

Frau Becker beschreibt es so: „Das Potential einer Fotografie liegt demnach nicht in einer wirklichkeitsgetreuen oder wahrhaftigen Realitätsabbildung, vielmehr besteht ihre besondere Bedeutung und Funktion gerade in ihrer Selektionsfunktion, d.h. im Herausheben eines bestimmten Aspektes bzw. in der Betonung von spezifischen Details eines Wirklichkeitsausschnittes. Erneut deutlich wird, dass man das Verhältnis von Fotografie und Wirklichkeit nicht mit den Kategorien wahr und falsch fassen kann: Fotografien liefern Betrachtungsweisen der Wirklichkeit und niemals diese selbst (Matz).“

So helfen mir die wissenschaftlichen Ergebnisse von Pierre Bordieu und Barbara Becker dabei, die sozialen Verhältnisse besser zu verstehen und mein eigenes soziales Handeln und meine eigene Art zu fotografieren auch gezielt einsetzen zu können.

Dokumentarfotografie konstruiert also in diesem Sinne Wirklichkeit, um mehr als nur Momente zu zeigen und liefert die Betrachtungsweisen der Wirklichkeit, die Entwicklungen sichtbar machen.

Was bedeutet das konkret?

Ich möchte dies an einem Beispiel erklären und dazu auf meine Arbeit 15 Blicke auf das Arbeitsleben verweisen.

Wie kann man soziale Veränderungen über zehn bis fünfzehn Jahre in einer Region darstellen? Macht man jeden Tag ein Foto, fotografiert man jede Straße und jeden Menschen oder wie geht man vor? Ich habe mich entschlossen zehn bis fünfzehn Jahre mit fünfzehn Fotos beispielhaft zu zeigen, die inhaltlich Abläufe sozialer Veränderungen zeigen und so die Konstruktion der Zeit von fünfzehn Jahren visuell in eine Konstruktion von 15 Fotos zu bringen. Man hätte auch 15 x 365 Fotos zeigen können, aber das erschien mir nicht sinnvoll für das, was ich zeigen und begreiflich machen wollte. Denn um Veränderungen sichtbar zu machen, muß man auch dort mit Begrenzungen arbeiten.

Dabei bezieht sich die Konstruktion von Wirklichkeit aber vor allem auf die Anordnung und Auswahl. Das Basisgeschäft der Dokumentarfotografie bleibt für mich dabei unangetastet:

„Dokumentarfotografie zeichnet das soziale Geschehen unserer Zeit auf. Sie spiegelt die Gegenwart und dokumentiert für die Zukunft. Ihr Fokus liegt auf dem Menschen in seiner Beziehung zur Menschheit… Eine einzelne Aufnahme kann Nachricht sein, Porträt, Kunst oder Dokumentation, eines davon, alles zugleich oder auch nichts von alledem. Im Instrumentarium der Sozialwissenschaft – zwischen Grafik, Statistiken, Karten und Text – beansprucht die fotografische Dokumentation nunmehr einen Platz.“

Diese Sätze sind von Dorothea Lange.

Ich nutze also nicht Elemente der Wirklichkeit, um diese so zu konstruieren, daß auf etwas hingewiesen wird, sondern ich nutze „echte Fotos“ im Sinne des Einfangens ungestellter Momente und Situationen, um damit mehr zu machen. Die Momente können für solche Projekte auch nicht x-beliebig sein, sondern sollen im Miteinander indirekt Blicke hinter die Oberfläche eines Fotos ermöglichen.

So entstehen dann digitale Projekte, die gesehen werden sollen, um sich sozial einzubringen.

Eine kapitalistische Gesellschaft (nicht zu verwechseln mit Demokratie) braucht eine Kultur, die auf Bildern beruht. Diese Bilder sind erforderlich, um ununterbrochen zu unterhalten und das Kaufverhalten zu beeinflussen und zu stimulieren. Kameras definieren Wirklichkeit auf zweierlei Art, als Spektakel für die Massen und als Herrschaftsinstrument für die Führer.

Die letzten drei Sätze sind sinngemäß von Susan Sontag und dann kommt noch ein Satz danach:

„Social change is replaced by a change of images.“

Sozialer Wechsel wird ersetzt durch einen Bilderwechsel.

Biologisch betrachtet ist alles wahr, was unser Hirn „wahr“-nimmt. Also ist der Film so real wie die Realität. Wenn wir dann Herzklopfen kriegen oder weinen hat es damit zu tun, daß wir nicht unterscheiden können zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Die Fiktion ist in diesem Augenblick unsere Wirklichkeit.

Die Fotos/Bilder werden damit zu einem aktuellen Bestandteil unserer momentanen Identität und führen dazu, daß sie uns bewußt/unbewußt auch lenken.

Dieser mentale Kapitalismus ist überall.

Hier ist mein aktueller Aha-Moment. So habe ich das früher nicht erlebt und gesehen. Weil ich mit dieser Bilderwelt schon aufgewachsen bin, war diese Welt und damit die von anderen für mich kreierte Bilderwelt als Wirklichkeit meine „echte“ Wirklichkeit. Kritischer Umgang mit Medien setzte darauf auf und nicht davor an. Ich brauchte lange und Menschen wie Bordieu, Sontag und Becker, um dahinter zu blicken.

Das ist der Rahmen meiner Arbeit und meiner Art Dokumentarfotografie einzusetzen.

Und so ist dann auch die Wahrheit sehr kostbar, denn um sie zu sehen, braucht es die richtigen Bilder.

Und weil Wahrheit eben auch interessengeleitet ist und vom Zeitgeist abhängt, bleibt dies eine Aufgabe der Menschheit, früher ohne Fotoapparate und heute mit Fotoapparaten.

Mit haben die vorgenannten Personen geholfen, dies so sehen zu können. Sie schärften meinen Blick.

Vielen Dank dafür!

 

Big Shots! Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen von Henry Carroll

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Endlich mal ein Buch, das neue Wege geht!

Der Autor Henry Carroll schreibt im Vorwort:  „Stattdessen enthält dieses Buch inspirierende Arbeiten von Fotografen von früher und von heute. Schauen Sie sich die Bilder an, verstehen Sie ihre Ideen und lernen Sie, wie Sie die Techniken selbst umsetzen können. Sie werden feststellen, dass es bei genialen Fotos weniger um technisches Know-How und vielmehr darum geht, Ihr wertvollstes Instrument zu bedienen – Ihre Augen.“

Es ist ein Buch, das davon lebt, wirklich gut zu sein. Ursprünglich im angelsächsischen Raum erschienen, kommt das Buch über die Schweiz in den deutschen Sprachraum. Das hat ihm sehr gut getan. Es ist eines der Bücher, die dem deutschen Drang der ellenlangen Dokumentation das wirklich wichtige Wissen entgegensetzen: die Praxis des Sehens, die mehr ist als einfaches Fotografieren.

Natürlich kommt in diesem Buch deshalb auch Henri Cartier-Bresson vor, der Meister der Geometrie.

Und natürlich kommen in diesem Buch noch andere Fotografen vor: Sebastião Salgado, Fay Godwin, Martin Parr, Nadav Kander, Daido Moriyama, Elaine Constantine, Ansel Adams, Marc Asnin, Cristina Garcia Rodeo, Edward Burtynsky, Alkan Hassan, Guy Bourdin, Lars Tunbjörk, Lewsi Baltz, Bill Brandt, Ernst Haas, Luca Campigotto, Nayoa Hatakeyama, Slinkachu, Richard Misrach, Denis Darzacq, Jo Metson Scott, Adam Pretty, Tom Hunter, Trent Parke, Ryan Mcginley, Fay Godwin, Joel Sternfeld, Lee Fridlander, Richard Learoyd, Nadav Kander, Elaine, Constantine, Robert Burks, Holly Andres, Jeanloup Sieff, Philip-Lorca diCorcia, Rene Burri, Muzi Quawson, Youngjun Koo, Shikhei Goh, Chris Levine, Melanie Einzig, Robert Capa, Stepehn J. Morgan, Edward Weston, Elliott Erwitt, Apollo 17, Dorothea Lange, Maciej Dakowicz, Alec Soth, Robert Frank, Inzajeano Leif.

Es sind viele Namen und einige davon sind nicht in der  dauernd aktualisierten Medienkarawane der ununterbrochenen Fotoausstellungen zu finden, die überall und immer wieder als sogenannte Fotokunst in Museen gezeigt werden.

Das tut dem Buch gut, weil es zum Kern des Fotografierens vordringt und den Leserinnen und Lesern echte und kluge Zugriffe auf Fotos und fotografische Möglichkeiten bietet.

Carroll hat eine Meinung und er sagt sie schon am Anfang des Buches:

„Stellen Sie sich die Komposition als Fundament ihres Bildes vor. Wie bei jedem Bauwerk muß es stark sein.“

Und so steigt er ein mit dem Foto Monolith von Ansel Adams und danach mit dem Foto Department Var von Henri Cartier-Bresson.

Die guten Fotos nutzt er, um zu zeigen, was man in welcher Situation machen kann, damit die fotografische Komposition stimmt.

Auf Seite 28 schickt er seine Leserinnen und Leser dann erst mal raus zum Üben. Danach folgen weitere 100 Seiten voll mit guten Hinweisen und praktischen Beispielen.

Und wer wirklich übt, der wird das kleine Einmaleins der visuellen Grammatik des Sehens auch lernen können, weil die Vorbilder im Buch erstklassig sind und Carroll offenkundig Erfahrungen in der didaktisch gut aufbereiteten Wissensvermittlung hat.

Super!

Das Buch hat im Vergleich zu anderen Büchern aus deutschen Landen noch einen Vorteil. Es konzentriert sich voll auf das Fotografieren.

In dem Buch wird nicht ein einziges Mal irgendeine Kameramarke erwähnt oder betont, daß es nur die eine Art von Kamera sein kann…

Man braucht eben nicht die neuste Kamera für gute Fotos sondern ein geschultes Auge.

Im schwarzen Einband ist ein echtes Arbeitsbuch erschienen, das wirklich zeigt, wie man sein fotografisches Können verbessern kann.

Einen Hinweis habe ich aber noch. Das englische Original hat übersetzt den Titel Lies das, wenn du großartige Fotos machen willst!

Insofern ist das Buch ein richtig gutes Buch mit einem sehr hohen Lerneffekt und man kann sich sogar noch aussuchen, ob man lieber großartige Fotos machen will oder die Geheimnisse der weltbesten Fotografen kennenlernen möchte – oder beides.

Was will man mehr!

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Es ist im Midas-Verlag erschienen.

Henry Carroll
BIG SHOTS !
Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen

128 Seiten, Paperback, Fadenheftung
durchgehend vierfarbig, 50 Fotografien
ISBN: 978-3-907100-51-6

Eine Leseprobe gibt es hier.

 

 

Meisterinnen des Lichts von Boris Friedewald

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Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten will das Buch zeigen.

Man blättert und schaut in diesem Buch mit zunehmendem Vergnügen.

Mir ist zwar nicht klar, welche Kriterien für „groß“ gelten aber  alle Beiträge sind sehr interessant und viele Fotos einfach großartig in Idee oder Umsetzung.

Es sind viele Namen in dem Buch: Berenice Abbott, Eve Arnold, Anna Atkins, Ellen Auerbach, Jessica Backhaus, Tina Barney, Lillian Bassman, Sibylle Bergemann, Margaret Bourke-White, Claude Cahun, Julia Margaret Cameron, Imogen Cunningham, Rineke Dijkstra, Trude Fleischmann, Martine Franck, Gisèle Freund, Nan Goldin, Jitka Hanzlová, Lady Clementina Hawarden, Florence Henri, Candida Höfer, Evelyn Hofer, Graciela Iturbide, Lotte Jacobi, Gertrude Käsebier, Rinko Kawauchi, Herlinde Koelbl, Germaine Krull, Dorothea Lange, An-My Lê, Helen Levitt, Vera Lutter, Vivian Maier, Sally Mann, Hellen van Meene,  Susan Meiselas, Lee Miller, Lisette Model, Tina Modotti, Sarah Moon, Inge Morathh, Zanele Muholi, Madame d’Ora, Bettina Rheims, Viviane Sassen, Shirana Shahbazi, Cindy Sherman, Dayanita Singh, Rosalind Solomon, Grete Stern, Ellen von Unwerth, JoAnn Verburg, Carrie Mae Weems, Francesca Woodman, Madame Yevond.

Das zeigt wie viele Frauen fotografierten und fotografieren.

Die meisten Frauen werden auf je zwei Doppelseiten vorgestellt, machmal sind es mehr.

So gelingt es, mit einem Text den Menschen und die Einstellung zur Fotografie zu erklären und einige Fotos in ansprechender Größe wiederzugeben.

Gut durchdacht und gut gemacht!

Boris Friedewald schreibt: „All dies sind Blicke von Frauen, für die die Bezeichnung Fotografin unscharf ist. Und das aus ganz individuellen Gründen. So sieht sich Zanele Muholi als visuelle Aktivistin. Claude Cahin sah sich selbst jenseits von weiblich, männlich oder androgyn und Eve Arnold glaubte, daß die Bezeichnung Fotografin sie reduziere.“

Damit öffnet er den Blick auf soziale Relität jenseits der alten Begrifflichkeit. Fotograf/Fotografin ist zunehmend kein Berufsbild mehr sondern eine Art der Kommunikation, weil die Technik keine Fachkenntnisse mehr erfordert. Sie wird eher eine Ausdrucksform und dann kommt es darauf an, ob diese Ausdrucksform als Fotokunst vermarktet werden soll oder als Beitrag die soziale Wirklichkeit beeinflussen soll – oder beides.

Es ist ein Buch zum Blättern, Blicken und Verweilen. Dabei wird es nie langweilig und die Texte sind sehr informationsreich. Damit lernen wir die Frauen in diesem Sinne kennen und werfen Blicke auf ihr fotografisches Werk.

Ein gutes Buch aus dem Prestel-Verlag.

Schade, daß es nicht noch dicker ist.

Boris Friedewald
Meisterinnen des Lichts
Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten

ISBN: 978-3-7913-4673-1

 

Das Buch ist im Prestel-Verlag erschienen.

 

Fotografie mit Leidenschaft von Dr. Martina Mettner

Das Buch fängt da an wo andere aufhören.

Wie heisst es so schön?

„Die Leichtigkeit, mit der das Medium Fotografie beherrschbar ist, macht es offenbar umso schwerer, zu einer individuellen Bildsprache zu finden.“

Und so schreibt Frau Mettner souverän mit der Erfahrung einer fachkundigen Beraterin, Soziologin und Autorin, die die Abläufe, Zusammenhänge, Personen und Entwicklungen in der Welt der Fotografie kennt.

Es ist ein bemerkenswert gutes Buch und es hat durchgängig Gedanken, die eigenständig sind und weiterhelfen.

„Die zentrale Frage ist: Wie funktioniert künstlerische Fotografie?“

Dieser Satz aus der Einleitung führt als gedanklicher Faden durch die Kapitel dieses Buches.

An den Beispielen von Henri Cartier-Bresson, Robert Frank, Walker Evans und Dorothea Lange zeigt sie mit einem hochinteressanten Mix von Informationen über Leben und Werk wie abhängig öffentliche Anerkennung von Beziehungen ist. Das hat nichts mit gut oder schlecht zu tun sondern mit Zeitgeist und Interesse.

Landschaft, Porträt, Reportage und Kunstmarkt stellt uns Frau Mettner mit Bildbeispielen und Betrachtungen vor, die sie klar interpretiert und sich positioniert – mit Leidenschaft eben.

Ich bin nicht immer ihrer Meinung und bewerte einige Personen und Sachverhalte auch anders. Aber sie hat wenigstens eine Meinung mit argumentativer Substanz und ein gutes Buch zeichnet sich dadurch aus, dass man sich an ihm reiben kann.

Sie schreibt auch über Fotografinnen und Fotografen, die wenig Publikum haben und analysiert die aktuelle Situation in der Welt der Fotografie zwischen Veränderung und Anpassung.

Ihre vielen Bildbeispiele machen es möglich, Ansichten zu entwickeln und zu überprüfen.

Das Kapitel „Der Kunstbetrieb“ offenbart dann auch noch einen Aspekt, der mir auch schon seit einiger Zeit auffällt: „Wie in den vorausgegangenen Kapiteln immer wieder zu sehen war, hatten die Fotografen, deren Arbeiten tatsächlich ausgestellt und gehandelt werden, immer namhafte Fürsprecher und, lange vor Social Media, ein funktionierendes Netzwerk an Fans und Förderern.“

Sie zeigt dann sehr realistisch auf, dass der Traum vom grossen Geld sehr nüchtern betrachtet werden muss.

Aber ihre Leserinnen und Leser läßt sie hier nicht stehen (was ich sehr freundlich finde) sondern nimmt sie mit auf den Weg, der der Fotografie andere Aspekte abgewinnt.

Diese findet man in den Kapiteln „Die Kunst, sein Glück in der Fotografie zu finden“ und im Kapitel „Praktische Tipps zur Realisierung freier Projekte“.

Doch darüber schreibe ich nicht, denn das sollen Sie selbst lesen, wenn Sie dieses Buch in den Händen halten. Wer fotografisch weiterkommen will, der kann sich mit diesem Buch ein großes Geschenk machen, das auch noch in einigen Jahren seinen Wert hat.

Das Buch ist im Fotofeinkost-Verlag erschienen.

Dr. Martina Mettner
Fotografie mit Leidenschaft – Vom Abbilden zum künstlerischen Ausdruck
224 Seiten mit Abb., in Leinen fest gebunden, Lesebändchen, Format 21,5 x 21,5 cm.

ISBN 978-3-9813869-1-2