Tag Archive for Dokumentarfotografie

Politische Fotografie hat nichts mit Portraits von Politikern zu tun

Heute befinden wird uns im Zeitalter der Fake News und der Umdeutung aller Werte. Ein gutes Wortbeispiel ist das Wort Deregulierung, das die Abschaffung sozialer Sicherheit meint. Und seitdem schreitet diese politische Vernebelung fort.

Auch 2019/2020 ist mit politischer Fotografie engagierte Fotografie gemeint, die bestehende soziale Entwickungen und Probleme öffentlich zeigen will, aber auch hier findet eine Umdeutung statt.

Vom Sehen zum Schnappschuss und zur Sozialfotografie

Schnappschuss, Streetfotografie, Sozialfotografie – unterschiedliche Ansprüche an die Fotos vom individuellen Ausdruck bis zur Dokumentation sozialer Situationen.

Aber man muß das Sehen erst lernen und das geht über den Kopf. Ich habe meinen Weg und einen Blick auf meine Ergebnisse in diesem Bild zusammengefaßt.

Für mich ist Lesen und Anschauen wesentlich gewesen. Dadurch erhielt ich meinen Blick. Das Problem dabei ist nur, daß man jetzt immer so in die Welt blickt. Daher ist es wichtig auch neue Perspektiven durch neue Themen zu sehen – sonst bleibt man visuell stehen.

 

Lieber den erotischen Akt als die nackte Armut? – Dokumentarfotografie, Politische Fotografie und Ablehnung

Dokumentarfotografie ist ein weites Feld.

Für mich geht es im Kern darum sozial reale und oft regional oder überregional relevante Ereignisse und Situationen  festzuhalten, die später in der Summe  Entwicklungen zeigen. Was relevant war, kann man nur aus dem beurteilen, was man weiß und sieht. Deshalb ist das Dokumentieren so wichtig – Belegbarkeit setzt Dokumentierbarkeit voraus. Und soziale Ereignisse und Abläufe sind mit Fotos z.T. gut dokumentierbar.

Digitale Bilddokumentationen Soziale Kämpfe in der Region Remscheid Solingen bis 2009

Unterschiedliches Urlaubsgeld Zeitarbeit und gute Arbeit

Bilder erzeugen Erinnerungen, Vorstellungen oder führen zu Einsichten und ergeben im besten Fall Erinnerungskultur – für die, die dabei waren und für die, die nicht dabei waren. Das ist die Aufgabe von Dokumentarfotografie als Teil der Geschichtsschreibung.

Meine Fotos hier zeigen, dass diese sozialen Entwicklungen überhaupt geschehen sind und dies bewußte Entscheidungen der Politik waren: Verarmung und Sozialabbau bei den Fleissigen und Arbeitsamen bis ins Alter. Wer nicht dabei war kann dies nur auf diesen Fotos sehen.

Geschichte von unten, Gewerkschaftsbewegung, Ende der Arbeiterbewegung, Sozialabbau, soziale Kämpfe, Niederlagen – alles das wird hier gezeigt. Es ist regional beschränkt rund um Remscheid und Solingen. Aber es war woanders auch so und oft gibt es dort eben gar nichts mehr zu sehen. So ist dies hier das, was auch woanders ähnlich abgelaufen sein könnte.

Meine digitalen Bilddokumentationen seit 1999 bis zum Jahr 2009 aus der Region Remscheid Solingen sind nun soweit fertig. Man kann eine Landkarte erstellen, die so groß ist wie das Land, das sie darstellen soll, also mit noch mehr Fotos. Beschränkung halte ich für besser.

Ich habe in der Zeit, aus der Zeit und über die Zeit digitale Dokumente und Dokumentarfotografie zusammengestellt, die einiges sichtbar macht, um wenigstens strukturelle Veränderungen und die Zeit und den Zeitgeist sichtbar zu machen aus Sicht der Betroffenen.

Die Folgen dieser Politik sind nun immer mehr zu sehen und zu spüren.

Wie konnte es soweit kommen kann man sehr gut beantworten. Aber es hat natürlich auch damit zu tun, daß die Nicht-Betroffenen dies alles nicht interessierte und es keine andere Mehrheit gab.

So konnte es dazu kommen.

 

 

Wie soll man Dokumentarfotografie dokumentieren? Über Linkverfall und Linkfäule

„Immer mehr Verlinkungen verschwinden oder werden sogar umgelenkt auf kommerzielle andere Inhalte. Das geschieht dann wohl bewußt und ist link.
Das kann ich gar nicht nacharbeiten und würde auch die authentische Struktur meiner Artikel und der damaligen Wissensbasis zerstören. Es gibt ja kein neues und besseres Wissen zu vielen meiner Themen sondern nur neue Themen.“

Mit diesen Worten wollte ich im letzten Jahr aus verschiedenen Gründen diese Webseite beenden.

Das hat dann so noch nicht ganz geklappt, weil ich meine eigene Entwicklung mit einbezogen habe.

So kam ich nach einigen weiteren Artikeln zu dem Schluß:

„Da ich meine gesamte bewußte Zeit in der Dokumentarfotografie im Rahmen dieser Webseiten unter verschiedenen Namen über ca. zehn Jahre als Ort der Reflexion, Dokumentation und Zusammenfassung verbracht habe, bot es sich natürlich an, die inneren Entwicklungen auch hier jetzt aufzuschreiben. Das ist ja das Neue in digitalen Zeiten. Das Ende ist immer nur der Schritt vor dem Update oder dem Wechsel des Betriebssystems.“

Und nun hat der deutschlandfunk das Thema Linkverfall und Linkfäule aufgegriffen. Das ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit überhaupt, wenn ich will, das Behauptungen noch belegt werden müssen.

Es steht nicht alles in Büchern und vieles Neue steht überhaupt nicht mehr in Büchern. Um es aufzugreifen, zu belegen und zu nutzen muß man es lesen und belegen. Aber das geht kaum noch.

Als ich in den Webseiten der gez Medien für Themenartikel meine Aussagen belegte wurden diese verlinkten Artikel aufgrund eines Gesetzes nach einigen Tagen unwiderbringlich gelöscht und man durfte sie auch nicht abspeichern, weil andere ja das Urheberrecht haben.

Man konnte sie zwar mit eigenen Worten wiedergeben aber der Beleg war weg.

Das setzt sich heute ja fort. Es gibt so gut wie keinen Zugriff mehr auf die meisten Bücher. Gäbe es die google Büchersuche nicht, bei der man Auszüge sehen kann, dann würde man nicht mal in diesem Rahmen etwas finden.

Und weil immer mehr gar nicht mehr als Buch erscheint wird es noch viel schwieriger. Denn fast überall soll man sich einen Zugang kaufen, um darauf zugreifen zu können. Selbst wenn man Zugangsmillionär wäre würde einem dies nichts nützen, weil man ja dorthin nicht verlinken kann, es ist ja vor dem Zugriff geschützt. Kopieren und online nutzen geht auch nicht, weil es urheberrechtlich geschützt ist.

Und dann gibt es ja noch das sog. Leistungsschutzrecht. Danach darf man ja auch nur mehr als ein paar Worte zitieren, wenn man dafür bezahlt, zumindest theoretisch.

Und dann gibt es bestimmt noch mehr, was ich übersehen habe.

Von heute aus betrachtet nach zehn Jahren publizistischer Arbeit an diesen Webseiten mit populärwissenschaftlicher Akribie und Zitierseriösität wären meine Blogs so wie damals wohl gar nicht mehr möglich.

Das ist das Dilemma. Es gibt immer mehr aber du kommst an immer weniger ran und darfst davon noch weniger zeigen.

So gesehen ist aus deutscher Sicht sicherlich auch archive.org illegal, obwohl wir froh sein können, daß es die Webseite gibt.

Und dann kommt ja noch die Systemfrage im Ablauf der Zeit hinzu.

Wenn sich die Maßstäbe für die Rechtsprechung ändern, wird man plötzlich kriminalisiert und z.B. bei freier Meinungsäußerung ein Verbrecher, so wie es die Türkei bei der Meinungsfreiheit gerade praktiziert und so wie wir es schon von den Hartz 4 Gesetzen kennen, wonach jede Zuwendung zur Kürzung des Hartz4 Satzes führt. Wer im Hartz4 Bezug fremd essen geht oder eingeladen wird ohne es zu melden, ist damit schon ein halber Sozialverbrecher.

Aber das ist noch nicht alles. Es gibt ja noch mehr. Wer das liest und an die heutige Asylsituation denkt, der merkt, daß wir schon weiter sind. Man darf ohne Personalpapiere und eindeutige Belege hier rein gegen geltendes Recht, erhält Geld und darf hier leben. Eine Parallelwelt mit einem Sonderrecht voller Privilegien für Asylsuchende ist entstanden neben dem Sonderrecht für Staatsbürger, die bei Arbeitslosigkeit polemisch gesagt für ihren Fleiß bestraft werden und verarmen müssen.

Ich nenne diese Beispiele, weil sie zeigen, daß auch bei uns schon rechtlos oder per Sonderrecht agiert wird neben dem Grundgesetz und nicht nur die Türkei Murks macht.

Oder gibt es Leser, die etwas hiervon bestreiten? Das Schlimme daran ist ja, daß ich dies alles belegen kann.

Und dies hat mit dem Thema zu tun, über das ich hier gerade schreibe.

Im deutschlandfunk heißt es dazu:

„Die ganze Zivilisation ruht auf Quellensicherheit

Ist das nicht bloß ein Problem des Wissenschaftsbetriebs und kaum von allgemeiner Relevanz? Nein. Unsere Zivilisation beruht auf einem umfassenden Zitier- und Quellenangabesystem. Weit über die Wissenschaft hinaus bestimmt dieses unsere Identität, nicht zuletzt, weil wir uns dauernd auf religiöse Urtexte rückbeziehen. x

Selbst wenn man sie als irrationale Artefakte ignorieren würde, bliebe immer noch unsere Jurisdiktion, die ebenfalls aus einem Verweissystem von Texten bis zurück in die Antike besteht. Ohne Quellenverlässlichkeit verlöre sie ihre Legitimation. Durs Grünbein verweist darauf, dass der Ursprung des lateinischen Begriffs citatio „im Bereich der Rechtsprechung lag – als terminus technicus, der die Vorladung vor ein Gericht bezeichnete.“ xi

Das Textzitat ist also die Vorladung eines geistigen Zusammenhangs, den man nicht einfach bloß behaupten darf, sondern untermauern muss. Erscheint der Vorgeladene ohne Personalpapiere, also ohne Quellenangabe, ist Misstrauen angesagt. Was aber – und damit kehren wir zur Zukunftsannahme der totalen Verstromung zurück -, was, wenn die erste Bedingung des Zitierens, eine Quelle müsse vorhanden sein, gar nicht mehr sichergestellt werden kann?

De facto ist ein Buch vorhanden, eine Datei nicht. xii Die in ihr lockergeschriebene Information besitzt keine irreversible Zeitlichkeit, womit sich ihre Gestalt ein für allemal festlegen ließe. Dateien sind und bleiben unfixierbar, ganz anders als Obeliske, Tontafeln und Bücher, weswegen sie nicht als Quellen, sondern nur zum Ozean taugen.“

 

Insofern geht es nicht nur um Bücher sondern es geht gerade um die Grundlagen unseres Daseins, um unseren Rechtsstaat und die Chance in einer aufgeklärten Zivilisation zu leben.

Belegbarkeit ist die Grundlage unseres abgesicherten Zusammenlebens. Und Verlinkung mit freien Texten ist die Grundlage des Internets. Und genau das wird gerade systematisch abgeschafft. Nicht mal alle Doktorarbeiten sind frei zugänglich und selbst mit Steuergeldern abgehaltene Tagungen und die Tagungsergebnisse sind online oft nur gegen Geld verfügbar.

Und damit sind wir noch nicht bei Fotos. Die bringe ich erst hier ein. Ja was ist eigentlich mit Fotos und deren Zitierwirkung? Wie bei digitalen Texten sind sie oft nur gegen Geld einsehbar und dann noch nicht zeigbar. Und was google darf dürfen wir alle noch lange nicht wie das Beispiel der Bildersuche zeigt.

So leben wir in einer Zeit, die nicht besser ist als früher. Sie birgt neue Gefahren und hat bisher kaum gute Antworten. Denn dann müßte neu gedacht werden über Staatsaufgaben wie die Absicherung im Alter, die freie Verfügbarkeit von Texten und Fotos und die Stellung von Büchern und Bibliotheken.

Und letztlich fragt man sich dann auch selbst so wie ich, soll man die Webseite vom Netz nehmen oder nicht. Diese hier ist in der Deutschen Nationalbibliothek zwar gesichert aber viele andere sind es nicht und viele werden paradoxerweise aussortiert, wenn sie nicht mehr online sind.

Welchen Wert hat das alles hier, was ist uns was wert und was sollte uns was wert sein?

Gute Fragen, zu denen der Beitrag im deutschlandfunk „Wahrheit ist Belegbarkeit“ von Florian Felix Weyh sehr konstruktiv beiträgt und der mich hier dazu gebracht hat, dies konkret zu diesem Thema weiterzudenken.

 

 

Nihad Nino Pušija – Down There Where the Spirit Meets the Bone, THE LAST BOOK OF PEPERONI

„Durch das Buch zieht sich ein roter – und keineswegs nur metaphorisch blutroter – Faden. Das Buch ist die letzte Veröffentlichung, die der international hoch angesehene Berliner Fotobuchverleger und -buchhändler Hannes Wanderer noch selbst betreut hat, bevor er unerwartet am 9. September 2018 in Berlin verstarb. Unter dem Namen „Peperoni Books“ gedruckt, setzt es den Schlusspunkt unter ein außergewöhnliches Leben im Dienste der Fotografie.“

So schreibt es der Lehmstedt Verlag über das Buch von Nihad Nino Pušija Down There Where the Spirit Meets the Bone.

An diesem Buch und alles in diesem Buch bis zur Entstehung ist schicksalhaft.

Gewaltige existenzielle Themen bewegen die Fotos und die Menschen in diesem Buch und ohne die schöpferische Kraft überzeugter Männer und Frauen als Verleger wäre es nie dazu gekommen.

Schon deshalb handelt es sich um ein ganz besonderes Buch, das auch ganz besonders dargestellt werden sollte.

Das Buch beginnt  bei Tito und hört irgendwann heute auf.

Wir sehen auf den Fotos die Ergebnisse der sozialen Ereignisse auf dem Balkan dort und hier.

Menschen, die gestorben sind, Menschen die vor, im und nach dem Krieg dort leben, die mit den Veränderungen im Krieg und nach dem Krieg leben, Spuren der Zeit und der Veränderungen ohne Ende und mitten aus dem Leben.

Details sagen oft mehr als große Landschaftsaufnahmen. Ein Detail kann eine ganze Weltsicht wiedergeben. Und hier ist die Mischung aus allem und in allem, was aus dieser Zeit an Trümmern, Hoffnungslosigkeit und dem Leben darin und danach real existierte – und existiert.

Das Buch ist sehr klug angelegt. Wir sehen monochrome Aufnahmen aus analogen Zeiten und farbige Aufnahmen aus digitalen Zeiten. Alle erzählen auf ihre Art und wirken stark.

Wir tauchen ein in die Welt zwischen Bosnien und Berlin und sehen Kurden, Muslime und Christen vor Ort und in Deutschland. Überhaupt ist in diesem Buch viel Deutsches zu sehen bis zur Bundeswehr vor Ort.

Aber das Buch ist eben auch ein sehr dokumentarisches Fotobuch.

Wir sehen den Zeitgeist und das Leben im Alltag als der Krieg noch nicht da war und Tito herrschte, bis wir nach den Wirren der Kriegsfotos auf ein Bild von 2012 stoßen, welches uns an einer Wand immer noch ein Foto von Tito zeigt als Erinnerung an Besseres als Krieg und Mord?

Es ist ein Buch voller Geschichten in den Fotos und es ist ein Buch aus dem Leben gemacht.

Denn hier wurde nur aufgenommen, was wirklich zu sehen war – aber mit eigenständiger Gestaltung der gesehenen Momente. Und so sehen wir auch den Fotografen beim Sehen und mit seiner „Wahr“nehmung.

Das haben alle am Buchprojekt Beteiligten wirklich gut gemacht und mit diesem Buch ein Stück schlimme Zeitgeschichte in einen Rahmen gebracht, der zeitliche Abläufe über 30 Jahre darstellt.

So ist dieses Buch ein visuelles Geschichtsbuch der ganz besonderen Art.

Es ist die Kunst der ungeschönten Dokumentarfotografie, die visuell die Macht des Alltags mit den Details eines schweren Lebens zeigt ohne Dramatisierung. Die Fotos wirken aus sich heraus, weil sie authentisch sind und entsprechend gestaltet fotografiert wurden.

Für mich ist dieses Buch dadurch eines der besten seiner Art in jüngster Zeit.

Mag meine Meinung auch nicht maßgebend sein, so habe ich doch das richtige Maß für die Beurteilung solcher Bücher  in den letzten Jahren entwickeln können und deshalb halte ich meine Einschätzung für richtig.

Ich danke allen Beteiligten für dieses Werk, das mehr wert ist als nur seinen Preis.

Das Buch ist im Lehmstedt Verlag erschienen.

Nihad Nino Pušija

Down There Where the Spirit Meets the Bone

THE LAST BOOK OF PEPERONI

Herausgegeben von / edited by Lith Bahlmann
und / and Matthias Reichelt

Ausgabe in deutscher und englischer Sprache

296 Seiten mit 196 farbigen und Schwarzweiß-Fotografien
24 x 29 cm, Festeinband, Fadenheftung

ISBN 978-3-95797-082-4