Tag Archive for Anton Holzer

Augen auf! 100 Jahre Leica

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Es wird wohl DAS Buch über Leica bleiben für die Zeit bis heute.

Großformatig und mit genügend Platz wurde ein Buch geschaffen, das die Leica als Kamera und die Welt der Leica-Fotografie zeigt. Besonders interessant fand ich die vielen Artikel, die wirklich versuchen, neue Horizonte zu öffnen.

Was fotografierte man in Portugal, wie wurde die Leica in Kriegszeiten genutzt, welche Rolle spielte die Technik?

„Eine Notiz im Werkstattbuch belegt: Spätestens im März 1914 hatte Oskar Barnack das erste funktionstüchtige Modell einer
Kleinkamera für 35-mm-Kinofilm fertiggestellt. Damit war nicht nur ein neuer Fotoapparat erfunden. Mit der kriegsbedingt erst 1925 eingeführten Leica (= Leitz / Camera) kündigte sich ein Paradigmenwechsel in der Fotografie an. Nicht nur fotografierenden Amateuren, Quereinsteigern und emanzipierten Frauen erleichterte die Leica den Zugang zum Lichtbild. Sie provozierte auch eine neue Art des Sehens, einen schnelleren, dynamischen Blick auf die Welt aus neuen Perspektiven. Rechtzeitig zum runden Geburtstag der legendären Kleinbildkamera und erstmals in dieser thematischen Breite bietet der mit etwa 800 Fotografien bebilderte Band eine umfassende Kunst- und Kulturgeschichte der Leica von den 1920er-Jahren bis in unsere Tage.
Essays internationaler Autoren beschäftigen sich unter anderem mit der technischen Genese der Leica, ihrem Einfluss auf den modernen Bildjournalismus und nicht zuletzt ihrer Bedeutung für verschiedenste Strömungen innerhalb der fotografischen Avantgarde. Bis dato unveröffentlichte Dokumente aus dem Archiv der Leica Camera AG runden die facettenreiche 100-jährige Kulturgeschichte ab.“

Das Buch ist wirklich so wie hier beschrieben und es regt dazu an, sich mit der Technik des Fotografierens a la Leica zu beschäftigen.

Wußten Sie, daß bei der Leica Aufnahmen vom Rand gedacht werden und nicht von der Mitte?

Wußten Sie, daß die Aufnahmen gedacht werden?

Sehen Sie, die Leica war eine besondere Kamera.

Fotografieren a la Leica eben.

Daher ist das Buch auch so besonders wie die Kameras waren.

Und wer das Besondere will in dieser Form, der ist bei diesem Buch auch bestens aufgehoben.

100 Jahre Leica ist im Kehrerverlag erschienen.

Herausgegeben von Hans-Michael Koetzle
Gestaltet von Detlef Pusch
Festeinband mit Banderole
27 x 32 cm
564 Seiten mit 12 Seiten eingelegtem Beiheft
ca. 1.200 Farbabbildungen
Deutsche Ausgabe ISBN 978-3-86828-523-9
Englische Ausgabe ISBN 978-3-86828-530-7

Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus von Anton Holzer

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„Dieses Buch handelt von alten fotografisch illustrierten Zeitungen… Dieses Buch rekonstruiert am Beispiel Österreichs die Gründungsjahre und -jahrzehnte des modernen Fotojournalismus. Es folgt den frühen Pionieren auf ihren Streifzügen, schildert den Arbeitsalltag der Fotografen und wirft einen Blick in die Redaktionen, wo die illustrierten Zeitungsseiten hergestellt werden.“

Mit diesen Worten aus dem Vorwort gelangen wir in ein opulentes Buch, das zum tagelangen Verweilen und Entdecken einlädt. Großformatig und großartig illustriert erfahren wir mit einer Fülle von substanziellen Artikeln zu allen Themen des Fotojournalismus, wie die Welt damals aussah und wie sie sich selbst sah im Spiegel der Fotografie.

Anton Holzer ist es gelungen, ein umfassendes Buch zu erstellen, das ein echtes Panorama der damaligen Zeit liefert.

Obwohl das Buch nur so von Fotos und Ausschnitten strotzt, ist es dennoch zugleich ein Buch voller Texte, die zeigen, wie man dieses Thema wissenschaftlich so bearbeiten kann, daß daraus dennoch ein lesbares Buch wird.

Gibt es eine fotografische Öffentlichkeit?

Diese Frage scheint die Leitfrage in diesem Buch zu sein und es ist eine gute Frage.

Seine Antwort ist eindeutig: „Schon sehr früh … etabliert sich … neben der … textlastigen Zeitungs- und Zeitschriftenöffentlichkeit, eine ebenso komplexe, weitaus populärere Bildöffentlichkeit. Diese frühe Form der Öffentlichkeit … scheint heute weitgehend vergessen zu sein. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Zeugnisse dieser Öffentlichkeit, die Bilder, … bisher erst wenige Historiker gefunden haben.“

Und so nimmt uns Anton Holzer mit in die fotografische Öffentlichkeit und entführt uns in die damalige Welt, die wir in Bildern betrachten können – so wie heute.

Nun ist dieses Buch über Österreich.

Ist das eine Einschränkung?

Eher nicht.

Sprachlich sind wissenschaftliche Bücher aus Österreich eher besser als aus Deutschland, weil sie mehr verständliches Deutsch und weniger unverständliche Fachsprache nutzen.

Das fällt mir auch bei diesem Buch auf.

Holzer schildert die verschiedenen Zugänge verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und bleibt dann bei einer klaren historischen Fachsprache, die die Texte lesbar und sachlich macht.

„Die wichtigsten Zentren der Bildpresse im deutschsprachigen Raum sind Berlin und Wien“, schreibt Holzer.

Und so ist dieses Buch dann aus der Sache heraus doch eine Kulturgeschichte des gesamten deutschsprachigen Raums.

Fast jede Doppelseite hat mehrere Bilder von Zeitungen oder Wochenblättern bzw. Magazinen, viele davon aus Deutschland, weil die Pressefotografie mobiler wird und über Grenzen hinweg arbeitet. Und der weg von München nach Wien ist nun auch nicht so weit. Hinzu kommt, daß in der NS-Zeit Österreich und Deutschland zusammengeführt wurden und damit auch die Pressefotografie sich veränderte.

Schon visuell kann man so in dem Buch einen Weg gehen, der unglaublich viele Eindrücke hinterläßt.

Ab Seite 206 lesen wir dann über die Wege zur modernen Fotoreportage.

Wir entdecken

  • wie sich grafische Gestaltung und Bilder ändern,
  • wie Themenseiten mit Fotos hinzukommen und wir sehen,
  • wie politische Fotografie überall zu finden ist.

Es ist ein Buch, das jedem wissenschaftlichen und thematischen Anspruch gerecht wird, aber auch die Forschungslücken aufzeigt und zu weiteren Fragen anregt.

Es ist wahrscheinlich das Standardwerk zu diesem Thema geworden und im Primusverlag erschienen.

Anton Holzer

Rasende Reporter
Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus

2014, Etwa 496 S. mit ca. 530 farb. u. s/w Abb., Register, geb. mit Schutzumschlag
Format 22,0 x 29,0 cm
ISBN 978-3-86312-073-3

Edith Tudor-Hart – Im Schatten der Diktaturen

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„Edith Tudor-Hart – moderne Fotografie“ – so verstand sie sich selbst. Die 1973 verstorbene Fotografin (geborene Suschitzky) gab den Namenlosen in Wien und in Wales ein Gesicht und ihre sozialdokumentarischen Fotos beeindrucken auch heute noch. Sie sind so frisch und ungestellt wie das wahre Leben.

Das Wien Museum Karlsplatz macht zu ihrem Werk gerade eine Ausstellung und bietet die Möglichkeit einen Teil der Bilder online anzuschauen.

Sehr schön ist auch die Darstellung auf diepresse.com.

Aber die Ausstellung ist mehr. Sie ist auch die Aufarbeitung eines Menschen in seiner Zeit, der Zeit des Übergangs von einer Demokratie in eine Diktatur. Es ist die Geschichte einer Frau, die mit der Kamera die Welt um sich herum festgehalten hat.

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Das im HatjeCantz Verlag erschienene Buch zu der Ausstellung ist mehr als ein Katalog. Es ist eine herausragende Arbeit mit sehr informativen Beiträgen zu den persönlichen und fotografischen Lebensereignissen von Edith Tudor-Hart.

Das Buch ist spannend und dies liegt ebenso an den Texten wie an den Bildern. Die zitierten Berichte Dritter über Sie, die teilweise interessengeleitet waren, die Schilderung ihrer Lebensumstände, die Fotos, die öffentliche Ereignisse wiederspiegeln – alles dies ergibt in diesem Buch ein dichtes Bild über einen Menschen, der die Fotografie als Methode und Bestandteil der eigenen politischen Existenz gewählt hat.

Der Titel ist durchaus doppeldeutig gewählt.

Einmal war es die Nazidiktatur, in deren Schatten sie war und ein anderes Mal war es der Schatten der vergangenen Nazidiktatur und der noch vorhandenen Sowjetdiktatur, der ihre Lebenssonne beeinträchtigte. Das Buch versucht ihrem Leben gerecht zu werden und die Frau und die Fotografin herauszuarbeiten. Das gelingt, zumindest ist dies mein Eindruck.

Roberta McGrath schreibt in ihrem Essay dazu: „Während Edith Tudor-Hart in politischer Hinsicht Moskau die Treue hielt, ist es das bleibende Zeugnis ihres Feminismus, dass sie auch weiterhin die Art und Weise dokumentierte, wie die Ungleichheit der Klassen sich in Großbritannien mit der Genderfrage überschnitt.“

So erleben wir eine Frau, die letztlich aus politischen Gründen sogar mit der Fotografie aufhörte. Sie hatte in den 50er Jahren ein Verhältnis mit dem Atomwissenschaftler Engelbert Broda und stand unter Spionageverdacht. „Kurz danach wiesen die britischen Sicherheitsbehörden sie an, ihre fotografische Tätigkeit einzustellen. Tudor-Hart zerstörte ihren Studiokatalog sowie zahlreiche Negative und Fotografien, die sie oder ihre Genossen hätten belasten können.“

So endet das fotografische Leben von Edith Suschitzky bzw. Tudor-Hart und damit endet auch das Buch über sie. Interessant ist der folgende Aufsatz über ihr „Nachleben“. Die Rezeption ihres Werkes begann bei Forschungen zur Artists International Association 1973 und führte dann 1983 zu einer ersten Ausstellung. Auch hier zeigt sich, daß in der Dokumentarfotografie überhaupt erst nach dem Tod der Fotografin oder des Fotografen oftmals ihr Werk in den Fotografenhimmel überführt wird, wenn eine neue Zeit ihren dokumentarischen Wert sieht und frei von den Interessen der damaligen Zeitgenossen ist. So ist historische Forschung der Weg zu dem, was rückblickend in einer Zeit und bei einem Thema wichtig war oder wichtig wurde – oder einfach nur da war.

Edith Tudor Hart
Im Schatten der Diktaturen

Hrsg. National Galleries of Scotland, Edinburgh, Wien Museum, Wien, Texte von Duncan Forbes, Anton Holzer, Roberta McGrath, Gestaltung von Marc Naroska

Deutsch

2013. 127 Seiten, 152 Abb. in Duplex

24,90 x 28,70 cm
gebunden

ISBN 978-3-7757-3566-7