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Handbuch des Fotojournalismus

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Ganz nah

Es gibt sie noch die guten alten Dinge. Lars Bauernschmitt und Michael Ebert haben es geschafft in digitalen Zeiten ein klassisches Handbuch zu schaffen, das von einer Webseite nicht geschlagen werden kann.

„Ganz nah dran“ ist es ihnen gelungen, eine Bestandsaufnahme des Fotojournalismus in ein Buch zu packen, welches wirklich alle wichtigen Fragen anpackt.

Wenn es nur ein Buch sein soll, dann sollte es dieses Buch sein.

Und wenn es ein Buch aus der Praxis für die Praxis sein soll, dann hat man es hier gefunden.

Ehrlich und nüchtern aber nie destruktiv werden hier alle journalistischen Themen dargestellt, die wichtig werden können in der Praxis des Fotojournalismus.

Dazu gehört auch die begründete Feststellung, daß es sich bei Fotojournalismus um Journalismus handelt, nur eben nicht um Textjournalismus sondern um Fotos mit erläuternden Texten.

Bis heute ist es ja vielfach so, daß es da Probleme gibt.

Daher resultiert dieser Hinweis wohl aus der erlebten Praxis.

Ein Handbuch muß sich auf alle wesentlichen Fragen konzentrieren.

Schon der Anfang gefällt.

Denn die Geschichte des Fotojournalismus ist wesentlich für die Horizontbildung, wenn es um die Frage geht, was eigentlich Fotojournalismus war und heute ist.

Hier erfährt der Leser, warum heute alles anders und doch so interessant ist.

Es ist ein großes und schweres Buch mit einem gefälligen Layout geworden.

Viele Interviews mit Praktikern rund ums Bild geben schnell und präzise Auskunft und lassen Menschen zu Wort kommen, die eigene Erfahrungen weitergeben.

Beispiele für Fotojournalismus und Reportagen zeigen die Unterschiede auf. Viele Fotos, die in unserem Gedächtnis schlummern, werden herausgeholt und bewußt angeschaut.

Aber auch das ABC des Fotografierens wird erläutert.

Der Umschlag des Buches wird von einer Fuji X100 und einer Canon DSLR geprägt. Auch die Technik wird diskutiert von damals bis heute und Leica wird in Relation zur gelebten Realität gesetzt, die mehr umfaßte und auch heute umfaßt.

Sätze aus der Wirklichkeit

„Neben Leica liefert auch Fuji mit der X100 eine Sucherkamera, die in letzter Zeit auf ein erstaunlich großes Interesse bei den Fotojournalisten gestoßen ist.“

Ein Satz aus der Praxis für die Praxis.

Es bleibt nicht bei diesem Satz.

„Eine freie Berichterstattung über das politische Geschehen in Deutschland gibt es fast nicht mehr.“

Das ist auch so ein Satz, der schnell wieder den Blick zurück in das Buch leitet.

Oder „Das Fotobuch darf nicht einfach nur ein Informationsträger für den Inhalt sein. Es muss ergänzend Qualitäten aufweisen, die möglichst alle Sinne ansprechen.“

So ist ein Handbuch entstanden, das bis zur Verschlagwortung und der Kalkulation eines Auftrags alle Aspekte anspricht, die der angehende Fotojournalist wissen muß, um gut gerüstet zu sein mit Kameras und im Kopf.

Es soll eine Bestandsaufnahme sein, die ein Querschnitt durch den Fotojournalismus heute ist.

Aber es kommt eben auch die Vergangenheit und der Blick auf die Gegenwart vor, die versucht, sich für die Zukunft zu rüsten.

Es geht in dem Buch auch um die eigene Einstellung und die Frage, welche Haltung ich entwickeln will, denn mehr Geld verdient man mit PR als mit Fotojournalismus.

Dennoch erlauben Interviews mit Lokalreportern dann auch, Wege zum Verdienst heute zu zeigen, wenn man versteht, daß es auf die Summe der Teile ankommt.

Fotojournalismus ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Viele konnten früher und bis heute nicht allein davon leben.

Magnum als Hobby

Und daher finde ich auch den Blick auf die großen Namen so erhellend.

„Cartier-Bresson stammte aus einer der reichsten Familien Frankreichs. Was nicht zuletzt bedeutete, daß er im Gegensatz zu seinen Kollegen nie mit seinen Fotos Geld verdienen mußte.“

Solche Sätze muß man im Hinterkopf haben, wenn man über Schnappschüsse, Streetfotografie und Verdienstmöglichkeiten sprechen will.

Am Ende des Buches findet sich ein Literaturverzeichnis aus der Praxis für die Praxis – was will man mehr?

Das Buch beginnt mit dem Hinweis, daß im Fotojournalismus gute Bilder immer noch im Kopf entstehen und heute nicht mehr die neuste digitale Technik entscheidend ist.

So bietet das Buch mehr als Technik.

Es bietet zeitlos gutes Wissen für den Kopf und jede Art von fotografischer Technik.

Das Buch ist im dpunkt Verlag erschienen und wird aufgrund seiner Qualität wohl das aktuelle Standardwerk zum Thema Fotojournalismus in deutscher Sprache werden.

Meine Gratulation an den Verlag und die Autoren.

Lars Bauernschmitt / Michael Ebert
Handbuch des Fotojournalismus
ein dpunkt.plus-Buch
Geschichte, Ausdrucksformen, Einsatzgebiete und Praxis

440 Seiten, komplett in Farbe, Festeinband

ISBN: 978-3-89864-834-9

Mit Amnesty Fotografieren lernen

„Wenn ihnen ein solcher Aktivist in die Hände fällt, fordert man ihn auf, seinen Facebook-Account zu öffnen, genauso den Skype- und den Email-Account. Man will alles wissen, was dieser Mensch im Internet geschrieben und zu wem er Kontakt hat..“ Eine spezielle Überwachungstechnik wurde übrigens von Siemens geliefert, wie das Fernsehmagazin FAKT im April dieses Jahres berichtete.“

Diese Sätze aus dem Artikel über Syrien von Larissa Bender „Teilen und überwachen“ zeigen exakt die Kehrtseite und Schattenseite der viel umjubelten neuen Technik.

Hier wird auch der Stellenwert von Meinungsfreiheit, sozialer Sicherheit und Grundrechten sehr deutlich. Diese drei Elemente sind entscheidend und bisher nur in Demokratien verwirklicht.

Doch dieser Artikel ist nicht nur sehr wichtig und informativ. Er ist auch Teil eines Magazins, des Amnesty Magazins 11/12 2012.

Und das hat es in sich!

Hier findet sich eine Sammlung aktueller Berichte rund um das Thema Fotografie und Menschenrechte. Dabei geht es weniger um das technische Wissen.

Soziale Zusammenhänge und Probleme engagierter Fotografie sowie Erfahrungen von Fotografinnen und Fotografen stehen im Mittelpunkt.

Das Amnesty Magazin ist ein aktuelles zeitgeschichtliches Dokument über Dokumentarfotografie. Und es hat einen hohen Gebrauchswert.

„In unzähligen Fällen haben Fotografien dazu beigetragen, dass Menschenrechtsverletzungen in Krisenregionen ein konkretes Gesicht erhielten.“ So ein Satz aus dem Artikel von Ute Wrocklage und Daniel Veit in dieser Ausgabe.

Und hier ist genau die andere Seite der Medaille zu sehen. Sonst schreibe ich gerne über das Recht am eigenen Bild. Aber in Staaten, die die Menschenrechte mit Füßen treten kann das Recht am eigenen Bild kein Menschenrecht für die Menschen sondern gegen die Menschen sein. Denn in solchen Regionen und Ländern sind Fotos von Menschen wichtig z.T. sogar als Schutz vor Attacken.

Deshalb ist es wichtig, dass engagierte dokumentarische Fotografie in Nicht-Demokratien die Menschen und ihr Verhalten zeigt (meist mit deren direkten Einverständnis).

Zu Ende gedacht könnte sich sonst ein Mörder darauf berufen, dass er ja ein Recht am eigenen Bild habe und daher nicht bei seiner Tat fotografiert werden dürfe.

Gesetze sind eben auch abhängig von Umständen. Das geht nach dem Motto, wo Recht zu Unrecht wird …

Die Fotografie hat hier eine sehr politische und engagierte Aufgabe.

Wayne Minter erläutert in einem Interview, wie und warum welche Fotos für Amnesty wichtig sind. Ein Satz daraus lautet:

„Amnesty setzt Bilder für Menschenrechte und gegen Menschenrechtsverletzungen ein.“

Dieses und vieles mehr ist in diesem gedruckten Magazin zu finden. Einige Auszüge daraus finden Sie hier (link nur begrenzt gültig).

Doch das ist noch lange nicht alles.

Dann kommt die andere Hälfte des Magazins mit aktuellen Berichten zu Menschenrechten und anderen Themen von Deutschland bis Simbabwe.

Dort finden wir aktuelle Fotos, die zeigen, wie Menschenrechtsverletzungen ein Gesicht bekommen. Es ist beeindruckender Fotojournalismus und hier besteht die Chance, daraus zu lernen. Denn diese Fotos sind ja erfolgreich sonst würden sie hier nicht abgedruckt und sie sind entstanden und haben einen Aufbau und einen Ausdruck.

Das Magazin ist in meinen Augen rundherum thematisch und fotografisch lesenswert und aufbewahrenswert. Denn in solch einer Fülle und Dichte findet man so etwas nur sehr selten.

Es lohnt sich wirklich und man kann es kaufen.

Übrigens kann man bei Amnesty auch mitmachen

 

 

At War von Anja Niedringhaus

Kriegsfotografie erzählt über den Umgang des Menschen mit sich selbst. Es ist immer wieder und alle paar Jahre an anderer Stelle dasselbe: Menschen morden und Menschen sterben. Wie viele Reporter bei der Berichterstattung sterben, finden wir bei Reporter ohne Grenzen.

So ist Kriegsfotografie nicht nur die Dokumentation von Tod und Sterben sondern auch das Leben mit diesem Risiko. Und wie schnell dies gehen kann, wird gerade aktuell wieder einmal deutlich.

Herausgegeben von c/o Berlin hat Anja Niedringhaus Bilder vom/im Krieg in diesem Buch versammelt. Es ist ein Buch, das den Krieg dokumentiert. Es ist Kriegsfotografie und es ist Dokumentarfotografie.

Ulrike Demmer schreibt dazu in ihren Anmerkungen in dem Buch: „Die Bilder in diesem Buch sprechen eine Sprache, die so einfach ist, dass jeder sie versteht.“

Und so finden wir Fotos vom Irak, über Afghanistan bis zu den Aufständen in Libyen im Jahr 2011.

Es gab dazu eine große Ausstellung und das Buch war dabei und ist auch danach noch vorhanden. Gottseidank, denn es ist ein gutes Buch unter dem Gesichtspunkt der dokumentarischen Aufgabe von Fotografie in diesem Bereich.

Und es ist auch so stabil und gut gestaltet, dass es hundert Jahre halten kann.

Anja Niedringhaus hat zu diesem Buch und ihrer Arbeit ein Interview bei dradio.de gegeben. Da wird deutlich, warum sie dies tut: „Mein Anliegen ist eigentlich, die Menschen in diesen Ländern zu zeigen. Es geht mir nicht um die Militärmaschinerie, oder wie groß die Waffen sind, wie schnell der Panzer ist, sondern was eigentlich danach passiert, nachdem geschossen wird. Und deswegen ist es meistens so, dass an der Frontlinie für mich der uninteressanteste Punkt ist. Der interessanteste Punkt ist, was ist eigentlich da, wo es einschlägt?“

Und das Buch zeigt denn auch, wo es im Krieg eingeschlagen hat. Sie ist eine fotografische Dokumentaristin ihrer Zeit (unserer Zeit). Sie zeigt die Menschen, so wie vor ihr und mit ihr andere das Leid der Menschen gezeigt haben.

James Nachtwey hat auf seiner Webseite geschrieben „The events I have recorded should  not be forgotten and must not be repeated.“ Er will, dass die Ereignisse, die er aufgezeichnet hat, nicht vergessen werden und sich nicht wiederholen.

In dieser Tradition sehe ich auch Anja Niedringhaus und ihr Buch. Denn sie berichtet wie andere auch über die Verlierer des Krieges, die namenlosen Menschen, denen sie ein Gesicht gibt, indem sie sie fotografiert und uns ihre Bilder zeigt.

Aber die Bilder zeigen auch den militärisch-industriellen Komplex und die Glaubenskriege des 21. Jhrdt. So sind die Bilder Zeugen unseres Denkens und unseres Handelns. Sie dokumentieren, wie Menschen sein können und was wir tun und lassen müssen, aber nicht lassen wollen.

Um zu verstehen worin sich Kriegsfotografie von Armeefotografie unterscheidet, braucht man bloß hier zu klicken.

Das Problem der Kriegsfotografie ist ja, dass sie augenscheinlich folgenlos bleibt. Sie dokumentiert und das Morden geht weiter.  So ist Kriegsfotografie ein Beispiel für die Ohnmacht der Presse. Kriegsfotografie schreibt das Morden auf durch das Fotografieren, Kriegsfotografie erschöpft sich im Dokumentieren – oder doch nicht?

Ist die Wirkung der Fotos nicht so gross? Oder ist sie größer als ich glaube? Denn immerhin dokumentieren sie, warum es sich lohnt für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten.

So lädt das Buch von Anja Niedringhaus zu einer Auseinandersetzung mit sich und der Welt in Krieg und Frieden ein. Und das steigert den Wert des Buches doch enorm.

Das Buch ist im Hatje Cantz Verlag erschienen:

Anja Niedringhaus At War

Hrsg. C/O Berlin, Texte von Jean-Christophe Ammann, Ulrike Demmer, Felix Hoffmann, Vorwort von Associated Press, Gestaltung von Naroska Design

Deutsch/Englisch

ISBN 978-3-7757-3232-1

Nachtrag 2014:

Nach der Ermordung von Anja Niedringhaus hat das Buch einen besonderen Stellenwert.

Mehr zu dem Thema gibt es hier.