Fotobuch

fotobuch

Nihad Nino Pušija – Down There Where the Spirit Meets the Bone, THE LAST BOOK OF PEPERONI

„Durch das Buch zieht sich ein roter – und keineswegs nur metaphorisch blutroter – Faden. Das Buch ist die letzte Veröffentlichung, die der international hoch angesehene Berliner Fotobuchverleger und -buchhändler Hannes Wanderer noch selbst betreut hat, bevor er unerwartet am 9. September 2018 in Berlin verstarb. Unter dem Namen „Peperoni Books“ gedruckt, setzt es den Schlusspunkt unter ein außergewöhnliches Leben im Dienste der Fotografie.“

So schreibt es der Lehmstedt Verlag über das Buch von Nihad Nino Pušija Down There Where the Spirit Meets the Bone.

An diesem Buch und alles in diesem Buch bis zur Entstehung ist schicksalhaft.

Gewaltige existenzielle Themen bewegen die Fotos und die Menschen in diesem Buch und ohne die schöpferische Kraft überzeugter Männer und Frauen als Verleger wäre es nie dazu gekommen.

Schon deshalb handelt es sich um ein ganz besonderes Buch, das auch ganz besonders dargestellt werden sollte.

Das Buch beginnt  bei Tito und hört irgendwann heute auf.

Wir sehen auf den Fotos die Ergebnisse der sozialen Ereignisse auf dem Balkan dort und hier.

Menschen, die gestorben sind, Menschen die vor, im und nach dem Krieg dort leben, die mit den Veränderungen im Krieg und nach dem Krieg leben, Spuren der Zeit und der Veränderungen ohne Ende und mitten aus dem Leben.

Details sagen oft mehr als große Landschaftsaufnahmen. Ein Detail kann eine ganze Weltsicht wiedergeben. Und hier ist die Mischung aus allem und in allem, was aus dieser Zeit an Trümmern, Hoffnungslosigkeit und dem Leben darin und danach real existierte – und existiert.

Das Buch ist sehr klug angelegt. Wir sehen monochrome Aufnahmen aus analogen Zeiten und farbige Aufnahmen aus digitalen Zeiten. Alle erzählen auf ihre Art und wirken stark.

Wir tauchen ein in die Welt zwischen Bosnien und Berlin und sehen Kurden, Muslime und Christen vor Ort und in Deutschland. Überhaupt ist in diesem Buch viel Deutsches zu sehen bis zur Bundeswehr vor Ort.

Aber das Buch ist eben auch ein sehr dokumentarisches Fotobuch.

Wir sehen den Zeitgeist und das Leben im Alltag als der Krieg noch nicht da war und Tito herrschte, bis wir nach den Wirren der Kriegsfotos auf ein Bild von 2012 stoßen, welches uns an einer Wand immer noch ein Foto von Tito zeigt als Erinnerung an Besseres als Krieg und Mord?

Es ist ein Buch voller Geschichten in den Fotos und es ist ein Buch aus dem Leben gemacht.

Denn hier wurde nur aufgenommen, was wirklich zu sehen war – aber mit eigenständiger Gestaltung der gesehenen Momente. Und so sehen wir auch den Fotografen beim Sehen und mit seiner „Wahr“nehmung.

Das haben alle am Buchprojekt Beteiligten wirklich gut gemacht und mit diesem Buch ein Stück schlimme Zeitgeschichte in einen Rahmen gebracht, der zeitliche Abläufe über 30 Jahre darstellt.

So ist dieses Buch ein visuelles Geschichtsbuch der ganz besonderen Art.

Es ist die Kunst der ungeschönten Dokumentarfotografie, die visuell die Macht des Alltags mit den Details eines schweren Lebens zeigt ohne Dramatisierung. Die Fotos wirken aus sich heraus, weil sie authentisch sind und entsprechend gestaltet fotografiert wurden.

Für mich ist dieses Buch dadurch eines der besten seiner Art in jüngster Zeit.

Mag meine Meinung auch nicht maßgebend sein, so habe ich doch das richtige Maß für die Beurteilung solcher Bücher  in den letzten Jahren entwickeln können und deshalb halte ich meine Einschätzung für richtig.

Ich danke allen Beteiligten für dieses Werk, das mehr wert ist als nur seinen Preis.

Das Buch ist im Lehmstedt Verlag erschienen.

Nihad Nino Pušija

Down There Where the Spirit Meets the Bone

THE LAST BOOK OF PEPERONI

Herausgegeben von / edited by Lith Bahlmann
und / and Matthias Reichelt

Ausgabe in deutscher und englischer Sprache

296 Seiten mit 196 farbigen und Schwarzweiß-Fotografien
24 x 29 cm, Festeinband, Fadenheftung

ISBN 978-3-95797-082-4

 

Streetfotografie made in Germany

Streetfotografie made in Germany ist ein Gemeinschaftwerk von Kay von Aspern, Mario Cuic, Siegfried Hansen, Torsten Köster, Marco Larousse, Christopher Reuter, Fabian Schreyer, Max Slobodda, Nicole Struppert, Martin U Waltz und im Rheinwerk Verlag erschienen.

Es ist schön, wenn immer wieder ein gutes Buch mit aktuellen Fotos erscheint, die von den jeweiligen Autorinnen und Autoren als Streetfotografie verstanden werden.

Väter und Söhne hrsg. von Peter Graf und Till Schaap

Väter und Söhne

„Liebesgeschichten in Bildern“ sollen es sein. Es ist eine Sammlung von Fotografien, die es sonst so nicht zu sehen gibt mit einem Foto von Robert Capa, das Ernest Hemingway und seinen Sohn zeigt oder Fotos von Henri Cartier-Bresson mit Vätern in Russland und andere bekannte Namen.

Zugleich ist dieses Buch von 2009 eine Annäherung an ein Thema, das zur Selbstreflexion einlädt. Wie ist oder war das Verhältnis zum eigenen Vater? Kommen Emotionen hoch beim Betrachten dieser Fotos oder ist das alles abgeschlossen?

Auf den Spuren der Erinnerung von Lara Morri

„Die Beelitzer Heilstätten und die verbotene Stadt in Wünsdorf“ lautet der Untertitel des Buches aus dem Mitteldeutschen Verlag.  Hier präsentiert die Autorin ein gut gemachtes Fotobuch und ein Geschichtsbuch mit Geschichten und eine Dokumentation in einem Einband.

Lost Places, das Fotografieren von verlassenen Orten, wird in den Beeltzer Heilstätten dokumentierend kombiniert mit einer Spurensuche nach der Geschichte. Dabei werden Zeitzeugen befragt und Eindrücke vor Ort fotografisch festgehalten. So entsteht eine interessante und kluge Mischung aus Text und Bild.

Streetphotography – Die 100 besten Bilder von David Gibson (Hg.)

Street Photography Die 100 besten Bilder von David Gibson

„Unter den Begriff Straßenfotografie fällt jedes Bild mit oder ohne Personen, das ohne Inszenierung im öffentlichen Raum gemacht wurde“.

So definiert David Gibson Streetfotografie und will in seinem Buch „Straßenfotos der sog. Internetgeneration“ vorstellen.

Das bedeutet Fotos, die im Internet erschienen sind und einige, die schon vor dem Internet zu sehen waren.

In dem Buch weist Gibson mehrfach auf Henri Cartier-Bresson hin, der auch heute noch eine Rolle spielt, mental und real. Er schwingt bei vielen mit, die Streetphotography betreiben, aber nicht nur er. Insofern ist die im Buch aufgeführte Liste der immer wieder genannten Namen sehr interessant.

Das Buch ist bei Prestel erschienen und schon von der Gestaltung her eine Augenweide. Gut gebunden, stabiler Einband, angemessen großes Format und klare Gestaltung.

„Für mich ist das Betrachten eines Fotobuch ein Vergnügen, es ist die weitaus schönste Art, Fotos zu genießen“, schreibt Gibson. Und so „erlöst“ er hier einige Fotos aus ihrem „Bildschirmdasein“ und läßt sie gedruckt fortbestehen.

Sehr schön!

Wer Streetfotografie heute machen will, der findet hier sehr viel an Inspiration.

Es sind auch große Namen darunter. Auch Martin Parr macht Streetfotografie. Und so ist jede Doppelseite ein Vergnügen beim Lesen und beim Betrachten. Denn es gibt zu jedem Foto eine Geschichte und eine Einordnung. Fotos leben eben von Texten, die den Rahmen bilden, um sie einordnen zu können.

Eine Rezension im ndr zeigt die Palette von Möglichkeiten, die dieses Buch bietet.

Aber das Buch ist eben noch einmal mehr. Es ist eines der wenigen Bücher, die zeigen wie stark und zufällig gute Straßenfotografie ist und wie vielfältig ihre Möglichkeiten sind.

Man kann sich einen guten Überblick verschaffen, wenn man auf die Verlagsseite klickt.

Dabei wird aber auch deutlich, daß gute Fotos Geschichten erzählen, also das Wesentliche eines Moments wiedergeben.

Gibson hat recht. Das Buch eignet sich sehr gut dafür, den Unterschied zwischen der Betrachtung eines Fotos am Monitor und gedruckt in einem Buch bewußt wahrzunehmen.

Denn es macht einfach großen Spaß sich detailliert ein Foto in einem gut gemachten Fotobuch zu betrachten. Und in einem Buch betrachten wir ein Foto ganz anders weil nicht in einer Millisekunde durch Klicken schon das nächste Foto zu sehen ist und man alle Sinne nutzen kann und das Medium Papier.

Bücher sind eben für Menschen gemacht.

Dieses Buch von Prestel eignet sich für tagelangen Genuß, wenn man diese 100 besten Fotos sieht und ihre Geschichten durchliest. Es ist zugleich wie eine Schulung und ein Training für bewußtes Sehen und das Erkennen der Vielfalt und der gemeinsamen visuellen Strukturen in vielen Fällen.

Das Buch aus dem Prestel Verlag ist eine der wenigen echten Kaufempfehlungen im Bereich der Streetfotografie heute.

David Gibson
Street Photography: Die 100 besten Bilder

ISBN: 978-3-7913-8335-4

Industrielle Zone von Dolf Toussaint

Dolf Toussaint

Der Anfang ist das Ende.

Als Dolf Toussaint 1983 die sterbenden Industriegebiete in Nordfrankreich, Südost Belgien und im Ruhrgebiet fotografierte, zeigte er die damalige Alltagskultur ungeschminkt und im Zusammenhang. Er hatte offenbar Weitblick und sah, was geschehen würde. Ein guter Essay von  Martin Schouten rundet das Buch ab.

Ob es Zufall ist, daß genau in diesen Regionen heute vielfach massive soziale Verwerfungen und Probleme dominieren und dort viele ohne Hoffnung ausharren und beginnen sich zu empören?

Im Buch wird zwischen den drei Industriegebieten nicht getrennt und deshalb weiß man auch nie, wo man ist.

Dies zeigt wie die Funktionalität der Industriegesellschaft länderübergreifend normiert – Menschen, Häuser, Fabriken, Strassen etc..

Nur dann werden Unterschiede deutlich, wenn der Fotograf es bewußt zeigen wollte, indem er Zeitungen, Plakate oder Aushänge mit in das jeweilige Foto integrierte.

Ein vergessenes Buch dokumentiert eine fast vergessene Zeit, die so lange noch nicht vorbei ist.

Bemerkenswerterweise habe ich auch fast zehn Jahre gebraucht, um auf dieses Buch zu stoßen, und dies auch nur, weil ich mich mit niederländischer Fotografie beschäftigt habe.

Es ist eben so, daß sozialdokumentarische Fotografie mit Weitblick und konkretem Blick keinen Blick wert zu sein scheint – außer bei mir hier und an wenigen anderen Stellen.

Ich habe mich in den letzten zehn Jahren in diesem Zusammenhang mit allen Fragen beschäftigt, die mir fotografisch wichtig waren.

  • Ich wollte wissen, welche Menschen früher engagiert fotografiert haben, weil sie damit auch gegen das Asoziale angehen wollten.
  • Ich wollte wissen, was passiert ist mit den vielen engagierten Menschen und ihren Fotobüchern.
  • Ich wollte „richtig“ fotografieren lernen und erlernte dies mit der klassischen visuellen Grammatik und fotografischen Vorbildern.

Aber: Die Ära, die ich meine, ist vorbei.

In gewisser Weise habe ich hier noch einmal das aufgearbeitet, was sozial und fotografisch vor meiner Zeit und während meiner Zeit in der Dokumentarfotografie an Entwicklungen ablief, ohne daß ich es bewußt wahrgenommen habe. Erst mit dem neuen Sehen war ich in der Lage, dies alles zu erfassen und systematisch darzustellen. Die Webseite hatte dann durch die Wechselwirkung zwischen Fotografie in Theorie und Praxis eine Dynamik, die sich im Tun entwickelte.  Einzigartig!

So ist diese Webseite mehr und wird wohl auch Grundlage für ein neues Buch sein können.

Ich habe in diesem Prozess die fotografische Philosophie von Henri Cartier-Bresson und anderen in die digitale Zeit geholt und mit dem Handbuch zur Fineart-Streetfotografie eine gute Anleitung für klassisch-gute Fotografie für uns heute nutzbar gemacht.

Und immer sind es eigene Fotos, die zu sehen sind.

Weil ich selbst ein Kind der Industriezeit bin, ist es auch richtig, wenn der Schwerpunkt auf dem lag, was ich selbst erlebt habe und was meine Interessen prägte.

Gerade die Eingrenzung ermöglichte die intensive Beschäftigung mit dem Themenfeld der Dokumentarfotografie und zeigt hier Zusammenhänge, die sonst nirgendwo zu finden sind.

Da ich kein Netzwerker war, habe ich dafür weder Förderung noch Hilfe bekommen und bin auch nicht in die DGPH aufgenommen worden wegen besonderer Verdienste um die Fotografie. Dafür hat diese isolierte Arbeitsweise eine unglaublich vertiefte Auseinandersetzung mit der Dokumentarfotografie ermöglicht bis zur Schilderung von Zusammenhängen, die die eingetrichterten Bilder aus dem Kopf holen und die Mechanismen der Manipulaton durch Bilder offenlegen. So kann man aus der Matrix aussteigen und mit befreitem Blick sehen – fotografisch und persönlich!

So ist es!

Ich bin diesen Weg gegangen und habe mich solange mit der Dokumentarfotografie auseinandergesetzt, bis ich kaum noch Neues fand. Das ist der Punkt an dem eine Veränderung angesagt ist.

Mein Rahmen steht.

Ausgestattet mit selbst erarbeiteten theoretischen und praktischen Instrumenten sehe ich anders und denke in Zusammenhängen, die ich früher nicht gesehen habe.

Ich habe fotografisch und sozial neu sehen gelernt und mein Horizont hat sich erweitert.

Daher ist dies für mich der Anlaß, mich bei der Vorstellung des Buches von Dolf Toussaint von hier zu verabschieden.

Denn eigentlich fing mit der Zeit, die er so klar und europäisch sah, alles an, was mein weiteres Leben hier prägte.

Es war mein Leben in einer Welt voller Industrie von der Blüte bis zum Zerfall – und dies alles in nur 30 Jahren von ca. 1980 bis 2010!

Das ist historisch interessant und sozial sehr ernüchternd.

Aber so war es und so ist es.

(Unter dem Gesichtspunkt der abgerissenen Industriekultur möchte ich an dieser Stelle auf den Duisburger Christian Brünig aufmerksam machen, der offenkundig mit viel Engagement weit über das Ruhrgebiet hinaus gut mit Fotos dokumentiert hat. So erhält man eine Vorstellung von den Strukturen, die verschwunden sind. Zusätzlich ist die Linksammlung auf lipinski.de gut nutzbar sowie die Verlinkungen im Pixelprojekt-Ruhrgebiet, das allerdings regional sehr eingeschränkt ist.)

Die sozialen Folgen davon sind fotografisch ein anderes Thema.

Damit sind auch die Möglichkeiten der dokumentarischen Fotografie aufgezeigt: sie kann dokumentieren und den Dingen und sozialen Situationen eine Chance geben, nicht vergessen und wieder gesehen zu werden.

Das ist wie Geschichtsschreibung im besten Sinne.

Und ich kann sagen, ich bin dabei gewesen und wurde zu einem Spezialisten für dokumentarische Fotografie und visuelle Geschichtsschreibung.

Damit nicht genug konnte ich visuell und mit Texten die Zeit dokumentieren, in der ich dabei war. So war es mir möglich, öffentlich und privat Gesehenes und Geschehenes real und mental aufzuarbeiten.

Wer weiß wozu es gut ist!

Alles Gute

Fancy Pictures von Mark Neville

Es gibt Bücher, die kann man nicht kaufen.

In dem Buch Fancy Pictures aus dem Steidl Verlag sind einige fotografische Projekte von Mark Neville, die man nicht kaufen konnte, endlich zu einem kaufbaren Buch vereint.

In England sind die Unterschiede zwischen arm und reich unendlich groß und man spürt dies und sieht dies. Und trotzdem gab und gibt es dort Projekte, die in Deutschland undenkbar sind – seltsamerweise.

Mark Neville ist so ein Fotograf, der solche Projekte umsetzt. Er schildert in dem Buch in sehr guten Interviews, wie er sich auf sein erstes Projekt bewarb und daraus eine Dokumentation des von ihm gesehenen sozialen Lebens in einer kleinen Stadt machte. Dann druckte er ein Buch mit seinen Fotos und verschenkte es an die Bewohner des Ortes.

Dies alles ist in dem Buch Fancy Pictures dokumentiert und dargestellt. Damit fängt ein Buch an, das unglaublich viel zu zeigen hat.

Es ist in englischer Sprache.

Fancy Pictures sind ironische Bilder mit Blicken auf die Gesellschaft. Das spielt auf englische Malereien im 18. Jhrdt. an, wie wir dem Buch entnehmen können.

Mark Neville erhielt offenkundig nach seiner ersten Arbeit immer wieder Einladungen für neue Projekte. So dokumentierte er das Leben in einer abgelegenen ländlichen Community mit herzoglichem Hintergrund oder Menschen, deren Leben von einem genetischen Defekt bestimmt war, der auf die Umgebung zurückzuführen war, oder eben auch die soziale Landschaft in London – vor allem den Gegensatz von arm und reich in der Serie „Here is London“.

Es ist ein Buch, das nicht im Buchregal stehenbleibt sondern aufgeschlagen wird, weil es zeigt, daß sozialdokumentarische Fotografie auch heute möglich ist aber kein kommerzieller Erfolg dabei vorprogrammiert ist.

Mark Neville versteht sich als Künstler, der Fotografie und Film in sozialen Zusammenhängen einsetzt und damit seine Projekte umsetzt.

Begrifflichkeiten sind in meinen Augen heute eher eine Sache des Datums. Zumindest sind einige Fotos und Serien mittlerweile als Kunsprojekte von ihm auch verkauft worden aber letztlich ist alles zunächst privat gefördert oder mit öffentlichen Mitteln fotografiert worden.

Es sind soziale Landschaften, die er hier zeigt und die ohne seine Fotos nie zu sehen gewesen wären.

England ist ein Land voller Gegensätze. Der Gegensatz zwischen reich und arm ist groß und dennoch war und ist die Öffentlichkeit und die Gesellschaft bereit, Fotografen/Künstler dafür zu bezahlen, soziale Widersprüche und Gegensätze zu dokumentieren.

Das ist in Deutschland so aktuell wohl nicht möglich. Aber das ist eben auch ein Zeichen für das gebrochene Verhältnis zur Freiheit und freien Meinungsäußerung, die in Deutschland nur frei ist, wenn sie nichts transzendiert – obwohl genau darin die Freiheit liegen würde, auch die fotografische Freiheit.

Und so hat der Steidl-Verlag hier ein ganz großartiges Werk publiziert, das gar nicht richtig in Worte gefaßt werden kann, weil es einfach viel mehr ist als mit Worten gesagt werden kann.

Fancy Pictures aus dem Steidl-Verlag ist ein ganz besonders gutes Buch voller Dokumentarfotografie und guter Geschichten.

ISBN 978-3-86930-908-8

Magnum Photobook by Fred Ritchin und Carole Naggar

70 Jahre Magnum von 1947 bis 2017 sind Anlaß für dieses Buch.

Jeder aus der fotografischen Welt kennt die Fotoagentur Magnum, aber nicht jeder weiß, wie viele Fotobücher von ihren Mitgliedern produziert und publiziert wurden.

Umso mehr lohnt sich der Blick in dieses Buch.  Auf einer oder mehreren Doppelseiten werden jeweils Bücher vorgestellt, die sich aus mancher Reportage ergaben oder jenseits der aktuellen Reportagen entstanden sind.

Auch in der Zusammenfassung sieht man beeindruckende Fotos, die oft dazu anregen, sich das eine oder andere Fotobuch doch noch einmal näher anzuschauen.

Es sind aber nicht nur die großen Bücher.

So findet sich auch ein Stern Taschenbuch von Thomas Hoepker und Eva Windmöller darin mit dem Titel Leben in der DDR.

Jede Doppelseite entführt uns in eine andere Welt und in die Perspektive des jeweiligen Fotografen bzw. der jeweiligen Fotografin.

Es ist ein Buch voller Bücher, das zum Stöbern und Entdecken einlädt.

Es ist meiner Meinung nach aber mehr als Magnum, weil hier nicht in erster Linie die Aspekte der Agentur gezeigt werden, sondern Fotobücher, die Themen aus der Sicht des jeweiligen Fotografen/Fotografin darstellen.

Das Buch gibt es nur auf Englisch aber man kommt auch so sehr gut damit zurecht, weil es eben um Fotos geht.

Das Buch ist nicht die erste Wahl, wenn es um die Fotoagentur Magnum geht, sondern wenn man mehr über die Mitglieder wissen will und das, was sie besonders zeigen wollten in einem Fotobuch.

Da ist es erste Wahl.

 

Fred Herzog Modern Color

00004181

Solche Fotos habe ich noch nicht gesehen. Sie erzählen etwas über Zeitgeist, Fotografie, den Unterschied von Monochrom und Farbe und über ein Leben, das Leben von Fred Herzog.

In einem umfassenden Buch aus dem Hatje Cantz Verlag wird Fred Herzog vorgestellt. Beruflich in der medizinischen Fotografie tätig, privat mit der Kamera unterwegs. Seine Fotos erzählen aus seiner Sicht über die Welt, in der er lebte.

Er lebte in Vancouver und deshalb enthält dieses Buch einen zusätzlichen Essay von Jeff Wall.über Vancouver in den Fotografien von Fred Herzog. Hinzu kommen sehr informative Texte von David Campany und Hans-Michael Koetzle.

Gerade die Nutzung von Farbe zu einer Zeit als die Reportage in Schwarzweiss fotografiert wurde, läßt uns heute auf fast gemalte Fotos blicken. Sie sind sehr detailliert fotografiert. Obwohl es auch Fotos mit Bokeh gibt, sind die meisten Fotos von vorne bis hinten scharf und beinhalten mindestens zwei Ebenen mit vielen Details auf jedem Foto.

Hinzu kommt ein Selbstporträt aus dem Jahr 1959.

Dort wird sichtbar, daß Fred Herzog kein Blitzer sondern ein Maler mit Licht war. Er nutzte die Sonne, um sich selbst einen Rahmen zu setzen, der so ausgeleuchtet ist und darin befindet er sich selbst – toll!

Er scheute sich nicht die Verschiedenheit auch verschieden zu zeigen.

Mich persönlich faszinieren besonders Fotos wie die mit dem Titel Boys Wrestling.

Sie zeigen nicht nur kämpfende Jungen sondern sie zeigen auch das Umfeld und lassen viele Rückschlüsse zu auf die Welt, wo dies so passiert. Es sind ungeheuer interessante Fotos.

Man merkt dem Buch an, daß es einer Person gerecht werden soll. Daher ist es auch gut gebunden und groß genug gedruckt, um auch noch in 30 Jahren wirken zu können.

Es sind die Themen des Alltags im öffentlichen Raums, die Herzog uns zeigt und die seine Aufmerksamkeit gefunden haben. Heute könnten wir ähnliche Situationen aufnehmen aber das Umfeld wäre zivilisatorisch anders. Neben seine Fotos gelegt würden sie uns die Differenz von gestern zu heute deutlich machen.

Aber das Ganze hat noch eine andere Dimension.

Nicht alle Fotos sind aus Vancouver aber ein erheblicher Teil.

Jeff Wall hat dazu über Fred Herzog folgendes geschrieben: „„Das soll nicht heißen, dass es nicht Fotografen gibt, die dazu in der Lage wären, dasselbe wie er zu schaffen und mit behutsamer Zuneigung jene Straßen, Eingänge, Hinterhöfe und Schaufenster einzufangen. Es geht viel eher darum, dass man, um diese Zuneigung zu empfinden, auch etwas benötigt, das sie verdient.“

Und er schreibt weiter: „Was diese Objekte der Zuneigung ersetzte, sind Gebilde, die dieses Gefühl nicht mehr auslösen können, da sie es nicht beinhalten. Es wurde ihnen nicht mitgegeben, als man sie schuf.“

So sind die Fotos von Fred Herzog zugleich Dokumente einer Zeit, die vorbei ist.

Aus Fotos wurden Geschichten aus dem Alltag einer Stadt, einer Zeit, eines Menschen auf der Suche.

Es ist ein Buch, das man nicht nur einmal aufschlägt, denn es lädt auch dazu ein, detailliert und länger einzelne Fotos zu betrachten.

Ein einziges Foto in dem Buch ist aus Deutschland, Loco in Rain von 1952 in Schwarzweiss. Es ist nicht so schön wie die farbigen Fotos.

So zeigt uns dieses Buch aus dem Hatje Cantz Verlag die Welt des Fotografen Fred Herzog, der mit seiner Kamera durch seine Lebenszeit ging und das festhielt, was ihn in einem Moment fesselte.

Es war Streetfotografie vor der Streetfotografie, es war Farbfotografie vor der Farbfotografie, es war detaillierte Fotografie vor der Makrofotografie, es war seine Fotografie und keine Auftragsfotografie.

Still erzählen uns seine Fotos aus seinem Leben mit der Kamera und es ist sehr schön, daß wir seinen Blicken folgen können und so eine Welt sehen, die schon lange vorbei ist und doch ein wenig an heute erinnert.

Ein schönes Buch, in das man gerne seine Lebenszeit investiert.

Es ist im HatjeCantz-Verlag erschienen.

Fred Herzog

Texts by David Campany, Hans-Michael Koetzle, Jeff Wall

German, English

2016. ca. 320 pp., ca. 230 ills.

27.00 x 27.30 cm
hardcover

ISBN 978-3-7757-4181-1