Fotobuch

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Industrielle Zone von Dolf Toussaint

Dolf Toussaint

Der Anfang ist das Ende.

Als Dolf Toussaint 1983 die sterbenden Industriegebiete in Nordfrankreich, Südost Belgien und im Ruhrgebiet fotografierte, zeigte er die damalige Alltagskultur ungeschminkt und im Zusammenhang. Er hatte offenbar Weitblick und sah, was geschehen würde. Ein guter Essay von  Martin Schouten rundet das Buch ab.

Ob es Zufall ist, daß genau in diesen Regionen heute vielfach massive soziale Verwerfungen und Probleme dominieren und dort viele ohne Hoffnung ausharren und beginnen sich zu empören?

Im Buch wird zwischen den drei Industriegebieten nicht getrennt und deshalb weiß man auch nie, wo man ist.

Dies zeigt wie die Funktionalität der Industriegesellschaft länderübergreifend normiert – Menschen, Häuser, Fabriken, Strassen etc..

Nur dann werden Unterschiede deutlich, wenn der Fotograf es bewußt zeigen wollte, indem er Zeitungen, Plakate oder Aushänge mit in das jeweilige Foto integrierte.

Ein vergessenes Buch dokumentiert eine fast vergessene Zeit, die so lange noch nicht vorbei ist.

Bemerkenswerterweise habe ich auch fast zehn Jahre gebraucht, um auf dieses Buch zu stoßen, und dies auch nur, weil ich mich mit niederländischer Fotografie beschäftigt habe.

Es ist eben so, daß sozialdokumentarische Fotografie mit Weitblick und konkretem Blick keinen Blick wert zu sein scheint – außer bei mir hier und an wenigen anderen Stellen.

Ich habe mich in den letzten zehn Jahren in diesem Zusammenhang mit allen Fragen beschäftigt, die mir fotografisch wichtig waren.

  • Ich wollte wissen, welche Menschen früher engagiert fotografiert haben, weil sie damit auch gegen das Asoziale angehen wollten.
  • Ich wollte wissen, was passiert ist mit den vielen engagierten Menschen und ihren Fotobüchern.
  • Ich wollte „richtig“ fotografieren lernen und erlernte dies mit der klassischen visuellen Grammatik und fotografischen Vorbildern.

Aber: Die Ära, die ich meine, ist vorbei.

In gewisser Weise habe ich hier noch einmal das aufgearbeitet, was sozial und fotografisch vor meiner Zeit und während meiner Zeit in der Dokumentarfotografie an Entwicklungen ablief, ohne daß ich es bewußt wahrgenommen habe. Erst mit dem neuen Sehen war ich in der Lage, dies alles zu erfassen und systematisch darzustellen. Die Webseite hatte dann durch die Wechselwirkung zwischen Fotografie in Theorie und Praxis eine Dynamik, die sich im Tun entwickelte.  Einzigartig!

So ist diese Webseite mehr und wird wohl auch Grundlage für ein neues Buch sein können.

Ich habe in diesem Prozess die fotografische Philosophie von Henri Cartier-Bresson und anderen in die digitale Zeit geholt und mit dem Handbuch zur Fineart-Streetfotografie eine gute Anleitung für klassisch-gute Fotografie für uns heute nutzbar gemacht.

Und immer sind es eigene Fotos, die zu sehen sind.

Weil ich selbst ein Kind der Industriezeit bin, ist es auch richtig, wenn der Schwerpunkt auf dem lag, was ich selbst erlebt habe und was meine Interessen prägte.

Gerade die Eingrenzung ermöglichte die intensive Beschäftigung mit dem Themenfeld der Dokumentarfotografie und zeigt hier Zusammenhänge, die sonst nirgendwo zu finden sind.

Da ich kein Netzwerker war, habe ich dafür weder Förderung noch Hilfe bekommen und bin auch nicht in die DGPH aufgenommen worden wegen besonderer Verdienste um die Fotografie. Dafür hat diese isolierte Arbeitsweise eine unglaublich vertiefte Auseinandersetzung mit der Dokumentarfotografie ermöglicht bis zur Schilderung von Zusammenhängen, die die eingetrichterten Bilder aus dem Kopf holen und die Mechanismen der Manipulaton durch Bilder offenlegen. So kann man aus der Matrix aussteigen und mit befreitem Blick sehen – fotografisch und persönlich!

So ist es!

Ich bin diesen Weg gegangen und habe mich solange mit der Dokumentarfotografie auseinandergesetzt, bis ich kaum noch Neues fand. Das ist der Punkt an dem eine Veränderung angesagt ist.

Mein Rahmen steht.

Ausgestattet mit selbst erarbeiteten theoretischen und praktischen Instrumenten sehe ich anders und denke in Zusammenhängen, die ich früher nicht gesehen habe.

Ich habe fotografisch und sozial neu sehen gelernt und mein Horizont hat sich erweitert.

Daher ist dies für mich der Anlaß, mich bei der Vorstellung des Buches von Dolf Toussaint von hier zu verabschieden.

Denn eigentlich fing mit der Zeit, die er so klar und europäisch sah, alles an, was mein weiteres Leben hier prägte.

Es war mein Leben in einer Welt voller Industrie von der Blüte bis zum Zerfall – und dies alles in nur 30 Jahren von ca. 1980 bis 2010!

Das ist historisch interessant und sozial sehr ernüchternd.

Aber so war es und so ist es.

(Unter dem Gesichtspunkt der abgerissenen Industriekultur möchte ich an dieser Stelle auf den Duisburger Christian Brünig aufmerksam machen, der offenkundig mit viel Engagement weit über das Ruhrgebiet hinaus gut mit Fotos dokumentiert hat. So erhält man eine Vorstellung von den Strukturen, die verschwunden sind. Zusätzlich ist die Linksammlung auf lipinski.de gut nutzbar sowie die Verlinkungen im Pixelprojekt-Ruhrgebiet, das allerdings regional sehr eingeschränkt ist.)

Die sozialen Folgen davon sind fotografisch ein anderes Thema.

Damit sind auch die Möglichkeiten der dokumentarischen Fotografie aufgezeigt: sie kann dokumentieren und den Dingen und sozialen Situationen eine Chance geben, nicht vergessen und wieder gesehen zu werden.

Das ist wie Geschichtsschreibung im besten Sinne.

Und ich kann sagen, ich bin dabei gewesen und wurde zu einem Spezialisten für dokumentarische Fotografie und visuelle Geschichtsschreibung.

Damit nicht genug konnte ich visuell und mit Texten die Zeit dokumentieren, in der ich dabei war. So war es mir möglich, öffentlich und privat Gesehenes und Geschehenes real und mental aufzuarbeiten.

Wer weiß wozu es gut ist!

Alles Gute

Fancy Pictures von Mark Neville

Es gibt Bücher, die kann man nicht kaufen.

In dem Buch Fancy Pictures aus dem Steidl Verlag sind einige fotografische Projekte von Mark Neville, die man nicht kaufen konnte, endlich zu einem kaufbaren Buch vereint.

In England sind die Unterschiede zwischen arm und reich unendlich groß und man spürt dies und sieht dies. Und trotzdem gab und gibt es dort Projekte, die in Deutschland undenkbar sind – seltsamerweise.

Mark Neville ist so ein Fotograf, der solche Projekte umsetzt. Er schildert in dem Buch in sehr guten Interviews, wie er sich auf sein erstes Projekt bewarb und daraus eine Dokumentation des von ihm gesehenen sozialen Lebens in einer kleinen Stadt machte. Dann druckte er ein Buch mit seinen Fotos und verschenkte es an die Bewohner des Ortes.

Dies alles ist in dem Buch Fancy Pictures dokumentiert und dargestellt. Damit fängt ein Buch an, das unglaublich viel zu zeigen hat.

Es ist in englischer Sprache.

Fancy Pictures sind ironische Bilder mit Blicken auf die Gesellschaft. Das spielt auf englische Malereien im 18. Jhrdt. an, wie wir dem Buch entnehmen können.

Mark Neville erhielt offenkundig nach seiner ersten Arbeit immer wieder Einladungen für neue Projekte. So dokumentierte er das Leben in einer abgelegenen ländlichen Community mit herzoglichem Hintergrund oder Menschen, deren Leben von einem genetischen Defekt bestimmt war, der auf die Umgebung zurückzuführen war, oder eben auch die soziale Landschaft in London – vor allem den Gegensatz von arm und reich in der Serie „Here is London“.

Es ist ein Buch, das nicht im Buchregal stehenbleibt sondern aufgeschlagen wird, weil es zeigt, daß sozialdokumentarische Fotografie auch heute möglich ist aber kein kommerzieller Erfolg dabei vorprogrammiert ist.

Mark Neville versteht sich als Künstler, der Fotografie und Film in sozialen Zusammenhängen einsetzt und damit seine Projekte umsetzt.

Begrifflichkeiten sind in meinen Augen heute eher eine Sache des Datums. Zumindest sind einige Fotos und Serien mittlerweile als Kunsprojekte von ihm auch verkauft worden aber letztlich ist alles zunächst privat gefördert oder mit öffentlichen Mitteln fotografiert worden.

Es sind soziale Landschaften, die er hier zeigt und die ohne seine Fotos nie zu sehen gewesen wären.

England ist ein Land voller Gegensätze. Der Gegensatz zwischen reich und arm ist groß und dennoch war und ist die Öffentlichkeit und die Gesellschaft bereit, Fotografen/Künstler dafür zu bezahlen, soziale Widersprüche und Gegensätze zu dokumentieren.

Das ist in Deutschland so aktuell wohl nicht möglich. Aber das ist eben auch ein Zeichen für das gebrochene Verhältnis zur Freiheit und freien Meinungsäußerung, die in Deutschland nur frei ist, wenn sie nichts transzendiert – obwohl genau darin die Freiheit liegen würde, auch die fotografische Freiheit.

Und so hat der Steidl-Verlag hier ein ganz großartiges Werk publiziert, das gar nicht richtig in Worte gefaßt werden kann, weil es einfach viel mehr ist als mit Worten gesagt werden kann.

Fancy Pictures aus dem Steidl-Verlag ist ein ganz besonders gutes Buch voller Dokumentarfotografie und guter Geschichten.

ISBN 978-3-86930-908-8

Magnum Photobook by Fred Ritchin und Carole Naggar

70 Jahre Magnum von 1947 bis 2017 sind Anlaß für dieses Buch.

Jeder aus der fotografischen Welt kennt die Fotoagentur Magnum, aber nicht jeder weiß, wie viele Fotobücher von ihren Mitgliedern produziert und publiziert wurden.

Umso mehr lohnt sich der Blick in dieses Buch.  Auf einer oder mehreren Doppelseiten werden jeweils Bücher vorgestellt, die sich aus mancher Reportage ergaben oder jenseits der aktuellen Reportagen entstanden sind.

Auch in der Zusammenfassung sieht man beeindruckende Fotos, die oft dazu anregen, sich das eine oder andere Fotobuch doch noch einmal näher anzuschauen.

Es sind aber nicht nur die großen Bücher.

So findet sich auch ein Stern Taschenbuch von Thomas Hoepker und Eva Windmöller darin mit dem Titel Leben in der DDR.

Jede Doppelseite entführt uns in eine andere Welt und in die Perspektive des jeweiligen Fotografen bzw. der jeweiligen Fotografin.

Es ist ein Buch voller Bücher, das zum Stöbern und Entdecken einlädt.

Es ist meiner Meinung nach aber mehr als Magnum, weil hier nicht in erster Linie die Aspekte der Agentur gezeigt werden, sondern Fotobücher, die Themen aus der Sicht des jeweiligen Fotografen/Fotografin darstellen.

Das Buch gibt es nur auf Englisch aber man kommt auch so sehr gut damit zurecht, weil es eben um Fotos geht.

Das Buch ist nicht die erste Wahl, wenn es um die Fotoagentur Magnum geht, sondern wenn man mehr über die Mitglieder wissen will und das, was sie besonders zeigen wollten in einem Fotobuch.

Da ist es erste Wahl.

 

Fred Herzog Modern Color

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Solche Fotos habe ich noch nicht gesehen. Sie erzählen etwas über Zeitgeist, Fotografie, den Unterschied von Monochrom und Farbe und über ein Leben, das Leben von Fred Herzog.

In einem umfassenden Buch aus dem Hatje Cantz Verlag wird Fred Herzog vorgestellt. Beruflich in der medizinischen Fotografie tätig, privat mit der Kamera unterwegs. Seine Fotos erzählen aus seiner Sicht über die Welt, in der er lebte.

Er lebte in Vancouver und deshalb enthält dieses Buch einen zusätzlichen Essay von Jeff Wall.über Vancouver in den Fotografien von Fred Herzog. Hinzu kommen sehr informative Texte von David Campany und Hans-Michael Koetzle.

Gerade die Nutzung von Farbe zu einer Zeit als die Reportage in Schwarzweiss fotografiert wurde, läßt uns heute auf fast gemalte Fotos blicken. Sie sind sehr detailliert fotografiert. Obwohl es auch Fotos mit Bokeh gibt, sind die meisten Fotos von vorne bis hinten scharf und beinhalten mindestens zwei Ebenen mit vielen Details auf jedem Foto.

Hinzu kommt ein Selbstporträt aus dem Jahr 1959.

Dort wird sichtbar, daß Fred Herzog kein Blitzer sondern ein Maler mit Licht war. Er nutzte die Sonne, um sich selbst einen Rahmen zu setzen, der so ausgeleuchtet ist und darin befindet er sich selbst – toll!

Er scheute sich nicht die Verschiedenheit auch verschieden zu zeigen.

Mich persönlich faszinieren besonders Fotos wie die mit dem Titel Boys Wrestling.

Sie zeigen nicht nur kämpfende Jungen sondern sie zeigen auch das Umfeld und lassen viele Rückschlüsse zu auf die Welt, wo dies so passiert. Es sind ungeheuer interessante Fotos.

Man merkt dem Buch an, daß es einer Person gerecht werden soll. Daher ist es auch gut gebunden und groß genug gedruckt, um auch noch in 30 Jahren wirken zu können.

Es sind die Themen des Alltags im öffentlichen Raums, die Herzog uns zeigt und die seine Aufmerksamkeit gefunden haben. Heute könnten wir ähnliche Situationen aufnehmen aber das Umfeld wäre zivilisatorisch anders. Neben seine Fotos gelegt würden sie uns die Differenz von gestern zu heute deutlich machen.

Aber das Ganze hat noch eine andere Dimension.

Nicht alle Fotos sind aus Vancouver aber ein erheblicher Teil.

Jeff Wall hat dazu über Fred Herzog folgendes geschrieben: „„Das soll nicht heißen, dass es nicht Fotografen gibt, die dazu in der Lage wären, dasselbe wie er zu schaffen und mit behutsamer Zuneigung jene Straßen, Eingänge, Hinterhöfe und Schaufenster einzufangen. Es geht viel eher darum, dass man, um diese Zuneigung zu empfinden, auch etwas benötigt, das sie verdient.“

Und er schreibt weiter: „Was diese Objekte der Zuneigung ersetzte, sind Gebilde, die dieses Gefühl nicht mehr auslösen können, da sie es nicht beinhalten. Es wurde ihnen nicht mitgegeben, als man sie schuf.“

So sind die Fotos von Fred Herzog zugleich Dokumente einer Zeit, die vorbei ist.

Aus Fotos wurden Geschichten aus dem Alltag einer Stadt, einer Zeit, eines Menschen auf der Suche.

Es ist ein Buch, das man nicht nur einmal aufschlägt, denn es lädt auch dazu ein, detailliert und länger einzelne Fotos zu betrachten.

Ein einziges Foto in dem Buch ist aus Deutschland, Loco in Rain von 1952 in Schwarzweiss. Es ist nicht so schön wie die farbigen Fotos.

So zeigt uns dieses Buch aus dem Hatje Cantz Verlag die Welt des Fotografen Fred Herzog, der mit seiner Kamera durch seine Lebenszeit ging und das festhielt, was ihn in einem Moment fesselte.

Es war Streetfotografie vor der Streetfotografie, es war Farbfotografie vor der Farbfotografie, es war detaillierte Fotografie vor der Makrofotografie, es war seine Fotografie und keine Auftragsfotografie.

Still erzählen uns seine Fotos aus seinem Leben mit der Kamera und es ist sehr schön, daß wir seinen Blicken folgen können und so eine Welt sehen, die schon lange vorbei ist und doch ein wenig an heute erinnert.

Ein schönes Buch, in das man gerne seine Lebenszeit investiert.

Es ist im HatjeCantz-Verlag erschienen.

Fred Herzog

Texts by David Campany, Hans-Michael Koetzle, Jeff Wall

German, English

2016. ca. 320 pp., ca. 230 ills.

27.00 x 27.30 cm
hardcover

ISBN 978-3-7757-4181-1

 

Berlin.Backstage von Markus C. Hurek

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„Sowie man Berlin betritt, ist es mit Schick und Eleganz vorbei“, schrieb einst Theodor Fontane. Dass das heute, je nach Wahrnehmung und Fokussierung nicht anders ist, beweisen die Fotografien von Markus C. Hurek. Ausgestattet mit der Kamera und dem Blick für das Schräge, hat er das grandiose Elend dieser Stadt eingefangen. Eine wahre Orgie des (liebenswert) Hässlichen statt glamouröser Stadtansichten – Berlin Backstage, Bilder einer (ganz normalen) Großstadt.“

So beschreiben Autor und Verlag das Buch. Es ist ein kleines und feines Buch, das Blicke auf die Wirklichkeit und soziale Realität jenseits der schönen Straßen zeigt. Dort leben die Menschen und dort finden sich die Situationen, die alltäglich sind und doch nicht wahrgenommen werden.

Markus C. Hurek schafft es, jede Seite interessant zu gestalten. So ist das Berlin, wo man lebt, wenn man nicht woanders lebt.

Weil das Sein auch das Bewußtsein bestimmt, deshalb bestimmt das architektonische Dasein auch unser soziales Handeln und unsere Architektur wird Ausdruck unseres sozialen Daseins.

Dies alles kommt in diesem kleinen Buch sehr gut zum Vorschein.

Es erinnert mich sehr an meine Stadtansichten.

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Wie man sieht ist das Buch von Herrn Hurek noch kleiner, aber ebenso fein.

Ohne Glanz und Gloria aufgenommen handelt es sich eher um Bücher, die das konzentrierte Dasein zeigen und das geschieht eben klein, weil es keine Gönner gibt, die es groß produzieren lassen und/oder keine Käufer, die ihren eigenen Alltag nun auch in Buchform haben wollen. Sie entfliehen ja auch meistens in die digitale Welt, um ihrem Bewußtsein genau das zu zeigen, was sie draussen nicht sehen.

So ist die Welt und deshalb sind solche Bücher Dokumentationen und auch Antworten auf die Veränderungen in der sozialen Landschaft als Gegenstück zur architektonischen Welt um uns herum.

Warum gibt es in Elendsvierteln so viele Fernseher?

Markus C. Hurek zeigt uns diese Elendsviertel in Berlin, die dort Betonwüsten heißen.

„Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so töten wie mit einer Axt.“

Dieser Satz stammt von Heinrich Zille, der in Berlin lebte und damals schon wußte, was bis heute dort und woanders geschieht.

Aber sein Buch hat auch versucht, die untergehenden kleinen sozialen Treffpunkte einzufangen. Es sind fast liebevolle Fotos, die diese Reaität so einfach zeigen wie sie ist.

Mir gefällt sein Büchlein sehr und das fiel mir gar nicht schwer.

Es ist in der Edition Braus erschienen.

ISBN 9783862281480

Burtynsky Essenz

Edward Burtynsky Essenz von William A Ewing

Edward Burtynsky Essenz von William A Ewing

Wie sieht die Welt aus, wenn die Menschen unserer Zeit die Erde so ausbeuten wie ihre Mitmenschen?

Edward Burtynsky ist einer der weniger Fotografen, die dies über viele Jahre und mit dem Einverständnis der Gestaltenden und Betroffen fotografiert hat.

Es ist der große Blick bis ins kleinste Detail und er hat bis zum Ende geblickt. Hinter dem Horizont geht es weiter und er war dort.

Neue Heimat Leipzig von Mahmoud Dabdoub

Dabdoub Leipzig

Dabdoub Leipzig

„Das Buch vom Heimischwerden eines Palästinensers in Leipzig beginnt mit einem Selbstporträt… Ich hatte den deutlichen Eindruck, daß Mahmoud sein Bildermachen als eine Art Lebenshilfe betrieb.“

Diese Worte aus der Einführung von Helfried Strauss geben sehr schön wieder welch ein Juwel der Lehmstedt-Verlag hier aufgelegt hat.

Mahmoud Dabdoub fotografierte in Leipzig auf der Straße Menschen und Situationen in den letzten Jahren der DDR. Mit dem Blick von heute dokumentiert er damit nicht nur den Zeitgeist vor Ort sondern auch den Wandel und seine Grenzen. Als Ausländer hatte er dabei den neugierigen und noch ungefilterten Blick auf die Sitten und Gebräuche der deutschen Lebensweise.

Das kommt sehr gut rüber. Gerade die klassische Strassenfotografie ist ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft.

Verena Hein hat das einmal so beschrieben: „„Die Straße als öffentlicher Raum zeigt damit weit mehr als intime Porträts, sie steht als Chiffre für die Möglichkeiten individueller Entfaltung und Lebensgestaltung.“

Insofern sind die Fotografien und sein damaliger Blick ein Glücksfall der visuellen Dokumentation des Zeitgeistes einer untergegangenen Epoche, die aber bis heute noch sozial und strukturell sichtbar ist. Denn er dokumentierte deutsch sein und deutsch leben im Alltag des öffentlichen Raums der DDR.

Mit scharfer Beobachtungsgabe blickte er auf den Alltag.

Wo fotografiert man eigentlich den Zeitgeist in einer Stadt?

Eigentlich doch im öffentlichen Raum, also dort, wo man sich zeigt und gesehen wird und zwar unabhängig von sozialen Barrieren.

Das ist völlig anders als z.B. eine Clubszene oder Veranstaltungen zu fotografieren. Denn der öffentliche Raum ist der Teil der Gesellschaft, den jeder fast so betreten und sich zeigen kann, wie er/sie will. Daraus resultiert dann auch die sich ständig verändernde soziale Landschaft, die sich durch räumliche und zeitliche Abgrenzungen und Wiederholungen manifestiert.

Deshalb fotografiert man den Zeitgeist eben auch dort, wo die Menschen sich treffen, im Zentrum, in Parkanlagen, auf Bahnhöfen etc.

Umgekehrt haben wir kaum Fotos von Jobcentern oder Sportstadien, weil dort Fotoverbote und Privaträume vorherrschen mit anderen Regeln obwohl dort oft sozial wesentliche Entwicklungen ablaufen mit weitreichenden Auswirkungen.

Und so bietet das Buch im Wortsinn Straßenfotografie mit unglaublich vielen Momenten und Personen. Heute wäre dies ohne Model release in fast jedem Fall gar nicht mehr möglich, weil oft Einzelpersonen gezeigt werden, allerdings nie diskriminierend. So ändern sich die Zeiten auch für das Fotografieren.

Das Buch des Fotografen Mahmoud Dabdoub zeigt somit viel mehr als nur Momente. Es zeigt Menschen in der Stadt Leipzig an öffentlichen und öffentlich zugänglichen Orten bis zur Wende, gut sieben Jahre lang.

Wer heute nach Leipzig reist, findet in diesem Buch einen wunderbaren Reiseführer zur damaligen sozialen Landschaft in der Innenstadt. So ist dem Lehmstedt-Verlag und Herrn Dabdoub gelungen Geschichte mit Fotos zu schreiben über das Alltagsleben und die vorhandenen Freiheiten.

Großartig!

Es ist im Lehmstedt-Verlag erschienen – gut gebunden und gut gemacht.

Mahmoud Dabdoub

Neue Heimat Leipzig

Fotografien 1982–1989

Mit einem Vorwort von Helfried Strauß
Herausgegeben von Mathias Bertram und Mark Lehmstedt

144 Seiten mit 120 Duotone-Abbildungen

24x 27 cm, Festeinband, Schutzumschlag, Fadenheftung

ISBN 978-3-95797-028-2

 

 

Imperium Romanum Opus Extractum II von Alfred Seiland

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So groß wie das Römische Reich so groß wirken auch die Fotos von Alfred Seiland. Das Buch Imperium Romanum Opus Extractum II bietet Begegnungen von Menschen mit Überresten aus der Geschichte. Primär visuell mit sehr informativen Texten gekoppelt gelingt es dem Fotografen, Geschichte und Gegenwart fotografisch zu verschmelzen.

Erich Grisar – Ruhrgebietsfotografien 1928-1933

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Es ist vielleicht eines der gehaltvollsten Fotobücher zur Dokumentarfotografie in Deutschland überhaupt. Der Dortmunder Schriftsteller und Fotograf Erich Grisar war fast vergessen und nun sieht man im Rückblick, daß es ohne ihn keine Blicke auf die soziale Vergangenheit des Ruhrgebietes in dieser Form geben würde. Was für ein Lob für einen leider Toten, der seine Lebenszeit bewußt und klar aufgezeichnet hat mit Kamera und Schreibmaschine! Und wie gut, daß seine Fotos aufbewahrt wurden!