Tag Archive for Amerika

Die Welt des weißen Mannes in den USA – Palm Springs 1960 von Robert Doisneau

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Es ist das Buch, das gefehlt hat.

Als Robert Doisneau in den USA war, machte er Farbfotos. Er war ein Meister der Beobachtung und gilt als einer der Vertreter der humanistischen Fotografie.

Rückblickend ist sein Buch über Palm Springs das gut beobachtete Sittengemälde der Vorzeigewelt des weißen Mannes und der weißen Frau im Amerika der 60er Jahre.

Das Buch ist sozialdokumentarisch grandios und ein wahrer Glücksfall, weil nur ein Fotograf wie Doisneau über die Beobachtungsgabe verfügte und die kulturelle Distanz, die nur den Fremden sehen lassen, was für den Eingeborenen alltäglich und selbstverständlich ist.

Gemischt mit der Geometrie der visuellen Grammatik ist ein kleines großes Buch erschienen, das ich als direkte Ergänzung des Buches von Robert Frank sehe.

Wo Robert Frank die Zerrissenheit zwischen Sein und Sicht zeigt, fotografiert Doisneau die gelebte amerikanische Traumwelt des weißen Mannes und der weißen Frau.

Doisneau zeigt den konstruierten amerikanischen Traum, der in der Wirklichkeit der USA bei Frank nur als Hoffnung in den Gesichtern der Menschen zu sehen ist.

Es sind materialisierte Träume, die wir bei Doisneau sehen, während Frank uns die unerfüllte Sehnsucht nach diesem Traum in den Blicken der Menschen zeigt.

Das Buch ist bei randomhouse noch zu haben.

 

Tracking Time von Camilo Jose Vergara oder die Zersetzung sozialer Strukturen im Stadtbild

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„Camilo José Vergara
Tracking Time: Documenting America’s Post-Industrial Cities
Die Publikation widmet sich dem amerikanischen Fotografen Camilo José Vergara. Seit über 40 Jahren dokumentiert er die Spannung in den von Armut gekennzeichneten Problemvierteln amerikanischer Metropolen. Seine Fotografien berichten von dem städtischen Wandel, den Symptomen sozialer Konflikte und machen das Auseinanderdriften der amerikanischen Gesellschaft erfahrbar. Als visueller Spurenleser, fotografischer Soziologe, Ethnograf und Stadtforscher hat er ein einzigartiges Archiv amerikanischer (Stadt-)Geschichte geschaffen, welches die Veränderung und Auflösung von Stadtteilgemeinschaften belegt.“

So schreibt es der Verlag.

Ich bin auf dieses Buch gestoßen weil ich etwas Vergleichbares zu meinem Projekt 1214.wupperart.de gesucht habe.

Während ich drei Jahre lang am Stück die Veränderungen im öffentlichen Raum festgehalten habe, hat Camilo Jose Vergara dies mit gewissen zeitlichen Abständen getan.

  • Interessant ist, daß wir beide im öffentlichen Raum fotografiert haben und die sozialen Zusammenhänge dabei zeigen wollten.
  • Bemerkenswert ist, daß wir beide als Vorbild Henri Cartier-Bresson angeben.
  • Unterschiedlich ist, daß er an vielen Orten war, während ich mich auf das Bergische Land konzentriert habe und der Schwerpunkt in Remscheid lag.

Vergara will wissen, was in den desolaten Ecken des urbanen Amerikas passiert.

Für ihn sind anonyme Sprayer, die mit wirklich guten Bildern häßliche Ecken bemalen, kreative Köpfe, die aktiv an ihrer Umwelt interessiert sind.

Ein interessanter Gedanke.

Ich wollte wissen, wie sich Veränderungen in einer Stadt darstellen, deren wachsende zentrale Themen Armut, Asyl und fehlende Arbeit sind.

Wenn man dies fotografisch festhalten will im öffentlichen Raum, dann gehören dazu fotografische Beharrlichkeit, Beschränkung, Geduld und Zeit, weil Veränderungen nur in den Kategorien Raum und Zeit sichtbar werden können.

Das hier gezeigte Buch von Vergara ist zu einer Ausstellung in Hannover erschienen.

Während dies bei ihm eine Retrospektive auf sein Werk zu sein scheint, ist es bei mir eine Retrospektive auf das, was ich vorher weder gesehen noch geahnt habe.

Und da finde ich den Gedanken von Anne Whiston Spirn sehr gut, auf den Vergara verweist: Denn Fotografie kann wie eine Landkarte (landscape) Prozesse und Interaktionen zeigen und die Struktur von Ideen.

Letztlich führt dies auch zu einem neuen Kunstverständnis, das rein digital strukturiert ist und Kunst als soziale und interaktive Veranstaltung versteht, der radikalen Kunst.

Einen Teil der Entwicklungen in Remscheid und im Bergischen Land habe ich bisher in drei Büchern festgehalten.

Sie zeigen, wie schnell der Wandel ist.

Aber das kann man immer nur rückblickend sehen, so daß Fotografie dabei eine dokumentierende soziale und historische Dimension hat.

Es ist ein Stück regionales Gedächtnis.

Woanders wird es als Spitzenleistung regional gefördert, hier wird es totgeschwiegen, weil es nicht in das Selbstbild paßt.

 

All-American Volume Twelve: A Book of Lessons von Bruce Weber


Immer wieder stößt man auf Bücher, die nach dem Öffnen nicht mehr loslassen. So erging es mir bei dem Buch von Bruce Weber.

Seit mittlerweile elf Jahren veröffentlichen der Fotograf und Filmemacher Bruce Weber und seine Partnerin Nan Bush die Buchreihe All-American, ein unabhängiges Portfolio mit Werken von Künstlern, Fotografen, Essayisten, Dichtern und Persönlichkeiten, deren Leben und Errungenschaften die Herausgeber feiern möchten. Einige der Mitwirkenden sind bereits Berühmtheiten, doch mindestens genauso oft begegnen uns in All-American relativ unbekannte, aber nicht weniger bemerkenswerte Menschen, von denen Weber und Bush überzeugt sind, dass ihre Geschichten und Leistungen den Leser auf einer persönlicheren Ebene ansprechen.

Kennen Sie George Ivanovitsch Gurdjieff? Nein? Wenn Sie das Buch von Bruce Weber aufschlagen und die ersten Fotos gesehen haben, dann wollen Sie mehr wissen über die Fotos und wer dahintersteckt. Und so kommt Bruce Weber zum Text, der die Geschichte von Franklins Farms in Mendham, New Jersey erzählt.

Kennen Sie Danny Trejo? Ich kannte ihn nicht, aber er ist ein amerikanischer Action-Schauspieler, der eine unglaubliche Lebensgeschichte hat. Auch diese wird bildreich und wortreich erzählt und zeigt uns durch den Menschen ein Stück Amerika wie wir es als Europäer nie sehen würden.

„All-American Volume Twelve: A Book of Lessons präsentiert eine vielseitige Palette amerikanischer Talente, die mit starker Persönlichkeit und Kreativität Eigenschaften wie Freiheit, Überzeugung und Inspiration beispielhaft verkörpern. In ihren persönlichen Lebensreisen stecken die „lessons“ oder Lehrstunden des Buches: Der Schauspieler und Aktivist Danny Trejo erzählt von seinem unwahrscheinlichen Weg zum Ruhm, Polly Mellen spricht über die wichtige Rolle der Neugier in ihrer glanzvollen Karriere als Moderedakteurin, und der Musiker und Musikproduzent Nile Rodgers gibt Aufschluss über seine magischen Künste als Hit-Fabrikant. Die aufstrebende Detroiter Kunstszene wird von zwei Seiten beleuchtet – zum einen anhand der Arbeiten von Studierenden und der handwerklichen Tradition an der Cranbrook Academy of Art, zum anderen in Gesprächen mit namhaften Kunstorganisationen im Zentrum der Stadt. Das Buch verneigt sich außerdem vor dem jüngst verstorbenen Grove-Press-Verleger Barney Rosset, dem Chicagoer Oral-History-Pionier Studs Terkel und der einstigen Salonlöwin Mabel Dodge Luhan, die später in der Künstlerkolonie Taos aktiv war.“

So ist dieses Buch wirklich etwas besonderes. Es erzählt Geschichten und es zeigt gute Fotoreportagen, interessanterweise mit Bildern aus den analogen Zeiten und den digitalen Zeiten der Fotografie.

Man merkt nicht den Unterschied für die Reportage aber es zeigt sich, dass verschiedene Bildstile auch völlig verschiedene Wirkungen hervorzaubern können.

Das Buch ist in englischer Sprache, aber die Fotos allein sind es schon wert. Neben zahlreichen Originalfotografien und Interviews von Bruce Weber enthält All-American Volume Twelve: A Book of Lessons Auftragswerke von Poppy de Villeneuve und Carlos Charlie Perez, bislang unveröffentlichte Fotografien von John Derek sowie Gedichte von Frank O’Hara und Danielle Faith Green, einer jungen Autorin aus Brooklyn.

In diesem Jahr übernimmt teNeues die Veröffentlichung von All-American und verschafft Bruce Webers Reihe damit ein wesentlich breiteres internationales Publikum als bisher. Das finde ich sehr gut, weil das Buch auch für Nicht-Amerikaner sehr reizvoll ist.

Was mir vor allem gefällt ist die doppelte Anspielung hinter der Überschrift „A Book of Lessons“ – Ein Buch mit Lektionen.

Man lernt nämlich nicht nur Lebenserfahrungen kennen, die den eigenen Horizont erweitern. Zugleich lernt man mit diesem Buch auch viel über gute erzählende Fotografie und illustrativen Journalismus.

Und nicht zuletzt macht es ausserordentlich viel Spass in dem Buch zu blättern, zu schauen und zu lesen.

Das Buch empfiehlt sich als Geschenk, wenn es etwas mehr sein soll und für Menschen, die fotografisch weiterdenken möchten.

All-American Volume Twelve:

A Book of Lessons

Bruce Weber

published by teNeues

134 color and 144 duotone photographs

Text in English

ISBN 978-3-8327-9667-9