Fotobuch

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Streetfotografie von David Gibson

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David Gibson fotografiert und ist Mitglied der Gruppe In-Public.

Und vor einiger Zeit hat er „The Street Photographers Manual“ herausgegeben, ein Buch von ihm mit den Sichtweisen von 20 Fotografen und Fotografinnen und ihrer jeweiligen Art Streetfotografie zu machen.

Nun ist dieses Buch mit dem Titel „Streetfotografie“ in deutscher Übersetzung und etwas angepaßt bei mitp erschienen.

Es ist eines der Bücher, die sicherlich von vorne bis hinten angeschaut und gelesen werden.

Texte und Fotos ergeben hier die Mischung, die zur kreativen Inspiration führen.

Bemerkenswerterweise tötet er zu Beginn die Sichtweise von Henri Cartier-Bresson, um dann mit vielen gelungenen Beispielen anderer Fotografen als gute Beispiele immer wieder darauf zurückzukommen.

So lebt dieses Buch einen Widerspruch, der sich aus der Kreativität ergibt.

Nur wer sich löst kann Eigenes schaffen und kehrt damit zugleich zum Guten zurück. Das gilt übrigens auch für Cartier-Bresson, der die visuelle Grammatik ja nicht erfunden hat sondern nur konsequent anwendet.

Was ist eigentlich Streetfotografie?

Gibson bezieht sich auf Dyer und zitiert ihn: „Streets brauchen Häuser, um eine Street zu sein.“

Und dann räumt er mit so mancher Blockade im Kopf auf und macht den Weg frei:

Digitale Manipulation ist kein Schimpfwoirt. Auch die herkömmliche Dunkelkammer ließ sich mißbrauchen.“

Und er betont:

„Eine der Konstanten dieses Buches ist, dass es Schubladen, Labels ablehnt. Inspiration kann schließlich aus vielen verschiedenen Bereichen kommen… Streetfashion und Streetfotografie mögen überraschende Bettgenossen sein, die Paarung betont jedoch nur die ständige gegenseitige Befruchtung in der Fotografie.“

Und er zieht eine klare Grenze:

„Es ist einer der häufigsten Irrtümer der Streetfotografie, dass Fotografen glauben, sie würden streetfotografie betreiben, wenn sie mir ihrem Motiv interagieren – dieses erkennt, dass es fotografiert wird und setzt sich womöglich in Szene. Das ist keine Streetfotografie sondern die Aufnahme eines gestellten Porträts.“

Pure ungestellte Streetfotografie - Foto: Michael Mahlke

Pure ungestellte Streetfotografie – Foto: Michael Mahlke

Diese kurzen und klaren Gedanken geben den Rahmen des Buches ab.

Man spürt schon beim Lesen: es wird interessant.

Und das wird es dann auch von der ersten bis zur letzten Seite.

Mir gefällt das Buch darüber hinaus auch, weil er manches so bewertet wie es mir nicht gefällt.

Aber so ist das eben mit einem guten Buch.

Es hat eine Meinung und man kann sich daran reiben und dann feststellen, ob die eigene Meinung (wenn man eine eigene Meinung hat) beibehalten wird oder andere Auffassungen besser sind.

Streetfotografie ist Alltagsfotografie und zeigt daher auch den Alltag mit dem jeweiligen Ausschnitt, der Dinge kombiniert durch Perspektive und Blickwinkel.

Das macht es interessant und lädt zum Verweilen ein.

Reichhaltig bebildert und mit sehr vielen Ratschlägen und Hinweisen ausgestattet ist dieses Buch zur Streetfotografie eine gute Quelle für viele Ideen. Vor allem lernt man nicht nur bekannte Namen kennen sondern auch viele In-Public Fotografen.

Das gefällt in der Vielfalt doch sehr.

Der Verlag schreibt über das Buch

  • Ein kompletter Überblick über die wohl spannendste und dynamischste Form der Fotografie
  • Ratschläge und Inspiration von weltweit etablierten Streetfotografen
  • Mit konkreten Projektvorschlägen zur Schärfung des fotografischen Blicks

Das stimmt und macht dieses Buch zu einer Empfehlung, wenn man aus Technik mit Herz, Verstand und Auge gute Fotos machen will.

Es ist im mitp Verlag erschienen.
Streetfotografie
von David Gibson

ISBN: 9783958451377

 

Handbuch des Fotojournalismus

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Ganz nah

Es gibt sie noch die guten alten Dinge. Lars Bauernschmitt und Michael Ebert haben es geschafft in digitalen Zeiten ein klassisches Handbuch zu schaffen, das von einer Webseite nicht geschlagen werden kann.

„Ganz nah dran“ ist es ihnen gelungen, eine Bestandsaufnahme des Fotojournalismus in ein Buch zu packen, welches wirklich alle wichtigen Fragen anpackt.

Wenn es nur ein Buch sein soll, dann sollte es dieses Buch sein.

Und wenn es ein Buch aus der Praxis für die Praxis sein soll, dann hat man es hier gefunden.

Ehrlich und nüchtern aber nie destruktiv werden hier alle journalistischen Themen dargestellt, die wichtig werden können in der Praxis des Fotojournalismus.

Dazu gehört auch die begründete Feststellung, daß es sich bei Fotojournalismus um Journalismus handelt, nur eben nicht um Textjournalismus sondern um Fotos mit erläuternden Texten.

Bis heute ist es ja vielfach so, daß es da Probleme gibt.

Daher resultiert dieser Hinweis wohl aus der erlebten Praxis.

Ein Handbuch muß sich auf alle wesentlichen Fragen konzentrieren.

Schon der Anfang gefällt.

Denn die Geschichte des Fotojournalismus ist wesentlich für die Horizontbildung, wenn es um die Frage geht, was eigentlich Fotojournalismus war und heute ist.

Hier erfährt der Leser, warum heute alles anders und doch so interessant ist.

Es ist ein großes und schweres Buch mit einem gefälligen Layout geworden.

Viele Interviews mit Praktikern rund ums Bild geben schnell und präzise Auskunft und lassen Menschen zu Wort kommen, die eigene Erfahrungen weitergeben.

Beispiele für Fotojournalismus und Reportagen zeigen die Unterschiede auf. Viele Fotos, die in unserem Gedächtnis schlummern, werden herausgeholt und bewußt angeschaut.

Aber auch das ABC des Fotografierens wird erläutert.

Der Umschlag des Buches wird von einer Fuji X100 und einer Canon DSLR geprägt. Auch die Technik wird diskutiert von damals bis heute und Leica wird in Relation zur gelebten Realität gesetzt, die mehr umfaßte und auch heute umfaßt.

Sätze aus der Wirklichkeit

„Neben Leica liefert auch Fuji mit der X100 eine Sucherkamera, die in letzter Zeit auf ein erstaunlich großes Interesse bei den Fotojournalisten gestoßen ist.“

Ein Satz aus der Praxis für die Praxis.

Es bleibt nicht bei diesem Satz.

„Eine freie Berichterstattung über das politische Geschehen in Deutschland gibt es fast nicht mehr.“

Das ist auch so ein Satz, der schnell wieder den Blick zurück in das Buch leitet.

Oder „Das Fotobuch darf nicht einfach nur ein Informationsträger für den Inhalt sein. Es muss ergänzend Qualitäten aufweisen, die möglichst alle Sinne ansprechen.“

So ist ein Handbuch entstanden, das bis zur Verschlagwortung und der Kalkulation eines Auftrags alle Aspekte anspricht, die der angehende Fotojournalist wissen muß, um gut gerüstet zu sein mit Kameras und im Kopf.

Es soll eine Bestandsaufnahme sein, die ein Querschnitt durch den Fotojournalismus heute ist.

Aber es kommt eben auch die Vergangenheit und der Blick auf die Gegenwart vor, die versucht, sich für die Zukunft zu rüsten.

Es geht in dem Buch auch um die eigene Einstellung und die Frage, welche Haltung ich entwickeln will, denn mehr Geld verdient man mit PR als mit Fotojournalismus.

Dennoch erlauben Interviews mit Lokalreportern dann auch, Wege zum Verdienst heute zu zeigen, wenn man versteht, daß es auf die Summe der Teile ankommt.

Fotojournalismus ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Viele konnten früher und bis heute nicht allein davon leben.

Magnum als Hobby

Und daher finde ich auch den Blick auf die großen Namen so erhellend.

„Cartier-Bresson stammte aus einer der reichsten Familien Frankreichs. Was nicht zuletzt bedeutete, daß er im Gegensatz zu seinen Kollegen nie mit seinen Fotos Geld verdienen mußte.“

Solche Sätze muß man im Hinterkopf haben, wenn man über Schnappschüsse, Streetfotografie und Verdienstmöglichkeiten sprechen will.

Am Ende des Buches findet sich ein Literaturverzeichnis aus der Praxis für die Praxis – was will man mehr?

Das Buch beginnt mit dem Hinweis, daß im Fotojournalismus gute Bilder immer noch im Kopf entstehen und heute nicht mehr die neuste digitale Technik entscheidend ist.

So bietet das Buch mehr als Technik.

Es bietet zeitlos gutes Wissen für den Kopf und jede Art von fotografischer Technik.

Das Buch ist im dpunkt Verlag erschienen und wird aufgrund seiner Qualität wohl das aktuelle Standardwerk zum Thema Fotojournalismus in deutscher Sprache werden.

Meine Gratulation an den Verlag und die Autoren.

Lars Bauernschmitt / Michael Ebert
Handbuch des Fotojournalismus
ein dpunkt.plus-Buch
Geschichte, Ausdrucksformen, Einsatzgebiete und Praxis

440 Seiten, komplett in Farbe, Festeinband

ISBN: 978-3-89864-834-9

Indien in der Fotografie – das fotografische Triptychon – Fotobücher für Kenner

Indien Cartier-Bresson

Indien Cartier-Bresson

Henri Cartier-Bresson, In Indien

Henri Cartier-Bresson war davon überzeugt, daß man die Fotos aus Indien mit dem europäischen Denken nur verstehen kann, wenn man das Wesen des Hinduismus versteht.
Daher bat er Yves Véquaud, etwas dazu zu schreiben:
„In Indien betet jeder, was er will, wo er will, wann er will und wie er will…. Der Hindu unterscheidet prinzipiell nicht zwischem Heiligem und Profanen… Der Mensch ist dem Göttlichen nie so nahe, wie wenn er außer sich ist: im Augenblick des Samenergusses, bei jedem Schluckauf sind wir dicht daran. Vergessen wir nicht, daß die Meditation, die als Ausgangspunkt vielleicht eines Objekts bedarf, an sich gegenstandlos sein muß.“

Auf sehr interessanten Seiten erklärt er uns das Wesen der Dinge aus hinduistischer Sicht: “ Shiva ist schön, er besitzt das dritte Auge, seine Lenden sind mit einem Tigerfell gegürtet; eines seiner Attribute ist der Dreizack; aus seinen Haaren fließt der Ganges… Shivas Symbol ist der Phallus – der Lingam -, oft in Yoni, das weibliche Organ und Zeichen der kosmischen Energie, eingeführt. Ohne Vereinigung der Gegensätze kann es keine Schöpfung geben. Shiva ist in jeder Schöpferkraft.“

Und dann zeigt uns Cartier-Bresson seine Fotos aus und über Indien.

Sie sind alle schwarzweiß und von großer Kraft. Sie lassen uns auch im Kopf durch das gelesene Wissen etwas erleben, was wir sonst auf den Fotos nicht sehen würden.

Bemerkenswerterweise zeigt das Foto auf dem Cover aus Indien muslimische Fragen beim Morgengebet, die sich trotz Schleier nicht vor männlichen Blicken verbergen sondern völlig frei agieren. Genau das spiegelt die Freiheit des Hinduismus wieder.

 Indien, McCurry

Indien, McCurry

Indien, Steve McCurry

„Bis heute ziehen Indiens Sufi-Schreine fast genauso viele muslimische Pilger an wie Hindus, Sikhs und Christen… Indien, durch McCurrys Augen gesehen, ist vor allem eine Welt der Gegensätze, in der das rote Gewand des buddhistischen Mönches das Rot der Coca-Cola-Werbung hinter ihm zu spiegeln scheint, in der sich ein Geschäftsmann in Anzughose und Hemd mit Regenschirm und Aktentasche durch die ihm bis zum Bauch reichenden Monsunfluten kämpft … Steve McCurrys Arbeiten bestechen durch ihre Originalität. Keinem anderen wäre es gelungen, die Seele Indiens so meisterhaft einzufangen.“

Diese Worte von einem Herrn William Dalrymple vergessen Cartier-Bresson. Das sei ihm verziehen, da ich dies hier ergänze.

Nun denn. Das Buch zeigt in Farbe heute Fotos aus den letzten 30 Jahren, die alles das widerspiegeln, was wir über den Hinduismus bei Cartier-Bresson lesen konnten.

Es ist insofern und überhaupt eine wirklich gelungene Fortführung des Buches von Cartier-Bresson in Farbe und zu einer späteren Zeit.

Großformatig und geometrisch gestaltet sind die Fotos gut zu sehen und gut anzusehen.

Indien - Raghubir Singh

Indien – Raghubir Singh

Fluss der Farben. Das Indien des Raghubir Singh

Wenn es um Fotobücher von indischen Fotografen geht, dann sind die Bücher von Raghubir Singh Teil der Fotogeschichte geworden. Herr David Travis schreibt sogar: „In der Welt der Fotografie steht der Name Raghubir Singh als Synonym für das Land Indien.“

Und tatsächlich zeigt Singh mehr Alltag und alltägliches Leben im Detail und in der Masse als es bei Cartier-Bresson oder McCurry zu sehen ist.

Parallel bestehende Realitäten werden so erkennbar in seinen Fotografien.

Und wer sich fragt, wieso Indien immer so bunt ist, der wird irgendwann die Antwort finden, wenn er die Fotos als Spiegel der Wirklichkeit versteht. Indien ist bunt und daher ist im Spiegel der Fotografie auch als eine bunte Welt zu sehen.

„Um mein Gespür für Farbe zun entwickeln, habe ich kleine Anleihen bei den britischen Fotografen des 19. Jahrhunderts und große bei Cartier-Bresson und anderen Meistern der Kleinbildkamera gemacht. Dabei distanzierte ich mich intuitiv von der Angst, Entfremdung und Schuld der jüngeren nihilistischen Fotografie des Westens. Cartier-Bressons Aufnahmen anlässlich der indischen Unabhängigkeit bieten dem indischen Fotografen eine ganze Reihe von visuellen Verbindungen zu westlichen Welt. Sein Umgang mit der Kamera unterschied sich deutlich von der Fotografie der 40er und 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Er war der erste Kunstfotograf, der den Inder als Individuum ansah, was seinen Aufnahmen einen, wie Satayajit Ray es ausdrückte „greifbaren Humanismus“ verlieht…. Schönheit, Natur, Humanismus und Spiritualität sind die vier Eckpfeiler der indischen Kultur.. Der indische Fotograf blickt vom Gangesufer auf die Moderne und nicht etwas von der Seine oder dem Ufer des East River. Diese Erkenntnis hat mich darin bestätigt, dass der indische Fotograf seine ganz persönliche Anpassung an moderne Massstäber finden muß.“

Und so nimmt uns Raghubir Singh mit in seine fotografische Welt, gekonnt und individuell.

Fazit

Wenn ich diese drei Bücher nun zusammen betrachte, dann sind sie für mich das indische Triptychon der Fotografie über das sichtbare Indien. Diese drei Fotobücher sind zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Blicken und verschiedenen Aufnahmetechniken entstanden.

Gemeinsam ist allen drei Büchern der bewußt gewählte geometrische Aufbau der Fotos, die visuelle Grammatik, und die dokumentierende Funktion.

Es geht darum visuell gestaltet die Wirklichkeit zu sehen und zu verstehen.

Und zusammen sind sie zeitlich und inhaltlich mehr als die Summe ihrer Teile.

Das macht diese drei Bücher in der Kombination zu etwas fotografisch Besonderem, das ein tieferes Verständnis für Indien und die fotografische Herangehensweise von drei Fotografen zeigt.

Wer mehr will als Fotos, der kann sich hier eine besondere Schulung des fotografischen Sehens und ein besonderes fotografisches Vergnügen gönnen.

Es ist ein großes Glück, daß alle drei Bücher noch direkt oder indirekt erhältlich sind.

Indien, Steve McCurry

„Die Fotos zeigen Indien, wie es wirklich ist, mit all seinen Gegensätzen.“ So erfahren wir es im Vorwort dieses großformatigen und großartigen Buches.

Indien, Steve McCurry

Indien, Steve McCurry

Nun ist Steve McCurry mittlerweile einer der bekanntesten Fotografen und seine Vorliebe für Asien und Indien hat uns viele bemerkenswerte Fotos beschert.

Kann man das noch toppen?

Ja.

Dieses Buch ist im Wortsinne sehr sehenswert.

Es ist eine Sammlung von Fotografien, die in mehr als 30 Jahren von Steve McCurry in Indien gemacht wurden. Dabei ist dann auch der Übergang vom analogen Fotografieren in das digitale Fotografieren zu sehen.

Besonders bemerkenswert ist dabei, daß der Übergang manchmal gar nicht auffällt.

Alle Fotos © Steve McCurry”  “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines Eisenbahnwaggons.

Alle Fotos © Steve McCurry”
 “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines
Eisenbahnwaggons.

Auffallend ist eher die Art des Fotografierens, die unterschiedlichen Motive, die sich durch die Präsenz an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten ergab und die Breite der Darstellung, die sich nur durch eine Sammlung über eine so lange Zeit ergeben kann.

Wir erfahren, daß die kulturelle Differenz vom Google- und Microsoft-Komplex  zum Ochsenkarren in Indien höchstens zwanzig Minuten beträgt.

Und wir sehen Fotos, die zeigen, daß sich in dieser langen Zeit trotz zivilisatorischer Änderungen und dem Einzug des digitalen Lebens im Alltag und der Darstellung nach außen offenkundig wenig geändert hat.

Aber das Buch ist noch mehr.

Es ist auch ein visuelles Farbenmeer, das die visuelle Tradition Indiens wiedergibt.

Mit den Augen des Europäers betrachtet sieht man hier, wie selbstverständlich absolute Armut ohne Bett und soziale Sicherheit neben eklatantem Reichtum akzeptiert wird ohne sich zu wehren.

Die fotografische Welt von Steve McCurry in diesem Buch gefällt mir aber noch aus einem anderen Grund.

Es ist ein Buch, das die Fotos so darstellt wie gute Fotos auch dargestellt werden sollen: großformatig und mit klarem geometrischem Aufbau.

Das Buch ist so groß wie das berühmte Buch von Henri Cartier-Bresson und enthält so viele gute Motive, die das Leben und die Menschen in ihrer dargestellten Würde zeigen, daß es eine stundenlange Wonne sein kann, darin visuell zu schwelgen.

Alle Fotos © Steve McCurry”  “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Rajasthan, 2012. Mahuts schlafen bei ihren Elefanten.

Alle Fotos © Steve McCurry”
 “aus Indien (Prestel Verlag, 2015)” Rajasthan, 2012. Mahuts schlafen bei ihren Elefanten.

Die Sitten und Gebräuche und die Realität des Lebens im öffentlichen Raum (soweit es dies dort gibt) wird uns vor Augen geführt.

Und gerade der zeitliche Längsschritt zeigt das Überzeitliche, wenn ich mich mal so philosophisch ausdrücken darf.

Der Prestel-Verlag hat damit ein großartiges Buch auf den Markt gebracht, das sich als Geschenk eignet und eher von Dauer sein wird, weil es auch fotografisch gut ist.

Die Welt der Armen und der Reichen, Mühsal und Luxus, gestern und heute und die bemerkenswerte Farbenpracht machen aus diesem Buch ein im besten alten Sinne „Sittengemälde“ einer Gesellschaft und eines Kontinents.

Und wenn ich es in die Tradition zu dem berühmten Buch über Indien von Henri Cartier-Bresson setze, dann hat es eine würdige Fortsetzung gefunden.

Wie schreibt der Verlag?

„Indien ist ein Land, das sich und andere verändert. Eine seiner ersten Reisen führe den Fotografen Steve McCurry in den 1970er Jahren nach Indien. Dunkles Henna, gehämmertes Gold, Curry und Safran, all die vibrierenden Farben des Landes haben ihn gelehrt, mit Licht zu sehen und zu schreiben. In Indien, das so ganz anders als seine Heimat ist, hat McCurry zum ersten Mal intensiv gearbeitet. Denn anders als in seiner Heimat Amerika spielt sich das Leben hier auf der Straße ab. Anders als in Cleveland gibt es hier diese unglaubliche Vielfalt an Klassen, Kasten, Reichen und Armen. Diese Erfahrung hat McCurrys Blick für Farben, Menschen und Gesichter geprägt und ihn zu einem der renommiertesten Fotografen unserer Zeit gemacht.
Der neue Bildband Indien, der jetzt im Prestel Verlag erscheint, ist das Produkt einer jahrzehntelangen Liebe zu Indien und zugleich der Anspruch, die einzigartige Vielfalt dieses Landes zu dokumentieren. Von den 96 großformatigen, brillant gedruckten Bildern sind mehr als die Hälfte bislang unveröffentlicht und stammen aus McCurrys privatem Archiv – er selber hat sie für dieses Buch zusammengestellt. Sie zeigen Indien in seiner ganzen Schönheit und Widersprüchlichkeit, Indien mit seiner Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen technischem Fortschritt und tiefer Religiosität. Von den Staubstürmen Rajasthans bis zu den in Monsunfluten versinkenden Dörfern Bengalens, von Kaschmir bis Kerala: McCurry entführt uns in eine Welt des klaren Lichts, leuchtender Farben und tiefschwarzer Schatten – deren Stimmung mal melancholisch, mal ausgelassen fröhlich ist. So beschert er uns tiefe Einblicke in die unterschiedlichen Facetten des indischen Lebens, von den riesigen Menschenansammlungen während Kumbh Mela bis hin zum einsamen Holzarbeiter in den Wäldern des Himalaya. Die Wirkung der ganzseitigen Abbildungen wird durch keine Texte gestört, kurze erläuternde Texte zum Motiv finden sich am Ende des Buches.
Das Vorwort schrieb der britische Reiseschriftsteller William Dalrymple, Korrespondent des New Statesman und Begründer des Jaipur Literatur-Festivals.

Es ist im Prestel-Verlag erschienen und sehr empfehlenswert.
Steve McCurry
Indien
Mit einem Text von William Dalrymple
208 Seiten mit 96 Farbabbildungen
Gebunden mit Schutzumschlag
27,5 x 38 cm
ISBN: 978-3-7913-8195-4

Augen auf! 100 Jahre Leica

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Es wird wohl DAS Buch über Leica bleiben für die Zeit bis heute.

Großformatig und mit genügend Platz wurde ein Buch geschaffen, das die Leica als Kamera und die Welt der Leica-Fotografie zeigt. Besonders interessant fand ich die vielen Artikel, die wirklich versuchen, neue Horizonte zu öffnen.

Was fotografierte man in Portugal, wie wurde die Leica in Kriegszeiten genutzt, welche Rolle spielte die Technik?

„Eine Notiz im Werkstattbuch belegt: Spätestens im März 1914 hatte Oskar Barnack das erste funktionstüchtige Modell einer
Kleinkamera für 35-mm-Kinofilm fertiggestellt. Damit war nicht nur ein neuer Fotoapparat erfunden. Mit der kriegsbedingt erst 1925 eingeführten Leica (= Leitz / Camera) kündigte sich ein Paradigmenwechsel in der Fotografie an. Nicht nur fotografierenden Amateuren, Quereinsteigern und emanzipierten Frauen erleichterte die Leica den Zugang zum Lichtbild. Sie provozierte auch eine neue Art des Sehens, einen schnelleren, dynamischen Blick auf die Welt aus neuen Perspektiven. Rechtzeitig zum runden Geburtstag der legendären Kleinbildkamera und erstmals in dieser thematischen Breite bietet der mit etwa 800 Fotografien bebilderte Band eine umfassende Kunst- und Kulturgeschichte der Leica von den 1920er-Jahren bis in unsere Tage.
Essays internationaler Autoren beschäftigen sich unter anderem mit der technischen Genese der Leica, ihrem Einfluss auf den modernen Bildjournalismus und nicht zuletzt ihrer Bedeutung für verschiedenste Strömungen innerhalb der fotografischen Avantgarde. Bis dato unveröffentlichte Dokumente aus dem Archiv der Leica Camera AG runden die facettenreiche 100-jährige Kulturgeschichte ab.“

Das Buch ist wirklich so wie hier beschrieben und es regt dazu an, sich mit der Technik des Fotografierens a la Leica zu beschäftigen.

Wußten Sie, daß bei der Leica Aufnahmen vom Rand gedacht werden und nicht von der Mitte?

Wußten Sie, daß die Aufnahmen gedacht werden?

Sehen Sie, die Leica war eine besondere Kamera.

Fotografieren a la Leica eben.

Daher ist das Buch auch so besonders wie die Kameras waren.

Und wer das Besondere will in dieser Form, der ist bei diesem Buch auch bestens aufgehoben.

100 Jahre Leica ist im Kehrerverlag erschienen.

Herausgegeben von Hans-Michael Koetzle
Gestaltet von Detlef Pusch
Festeinband mit Banderole
27 x 32 cm
564 Seiten mit 12 Seiten eingelegtem Beiheft
ca. 1.200 Farbabbildungen
Deutsche Ausgabe ISBN 978-3-86828-523-9
Englische Ausgabe ISBN 978-3-86828-530-7

Frühe Expeditionen. Die Kamera entdeckt die Welt 1860-1930

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Dieses Buch ist vielleicht eines der besten Bücher zur Dokumentarfotografie unserer Welt. Jean-Francois Mongibeaux hat hier ein Buch zusammengestellt, das mich sehr beeindruckt hat.

Mitte des 19. Jahrhunderts waren große Teile der Welt noch unerforscht. Die Menschen wußten wenig darüber und meistens nur aus Erzählungen. Mit dem Einzug der Kameras wurden immer mehr Teile der Welt sichtbar.

Es wuchs nicht nur eine neue visuelle Kommunikation sondern zugleich wurde die Welt visuell dokumentiert.

Diese Dokumentarfotografie finden wir sehr eindrucksvoll in diesem Buch wieder. Große Fotos von Menschen, Kulturen, Landschaften, Sitten und Gebräuchen und der Natur.

Bäume, die es heute nicht mehr gibt, öffentliche Räume aus einer Zeit als es diese Öffentlichkeit nicht gab und Menschen in Kleidern und mit Gesichtern, die uns viel erzählen und über die wir nichts mehr wissen.

Es ist ein schweres und großes Buch, das keinen Vergleich zu scheuen braucht.

Aber es ist auch noch mehr. Es ist eine Dokumentation einer untergegangenen Welt.

Daher ist es ein visuelles Geschichtsbuch erster Klasse und es ermöglicht uns den Spiegel der Vergangenheit zu nutzen, um die Gegenwart neu wahrzunehmen.

Warum die Welt so geworden ist wie sie ist können wir hier sehen.

Was fotografisch möglich war und bis heute lebendig geblieben ist, gehört auch zu diesem Buch.

Wie fast immer sind solche Bücher etwas besonderes, wenn man es zu schätzen weiß.

Für diese Menschen möchte ich darauf hinweisen, daß es die letzten Exemplare besonders günstig gibt.

Frühe Expeditionen
Die Kamera entdeckt die Welt

ISBN 978-2-8099-0259-4

Douglas I. Busch – Retrospektive

douglasibusch

Das Buch interessierte mich, weil Douglas I. Busch den öffentlichen Raum in Schwarzweiß fotografiert hat.

Und da überzeugt er mich auch.

Überall dort wo es um Größe und Elemente im Umfeld geht, die gezeigt werden sollen, wirken die Schwarzweiß-Fotos besser als in Farbe.

Aber das Buch aus der Edition Braus mit Texten von Thomas Schormböck und Tim B. Wride bietet noch mehr.

Mittendrin sind bunte Fotos mit nackten Frauen und Männern, die bis zum Penis tätowiert und mit Metall behängt und gepierct sind.

Das ist schon ein Kontrast.

Diese Fotos lassen sich alle nicht ergooglen, so daß dieses Buch Dinge enthält, die online nicht zu finden sind.

Ein Alleinstellungsmerkmal.

„Während der letzten 25 Jahre Douglas Isaac Busch amerikanische Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, vielseitige Landschaften sowie diverse Städte als Motive gewählt. Kunst isehr persönlich und repräsentiert die Offenheit der USA und deren Bewohner.“

Diese Worte aus dem Vorwort zu diesem Buch, das aus Anlaß einer Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum erstellt wurde, gefällt mir, weil es eben dokumentarisch ist.

Es dokumentiert Menschen so wie sie gesehen werden wollen und es zeigt den öffentlichen Raum so wie er sich darstellt.

Das verbindende Element aller Motive ist der Fotograf.

Das alles ist mehr als einen Blick wert.

Und da die letzten Exemplare fast verschenkt werden, wollte ich es hier einmal erwähnen.

Das Buch wurde 2005 veröffentlicht. Im Jahr 2015 ist es mindestens so interessant wie damals.

Und der geringe Preis entspricht nicht dem höheren Wert.

 

In den Schuhen von Eugene Atget

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Eugene Atget ist der Fotograf, der Paris fotografierte zwischen 1888 und 1927. Wer Paris fotografisch entdecken will, kann dies in den fotografischen Schuhen von Atget tun.

Die Idee dazu hatte Christopher Rauschenberg. Er reiste mehrfach nach Paris und fotografierte einige derselben Motive, die Atget fand – aber 80 Jahre später.

Daraus machte er ein Buch und im Internet eine Ausstellung.

Paris ist eine der wenigen Großstädte, die Tradition und Moderne so verbunden haben. In China werden die alten Strukturen einfach abgerissen. Dort wäre so etwas nicht möglich.

Es spricht für das Denken der Franzosen, daß sie ihre Modernität als Fortsetzung von Traditionen verstehen, die dem Alten ihren Raum lassen und das Neue damit verbinden.

So werden Projekte wie das von Christoph Rauschenberg möglich.

Zugleich ist dieses Buch irgendwie der beste Reiseführer für Fotografen in Paris, wenn man Paris auf diese Weise entdecken will.

Gäbe es so etwas noch für das Paris von Henri Cartier-Bresson, quasi auf den Spuren von Henri in Paris, dann gäbe es noch einen zweiten Reiseführer, der so besonders wäre und gestern und heute so vergleicht.

Sehr schön sind in dem Buch auch die Karten, die es ermöglichen, relativ einfach die Orte zu finden.

Damit aber nicht genug.

Das Buch ist zugleich eine Einladung zur Schwarzweiß-Fotografie. Man merkt hier die Unvergänglichkeit.

So macht das Entdecken von Paris sicherlich Spaß!

 

Vom Ende der Ewigkeit. Eine Reise durch bedrohte Polarwelten von Camille Seaman und Elizabeth Sawin

Vom Ende der Ewigkeit von Camille Seaman

Vom Ende der Ewigkeit von Camille Seaman

So schön können Fotos von Gletschern und dem Meer sein. Und so schön kann ein Buch sein.

Dieses wunderbare Buch ist ein gelungener Beitrag zur Dokumentation der Zerstörung unserer Welt mit schönen Fotos.

Die digitale Fotografie ermöglicht uns, die Folgen unseres Handelns mit immer schöneren Fotos und immer besseren ausdrucksstarken Filtern zu zeigen.

Hier wird das stille Sterben eines Teils unserer Welt dargestellt.

Es ist ein Buch, das bei längerer Betrachtung Stille einkehren läßt. Vielleicht wirken die Fotos, vielleicht wirken die Gedanken. Es wird still, wenn man drüber nachdenkt.

Camille Seaman hat drüber nachgedacht.

Sie war bis 2009 Schiffsfotografin auf einem Expeditionsschiff der Hurtigruten.

„Bei meinem letzten Besuch gab es so wenig Eis, das es mir das Herz brach.“

So reiht sich ihr wunderbares Buch ein in die vielen Bemühungen, das Gesicht der Welt von heute noch fotografisch festzuhalten solange es diese Welt so noch gibt.

Der Untergang der Welt ist ja nicht das Ende der Erde.

Es ist vielleicht ein großer Einschnitt in die menschliche Rasse.

Aber die Erde stirbt nicht an uns, wir sterben eher an uns selbst auf der Erde.

Wir sind die Untertanen der Erde und glauben, wir machen uns die Erde untertan.

Frau Seaman zeigt uns das, was nur wenige sehen.

Die Gier der Hedgefonds und der Mächtigen sieht dies alles natürlich nicht sondern stattdessen die Chance, neue Märkte zu erschließen, wenn die Eisberge erst einmal weg sind.

Und der Glaube wird in diesem Fall die Eisberge versetzen und aus unseren Lebensgrundlagen ein totes Meer machen und lebensfeindliche Kettenreaktionen in Gang setzen.

Es gibt in dem Buch aber nicht nur Fotos mit Meer und Eisbergen sondern auch Fotos mit dem, was die Menschen dort machen und gemacht haben.

Ein Foto zeigt eine britische Pistenraupe aus den 50er, die vor sich hinrostet. So weit das Auge reicht ist alles drumherum mit Schrott übersät. Weil es „zu teuer“ ist dies alles wieder einzusammeln bleibt es eben liegen.

Oder Fotos von Barentsburg, einer russischen Siedlung. Dort sehen wir die Macht der Fotos. Weil es dort außer Schnee und Steinen nichts gibt hat man riesige Fotoplakate aufgestellt mit Waldblicken.

Sie finden ein paar Bildstrecken aus dem Buch und mehr Infos direkt bei Randhomhouse.

Elizabeth Sawin schreibt im Vorwort: „Teile dieses Buch mit anderen.“

Stimmt!

 

Jacob Holdt – The American Underclass?

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„Ohne Geld reiste Jacob Holdt fünf Jahre durch die USA. Unterwegs schoss der Däne 15000 Fotos. Seine Bilder schockierten 1977 die Welt, denn so abgründig hatte das Land noch niemand gezeigt.“

So schrieb es Susanne Kippenberger 2008.

Wissen Sie noch was davon – wußten Sie es überhaupt?

In der deutschsprachigen Literatur zur Dokumentarfotografie habe ich ihn nicht gefunden. Auch in den Doktorarbeiten/Promotionen war er nicht auffindbar.

 

Robert Frank

Da kommt eher und eigentlich als Prototyp für das Bild von Amerika Robert Frank vor, der auch sehr engagiert war. Sein Buch verkaufte sich zunächst knapp 1100 mal und er erhielt dafür weder soziale noch materielle Anerkennung. Erst 1978 wurde er „wiederentdeckt“ und seitdem sind seine Bilder DIE Bilder Nordamerikas in den 50er Jahren. So wurde er prominent.

Ob das was mit dem Thema Museumsqualität zu tun hat, würde der kleine Teufel in mir fragen? Denn seine Fotos als Teil sozialer Dokumentation waren auch vor 1978 gut.

Doch schauen wir mal gedanklich weiter.

 

Jacob Holdt

Jacob Holdt fotografierte in den 70er Jahren. Dann veröffentlichte er seine Fotos, die eine Art Bestandsaufnahme seines Erlebens in Amerika waren und das Buch wurde millionenfach verkauft.

Das war 1977.

Ob das heute noch so möglich wäre?

American Pictures, links DDR, Mitte BRD, Rechts Neues Deutschland 2007 - Jacob Holdt

American Pictures, links DDR-Buch, Mitte BRD-Buch, Rechts Neues Deutschland Buch 2007 – Jacob Holdt

 

Mediale Präsenz der Fotografie sozialer Fragen

Fakt ist, daß Jacob Holdt bisher in den Medien dauerhaft kaum vorkommt, wenn es um Dokumentarfotografie geht und in der Geschichte der Fotografie über soziale Fotografie ebenfalls nicht.

Wenn es um den Charakter der USA geht, dann ist meistens von Robert Frank die Rede obwohl die Fotos von Holdt andere Seiten und andere Zeiten desselben Amerikas zeigen.

Ich sehe drei fotografische Blöcke

  • die Fotografie der 30er Jahre mit Dorothea Lange etc.,
  • die Fotografie der 50er Jahre mit Robert Frank und
  • die Fotografie der 70er Jahre mit Jacob Holdt,

wenn es um soziale Fragen und die öffentliche Sichtbarkeit geht. Für die 1990er Jahre in den USA habe ich noch keinen Namen.

Philip Gefter, ein amerikanischer Feuilletonist, sieht dies völlig anders. Er spricht von

  • Robert Frank, The Americans
  • Garry Winogrand, Narrative of America
  • Stephen Shore, Uncommon Places
  • Joel Sternberg, American Prospects

wobei dies für ihn das Genre „societal view“, also ein gesellschaftlicher Blick, ist. Holdt fehlt hier.

 

Wahrnehmung und Interesse

Wie unterschiedlich Jacob Holdt wahrgenommen und eingeordnet wird und auch seine Fotografie sozial gesehen wird, zeigen sehr gut die Artikel in der englischen und deutschen Wikipedia. Da lohnt sich das Lesen der insgesamt total verschiedenen Artikel.

Für mich sind seine Fotos auch deshalb so stark, weil sie sein eigenes Erleben zeigen. Es ist seine Geschichte, die den Faden bildet und es sind immer authentische Fotos mit Menschen wie du und ich, wenn sie keine Chance habe oder in einer Umwelt leben, die so ist wie dort. Und bis heute ist dies alles aktuell wie wir aus den Medien immer wieder mal erfahren.

So möchte ich den in deutschen Landen fast Vergessenen zumindest noch einmal in das mediale Licht stellen, damit man die Möglichkeit hat, sich damit zu beschäftigen.

Denn wenn man bei google Dokumentarfotografie eingibt, kommt Holdt in Verbindung mit Dokumentarfotografie auf den vorderen Seiten nicht vor – wenn überhaupt.

 

Starke Fotos mit einfachen Kameras

Abgesehen davon hat er starke Fotos mit einer einfachen Kamera gemacht. Dies tat später auch Richard Billingham. Der perfekte Moment ist der authentische Moment bei dieser Art der Fotografie. Das beste Bild braucht dabei nicht die technisch beste Kamera. Und es waren in diesen Fällen keine ausgebildeten Fotografen, die starke Fotos machten. Das spricht für die benutzten einfachen Kameras und das Gespür der Fotografierenden.

 

Buch kostenlos online

Seit einiger Zeit ist das komplette Buch von Jacob Holdt auch online lesbar und ein Teil als kostenloser Download verfügbar.

Sie finden das Buch online unter www.american-pictures.com.

Es lohnt sich sehr darauf hinzuweisen, weil dies echte sozialdokumentarische Fotografie ist. Er selbst sieht sich in der Tradition von Jacob Riis.

 

Jupiter im Skorpion

Übrigens ist er einer der wenigen, die ihr Horoskop öffentlich nutzen, um ihr Schicksal zu verstehen. Laut seiner Horoskopzeichnung ist Jupiter im Skorpion. Er sucht also das Tiefgründige und findet dort  sein Glück, würde vielleicht ein Astrologe als Erklärung denken. So könnte man es rückblickend verstehen, wenn man sich fragt, wie sein Weg war und warum diese Fotosammlung entstand.

 

Soziale Folgen von Armut – Die USA als Spiegel für Deutschland

Davon abgesehen hat Jacob Holdt in den USA das aufgenommen, was neuerdings auch in Deutschland zu sehen ist. Nur hat Armut hier nicht die Farbe schwarz. Aber so sieht es vielfach schon bei uns aus, wenn man es sehen will. Wenn man will.

Die riesig gewordene Kluft zwischen reich und arm – dank SPD und FDP sowie Teilen der CDU und der Grünen als Antreiber des Neoliberalismus – hat auch in Deutschland für solche Zustände gesorgt. Das Gesundheitswesen wird gerade halb privatisiert aber die Hartz 4 Reform hat aus einem sozialen Land schon vorher eine asoziale Landschaft gemacht.

Es ist eine soziale Unterschicht entstanden und die Chance, daß die Menschen sich durch Arbeit daraus befreien können, wurde durch Befristungen und niedrige Mindestlöhne faktisch abgeschafft. Selbst Fleiß führt nicht mehr da raus. Im Gegensatz zu den USA ist Deutschland geografisch aber zu klein, um eine Distanz in der Fläche zwischen Armenhäusern und reichen Gegenden zu schaffen. Das wird oft übersehen und wird neue Probleme erzeugen.

 

Armut ohne Fotografie

Da wir in Deutschland andere Gesetze und Verhältnisse haben, sind Fotos wie die von Jacob Holdt eher nicht mehr möglich.

Die Wirklichkeit bekommt an dieser Stelle aktuell also kein Gesicht, denn “je näher Armut dem westlich-weiß dominierten Kulturkreis rückt, desto unsichtbarer wird sie.”

So sind die Fotos von Jacob Holdt auch ein Spiegel der Entwicklungen, die in Deutschland und Teilen Europas gerade anlaufen.

 

Das Grundgesetz zeigt die Richtung

Rückkehr zum Sozialstaat wäre Fortschritt, wenn man sich verlaufen hat.

Aber wer gibt das zu?

Solange Tafeln und Fürsorge als gut empfunden werden, hat meine hier geäußerte Ansicht keine Chance. Dabei sieht unser Grundgesetz ausdrücklich etwas anderes vor: ein Existenzminimum ohne Fürsorge für eine soziale  Basis auf Augenhöhe als Voraussetzung für demokratische Teilnahme und unveräußerliche Menschenrechte. Das waren die Lehren über den menschlichen Charakter nach zwei Weltkriegen, die in das Grundgesetz geflossen sind.

 

Sozialdokumentarische Fotografie bedeutet Engagement

Dennoch freue ich mich, daß ich diesen Artikel schreiben konnte, weil er mir die Möglichkeit bietet, auf Jacob Holdt aufmerksam zu machen, der uns mit Bildern aus Amerika zeigt, was sich hier gerade entwickelt.

Wenn man solche Fotos zeigt und nach den sozialen Bedingungen fragt – das ist das Ziel engagierter sozialdokumentarische Fotografie – dann ist die Antwort klar: es muß sich was ändern.

Dies kann dieser Artikel nicht leisten, aber wenn Sie ihn bis hierhin gelesen haben, dann dürfte klar sein, daß es nicht so bleibt, wenn es so bleibt wie es ist – auch hier nicht.

Zum Abschluß noch etwas zur Definition.

Das Buch wurde oft mit dem Begriff Underclass – Unterklasse in Verbindung gebracht.

Darauf wird in der Ausgabe von 2007 hingewiesen.

Underclass ist wie Untermenschen. Es ist eine Erfindung irgendwelcher „Herrenmenschen“, die sich dadurch abzugrenzen versuchen und begrifflich besser sein wollen.

Poor people – materiell arme Leute bzw. arme Menschen wäre die einzig richtige und nicht direkt diskriminierende Bezeichnung.

Es kommt eben auch bei Fotos auf die Worte an mit denen man sie beschreibt. Sie formen die Blicke im Kopf.

 

Nachtrag am 23.10.2015:

Man kommt aus dem Staunen nicht raus. Heute meldete mir mein Linküberwacher, daß die American Pictures online verschwunden sind. Nachgeschaut, gesucht und dabei stellte sich raus, daß man Jacob Holdt und seine Geschichten hinterfragt. Da scheint es Probleme zu geben, so daß er heftig in der Kritik steht. Ich habe diesen Artikel ins Deutsche übersetzen lassen und hoffe, er klärt etwas auf. Nach der Übersetzung hat er die Wahrheit „ausgeschmückt.“

Text 1.5