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Abschied von der politischen Fotografie

Foto und Motiv: Michael Mahlke

Es ist Zeit. Und deshalb entstanden einige Texte zur Fotografie und sozialdokumentarischen Fotografie, die meine Lebenszeit als Dokumentarfotograf reflektierten.

Da kann man ja nichts machen. Sie entstehen innerlich von allein, wenn der Ablösungsprozess beginnt.

So ist unser Leben.

Diese Artikel haben  Vorläufer (es ging darin um meine fotografische Entwicklung jenseits der politischen Themen).

Heute kann ich das Ende des Jahres 2017 als Zeitpunkt ansehen, an dem ich mich vom sozialen Einsatz durch meine Fotografie auf meine Kosten verabschiede, d.h. ich gehe von fremden Inhalten zum eigenen Ich. Real geschah es ja viel früher aber mental jetzt. Ich habe gerne und viel getan und immer dafür „bezahlt“: persönlicher, sozialer, seelischer und fotografischer Einsatz unter materiellen Verlusten im eigenen Überlebenskampf war dabei die Bedingung für inhaltlich erfolgreiche Projekte hier und auf frontlens.de – Brutale Paradoxie pur!

Dabei habe ich immer wieder erfahren, daß soziale und seelische Waffen in „Friedenszeiten“ genauso tiefe Wunden schlagen können wie das Leben im direkten Krieg mit Waffen. Sobald existenzielle Unsicherheit auftritt reagieren Menschen verunsichert – auf jede Weise und viele leiden und sterben daran.

Das Schwerste ist die Realität zu sehen und zu akzeptieren – auch die eigene.

Bilder helfen zu sehen oder wie es Boris Mikhailov einmal sagte:

„Ich weiß, dass die Leute solche Fotos nicht betrachten wollen, aber erst wenn man das Elend im Bild sieht, beginnt man es auch auf der Straße wahrzunehmen.“

Nun sind als soziale Dokumentarfotografen/innen andere dran (oder es macht eben keiner). Ich möchte mich anderen Elementen der Lebenszeit zuwenden solange es geht. Saturn weist die Richtung (der aus der Astrologie).

Da ich meine gesamte bewußte Zeit in der Dokumentarfotografie im Rahmen dieser Webseiten unter verschiedenen Namen über ca. zehn Jahre als Ort der Reflexion, Dokumentation und Zusammenfassung verbracht habe, bot es sich natürlich an, die inneren Entwicklungen auch hier jetzt aufzuschreiben. Das ist ja das Neue in digitalen Zeiten. Das Ende ist immer nur der Schritt vor dem Update oder dem Wechsel des Betriebssystems.

So blicke ich nun auf eine beendete Entwicklung zurück und bin gespannt auf das Update.

Was ist dokumentarischer Stil in der Fotografie?

Die Anforderung lautet Fotos im dokumentarischen Stil zu erstellen.

Es sollen keine Architekturfotos werden, auf denen die Räume oder Gebäude gezeigt werden, sondern es soll dokumentarisch sein.

Wenn ich dann nachfrage, was damit gemeint ist, wird es interessant.

Und deshalb möchte ich das Ganze hier einmal aufgreifen.

Dokumentarfotografie kann das Fotografieren von Gebäuden sein wie bei den Bechers. Das überlappt sich schon mit dem Wort Architekturfotografie. Diese versucht möglichst getreu Räume und Gebäude oder anderes wiederzugeben, abzufotografieren. Es kann auch Tatortfotografie sein, die sehr konkret und funktional ist.

Aber Stile in der Fotografie sind ja besondere Eigenarten beim Fotografieren gewesen, die in einer bestimmten Zeit und/oder Situation eingesetzt wurden, sei es, weil es technisch nichts anderes gab oder weil man es so wollte.

Und nach mehr als hundert Jahren Fotografie gibt es viele Stile und seit der Einführung der digitalen Fotografie mit dem Filtermix ist die Auswahl fast unendlich.

Foto Mahlke

 

Dokumentarisch und dokumentierend – wo ist da der Unterschied?

Wer dokumentiert ist dabei, er/sie hat also die Augenzeugenschaft und wählt dann durch den Ausschnitt in der Kamera und durch die Gestaltung die Dinge so aus wie sie erfasst werden sollen.

Das ist eine Reportage, wenn es um ein Ereignis und einen Ablauf geht und es sozial wird, also Menschen dabei sind (manchmal auch Tiere).

Fotoreportagen dokumentieren und sind daher dokumentarisch aber nicht immer Dokumentarfotografie.

 

Der dokumentarische Stil in der Auftragsfotografie

Wenn es nun um Auftragsfotografie geht, bei der im dokumentarischen Stil gearbeitet werden soll, dann geht es meistens um die Darstellung von Abläufen und Inhalten. Das können Workshops, Konferenzen, Arbeitsabläufe, Stimmungen, Darstellungen, Gruppen etc. sein.

Darstellen bedeutet ich fotografiere entweder Dinge und Abläufe im realen Zusammenhang oder stelle Situationen dar, die das wiedergeben, was sonst so abläuft.

Dokumentarischer Stil ist dabei nicht festgelegt. Der Auftraggeber entscheidet (meist hinterher) welcher Stil zu ihm paßt, eher kühl oder poppig, monochrom oder farbig, körnig oder glatt etc. Farben und fotografische Art der Fotos sollten vorher besprochen werden. Monochrome Fotos lassen mehr Deutung zu aber wirken auch dokumentierender.

Der dokumentarische Stil in der Auftragsfotografie ist also immer das Ergebnis eines Gespräches zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer. Dann wird es für beide Seiten ein Erfolg.

 

Aber damit ist das alles ja noch nicht zu Ende.

 

Vom dokumentarischen zum sozial-dokumentarischen Stil

Ich komme aus der Wirtschaft. Unternehmen sind soziale Veranstaltungen. Wenn es darum geht den „Geist“ eines Unternehmens, die Kreativität, die Bedingungen des Handelns etc. einzufangen, dann kann dies meiner Meinung nach nur durch Reportagefotografie im Ablauf erfolgen mit nachträglicher Bearbeitung.

Will ich funktionell nutzbare Fotos mit symbolischen Aussagen oder will ich das was geschieht im sozialen Ablauf da zeigen, wo es stattfindet?

Das ist dann der sozial-dokumentarische Stil, der zugleich wichtig ist für Erinnerungskultur.

 

Der dokumentarische Stil in der deutschen Fotografie

Theoretisch hat dies ganz gut Klaus Honnef nach einer Diskussion in Leipzig zusammengefaßt: “ Es sind in erster Linie drei formale Innovationen, die im 20. Jahrhundert zu einem dokumentarischen Stil in der Fotografie geführt haben: die Nutzung der seriellen Reihung durch August Sander (im Gefolge der enzyklopädischen Ansätze in der wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Fotografie des 19. Jahrhunderts), Walker Evans und Bernd und Hilla Becher, zweitens der Einsatz unkonventioneller Blickwinkel und innerbildnerischer Montageelemente durch die sowjetische „Revolutionsfotografie“ sowie das „Neue Sehen“ mit einem immanenten Hang zur Propaganda und zur Werbung und last but not least die Verwendung ungewöhnlicher Sichtweisen im Zuge einer neoveristischen Ästhetik durch Robert Frank, Chargesheimer und William Klein. Sämtliche Innovationen reflektieren nicht zuletzt auf die besondere Wesensstruktur des fotografischen Mediums, seine seriell-industrielle Produktionsweise, seine mechanische Aufnahmetechnik und seine konstruktivistische Eigenart.“

Ich hoffe, mit diesen Gedanken dem dokumentarischen Stil einen angemessenen Raum gegeben zu haben und praxisrelevante Fragen gut beantwortet zu haben.

Mehr Theorie finden Sie in diesem Artikel und mehr Praxis der Theorie auf dieser Webseite.