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Wie wird man Dokumentarfotograf?

Ein Beispiel – mein Beispiel

Früher habe ich Bücher geschrieben über den Nationalsozialismus, die Gewerkschaftsbewegung, das Leben der kleinen Leute im Arbeitsleben, Ausstellungen organisiert, Lernsoftware entwickelt und Seminare zu Themen wie „Global denken vor Ort handeln“ geleitet. Nach der Grenzöffnung 1989 qualifizierte ich Menschen und half, in Umbrüchen neue Lebensorientierungen zu finden und dann wechselte ich in die industrielle Organisationsentwicklung.

Ein besonderes Erlebnis hatte ich kurz nach dem Fall der Mauer. Ich hatte den Auftrag in Frankfurt/Oder Lehrgänge durchzuführen. Ich erhielt Räume in der ehemaligen SED-Parteihochschule. Dort waren noch die Fotos von Breschnew und Honecker an der Wand und Aufrufe zur Völkerfreundschaft. Die Menschen wurden in den Betrieben und den Verwaltungen „freigestellt“ und über Nacht in die „Lehrgänge“ geschickt. Alles erwachsene und qualifizierte Männer und Frauen. Und ich sollte nun das „Ankommen“ und die Strukturierung übernehmen. Niemand hatte Erfahrung, wie man damit umgeht, dass über Nacht ein System verschwindet und ein anderes System kommt und „Hallo“ sagt. Leider habe ich damals noch nicht fotografiert.

Als ich zurückkam erlebte ich im Bergischen Land die Fortsetzung dieser Politik unter neuen Bedingungen. Die politisch beschlossene gesetzliche Öffnung der Märkte, der Abbau von Schutzzöllen und die EU-Subventionen liessen Betrieb für Betrieb verschwinden. Westdeutsche Betriebe wanderten nach Ostdeutschland ab und ostdeutsche Betriebe dann nach Polen oder China. Oft war ich einer der wenigen, der das Sterben der Betriebe und das Sterben der Hoffnung der Menschen sah. Darüber wollte ich schreiben. So entstanden wieder Bücher zur Selbsthilfe für die Menschen wie die Sorgenfibel.de und Webseiten wie lebenspower.de.

Aber das war zu wenig. Ich wollte nicht nur helfen sondern auch festhalten für die Nachwelt. Denn die Worte zeigten keine Gesichter und die Geschichten erzählten keine Momente, so wie ich es erlebt hatte.

So kam ich zum Fotografieren.

Versuch und Irrtum

Viele Fotos gefielen mir nicht. Da ich keine fotografische Erfahrung und Schulung hatte, war es oft ein reines fotografisches Schiessen. Das gefiel mir so wenig wie das Schreiben, weil es vielfach nicht zeigte, wie es wirklich war.

Der Bericht über den Kampf um Mannesmann war 1999/2000 wie eine Art fotografische Erweckung. Dabei war es so, als ob mir eine unsichtbare Hand damals den fotografischen Weg gewiesen hatte. Es geschah mit einer der ersten 3 Megapixel Kameras. Aber es reichte nicht. Ich sah die Diskrepanz zwischen Wollen und Können.

Also suchte ich nach fotografischen Vorbildern. Ich entdeckte Henri Cartier-Bresson und seine Art der Fotografie sprach mich sehr an. Mir wurde klar, dass ich so auch fotografieren wollte.

Ich besuchte Seminare, arbeitete mit anderen Fotografen zusammen, wollte viel lernen –  und lernte auch viel, nur anders. Meistens ging es nicht um Einsicht sondern um Eitelkeiten. Nur sehr wenige Menschen vermittelten mir echt neues Wissen.

Aber das Problem für mich war die Parallelität von Ereignissen und der Zwang in mir, dies fotografisch festhalten zu wollen. So machte ich mir selbst ein Programm und wandelte auf den Spuren von Henri Cartier-Bresson. Fotos mit Geometrie, Fotos mit Struktur, Fotos mit Details – so versuchte ich mich fotografisch an den Themen, die ich für die Nachwelt bewahren wollte, weil es kein anderer tat.

Wenn ich das alles damals schon nicht aufhalten konnte, dann wollte ich es wenigstens festhalten. Eine kleine Kompaktkamera mit einem 6MP CCD-Chip wurde später mein erster ständiger Begleiter.

Irgendwann merkte ich, dass sich mein Blick verändert hatte und ich beim Fotografieren anders blickte. Auf der Grundlage von Cartier-Bresson entstand mein Blick auf monochrome Art. Dabei bin ich nicht stehengeblieben aber es ist wesentlich.

Es war die Loslösung von der Frage, ob die Fotos ankommen hin zu der Frage, wie ich die Fotos in meinem Sinne hinbekomme.

Ich lernte auch, dass das Fotografieren dieser Themen und dieser Art von Wirklichkeit nicht unbedingt viele fotografische Anhänger bringt.  Es sind Fotos, deren Zweck das Festhalten ist, um zu dokumentieren und den Zeitgenossen und der Nachwelt eine soziale, historische und politische Reflexion zu ermöglichen. Inhaltlich geht es darum Themen im Längsschnitt oder im Querschnitt fotografisch festzuhalten über ein einzelnes Ereignis hinaus.

Es sind oft fotografische Themen ohne Publikum. Als ich das akzeptiert hatte, wurde ich freier. Und so konnte ich mental und inhaltlich auch Dinge einordnen, die sonst so weder gesehen noch fotografiert noch aufgeschrieben worden wären.

So war das.

Und heute lese ich etwas über Sebastiao Salgado, das dies alles bestätigt:

„Der Besuch bei ihm und der Anblick all dieser Negative und Kameras, seine Leidenschaft für Fotos und die Geschichten, die er damit erzählen konnte, all das motivierte mich dazu, Dokumentations- und Pressefotografin zu werden. An diesem Tag gab er mir den allerbesten und nützlichsten Rat: Wenn ich meine Fotos verbessern und aussagekräftig machen wollte, sei es das Wichtigste, nicht Fotografie zu studieren, sondern Geschichte, Wirtschaft oder etwas anderes, was mich interessierte…“

So erzählt es Graciela Magnoni zitiert von David Gibson in seinem Buch „Streetphotography – Die 100 besten Bilder.“

Das ist genau mein Weg in umgekehrter Weise, nur die Vermarktung verkaufsfähiger Themen ist mir nicht gelungen, weil die kleinen Leute vor Ort in kritischen Zusammenhängen eben kein Verkaufsschlager werden aber dies meine Themen waren. Aber ohne mein Studium wären dieser Blick und diese Arbeitsweise nicht möglich gewesen.

Für die Dokumentation sozialer Wunden gab es nie Geld. Aber viele zehntausend Menschen tragen die Narben der sozialen Wunden, die ich hier konkret im Ablauf, in der Masse oder als pars pro toto dokumentiert habe, hier und anderswo in sich, sie werden davon mit bestimmt und geleitet, sie leiden darunter und oft genug versteht dann niemand warum, weil niemand mehr sieht was war.

Das führe ich hier nicht mehr weiter aus, weil ich ja nun aufhöre. Aber auf meinen Webseiten ist dazu genug zu finden.

Und genau diese Themen wären ausgeschlossen gewesen, wenn ich den Ringeltanz mit den Mächtigen getanzt hätte, um für Fotografie bezahlt zu werden. Vielleicht war es mein Fehler aber es war mein Weg.

Salgado hat aber recht. Denn so kam es, daß ich Dokumentarfotograf wurde.

Aber dieser Artikel hier ist kein guter Artikel für einen Menschen, der aus der Schule kommt und etwas lernen will in Deutschland. Ich würde nicht als erste Ausbildung Fotograf erlernen oder anlernen (Dokumentarfotograf als Ausbildung gibt es gar nicht) sondern entweder eine Facharbeiterlehre oder eine Kaufmannslehre machen oder Gerichtspfleger oder Pflegekraft oder ein solides Studium, damit ich immer eine sichere Basis habe.

Nur so bin ich frei für das, was ich wirklich will. Das gilt aber nur für Menschen, die nicht alles gesponsert bekommen und eigentlich nicht arbeiten müssen. Die können es machen, wie sie wollen. Aber die lesen hier auch nicht.

Ich betone die eigene Einkommensquelle aus einer soliden Tätigkeit auch noch aus einem anderen Grund. Wenn man in der fotografischen Welt Geld verdienen will, dann braucht man den Zugang zu den Geldverteilungsstellen. Dazu muß man Wettbewerbe gewinnen und genau die Menschen kennen, die darüber entscheiden, wer wofür Zugang erhält. Dabei wird erfahrungsgemäß sehr oft Qualifikation durch Nepotismus ersetzt, so daß der Aufwand fast nie in einem Verhältnis zu einem möglichen Erfolg steht.

Denn es geht ja um mehr als nur darum, einmal oder mehrmals ein Foto oder eine Geschichte irgendwo abgedruckt zu bekommen. Es geht darum jeden Monat genug Geld zu haben.

Selbst so wie hier vorgestellt würde es nicht reichen und wäre wohl illusorisch.

Es ist viel einfacher mit einer sicheren Einkommensquelle dann seine fotografische Energie da einsetzen zu können, wo man es wirklich will und wo man auch Spaß dabei hat (hätte ich früher nicht geschrieben stimmt aber). Zudem muß man dann niemand fragen und kann die Wege gehen, die bei der abhängigen Auftragsfotografie ein zu großes Risiko wären.

Damit erhält man nicht die „Museumsqualität“ der Herrschenden im Kulturbetrieb, weil man nicht die soziale Anerkennung bekommt in ihren Reihen und man bekommt trotz publizistischer Tätigkeit über öffentliche THEMEN keinen Presseausweis.

Aber es ist ein guter Weg, um die eigene Lebenszeit und die Fotografie und das soziale Leben immer wieder neu zu erleben und soziale Fragen fotografisch aufzugreifen, die nicht in die bezahlte Werbung zwischen die bisherigen Medien dürfen, weil sie weder Sex sells können noch politisch opportun sind.

Umgekehrt ist der Kampfplatz für die gesellschaftliche Anerkennung natürlich die „Museumsqualität“. Wer dorthin will braucht hier nicht weiterlesen.

Wenn man dies real, sozial und fotografisch sieht und dennoch tätig wird, dann bringt man fotografisch wirklich etwas ein in diese Gesellschaft, die mehr als lachende Gesichter und Werbung braucht.

Es ist natürlich auch der Versuch, mit sich selbst in der durch nichts gerechtfertigten Ungerechtigkeit (jenseits von leben und leben lassen) zurechtzukommen, die stark einschränkt und lebensbestimmend ist.

Denn wenn man die Ausgrenzung wegen Armut als schmerzhafte Narbe in sich trägt oder sogar erlebt als täglichen Lebensbestandteil (einen sehr guten aktuellen Bericht gibt es dazu hier) und man erkennt, daß die Überwindung wegen neu geschaffener sozialer Strukturen für kleine Leute fast nicht mehr möglich ist, selbst wenn man „Erfolgskriterien“ wie Intelligenz und Qualifikation hat, dann kann man daran kaputtgehen, falls man nicht eine Mischung aus Aggression, Achtsamkeit und Agilität findet, die hilft, damit zu leben ohne nur davon dominiert zu werden.

Und so kam ich zum Dokumentieren von unangenehmen sozialen Abläufen und Wahrnehmungen über die man lieber nicht spricht.

Aber gerade die Konfrontation mit dem Verdrängten tut weh und kann helfen, privat und sozial weiterzukommen und weiter zu leben. Dafür muß es aber sichtbar sein, es muß zu sehen sein.

Meine Themen ergaben sich immer aus den sozialen Fragen in unserer entwickelten Industriegesellschaft mit ihren sozialen Landschaften, ihren Bedingungen und Lebensweisen in Umbruchzeiten zwischen dem Zusammenbruch des Sozialismus und der neu entstandenen Demokratie mit neoliberaler Ideologie und dem Abbau der sozialen Marktwirtschaft, deren Konsensversprechen der funktionierende und sichernde Sozialstaat war (so wie es heute noch in Österreich, Dänemark, Schweden etc. ist).

Hinzu kamen für mich in Anlehnung an Bordieu die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie in diesem Zusammenhang, so daß ich die Nutzung und die fehlende Nutzung der Fotografie dabei interessiert beobachtete.

Übrigens ist es eine Erfahrung von mir, daß das Schweigen über Ungerechtigkeit nicht nur von den Tätern nicht gewünscht wird. Die Opfer sind auch fast alle still. Insofern kann man fast nie dabei gewinnen.

Jahre später ist es dann im besten Fall über Nacht selbstverständlicher Teil des vergangenen Geschehens geworden und tut niemand mehr weh weil viele Betroffene mit ihrem Leiden gestorben sind und mit ihnen die Wahrheit, die nicht mehr zu sehen ist. Da ist dann die Zeit drüber hinweggegangen, weil es politisch und sozial nicht aufgegriffen wurde als Potential für Veränderungen.

In größerem sozialen Rahmen mit sehr persönlichen Erfahrungen habe ich dies im Wupperartmuseum umgesetzt, das es nur digital gibt. Da drin sind visuell offene soziale Fragen zu sehen, die nicht nur mich betreffen und die außerhalb meiner persönlichen Möglichkeiten sind. Sie sind nur von uns zusammen lösbar. Es sind daher auch digitale visuelle Kunst-”objekte”, die zur Nutzung, zum Anschauen zur Verfügung stehen, um sozial zu wirken.

Die Webseite hat den Vorteil, daß die dort ausgestellten Fotografien weltweit Beachtung finden, weil sie einfach Wirklichkeit zum Sprechen bringen und ich mich damit auch in die Welt einbringen kann. Andere Webseiten ergänzen dies.

So ist viel Zeit mit Fotografie vergangen, vieles habe ich wegweisend auf fotografie.international zusammengefaßt, so daß es heute noch da ist und sonst nirgendwo zu sehen wäre trotz sozialer Relevanz.

Denn „Fotos sind ein Medium, sie leben von der Verbreitung“, hat David Gibson mal so einfach und klar aufgeschrieben. Und dazu braucht man digitale Orte, von denen aus sie sich verbreiten können.

Nun will ich diesen Artikel beenden, weil die Tätigkeit als Dokumentarfotograf in dieser Form eben nur für ganz wenige Menschen in Betracht kommt. Man sucht sie nicht, sie findet dich.

Heute kannst du auch ein guter Dokumentarfotograf ein, wenn du kein „Profi“ im Sinne eines/r bezahlten Auftragsfotografen/in bist, sondern wenn du die Freiheit hast, die Dinge, die dich interessieren, fotografisch so zu tun, wie es angemessen und sinnvoll ist und die Fotos öffentlich zugänglich machst und einbringst. Das ist vielleicht echte Professionalität und wahre Profession ohne Profit.

Wenn man das weiterdenkt hilft folgender Satz: „Die Profession Soziale Arbeit zeichnet sich durch zielorientierte und ergebnisorientierte Leistungen auf der Grundlage von ethischen Grundhaltungen und Prinzipien aus“, schreibt der deutsche Berufsverband für soziale Arbeit. Daraus ergibt sich dann, daß diese Art der Profession auch Gesellschaftspolitik ist, weil sie soziale Zustände und Entwicklungen zeigt durch visuelles Dokumentieren. Daraus könnte sich sogar fotografische Sozialarbeit im Sinne von photovoice oder Fotocoaching entwickeln. Damit ist man dann aber mittendrin statt nur dabei und kann sich nicht raushalten und mit den Auftraggebern tanzen.

In diesem Sinne viel Erfolg auf deinem Weg!

Übrigens könnte dieser Artikel auch heißen „Das kleine mühselige Leben eines selbstbestimmten Dokumentarfotografen in digitalen Zeiten“.

Und hier noch ein paar Gedanken dazu, die mich immer noch bewegen:

„Es gehört zu den wichtigen Fähigkeiten des modernen Menschen, mit der Unsicherheit zu leben. Trotzdem zu handeln. Mit der Substanz der Menschenwürde und einer Vorstellung des Gemeinwesens.”

Roland Günter

„… dass die Kunst auch eine Aufgabe hat, indem sie den Teil der Wirklichkeit beschreibt, den wir am liebsten verdrängen wollen.“

Klaus Staeck

«Kunst ist Propaganda für die Wirklichkeit und wird daher verboten.»

Oswald Wiener

„Die Wahrheit ist das beste Bild.“

Robert Capa

„Die Wirklichkeit bietet sich in einer solchen Überfülle dar, daß man nur hineinzugreifen braucht, um vereinfachend und sichtend etwas herauszuholen.“

Henri Cartier-Bresson

„Kunst ist jedoch dann radikal mehr, wenn sie zum eigenen künstlerischen Handeln führt. Wenn sie uns erkennen läßt, dass wir selbst die künstlerischen Akteure sind. Die Kraft und das Potenzial der Kunst stecken in jeder menschlichen Handlung, in jedem Gegenstand, den wir uns erwählen – fernab politischer, religiöser oder sonstiger Bevormundung. Die Kunst hat eine ungeahnt große befreiende Kraft, weil sie unsere besten Energien ans Licht befördert.“

Wolfgang Boesner

Text 1.12

Was ist dokumentarischer Stil in der Fotografie?

Die Anforderung lautet Fotos im dokumentarischen Stil zu erstellen.

Es sollen keine Architekturfotos werden, auf denen die Räume oder Gebäude gezeigt werden, sondern es soll dokumentarisch sein.

Wenn ich dann nachfrage, was damit gemeint ist, wird es interessant.

Und deshalb möchte ich das Ganze hier einmal aufgreifen.

Dokumentarfotografie kann das Fotografieren von Gebäuden sein wie bei den Bechers. Das überlappt sich schon mit dem Wort Architekturfotografie. Diese versucht möglichst getreu Räume und Gebäude oder anderes wiederzugeben, abzufotografieren. Es kann auch Tatortfotografie sein, die sehr konkret und funktional ist.

Aber Stile in der Fotografie sind ja besondere Eigenarten beim Fotografieren gewesen, die in einer bestimmten Zeit und/oder Situation eingesetzt wurden, sei es, weil es technisch nichts anderes gab oder weil man es so wollte.

Und nach mehr als hundert Jahren Fotografie gibt es viele Stile und seit der Einführung der digitalen Fotografie mit dem Filtermix ist die Auswahl fast unendlich.

Foto Mahlke

 

Dokumentarisch und dokumentierend – wo ist da der Unterschied?

Wer dokumentiert ist dabei, er/sie hat also die Augenzeugenschaft und wählt dann durch den Ausschnitt in der Kamera und durch die Gestaltung die Dinge so aus wie sie erfasst werden sollen.

Das ist eine Reportage, wenn es um ein Ereignis und einen Ablauf geht und es sozial wird, also Menschen dabei sind (manchmal auch Tiere).

Fotoreportagen dokumentieren und sind daher dokumentarisch aber nicht immer Dokumentarfotografie.

 

Der dokumentarische Stil in der Auftragsfotografie

Wenn es nun um Auftragsfotografie geht, bei der im dokumentarischen Stil gearbeitet werden soll, dann geht es meistens um die Darstellung von Abläufen und Inhalten. Das können Workshops, Konferenzen, Arbeitsabläufe, Stimmungen, Darstellungen, Gruppen etc. sein.

Darstellen bedeutet ich fotografiere entweder Dinge und Abläufe im realen Zusammenhang oder stelle Situationen dar, die das wiedergeben, was sonst so abläuft.

Dokumentarischer Stil ist dabei nicht festgelegt. Der Auftraggeber entscheidet (meist hinterher) welcher Stil zu ihm paßt, eher kühl oder poppig, monochrom oder farbig, körnig oder glatt etc. Farben und fotografische Art der Fotos sollten vorher besprochen werden. Monochrome Fotos lassen mehr Deutung zu aber wirken auch dokumentierender.

Der dokumentarische Stil in der Auftragsfotografie ist also immer das Ergebnis eines Gespräches zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer. Dann wird es für beide Seiten ein Erfolg.

 

Aber damit ist das alles ja noch nicht zu Ende.

 

Vom dokumentarischen zum sozial-dokumentarischen Stil

Ich komme aus der Wirtschaft. Unternehmen sind soziale Veranstaltungen. Wenn es darum geht den „Geist“ eines Unternehmens, die Kreativität, die Bedingungen des Handelns etc. einzufangen, dann kann dies meiner Meinung nach nur durch Reportagefotografie im Ablauf erfolgen mit nachträglicher Bearbeitung.

Will ich funktionell nutzbare Fotos mit symbolischen Aussagen oder will ich das was geschieht im sozialen Ablauf da zeigen, wo es stattfindet?

Das ist dann der sozial-dokumentarische Stil, der zugleich wichtig ist für Erinnerungskultur.

 

Der dokumentarische Stil in der deutschen Fotografie

Theoretisch hat dies ganz gut Klaus Honnef nach einer Diskussion in Leipzig zusammengefaßt: “ Es sind in erster Linie drei formale Innovationen, die im 20. Jahrhundert zu einem dokumentarischen Stil in der Fotografie geführt haben: die Nutzung der seriellen Reihung durch August Sander (im Gefolge der enzyklopädischen Ansätze in der wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Fotografie des 19. Jahrhunderts), Walker Evans und Bernd und Hilla Becher, zweitens der Einsatz unkonventioneller Blickwinkel und innerbildnerischer Montageelemente durch die sowjetische „Revolutionsfotografie“ sowie das „Neue Sehen“ mit einem immanenten Hang zur Propaganda und zur Werbung und last but not least die Verwendung ungewöhnlicher Sichtweisen im Zuge einer neoveristischen Ästhetik durch Robert Frank, Chargesheimer und William Klein. Sämtliche Innovationen reflektieren nicht zuletzt auf die besondere Wesensstruktur des fotografischen Mediums, seine seriell-industrielle Produktionsweise, seine mechanische Aufnahmetechnik und seine konstruktivistische Eigenart.“

Ich hoffe, mit diesen Gedanken dem dokumentarischen Stil einen angemessenen Raum gegeben zu haben und praxisrelevante Fragen gut beantwortet zu haben.

Mehr Theorie finden Sie in diesem Artikel und mehr Praxis der Theorie auf dieser Webseite.

 

 

Zwischen solo und sozial – Mein Blick auf die Dokumentarfotografie

Blicke auf die Wirklichkeit Foto: Michael Mahlke

Natürlich stehe ich bei dem Thema Dokumentarfotografie mit meinem Eimer vor einem Ozean. Wenn ich daraus schöpfe, dann ist darin alles vorhanden und trotzdem nur sehr wenig drin im Eimer – pars pro toto..

Aber die Beschränkung ermöglicht erst den Blick und den Durchblick. Doch wahr ist auch, daß nicht jedes Foto Dokumentarfotografie ist. Jedes Foto könnte dokumentarisch bzw. dokumentierend im weiten Sinne sein als Beleg seiner selbst. Aber zur Dokumentarfotografie wird ein Foto erst, wenn es einen öffentlich relevanten sozialen Zusammenhang hat und öffentlich gemacht wird. Das kann auch regional oder sozial begrenzt sein.

Das kann man nun noch mehr unterscheiden und je mehr Wörter darüber verloren werden, desto mehr Unterscheidungen gibt es und je mehr das akademisiert wird, desto weniger versteht man davon dann noch.

Als Historiker habe ich versucht auf den Spuren derer zu gehen, die davon und damit gelebt haben. Von der Fotografie als Waffe bis zum fotografischen Erhalt dessen, was physisch einfach da war reichte der Bogen, um Veränderungen zu zeigen bei öffentlichen Themen und im öffentlichen Raum.

Besonders faszinierend ist dabei für mich die sog. soziale Landschaft, die Folge und Ursache von sozialem Auftritt ist.

Im Kern ging es mir immer um sozial relevante Themen. Armut ist ja nicht abstrakt sondern kann sehr gut vor Ort konkret auf der Straße gezeigt werden, wenn sie sichtbar wird im öffentlichen Raum. Geheimes Denken kann durch heimliche Darstellungen im öffentlichen Rahmen gezeigt werden etc.

Und am Beispiel der sozialen Symbolik in der Stadt Remscheid habe ich dies auch konkret in verschiedenen Artikeln aufgearbeitet.

Und die Auseinandersetzung mit dem Sozialen durch die Fotografie verändert dich und die Wahrnehmung von dir und dem Drumherum.

Dabei wird nichts einfacher aber manches eben sichtbar oder anders gesehen.

Und jetzt?

Jetzt bin ich sehr froh, alle diese Menschen visuell und textuell getroffen zu haben und mich mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Das bringt mir persönlich viel, aber hat mir auch gezeigt, wo die Grenzen sind.

Wenn ich über die Vergessenen schreibe und dieses Thema fotografiere, dann dokumentiere ich etwas, das vergessen ist und bleibt, so meine Erfahrung, wenn ich von meinen digitalen Orten der öffentlichen Darstellung einmal absehe.

Es ist kein Thema für Geld und Aufträge. Das will niemand kaufen und dafür gibt es auch kein Geld über Projekte. Auch darüber habe ich geschrieben.

Jedes bisher geschriebene Wort könnte ich auf einen eigenen Text verlinken.

Damit ist es bei google eher sichtbar und wird sogar für die wikipedia immer wieder gebraucht.

Dokumentarfotografie ist aber mehr.

Wenn ich den Bereich der Vergessenen verlasse und sie in Richtung darstellende Fotografie ändere, dann ist alles möglich – auch das Geldverdienen.

Das ist aber jenseits der Reportage sozialer Not und schlechter Ereignisse. Diese Themen dürfen sowieso nur noch in wenigen Ländern fotografiert werden ohne dass man verhaftet wird. Und welche Relevanz haben sie denn?

Insofern wird es nicht gefördert und kleingehalten.

Aber das stört kaum jemand, weil die Welt ja eigentlich lieber über die Gewinner spricht und die Vergessenen vielfach auch am liebsten dazu gehören würden und sich selbst mental verdrängen. Sie wollen sich als Vergessene nicht zeigen sondern lieber vergessen werden statt sich zu zeigen, um Aufmerksamkeit und Veränderungen einzufordern. Dagegen wollen sich Gewinner zeigen und gesehen werden.

Das ist natürlich etwas pauschal aber stimmt meistens.

Die Welt hat zumindest mir deutlich gemacht, daß die Hoffnung auf ein besseres Morgen so nicht stimmt, weil die Machtverhältnisse sich nicht wirklich ändern und dies allein auch kein hinreichendes Kriterium für Verbesserungen wäre.

Und wenn man nur irgendwie die Chance hat dabei zu sein und anerkannt zu werden im Kreis einer sozialen Gruppe, dann ist dies oft der Zustand, der auf dieser Welt am ehesten erstrebenswert zu sein scheint, weil es keine echte Alternative dazu im Leben gibt.

Welchen Sinn hat es recht zu haben, wenn die Menschen nicht auf dich hören oder hören können oder andere Interessen haben? Was macht man dann?

Man kann sich zurückziehen und einsam sein oder man schaut nicht so genau hin und akzeptiert die Welt, die man nicht ändern kann. Einzig und allein dann die eigene Grenze so in Worte zu fassen wie hier und dies dann entweder im Tagebuch oder in einem öffentlichen Blog zu zeigen bleibt als Möglichkeit, ist aber ohne Relevanz.

Denn sobald du deinen Geist verläßt und dich dem sozialen Leben zuwendest, kannst du mit diesem Denken nicht bestehen, sondern mußt die Gesetze des Miteinanders annehmen.

Das ist die Wirklichkeit, die mir durch das Fotografieren immer wieder bewußt wurde. Das war der Weg von mir zwischen solo und sozial.

Und damit dieser erhellende Moment für mich auch für andere, die sich davon angesprochen fühlen, nicht verloren geht, habe ich es hier aufgeschrieben, weil ich dies nun nicht in ein Foto stecken konnte.

Selbst Fotos haben Grenzen, die nur durch Worte überschritten werden können.

Und deshalb publiziere ich dies hier auch von Angesicht zu Angesicht, von mir zu Dir!

Aber diese Worte waren mir erst knapp sechs Monate nach dem Ende des Bloggens an dieser Stelle möglich.

Die Zeit spielt also mit.

Deshalb erst heute – oder besser schon heute?

Das alles könnte man übrigens auch dokumentieren – mit neuen Fotos …

Neue Zeit für neue Fotografie und neue Fotos?

 

Fancy Pictures von Mark Neville

Es gibt Bücher, die kann man nicht kaufen.

In dem Buch Fancy Pictures aus dem Steidl Verlag sind einige fotografische Projekte von Mark Neville, die man nicht kaufen konnte, endlich zu einem kaufbaren Buch vereint.

In England sind die Unterschiede zwischen arm und reich unendlich groß und man spürt dies und sieht dies. Und trotzdem gab und gibt es dort Projekte, die in Deutschland undenkbar sind – seltsamerweise.

Mark Neville ist so ein Fotograf, der solche Projekte umsetzt. Er schildert in dem Buch in sehr guten Interviews, wie er sich auf sein erstes Projekt bewarb und daraus eine Dokumentation des von ihm gesehenen sozialen Lebens in einer kleinen Stadt machte. Dann druckte er ein Buch mit seinen Fotos und verschenkte es an die Bewohner des Ortes.

Dies alles ist in dem Buch Fancy Pictures dokumentiert und dargestellt. Damit fängt ein Buch an, das unglaublich viel zu zeigen hat.

Es ist in englischer Sprache.

Fancy Pictures sind ironische Bilder mit Blicken auf die Gesellschaft. Das spielt auf englische Malereien im 18. Jhrdt. an, wie wir dem Buch entnehmen können.

Mark Neville erhielt offenkundig nach seiner ersten Arbeit immer wieder Einladungen für neue Projekte. So dokumentierte er das Leben in einer abgelegenen ländlichen Community mit herzoglichem Hintergrund oder Menschen, deren Leben von einem genetischen Defekt bestimmt war, der auf die Umgebung zurückzuführen war, oder eben auch die soziale Landschaft in London – vor allem den Gegensatz von arm und reich in der Serie „Here is London“.

Es ist ein Buch, das nicht im Buchregal stehenbleibt sondern aufgeschlagen wird, weil es zeigt, daß sozialdokumentarische Fotografie auch heute möglich ist aber kein kommerzieller Erfolg dabei vorprogrammiert ist.

Mark Neville versteht sich als Künstler, der Fotografie und Film in sozialen Zusammenhängen einsetzt und damit seine Projekte umsetzt.

Begrifflichkeiten sind in meinen Augen heute eher eine Sache des Datums. Zumindest sind einige Fotos und Serien mittlerweile als Kunsprojekte von ihm auch verkauft worden aber letztlich ist alles zunächst privat gefördert oder mit öffentlichen Mitteln fotografiert worden.

Es sind soziale Landschaften, die er hier zeigt und die ohne seine Fotos nie zu sehen gewesen wären.

England ist ein Land voller Gegensätze. Der Gegensatz zwischen reich und arm ist groß und dennoch war und ist die Öffentlichkeit und die Gesellschaft bereit, Fotografen/Künstler dafür zu bezahlen, soziale Widersprüche und Gegensätze zu dokumentieren.

Das ist in Deutschland so aktuell wohl nicht möglich. Aber das ist eben auch ein Zeichen für das gebrochene Verhältnis zur Freiheit und freien Meinungsäußerung, die in Deutschland nur frei ist, wenn sie nichts transzendiert – obwohl genau darin die Freiheit liegen würde, auch die fotografische Freiheit.

Und so hat der Steidl-Verlag hier ein ganz großartiges Werk publiziert, das gar nicht richtig in Worte gefaßt werden kann, weil es einfach viel mehr ist als mit Worten gesagt werden kann.

Fancy Pictures aus dem Steidl-Verlag ist ein ganz besonders gutes Buch voller Dokumentarfotografie und guter Geschichten.

ISBN 978-3-86930-908-8

Wie Bilder Dokumente wurden. Zur Genealogie dokumentarischer Darstellungspraktiken von Renate Wöhrer (Hg)

Was ist Dokumentarfotografie? Wo wenn nicht hier muß diese Frage beantwortet werden.

Und die Antwort wurde erforscht und in einem Buch publiziert.

Die Herausgeberin Renate Wöhrer weist darauf hin, daß rückblickend bis in die 20er Jahre des 20. Jhrdts. eigentlich alle Fotografien als Dokumente galten.

Im englischen Sprachraum gab es record photography, im deutschen Sprachraum die Aufnahme. Das drückte eine Nähe zum Dokumentcharakter aus.

John Grierson nutzte das Wort dokumentarisch erstmals bei einer Filmkritik und seitdem war es in der Welt. „Erst die bewusste filmische Gestaltung und argumentative Struktur des aufgezeichneten Materials bezeichnete er als dokumentarisch“, so Wöhrer.

Das Wort wurde in den 30er Jahren populär, so wie später Streetfotografie oder heute Selfies.

„Welcher Umschlag geschah zwischen record photography und documentary photography, zwischen Aufnahme und Dokumentarfotografie? Auf welche Faktoren ist die Popularität der Bezeichnung dokumentarisch zurückzuführen?“

Das sind Fragen, die sich Wöhrer stellt.

Das Buch enthält Beispiele für diese Entwicklungen von verschiedenen Autorinnen und Autoren.

Ein dokumentarisches Foto ist eben mehr als nur Abdrücken.

Es ist die bewußte Wahl von Ausschnitt, Moment und Gestaltung von dem, was man sieht – also der gesehenen Wirklichkeit – wie es Grierson schon formulierte.

Bis heute wird über die Abgrenzung zur Fotokunst gestritten. Einige meinen, daß die Fotokunst sich abgrenzen mußte und daher das Dokumentarische als Nicht-Fotokunst mit diesem Wort eingrenzte.

Aber das klappt so auch nicht, weil eben auch Dokumentarfotografie Fotokunst sein kann, wie man an den Fotos von Walker Evans sah, die plötzlich als Fotokunst galten, obwohl sie ursprünglich rein dokumentarisch waren.

Es ist eben eine rein soziale Ebene, bei der es darauf ankommt, wann wer was wofür benutzte, wenn wir feststellen, ab dann wurde dort das und das als Wort genutzt.

Aber es war auch eine Methode, also eine besondere Art und Weise der Darstellung und des Aufbereitens von Informationen mit Fotografien und Texten.

So ist dieses Buch quasi ein begriffliches Grundlagenwerk für das, was ich hier seit Jahren betreibe – das Produzieren von Fotos und Texten mit Themen aus der und über die Dokumentarfotografie.

Das Buch ist im Kadmos-Verlag erschienen.

Aber ich war eher da als das Buch.

Schön daß wir uns getroffen haben.

 

Der Weg der Armut

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wenn du in dein Schicksal einwilligst wird es dich leiten…

So muß man sich das auch in der Fotografie vorstellen. Die Dinge geschehen und wenn du dann offen genug dafür bist sie zu sehen, dann hat das Schicksal dir die Chance gegeben selbstbestimmt diese Dinge anzunehmen und umzusetzen – auch in der Fotografie.

Dann entwickelt sich sogar Streetfotografie plötzlich zu einer stillen sozialdokumentarischen Fotografie.

So wurde die Serie Der Weg der Armut geboren.

Nur so.

Dokumentarfotografie und Zeitgeist konkret – Deutschland in drei Fotos

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Kann man Deutschland mit drei Fotos darstellen?

Natürlich nicht und natürlich doch. Es gibt dazu eine Serie mit drei Fotografien, die versucht, das heutige Deutschland und den strukturellen Zeitgeist dieser Zeit und dieser Gesellschaft zu zeigen.

Jedes Foto ist vielschichtig und das Ganze nur verstehbar, wenn man die Fotografien selbständig interpretiert.

Sie finden die Serie im Wupperartmuseum.

Übrigens ist der Titel dieser Serie „Die deutsche Bedürfnispyramide“. Daher ist auch die Anordnung der Fotos so wie dort zu sehen…

 

Am Anfang war das Wort – Fotografie heute zwischen Plato, Sontag und mir

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Wir sind noch in Platos Höhle: „Die Höhle versinnbildlicht die Welt, die sich den Sinnen darbietet, die normale Umgebung des Menschen, die man gewohnheitsmäßig mit der Gesamtheit des Existierenden gleichsetzt. Der Aufstieg ans Tageslicht entspricht dem Aufstieg der Seele von der Welt der vergänglichen Sinnesobjekte zur „geistigen Stätte“, der intelligiblen Welt, in der sich das nur geistig Erfassbare befindet.“

Davon war auch Susan Sontag fest überzeugt. Evidenz reicht nicht (Evidenz bezeichnet das dem Augenschein nach unbezweifelbar Erkennbare).

Dokumentarfotografie – was ist Dokumentarfotografie?

Foto: Michael Mahlke

Foto: Michael Mahlke

Was ist denn nun eigentlich Dokumentarfotografie?

Wenn Fotos eingeordnet werden sollen wird die Frage wichtig, zu welcher Art der Fotografie ein Foto denn nun gehört. Und wenn ich wissen will, was ich warum fotografiere ist dies ebenso entscheidend.

Wenn ich meinen eigenen Artikel von 2011 zu diesem Thema durchlese, dann hat Dokumentarfotografie heute eine teilweise neue Richtung bekommen.

Ich würde sagen vom Dokumentieren eines Ausschnitts aus der Wirklichkeit geht es zur Darstellung des Dokumentarischen bis zur dokumentarischen Darstellung.

Was heisst das?

Im Lateinischen hieß documentum beweisende Urkunde.

So sollte Dokumentarfotografie beweisen, daß etwas geschehen ist.

Das hat sehr gut die englische Wikipedia formuliert:

„The figure most directly associated with the birth of this new form of documentary is the journalist and urban social reformer Jacob Riis. Riis was a New York police-beat reporter who had been converted to urban social reform ideas by his contact with medical and public-health officials, some of whom were amateur photographers. Riis used these acquaintances at first to gather photographs, but eventually took up the camera himself. His books, most notably How the Other Half Lives of 1890 and The Children of the Slums of 1892, used those photographs, but increasingly he also employed visual materials from a wide variety of sources, including police „mug shots“ and photojournalistic images.

Riis’s documentary photography was passionately devoted to changing the inhumane conditions under which the poor lived in the rapidly expanding urban-industrial centers. His work succeeded in embedding photography in urban reform movements, notably the Social Gospel and Progressive movements. His most famous successor was the photographer Lewis Wickes Hine, whose systematic surveys of conditions of child-labor in particular, made for the National Child Labor Commission and published in sociological journals like The Survey, are generally credited with strongly influencing the development of child-labor laws in New York and the United States more generally.“

Jakob Riis war der erste Fotojournalist Amerikas, wenn man so will. Er blieb zeitlebens arm und dokumentierte das Leben der Armen.

Rudolf Stumberger schreibt dazu u.a.:

„Der aktuelle Gebrauchswert der Fotografien von Riis und Drawe entfaltete sich vor allem im narrativen Zusammenhang der Vorträge, sie dienten als authentischer Beleg für die geschilderten sozialen Sachverhalte. Was zwar bisher schon in Holzschnitten und Zeichnungen in Zeitungen und Magazinen zu sehen gewesen war, gewann nun eine eigene Qualität kraft der »Unmittelbarkeit« der Bilder. Die unteren sozialen Klassen und ihr Elend wurden – durchaus in sozialreformerischer Absicht – so vermittelt dem bürgerlichen Publikum vorgeführt. Die Fotografien dienten als Verstärkung eines appellativen Kontextes, der »ganz auf die Selbstregulierungskraft des Systems und die Beseitigung der Probleme durch eine verantwortungsbewußte und vor allem informierte Bürgerschaft« setzte. Obwohl Riis am eigenen Leibe erlebte, wie auf streikende Arbeiter geschossen wurde und ihm auch selbst als Arbeitssuchender übel mitgespielt wurde, vertraute er doch eher auf die göttliche Gerechtigkeit und auf amerikanischen Tugenden als auf die politische Organisation der Unterklassen: »The Lord Chief Justice over all is not to be tricked. If the labor men will only remember that, and devote, let us say, as much time to their duties as to fighting for their rights, they will get them sooner.«
Öffentlichkeitswirksam wurden die Fotografien neben den Lichtbildvorträgen in Zeitungsartikeln und Buchpublikationen: 81 der Fotografien von Drawe erschienen 1908 in den »Quartieren« im Halbtonverfahren, eine Auswahl war zuvor 1906 auf einer Hygieneausstellung in der Wiener Rotunde zu sehen.“

Fotos als authentische Beläge. Das ist auch heute noch direkt bei Fotos von Tatorten der Fall. Aber auch da kommt es schon auf die Perspektive und den Ausschnitt an. Darauf kommt es aber immer an, weil alle Wahrnehmung subjektiv ist.

Die Authentizität ist also der Wesenskern der Dokumentarfotografie. Dabei geht es um Wirklichkeit.

Regentropfen Foto: Michael Mahlke

Wann wird aus Dokumentarfotografie Fotokunst? – Regentropfen Foto: Michael Mahlke

Interessant ist der folgende Einführungstext:

„Der Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie sieht seinen Schwerpunkt in der »wirklichkeitsbezogenen Fotografie«. Darunter verstehen wir die journalistische und dokumentarische, fotografische Auseinandersetzung mit der Außenwelt, ausgehend von der situativen und örtlichen Realität. Dabei interessiert uns vor allem die persönliche Interpretation der Wirklichkeit. Dies verlangt immer auch die Entwicklung einer Haltung zum Objekt selbst und zum Medium Fotografie.

Dazu suchen wir Studenten mit einem inhaltlichen Interesse an der Welt. Studenten, für die eine Tageszeitung nicht einfach nur Material zum Einwickeln von Fisch ist und die Dieter Bohlens Memoiren nicht für Literatur halten. Die neugierig sind auf die Welt und die Erfüllung nicht im Hocken vor dem Computer sehen. Die wissen, dass MAGNUM mehr ist als nur ein Speiseeis und Cartier-Bresson keine Uhrenmarke. Die streitbar sind und streitfähig. Für die Opportunismus und Angepasstheit der Anfang vom Ende jeder Entwicklung ist und die Loyalität und Solidarität nicht nur buchstabieren können. Und die last but not least die Fotografie leidenschaftlich lieben.“

Hier geht es um „wirklichkeitsbezogene Fotografie“.

Einen Schritt weiter geht die Agentur Hutter und Donner mit ihrer Webseite Fotografie-der-Zeit. Diese Webseite hat meiner Meinung nach alles, was man im SEO braucht, um bei google ganz vorne zu stehen und zugleich Fotos zu vermarkten, die über das Etikett Dokumentarfotografie zu Fotokunst werden (sollen).

Ich finde diesen Ansatz hochintelligent. Ein Artikel über Henri Cartier-Bresson, ein Artikel über Magnum, eine Domain mit assoziativen Namen und Artikel zu den Themen Kunst online kaufen, Online-Galerie, Fotokünstler und dies alles gewürzt mit dem Wissen der Spezialisten aus der digitalen Welt.

So macht man es, das muß man neidlos anerkennen. Und daher dokumentiert diese Webseite auch den Versuch, das Thema als Fotokunst zu etablieren.

Blickt man auf die dort aufgeführten Fotokünstler, dann kommt man im Ergebnis zur „ersten Online-Galerie für hochwertige Dokumentarfotografie“.

Und nun wird es interessant. Dort wird dann unterteilt in „Abstrakt, Dokumentarisch, Inszeniert, Farbe, Schwarz-weiß“.

Offenkundig hat man dort erkannt, daß man zwischen echten Momenten aus der Wirklichkeit und Inszenierungen mit Elementen aus der Wirklichkeit unterscheiden muß.

Wobei die Inszenierungen aus der Wirklichkeit aus der Mode stammen, die damit auch fotografisch punkten wollte.

„Heute werden Models als Terroristen verkleidet, um aufzufallen. Damals verkleideten sich Terroristen als Spießer, um nicht aufzufallen.“

Diese Sätze zeigen sehr schön, daß dies alles schon etwas länger kochte aber schon vorher ein Erfolgsrezept war.

Nichtsdestowenigertrotz finde ich den Ansatz gut, aus realer Dokumentarfotografie auch verkaufsfähige Fotografie zu machen.

Nachrichtenfotos von Ereignissen sind heute durch die socialmedia meistens kostenlos. Der Markt ist ja eingebrochen.

Dokumentarfotografie fängt heute nach der Nachricht bei der Reportage mit bleibendem Wert an oder einzelnen Fotos mit einem besonderen Moment.

Magnum-Fotos sind z.B. bis heute von Cartier-Bresson z.T. auch Fotokunst. Sie zeigen aber eben kein Ereignis sondern etwas Typisches einzigartig ausgedrückt.

Das kann von Cartier-Bresson das Foto mit dem Mann und der Katze in der Häuserschlucht sein oder bei Steve Mccurry der Mann, der bei der Flut bis zum Hals im Wasser steckt und auf dem Kopf seine Nähmaschine trägt.

Ist das Fotokunst?

In meinen Augen ja, es ist dokumentarische Fotokunst obwohl und gerade weil es ein „echtes“ Foto ist, ein ungestellter Moment.

Es ist eben keine inszenierte Fotokunst.

Aber was passiert wenn man die vergangene Wirklichkeit am selben Ort mit der aktuellen Wirklichkeit kombiniert. Das ist dann eine Inszenierung der Wirklichkeit mit der vergangenen Wirklichkeit und wieder etwas anderes aber richtig gut, wie man hier bei Nick Brandt sehen kann.

Insofern kann die Inszenierung als Gestaltungsmittel ein sehr kluges Mittel sein, um Raum und Zeit miteinander zu verbinden. Es kommt eben darauf an, welche Funktion die Inszenierung hat.

Nun denn, diese Bestandsaufnahme zum Thema, was ist heute Dokumentarfotografie, kann Elemente der Zeit aufgreifen, die mit google nicht immer zu finden sind und oft eher bei bing oder eher in Büchern statt in Suchmaschinen.

So ändert sich der Zeitgeist und die Fotografie der Zeit.

Text 1.1

Das Fotobuch und seine Bedeutung in der Dokumentarfotografie

Michael Mahlke Fotobücher

Michael Mahlke Fotobücher

Einige Erfahrungen online und offline

Nun schreibe ich über zehn Jahre digital über Dokumentarfotografie.

Da lohnt sich für mich die Frage, welche Rolle dabei Fotobücher gespielt haben?

Denn in digitalen Zeiten sind viele Fotos ja auf Webseiten zu finden – sollte man meinen.

Aber da fängt es schon an.